Lesers. Ein Berliner Schriftsteller hat sich sogar (unter dem Namen
Wippchen) jahrelang planmäßig dem Anbau dieses Sprachunkrauts gewidmet
und großen Erfolg damit gehabt. Es gibt aber auch zahlreiche
Bildervermengungen, die genau so schlimm sind, und die doch von
Tausenden von Lesern, auch von denkenden, gar nicht bemerkt werden,
weil sie nicht so zutage liegen, sondern etwas verschleiert sind.
Unsre Sprache ist überreich an bildlichen Ausdrücken, über deren
ursprüngliche Bedeutung man sich oft gar keine Rechenschaft mehr gibt.
Schon wenn jemand schreibt: die Sache machte keinen +durchschlagenden
Eindruck+ -- so lesen sicher unzählige darüber weg, denn +Eindruck
machen+ und ein +durchschlagender Erfolg+ sind so abgebrauchte
Bilder, daß man sich ihres ursprünglichen Sinnes kaum noch bewußt
ist. Und doch liegt hier eine lächerliche Bildervermengung vor, denn
einen +Eindruck machen+ und +durchschlagen+ schließen einander aus;
wenn man das Kalbfell einer Pauke durchschlägt, so ist es mit dem
Eindruckmachen vorbei. Ebenso ist es, wenn ein Kritiker von Leistungen
eines Schriftstellers redet, die nicht den vollen +Umfang+ seiner
Fähigkeiten +erschöpfen+, denn beim Umfang denkt man an ein Längenmaß,
schöpfen kann man aber nur mit einem Hohlmaß. In solchen mehr oder
weniger verschleierten Bildervermengungen wird sehr viel gesündigt. Man
schreibt: die kleinen Staaten werden von der +Wucht+ ganz Deutschlands
+getragen+ -- er hatte sich in eine solche Schulden+last gestürzt+ --
diese Maßregel ist von sehr ungünstigem +Einfluß begleitet+ gewesen
-- als die auf die Hebung der Hundezucht abzielende +Bewegung+
feste +Wurzeln geschlagen+ hatte -- bis sie ihm die +Unterlage+ für
Börsenspekulationen +eröffnet+ hatten -- wer nicht +mit der Herde
läuft+, muß sich hüten, daß er nicht +scheitere+ usw.[138]
Vermengung zweier Konstruktionen
Wie zwei verschiedne Bilder, so werden oft auch zwei verschiedne
Konstruktionen miteinander vermengt. Da wird z. B. die erste Person
mit der dritten vermengt und geschrieben: die Verlobung +unsrer+
Tochter (statt: +ihrer+ Tochter!) beehren sich anzuzeigen -- um
Rückgabe der von +mir+ (statt: von +ihm+!) entliehenen Biergläser
bittet -- +meiner+ Mutter (statt: +ihrer+ Mutter!) gewidmet von der
Verfasserin. Oder es wird an +hoffen+ ein Nebensatz angeschlossen,
als ob +wünschen+ vorherginge: ich +hoffe+ sehr, daß ich das nie
wieder erleben +möge+ (+erlebe+!) -- wir +hoffen+, daß dergleichen
nicht wieder vorkommen +möge+ (+werde+!) -- ich übergebe diese Arbeit
der Öffentlichkeit in der +Hoffnung+, daß sie dazu beitragen +möge+
(beitragen +werde+!) -- er +hoffe+, daß andre Forscher glücklicher
operieren +möchten+ (+würden+!). Es wird +weil+ geschrieben, wo
es +daß+ heißen muß: er hat seinen Namen +davon, weil+ er -- die
fürstliche Ehe war dem Volke besonders +dadurch+ teuer, +weil+ ihr
eine reiche Zahl von Prinzen entsprossen war; dagegen +daß+, wo es
+als+ heißen muß: Thomsen ist nur +insofern+ original, +daß+ er
die Grundrente als unrechtmäßige Abzahlung betrachtet -- meinem
Arbeitsfelde liegen diese Untersuchungen nur +insofern+ nahe, +daß+
ich daraus belehrt worden bin usw. Oder es wird geschrieben: da
manche Erörterung die Untersuchung +eher+ erschwert, +statt+ sie zu
vereinfachen -- wo entweder das +eher+ wegfallen, oder fortgefahren
werden muß: +als daß+ sie sie vereinfachte.
Sehr häufig ist der Fehler, daß man auf das Adverbium +so+ einen
Infinitiv mit +um zu+ folgen läßt statt eines Folgesatzes mit +daß+,
z. B.: Aristoteles sagt, daß eine Stadt +so+ gebaut sein müsse, +um+
die Menschen zugleich sicher und glücklich +zu+ machen -- behauptet
jemand, daß der Zucker +so+ belastet sei, +um+ weitere Lasten nicht
+zu+ ertragen -- er hatte gerade noch +so+ viel Zeit, +um+ sich in
das Dickicht +zu+ schleichen -- die Verhältnisse haben sich +so+ weit
geordnet, +um+ der Nation eine andre Haltung +zu+ ermöglichen -- dieses
Licht läßt uns gerade +so+ viel sehen, +um+ dem Ewigen und Rätselhaften
seine Launen ab+zu+lauschen -- wenn man nur +so+ viel Freiheit des
Geistes hat, +um+ sich über die Macht der Gewohnheit empor+zu+schwingen
-- die Realien waren noch nicht +so+ weit in sich gefestigt, +um+
als Bildungsmittel Verwendung +zu+ finden -- wir müssen das
Reinlichkeitsbedürfnis in uns +so+ entwickeln, +um+ schmutzige
Literatur fern+zu+halten -- +so+ einfach sind denn doch diese Fragen
nicht, +um+ sie spielend mit einem Worte +zu+ erledigen -- die Herren
sind nicht +so+ dumm, +um+ auf diesen Leim +zu+ gehen. In einigen der
angeführten Beispiele mag wohl das Bestreben, nicht zwei Nebensätze
hintereinander -- einen Objektsatz und einen Folgesatz -- mit +daß+
anzufangen (für manche Leute ein entsetzlicher Gedanke!), zu dem Fehler
verleitet haben. Dem läßt sich aber doch leicht dadurch aus dem Wege
gehen, daß man den Objektsatz ohne +daß+ bildet: behauptet jemand, der
Zucker sei +so+ belastet, +daß+ er usw.
Falsche Wortstellung
Ein völlig vernachlässigtes Kapitel der deutschen Grammatik ist die
Lehre von der Wortstellung. Die meisten haben kaum eine Ahnung davon,
daß es Gesetze für die Wortstellung in unsrer Sprache gibt. Gewöhnlich
besteht die gesamte Weisheit, die dem Schüler oder dem Ausländer,
der Deutsch lernen möchte, eingeflößt wird, in der Regel, daß in
Nebensätzen das Zeitwort am Ende, in Hauptsätzen in der Mitte zu stehen
pflege; im übrigen, meint man, herrsche in unsrer Wortstellung die
„größte Freiheit“.
Ein Glück, daß das natürliche Sprachgefühl noch immer so lebendig ist,
daß die Gesetze der Wortstellung, wie sie sich teils aus dem Sinne,
teils aus rhythmischem Bedürfnis, teils aus der Art der Darstellung
(schlichte Prosa, Dichtersprache oder Rednersprache) ergeben, trotz
der angeblichen „Freiheit“ im allgemeinen richtig beobachtet werden.
Dennoch gibt es auch eine Reihe von argen Verstößen dagegen, die sehr
verbreitet und beliebt sind. Auf Abgeschmacktheiten, wie die des
niedrigen Geschäftsstils, bei Preisangaben von +Mark 50+ zu reden,
statt, wie jeder vernünftige Mensch sagt, von +50 Mark+, oder auf
Briefadressen zu schreiben, wie man es neuerdings, natürlich wieder
die Engländer nachäffend, tut: +20 Königsstraße Leipzig+, statt,
wie jeder vernünftige Mensch sagt: +Leipzig, Königsstraße 20+, soll
dabei gar nicht geachtet werden; ebensowenig auf die Ziererei
mancher Schriftsteller, in schlichter Prosa einen Genitiv immer vor
das Hauptwort zu stellen, von dem er abhängt.[139] Auch der häßliche
Latinismus, den manche so lieben: +Goethe, nachdem er+ (vgl. ~Caesar,
cum~), soll nur beiläufig erwähnt werden. Ein Nebensatz, der mit einem
Fügewort anfängt, und ein Infinitivsatz können in einen Hauptsatz nur
dann eingeschoben werden, wenn das Zeitwort des Hauptsatzes bereits
ausgesprochen ist. Eine Wortstellung wie in dem Fibelverse: +die Gans,
wenn sie+ gebraten ist, wird mit der Gabel angespießt, oder: +dem
Hunde, wenn+ er gut gezogen, ist auch ein weiser Mann gewogen -- ist
wohl dem Dichter erlaubt, aber in Prosa sind Satzgefüge wie folgende
undeutsch: +die Pflanzen, um zu gedeihen+, bedürfen des wärmenden
Sonnenlichts -- die +katholische Kirche, wie sie+ sich gern der
Siebenzahl freut, zählt auch sieben Werke der Barmherzigkeit -- alle
+andern Parteien, wenn sie+ im übrigen noch so bedenkliche Grundsätze
haben, erkennen doch den Staat als notwendig an -- der +Verband der
Sattler, obwohl+ er erst ein Jahr besteht, umfaßt bereits 37 Vereine.
Entweder muß es heißen: der Verband der Sattler +umfaßt, obwohl er+ --
oder der Nebensatz muß mit dem Hauptworte vorangestellt werden: +obwohl
der Verband+ der Sattler usw., +so umfaßt er doch+. Auch der Fehler,
der in Satzgefügen wie folgenden liegt: um die Reisekosten, die er
auf andre Weise nicht beschaffen konnte, +aufzutreiben+ -- auf einem
der schönsten Plätze der Welt, der zugleich ein Hauptkreuzungspunkt
städtischen und vorstädtischen Verkehrs ist, +gelegen+ -- M. ist nun
auch unter die Novellisten, wohl mehr der Mode folgend als dem innern
Drange, +gegangen+ -- mir liegt das Stammbuch eines Holsteiners, der
um 1750 in Helmstedt studierte, +vor+ -- sieht man von der kurzen
Würdigung, die Waldberg 1889 in der Allgemeinen Deutschen Biographie
gegeben hat, +ab+ -- am Neumarkte rissen gestern zwei vor einen
Korbwagen gespannte Pferde eine Frau, die auf der Straße stand und sich
mit einer andern Frau unterhielt, +um+ -- der Redner brach, da die Zeit
inzwischen längst die zulässige Frist von zehn Minuten überschritten
hatte und noch ein andrer Redner zu Worte kommen wollte, auf die
Aufforderung des Vorsitzenden, mit der Bemerkung, daß er noch viel zu
sagen habe, +ab+ -- auch dieser Fehler soll hier nur gestreift werden.
Die Fälle brauchen nicht immer so lächerlich zu sein wie der letzte;
ein eingeschobnes Satzglied muß zusammen mit dem Gliede, in das es
eingeschoben wird, immer folgende Gestalt ergeben, wenn die Verbindung
angenehm wirken soll:
[--------[--------]--------]
Sehen sie zusammen so aus:
[--------------[--------]--]
so ist der Bau verfehlt, und es ist dann besser, die Einschiebung
lieber ganz zu unterlassen, die Glieder so zu ordnen:
[------------] [------------]
und zu schreiben: M. ist nun auch unter die Novellisten gegangen, wohl
mehr der Mode folgend als dem innern Drange.
Die alte gute Zeit oder die gute alte Zeit?
Ein Verstoß gegen die Gesetze der Wortstellung, der sehr oft
vorkommt und nicht gerade von scharfem Denken zeugt, ist der, daß
zwei Adjektiva (oder ein Adjektiv und ein Partizip oder Zahlwort) in
verkehrter Reihenfolge zu einem Substantiv gesetzt werden, z. B.: ein
+sächsischer junger+ Leutnant -- die +ausländische gesamte+ Medizin
-- +westfälische mittelalterliche+ Volkslieder -- man schöpfte mit
+hölzernen großen+ Kannen -- wenn die Sonne schien, wurden die
+seidnen verblaßten+ Vorhänge zugezogen -- da wollte auf dem Boden
des Handwerks nicht einmal mehr das +tägliche kärgliche+ Brot wachsen
-- die Turnübungen finden in der +städtischen geräumigen+ Turnhalle
statt -- die Bestrebungen, den Arbeiterfamilien +eigne behagliche+
Wohnungen zu schaffen -- die Bildung +künftiger maßgebender+
Staatsbeamten -- in Zeiten +wirtschaftlicher+ schroff aufeinander
+stoßender+ Gegensätze -- eine +chronische+ mit Geduld +ertragne+
Krankheit -- ein +sittlicher angeborner+ Defekt usw. In allen diesen
Fällen ist das Eigenschaftswort, das unmittelbar vor dem Hauptworte
stehen müßte, weil es mit diesem zusammen +einen+ Begriff bildet, durch
ein zweites Eigenschaftswort, das dem Schreibenden nachträglich noch
eingefallen ist, von dem Hauptworte getrennt; soll die Darstellung
logisch richtig werden, so müssen die beiden Eigenschaftswörter überall
ihre Plätze wechseln. Das ärgste dieser Art ist die +alte gute Zeit+,
der +alte gute Taler+, wie man jetzt auch zu schreiben anfängt. Die
+alte Zeit+ ist +ein+ Begriff (die Vergangenheit); tritt zu diesem
Begriff das Eigenschaftswort +gut+, so darf er nicht zerrissen werden,
sondern es muß heißen: die +gute alte Zeit+. Man muß sich also immer
klarmachen, welches von den beiden Adjektiven das wesentliche ist;
dies gehört dann unmittelbar vor das Hauptwort. Bezeichnet eins der
beiden Adjektiva einen Stoff (+hölzern+, +seiden+) oder die Herkunft
(+sächsisch+, +ausländisch+, +westfälisch+), so gehört dieses in der
Regel unmittelbar vor das Hauptwort: +mit großen hölzernen+ Kannen,
ein +junger sächsischer Leutnant+. Natürlich ist es auch möglich, daß
das andre Adjektiv mit dem Substantiv zusammen einen Begriff bildet
oder wenigstens -- bilden soll; dann muß die Ortsbezeichnung von dem
Hauptwort entfernt werden, z. B.: +Leipziger elektrische+ Straßenbahn
-- +Münchner neueste+ Nachrichten -- +englische historische+ Romane
-- die +sächsische zweite+ Kammer -- die +Straßburger katholische+
Fakultät -- seine +Nürnberger gelehrten+ Freunde usw. Sage ich: der
+höchste Leipziger+ Turm, so stelle ich mir alle Leipziger Türme vor
und greife dann den höchsten heraus; bei den +Leipziger neuesten+
Nachrichten dagegen soll ich mir alle Zeitungen vorstellen, die Neueste
Nachrichten heißen, und soll dann die Leipziger herausgreifen. So ist
auch der +letzte schwere+ Tag der letzte einer Reihe von schweren
Tagen, z. B. einer Examenwoche, dagegen der +schwere letzte+ Tag der
Todestag.
Grundfalsch ist also auch, was man fast in allen antiquarischen
Bücherverzeichnissen lesen muß: +erste seltne+ Ausgabe. Es klingt das,
als ob es von dem Buche mehrere seltne Ausgaben gäbe, und die jetzt
verkäufliche die erste davon wäre. Die Antiquare wollen aber sagen,
es sei überhaupt die erste Ausgabe, die Originalausgabe, die ~editio
princeps~, und diese sei selten. Das kann nur heißen: +seltne erste
Ausgabe+. Anders verhält sichs mit der +zweiten, verbesserten+ Ausgabe.
Hier ist +verbessert+ ein nachträglicher Zusatz, wie schon das Komma
zeigt, das hier nicht fehlen darf, aber auf Büchertiteln leider sehr
oft fehlt; der Sinn ist: +zweite+, (und zwar) +verbesserte+ Auflage.
Läßt man das Komma weg, so erweckt das die Vorstellung, als ob schon
eine +erste verbesserte+ Auflage vorhergegangen, die vorliegende also
im ganzen die dritte wäre. Manchem wird das als unnötige Diftelei
erscheinen, es handelt sich aber um einen ganz groben, handgreiflichen
Unterschied.
Höhenkurort für Nervenschwache ersten Ranges
Mit großer Schnelligkeit, bazillusartig, wie immer, hat sich seit
einiger Zeit ein Fehler in der Wortstellung verbreitet, der noch
vor fünfzig Jahren ganz undenkbar gewesen wäre, der Fehler, der in
Verbindungen liegt, wie den folgenden: +der Direktor Hittenkofer des
Technikums zu Strelitz+ -- +das Töchterchen Alice des Herrn Hofhotelier
Baumann+ -- +die Sektion Sterzing des österreichischen Touristenklubs+.
Hier sind zwei Konstruktionen in- und durcheinandergeschoben. Richtig
ist es, zu sagen: +der Direktor Hittenkofer+; hier ist der Name
+Hittenkofer+ das Hauptwort, und +der Direktor+ eine Apposition dazu.
Richtig ist es auch, zu sagen: +der Direktor des Technikums+; hier
ist +der Direktor+ das Hauptwort, und +des Technikums+ ein Attribut
dazu. Aber falsch ist es, beide Konstruktionen so miteinander zu
verbinden, wie es in den angeführten Beispielen geschehen ist; denn
dann ist +Hittenkofer+ das Hauptwort zu der Apposition +der Direktor+,
und gleichzeitig der +Direktor+ das Hauptwort zu dem Attribut +des
Technikums+. Will man beide Konstruktionen verbinden, so kann es
nur heißen: +der Direktor des Technikums zu Strelitz Hittenkofer+.
Dann ist +Hittenkofer+ das Hauptwort, +der Direktor+ die Apposition
dazu, und +des Technikums+ das Attribut zur Apposition. Wer ein wenig
Sprachgefühl hat, für den wird es dieser langen Auseinandersetzung
gar nicht bedurft haben. Man denke sich, daß jemand sagen wollte:
+die Ballade Erlkönig Goethes+ -- +der Doktor Meurer der Medizin+
-- +der Minister von Dallwitz des Innern+ -- +der Begründer Ritter
der wissenschaftlichen Erdkunde+ -- +das Mitglied Eugen Richter des
Reichstags+ -- jeder würde das für lächerlich und ganz unmöglich
halten, und doch wären das ganz ähnliche Verbindungen.[140]
Wer sich den logischen Verstoß, der in solchen Ineinanderschiebungen
liegt, nicht klarmachen kann, der müßte doch wenigstens stutzig werden,
wenn er den abhängigen Genitiv, der sonst immer unmittelbar auf das
Wort folgt, von dem er abhängt, hier durch ein dazwischengeschobnes
Wort davon getrennt sieht! Es wird aber niemand stutzig; man schreibt
ruhig: +der Redakteur+ Küchling des Leipziger +Tageblatts+, +der
Direktorialassistent+ Prof. Vogel des städtischen +Museums+, der
+Sekondeleutnant+ von Guttenberg +des Infanterieleibregiments+,
+der Prokurist+ Hermann Becker +der Firma+ Schimmel und Ko., +der
Insasse+ Körner +des+ hiesigen +Arbeitshauses+, +der Mönch+ Bernardus
+des Klosters+ St. Stephan, +der Roman+anfang „Waldrauschen“ der
+Gartenlaube+, +das Segelboot+ Undine +des Prinzen+ Demidoff, +der
Passagierdampfer+ Großer Kurfürst +des Norddeutschen Lloyd+, +das
Pferd+ Lippspringe +des Freiherrn+ von Reitzenstein, +die Komödie+
Hans Pfriem +des Martin Hayneccius+, +die Marmorbüste+ Die Verdammnis
+des+ kurfürstl. sächs. +Hofbildhauers+ Permoser, +der Bezirksverband+
Sachsen +des deutschen Schmiedeverbandes+, +die Ortsgruppe+ Zeitz
+des+ Allgemeinen deutschen +Schulvereins+, +der Zweigverein+
Berlin-Charlottenburg +des+ Allgemeinen deutschen +Sprachvereins+
(!), +die Haltestelle+ Zwischenbrücken +der+ Plagwitzer +Eisenbahn+,
+die Strecke+ Faido-Lavorgo +der Gotthardbahn+ und (das Neueste!):
+die Königin+ Wilhelmine +der Niederlande+, +der Prinz+ Heinrich +der
Niederlande+ und +die Königin-Mutter+ Emma +der Niederlande+. Und
die angeführten Beispiele zeigen, daß der Fehler keineswegs bloß in
Zeitungen grassiert, sondern auch in wissenschaftlichen Werken spukt.
Unleugbar hat der Fehler etwas bequemes, und das Bestreben, ihn
zu vermeiden, manchmal etwas unbequemes. Aber wird er dadurch
erträglicher? Wem es nicht gefällt, zu sagen: +die Ortsgruppe des
Allgemeinen deutschen Schulvereins Zeitz+ (natürlich ist das häßlich,
aber doch nicht wegen der Wortstellung, sondern weil einer „Ortsgruppe“
frischweg ein Städtename beigelegt wird), der sage doch: +die Zeitzer
Ortsgruppe+ des Allgemeinen deutschen Schulvereins. Das ist deutsch.
Streng genommen ist es natürlich auch falsch, zu sagen: +der
Wetterbericht+ Nr. 200 +des Meteorologischen Instituts+. Hier drängt
sich +Nr. 200+ eben so störend zwischen die beiden untrennbaren Glieder
wie in den vorher angeführten Beispielen die Eigennamen; deutsch wäre:
+der 200. Wetterbericht des Meteorologischen Instituts+. Ganz falsch
ist: eine +Stiftung+ von 7000 Mark +des Landgerichtsrat+ N. -- eine
+Handschrift+ von 240 Blatt +der Münchner Hof- und Staatsbibliothek+
-- +die Abteilung+ für Kriegsgeschichte +des Großen Generalstabs+ --
+die Adreßbücher+ für 1906 +der Städte Berlin, Bremen und Breslau+ --
+der Oberarzt+ für Hautkrankheiten +des städtischen Krankenhauses+ --
+Höhenkurort+ für Nervenschwache +ersten Ranges+ -- +Friseurgeschäft+
für Herren und Damen +ersten Ranges+ -- +der Entwurf+ zu einem Brunnen
+des Herrn Werner Stein+ -- +das Promemoria+ an die kurfürstliche
Bücherkommission +des Professors Ernesti+ -- +der Mangel+ an
Selbstbewußtsein und Selbständigkeit +der deutschen Mädchen+ -- eine
öffentliche +Vorlesung+ gegen Entree +der+ am beifälligsten begrüßten
+Produktionen+ -- ein großes +Konzert+ mit darauffolgendem Ball +der+
ganzen +Kapelle+ des Füsilierregiments Nr. 36 usw. Auch hier sind
überall zwei Konstruktionen, und zwar beidemal ein Hauptwort mit
Attribut (z. B. +der Oberarzt des städtischen Krankenhauses+ und der
+Oberarzt für Hautkrankheiten+), in unerträglicher Weise ineinander
geschoben, unerträglich deshalb, weil dadurch der Genitiv von dem
Worte weggerissen ist, zu dem er gehört. Freilich läßt sich auch in
solchen Fällen nicht immer durch bloße Umstellung helfen. Schreibt man:
+der Oberarzt des städtischen Krankenhauses für Hautkrankheiten+, so
ist zwar die unsinnige Verbindung: +Hautkrankheiten des städtischen
Krankenhauses+ beseitigt; aber dafür wird nun das Mißverständnis
möglich, daß es ein besondres Krankenhaus für Hautkrankheiten gebe. In
solchen Fällen bleibt nichts übrig, als ein Partizip zu Hilfe zu nehmen
und zu schreiben: der an dem städtischen Krankenhaus +angestellte+
Oberarzt für Hautkrankheiten. Solche Partizipia werden so oft ganz
überflüssigerweise hinzugesetzt (vgl. S. 291), daß man auch einmal eins
hinzusetzen kann, wo es notwendig ist.
Besonders schlimm sind aber nun drei Verstöße gegen die Gesetze der
Wortstellung, die zum Teil schon seit alter Zeit, zum Teil auch erst in
neuerer Zeit für besondre Feinheiten und Schönheiten gehalten werden
und deshalb nicht eindringlich genug bekämpft werden können. Der erste
ist:
Die sogenannte Inversion nach und
Als Inversion (Umkehrung, Umstellung) bezeichnet man es in der
deutschen Grammatik, wenn in Hauptsätzen das Prädikat vor das Subjekt
gestellt wird. Mit Inversion werden alle direkten Fragesätze gebildet,
aber auch Bedingungssätze, wenn sie kein Fügewort haben (+hätte
ich dich+ gesehen), und Wunsch- und Aufforderungssätze. Aber auch
Aussagesätze müssen die Inversion haben, sobald sie mit dem Objekt,
mit einem Adverbium oder einer adverbialen Bestimmung anfangen; es
heißt: +den Vater haben wir+ -- +dem Himmel haben wir+ -- +gestern
haben wir+ -- +dort haben wir+ -- +schon oft haben wir+ -- +aus
diesem Grunde haben wir+ -- +trotzdem haben wir+ -- +zwar haben wir+
-- +freilich haben wir+ -- +auch haben wir+ usw., nicht (wie im
Französischen und im Englischen) +gestern wir haben+. Ebenso ist die
Inversion in Aussagesätzen am Platze bei dem begründenden +doch+:
+habe ich es doch+ selber mit angesehen! Dagegen ist die Inversion
völlig ausgeschlossen hinter Bindewörtern; es heißt: +oder wir haben+,
+aber wir haben+, +sondern wir haben+, +denn wir haben+. Nur hinter
+und+, das doch unzweifelhaft ein Bindewort ist, halten es viele
nicht bloß für möglich, sondern sogar für eine besondre Schönheit,
die Inversion anzubringen und zu schreiben: +und haben wir+. Der
Amtsstil, der Zeitungsstil, der Geschäftsstil, sie wimmeln von solchen
Inversionen nach +und+, viele halten sie für einen solchen Schmuck
der Rede, daß sie selbst da, wo zwei Aussagesätze dasselbe Subjekt
haben, es also genügte, zu sagen: die erste +Lieferung+ ist soeben
+erschienen und liegt+ in allen Buchhandlungen zur Ansicht aus -- nur
um die Inversion anbringen zu können (!), das Subjekt wiederholen,
und zwar in der Gestalt des schönen +derselbe+, und schreiben: die
erste Lieferung ist soeben erschienen, +und liegt dieselbe+ in
allen Buchhandlungen zur Ansicht aus -- die +Fluchtlinie+ und das
+Straßenniveau werden+ vom Rate +vorgeschrieben, und sind dieselben+
dieser Vorschrift entsprechend auszuführen. Bedarf es noch weiterer
Beispiele? Wohl nicht. Sie stehen dutzendweise in jeder Zeitung. Der
Beginn der Vorstellung ist auf sechs Uhr festgesetzt, +und wollen wir+
nicht unterlassen, darauf aufmerksam zu machen -- der Verein hat sich
in diesem Jahre außerordentlich günstig entwickelt, +und finden die
Bestrebungen+ desselben allgemeine Anerkennung -- die alte Orgel war
sehr baufällig geworden, +und wurde die Reparatur+ dem Orgelbaumeister
Herrn G. übertragen -- der Austernfang ist in letzter Zeit sehr
ergiebig gewesen, +und wurden+ am Dienstag wieder 10000 Stück in die
Stadt gebracht -- sämtliche Stoffe sind von mir für Leipzig engagiert,
+und können+ daher +dieselben Muster+ nicht von andrer Seite geboten
werden -- die Ruine ist in zehn Minuten zu erreichen, +und bietet
sich+ unterhalb derselben +ein herrliches Panorama+ -- heute findet
ein nochmaliges Ochsenbraten statt, +und können wir+ den Besuch des
Restaurants nur empfehlen -- anders wird gar nicht geschrieben. Prof.
X ist hier eingetroffen, +und fand+ -- na, was fand er denn? eine
begeisterte Aufnahme? Gott bewahre! -- +und fand+ ihm zu Ehren +ein
Festmahl+ statt. Es gibt aber auch Frauen und Mädchen, die imstande
sind, auf einer Postkarte zwei Inversionen anzubringen und damit Wunder
was für ein feines Briefchen gedrechselt zu haben glauben: Nun sind die
schönen Tage in Dresden bald vorüber, +und sende ich Ihnen+ herzliche
Grüße; mein Auftreten ist gut gelungen, +und freue ich mich+ nun wieder
auf unsre gemütlichen Abende usw.
Einigermaßen erträglich wird die Inversion nach +und+, wenn an der
Spitze des ersten Satzes eine adverbielle Bestimmung steht, die sich
zugleich auf den zweiten Satz bezieht, z. B.: +hier+ hört das Rostocker
Stadtrecht auf +und fängt+ die gesunde Vernunft an -- +so+ werden unsre
Reichen mit Wintergemüse versorgt +und wird+ die Zahl der Genußmittel
um einige überflüssige vermehrt -- +zum Glück+ gibt es noch anständige
Meister +und nehmen+ die Fabriken einen großen Teil der jungen Leute
auf -- +selbstverständlich+ gehört Freigebigkeit gegen die Priester zu
den Hauptbestandteilen der Frömmigkeit +und ist Geiz+ gegen sie die
größte aller Sünden -- +zur Pflege der Geselligkeit+ fand im Januar
eine Christbescherung statt +und wurden+ im Laufe des Sommers mehrere
Ausflüge unternommen -- +wo Hindernisse im Wege stehen+ (Adverbsatz),
pflegt sich die Menge innerhalb des ersten Kreises zu halten +und
kommt+ die Überschreitung des zweiten nur selten vor. Man hat diesen
Fall besonders die „Inversion nach Spitzenbestimmung“ genannt.