Eine grauenvolle Liederlichkeit hat in der niedrigen Geschäftssprache

in der Behandlung der Präpositionen um sich gegriffen. Vor allem

erscheint immer häufiger der Akkusativ hinter Präpositionen, die den

Dativ verlangen. Schweinsknochen +mit Klöße+, Spinat +mit Eier+,

Kotelette +mit Steinpilze+, Sülze +aus Kalbskopf+ und +Füße+ -- anders

wird auf Leipziger Speisekarten kaum noch geschrieben. Das ist freilich

Kellnerdeutsch, aber wen trifft die Schande für solche Sprachsudelei?

Und ist es nicht eine Beleidigung der Gäste, wenn ihnen Wirte solches

Schanddeutsch vorsetzen? Aber auch an Schaufenstern kann man lesen:

Sohlen +mit Absätze+ -- Neuvergoldung +von Spiegel+ -- Verkauf

+von Zauberapparate+ -- Stühle werden +mit Roßhaare+ gepolstert --

Regentropfen +auf Hüte+ werden sofort beseitigt -- großes Lager +in

Regenmäntel+ -- Ausstellung +in Damenstiefel+; Zeitungen schreiben:

er wurde +zu zwei Monate+ Gefängnis verurteilt -- und sogar Behörden

machen bekannt: die Lieferung +von+ hundert Stück +gebrauchte+

Schwellen -- das Abladen +von+ dreißig Kubikmeter +Bruchsteine+ -- das

Befahren dieses Weges +mit Lastfuhrwerke+ usw.[117]

In andern Fällen drängt sich auf ganz lächerliche Weise der Genitiv

an die Stelle des Dativs. In Leipzig kann man von Halbgebildeten

hören: +unter meines Beiseins+ -- +nach meines Erachtens+; aber auch

Gebildete schreiben: +dank dieses Umstands+ -- +dank des+ mir von allen

Seiten entgegengebrachten ehrenvollen +Vertrauens+ -- +dank dieser

Eindrücke+ meiner Jugendzeit -- +dank seines+ ins einzelste gehenden

+Verständnisses+ -- +dank des+ reichen und neuartigen +Programms+ --

+dank der Geschenke+ der Offiziere und +andrer+ Zuwendungen. Wie in

aller Welt ist eine solche Verirrung möglich? Man könnte glauben, den

Leuten schwebe bei ihrem +dank+ mit dem Genitiv etwas ähnliches vor

wie: +kraft meines Amts+, +laut deines Briefs+, +statt eines Auftrags+;

+kraft+, +laut+ und +statt+ werden mit Recht mit dem Genitiv verbunden,

denn ursprünglich hieß es: +in Kraft+ (oder: +durch Kraft+), +nach

Laut+, +an Statt+. Aber +dank+ ist doch einfach +Dank+, es hat nie eine

Präposition vor sich gehabt, es verlangt also auch unbedingt den Dativ:

+dank deinem Fleiße+, +dank deinen Bemühungen+ ist es gelungen usw.

Die wunderlichen Beispiele: +unter meines Beiseins+ und +nach meines

Erachtens+ zeigen, wie der falsche Genitiv zustande kommt: er entsteht

durch Verwechslung des Dativs mit dem Genitiv im Femininum. +Nach

meiner Meinung+, +unter meiner Mitwirkung+, +dank deiner Bemühung+

-- das klingt den Leuten wie ein Genitiv, und so sagen sie nun auch

fröhlich: +dank dieses Umstands+. Man kann hier einmal die Entstehung

einer Sprachdummheit an ihrer Quelle beobachten. Genau so ist es mit

+trotz+ gegangen: da sind wir jetzt glücklich so weit, daß der richtige

Dativ für einen Fehler und der falsche Genitiv für das Richtige erklärt

wird. Vielleicht kommt es auch noch mit +dank+ dahin, und wenn wir uns

rechte Mühe geben, auch mit +nach+, +unter+ und -- +gemäß+; denn schon

schreibt man auch: die Arbeiter sind +gemäß ihres+ Beschlusses heute

früh wieder in der Fabrik erschienen.

Die Redensart +sich an etwas halten+ -- verlangt sie nach +an+ den

Dativ oder den Akkusativ? In äußerlicher, sinnlicher Bedeutung

unzweifelhaft den Dativ: man +hält sich an einer Stange, an einem

Seile+ (an). In übertragner Bedeutung hat man früher geschwankt

(Goethe: wer klug ist, wird sich +am Zugänglichen+ halten). Heute ist

-- unter dem Einflusse sinnverwandter Wendungen wie: +sich wenden an,

sich stützen auf+, +sich verlassen auf+ -- nur noch der Akkusativ

üblich: wenn er mich nicht bezahlt, so halte ich mich +an dich+ -- ich

halte mich lieber +ans Gewisse+ als +ans Ungewisse+.

Die allerneuesten Präpositionen sind +ungerechnet+ und +unerwartet+.

Sie werden beide mit dem Genitiv verbunden: +unerwartet des Beitritts+

andrer Eisenbahnverwaltungen -- es hatten vierhundert Händler feil,

+ungerechnet derer+, die in den Höfen standen. Beide sind natürlich

dem eben so schönen +ungeachtet+ nachgebildet, das schon älter

ist: +ungeachtet seines Widerspruchs+. Auch hier sieht man eine

Sprachdummheit an der Quelle. Ursprünglich hieß es: +ungeachtet seinen

Widerspruch+; das war aber ein absolutes Partizip im Akkusativ.

Nördlich, südlich, rechts, links, unweit

Alle Präpositionen sind ursprünglich einmal Adverbia gewesen.

Auch die häßlichen, langatmigen Modepräpositionen unsrer Amts-

und Zeitungssprache: +anläßlich+, +gelegentlich+, +inhaltlich+,

+antwortlich+, was sind sie zunächst anders als Adverbia? Neuerdings

soll nun aber noch eine Anzahl weiterer Adverbia mit aller Gewalt zu

Präpositionen gepreßt werden, nämlich: +rechts+, +links+, +nördlich+,

+südlich+, +östlich+, +westlich+ und +seitlich+ (das letzte ein recht

überflüssiges Wort). Niemand wird bestreiten, daß auch diese Wörter

Adverbia sind. Um anzugeben, im Vergleich womit etwas rechts oder

links, nördlich oder südlich sei, haben wir denn auch bis vor kurzem

immer die Präposition +von+ zu Hilfe genommen und gesagt: +rechts von+

der Straße, +nördlich von+ den Alpen. Da haben nun offenbar manche

Leute geglaubt, +von+ sei hier, wie so oft, eine bloße Umschreibung

des Genitivs, und da sei es doch gescheiter, lieber gleich den Genitiv

zu setzen. Und so hat sich denn immer mehr der Fehler verbreitet, zu

schreiben: +rechts+ und +links der Szene+, +nördlich des Viktoriasees+,

+südlich der Kirche+, +seitlich des Altars+, ja neuerdings sogar

+abseits aller Parteien+ und +ringsum des Marktes+. Namentlich

Architekten, Techniker oder Geographen schreiben gar nicht mehr anders,

aber auch der gebildete Philister am Biertisch sagt schon: Meißen liegt

doch +links der Elbe+. Ein Fehler ist es aber doch, wenigstens solange

es noch Menschen gibt, die so altväterisch sind, zu glauben, +rechts+

und +links+, +nördlich+ und +südlich+ seien Adverbia, und solange --

die Schule ihre Schuldigkeit tut.

Ebenso verhält sichs mit den verneinten Adverbien +unfern+ und

+unweit+. Auch sie können von Rechts wegen nur als Adverbia gebraucht

werden: +unweit von+ dem Dorfe; aber auch sie hat man zu Präpositionen

zu pressen gesucht, und weiß nun nicht, ob man sie mit dem Genitiv

oder, wie das gleichbedeutende +nahe+, mit dem Dativ verbinden soll;

die einen schreiben: +unfern des Bodensees+, +unweit des Flusses+,

andre: +unfern dem Schlosse+, +unweit dem Tore+. Und das hat wieder

zur Folge gehabt, daß man sogar bei +nahe+ irre geworden ist und zu

schreiben anfängt: +nahe Leipzigs+! Auch +nahe+ ist keine Präposition,

sondern ein Adverbium (+nahe bei+, +nahe an+), und als Adjektiv kann es

unzweifelhaft nur den Dativ haben; +unfern+ aber und +unweit+ könnte

man sich doch ganz ersparen; sie sind gesucht (wie +unschwer+; vgl. S.

273) und der lebendigen Sprache fremd.

Im oder in dem? zum oder zu dem?

Große Unsicherheit herrscht darüber, in welchen Fällen der bestimmte

Artikel mit der Präposition verschmolzen werden darf, und in welchen

Fällen nicht, wann es also heißen darf: +im+, +vom+, +zur+, +aufs+,

+ins+ (oder, wenn jemand ohne Apostroph nicht leben kann, +auf’s+,

+in’s+, vielleicht auch +i’m+, +zu’r+?), und wann: +in dem+, +von

dem+, +auf das+ usw. Dennoch ist die Sache sehr einfach und eigentlich

selbstverständlich.

Der bestimmte Artikel +der+, +die+, +das+ hat ursprünglich

demonstrativen oder determinativen Sinn, er bedeutet dasselbe

wie +dieser+, +diese+, +dieses+, oder wie das schöne Kanzleiwort

+derjenige+, +diejenige+, +dasjenige+. In dieser Bedeutung wird er

ja auch noch täglich gebraucht, er wird dann gedehnt gesprochen und

betont: +deer+, +deem+, +deen+ (man nehme nur seine Ohren zu Hilfe,

nicht immer bloß die Augen!), während er als bloßer Artikel unbetont

bleibt und kurz gesprochen wird. Nun ist es doch klar, daß die

Verschmelzung mit der Präposition nur da eintreten kann, wo wirklich

der bloße Artikel vorliegt. Verschlungen oder verschluckt werden kann

immer nur ein Wort, das keinen Ton hat. Es ist also richtig, zu sagen:

du wirst schon noch +zur Einsicht+ kommen, wenn gemeint ist: zur

Einsicht überhaupt, zur Einsicht schlechthin, oder: ich habe +im guten

Glauben+ gehandelt. Sowie aber durch einen nachfolgenden Nebensatz eine

bestimmte Einsicht, ein bestimmter guter Glaube bezeichnet wird, so ist

eben so klar, daß dann der Artikel einen Rest seiner ursprünglichen

demonstrativen oder determinativen Kraft bewahrt hat, und dann kann von

einer Verschlingung mit der Präposition keine Rede sein. Es kann also

nur heißen: als er nach Jahren +zu der Einsicht+ kam, +daß+ er nicht

zum Künstler geboren sei -- ich habe +in dem guten Glauben+ gehandelt,

+daß+ ich in meinem Rechte wäre. Dennoch muß man fort und fort so

fehlerhafte Sätze lesen wie: die Bauern kamen +zum Bewußtsein, daß+

sie auf weitere Schenkung von Grund und Boden nicht rechnen dürften

-- im +Bewußtsein, daß+ es der Reichshauptstadt an einem Mittelpunkte

künstlerischer Bestrebungen +fehle+ -- er kam +zur Überzeugung, daß+

alles Suchen vergeblich sei -- die Vergleichung seiner Landsleute mit

den Deutschen von ehemals führte Melanchthon +zur Erklärung, daß+ die

Deutschen leider ihren Vorfahren unähnlich geworden seien -- folgende

Erwägung führt +zur Vermutung, daß+ die Ohnmacht Gretchens einem

geschichtlichen Fall nachgebildet sei -- vielleicht wird die praktische

Beschäftigung +zur Erkenntnis+ gelangen, daß die Rückkehr zum

historischen Ausgangspunkte geboten sei -- er sah sich +zum Geständnis+

genötigt, +daß+ er sich getäuscht habe -- das Komitee empfahl seinen

Kandidaten im festen +Vertrauen, daß+ ein paar Schlagwörter genügen

würden. In allen diesen Sätzen ist die Verschmelzung der Präposition

mit dem Artikel ein grober Fehler. Es ist unbegreiflich, wie jemand

dafür das Gefühl verlieren kann.

Die nähere Bestimmung kann aber auch durch einen Infinitiv mit +zu+,

durch einen Relativsatz, durch ein Attribut ausgedrückt werden --

auch dann darf der Artikel nicht verschlungen werden. Also auch

folgende Sätze sind falsch: er stand +im Rufe+, es mit der klerikalen

Partei +zu halten+ -- er starb +im Bewußtsein+, die teuersten Güter

des Vaterlandes verteidigt +zu haben+ -- unter Eigentum verstehen

wir die volle Herrschaft über eine Sache bis +zur Befugnis+, sie

+zu vernichten+ -- er hielt +am Gedanken+ fest, +sich+ sobald als

möglich von dieser Last +zu befreien+ -- er stand +im Verdacht+,

einem verbotnen Verein +anzugehören+ -- er wurde +vom Verdacht+, ein

preußischer Spion +zu sein+, freigesprochen -- er war +vom reinsten

Willen+ erfüllt, Versöhnung mit Gott +zu finden+ -- +im Augenblick,

wo+ er mich sah -- Goethe schlug den Hans Sachsischen Ton auch +zur

Zeit+ an, +wo+ er sich sonst meist der neueren Formen bediente -- er

ist nicht sparsam +im Lobe, das+ den polnischen Pferden gebührt --

+im Deutschen, das+ heute geschrieben wird (+in dem Deutsch, das+!)

-- sie tranken fleißig +vom Weine, der+ auf der reichbesetzten Tafel

stand -- diese Arie gehört +zum Besten, was+ Verdi geschrieben hat

-- Vischer hat es nie +zur Volkstümlichkeit Scheffels+ gebracht --

ein unbewachter Augenblick stürzte +ihn vom Thron seiner Tugendgröße+

-- +im Alter von+ 60 Jahren -- +zum+ ermäßigten +Preise von+ 15 Mark

-- +vom Streit um+ Kleinigkeiten -- +im Bande über+ Leibniz -- +im

Essay über+ Auerbach -- +im Hause+ Berliner Straße Nr. 70 usw. +Im

Augenblicke+ und +zurzeit+ können nur allein stehen, beides bedeutet

dann soviel wie +jetzt+; ebenso auch: +im Alter+, +im Hause+. Auch +im

Essay+ kann nur allein stehen, der Essay wäre dann als Gattung etwa

dem Roman gegenübergestellt: dergleichen kann man sich wohl +im Roman+

erlauben, aber nicht +im Essay+; von einem bestimmten Essay aber kann

es nur heißen: +in dem Essay+ über Auerbach. Ja es gibt sogar Fälle,

wo gar kein Zusatz hinter dem Hauptwort zu stehen braucht und doch die

Verschmelzung des Artikels mit der Präposition ein Fehler wäre: wenn

nämlich nach dem ganzen Zusammenhange nicht das Ding an sich, sondern

ein bestimmtes Ding gemeint ist. So ist z. B. falsch: die Beziehungen,

in denen Otto Ludwig +zur Stadt+ und ihren Bewohnern stand -- wenn

Leipzig unter der Stadt gemeint ist; es muß heißen: +zu der Stadt+ und

ihren Bewohnern. +Zur Stadt+ könnte nur im Gegensatz zum Lande gesagt

sein.[118]

Eine Unsitte ist es daher auch, zu schreiben, wie es immer mehr Mode

wird: +im selben+ Augenblick -- die +vom selben+ Verlag ausgegebnen

Kupferstiche -- die Erfüllung dieser Aufgaben kann +beim selben+

Objekt verschieden erreicht werden. Wer sorgfältig schreiben will, kann

nur schreiben: +in demselben+ Augenblick, +von demselben+ Verlag, +bei

demselben+ Objekt.

Wo wirklich der bloße Artikel vorliegt, da sollte aber auch nun überall

die Verschmelzung vorgenommen werden; nicht bloß in der lebendigen

Sprache -- da fehlts ja nicht daran --, sondern auch auf dem Papier.

Welche Ziererei, zu schreiben: Alle diese schönen Pläne sind +in das+

Wasser gefallen! Kein Mensch sagt: +an das Land+ steigen, der Kampf

+um das Dasein+, eine Anstalt +in das Leben+ rufen, einen Vorgang

+an das Licht+ ziehen, einen +hinter das Licht+ führen, eine Sache

+über das Knie+ brechen, +in das Auge+ fallen, einem +in das Gesicht+

sehen, etwas +in das Werk+ setzen, eine Sache +in das Reine+ bringen,

sich +auf das hohe Pferd+ setzen, sich +auf das beste+, +auf das

bequemste+ einrichten, sondern: +ans Land+, +ums Dasein+, +ins Leben+,

+ans Licht+, +aufs beste+, +aufs bequemste+ (wie: +aufs neue+). Also

schreibe und drucke man auch so. Dagegen ist wieder falsch: sich +aufs

hohe Pferd des Sittenrichters+ setzen -- denn hier ist ein bestimmtes

hohes Pferd gemeint. Ebenso ist zu unterscheiden: +im öffentlichen

Leben+ eine Rolle spielen und: +in dem öffentlichen Leben Deutschlands+

eine Rolle spielen.

Wenn von einer Präposition mehrere Substantiva abhängen und beim

ersten die Präposition mit dem Artikel verschmolzen worden ist, so

ist es sehr anstößig, bei den folgenden Substantiven den Artikel

aus der Verschmelzung wieder herauszureißen und mit Weglassung der

Präposition zu schreiben: in gewisser Entfernung +vom+ Brandplatz

oder +dem+ Platze des sonstigen Unglücksfalles -- von Platos realen

Begriffen bis +zur+ Goldmacherkunst und +der+ Telepathie -- Geschichte

+vom+ braven Kasperl und +dem+ schönen Annerl (Brentano). Die

Verschmelzung +vom+ wirkt im Sprachgefühl fort auf das folgende Wort:

man hört also unwillkürlich: +vom dem+ Platze. In solchen Fällen ist

es unbedingt nötig, entweder auch die Präposition zu wiederholen,

also: in gewisser Entfernung +vom+ Brandplatz oder +vom+ Platze

des sonstigen Unglücksfalles, oder von vornherein die Verschmelzung

zu unterlassen und zu schreiben: +von dem+ Brandplatze oder +dem+

Platze des sonstigen Unglücksfalles. Ebenso verhält sichs bei der

Apposition. Es ist eine Nachlässigkeit, zu schreiben: +im+ Süden, +dem+

taurischen Gouvernement -- +am+ 12. Januar 1888, +dem+ dreihundertsten

Geburtstage Riberas; auch bei der Apposition muß es wieder +im+ und

+am+ heißen. Doppelt anstößig wird der Fehler, wenn die Substantiva

im Geschlecht oder in der Zahl verschieden sind, z. B. +im+ Berliner

Tageblatt und +der+ geistesverwandten Presse -- das +am+ Ananias und

+der+ Saphira vollzogne Strafwunder -- die +vom+ Anarchismus und +der+

Sozialdemokratie drohenden Gefahren -- von der Universität herab bis

+zur+ Volksschule und +dem+ Kindergarten -- das hängt +vom+ guten

Willen und +der+ Zahlungsfähigkeit der Untertanen ab -- Eingang +zum+

Garten und +der+ Kegelbahn. Auch hier muß überall die Präposition

wiederholt werden. Der Gipfel der Nachlässigkeit ist es, die

Wiederholung der Präposition dann zu unterlassen, wenn der bestimmte

Artikel mit der artikellosen Form wechselt: z. B. +zur+ Annahme von

Bestellungen und direkt+er+ Erledigung derselben; es muß heißen: +zur+

Annahme und +zu+ direkt+er+ Erledigung.

Aus: „Die Grenzboten“

Zu den größten irdischen Freuden des Papiermenschen gehören die

sogenannten Gänsefüßchen. Der Schulmeister, der auf Verständnis

rechnen kann, wenn er dem Achtjährigen zum erstenmal in die Feder

diktiert: der Vater fragte -- Doppelpunkt -- Gänsefüßchen unten --

wo bist du gewesen, Max -- Fragezeichen -- Gänsefüßchen oben --, hat

das stolze Gefühl, daß er seinen Zögling zu einer der wichtigsten

Entwicklungsstufen seiner Geistesbildung emporgeführt habe. Aber

nicht bloß Schulmeister und Schulknaben, auch andre Leute, z. B.

Romanschriftsteller, haben an diesen Strichelchen eine kindische

Freude; es gibt Romane, in denen man vor lauter Gänsefüßchen fast

nichts vom Dialog sieht. Ein Hochgenuß beim Lesen ist es, wenn Er

immer mit zweien („--“), Sie immer mit vieren („„--““) erscheint; dann

flimmert es einem förmlich vor den Augen.

Die Gänsefüßchen sind, wie der Apostroph (vgl. S. 8), eine jener

nichtsnutzigen Spielereien, die -- es steht nicht fest, ob durch den

Schulmeister oder durch den Druckereikorrektor -- eigens für die

Papiersprache erfunden worden sind. Wenn jemand einen Roman vorliest,

so kann er doch die Gänsefüßchen nicht mitlesen, und doch versteht ihn

der Zuhörer. Wozu schreibt und druckt man sie also? Einen Zweck haben

sie nur da, wo man Wörter oder Redensarten ironisch gebraucht (um sie

lächerlich zu machen), oder wo man mitten in seine eigne Darstellung

eine Stelle aus der Darstellung eines andern einflicht.[119] Aber auch

da sind sie überflüssig, wenn diese Stelle in fremder Sprache oder in

Versen ist, sich also schon durch die Schriftgattung (Antiqua, Kursiv,

Petit) von dem übrigen Text genügend abhebt. Ebenso überflüssig aber

und nichts als eine Spielerei sind sie bei Namen und bei Überschriften

und Titeln von Büchern, Schauspielen, Opern, Gedichten usw. Wenn man

sagt: der Kaiser hatte eine Reise +auf der Hohenzollern+ gemacht -- so

versteht das doch jedermann, und ebenso wenn man sagt: der Vers ist

+aus Goethes Iphigenie+. Manche Lehrer behaupten zwar, die Iphigenie

ohne Gänsefüßchen sei die Person des Schauspiels, die Iphigenie mit

Gänsefüßchen sei das Schauspiel selbst; kann man aber in der lebendigen

Sprache diese Unterscheidung machen?

Das ärgste aber ist es und eine der abgeschmacktesten Erscheinungen

der Papiersprache, wenn Titel und Überschriften wie Versteinerungen

behandelt werden, und geschrieben wird: die Redaktion +des+ „Wiener

Fremden+blatt+“, +des+ „Berliner Tage+blatt+“ und ebenso nach

Präpositionen: Vorspiel +zu+ „+Die+ Meistersinger“ -- Ouverture +zu+:

„+Die+ Fledermaus“ -- einzelne Bilder +aus+ „+Der+ neue Pausias“

-- Bemerkungen zu Goethes „+Der+ getreue Eckardt“ -- erweiterter

Separatabdruck +aus+ „+Der+ praktische Schulmann“ -- diese Aufsätze

haben zuerst +in+ „+Die+ Grenzboten“ gestanden usw. Jedermann sagt: ich

bin gestern abend +in der+ Fledermaus gewesen, der Vers ist +aus dem+

Neuen Pausias, ich habe das +im+ Praktischen Schulmann gelesen, die

Aufsätze haben +in den+ Grenzboten gestanden. Versteht man das nicht?

Wenn mans aber mit den Ohren versteht, warum denn nicht mit den Augen?

Einige Verlegenheit bereiten ja die jetzt so beliebten Zeitungs- und

Büchertitel, die, anstatt aus einem Hauptwort, aus einer adverbiellen

Bestimmung bestehen, wie: +Aus unsern vier Wänden+, +Vom Fels zum

Meer+, +Zur guten Stunde+ u. ähnl. Jedes natürliche Sprachgefühl

sträubt sich doch dagegen zu sagen: ich habe das +in Vom+ Fels zum Meer

gelesen. Aber immer dazuzusetzen: in dem Buche, in der Zeitschrift --

was schließlich das einzige Rettungsmittel ist -- ist doch langweilig.

Nach dort

Statt +hin+ und +her+ schreiben unsre Kaufleute jetzt in ihren

Geschäftsbriefen +nach dort+ und +nach hier+: kommen Sie nicht in

den nächsten Wochen einmal +nach hier+? Wenn nicht, so komme ich

vielleicht einmal +nach dort+. Auch die Zeitungen berichten: Herr M.

ist als Bauinspektor +nach hier+ versetzt worden. Und wenn ein paar

Handlungsreisende bei kühlem Wetter in einem Biergarten sitzen, fragen

sie sich sogar: Wollen wir uns nicht lieber +nach drin+ setzen? Diese

neumodische schöne Ortsbestimmung ist freilich nicht ohne Beispiel:

schon längst hat man zur Bezeichnung einer Richtung, statt die auf die

Frage wohin? antwortenden Ortsadverbien zu gebrauchen, die Präposition

+nach+ mit Ortsadverbien verbunden, die auf die Frage wo? antworten,

z. B. +nach vorn+, +nach hinten+, +nach oben+, +nach unten+, statt:

+vor+, +hinter+, +hinauf+, +herunter+. Auch Schiller sagt im Taucher:

Doch es war mir zum Heil, er riß mich +nach oben+. Und ebenso hat man

auf die Frage woher? geantwortet: +von vorn+, +von hinten+, +von oben+,

+von unten+, sogar +von hier+, +von dort+. Nur +nach hier+, +nach

dort+ und +nach drin+ hatte noch niemand zu sagen gewagt. Aber warum

eigentlich nicht? Offenbar aus reiner Feigheit. Wir können also dem

kaufmännischen Geschäftsstil für seinen sprachschöpferischen Mut nur

dankbar sein. Schade, daß Goethe das Lied der Mignon nicht mehr ändern

kann; das müßte doch nun auch am Schlusse heißen: +nach dort, nach

dort+ möcht’ ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn![120]

Bis

Viel Nachlässigkeiten und Dummheiten werden in den Zeitangaben

begangen. Ein Ausdruck wie: +vom 16. bis 18. Oktober+ soll dabei

noch nicht einmal angefochten werden, wiewohl, wer sorgfältig

schreiben will, hinter +bis+ die Präposition nie weglassen, sondern

schreiben wird: +bis zum 18. Oktober+. Denn +bis+ ist zwar selbst

eine Präposition, es ist aber auch eine Konjunktion, es ist ein

Mittelding zwischen beiden, und bei Ortsbestimmungen verlangt es noch

ein +an+, +auf+, +in+, +zu+, +nach+, nur vor Städte- und Ländernamen

kann es allein stehen, aber doch auch nur dann, wenn eine Strecke,

eine Ausdehnung, aber nicht, wenn ein Ziel angegeben wird. Man kann

also wohl sagen: +bis morgen+, +bis Montag+, +bis Ostern+, sogar:

+bis nächste Woche+, auch +bis Berlin+, aber nicht: +bis Haus+,

+bis Tür+. Nur wer in den Straßenbahnwagen gestiegen ist, antwortet

maulfaul auf die Frage des Schaffners: wie weit? +Bis Kirche+. Eine

ganz unzweifelhafte Nachlässigkeit aber ist es, zu schreiben: von

Nikolaus I. +bis Gregor VII+. Denn wie soll man das lesen? +Bis+

Gregor +den Siebenten+? +bis den+? Wenn das richtig wäre, dann könnte

man auch sagen: wenn wir vom Großvater noch weiter zurückgehen +bis

den Urgroßvater+. Ebenso nachlässig ist es, zu schreiben: Ausgewählte

Texte +des 4. bis 15. Jahrhunderts+, deutsche Liederdichter +des

12. bis 14. Jahrhunderts+ oder mit einem Strich, den man bis lesen

soll: +des 12.-14. Jahrhunderts+,[121] Flugschriften +des 16. bis 18.

Jahrhunderts+, Kulturbilder aus +dem 15. bis 18. Jahrhundert+. Da

hört man erst den Singular +des+, +dem+, und dann kommen drei oder

vier Jahrhunderte hinterher. Wie kann denn +ein+ Jahrhundert das 4.

bis 15. sein! Und doch muß man den Fehler täglich lesen, oft gleich

auf Titelblättern neuer Bücher. Wer sorgfältig schreiben will, wird

schreiben: Flugschriften +des 16., des 17. und des 18. Jahrhunderts+ --

oder wenigstens: +des 16., 17. und 18. Jahrhunderts+ -- oder: +aus der

Zeit vom 16. bis zum 18. Jahrhundert+. Das ist zwar etwas umständlich,

aber es geht nicht anders. Wir schrecken ja sonst vor umständlicher

Ausdrucksweise nicht zurück, können uns oft gar nicht breit und

umständlich genug ausdrücken. Warum denn gerade da, wo sie einmal

angebracht ist?

In 1870

Wie mit +nach hier+ und +nach dort+, verhält sichs auch mit +in+ 1870,

das man neuerdings öfter lesen kann. Jede andre Präposition kann man

so vor die Jahreszahl setzen, man kann sagen: +vor+ 1870, +nach+

1870, +bis+ 1870 -- aber nicht: +in+ 1870. Warum nicht? Weils nicht

deutsch ist. Es ist eine willkürliche Nachäfferei des Französischen

und des Englischen. Deutsch ist auf die Frage wann? entweder die bloße

Jahreszahl ohne jede Präposition, oder: +im Jahre+ 1870.

Bei den Angaben der Monate und der Jahreszeiten scheinen es manche

jetzt für geistreich zu halten, +in+ ganz wegzulassen und zu

schreiben: das geschah +Dezember+ 1774 -- ich wurde +Herbst+ 1874

immatrikuliert. Auch das ist undeutsch; die Monatsnamen wie die Namen

der Jahreszeiten verlangen unbedingt die Präposition, denn bei ihnen

ebenso wie bei dem ganzen Jahre hat man deutlich die Vorstellung eines

Zeitraums, in dessen Innerm sich ein Ereignis zuträgt.

Alle vier Wochen oder aller vier Wochen?

Allerhand Sprachdummheiten Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen · 第 20 / 41 段