Bei periodisch wiederkehrenden Handlungen antwortet auf die Frage:

wie oft? der Genitiv von +alle+ mit einem Zahlwort, z. B.: +aller

vierzehn Tage+, +aller vier Wochen+, +aller zwei Stunden+, +aller

halben Jahre+, +aller Vierteljahre+, +aller hundert Jahre+, ja sogar

ohne Zahlwort: +aller Augenblicke+. Wenigstens in Mitteldeutschland,

namentlich in Sachsen und Thüringen, ist dieser Genitiv allgemein, bei

Hoch und Niedrig, im Gebrauch. Nicht bloß die Leipziger Straßenjugend

spottete von der Leipziger Pferdebahn: und +aller fünf Minuten+, da

bleibt de Karre stehn -- auch die gebildete Mutter sagt zu ihrem Kinde:

bleib doch nicht +aller zehn Schritte+ stehen, oder: du bleibst +ja

aller drei Zeilen hängen+, oder: so was kommt nur +aller Jubeljahre+

einmal vor (wobei der Zahlbegriff in +Jubel+ steckt: 25, 50, 100), ja

sogar: komm doch nicht +aller Nasen lang+ gelaufen, oder: du störst

mich +aller Augenblicke+, und der Arzt schreibt auf das Rezept: +aller

zwei Stunden+ einen Eßlöffel voll zu nehmen. Mit dem Akkusativ, wie

er in Nord- und Süddeutschland üblich ist, erscheint uns nicht das

Periodische, die Wiederkehr der Handlung in gleichen Zeitabständen,

ausgedrückt. Wenn ich sage: das kann ich +alle Augenblicke+ tun, oder

von einem geladnen Geschoß: geh zurück! es kann +alle Augenblicke+

losgehen, so heißt das nichts andres als: +jeden Augenblick+,

+jederzeit+, +sogleich+, +sofort+. Sage ich dagegen: es blitzt +aller

Augenblicke+, so heißt das (natürlich mit einer starken Übertreibung):

es blitzt in regelmäßigen Abständen von je einem Augenblick. Wenn sich

jemand beklagt, er habe vierzehn Tage an einem langweiligen Badeorte

sitzen müssen, so kann ich ihn fragen: bist du denn +alle vierzehn

Tage+ dort gewesen? Das ist eine Zeitdauer, keine Wiederholung. Wenn

sich aber die Landpfarrer in regelmäßigen Zwischenräumen von je

vierzehn Tagen zu einer Konferenz in der Stadt zusammenfinden, so

kommen sie nicht +alle+, sonder +aller vierzehn Tage+. Eine Berliner

Zeitschrift verspricht ihren Lesern auf dem Umschlag +alle sieben Tage+

ein Heft. Sie hält aber ihr Versprechen nicht, denn sie bringt nur

+aller sieben Tage+ eins. Wenn ich sage: ich reise +alle Jahre+ nach

Italien, so kann ich das einemal im März, das andremal im Mai, das

drittemal im Oktober reisen. Will ich dagegen sagen, daß ich die Reise

in genauen Abständen von je einem Jahre mache, so würde ich zwar nicht

sagen: +aller Jahre+ (das ist nicht gebräuchlich), wohl aber, wo es

auf eine genaue Bestimmung einer periodisch wiederkehrenden Handlung

ankommt: +aller zwölf Monate+.[122]

Da es sich bei diesem eigentümlich gefärbten „distributiven“ Genitiv,

wie man ihn treffend genannt hat, keineswegs um einen niedrigen

Provinzialismus handelt, sondern um eine mundartliche Feinheit, deren

das Norddeutsche wie das Süddeutsche entbehrt, so kann es uns niemand

verdenken, wenn wir ihn nicht dem unklaren, doppelsinnigen Akkusativ

zuliebe fallen lassen. Wir bleiben fest bei unserm +aller vier Wochen+!

Donnerstag und Donnerstags -- nachmittag und nachmittags

Auch auf die Frage: wann? muß bei periodisch wiederkehrenden Handlungen

stets der Genitiv stehen. Auf die Frage: wann ist der Eintritt ins

Museum frei? kann nur geantwortet werden: +Montags und Donnerstags+,

wenn damit gesagt sein soll, daß es jeden Montag und jeden Donnerstag

so sei. Ebenso bezeichnet +morgens+, +mittags+, +vormittags+,

+nachmittags+, +abends+ Handlungen, die jeden Morgen, jeden Mittag usw.

geschehen. Die einmalige Handlung dagegen wird durch den Akkusativ

ausgedrückt. Aber auch hier herrscht jetzt Verwirrung. Genitive wie

+Sonntags+, +Montags+ gelten jetzt lächerlicherweise manchen beim

Schreiben für unfein, und umgekehrt drängt sich wieder der Genitiv

dahin, wo er nicht hingehört. In der Umgangssprache wird er schon

ganz anstandslos auch von einmaligen Handlungen gebraucht: kommst du

+mittags+ zurück? Nein, ich komme erst +abends+ zurück. Es muß heißen:

+zu Mittag+ und +am Abend+ oder mit dem bloßen Akkusativ: +Mittag+,

+Abend+. Also: ich bin heute +mittag+ in Berlin, aber heute abend schon

wieder in Leipzig; dagegen: ich bin +mittags+ stets in Berlin, +abends+

stets in Leipzig.[123] Ganz abscheulich ist es, zu schreiben: +anfangs

April+, +anfangs Dezember+, +anfangs der+ fünfziger Jahre, +anfangs der

Spielzeit+, es muß unbedingt heißen: +Anfang April+, +Anfang Dezember+,

wie +Mitte Dezember+, +Ende Dezember+. Auch +Anfang+, +Mitte+, +Ende+

sind hier Akkusative, +Dezember+ ein (natürlich schlechter!) Genitiv

(vgl. S. 8). +Anfangs+ kann immer nur allein als Adverbium stehen, im

Gegensatze zu +dann+, +später+, +endlich+ (+anfangs+ wollt ich fast

verzagen).

Drei Monate -- durch drei Monate -- während dreier Monate

Ein widerwärtiger Mißbrauch, der aber auch neuerdings für vornehm gilt

-- natürlich! es klingt ja französisch --, ist der Gebrauch, auf die

Frage: +wie lange+? mit +während+ zu antworten: wir waren +während

dreier Monate+ in der Schweiz -- dieses Geräusch blieb +während

einiger Minuten+ hörbar -- man sprach +während einiger Wochen+ von

nichts als von dieser Unternehmung -- die Prüfungskommission, der

Gottfried Kinkel +während einer Reihe+ von Jahren angehört hat --

die Lehren, die +während achtzehn Jahrhunderten+ als die Grundlage

rechtgläubigen Christentums angesehen worden sind -- der Clavigo wurde

+während weniger Tage+ in einem Gusse geschaffen -- die Naturaldienste

wurden nur +während weniger Tage+ im Jahre geleistet.

Während kann nie auf die Frage: wielange? antworten, sondern immer

nur auf die Frage: wann? Vielleicht ist es nicht allen Lesern in der

Erinnerung, wie die Präposition +während+ entstanden ist. Noch im

achtzehnten Jahrhundert schrieb man +währendes Frühlings+, +währendes

Krieges+. Allmählich wurde dieser absolute Genitiv mißverstanden, eine

Zeit lang wußte man nicht recht, ob man +währendes+ oder +während des+

hörte, und schließlich sprang der Partizipialstamm von der Endung

ab und wurde -- tatsächlich also durch ein Mißverständnis, durch

eine Sprachdummheit -- zu einer Präposition. Trotzdem erhielt sich

bei richtiger Anwendung der ursprüngliche Sinn: es wird ein Vorgang

zusammengestellt mit einem andern Vorgange, mit dem er entweder ganz

oder teilweise zeitlich zusammenfällt; er lag +während des Kriegs+

im Lazarett -- +während des Vortrags+ darf nicht geraucht werden --

+während des Gewitters+ waren wir unter Dach und Fach. Der Krieg,

der Vortrag, das Gewitter sind Vorgänge, Ereignisse. Aber ein Tag,

ein Monat, ein Jahr, ein Jahrhundert sind bloße Zeitabschnitte oder

Zeitmaße. Er lag +während dreier Monate+ im Lazarett -- ist völliger

Unsinn, denn drei Monate sind kein Ereignis, womit der Aufenthalt im

Lazarett zeitlich verglichen würde, sondern sie bedeuten einfach die

Zeitdauer; diese kann aber nur ausgedrückt werden durch den Akkusativ

+drei Monate+ oder +drei Monate lang+. Der Clavigo wurde nicht +während

weniger Tage+, sondern +in wenigen Tagen+ geschaffen. Aber kann man

denn nicht sagen: +während des Tags+? Gewiß kann man das; aber dann

ist +Tag+ nicht als Zeitmaß gebraucht, sondern als Erscheinung der

Nacht gegenübergestellt: +während des Tags+ scheint die Sonne. Die

Sonne hat nur +während eines Tags+ geschienen -- das ist Unsinn; die

Sonne hat +während meiner Ferien nur einen Tag+ geschienen -- das hat

Sinn. Aber alle Romanschreiber und besonders alle Romanschreiberinnen

spreizen sich jetzt mit diesem albernen, dem französischen ~pendant~

nachgeäfften Mißbrauch.

+Durch fünfzehn Monate+ endlich, +durch lange Zeit+, +durch fünf

Minuten+, wie die Zeitungen jetzt auch gern auf die Frage: wielange?

schreiben (die heldenmütigen Frauen, die +durch fünfzehn Monate+ mit

ihren Kindern im Buschwalde umherirrten -- dieses Gefühl war +durch

lange Zeit+ künstlich genährt worden -- das Publikum lärmte und

applaudierte +durch+ wenigstens +fünf Minuten+), ist ganz undeutsch. Es

ist ein gedankenlos dem Lateinischen nachgebildeter Austriazismus, der

aus österreichischen Zeitungen in unsre Sprache geschleppt worden ist.

Am (!) Donnerstag den (!) 13. Februar

Ein abscheulicher Fehler, der wieder recht ein Zeichen der immer

mehr zunehmenden Verrohung unsers Sprachgefühls ist, ist die gemeine

Zusammenkoppelung des Dativs und des Akkusativs, die neuerdings bei

Datenangaben aufgekommen ist und mit unbegreiflicher Schnelligkeit um

sich gegriffen hat. Fast alle Behörden, alle Berichterstatter, alle

Programme, alle Einladungen schreiben: +am+ Donnerstag, +den+ 13.

Februar. Sogar die amtlichen stenographischen Berichte des Reichstags

sind so überschrieben!

Jede von beiden Konstruktionen für sich allein wäre richtig. Auf die

Frage: wann ist das Konzert? kann ebensogut mit dem bloßen Akkusativ

geantwortet werden: +den+ Donnerstag, wie mit an und dem Dativ: +am+

Donnerstag.[124] Aber beide Konstruktionen zusammenzukoppeln, einen

Akkusativ als Apposition zu einem Dativ zu setzen, ist greulich.

Fühlt man das gar nicht? Was glaubt man denn, daß es für ein Kasus

sei, wenn auf die Frage: wann wird er zurückkehren? geantwortet wird:

+Donnerstag+. Ist man so stumpfsinnig geworden, daß man hier den

Akkusativ nicht mehr fühlt, auch wenn der Artikel nicht dabeisteht?

wenn bloß geschrieben wird: +Donnerstag+, den 13. Februar? Nun meinen

ja manche den Fehler zu vermeiden und ihre Sache sehr gut zu machen,

wenn sie schreiben: +am+ Donnerstag, +dem+ 13. Februar. Aber da kommen

sie aus dem Regen in die Traufe! (vgl. S. 253). Nein nein, es gibt nur

+ein+ Heilmittel: man lasse das dumme am wieder weg, und alles ist in

Ordnung.

Man schreibt aber auch schon: +vom Ende+ Februar, +vom+ Dienstag, +den+

6. dieses Monats ab. Das ist fast noch abscheulicher. Die Akkusative

+Ende+ Februar, +Dienstag, den+ 6. gelten für den Satzbau genau so viel

wie jedes Adverbium der Zeit, das auf die Frage wann? antwortet, wie

+gestern+, +heute+, +morgen+ usw. Ebenso nun wie auf die Fragen: von

wann? und bis wann? geantwortet wird: +von heute bis morgen+, ebenso

muß auch geantwortet werden: +von Ende Februar+, +von Dienstag, den

6. bis Donnerstag, den 8. April+. Denn nicht +Ende+ oder der Artikel

+den+ hängt von der Präposition +von+ ab, sondern die ganze, wie ein

Adverbium der Zeit aufzufassende Formel: +Dienstag, den 6+.

Derselbe Fall kommt auch bei Ortsbestimmungen vor. +Zuhause+, das

auf die Frage wo? antwortet, wird für die Konstruktion ganz zum

Ortsadverbium, wie +hier+, +dort+, +oben+, +unten+ u. a. Auf die Frage:

wo kommst du her? ist es also durchaus nicht falsch, zu antworten:

+von zuhause+. Wir in Mitteldeutschland sagen immer so (nicht wie der

Norddeutsche sagt: +von Hause+, das uns fremdartig und geziert klingt),

ebenso wie wir auch sagen: er spricht viel +von zuhause+, er denkt den

ganzen Tag +an zuhause+. (Goethe: ich freue mich recht +auf nachhause+!)

Bindewörter. Und

Auch der Gebrauch der Bindewörter hält sich jetzt nicht frei von

Fehlern und namentlich nicht frei von Geschmacklosigkeiten, die sich

aber natürlich gerade deshalb, weil sie so geschmacklos sind, besondrer

Beliebtheit erfreuen. Richtig angewandt werden ja im allgemeinen die

geläufigen Verbindungen: +nicht nur -- sondern auch+, +sowohl -- als

auch+, +entweder -- oder+, +weder -- noch+; doch kann man bisweilen

auch Sätze lesen, wo falsch +nicht nur -- aber auch+ gegenübergestellt

sind. Feiner und weniger geläufig ist die Verbindung +nicht sowohl --

als vielmehr+. Bei den vorhergehenden Verbindungen sind entweder beide

Glieder bejahend oder beide verneinend; hier ist das erste verneinend

und das zweite bejahend. Mit dieser Verbindung wissen manche nicht

recht umzugehn; sie möchten sich aber doch auch gern damit zieren und

schreiben dann: +nicht sowohl+ was die Anzahl, +sondern mehr+ was die

Bedeutung der Stücke betrifft.

Aber selbst bei dem einfachen +und+ werden Fehler gemacht. Ein sehr

gewöhnlicher Fehler entsteht dadurch, daß sich der Schreibende nicht

genügend klar darüber ist, wieviel Glieder er vor sich hat. Da schreibt

z. B. einer -- gleich auf dem Titelblatt eines Buches! --: Geschichte

+der Seuchen, Hungers- und Kriegsnot+ im Dreißigjährigen Kriege.

Wieviel Glieder sind das, zwei oder drei? Der Schreibende hat es für

drei gehalten, es sind aber nur zwei. Das erste Glied ist +Seuchen+,

das zweite ist +Hungers- und Kriegsnot+, und dieses besteht selber

wieder aus zwei Gliedern. Folglich fehlt die Verbindung zwischen dem

ersten und dem zweiten Gliede. Vielleicht fürchtet man sich vor einem

doppelten +und+ -- es spielt da wieder der Aberglaube herein, daß man

nicht kurz hintereinander zweimal dasselbe Wort gebrauchen dürfe! --,

aber die Logik verlangt es hier unbedingt. Beseitigen wir noch den

zweiten groben Fehler, daß der Plural +der+ vor +Seuchen+ zugleich als

Singular auf +Hungersnot+ bezogen ist, so lautet das Ganze richtig:

Geschichte +der Seuchen und der Hungers- und Kriegsnot+ usw. Ähnliche

Beispiele, wo überall ein +und+ fehlt -- wo? deuten die Klammern an

--, sind folgende: ~Ex-Libris~, Zeitschrift für Bücherzeichen- []

Bibliothekskunde +und+ Gelehrtengeschichte -- die Beziehungen zum Hofe

von Alexandrien [] zur alexandrinischen Kunst +und+ Wissenschaft -- das

Material entnimmt er seinen eignen Erinnerungen [] Aufzeichnungen +und+

Briefen aus dem schleswig-holsteinischen Archiv -- ein gemeinsames

Münz-, Maß- [] Gewichtssystem [] Patent- +und+ Markenschutzrecht --

Hundegeschirre, Hand- [] Kinderwagen +und+ Rollstühle -- ein Gärtchen,

in dem er Gemüse baute [] Blumen +und+ Bienen pflegte -- das schlechte

Essen [] Trinken +und+ die lästigen Fliegen -- wer lesen, schreiben []

rechnen kann +und+ täglich seine Zeitung liest. In allen diesen Fällen

liegen nur zwei (oder drei) Glieder vor, von denen aber das eine selbst

wieder aus zwei oder mehr Gliedern besteht, und in den meisten Fällen

fehlt das +und+ gerade da, wo die beiden Hauptglieder miteinander

verbunden werden müssen. Es ist genau so, wie wenn jemand schreiben

wollte: die Räuber, Kabale und Liebe anstatt: die Räuber +und+ Kabale

und Liebe. Derselbe Fehler findet sich auch bei +oder+: z. B. die

Beeinträchtigung eines künstlerisch bedeutungsvollen Platzes [],

Straßen- +oder+ Stadtbildes. Hier muß auch hinter +Platzes+ unbedingt

noch ein +oder+ stehen.

Eine rechte Dummheit ist es, wenn auf Buchtiteln, in

Buchhändleranzeigen, auf Konzertprogrammen usw. von zwei Männern, die,

entweder gleichzeitig oder nacheinander, der eine vielleicht nach dem

Tode des andern, an einem Werke gearbeitet haben, die Namen durch

Bindestriche miteinander verbunden werden, z. B.: kritische Ausgabe

+von Lachmann-Muncker+, Quellenkunde von +Dahlmann-Waitz+, Phantasie

+von Schubert-Liszt+, der Denkmalsentwurf von +Schmitz-Geiger+. Zwei

Namen so zu verbinden hat allenfalls Sinn, wenn der Mann zu seinem

Namen den der Frau oder (wie in der Theaterwelt) die Frau zu dem

ihrigen den des Mannes fügt. Aber zwei (!) Personen durch einen solchen

Doppel- und Koppelnamen zu bezeichnen ist doch sinnwidrig. Warum denn

nicht: kritische Ausgabe von +Lachmann und Muncker+? Wozu solches

Telegrammgestammel, wo es gar nicht nötig ist? Aber die Franzosen

reden doch auch von +Erckmann-Chatrian+. Das wars! das muß doch wieder

nachgemacht werden. Aber es ist wieder nur gedankenlose Nachäfferei,

denn diese beiden +wollten+ doch den Schein erwecken, daß sie nur

+eine+ Person wären![125]

Dieselbe Dummheit -- einen Bindestrich statt +und+ zu schreiben --

ist aber auch sonst noch verbreitet, namentlich in den beliebten

Verbindungen: +kritisch-historisch+, +historisch-kritisch+,

+religiös-sittlich+, +religiös-sozial+, +sozial-wirtschaftlich+,

+sozial-ethisch+, +technisch-konstruktiv+, +wirtschaftlich-technisch+,

+hygienisch-therapeutisch+ usw. Welche Unklarheit und Verwirrung haben

diese törichten Koppelwörter schon in den Köpfen angerichtet! Kann

es einen größern Unsinn geben als +religiös-sittlich+? Religion und

Sittlichkeit sind doch zwei ganz verschiedne Gebiete. Kann es einen

größern Unsinn geben als +historisch-kritische+ Anmerkungen? Eine

historische Anmerkung ist doch keine kritische, und eine kritische

keine historische.

Sehr beliebt ist jetzt auch die Abgeschmacktheit -- sie stammt aus

Österreich --, statt +und zwar so+ zu schreiben: +so zwar+, z. B.:

entscheidend sind die Leistungen im Deutschen, +so zwar+, daß ein

Schüler, der im Deutschen nicht genügt, für nicht bestanden (!) erklärt

wird. Wer logisch denkt, wird hinter +so zwar+ stets noch ein zweites

Glied erwarten: +aber doch auch so+, daß usw.

Eine ganz neue Dummheit ist es, auf Quittungen, Wechseln u. dgl. in der

Angabe der Geldsumme statt +und+ zu schreiben auch: 75 Mark +auch+ 20

Pfennige. Das ist schwedisch, aber nicht deutsch: ~utan svafvel +och+

fosfor~.

Falsch ist es, einen Satz mit +denn+ an einen untergeordneten Nebensatz

anzuknüpfen, z. B.: leider ist der Brief +nicht so bekannt geworden+,

wie er es verdiente, +denn+ er ist für den Entwicklungsgang des

Künstlers von großer Wichtigkeit. Man erwartet: +denn+ er ist an einer

sehr versteckten Stelle abgedruckt. An einen untergeordneten Nebensatz

kann sich nie ein bei- oder nebengeordneter anschließen.

Als, wie, denn beim Vergleich

Ob es richtiger sei, zu sagen: +größer als+ oder +größer wie+,

läßt sich am besten mit Hilfe der Sprachgeschichte beantworten. In

der Anwendung der drei vergleichenden Bindewörter +als+, +wie+ und

+denn+ ist im Laufe der Zeit eine Verschiebung vor sich gegangen. Im

Althochdeutschen und noch im Mittelhochdeutschen stand (wie noch heute

im Englischen) hinter dem Komparativ stets ~danne~, ~dan~, ~denne~,

z. B.: ~wîzer dan ein snê~ (weißer +denn+ Schnee). +Denn+ bezeichnete

also die Ungleichheit. Hinter dem Positiv stand damals stets ~alsô~

(d. h. ganz so), ~alse~, ~als~, z. B.: ~wîz als ein swan~ (weiß +als+

ein Schwan). +Als+ bezeichnete also die Gleichheit, und zwar nicht nur

hinter dem Positiv, sondern auch bei andern Vergleichungen, wie bei

Luther: wer nicht das Reich Gottes empfängt +als+ ein Kind -- du sollst

deinen Nächsten lieben +als+ dich selbst -- und auch in vergleichenden

Zwischensätzen: +als+ sich gebührt. Wie endlich, althochdeutsch

~hwêo~ oder ~hwio~, war ursprünglich überhaupt keine vergleichende

Konjunktion, sondern nur Fragewort.

Allmählich erweiterte sich aber das Gebiet von +als+ so, daß es nicht

bloß bei der Gleichheit, sondern auch bei der Ungleichheit, hinter dem

Komparativ verwendet wurde und dort das alte +denn+ verdrängte. Dafür

wurde aber +wie+ zur Vergleichungspartikel und fing nun seinerseits

an, das alte +als+ da zu verdrängen, wo dieses früher die Gleichheit

bezeichnet hatte, ja es drang sogar noch weiter vor, bis an die

Stelle von +denn+ und bezeichnete nun ebenfalls auch die Ungleichheit

(+größer wie+). Diese Verschiebung, die schon im sechzehnten

Jahrhundert beginnt, ist im siebzehnten und achtzehnten in vollem Gange

und ist eigentlich auch jetzt noch nicht ganz, aber doch ziemlich

abgeschlossen. Daß sie noch nicht ganz abgeschlossen ist, daher stammt

eben das Schwanken.

Wenn man also auch nicht behaupten kann, es sei falsch, zu sagen:

+so weiß als+ Schnee, es dürfe nur heißen: so +weiß wie+ Schnee, so

trifft man doch ungefähr das richtige, wenn man sagt: +denn+ als

Vergleichungspartikel ist veraltet (nur in gewissen Verbindungen wie:

mehr +denn je+ ist es noch üblich), +als+ bezeichnet die Ungleichheit

(+anders als+) und gehört hinter den Komparativ (wie lat. ~quam~,

franz. ~que~, engl. ~than~), +wie+ bezeichnet die Gleichheit und

gehört hinter den Positiv (wie lat. ~ut~, franz. ~comme~, engl.

~as~). Es könnte nichts schaden, wenn der Unterricht in diesem Sinne

etwas nachhülfe und dadurch dem Schwanken ein Ende machte. +Wie+ auch

hinter dem Komparativ zu gebrauchen (er sieht ganz +anders+ aus +wie+

die üblichen Sterblichen), müßte dann natürlich der Gassensprache

überlassen bleiben. Leider verbreitet es sich neuerdings wieder mehr

und mehr auch in der Schriftsprache (+besser wie+, +mehr wie je+), wo

es dann unsäglich gemein wirkt.

Erhalten hat sich noch die ursprüngliche Bedeutung von +als+ im Sinne

der Übereinstimmung bei den Appositionen hinter +als+: +als Knabe+,

+als Mann+, +als König+, +als Gast+, +als Fremder+. Da kommt es nun

nicht selten vor, daß dieses +als+ unmittelbar hinter ein +als+ beim

Komparativ tritt, z. B.: er betrachtete und behandelte den jungen

Mann mehr als Freund, +als als+ Untergebnen. In diesem Falle pflegt

-- nach dem alten, nun schon oft bekämpften Aberglauben -- gelehrt

zu werden, es müsse heißen: +denn als+ Untergebnen; das Wort +als+

dürfe nicht zweimal hintereinander stehen. Und so schreibt man denn

auch meist ängstlich: die Trennung der Christenheit hat sich eher

als Gewinn +denn als+ Schädigung erwiesen -- Bismarck fühlte sich

weniger als deutscher Staatsmann +denn als+ der ergebne Diener des

Hauses Hohenzollern -- manche Gymnasiallehrer stellen sich lieber als

Reserveoffiziere +denn als+ Bildner der Jugend vor. Es fragt sich aber

doch sehr, was anstößiger sei: das doppelte +als+ oder das auffällige,

gesuchte, veraltete +denn+, das sonst niemand mehr in diesem Sinne

gebraucht. Die Umgangssprache, auch die der Gebildeten, setzt

unbefangen ein doppeltes +als+: mir hat Lewinsky besser als Shylock

+als als+ Mohr gefallen. Ein feiner Satz ist: Friedrich Wilhelm der

Vierte haßte die Revolution nicht bloß +wie+, sondern +als+ die Sünde.

Hier sieht man deutlich hinter +wie+ die Vergleichung, hinter +als+ die

Übereinstimmung.

Die Verneinungen

In dem Gebrauche der Verneinungen ist es zunächst eine häßliche

Gewohnheit der Amts- und Zeitungssprache, statt +keiner+ und +nichts+

immer zu sagen: +einer nicht+, +etwas nicht+, z. B. dieser Orden wird

auch an solche Personen verliehen, die +einen+ Hofrang +nicht+ besitzen

-- diesem Unterschied ist +eine+ größere Tragweite +nicht+ beizumessen

-- wenn nachgewiesen wird, daß dieser Versuch +einen+ günstigen Erfolg

+nicht+ gehabt hat -- von der Opposition hatte sich +ein+ Redner, um

diese scharfen Angriffe zurückzuweisen, +nicht+ gemeldet -- das Patent

schließt sich der Ansicht an, daß in dem vorgelegten Maschinenteil

+eine+ wesentliche, zur Erleichterung der Anwendung beitragende neue

Erfindung +nicht+ gemacht sei -- den auf die Tagesordnung zu stellenden

Vorträgen wird +eine+ Erörterung +nicht+ folgen -- die Deputation fand

gegen alles dieses +etwas nicht+ einzuwenden -- durch die neuerlichen

(!) Bestimmungen wird im übrigen an den bestehenden Einrichtungen

+etwas nicht+ geändert (was mag dieses Etwas sein?). Eine solche

Trennung -- eine Nachahmung des Lateinischen -- ist nur dann am Platze,

wenn das Hauptwort betont und einem andern Hauptworte gegenübergestellt

wird, z. B.: +ein Erfolg+ ist bis jetzt +nicht+ zu beobachten gewesen

-- wo +Erfolg+ vorangestellt und vielleicht den vorher besprochnen

Bemühungen gegenübergestellt ist.[126]

Allerhand Sprachdummheiten Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen · 第 21 / 41 段