Der abhängige Genitiv endlich (+desselben+ und +derselben+) kann

überall durch +sein+ und +ihr+ ersetzt werden, denn daß diese Fürwörter

nur im reflexiven Sinne gebraucht werden könnten, ist doch auch

nur Aberglaube.[109] Als die Kaiserin das +Schloß+ besichtigt und

die Schönheit +desselben+ bewundert hatte -- warum nicht: +seine+

Schönheit? Die Sammlung ist so zeitgemäß, daß zur Rechtfertigung

+derselben+ kein Wort zu verlieren ist -- warum nicht: zu +ihrer+

Rechtfertigung? Freilich würden einige Geschäfte dann eingehen, da die

ganze Bedeutung +derselben+ darin beruht usw. -- warum nicht: +ihre+

ganze Bedeutung? Auch wer sich tief in die Eigentümlichkeiten der

spanischen Dichtung versenkt hat und von der lebhaften Bewunderung für

die Vorzüge +derselben+ durchdrungen ist -- warum nicht: für +ihre+

Vorzüge? Wo eine Verwechslung, ein Mißverständnis entstehen könnte,

da schreibe man +dessen+ und +deren+, z. B.: es muß dem Biographen

nachgerühmt werden, daß er bei aller Liebe zu +seinem+ Helden doch

nicht blind für +dessen+ Schwächen ist. Aber nur nicht +desselben+!

In den allermeisten Fällen aber -- man achte nur darauf und versuche

es! -- kann man den Genitiv einfach streichen, ohne daß der Gedanke

im geringsten an Deutlichkeit verlöre. Nicht auf den Stoff kommt es

an, sondern auf die Behandlung +desselben+ -- über die Aufgaben waren

alle einig, nur schlugen sie zur Lösung +derselben+ verschiedne Wege

ein -- die Erklärung des Parteitags fand so viel Beifall, daß sich die

Führer +desselben+ ermutigt sahen -- Gregor klagte, daß sie die Kirche

zerstört und das Material +derselben+ zum Bau ihrer Häuser verwendet

hätten -- zu den Unregelmäßigkeiten in der äußern Anlage unsrer Dörfer

kommt noch die Unregelmäßigkeit im innern Aufbau +derselben+ -- die

steilere Partie des Berges gehört dem weißen, die mäßig geneigten

Ausläufer +desselben+ dem braunen Jura an -- ich habe die Fachausdrücke

des Deutschen und des Französischen miteinander verglichen und habe

gefunden, daß die Mehrzahl +derselben+ übereinstimmt -- nachdem die

Gäste das Gasthaus verlassen hatten und die Wirtin +desselben+ die Tür

verschlossen hatte -- man streiche überall +desselben+ und +derselben+:

ist irgendwo ein Mißverständnis möglich? Der Kaiser unternahm

heute einen längern Spazierritt und erledigte nach der Rückkehr

+von demselben+ Regierungsgeschäfte. Ja, wovon soll er denn sonst

zurückgekehrt sein als von -- demselben?

Derjenige, diejenige, dasjenige

Noch in anderm Sinne als +derselbe+ ist das schöne Kanzleiwort

+derjenige+ ein Papierpronomen: es ist eigens für die Papiersprache

erfunden worden. +Derjenige+ ist im sechzehnten Jahrhundert aus einem

vorhergegangnen +der jene+ entstanden, wie +derselbige+, das zum Glück

wieder verschwunden ist, aus +der selbe+. Es hat keinen andern Zweck

und keine andre Aufgabe, als das betonte, lange +der+ der lebendigen

Sprache, das determinative Fürwort, das vor Relativsätzen und vor

abhängigen Genitiven steht, auf dem Papier zu ersetzen. Den Ton und die

Länge kann man ja weder schreiben noch drucken, wenigstens ist es nicht

üblich, +dēr+ oder +dér+ zu schreiben[110]; also hilft man sich, so

gut man kann. Der eine läßt das der sperren (wie auch +ein+, wenn es so

viel heißen soll wie +ein einziger+), ein andrer greift zu +jener+, wie

es in Österreich beliebt ist, in der Regel aber schreibt und druckt man

+derjenige+. Wenn man spricht, sagt man zwar: als er endlich +den+ Weg

einschlug, +der+ zum Ziele führen mußte; aber drucken läßt man: als er

endlich +denjenigen Weg+ einschlug, +welcher+ zum Ziele führen mußte.

Wenn aber nun +derjenige+ allein steht, ohne Hauptwort hinter sich,

z. B.: selbst +diejenigen, welche die+ Schaffung eines allgemeinen

Bürgerlichen Gesetzbuches nicht ganz ablehnten -- kein Scharfsinn

hätte eine bessere Lösung finden können als +diejenige, welche

die+ Verhältnisse zuletzt aufzwangen -- die größten Menschen sind

+diejenigen, welche die+ Kultur einer eben dahinsinkenden Epoche

noch einmal zusammenfassend verkörpern -- da ist es doch wohl ganz

unentbehrlich? Nun, in der lebendigen Sprache sagt man getrost: selbst

+die, die die+ Schaffung eines Gesetzbuches nicht ganz ablehnten --

eine bessere Lösung als +die, die die+ Verhältnisse zuletzt aufzwangen.

Aber das ist ja wieder das Schreckgespenst des Papiermenschen: nicht

zwei-, nein dreimal hintereinander dasselbe Wort! -- Wirklich? dasselbe

Wort? Dreimal hintereinander dieselben drei Buchstaben: d--i--e; aber

wer seine Ohren aufmacht, der hört doch drei verschiedne Wörter:

+dieh+, +die di+ -- drei Wörter von ganz verschiedner Länge, und hinter

dem ersten eine Pause. Das ist ja wie Musik, es hüpft und springt ja

förmlich. Nun höre man dagegen dieses Schleppen und Schleichen und

Schlurfen: +diejenigen, welche die+![111]

Nun vollends, daß in der lebendigen Sprache in tausend und aber

tausend Fällen statt +derjenige, welcher+ einfach +wer+ gesagt wird

-- also drei Laute statt sechs Silben! --, das ist dem Papiermenschen

völlig unbekannt. Er schreibt: +diejenigen, welche+ die Absicht haben,

Adjuvanten zu werden, lassen sich als Anwärter einschreiben. Ja er wäre

imstande, das Sprichwort: +wer+ Pech angreift, besudelt sich -- oder

den Kinderspruch: +wer+ meine Gans gestohlen hat, der ist ein Dieb

-- oder den Goethischen Vers: nur +wer+ die Sehnsucht kennt, weiß,

was ich leide -- zu verwandeln in: +derjenige, welcher+ Pech angreift

-- +derjenige, welcher+ meine Gans gestohlen hat -- nur +derjenige,

welcher+ die Sehnsucht kennt usw.

Leider liegt hier einmal der Fall vor, daß eine Erscheinung der

Papiersprache sogar in die lebendige Sprache eingedrungen ist,

was gewiß selten geschieht. Aktenmenschen und Gewohnheitsredner

bringen es fertig, in Sitzungen und Verhandlungen in einer Stunde

dreißigmal +derjenige, welcher zu+ sagen. Selbst in der Unterhaltung

der „Gebildeten“ kann man es hören; sie haben es eben gar zu oft in

ihrer Zeitung gelesen. Aber die lebendige Sprache des Volks kennt es

nicht; wenn es der Mann aus dem Volke in den Mund nimmt, so tut er es

höchstens, um sich darüber lustig zu machen, er spricht es gleichsam

mit Gänsefüßchen. Also du bist +derjenige, welcher+? fragt er höhnisch

-- na warte, Bursche! Oder er sagt: fällt mir gar nicht ein; wenn

ein Unglück passiert, dann bin ich +derjenige, welcher+ (nämlich:

blechen muß), und zitiert damit gleichsam das Gesetzbuch oder die

Polizeiverordnung, worin er die beiden Papierwörter auf jeder Seite

gelesen hat.

Jener, jene, jenes

Der Österreicher gebraucht statt +derjenige+ vor Relativsätzen,

namentlich aber vor einem abhängigen Genitiv +jener+; er schreibt:

diese Vorlesungen haben nur einen bedingten Wert für +jenen+, der

selber Einsicht genug hat, Dichterwerke ohne Beihilfe zu verstehen. Das

halten manche deutsche Schriftsteller jetzt offenbar für eine besondre

Schönheit und machen es nach. In gutem Schriftdeutsch wird aber +jener+

nur in die Ferne weisend gebraucht, mit einem bald stärkern, bald

schwächern rhetorischen Beigeschmack: wenn ich an +jene schöne Zeit+

zurückdenke usw.

Ganz unausstehlich für norddeutsche Ohren ist das österreichische

+jener+ vor einem abhängigen Genitiv, z. B.: der Orden der Dominikaner

und +jener+ der Franziskaner -- wir hoffen, daß sich die Ausstellung

ebenso erfolgreich erweisen werde wie +jene+ von 1897 -- obgleich die

Gesamtzahl ihrer Kräfte +jener+ des Feindes bedeutend nachstand -- ein

~Ecce homo~ trägt das Monogramm Ludwig Krugs, eine Madonna +jenes+ des

Marcantonio Raimondi -- so auffallend erschien dem Tacitus die Art des

deutschen Anbaues gegenüber +jener+ der romanischen Völker -- größere

Gebäude wie Kirchen und Seminare dürfen für die Gesellschaft Jesu

nur mit Erlaubnis des Generals, kleinere mit +jener+ des Provinzials

errichtet werden -- unter den Dienstkrankheiten der Bahnbeamten nehmen

+jene+ der Verdauungsorgane den breitesten Raum ein -- man sucht die

Farbe der Umhüllung meist +jener+ der Blumen anzupassen usw. In allen

diesen Fällen würde die deutsche Amts- und Zeitungssprache +derjenige+

gebrauchen. Die gute Schriftsprache aber kennt vor solchen Genitiven

nur das determinative Fürwort +der+, +die+, +das+: die Leistungen der

Fabriken stehen gegen +die+ des Handwerks zurück.

Zur Kasuslehre. Ich versichere dir oder dich?

Verhältnismäßig wenig Verstöße werden gegen die Regeln der Kasuslehre

begangen; im allgemeinen herrscht eine erfreuliche Sicherheit darüber,

welchen Kasus ein Zeitwort oder ein Eigenschaftswort zu sich zu nehmen

hat. Bei einer kleinen Anzahl von Zeitwörtern schwankt aber doch der

Sprachgebrauch: der eine verbindet sie mit dem Dativ, der andre mit dem

Akkusativ. Es sind das namentlich die Zeitwörter +heißen+, +lassen+,

+lehren+, +angehen+, +dünken+, +kosten+ und +nachahmen+.

Mit der berüchtigten Berliner Verwechslung von +mir+ und +mich+ hat

dieses Schwanken nichts zu tun, sondern es hängt meist damit zusammen,

daß in den Begriff dieser Verba sinnverwandte Zeitwörter hineinspielen,

die teils mit dem Dativ, teils mit dem Akkusativ verbunden werden. Aber

nur in den seltensten Fällen hat das Schwanken eine Berechtigung. Bei

+nachahmen+ handelt sichs eigentlich nicht um ein Schwanken, sondern um

zwei verschiedne Bedeutungen des Wortes: es ist ein großer Unterschied,

ob man sagt: ich ahme +dich+ nach, oder ich ahme +dir+ nach. Mit

dem Akkusativ bedeutet es +nachmachen+ (+dich+), mit dem Dativ

+nachstreben+ (+dir+). Wenn Schüler +dem+ Lehrer nachahmen, so kann das

sehr lobenswert sein; wenn sie +den+ Lehrer nachahmen, so kann ihnen

das unter Umständen eine Stunde Karzer eintragen.[112] Schwer ist es,

bei +kosten+ eine Entscheidung zu treffen; +kosten+ ist ein Lehnwort,

entstanden aus dem lateinischen ~constare~. Die Verbindung ~constat

mihi~ ist aber gar nicht maßgebend, denn +kosten+ ist ursprünglich im

Sinne von +aufwenden machen+ gebraucht worden. Der Akkusativ überwiegt

denn auch in der guten Schriftsprache. Bei allen übrigen der genannten

Verba hat der Dativ überhaupt keine Berechtigung. Sätze wie: laß +mir+

das einmal sehen -- das geht +dir+ nichts an u. ähnl. gehören nur der

niedrigsten Volkssprache an. +Heißen+ verträgt den Dativ der Person

nur ausnahmsweise: wer hat +dir das+ geheißen? (wie: wer hat dir das

+geboten+, +befohlen+, +aufgetragen+?). Im allgemeinen verlangt es,

wie +lehren+, den Akkusativ der Person. Aber gerade für +lehren+ und

+heißen+ verliert die ganze Frage mehr und mehr an Bedeutung, denn

in der lebendigen Sprache werden diese Wörter überhaupt kaum noch

in solcher Verbindung gebraucht. In Mitteldeutschland gebraucht das

Volk +lehren+ mit einem Akkusativ der Person fast gar nicht mehr,

sondern nur +lernen+; man sagt nicht bloß: wo hast du +das gelernt+?

sondern auch: wer hat +dir das gelernt+? Und auch wo man wirklich

noch +lehren+ sagt, setzt man doch den Dativ der Person dazu. Bei

Uhland heißt es noch richtig und sauber: Wer hat +dich solche Streich’+

gelehrt? Das Volk aber sagt: Ich werde +dir Mores+ lehren. Und in einem

Bibelspruche wie: Herr, +lehre uns bedenken+, daß wir sterben müssen --

wo +uns+ natürlich der Akkusativ ist --, wird es sicherlich jetzt von

den meisten als Dativ gefühlt.

Ganz lächerlich ist die Unsicherheit und der Streit darüber, ob es

heißen müsse: ich +versichre dir+ oder: ich +versichre dich+, der Hut

+kleidet dich+, oder: er +kleidet dir+, es +lohnt der Mühe+ oder:

es +lohnt die Mühe+. +Versichern+ ist unzweifelhaft ein transitives

Zeitwort; man versichert sein Leben, seinen Hausrat, seine Ernte. Man

kann auch sagen: ich +versichre dich+ meiner Freundschaft (Goethe:

ich fahre fort, +dich+ meiner Liebe zu +versichern+), wiewohl das

schon etwas gesucht klingt. Aber zu sagen: ich +versichre dich, daß+

ich nichts davon gewußt habe -- und das für richtig zu halten oder

gar zu verteidigen, kann doch nur einem Sophisten einfallen oder

einem Menschen, der wirklich -- +mir+ und +mich+ nicht unterscheiden

kann. Daß es schon im achtzehnten Jahrhundert so vorkommt, hat gar

nichts zu sagen; der Akkusativ ist eben vernünftigerweise mehr und

mehr gewichen. Wenn auf +versichern+ ein Objektsatz folgt, so ist

doch der Inhalt dieses Satzes das Objekt der Versicherung; diese

Versicherung aber gebe ich nicht +dich+, sondern gebe sie +dir+.

+Versichern+ tritt dann vollständig in eine Reihe mit +beteuern+,

+erklären+, +sagen+, +melden+, +mitteilen+, +berichten+,[113] lauter

Zeitwörtern, die mit dem Dativ der Person und einem Objekt der Sache

verbunden werden. Im Passivum fällt es gar niemand ein zu sagen: +ich

bin versichert worden, daß+, sondern jeder sagt: +mir ist versichert

worden, daß+. Also kann auch im Aktivum das richtige nur sein: +ich

versichre dir, daß+ ich nichts davon gewußt habe. Wenn neuerdings

namentlich in Kreisen, die für vornehm gelten möchten, mit einer

gewissen Absichtlichkeit wieder der Akkusativ gebraucht wird (ich

versichre +Sie+), so ist das eine Modedummheit, durch die sich der

gesunde Menschenverstand und ein natürliches Sprachgefühl nicht werden

irremachen lassen.

+Kleiden+ mit dem Dativ zu verbinden wäre keinem Menschen eingefallen,

wenn nicht die sinnverwandten intransitiven Zeitwörter +passen+,

+sitzen+ und +stehen+ dazu verführt hätten. Weil man sagt: der Hut

+paßt dir+, +sitzt dir+, +steht dir+, so sagte man auch: er +kleidet

dir+. Richtig ist natürlich nur: er +kleidet dich+.

In der Redensart: es +lohnt der Mühe+ (oder: es lohnt nicht der Mühe)

ist +der Mühe+ gar nicht der Dativ, sondern der Genitiv (statt: +für+

die Mühe, +wegen+ der Mühe). Die Redensart hat etwa denselben Sinn wie:

es ist +der Mühe wert+ (oder: es ist nicht der Mühe wert). Zu sagen: es

+lohnt+ nicht +die Mühe+ -- ist also nichts als eine Ausweichung aus

Unwissenheit.

Ganz unsinnig wird jetzt die Redensart +sich Rats erholen+ gebraucht,

z. B. dort kannst du +dir+ am besten +Rats erholen+! Das +sich+ in

dieser Redensart ist ebenfalls nicht der Dativ, sondern der Akkusativ,

+Rats+ ein frei angeschlossener Genitiv; es heißt: ich +erhole mich

Rates+. Noch Benedix schreibt 1866 in den Zärtlichen Verwandten

richtig: bei mir allein mußt du +dich Rats erholen+. Der Fehler wird

auch nicht besser, wenn man statt +Rats+ sagt +Rat+: in Einzelheiten

+erholte ich mir Rat+ bei besonders sachkundigen Personen, denn dann

hat das +er+holen gar keinen Sinn mehr; es genügt dann, zu sagen: +hole

dir+ bei mir +Rat+, so gut wie: hole dir bei mir Geld. Wenn man die

Redensart nicht mehr versteht und nicht mehr richtig anzuwenden weiß,

warum gebraucht man sie dann noch? (Vgl. auch +dünken+ S. 53.)

Ein süddeutscher Provinzialismus ist es, +verdenken+ so wie +beneiden+

zu verbinden: wer kann +ihn darum verdenken+? In gutem Deutsch wird

es verbunden wie +verargen+, +verübeln+: ich kann +dir das+ nicht

+verdenken+.

Er hat mir oder er hat mich auf den Fuß getreten?

Nicht ganz so lächerlich ist der Streit, ob es heißen müsse: er hat

+mir+ oder er hat +mich+ auf den Fuß getreten. Jeder verbindet ohne

Besinnen mit dem Akkusativ der Person: +in den Finger schneiden+, +ins

Bein beißen+, +aufs Maul schlagen+, +auf die Stirn küssen+ (Luther: du

wirst +ihn in die Ferse stechen+). Jeder verbindet eben so sicher mit

dem Dativ der Person: +unter die Arme greifen+, +auf die Finger sehen+,

+auf den Zahn fühlen+, +auf die Schleppe treten.+ Warum dort der

Akkusativ und hier der Dativ? Was ist der Unterschied zwischen diesen

beiden Gruppen von Redensarten? Worauf kommt es an?

Zunächst ist klar, daß, wenn die Person im Akkusativ steht, zuerst

die Person im ganzen als von einer Tätigkeit betroffen hingestellt

wird, und dann noch nachträglich der einzelne betroffne Körperteil

hinzugefügt wird. Steht die Person im Dativ, so wird der betroffne

Körperteil in den Vordergrund gerückt und die Person mehr als

beteiligt, in Mitleidenschaft gezogen, nicht als unmittelbar betroffen

hingestellt. Das paßt nun zu den mitgeteilten Beispielen vortrefflich.

Wird jemand nur auf ein Kleidungsstück getreten, so wird sein Körper

gar nicht davon berührt; alle andern Redensarten der zweiten Gruppe

aber sind bildliche Wendungen, bei denen ebenfalls kein wirkliches,

leibliches Angreifen, Ansehen, Anfühlen gemeint ist. So wird es nun

auch leicht verständlich, warum man wohl sagt: er hat +mich ins

Gesicht geschlagen+, aber: das +schlägt der Wahrheit ins Gesicht+ --

der Mörder hatte +ihn mitten ins Herz gestochen+, aber: deine Klagen

+schneiden mir ins Herz+ -- der Schmied hat +das Pferd auf den Schenkel

gebrannt+, aber: solange nicht +dem deutschen Michel+ die +Not auf die

Nägel brennt+ -- du hast +mich+ mit deinem Stock ins +Auge gestochen+,

aber: am Schaufenster +stach mir+ ein schöner Brillantschmuck +ins

Auge+. Erschöpft wird die Sache mit dieser Unterscheidung zwar nicht,

aber man kann sich, wenn man sie sich vor Augen hält, auch in andern

Fällen leicht klarmachen, weshalb die Sprache hier den Dativ, dort

den Akkusativ vorzieht oder vorziehen -- sollte, weshalb man also

z. B. sagt: +seinem Freund auf die Schulter klopfen+ (obwohl das

doch wirklich und nicht bildlich geschieht). Bisweilen bedeutet der

Akkusativ der Person mehr das Absichtliche: weshalb +trittst du mich+

denn +auf den Fuß+? der Dativ mehr das Unabsichtliche: +mir+ hat vorhin

einer +auf den Fuß getreten+, das tut mir jetzt noch weh.

Zur Steuerung des Notstandes

Ein persönliches Passivum kann natürlich nur von solchen Zeitwörtern

gebildet werden, die ein direktes Objekt (im Akkusativ) zu sich

nehmen: ich +bestreite die Nachricht+ -- +die Nachricht wird+ von

mir +bestritten+. Von Zeitwörtern, die ein indirektes Objekt (im

Dativ) haben, läßt sich nur ein unpersönliches Passivum bilden:

ich +widerspreche der Behauptung+ -- +der Behauptung+ (nicht: +die

Behauptung+!) wird +von mir widersprochen+. Daher ist es falsch, so,

wie es unsre Zeitungen jetzt täglich tun, von +unwidersprochnen+

Nachrichten zu reden, oder zu sagen wie unsre Reichstagsabgeordneten:

dieser Artikel darf nicht +unwidersprochen+ bleiben, diese Äußerung

möchte ich nicht +unwidersprochen+ ins Land gehen lassen. +Unwiderlegt+

-- das wäre richtig, und aufs Widerlegen kommts doch wohl auch viel

mehr an als aufs Widersprechen. Ebenso falsch sind +bedankt+ und

+unbedankt+ (nun sei +bedankt+, mein lieber Schwan! -- der Vorstand

kann Sie an diesem Tage nicht +unbedankt+ hinweggehen lassen); denn

es heißt nicht: +ich danke dich+, sondern ich +danke dir+, oder: ich

+bedanke mich bei dir+.[114]

Ebenso kann natürlich ein Objektsgenitiv nur an solche

Verbalsubstantiva gehängt werden, die aus Zeitwörtern mit direktem

Objekt gebildet sind. Falsch und liederlich ist es, zu schreiben:

die +Kündigung der Arbeiter+ (wenn nicht gemeint ist, daß die

Arbeiter kündigen, sondern daß +den Arbeitern gekündigt wird+), ebenso

falsch: zur +Steuerung+ oder zur +Abhilfe des Notstandes+ -- sie war

zur +Hilfeleistung ihrer+ Mutter anwesend -- denn +gesteuert+ oder

+abgeholfen+ wird +dem+ Notstande, nicht +der+ Notstand.

Voller Menschen

Das Adjektivum +voll+ verbindet wohl jeder richtig mit dem Genitiv

oder, je nachdem, mit der Präposition +von+, z. B.: die Straßen waren

+voll geputzter Menschen+ -- er war +deines Lobes voll+ -- das ganze

Haus war +voll von Altertümern+ und +Merkwürdigkeiten+. Daneben ist

noch üblich, das Substantiv gänzlich unflektiert zu +voll+ zu setzen:

+voll Blut, voll Rauch, voll Zorn, voll Haß, voll Verlangen+ usw. Das

ist eigentlich ein Fehler, aber einer, der nicht mehr gefühlt wird.

Wenn man +voll Liebe+ sagte, so meinte man natürlich ursprünglich

auch den Genitiv. Da dieser aber beim Femininum nicht erkennbar war,

verdunkelte sich allmählich das Gefühl dafür, und so ging er auch bei

männlichen und sächlichen Substantiven verloren. Auf dieselbe Weise

sind ja auch Verbindungen entstanden wie: +ein Stück Brot, ein Glas

Wein+.

Nun aber +voller+ -- wie stehts damit? Im Volksmund ist es ganz gang

und gäbe, auch unsre besten Schriftsteller haben es oft geschrieben,

aber heute getraut man sichs doch nicht mehr so recht, weil man so

gelehrt geworden ist, daß man immer grübelt, ob man wohl so sagen dürfe

oder nicht, aber nicht gelehrt genug, die Zweifel wieder zu bannen.

Die Kirche war +voller Menschen+ -- der Kerl ist +voller Neid+ -- der

Garten ist +voller Unkraut+ -- der Himmel hängt ihm +voller Geigen+ --

der Junge steckt +voller Schnurren+ -- darf man so schreiben? Ei, gewiß

darf mans; jedermann, Hoch und Niedrig, spricht so, warum soll mans

nicht schreiben dürfen?

+Voller+ ist der erstarrte männliche Singular, der im Prädikat auf

alle drei Geschlechter und auch auf den Plural übergegriffen hat

(ganz ebenso wie +selber+ und ebenso wie +selbst+, das nichts andres

als das erstarrte Neutrum +selbs+ ist). Schon Luther scheint über

diese merkwürdige Spracherscheinung nachgedacht zu haben, aber zu der

Annahme gekommen zu sein, daß +voller+ aus +voll der+ entstanden sei;

er gebraucht es gern, aber immer nur -- vor dem Femininum und vor dem

Plural. Auf keinen Fall hat die Bildung etwas niedriges an sich, im

Gegenteil etwas trauliches, anheimelndes, und der guten Schriftsprache

ist sie durchaus nicht unwürdig.[115]

Zahlwörter. Erste Künstler

In dem Wesen und der Bedeutung des Superlativs liegt es begründet, daß

er eigentlich nur den bestimmten Artikel haben kann: unter hundert

Männern von verschiedner Größe ist einer +der+ größte. Sind drei von

dieser Größe darunter, so sind diese drei +die+ größten. Dann ist aber

einer von diesen dreien nicht +ein größter+ -- das ist undeutsch!

--, sondern +einer der größten+. Darum ist es eine Abgeschmacktheit,

zu schreiben: Lessings Andenken wird gepflegt wie +eine seltenste+

Blume im Treibhause -- ein 45jähriger, der +einer reifsten+ Zukunft

entgegenschreitet. Nur in der Mehrzahl kann man allenfalls, wie der

Kaufmann, von +billigsten Preisen+ oder, wie der Philosoph, von

+kleinsten Teilen+ reden.

Ebenso abgeschmackt ist es, zu sagen: dieses Denkmal wird stets +einen

ersten+ Rang behaupten -- die Politik spielte in seinem ganzen Leben

+eine erste Rolle+ -- und von +ersten Künstlern+, +ersten Opernsängern+

zu reden oder von +ersten Firmen+, +ersten Häusern+, wie es jetzt in

den Anpreisungen der Geschäftsleute täglich geschieht. Gemeint ist

weiter nichts als +bedeutend+, +hervorragend+, +ausgezeichnet+ --

warum sagt man das nicht?[116] So ist es auch unlogisch, zu sagen:

+ein letzter+ Wunsch des Verstorbnen, +eine Hauptursache+ des Erfolgs;

sorgfältig ausgedrückt muß es heißen: +einer der letzten+ Wünsche,

+eine der Hauptursachen+ des Erfolgs, denn auch die +Hauptursache+

ist ein superlativischer Begriff von derselben Bedeutung wie: die

+höchste+, die +wichtigste+ Ursache.

Statt vom +fünfzigsten+ oder +sechzigsten+ Geburtstag redet man

jetzt öfter vom +fünfzigjährigen+: das Buch ist als Festschrift zum

+fünfzigjährigen Geburtstage+ Max Klingers erschienen. Das ist völliger

Unsinn. Von einem +fünfzigjährigen+ oder +hundertjährigen Jubiläum+

kann man reden, denn da feiert man den ganzen Zeitraum, mit dem

Geburtstag aber nur den einzelnen Tag.

Recht unfein klingt es, wie es in militärischen Kreisen üblich ist,

hinter Personennamen die Kardinalzahl zu gebrauchen und von +Fischer

eins+, +Meyer sieben+ zu reden. Vielleicht -- soll es unfein klingen.

Oder wollen wir in Zukunft auch von +Otto drei+ und +Heinrich acht+

reden? Wie mag +Wilhelm zwei+ darüber denken?

Die Präpositionen

Allerhand Sprachdummheiten Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen · 第 19 / 41 段