die Verschiedenheit des Geschmacks geben wie auf dem Gebiete der
Sprache die Inversion nach +und+. Der Beamte, der Zeitungschreiber,
der Kaufmann hält sie für die größte Zierde der Rede; für den
sprachfühlenden Menschen ist sie der größte Greuel, der unsre
Sprache verunstaltet, sie geht ihm noch über +seitens+, über bzw.,
über +selbstredend+, über +diesbezüglich+, sie erregt ihm geradezu
Brechreiz. Sie ist ihm so zuwider, daß er sie auch nach der
„Spitzenbestimmung“ nicht schreibt; selbst da gibt er lieber, um jeden
Anklang an die widerwärtige Verbindung zu vermeiden, die Inversion, die
der erste Satz mit Recht hat, im zweiten auf und schreibt: +übrigens+
hatte diese Ordnung nichts puritanisches an sich, +und das Joch+ der
Sittenzucht +war+ nicht übermäßig schwer (statt: +und war das Joch+).
Das Widerwärtige der Inversion liegt nicht nur in dem grammatischen
Verstoß, sondern vor allem in der logischen Lüge: die Inversion sucht
den Schein engerer, ja engster Gedankenverbindung zu erwecken, und
doch haben die beiden Sätze, die so verbunden werden, inhaltlich
gewöhnlich gar nichts miteinander zu tun. Darum ist auch die Inversion
nur selten dadurch zu verbessern, daß man die beiden Hauptsätze in
Haupt- und Nebensatz verwandelt, noch seltner dadurch, daß man Subjekt
und Prädikat hinter +und+ in die richtige Stellung bringt, sondern
meist dadurch, daß man den Rat befolgt, den schon der junge Leipziger
Student Goethe (offenbar nach einer Vorschrift aus Gellerts Kolleg
über deutschen Stil) seiner Schwester Cornelia gab, wenn sie in ihren
Briefen Inversionen geschrieben hatte: einen Punkt zu setzen, das +und+
zu streichen und mit einem großen Anfangsbuchstaben fortzufahren.
Die Inversion ist aber auch eins der merkwürdigsten Beispiele des
wunderlichen Standpunkts, den manche Sprachgelehrten zu der Frage über
Richtigkeit und Schönheit der Sprache einnehmen. Es gibt Germanisten,
die sagen: mir persönlich (!) ist die Inversion auch unsympathisch
(!), aber „eigentlich falsch“ kann man sie nicht nennen, denn sie
ist doch sehr alt, sie findet sich schon im Althochdeutschen,
im Mittelhochdeutschen, bei Luther, sehr oft im siebzehnten und
achtzehnten Jahrhundert, und ihre große Beliebtheit gibt ihr doch ein
gewisses Recht. Als ob eine häßliche Spracherscheinung dadurch schöner
würde, daß sie jahrhundertealt ist![141] Wer hat denn zu entscheiden,
was richtig und schön sei in der Sprache: der sprachkundige,
sprachgebildete, mit feinem und lebendigem Sprachgefühl begabte
Schriftsteller, oder der Kanzlist, der Reporter und der „Konfektionär“?
Ein Schriftsteller, der die Inversion nach +und+ aufs strengste
vermieden hat, ist Lessing. Ich denke, der wird genügen.[142]
Die Stellung der persönlichen Fürwörter
Der zweite Verstoß betrifft die Stellung der persönlichen Fürwörter. Es
handelt sich da wieder um eine Spracherscheinung, die äußerst häßlich
ist und doch allgemein für eine Schönheit gehalten wird (vgl. S. 116
Anm.). Um die Sache deutlich zu machen, soll zunächst der häufigste und
auffälligste Fall besprochen werden.
Wenn das Zeitwort eines Satzes ein Reflexivum ist, gleichviel ob
das reflexive Verhältnis den Dativ oder den Akkusativ hat (+sich+
entschließen, +sich+ einbilden), so erscheint in der lebendigen
Sprache das reflexive Fürwort +sich+ stets so zeitig wie möglich im
Satze. In Nebensätzen wird es stets unmittelbar hinter das erste Wort
gestellt, hinter das Relativ, hinter das Fügewort usw. (+der sich+,
+wo sich+, +wobei sich+, +da sich+, +obgleich sich+, +als sich+,
+daß sich+, +wenn sich+, +als ob sich+, +je mehr sich+ usw.); erst
dann folgt das Subjekt des Satzes. Nur wenn das Subjekt selbst ein
persönliches Fürwort ist, geht dieses dem +sich+ voran (+da es sich+,
+wenn sie sich+, +die er sich+). In Hauptsätzen steht das +sich+ stets
unmittelbar hinter dem Verbum (+hat sich+, +zeigt sich+, +wird sich
finden+); in Infinitivsätzen steht es ganz an der Spitze, mag das
Verbum noch so reich mit Objekten, adverbiellen Bestimmungen u. dgl.
bekleidet sein. Man beobachte sich selbst, man beobachte andre, wie
sie reden, man wird höchst selten einer Abweichung von diesem Gesetze
begegnen.
Nun vergleiche man damit, wie geschrieben wird, ganz allgemein
geschrieben wird, und sehe, wo da das +sich+ hingesetzt wird; die
Stelle, wo es hingehört, soll jedesmal durch Klammern bezeichnet
werden. Da heißt es in Hauptsätzen: selten +hat+ [] eine Darstellung
so rasch in der Literatur +sich eingebürgert+ -- durch die neue
Ordnung +glaubte+ [] namentlich die Universität +sich verletzt+ --
diese +hielten+ [] ohne Erlaubnis der Regierung in diesen Gegenden
+sich auf+ -- der heftige Seelenschmerz +löste+ [] in ein krampfhaftes
Schluchzen +sich auf+ -- eventuell (!) +behält+ [] der Verkäufer das
Rückkaufsrecht +sich vor+ -- als Porträtmaler +schließt+ [] Hausmann
unmittelbar an Hoyer +sich an+. Beim Infinitiv: nur einmal +scheinen+
[] die beiden +sich gesprochen+ zu haben -- die Photographie +scheint+
[] in Rom wirklich bis an die Grenze echter Kunst +sich zu erheben+
-- bald +begannen+ [] Menschen in dem Walde +sich anzusammeln+ -- der
Name +dürfte+ [] auf den ganzen Gebirgszug +sich beziehen+ -- man
+mußte+ [] in entsetzlichen Postkarren, von Ungeziefer halb verzehrt,
unter Hunger und Durst, in jene schönen Gegenden +sich durcharbeiten+
-- es ist leicht, [] diese Kenntnis +sich anzueignen+ -- das Recht,
[] an der friedlichen Kulturarbeit frei +sich zu beteiligen+. In
Nebensätzen endlich: die Verdienste, +welche+ (!) [] Eure Durchlaucht
um das deutsche Vaterland +sich erworben haben+ -- es ist das eine der
schwierigsten Aufgaben, +die+ [] der menschliche Geist +sich stellen
kann+ -- bei dieser Lage der Dinge, +die+ [] binnen wenigen Monaten zu
einer ganz unerträglichen +sich ausbildete+ -- der geistige Zustand,
+in dem+ [] die deutsche Jugend in der Zeit der französischen Invasion
+sich befand+ -- der Modegeschmack, +der+ [] namentlich auf dem Gebiete
des Romans so rasch +sich ändert+ -- die Philosophie, +die+ [] doch nur
dem an das Denken gewöhnten Höhergebildeten +sich erschließt+ -- ein
Mann, +der+ [] bei allem Eifer für die katholische Sache doch einen
warmen Patriotismus +sich bewahrt hatte+ -- im Militärwaisenhaus,
+das+ [] nach dem Willen des Königs zu einer möglichst großartigen
Anlage +sich gestalten soll+ -- die Schlagwörter, +mit denen+ [] die
sozialdemokratischen Lehren +sich zu schmücken lieben+ -- in Fällen,
+wo+ [] das Bedürfnis dazu +sich herausstellt+ -- der erste Akt
versetzt uns in die Welt des Waldes, wo [] Roseggers Phantasie am
meisten +sich heimisch fühlt+ -- in Bonn, wo [] die ganze Rheinstraße
mit ihren Denkmälern zu Exkursionen +sich anbietet+ -- die Verbrecher
treiben allerlei Ulk, +wobei+ [] ihre wahre Natur +sich äußert+ --
die Schicksale, aus +deren+ Zusammenwirken [] erst die eigenartige
Entwicklung von Hoffmanns Persönlichkeit +sich erklären läßt+ --
unter der Bedingung, +daß er+ [] auf eine bestimmte Probezeit des
Wilderns +sich enthalte+ -- die Gegenwart beweist, +daß+ [] der kleine
Betrieb dem Großkapital gegenüber +sich+ nicht +halten kann+ -- der
einzelne darf nicht verkennen, +daß er+ [] unter solchen Umständen
zu Nutz und Frommen seiner Mitmenschen eine Selbstbeschränkung +sich
auferlegen muß+ -- +als+ [] fast sämtliche Klöster wieder mit den
geistlichen Orden +sich gefüllt hatten+ -- es wird noch geraume Zeit
vergehen, +ehe+ [] ihr Ideal vollständig +sich verwirklichen kann+ --
+seitdem+ [] das große, für die Kultur so folgenreiche Weltereignis
der Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus +sich ergab+ -- die
Aufhebung des Gesetzes können wir nicht beklagen, +da es+ [] im Laufe
der Jahre immer mehr als unbrauchbar +sich erwiesen hat+ -- +da er+ []
gerade jetzt in der Lage +sich befindet+, Zahlung leisten zu können --
+weil er+ [] diese Eigenschaften bis in sein hohes Alter +sich bewahrt
hat+ -- +nachdem+ [] die ursprüngliche Bedeutung im Sprachbewußtsein
+sich verdunkelt hatte+ -- +nachdem+ [] die Wogen freundlicher und
feindlicher Erregung, die das Buch hervorrief, +sich gelegt haben+ --
+wenn er+ [] zuweilen zu religiösem Pathos +sich erhob+ -- +wenn+ der
Kurfürst abreist und [] auf einen seiner Landsitze +sich begibt+ --
ich würde untröstlich sein, +wenn+ Sie [] durch mich in Ihrer alten
Ordnung +sich stören ließen+ -- +wenn+ [] neuerdings die Unternehmer
und Arbeitgeber zur Wahrung ihrer gerechten Interessen +sich
zusammenschließen+ -- die Namen der Künstler sind so bezeichnet, +wie+
sie [] auf den Blättern +sich finden+ -- +als ob er+ [] die größten
Verdienste um das deutsche Vaterland +sich erworben hätte+ -- +je mehr+
[] Frankreichs Stellung am Mittelmeere +sich behauptet+ usw.
Wir stehen da wieder vor einer Erscheinung, die recht eigentlich in
das Kapitel vom papiernen Stil gehört. Der lebendigen Sprache gänzlich
fremd, stellt sie sich immer nur da ein, wo jemand die Feder in
die Hand nimmt, aber auch da nicht sofort, sondern erst dann, wenn
er zu künsteln anfängt.[143] Man könnte ja nun meinen, es sei doch
unnatürlich, das reflexive Fürwort von seinem Verbum zu trennen und
so weit vor, an den Anfang des Satzes zu rücken. Aber diese Trennung
ist der Sprache offenbar etwas unwesentliches. Das wesentliche ist
ihr die enge Verbindung, die erst infolge dieser Trennung eingegangen
werden kann: die Verbindung mit dem voranstehenden andern Pronomen
oder mit dem Fügewort (+der sich+, +wenn sich+). Diese Verbindung
ist der lebendigen Sprache wichtiger als die mit dem Verbum, denn
durch sie wird der Satz wie mit eisernen Klammern umschlossen. Wenn
ich das +sich+ unmittelbar nach +da+, +wo+, +wenn+, +seitdem+ bringe,
so erfährt der Hörer schon, daß am Ende des Satzes ein reflexives
Zeitwort folgen wird, die Hälfte des Verbalbegriffs klingt ihm
gleichsam schon im Ohre. Daß sich auf diese Weise der Satz fester
zusammenschließt als auf die andre, liegt auf der Hand. Wenn einer mit
+wenn+ oder +daß+ anfängt, und erst nachdem er zwanzig oder dreißig
Worte dazwischengeschoben hat, endlich mit +sich begab+ oder +sich
befindet+ schließt, so möchte man immer fragen: So viel Zeit hast du
gebraucht, dich auf das Zeitwort zu besinnen? dich zu besinnen, daß du
ein reflexives Verbum gebrauchen willst?
Es ist ja aber keineswegs bloß das +sich+, das jetzt in dieser Weise
verstellt wird, es geschieht das mit dem rückbezüglichen Fürwort
überhaupt. Man schreibt auch: darüber gedenke ich [] später einmal
in diesen Blättern +mich auszulassen+ -- wenn wir [] auch mit voller
Seele an der Jubelfeier +uns beteiligen+ -- daß wir [] in unsern
nationalen Lebensformen ungehindert +uns entwickeln+ können -- wenn
wir [] überhaupt von Gott eine Vorstellung +uns machen+ wollen usw. Ja
die Krankheit hat sich noch viel weiter verbreitet, sie hat auch das
ganze persönliche Fürwort ergriffen. In der lebendigen Sprache wird
das persönliche Fürwort genau so gestellt wie das reflexive. Wie aber
wird geschrieben? Das war es bloß, wozu [] mein väterlicher Freund
+mich bewegen+ wollte -- wie willst du den Widerspruch lösen, den []
eine verehrte Autorität +dir aufdrängt+? -- als Goethe seine Reise
antrat, +war+ [] Rom +ihm+ nicht +fremd+ -- man kann den Fortgang
voraussehen, soweit [] nicht unberechenbare äußere Störungen +ihn
hemmen+ -- die Mängel des Gedächtnisses kommen weniger zur Geltung,
wenn [] das Nachdenken +ihm Zeit läßt+ -- der Bischof verzichtete auf
den Segen, den [] sein Konfrater in Trier +ihm anpries+ -- können wir
einen Dichter nennen, der [] an Mannigfaltigkeit, an beherrschender
Sicherheit +ihm gleichkäme+? -- er würde [] gewiß auch diesmal nicht
ohne Not +sie warten lassen+ -- die Menge geht dahin, wohin [] der
Zar und die Kirche +sie treibt+ -- sie wissen viel zu gut, was [] das
erreichte Ziel +sie gekostet hat+ -- die Arbeiter stehen schon so
tief, daß [] ein weiterer Druck +sie arbeitsunfähig machen würde+ --
wenn [] die Zeit +es erlaubt+ -- wer [] in unsern Tagen noch +es wagt+
-- wie [] der Drang seines Herzens +es gebot+ -- eine unzulängliche
Einrichtung, wie [] das Duell +es ist+ -- abgesehen davon hatten []
die Bewohner des Hauses +es nicht schlecht+ -- wenn [] die Gegner des
Sozialistengesetzes +es+ als einen Vorteil +preisen+ -- unter diesem
Feldgeschrei hatte man [] in den katholisch-deutschen Ländern +es
dahin gebracht+ -- es genügt uns nicht, [] bei dieser allgemeinen
Schilderung seines Wesens +es bewenden zu lassen+ -- wir müssen tragen,
was [] unser Geschick +uns auferlegt+ -- die praktische Aufgabe, die []
unsre religiöse Gefahr +uns stellt+ -- wir halten das für die einzig
mögliche Erklärung, weil [] keine andre +uns begreiflich ist+ -- wenn
[] sein Auge so ernst und mild +uns anblickt+ -- wäre er nicht das
große Genie gewesen, so würde [] der Name Rembrandt +uns+ unbekannt
+geblieben+ sein -- am 19. Mai +hat+ [] der Tod wieder einen der
hervorragendsten Künstler +uns entrissen+ -- nun galt es, [] mit Rat
und Tat +ihnen beizustehen+ -- sie warfen mit lateinischen Brocken
um sich, sodaß [] kein andrer in der Gesellschaft +ihnen zu folgen
vermochte+ -- er berichtete gewissenhaft die Geschichte, wie [] [] sein
alter Schulkamerad +sie ihm erzählt hatte+ -- es ist das ein großes
Stück Wehrkraft, worin [] [] die Nachbarn im Osten und Westen +es uns+
nicht +gleichtun können+. Überall ein ängstliches, schulknabenhaftes
Voranstellen der Subjekte vor die Objekte, überall das gequälte
Aufsparen der Fürwörter bis unmittelbar vor das Zeitwort![144] In
einem Roman heißt es: während die Stämme ihre kahlen Äste +uns
entgegenstreckten+, als wollten sie mit ihren Armen +unserer (!) sich
erwehren+. Das soll heißen: +während uns+ die Stämme ihre kahlen
Äste entgegenstreckten, als wollten +sie sich unser+ mit ihren Armen
erwehren! Am fürchterlichsten ist es, wenn das unbetonte +es+, vollends
das proleptische, das nur einen Inhalts- oder einen Infinitivsatz
vorbereitet, und das nur dann erträglich ist, wenn es sich so viel wie
möglich versteckt und möglichst flüchtig durch den Satz huscht -- wenn
das mit solchem Elefantentritt an möglichst unpassender Stelle in den
Satz hineintappt: trotz des Widerwillens des Vaters setzte [] der Knabe
unter dem Beistande der guten Mutter +es durch+, daß er usw.
Möglich ist ja eine solche Stellung der Fürwörter auch, falsch ist sie
nicht, es fragt sich nur, ob sie schön sei. Wie müssen sich oft die
Fürwörter und die Wörter überhaupt in Versen herumwerfen lassen! Wie
die Kegel, wenn die Kugel dazwischenfährt. Da +senkte sich+ aus der
Höhe ein lichter Engel -- nicht wahr, ganz gewöhnliche Prosa?
Da +senkte+ aus der Höhe
Ein lichter Engel +sich+ --
auf einmal „Poesie“! Das hat aber doch auch seine Grenzen. Poetischer
als ein Vers wie der:
Wie +soll+ aus diesem Zwiespalt +ich+ retten +mich+?
klingt doch unzweifelhaft die schlichte „Prosa“: Wie +soll ich mich
aus+ diesem Zwiespalt retten?
Von Gellerts Fabeln hat man geringschätzig gesagt, sie wären die reine
Prosa. Von dem Ausdruck trifft das gar nicht zu, der ist dazu viel zu
fein und gewählt. Wenn es sich aber darauf beziehen soll, daß ihre
Wortstellung ganz so ist, wie sie in guter Prosa sein würde, so wäre
das ja das höchste Lob! Es ist das, was Friedrich der Große mit den
Worten sagte: Er hat so etwas Coulantes in seinen Versen.
In fast allen oder fast in allen?
Der dritte Verstoß betrifft die Stellung der Präpositionen. Durch
alle gebildeten Sprachen geht das Gesetz, daß die Präpositionen
(+an+, +bei+, +nach+, +für+, +in+, +vor+, +mit+ usw.) unmittelbar vor
dem Worte stehen müssen, das sie regieren. Das ist so natürlich und
selbstverständlich wie irgend etwas, es kann gar nicht anders sein. In
der griechischen Grammatik spricht man von ~Procliticae~ (d. h. vorn
angelehnten).[145] Man versteht darunter gewisse einsilbige Wörtchen,
die, weil sie eben einsilbig sind und für sich allein noch nichts
bedeuten, keinen eignen Ton haben, sondern -- wie durch magnetische
Kraft -- an das Wort gezogen werden, das ihnen folgt. Dazu gehören
auch einige einsilbige Präpositionen. Das ist aber durchaus keine
Eigentümlichkeit der griechischen Sprache, sondern solche Wörter gibt
es in allen Sprachen, auch im Deutschen, und zu ihnen gehören auch
im Deutschen die Präpositionen. Weil diese aber solche ~Procliticae~
sind, die mit dem Worte, das von ihnen abhängt, innig verwachsen, so
ist es unnatürlich, zwischen die Präposition und das abhängige Wort
(Eigenschaftswort, Fürwort, Zahlwort) ein Adverb zu stopfen.[146] Auch
dieses Gesetz geht durch alle Sprachen, denn es ist in der Natur der
Präpositionen begründet.
Da ist aber nun der große Logiker drüber gekommen und hat sich
überlegt: +fast in allen Fällen+ -- das kann doch nicht richtig sein!
das +fast+ gehört doch nicht zu +in+, es gehört ja zu +allen+! Also
muß es heißen: +in fast allen+ Fällen. Und so wird denn wirklich
seit einiger Zeit immer häufiger geschrieben: die +von fast+ allen
Grammatikern gerügte Gewohnheit -- es geht eine Bewegung +durch fast+
sämtliche Kulturstaaten -- +mit fast+ gar keinen Vorkenntnissen --
+mit nur+ echten Spitzen -- das Stück besteht +aus nur+ drei Szenen --
wir haben es +mit nur+ wenigen Lehrstunden zu tun -- wir fuhren +durch
meist+ anmutige Gegend -- die Kritik, die +in meist+ schlechten Händen
ist -- es waren +gegen etwa+ vierzig Mann -- mit einer Besatzung +von
oft+ sechs bis acht Mann -- +in bald+ einfacherer, +bald+ prächtigerer
Ausstattung -- das Buch ist +in wohl+ sämtliche europäische Sprachen
übersetzt -- andre Kritiker +von freilich+ geringerer Autorität --
+nach genau+ einem Jahrhundert -- +in genau+ derselben Form -- +mit
genau+ derselben Geschwindigkeit -- +nach längstens+ zwei Jahren --
+für wenigstens+ ein paar Wochen -- Unterricht +in wenigstens+ einer
zweiten lebenden Sprache -- die ordnungsliebendern Elemente sehen sich
+zu wenigstens+ tatsächlicher Achtung vor dem Gesetze gezwungen -- die
Kosten belaufen sich +auf mindestens+ tausend Pfund -- die Schulden
müssen +mit mindestens+ einem Prozent jährlich abgetragen werden --
fünf Präpositionen +mit jedesmal+ verschiedner Funktion -- eine Anfrage
würde das +in vielleicht+ überraschendem Maße bestätigen -- überall ist
die Technik +auf annähernd+ gleicher Höhe -- er wurde +auf zunächst+
sechs Jahre zum Stadtrat gewählt -- +mit sozusagen+ absolutem Maßstabe
-- +mit allerdings nur+ geringer Hoffnung auf Erfolg -- Japan war mit
+alles in allem+ vier Artikeln vertreten -- er stand mit ihm +in so gut
wie+ keiner Verbindung -- sie sind +um zusammen etwa+ vier Millionen
Mark betrogen worden; sogar: ein besondrer Anstrich +von erst+ Farbe
+und dann+ Lack wird vermieden.
Es ist eine Barbarei, so zu schreiben. Man hat das Gefühl, als wollte
einem jemand in den Ellbogen oder zwischen zwei Fingerglieder einen
Holzkeil treiben, wenn man so etwas liest, ja es ist, als müßte es der
Präposition selber wehtun, wenn sie auf solche Weise von dem Worte,
mit dem sie doch zusammenwachsen möchte, abgerissen wird. Was ist eine
Logik wert, die zu solcher Unnatur führt! Man versuche es einmal, man
setze in all den angeführten Beispielen das Adverb an die richtige
Stelle, nämlich vor die Präposition: +meist durch+ anmutige Gegend
-- +wohl in+ sämtliche Sprachen -- +wenigstens für+ ein paar Wochen
-- +annähernd auf+ gleicher Höhe -- +zunächst auf+ sechs Jahre usw.,
empfindet wohl jemand die geringste logische Störung?[147]
Nur die kurzen Adverbia, die zur Steigerung der Adjektiva dienen: +so+,
+sehr+, +viel+, +weit+, stehen hinter der Präposition: +mit so+ großem
Erfolg -- +in sehr+ vielen Fällen -- +mit viel+ geringern Mitteln --
+nach weit+ gründlichern Vorbereitungen. Bei allen Adverbien aber, die
den Adjektivbegriff einschränken, herabsetzen oder sonstwie bestimmen,
ist die Stellung hinter der Präposition unnatürlich.
Zwei Präpositionen nebeneinander
Doppelt häßlich wird das Wegreißen der Präposition von dem abhängigen
Worte dann, wenn das Einschiebsel nicht ein einfaches Adverb, sondern
ein Satzglied ist, das selbst wieder aus einer Präposition und einem
davon abhängigen Worte besteht; dann entsteht der Fall, daß zwei
Präpositionen unmittelbar hintereinander geraten -- für jeden Menschen
von feinerm Gefühl eine der beleidigendsten Spracherscheinungen. Und
doch wird auch so jetzt fortwährend geschrieben! Da heißt es: +in
im+ Ratsdepositorium befindlichen Dokumenten -- +in zur+ Zeit nicht
zu verwirklichenden Gedanken -- +durch vom+ Kriege unberührtes Land
-- +durch von+ beiden Teilen erwählte Schiedsrichter -- +durch für+
ein weiches Gemüt empfindlichen Tadel -- +mit in+ Tränen erstickender
Stimme -- +mit vor+ Freude strahlendem Gesicht -- +mit vor+ keinem
Hindernis zurückschreckender Energie -- +mit auf+ die Wand aufgelegtem
Papier -- +mit für+ die Umgebung störendem Geräusch -- +mit nach+ außen
kräftigen Institutionen -- +mit über+ die ganze Provinz verteilten
Zweigvereinen -- +mit mit+ (!) schwarzem Krepp umwundnen Fahnen --
+bei nach+ fürstlichen Personen benannten Gegenständen -- das Sammeln
+von an+ sich wertlosen Dingen -- die Frucht +von durch+ Jahrtausende
fortgesetzten Erfahrungen -- eine große Anzahl +von in+ einzelnen
Fächern weiter ausgebildeten jungen Männern -- die Schülerzahl stieg
+von über+ zwei- gleich +auf über+ sechshundert -- die Falter werden
+mittelst auf mit+ (!) Öl begossene Teller gestellter Gläser gefangen
usw. Man kann also solche Zusammenstöße sehr leicht vermeiden, und
zwar auf die verschiedenste Weise; entweder durch einen Nebensatz:
+durch Land, das+ vom Kriege noch unberührt geblieben war -- oder
durch einen wirklichen Genitiv statt +von+: das Sammeln an sich
+wertloser+ Dinge -- oder durch einen Ausdruck, der dasselbe sagt wie
die Präposition: +von mehr als+ zweihundert (statt +von über+) oder
durch ein zusammengesetztes Wort: +mit freudestrahlendem+ Gesicht usw.
Aber alle diese Mittel werden verschmäht, lieber versetzt man dem Leser
den stilistischen Rippenstoß, unmittelbar hinter einer Präposition noch
eine zweite zu bringen![148]
Zur Interpunktion
Eine feine und schwierige Kunst ist es, gut zu interpungieren. Hier
können nur einige Winke darüber gegeben werden.
Die Interpunktion verfolgt zwei verschiedne Zwecke: erstens die
Satzgliederung zu unterstützen und die Übersicht über den Satzbau
zu erleichtern, zweitens die Pausen und die Betonung der lebendigen
Sprache in der Schrift auszudrücken. Oft fallen beide Zwecke zusammen,
aber nicht immer. Wenn z. B. geschrieben wird: die Berliner Künstler
haben den französischen Bildern stets die besten Plätze eingeräumt
+und, wenn+ diese nicht reichten, andre Räume gemietet -- oder: wer
die Tagespresse kritiklos liest +und, ohne+ es zu wissen und zu
wollen, die dargebotnen Anschauungen in sich aufnimmt -- so schließt
sich zwar die Interpunktion genau dem Satzbau an, steht aber in
auffälligem Widerspruch zur lebendigen Sprache: niemand wird bis zu
+und+ (oder +oder+) sprechen und hinter +und+ eine Pause machen,
jeder wird vor +und+ abbrechen. Daher empfiehlt es sich, das Komma
hier lieber vor +und+ zu setzen -- gegen den Satzbau -- und zu
schreiben: da die Frauen mit Vorliebe männliche Verhüllungen wählen,
+und+ wenn sie ihren Vornamen nicht ausschreiben, auch die Handschrift
sie nicht immer verrät -- sie glaubte, +oder+ wie es von ihrem
Standpunkt aus wohl richtiger heißen muß, sie hoffte -- daß Dichter
wie Keller und Storm, +oder+ um einige weniger berühmte zu nennen,
Vischer und Riehl gesund blieben -- die Elemente des Anschauungs- und
Gestaltungsvermögens, +oder+ anders ausgedrückt, des Einbildungs- und
des Ausbildungsvermögens.[149]