Schriftsprache als Bejahung. Es ist das aber -- dessen wollen wir uns
bewußt bleiben -- eine ziemlich junge „Errungenschaft“ des Unterrichts.
In der älteren Sprache bestand, wenn auch nicht geradezu die Regel,
so doch weit und breit die Gewohnheit, daß man den Begriff der
Verneinung, um ihn zu verstärken, verdoppelte, ja verdreifachte. Diese
Gewohnheit hat sich, auch bei den besten Schriftstellern, bis weit in
das achtzehnte Jahrhundert erhalten, und der Volksmund übt sie zum
Teil noch heute. Nicht bloß Luther schreibt: ich habe +keinem nie
kein+ Leid getan,[127] auch Lessing schreibt noch: +keinen+ wirklichen
Nebel sahe Achilleus +nicht+, auch Goethe noch: man sieht, daß er an
+nichts keinen+ Anteil nimmt, auch Schiller noch: +nirgends kein+ Dank
für diese unendliche Arbeit, und der Volksmund fragt noch heute: hat
+keener kee+ Streichhelzchen +nich+? Wir mögen es bedauern, daß unter
dem Einflusse der lateinischen Grammatik diese -- falsche darf man
nicht sagen, sondern nur andre Art, zu denken, ganz verdrängt worden
ist, auch in der Volksschule, die hier ebenfalls unter dem Banne der
lateinischen Grammatik steht; aber nachdem das einmal geschehen ist,
und die doppelte Verneinung fast allgemein wie im Lateinischen (~nemo
non~) als Bejahung empfunden wird, ist es auch unmöglich, sie noch
in der alten Weise zu verwenden. Das gilt besonders auch bei den
Nebensätzen, die mit +ehe+, +bevor+, +bis+ und +ohne daß+ anfangen,
und bei Infinitivsätzen nach einem verneinten Hauptsatze. Es ist
also entschieden anstößig, zu schreiben, wie es so oft geschieht:
die Hauptfrage kann +nicht+ erledigt werden, ehe +nicht+ (oder:
bis +nicht+) die Vorfrage erledigt ist (+wenn nicht+ oder +solange
nicht+ wäre richtig) -- es gehört +keine+ große Menschenkenntnis
dazu, das +nicht+ auf den ersten Blick zu sehen. Namentlich hinter
+warnen+ erscheint ein verneinter Infinitiv, wie in den bekannten
Zeitungsanzeigen: ich +warne+ hiermit jedermann, meiner Frau +nichts+
zu borgen u. dgl., unsinnig, denn +warnen+, d. h. abraten, abmahnen,
enthält ja schon den Begriff der Verneinung.
Daß eine Verneinung eines mit +un+ zusammengesetzten Hauptworts oder
Eigenschaftsworts (+kein Un+mensch, +nicht un+gewöhnlich, +nicht
un+möglich, +nicht un+wahrscheinlich) nur eine Bejahung, und zwar eine
eigentümlich gefärbte vorsichtige Bejahung ausdrücken kann, darüber
ist sich wohl jedermann klar. Man sollte aber mit dieser doppelten
Verneinung, der sogenannten Litotes (Einfachheit), wie man sie mit
einem Ausdrucke der griechischen Grammatik bezeichnet, recht sparsam
sein. Es gibt Gelehrte -- es sind dieselben, die auf jeder Seite zwei-,
dreimal +meines Erachtens+ lispeln, als ob nicht alles, was sie sagen,
bloß ihr „Erachten“ wäre! --, die nicht den Mut haben, auch nur eine
einzige Behauptung, ein einziges Urteil fest und bestimmt hinzustellen,
sondern sich um alles mit dem ängstlichen +nicht un+-- herumdrücken. Es
gibt aber auch Leute, die so in diese Litotes verliebt sind, daß sie
sie gedankenlos sogar da brauchen, wo sie die Verneinung meinen, z. B.:
das wirkt +nicht unübel+ -- dieser Effekt war ein von dem Juden +nicht
un+erwarteter -- endlich fand sich ein Tag, an welchem (wo!) +keiner+
der drei Herren +un+behindert war -- es ist das +kein unverächtlicher+
Zug -- die Leistungen zeigen eine +nicht ungewöhnliche+ Begabung --
ein gewisser +Mangel an Nichtachtung+ des Lehrerstandes und ähnl. Ist
es doch sogar einem so scharfen Denker wie Lessing begegnet, daß er
in der Emilia Galotti geschrieben hat: +nicht ohne Miß+fallen (wo
er schreiben wollte: +nicht ohne+ Wohlgefallen, oder: +nicht+ mit
Mißfallen). Sehr häufig, viel häufiger, als es bei unserm heutigen
hastigen und gedankenlosen Lesen bemerkt wird, findet sich namentlich
die törichte Verbindung +nicht unschwer+: der Leser wird +nicht
unschwer+ erkennen -- es wird das +nicht unschwer+ zu beweisen sein
-- man wird sich +nicht unschwer+ vorstellen können. Schon +unschwer+
allein ist ein dummes Wort, wie alle solche unnötig gekünstelten
Verneinungen.[128] Nun vollends +nicht unschwer+! Und das soll heißen:
+leicht+! Erscheint nicht ein solches Hineinfallen in einen logischen
Fehler wie eine gerechte Strafe für törichte Sprachziererei? Auch wenn
jemand schreibt: der Besitzer sieht in dieser Bronze +nichts weniger+
als ein Werk des Lysipp, es ist aber nur eine römische Nachahmung --
so schreibt er gerade das Gegenteil von dem, was er sagen will; er
will sagen: der Besitzer sieht in der Bronze +nichts geringeres+ als
ein Werk des Lysipp, es ist aber +nichts weniger+ als das, es ist nur
eine römische Nachahmung. Auch wenn man gespreizt sagt: das ist +nicht
zum geringsten Teile+ der Tätigkeit unsers Vereins zu danken (anstatt
einfach: +zum größten Teile+), kann man sich nicht beschweren, wenn ein
Schalk das Gegenteil von dem heraushört, was man sagen will.
Wenn von zwei Verneinungen die zweite gesteigert werden soll, so
geschieht das durch +geschweige denn+, z. B. der Bau kann in vier
Jahren nicht ausgeführt werden, +geschweige denn+ in zweien. Ist
das erste Glied positiv, so kann +geschweige denn+ nicht angewendet
werden. Falsch ist also folgender Satz: diese Bestrebungen können
+nur+ mit universalgeschichtlichen Kenntnissen gepflegt, +geschweige
denn+ gefördert werden. Hier muß es entweder statt +geschweige denn+
heißen: und +vollends+ (vgl. S. 132), oder das erste Glied muß
ebenfalls negativ eingekleidet werden: diese Bestrebungen können ohne
universalgeschichtliche Kenntnisse +nicht+ gepflegt, +geschweige denn+
gefördert werden.
Besondere Fehler. Der Schwund des Artikels
Im Niederdeutschen ist es gebräuchlich, bei
Verwandtschaftsbezeichnungen den Artikel wegzulassen wie bei
Personennamen und zu sagen: +Vater+ hats erlaubt, +Mutter+ ist
verreist, +Tante+ ist dagewesen. Wenn das neuerdings auch in
Mitteldeutschland viele nachmachen, weil es aus Berlin kommt, so ist
das Geschmacksache; schön ist es nicht, nicht einmal traulich. Eine
widerwärtige Unsitte aber ist es, diese niederdeutsche Gewohnheit
auszudehnen auf Wörter wie: der +Verfasser+, der +Berichterstatter+,
der +Referent+, der +Rezensent+, der +Angeklagte+, der +Kläger+,
der +Redner+, der +Vorredner+ (!), der +Vorsitzende+ usw. Es wird
aber jetzt fast allgemein geschrieben: in dieser Schrift bietet
+Verfasser+ eine Anthologie aus den Hauptwerken der Klassiker der
Staatswissenschaft -- die Veröffentlichung dieses Buchs hat für
+Referenten+ ein besondres Interesse gehabt (für alle Referenten?)
-- +Berichterstatter+ bekennt gern, daß er eine solche Bemerkung nie
zu hören bekommen hat -- +Schreiber+ dieser Zeilen hat das selbst
beobachtet.
Einen zweiten Fall, wo der Artikel jetzt unberechtigterweise
weggelassen wird, vergegenwärtigen Ausdrücke wie: Denkmale +deutscher
Tonkunst+, die erste Blütezeit +französischer Plastik+, eine ältere
Epoche +deutscher Geschichte+, Fragen +auswärtiger Politik+, die Freude
an +heimischer Vergangenheit+, eine Tat +evangelischen Bekenntnisses+.
Sind denn die deutsche Tonkunst und die französische Plastik früherer
Zeiten Dinge wie französischer Rotwein und deutscher Käse, die
unaufhörlich vertilgt und neu fabriziert werden? Es sind doch ganz
bestimmt umgrenzte Mengen dauernder Erzeugnisse der menschlichen
Geistestätigkeit. Welcher Unsinn, denen den bestimmten Artikel zu
rauben! Man denke sich, daß Overbeck seine Geschichte der griechischen
Plastik Geschichte +griechischer Plastik+ genannt hätte!
Ein dritter Fall endlich -- ungefähr von derselben Art -- ist die
Geschmacklosigkeit, den bestimmten Artikel in Überschriften von
Aufsätzen und in Buchtiteln wegzulassen. Aber auch das ist jetzt
sehr beliebt. Man nimmt eine Monatsschrift zur Hand und findet im
Inhaltsverzeichnis: +Ballade+. Von X. Ei der tausend! denkt man, ist
dein guter Freund X unter die Balladendichter gegangen? und schlägt
begierig auf. Was findet man? Einen Aufsatz über die Geschichte der
Ballade! Der kann aber doch vernünftigerweise nur überschrieben werden:
+Die Ballade+. Ein bekannter Kunstsammler hat über seine Schätze ein
Prachtwerk veröffentlicht unter dem Titel: +Sammlung Schubart+. Ja, so
konnte er ins Treppenhaus über die Tür seines Museums schreiben, aber
der Buchtitel kann nur lauten: +Die Sammlung Schubart+ (wenn durchaus
französelt sein muß!). Namentlich Romane, Schauspiele und Zeitschriften
werden jetzt gern mit solchen artikellosen Titeln versehen (+Heimat+,
+Jugend+, +Sonntagskind+ u. ähnl.), aber auch andre Werke, wie:
+Stammbaum Becker-Glauch+ (das soll heißen: der Stammbaum der Familien
Becker und Glauch!). Ein bekanntes Werk von Guhl und Koner hat fünf
Auflagen lang +das Leben der Griechen und Römer+ geheißen; der neue
Herausgeber der sechsten hat es wahrhaftig verschönert zu: +Leben der
Griechen und Römer+. Zu einer wahren Seuche ist dieses Weglassen des
Artikels in den sogenannten „Spitzmarken“ der Zeitungen ausgeartet:
+Frecher Diebstahl+, +Aufgefundener Leichnam+, +Fahrrad gestohlen+,
+Mädchen vermißt+.[129]
In formelhaften Verbindungen wie: +Haus und Hof+, +Land und Leute+,
+Frau und Kinder+ bleibt der Artikel stets weg, aber nur dann, wenn die
beiden so verbundnen Hauptwörter gar keinen Zusatz haben. Falsch ist
es, zu sagen, wie es jetzt oft geschieht: der Verunglückte hinterläßt
+Frau und drei unmündige Kinder+. Er hinterläßt +Frau+ -- das ist kein
Deutsch, denn niemand sagt: +ich habe Frau, hast du Frau+?
Es gibt aber auch Fälle, wo der Artikel gesetzt wird, obwohl er nicht
hingehört. Gleich unausstehlich sind zwei Anwendungen des Artikels
-- das einemal des unbestimmten, das andremal des bestimmten -- bei
Personennamen. Für Leute von Geschmack bedarf es wohl nur folgender
Beispiele, um ihren ganzen Abscheu zu erregen: Heyse hat nie die ruhige
Größe +eines Goethe+ erreicht -- welcher unsrer großen Schriftsteller,
selbst +ein Lessing+ und +ein Goethe+, wäre von Fehlern freizusprechen!
-- und: von den Franzosen kamen +die Dumas Sohn+ und Genossen herüber
-- die Neigung und Schätzung +der Haupt, Jahn und Mommsen+ -- die
tiefeindringende Ästhetik +der Hebbel und Ludwig+. Der zweite Fall
ist ja ein gemeiner Latinismus; den ersten aber sollte man dem
Untersekundaner überlassen, der seinen ersten deutschen Aufsatz über
ein literargeschichtliches Thema schreibt, ja nicht einmal dem, denn
wie soll er sonst seinen Ungeschmack loswerden?
Natürliches und grammatisches Geschlecht
Viel Kopfzerbrechen hat schon manchem die Frage gemacht, ob man auf
Wörter wie +Weib+, +Mädchen+, +Fräulein+, +Mütterchen+ mit +es+,
+das+ und +sein+ zurückweisen müsse, oder auch mit +sie, die+ und
+ihr+ zurückweisen dürfe, mit andern Worten: ob bei solchen Wörtern
das grammatische oder das natürliche Geschlecht vorgehe. Auch bei
+Backfisch+ kann die Frage entstehen. Nun, um das Ob braucht man
sich nicht zu sorgen, es ist eins so richtig wie das andre; die
Schwierigkeit liegt nur in dem Wo und Wie, und hierüber läßt sich
keine allgemeine Regel geben, es muß das dem natürlichen Gefühl des
Schreibenden überlassen bleiben. Klar ist, daß das grammatische Subjekt
solcher Wörter um so eher festgehalten werden darf, je dichter das
Fürwort auf das Hauptwort folgt, also besonders bei dem relativen
Fürwort, das sich unmittelbar an das Hauptwort anschließt, ebenso,
wenn beide sonst nahe beieinander in demselben Satze stehen, z. B.:
+das Mädchen+ hatte frühzeitig +seine+ Eltern verloren. Es ist aber
auch nicht das geringste dagegen einzuwenden, wenn jemand schreibt: die
Dekoration stand +dem Mütterchen+ Moskau gut zu +ihrem+ alten Gesicht.
Auch bei Goethe heißt es: dienen lerne beizeiten +das Weib+ nach
+seiner+ Bestimmung, denn durch Dienen allein gelangt +sie+ endlich
zum Herrschen. Je später das Fürwort auf das Hauptwort folgt, desto
mehr schwächt sich die Kraft des grammatischen Geschlechts ab, und die
Vorstellung des natürlichen Geschlechts verstärkt sich. Deshalb ist es
auch abgeschmackt zu schreiben: die jüngere Tochter ist +ein Ausbund+
von Anmut und Gescheitheit, um +den+ sich die tanzenden Herren förmlich
reißen, wenn +er+ in der Gesellschaft erscheint. Namentlich in einer
längeren Reihe von Sätzen hintereinander das grammatische Geschlecht
solcher Wörter pedantisch festzuhalten, kann unerträglich werden.
Die Frage, ob es heißen müsse: +Ihr Fräulein Tochter+ (+Schwester+,
+Braut+) oder +Ihre Fräulein Tochter+, ist sehr leicht zu beantworten.
Das besitzanzeigende Adjektivum gehört in diesen Verbindungen nicht zu
+Fräulein+, sondern natürlich zu +Tochter+, +Schwester+, +Braut+, wozu
+Fräulein+, gleichsam in Klammern, als bloßer Höflichkeitszusatz tritt
(vgl. S. 15 die Herren Mitglieder). Es darf also nur heißen: +Ihre
[Fräulein] Braut+ -- empfehlen Sie mich +Ihrer [Fräulein] Tochter+!
Seitdem die Universitäten den Titel „Doktor“ (als ob er eine
Versteinerung wäre, von der kein Femininum gebildet werden könnte!) an
Damen verleihen, liest man auf Büchertiteln: ~Dr.~ +Hedwig Michaelson+.
Setzt man davor noch +Fräulein+, so hat man glücklich drei Geschlechter
nebeneinander: +Fräulein+ (sächlich) +Doktor+ (männlich) +Hedwig+
(weiblich). Freilich ist dabei eigentlich nichts verwunderliches.
Die Verschrobenheit der Sprache ist ja nur das Abbild von der
Verschrobenheit der Sache. Vielleicht druckt man auch noch: Fräulein
~Studiosus medicinae~ Klara Schulze.
Mißhandelte Redensarten
Für eine große Anzahl von Tätigkeitsbegriffen fehlt es im Deutschen
an einem geeigneten Zeitwort; wir können sie nur durch Redensarten
ausdrücken, die aus einem Zeitwort und einem Hauptwort bestehen.
Oft ist aber auch ein geeignetes Zeitwort vorhanden, und doch
geben viele, weil sie die Neigung haben, sich breit auszudrücken,
einer umschreibenden Redensart den Vorzug. Solche Redensarten --
unentbehrliche und entbehrliche -- sind z. B.: +Fühlung haben+,
+Gebrauch machen+, +Klage führen+, +Rechenschaft ablegen+, +Kenntnis
nehmen+, +Platz greifen+, +Wandel schaffen+, +Lärm schlagen+, +Dank
wissen+, +in Kenntnis setzen+, +zur Verfügung stellen+ und hundert
andre.
Diese Redensarten haben nun meist etwas formelhaftes. Da sie einfache
Verbalbegriffe ersetzen, so werden sie auch wie einfache Verba gefühlt.
Daraus folgt aber mit Notwendigkeit zweierlei: erstens, daß sie in
passivischen Sätzen und in Nebensätzen, wo das Zeitwort am Ende steht,
nicht zerrissen werden dürfen; zweitens, daß sie, ebenso wie wirkliche
Verba, nur mit Adverbien bekleidet werden können. Gegen beide Gesetze
wird fort und fort verstoßen.
Da schreibt man z. B.: er wurde +in Kenntnis+ von dem Geschehenen
+gesetzt+. Falsch! Es muß heißen: er wurde von dem Geschehenen +in
Kenntnis gesetzt+, denn die Redensart +in Kenntnis setzen+ vertritt
ein einfaches Verbum und darf nicht zerrissen werden. Andre Beispiele
solches gefühllosen Zerreißens sind: wenn eine der brennenden Fragen
+in Beziehung+ zur technischen Hochschule +gesetzt wurde+ -- es ist
nicht mehr als billig, daß wir +einen Begriff+ von Talenten wie
Kjelland +erhalten+ -- weil die Regierung nicht +die Hand+ zu einer
dauernden Spaltung in den Münchner Künstlerkreisen +bieten+ wollte
-- wenn auch dieser Realismus +die Brücke+ zwischen der Dichterin
und der großen Menge +schlug+ -- wer sich +eine Vorstellung+ von der
eigentümlichen Persönlichkeit Stiers +machen+ will. Der Fehler ist um
so störender, als durch das Zerreißen der Redensart der Ton von dem
Hauptwort auf das Zeitwort verlegt wird (die Hand bieten, anstatt: die
Hand bieten -- die Brücke schlug, anstatt: die Brücke schlug), auf das
Zeitwort, das meist ziemlich bedeutungslos und nur ein äußerliches
Hilfsmittel zur Bildung der Redensart ist. Läßt man die Redensart
zusammen, so bleibt auch der Ton an der richtigen Stelle.
Die andre Art, solche Redensarten zu mißhandeln, besteht darin, daß man
das Hauptwort herausreißt und mit einem Attribut bekleidet, anstatt
die Redensart zusammenzulassen und sie als Ganzes mit einem Adverb
oder einem adverbiellen Ausdruck zu bekleiden. Der häufigste Fall
ist der, daß man zu dem Hauptwort ein Adjektiv setzt, z. B. es ist
sehr zu befürchten, daß er dabei +ernstlichen Schaden nehmen werde+.
+Schaden nehmen+ ist eine Redensart, die einen einfachen passiven
Verbalbegriff vertritt (geschädigt werden, beschädigt werden). Man kann
nicht +ernstlichen+, man kann nur +ernstlich+ Schaden nehmen, wie man
nur +ernstlich+ geschädigt werden kann. Mit andern Worten: nicht der
Schade ist ernstlich, sondern das Schadennehmen, der ganze Begriff. Der
Minister +nahm+ von den Einrichtungen der Schule +eingehende Kenntnis+
-- derselbe Fehler! +Kenntnis nehmen+ ist eine Redensart, die einen
einfachen aktiven oder passiven Verbalbegriff vertritt (kennen lernen,
belehrt werden, unterrichtet werden). Man kann von einer Sache weder
eingehende, noch gründliche, noch flüchtige, noch oberflächliche
Kenntnis nehmen, man kann nur +eingehend+, +gründlich+, +flüchtig+,
+oberflächlich+ Kenntnis nehmen. In folgenden Beispielen soll das
Richtige immer gleich in Klammern hinzugesetzt werden: +bittere
Klagen führen+ (+bitter+ Klage führen) -- +gebührende Notiz nehmen+
(+gebührend+ Notiz nehmen) -- seiner Abneigung +unverhohlenen Ausdruck
geben+ (+unverhohlen+ Ausdruck geben) -- wir werden sein Andenken
stets +in hohen Ehren halten+ (+hoch+ in Ehren halten) -- sie +nahm+
immer noch +einen merkwürdigen Anteil+ an dem Herrn (+merkwürdig+
Anteil) -- der Rat wolle zu diesem Plane +wohlwollende Stellung nehmen+
(+wohlwollend+ Stellung nehmen) -- es ist nicht leicht, zu dieser
Frage +richtige Stellung+ zu nehmen (+richtig+ Stellung zu nehmen)
-- gegen das Rabattwesen wurde +scharfe Stellung genommen+ (+scharf+
Stellung genommen) -- der König besuchte das Geschäft, um die Geschenke
in +kritischen Augenschein zu nehmen+ (+kritisch+ in Augenschein
zu nehmen) -- von seinen literarischen Arbeiten +legen+ die Briefe
+ausgiebige+ Rechenschaft ab (+ausgiebig+) -- sie denken nicht daran,
mit diesen Hirngespinsten +ernsthafte Politik zu treiben+ (+ernsthaft+
Politik zu treiben) -- über meine Tätigkeit war +ein entstellender
Bericht erstattet+ worden (+entstellend+ Bericht erstattet worden)
-- die ausgestellten Gegenstände +kommen+ nicht +zu rechter Geltung+
(+recht+ zur Geltung) -- die Stimme des Unmuts im Lande soll nicht +zu
weiterm Ausdruck+ (+weiter+ zum Ausdruck) kommen -- wir können diesen
Gerüchten +keinen rechten Glauben schenken+ (+nicht recht+ Glauben
schenken) -- allen gröbern Ausschreitungen muß +ein energisches Halt
geboten werden+ (+energisch+ Halt geboten) -- die gegnerische Presse
hat +gewaltigen Lärm geschlagen+ (+gewaltig+ Lärm geschlagen) -- das
Gottesgnadentum hatte unter seinem Vater +trostlosen Schiffbruch
gelitten+ (+trostlos+ Schiffbruch gelitten) -- hier wäre Grund
vorhanden, +bessernde Hand anzulegen+ (+bessernd+ Hand anzulegen)
-- die Zeit +schafft+ oft unerwartet +schnellen Wandel+ (+schnell+
Wandel) -- er +brachte+ die Angelegenheit +zum ausführlichen Vortrag+
(+ausführlich+ zum Vortrag) -- ich erlaube mir, meinen schönen Garten
mit Kolonnaden +in empfehlende Erinnerung zu bringen+ (+empfehlend+ in
Erinnerung zu bringen).
Ebensowenig wie Eigenschaftswörter dürfen natürlich Zahlwörter oder
besitzanzeigende Adjektiva in solche Redensarten eingefügt werden. Da
schreibt einer über die Tagespresse: man muß +zwischen ihren Zeilen
lesen+. Unsinn! Man muß +bei ihr zwischen den Zeilen lesen+! Denn
+zwischen den Zeilen lesen+ ist eine formelhafte, unveränderliche
Redensart, die nur durch einen adverbiellen Zusatz (+bei ihr+) näher
bestimmt werden kann. Ein andrer schreibt: der +erste Sturm+ sollte
gegen das Großkapital +gelaufen+ werden. Doppelter Unsinn! Erstens weil
der Sturm gezählt, zweitens weil die Redensart zerrissen ist. Es muß
heißen: +zuerst+ sollte gegen das Großkapital +Sturm gelaufen werden+.
Ebenso ist doppelt fehlerhaft: wir müssen +fleißigern Gebrauch+ von der
Rute +machen+ (richtig: wir müssen +fleißiger+ von der Rute +Gebrauch
machen+) -- die Zeit, wo der Fürst noch +unmittelbare Fühlung+ mit
dem Volke +hatte+ (richtig: +unmittelbar+ mit dem Volke +Fühlung
hatte+) -- +besonderen Dank+ wird der Leser dem Herausgeber für die
kurzen Einleitungen +wissen+ (richtig: +besonders+ wird der Leser dem
Herausgeber für die kurzen Einleitungen +Dank wissen+) -- +besondre
Obacht+ mußte darauf +gegeben werden+, daß sich keiner der Buße
entzog (richtig: +besonders+ mußte darauf +Obacht gegeben werden+) --
von konservativer Seite wird +laute Klage+ über die antisemitischen
Demagogen +geführt+ (richtig: wird +laut+ über die antisemitischen
Demagogen +Klage geführt+).[130]
Ein Attribut kann ja aber auch in der Form eines abhängigen Genitivs
erscheinen; auch in dieser Form kommt der Fehler sehr oft vor. Da
schreibt man: die Ärzte müssen die ganze Nacht +zur Verfügung der
Wache stehen+ -- sämtliche Verhafteten wurden +zur Verfügung des+
französischen +Botschafters+ gestellt -- wenn +sich+ die Kammer +zur
Verfügung der+ größten +Schwindelei+ des Jahrhunderts stellt (muß
heißen: der Wache +zur Verfügung stehen+ usw.) -- die Streitfragen,
+die auf der Tagesordnung ihrer Wissenschaft stehen+ (muß heißen: +in
ihrer Wissenschaft auf der Tagesordnung stehen+) -- es sollen ganz
bestimmte Gegenstände +zur Beratung der Konferenz gestellt werden+
-- (muß heißen: +der Konferenz zur Beratung gestellt werden+) --
die Dame, +in deren Mund+ die Erzählung +gelegt ist+ (muß heißen:
der die Erzählung +in den Mund gelegt ist+). Auch in diesen Fällen
wird überdies die Redensart zerrissen, in den meisten entsteht ein
Gallizismus (~mettre à la disposition de quelqu’un~).
Sowenig aber das Hauptwort einer solchen formelhaften Redensart mit
einem Attribut bekleidet werden kann, so wenig kann es endlich mit
einem Relativsatz behängt werden. Auch ein Relativsatz kann sich immer
nur an den Gesamtbegriff der Redensart, aber nicht an den Bestandteil
anschließen, den das Hauptwort bildet. Aber auch dieser Fehler, der
große Unbeholfenheit verrät, ist etwas sehr gewöhnliches, wie folgende
Beispiele zeigen: die Versuche +blieben nicht ohne Eindruck, der+ (!)
aber durch die nachfolgenden Ereignisse bald wieder verwischt wurde --
namentlich +waren+ die Schöpfungen der Pariser Architektur auf ihn +von
Einfluß, der+ (!) bis zu seinen letzten Werken nachhaltend geblieben
ist -- ein solches Unternehmen muß in Einzelheiten +Widerspruch
hervorrufen+, +der+ (!) dann auch auf die Beratung des Ganzen Einfluß
übt -- da +stand er+ nun in +Verlegenheit, an die+ (!) er gar nicht
gedacht hatte -- auf seine Bitten erhielt er in dieser Sprache
+Unterricht, den+ (!) er selbst so anziehend geschildert hat -- die
Scheune +geriet in Brand, der+ (!) erst nach einer Stunde gelöscht
wurde -- Vischer +redet sich+ alle Galle +vom Herzen, das+ (!) im
deutschen Bruderkriege 1866 blutete.
Etwas erträglicher wird der Fehler, wenn man das Hauptwort der
Redensart mit einer Art von Anaphora wiederholt, z. B.: man hat den
Eindruck, daß beide in dem Augenblick der Entscheidung +Friede gemacht
haben, einen Frieden+, der auch dem unterliegenden Teile zugute kommt.
Schwache Gemüter können hier zugleich rein äußerlich sehen, worauf es
ankommt: in der Redensart erscheint das Hauptwort ohne Artikel, in der
Anaphora mit Artikel; bezeichnend ist dabei der Unterschied, den der
Schreibende (unwillkürlich?) zwischen der ältern und der jüngern Form
+Friede+ und +Frieden+ gemacht hat. Oft berühren sich nämlich solche
unveränderliche formelhafte Redensarten nahe mit andern Wendungen, die
nichts formelhaftes haben, sondern im Augenblick gebildet sind und
jeden Augenblick anders gebildet werden können. Die sind aber dann von
formelhaften Wendungen leicht zu unterscheiden, äußerlich gewöhnlich
schon dadurch, daß in der Formel das Hauptwort keinen Artikel hat. Eine
zweifellos formelhafte Redensart ist: +zu Ohren kommen+. Daher wird
niemand sagen: es ist +zu meinen Ohren gekommen+, oder es ist +zu Ohren
des Ministers+ gekommen, sondern: es ist +mir zu Ohren gekommen+, es
ist +dem Minister zu Ohren gekommen+. Zweifeln kann man dagegen, ob
auch +zur Kenntnis kommen+ formelhaft sei. Der Vorgang kam +zu meiner
Kenntnis+ oder +zur Kenntnis des großen Publikums+ dürfte ebensogut
sein wie: er kam +mir zur Kenntnis+ oder +dem Publikum zur Kenntnis+.
Die Grenze ist hier manchmal schwer zu ziehen; wer Sprachgefühl hat,
wird meist ohne weiteres das Richtige treffen, wer keins hat, wird auch
bei aller Belehrung danebentappen.