Dem ersten Zwecke dienen nun vor allem die drei üblichen Zeichen:

Punkt, Semikolon (;) und Komma. Über die Bedeutung von Punkt und

Komma besteht kein Zweifel; sie werden im allgemeinen auch richtig

angewandt. Der Punkt schließt ab, das Komma gliedert; der Punkt

trennt größere oder kleinere selbständige Gedankengruppen, das Komma

scheidet die einzelnen Bestandteile dieser Gruppen, es tritt vor jeden

Nebensatz, auch vor Partizipial- und Infinitivsätze. Jeder Satz hat

nur einen Punkt; die Zahl der Kommata im Satze ist unbeschränkt. Das

Semikolon endlich ist stärker als das Komma, aber schwächer als der

Punkt. Es ist überall da am Platze, wo zwei Hauptsätze -- mögen sie

nun allein stehen oder jeder wieder von einem Nebensatze begleitet

sein -- einander gegenübergestellt werden, wo also der eine der beiden

Hauptsätze nur die Hälfte des Gedankens enthält und den andern zu

seiner Ergänzung verlangt, z. B.: hättest du dich an den Buchstaben

des Gesetzes gehalten, so träfe dich kein Vorwurf; da du aber

eigenmächtig vorgegangen bist, so hast du nun auch die Verantwortung

zu tragen. Das Semikolon trennt also und vereinigt zugleich, es

scheidet und verbindet. Sehr fein hat es daher David Strauß die Taille

des Satzes genannt[150] und auf Lessing hingewiesen als den, der den

richtigen Gebrauch davon gemacht habe. In der Tat ist das Semikolon

für den, der damit umzugehen weiß, eins der ausdrucksfähigsten

Interpunktionszeichen, es wird nur noch vom Kolon übertroffen. Aber wie

ungeschickt wird es oft behandelt! Besonders beliebt ist es jetzt, wenn

vor einen Hauptsatz eine größere Anzahl gleichartiger Nebensätze tritt,

z. B. drei, vier, fünf Bedingungssätze, diese alle durch Semikolon

voneinander zu trennen -- eine sehr geschmacklose Anwendung. Zwischen

Haupt- und Nebensatz ist einzig und allein das Komma am Platze; folgen

mehrere gleichartige Nebensätze aufeinander, so kann hinter jedem

immer wieder nur ein Komma stehen. Wie der Punkt, so kann auch das

Semikolon in einem gut gegliederten Satze nur +einmal+ vorkommen; ein

Satz, der mehr als +ein+ Semikolon enthält, ist immer entweder schlecht

interpungiert oder schlecht gegliedert.

Aber auch in dem Gebrauche des Kommas werden mancherlei Fehler gemacht.

Wenn vor ein Hauptwort mehrere Eigenschaftswörter treten, so gilt

im allgemeinen die Regel, diese Eigenschaftswörter durch Kommata

voneinander zu trennen. Manche wollen zwar neuerdings davon nichts

wissen, sie schreiben: ein +guter treuer anhänglicher zuverlässiger

Mensch+; aber das verstößt gegen die Betonung der lebendigen Sprache,

die bei solchen längern Attributreihen hinter jedem Attribut eine

fühlbare kleine Pause macht, und vor allem: man beraubt sich damit

sehr notwendiger Unterscheidungen. Es ist ein großer Unterschied, ob

ich schreibe: er hatte eine +tiefe, staatsmännische Einsicht+ oder:

eine +tiefe staatsmännische Einsicht+ -- hier schließt der +erste,

historische Abschnitt+ oder: der +erste historische Abschnitt+

des Buches. Im ersten Falle stehen die beiden Attribute parallel

zueinander, das zweite erläutert das erste: er hatte eine tiefe,

(wahrhaft oder echt) staatsmännische Einsicht -- hier schließt

der erste, (nämlich) historische Abschnitt des Buches. Im zweiten

Falle bildet das zweite Attribut mit dem Hauptwort einen einzigen

Begriff, sodaß tatsächlich nur +ein+ Attribut übrig bleibt: er

hatte staatsmännische Einsicht, und diese war tief -- das Buch hat

mehrere historische Abschnitte, und hier schließt der erste davon

(vgl. S. 301). Auf solche Weise kann sogar ein drittes Attribut

wieder dem zweiten übergeordnet werden. Es darf also kein Komma

stehen in folgenden Verbindungen: ein +starker demokratischer Zug+,

eine +liebenswürdige alte Jungfer+, die +nackteste persönliche

Herrschsucht+, das +jahrelange geistliche Eifern+, der +unvermeidliche

tragische Ausgang+, nach +überstandnem sturmvollem Leben+, von

+gewissen hohen österreichischen Offizieren+, die +ganze vielgepriesene

englische Kirchlichkeit+. Ebenso muß ohne Komma geschrieben werden:

das +andre der klassischen Richtung angehörige Drama+ -- wenn der

betreffende Dichter mehrere der klassischen Richtung angehörige Dramen

geschrieben hat, wogegen das Komma nicht fehlen dürfte, wenn er nur

zwei Dramen geschrieben hätte, eins, das der modernen, und eins, das

der klassischen Richtung angehört.

Wenn zwei Hauptsätze oder auch zwei Nebensätze durch +und+ verbunden

werden, so gilt im allgemeinen die verständige Regel, daß vor +und+ ein

Komma stehen müsse, wenn hinter +und+ ein neues Subjekt folgt, dagegen

das Komma wegbleiben müsse, wenn das Subjekt dasselbe bleibt. Natürlich

ist dabei unter Subjekt das grammatische Subjekt zu verstehen, nicht

das logische. Seinem Begriffe nach mag das zweite Subjekt dasselbe sein

wie das erste: sowie es grammatisch durch ein Fürwort (+er+, +dieser+)

erneuert wird, darf auch das Komma nicht fehlen. Dagegen wird niemand

vor +und+ ein Komma setzen, wo +und+ nur zwei Wörter verbindet. Doch

sind Ausnahmefälle denkbar, z. B.: er welkt, +und+ blüht nicht mehr

-- in Leipzig, wo man so viel, +und+ so viel gute Musik hören kann --

er war unfähig als Heerführer, +und+ als Mensch unbedeutend und wenig

sympathisch. Er blüht +und+ duftet nicht mehr -- da wäre das Komma

überflüssig. In solchen Fällen tritt der zweite Zweck der Interpunktion

in seine Rechte: die Pausen und die Betonung der lebendigen Sprache

auszudrücken, selbst abweichend von dem ersten, die Gliederung des

Satzbaus zu unterstützen.

Auch vor einem Infinitiv mit +zu+ ist es wohl allgemein üblich, ein

Komma zu setzen. Manche lassen es zwar hier jetzt weg, namentlich wenn

der Infinitiv ganz unbekleidet ist; sie halten es für überflüssig, ein

so kurzes, nur aus zwei Wörtern bestehendes Glied durch ein besondres

Zeichen abzutrennen. Es empfiehlt sich aber doch, es zu setzen, da

sonst leicht Zweifel oder Mißverständnisse entstehen können. Wenn

jemand schreibt: es ist +schwer zu verstehen+ -- so kann der Sinn nur

sein: es ist zu verstehen, aber schwer. Wenn man aber ausdrücken will:

es bereitet Schwierigkeiten, es zu verstehen? Das kann nur durch ein

Komma deutlich gemacht werden. Man muß also unterscheiden zwischen: +es

ist nicht gut, zu verlangen+ und: +es ist nicht gut zu verlangen+ --

es war +ein Fest, zu sehen+ und: es war +ein Fest zu sehen+. Aber auch

in Sätzen wie: er befahl +ihm Gläser zu bringen+ -- die ultramontane

Presse +verstand es bald+ allerlei Mißverständnisse +aufzufinden+

-- entsteht der Zweifel: wozu gehört +ihm+? wozu gehört +bald+? zu

+verstehen+ oder zu +auffinden+? Ein Komma hebt sofort den Zweifel.

Nur in einem Falle ist es nicht nur überflüssig, sondern geradezu

störend, vor den Infinitiv mit +zu+ ein Komma zu setzen, nämlich dann,

wenn der Infinitiv ein Objekt oder ein Adverb bei sich hat, und dieses

vor dem regierenden Verbum steht, von dem der Infinitiv abhängt, z. B.:

+diesen Gedanken+ könnte man +versucht sein+, mit Wallenstein herzlich

dumm +zu nennen+. Diesen Gedanken könnte man versucht sein -- das ist

nur ein Satzbruchstück ohne allen Sinn, was soll da das Komma? Es

ist aber auch durch die lebendige Sprache hier nicht gerechtfertigt,

denn niemand wird hinter +versucht sein+ im Sprechen anhalten, alles

drängt zu dem Infinitiv, der erst das Objekt verständlich macht,

das vorläufig noch in der Luft schwebt. Es ist also richtiger, ohne

Komma zu schreiben: bares Geld gelang es ihm nicht sich anzueignen

-- tatsächliche Irrtümer dürfte es schwer sein in dem bändereichen

Werke aufzustöbern -- was bemüht man sich mit dem Worte Sozialismus

zu benennen? -- alle Abfälle hatte sie sich ausgebeten ihm bringen

zu dürfen -- auf die Erhaltung des Waldes war die Behörde geneigt das

entscheidende Gewicht zu legen -- gegen diese Szene liegt es uns fern

uns hier zu ereifern -- ich gebe dir keinen Rat, den ich nicht bereit

wäre selber zu befolgen -- die Anforderungen, die wir uns gewöhnt haben

an eine solche Ausgabe zu stellen -- der Wust von Aberglauben, den der

Vorgänger sich rühmte ausgefegt zu haben -- der Unterschied, den der

Offizier gewohnt ist zwischen seiner Stellung als solcher und der als

Gentleman zu machen -- die Oberamtsrichter, denen manche geneigt sind

die Rektoren gleichzustellen -- seine Verwandten, für die es vor allem

seine Pflicht wäre zu sorgen.

Unbegreiflich ist es, daß man die beiden verschiednen +ja+, die es

gibt, das beteuernde und das steigernde, nie richtig unterschieden

findet, und doch sind sie durch die Interpunktion so leicht zu

unterscheiden. Ein Komma gehört nur hinter das beteuernde +ja+, denn

nur hinter diesem wird beim Sprechen eine Pause gemacht: +ja+, es waren

herrliche Tage! Das steigernde +ja+ dagegen wird mit dem folgenden

Worte fast in eins verschmolzen: sie duldete diese Mißhandlungen, +ja

sie+ schien sie zu verlangen -- es ist wünschenswert, +ja+ geradezu

unerläßlich -- hinter Frankreich liegt der Atlantische Ozean, +ja

man+ kann sagen die ganze andre Welt. Was soll da ein Komma? Ebenso

töricht ist es, ein doppeltes +ja+ (+ja ja+), ein doppeltes +nein+

(+nein nein+), +ei ei!+ +na na+ oder gar das +ha ha!+, das das Lachen

ausdrücken soll, durch Kommata zu trennen, wie man es in Erzählungen

und Schauspielen überall gedruckt lesen muß. Man spricht doch nicht

+ja+ (Pause), +ja+, sondern +jajjah+, +neinnein+, als ob es nur +ein+

Wort wäre. Und vollends +ha+ (Komma) +ha+! Wer lacht so?

Ganz verkehrt wird von vielen das Kolon (:) angewandt: sie setzen

es statt des Semikolons (;) und stören damit den, der die Bedeutung

der Satzzeichen kennt, auf ärgerliche Weise. Das Semikolon schließt

ab wie der Punkt; das Kolon schließt -- auf, es hat vorbereitenden,

spannungerweckenden, aussichteröffnenden Sinn, ein gut gesetztes Kolon

wirkt, wie wenn eine Tür geöffnet, ein Vorhang weggezogen wird. Daher

steht es vor allem vor jeder direkten Rede (vor die indirekte gehört

das Komma!); es ist aber auch überall da am Platze, wo es so viel

bedeutet wie +nämlich+, z. B.: der Verfasser hat mehr getan als diesen

Wunsch erfüllt: er hat die Aufsätze vielfach erweitert und ergänzt --

oder wo es dazu dient, die Folgen, das Ergebnis, das erwartete oder

unerwartete Ergebnis des vorhergeschilderten einzuleiten, z. B.: wir

baten, flehten, schmollten: er blieb ungerührt und sprach von etwas

anderm.

Geschmacklos ist es, die der Betonung dienenden Zeichen, das

Fragezeichen und das Ausrufezeichen, zu verdoppeln, zu verdreifachen

oder miteinander zu verbinden: ??, !!!, ?! Dergleichen schreit

den Leser förmlich an, und das darf man sich doch verbitten. Eine

Abgeschmacktheit ohnegleichen aber ist es, halbe oder ganze Zeilen mit

Punkten oder Gedankenstrichen zu füllen, wie es unsre Romanschreiber

und Feuilletonisten jetzt lieben. Das soll geistreich aussehen, den

Schein erwecken, als ob der Verfasser vor Gedanken und Bildern beinahe

platzte, sie gar nicht alle aussprechen oder ausführen könnte, sondern

dem Leser sich auszumalen überlassen müßte. Es ist aber meistens

nur Wind; wer etwas zu sagen hat, der sagt es schon. Nur +eine+

Abgeschmacktheit kommt dieser noch gleich, die neueste Zierde des

Feuilletonstils: eine Menge kleiner Nebensätze jeden mit einem Punkt

abzuschließen, sodaß die aus Hauptsatz und Nebensätzen bestehende

Periode dem Leser in lauter Brocken vorgesetzt wird. Auch das soll

geistreich aussehen, den Schein höchster dramatischer Lebendigkeit der

Gedankenerzeugung und -einkleidung erregen. In Wahrheit ist es eine

krasse Stillosigkeit, eine abgeschmackte Manier.

Fließender Stil

Man spricht so viel von fließendem Stil, beneidet wohl auch den und

jenen um seinen fließenden Stil. Ist das Sache der Begabung, oder ist

es etwas erlernbares?

Zum Teil beruht das, was man fließenden Stil nennt, unzweifelhaft

auf der Klarheit des Denkens und der Folgerichtigkeit der

Gedankenentwicklung -- nur wer sich selbst über eine Sache völlig

klar geworden ist, kann sie auch andern klarmachen --, zum Teil

auch auf Rhythmus und Wohllaut -- es wird viel zu viel stumm

geschrieben, während man doch nichts drucken lassen sollte, was man

sich nicht selber laut vorgelesen hat![151] --, zum größten Teil

aber beruht es auf gewissen technischen Handgriffen beim Satzbau --

Handwerksvorteilchen möchte ich sagen --, die man eben kennen muß, um

sie anwenden zu können. Unbewußt und unwillkürlich wendet sie niemand

an. Es gibt zwar auch einen Naturburschenstil, der den Leser durch eine

gewisse Gewandtheit ein paar Seiten lang täuschen kann; dann kommt

aber plötzlich ein Satz, der deutlich verrät, daß der Verfasser nur

zufällig, nicht mit Bewußtsein fließend geschrieben hat.

Den angenehmen Eindruck, daß jemand fließend schreibe, hat man

dann, wenn beim Lesen das Verständnis, die geistige Auffassung des

Geschriebnen immer gleichen Schritt hält mit der sinnlichen Auffassung,

die durch das Auge vor sich geht. Ist das nicht der Fall, ist man öfter

genötigt, stehen zu bleiben, mit den Augen wieder zurückzukehren, einen

ganzen Satz, einen halben Satz oder auch nur ein paar Worte noch einmal

zu lesen, weil man sieht, daß man das Gelesene falsch verstanden hat,

so spricht man von holprigem oder höckrigem Stil. Solch ärgerliches

Mißverständnis kann aber die verschiedensten Ursachen haben. Wer diese

Ursachen zu vermeiden weiß, wer den Leser jederzeit +zwingt+, gleich

beim ersten Lesen richtig zu verstehen, der schreibt einen fließenden

Stil. Das ist das ganze Geheimnis. Im folgenden sollen einige

Haupthindernisse eines fließenden Stils zusammengestellt werden.

Vor allem gehört zu ihnen die leider in unsrer Sprache weitverbreitete,

ungemein beliebte und doch das Verständnis, namentlich dem Ausländer,

aber auch dem Deutschen selbst überaus erschwerende Unsitte (so, wie es

hier soeben geschehen ist!), zwischen den Artikel und das zugehörige

Hauptwort langatmige Attribute einzuschieben, statt diese Attribute

in Nebensätzen nachzubringen. Dergleichen Verbindungen sind eine Qual

für den Leser. Man sieht einen Artikel: +die+. Dann folgt eine ganze

Reihe von Bestimmungen, von denen man zunächst gar nicht weiß, worauf

sie sich beziehen: +verbreitete+, +beliebte+, +erschwerende+. Endlich

kommt das erlösende Hauptwort: +Unsitte+! Während also das Auge weiter

gleitet, weiter irrt, wird unmittelbar hinter dem Artikel der Strom

der geistigen Auffassung unterbrochen, es entsteht eine Lücke, und der

Strom schließt sich erst wieder, wenn endlich das Hauptwort kommt.

Dann ist es aber zu spät, man hat die Übersicht über das Eingeschobne

längst verloren, muß wieder umkehren und das Ganze noch einmal lesen.

Eine solche Unterbrechung tritt zwar bei jedem eingeschobnen Attribut

ein, aber bei kurzen Attributen doch in so geringem Maße, daß man

sie gar nicht fühlt. Je länger das Attribut ist, desto empfindlicher

und störender wirkt die Lücke. Nur ein guter Schriftsteller hat ein

richtiges und feines Gefühl dafür, was er dem Leser in dieser Beziehung

zumuten darf. Unsre Kanzlisten und Zeitungschreiber haben meist keine

Ahnung davon; sie schreiben seelenvergnügt, indem sie immer ein

Attribut ins andre schachteln: das Gericht wolle erkennen, der Geklagte

(!) sei schuldig, mir für +die+ von mir an +die+ in +dem+ von ihm

zur Bearbeitung übernommenen +Steinbruch+ beschäftigten +Arbeiter+

vorgeschossenen +Arbeitslöhne+ Ersatz zu leisten -- oder: von +einer+

durch +einen+ in +einer Umwälzung+ in den wichtigsten Einrichtungen

aller Kulturstaaten bestehenden +Vorteil+ ausgezeichneten +Erfindung+

sind einige Gewinnanteile zu verkaufen -- oder: mit +einem+ von +dem+

auf +der+ nach +dem Wasser+ zu gelegnen +Veranda+ aufgestellten

+Musikkorps+ des ersten Gardedragonerregiments geblasenen +Choral+

wurde die Feierlichkeit eröffnet.

Ein zweites Haupthindernis eines fließenden Stils ist schon früher

besprochen worden und soll hier nur noch einmal kurz erwähnt werden:

es ist der unvorsichtige Gebrauch der Fürwörter (vgl. S. 224). Wie

ärgerlich wird man beim Lesen aufgehalten durch ein +er+, +sie+, +ihm+,

+ihn+, +sein+, +ihr+, +diesem+, wenn man nicht sofort sieht, auf wen

oder was es sich bezieht! Wo irgendein Mißverständnis möglich ist,

sollte immer statt des Fürworts wieder das Hauptwort gesetzt werden.

Eine dritte Unsitte, die das Verständnis alles Deutschgeschriebnen

in neuerer Zeit in der peinlichsten Weise erschwert, besteht darin,

daß man das eigentliche und wirkliche Hauptwort des Satzes, nämlich

das Verbum, immer in ein Substantiv verwandelt, entweder in ein

wirkliches Substantiv oder in einen substantivierten Infinitiv. Da

wird z. B. geschrieben: der +Zuhilfenahme+ eines besondern Rechts der

Persönlichkeit bedarf es nicht (statt: ein besondres Recht zu Hilfe

zu nehmen ist nicht nötig) -- beim +Unterbleiben+ einer baldigen

+Inangriffnahme+ des Projekts (statt: wenn das Projekt nicht bald in

Angriff genommen wird) -- nach +Umarbeitung+ eines Teils der Lieder zum

Zwecke der +Herstellung+ ihrer +Sangbarkeit+ für Männerchöre an höhern

Schulen (statt: nachdem ein Teil der Lieder umgearbeitet worden ist, um

sie sangbar zu machen) -- aus Gründen der +Zugänglichmachung+ dieses

Vorteils für das große Publikum -- (statt: um diesen Vorteil zugänglich

zu machen) -- im Interesse der +Vermeidung+ von Wiederholungen (statt:

um Wiederholungen zu vermeiden) -- trotz der seitens des Vorsitzenden

erfolgten +Ablehnung+ des Antrags des Angeklagten auf +Vorladung+ des

Kellners (statt: obgleich der Vorsitzende den Antrag des Angeklagten

ablehnte, den Kellner vorzuladen) -- das +Mißlingen+ des Versuchs

muß natürlich sein +Aufgeben+ zur +Folge+ haben (statt: wenn der

Versuch mißlingt, muß er natürlich aufgegeben werden) -- für die

+Mehrzahl+ der Reisenden hat die +Erweiterung+ des Gesichtskreises

aufgehört der +Reisezweck+ zu sein (statt: die meisten reisen nicht

mehr, um ihren Gesichtskreis zu erweitern) -- die +Voraussetzung+

für die +Patentierung+ eines Advokaten bildet eine mehrjährige

+Hilfsarbeiterschaft+ in einem Bureau (statt: wer als Advokat

patentiert sein will, muß mehrere Jahre Hilfsarbeiter gewesen sein)

-- es gibt eine Grenze, bei deren +Überschreitung+ die +Vermehrung+

der +Bevölkerung+ nicht zur +Erhöhung+, sondern zur +Verminderung+

des Wohlstandes führt (statt: das Wachstum der Bevölkerung hat eine

Grenze; wird diese überschritten, so wird der Volkswohlstand nicht

vermehrt, sondern vermindert). Es gibt Schriftsteller, bei denen diese

Art, sich auszudrücken, vollständig zur Manier geworden ist; sie haben

sich so hinein verrannt, daß sie nicht wieder davon loskommen. Jeder

Gedanke, der vor ihrer Seele auftaucht, nimmt sofort die Gestalt eines

Substantivs an, jeder Hauptsatz, jeder Nebensatz gerinnt ihnen zu einem

Substantiv. +Erweitern+ -- das können sie gar nicht mehr denken, sie

denken nur noch +Erweiterung+.[152] Statt +um zu+, +weil+, +so daß+,

+wenn+ schwebt ihnen sofort +Zweck+, +Grund+, +Interesse+, +Folge+,

+Voraussetzung+ vor. Wenn ein gewissenhafter Redakteur mit solchen

Mitarbeitern zu tun hat, so bleibt ihm gar nichts weiter übrig, als

Satz für Satz die harten Substantivschalen entzweizuschlagen und

überall den weichen Verbalkern herauszuholen, mit andern Worten: Satz

für Satz umzuschreiben, aus der Substantivsprache in die Verbalsprache

zu übersetzen. Verba erhalten den Satzbau geschmeidig und flüssig,

sie lassen sich in der mannigfaltigsten Weise bekleiden, ohne daß die

Sätze beschwert werden und dadurch schleppend werden. Sowie man aber

den Verbalbegriff substantiviert, entstehen nicht nur so häßliche

Bildungen wie: +Zuhilfenahme+, +Inangriffnahme+, +Inanspruchnahme+,

+Beiseiteschiebung+, +Zugänglichmachung+, +Zurannahmebringung+,

+Inanklagestandversetzung+, sondern diese zähen Verbalextrakte müssen

nun auch erst wieder durch irgendeinen wässerigen, gehaltlosen Zusatz

wie +stattfinden+, +erfolgen+, +bewirken+ in den flüssigen Zustand

zurückversetzt werden, der für den Satzbau notwendig ist. Außerdem

verbaut man sich durch solche Substantivierung selbst den Weg, verfitzt

sich den Satz, und adverbielle Bestimmungen geraten in die Gefahr,

falsch bezogen zu werden, wie in folgenden Sätzen: Seine Majestät

+gab das Zeichen+ zum Beginn der Feier +durch Absingung+ eines

Chorals (statt: durch Absingung +zu beginnen+) -- man +verzichtete+

auf die Beantwortung einer Thronrede +durch eine Adresse+ (statt:

durch eine Adresse +zu beantworten+) -- K. wurde der Körperverletzung

+mittels eines schweren Werkzeuges angeklagt+ (statt: mittels eines

schweren Werkzeuges +verletzt zu haben+) -- ein Expedient wurde wegen

Unterschlagung von 750 Mark +zum Nachteil seines Prinzipals verhaftet+

(statt: weil er zum Nachteil seines Prinzipals oder einfach: seinem

Prinzipal +unterschlagen hatte+) -- die Fischerinnung hat das Befahren

der Flüsse innerhalb der Stadtflur +mit Booten und Kähnen verboten+

(statt: mit Booten und Kähnen +zu befahren+). Eine adverbielle

Bestimmung gehört, wie ihr Name sagt, zunächst zum Verbum; wird

dieses Verbum substantiviert, so flüchtet sie eben zu einem andern

Verbum, und der Unsinn ist fertig. Namentlich in unsrer Gesetz- und

Verordnungssprache spielt dieser Fehler eine große Rolle; Tausende von

Bekanntmachungen, Verordnungen, Warnungen und Verboten, aber auch die

einzelnen Punkte von Tagesordnungen und Protokollen fangen gewöhnlich

gleich mit einem Verbalsubstantiv oder einem substantivierten Infinitiv

an und quälen dann sich und die Leser mit allem, was darauf folgt.

Allerhand Sprachdummheiten Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen · 第 26 / 41 段