Fürwörter sein. Wer schreibt, der weiß ja, wen er mit einem
+er+ oder +ihn+ meint; der Leser aber versteht oft falsch, weil
mehrere Hauptwörter vorhergegangen sind, auf die sich das Fürwort
zurückbeziehen kann, sucht dann nach dem richtigen Wort und wird so in
ärgerlicher Weise aufgehalten. Wo daher ein Mißverständnis möglich ist,
ist es immer besser, statt des Fürworts wieder das Hauptwort zu setzen,
besonders dann, wenn im vorhergehenden zwei Hauptwörter einander
gegenübergestellt worden sind. Leider macht sich auch hier wieder der
törichte Aberglaube breit, daß es unschön sei, kurz hintereinander
mehreremal dasselbe Wort zu gebrauchen.
Man nehme folgende Sätze: Schon in Goethe, ja schon in dem
musikliebenden Luther findet sich das unbestimmte Vorgefühl einer
solchen Entwicklung; Goethe hatte bekanntlich bis zu seinem vierzigsten
Jahre die ernstliche Absicht, sich der bildenden Kunst zu widmen,
und die Haupttat Luthers, die Bibelübersetzung, ist eine wesentlich
künstlerische Tat.
Das sind gewiß ein paar gute, tadellose Sätze, so klar, übersichtlich
und wohlklingend, wie man sie nur wünschen kann. Da kommt nun der
Papiermensch drüber und sagt: Entsetzlich! Da steht ja zweimal
hintereinander Goethe und zweimal hintereinander Luther! Jedes zweite
mal ist vom Übel, also weg damit! Es muß heißen: +der eine+ und +der
andre+, oder +jener+ und +dieser+, oder -- und das ist nun das schönste
von allem --: +ersterer+ und +letzterer+. Also: schon in Goethe,
ja schon in dem musikliebenden Luther findet sich das unbestimmte
Vorgefühl einer solchen Entwicklung: +ersterer+ hatte bekanntlich bis
zu seinem vierzigsten Jahre die ernstliche Absicht, sich der bildenden
Kunst zu widmen; und die Haupttat des +letztern+, die Bibelübersetzung,
war eine wesentlich künstlerische Tat.
Über die häßliche Komparativbildung +ersterer+ und +letzterer+
ist schon bei den Relativsätzen gesprochen worden (vgl. S. 123).
Wie häßlich ist aber erst -- dort wie hier -- die Anwendung! Das
angeführte Beispiel ist ja verhältnismäßig einfach, und da es vorher
mit Wiederholung der Namen gebildet worden ist, so sieht man leicht,
worauf sich +ersterer+ und +letzterer+ beziehen soll. Aber welche
Qualen kann dem Leser in tausend andern Fällen ein solches +ersterer+
und +letzterer+, +dieser+ und +jener+ bereiten! Man hat ja, wenn man
arglos vor sich hinliest, keine Ahnung davon, daß sich der Schreibende
gewisse Wörter gleichsam heimlich numeriert, um hinterher plötzlich
von dem Leser zu verlangen, daß der sie sich auch numeriert und --
mit der Nummer gemerkt habe. Auf einmal kommt nun so ein verteufeltes
+ersterer+. Ja wer war denn der +erstere+? Hastig fliegt das Auge
zurück und irrt in den letzten zwei, drei Zeilen umher, um darnach zu
suchen. +Ersterer+ -- halt, da steht +er+: Luther! Also: Luther hatte
bekanntlich bis zu seinem vierzigsten Jahre die ernstliche Absicht,
sich der bildenden Kunst zu widmen. Unsinn! der andre muß es gewesen
sein, also noch einmal suchen! Richtig, hier steht er: Goethe! Also:
Goethe hatte bekanntlich die ernstliche Absicht -- Gott sei Dank, jetzt
sind wir wieder im Fahrwasser. Zum Glück verläuft ja in Wirklichkeit
dieses Hinundhergeworfenwerden etwas schneller; aber angenehm ist es
nicht, und doch, wie oft muß mans über sich ergehen lassen!
Noch ein paar weitere Beispiele: Diskretion ist eine Tugend der
Gesellschaft: +diese+ kann nicht ohne +jene+ bestehen -- unerfahrne
Kinder und geübte Diplomaten haben das oft blitzartige Durchschauen
von Menschen und Charakteren miteinander gemein, aber freilich aus
verschiednen Gründen: +jene+ besitzen noch den Blick für das Ganze,
+diese+ schon den für die Einzelheiten des menschlichen Seelenlebens
-- wie Raffael in der Form, ist Rembrandt in der Farbe nichts weniger
als naturwahr; +dieser+ hat seinen selbständigen und in gewissem
Sinne unnatürlichen Stil gerade so gut wie +jener+; und insofern
Rembrandt in seinen Bildern sogar eine noch intensivere persönliche
Handschrift zeigt als Raffael, hat der +erstere+ noch mehr Stil als
der +letztere+ -- der Gelehrte ist seinem Wesen nach international,
der Künstler national; darauf gründet sich die Überlegenheit des
+letztern+ über den +erstern+ -- dieser Umschwung ist wieder durch
den Egoismus bewirkt worden, nur daß es diesmal nicht der des Gebers,
sondern der des Nehmers war; +jener+ hat in +diesem+ seinen Meister
gefunden; +letzterer+ das Werk würdig fortgesetzt. Alle solche Sätze
sind eine Qual für den Leser. Wer ist +dieser+, wer ist +jener+, wer
ist +letzterer+? In dem letzten Beispiele sollen +dieser+ und +jener+
der Geber und der Nehmer sein, aber in welcher Reihenfolge? +Dieser+
soll sich auf den näherstehenden, +jener+ auf den fernerstehenden
beziehen, +letzterer+ bezieht man unwillkürlich zunächst auf Meister,
es ist aber wieder der Nehmer gemeint. Ist es denn da nicht gescheiter,
zu schreiben: dieser Umschwung ist wieder durch den Egoismus bewirkt
worden, nur daß es diesmal nicht der des Gebers, sondern der des
Nehmers war; der Geber hat im Nehmer seinen Meister gefunden, der
Nehmer hat das Werk würdig fortgesetzt? Das ist sofort verständlich,
und alles ängstliche Umkehren und Suchen fällt weg.
Ein ganz besondrer Mißbrauch wird noch mit +letzterer+ allein
getrieben. Viele sind so verliebt in dieses schöne Wort, daß sie es
ganz gedankenlos (für +dieser+!) auch da gebrauchen, wo gar keine
Gegenüberstellung von zwei Dingen vorhergegangen ist; sie weisen
damit einfach auf das zuletzt genannte Hauptwort zurück; z. B.: das
Preisgericht hat seinen Spruch getan, +letzterer+ greift jedoch
der Entscheidung nicht vor -- das Pepton wird aus bestem Fleisch
dargestellt, sodaß +letzteres+ bereits in löslicher Form dem Magen
zugeführt wird -- Krüge, Teller und Schüsseln bilden das Material,
dem die dichterischen Ergüsse anvertraut werden; sind +letztere+ aber
elegischer Natur, so finden wir sie auf Grabsteinen und Votivtafeln
-- in der offiziösen Sprache schreibt man erst dann von gestörten
Beziehungen, wenn der Krieg vor der Tür steht, und daß +letzteres+
nicht der Fall sei, glauben wir gern -- je weiter entwickelt die Kultur
eines Volkes ist, desto empfindlicher ist +letzteres+ gegen gewaltsame
Eingriffe -- die Stellungnahme (!) des Pietismus zu den Kantoreien
mußte auf +letztere+ lähmend wirken -- die Genossen, die ohne Kündigung
die Arbeit eingestellt hatten und +letztere+ nicht sofort wieder
aufnahmen -- F. schlug den Wachtmeister über den Kopf, als +letzterer+
(der Kopf?) seine Zelle betrat -- diese Aufsätze sind verhaltne
lyrische Gedichte, von +letztern+ (+solchen+!) nur durch die Form
verschieden usw. Wenn solche Gedankenlosigkeit weitere Fortschritte
macht, so kommen wir noch dahin, daß es in lateinisch-deutschen
Wörterbüchern heißen muß: ~hic~, ~haec~, ~hoc~: +letzterer+,
+letztere+, +letzteres+ (ebenso wie ~qui~, ~quae~, ~quod~: +welch
letzterer+, +welch letztere+, +welch letzteres+).
Derselbe, dieselbe, dasselbe
Zu den entsetzlichsten Erscheinungen unsrer Schriftsprache gehört
der alles Maß übersteigende Mißbrauch, der mit dem Fürwort
+derselbe+, +dieselbe+, +dasselbe+ getrieben wird. An der Unnatur und
Steifbeinigkeit unsers ganzen schriftlichen Ausdrucks trägt dieses
Wort die Hälfte aller Schuld. Könnte man unsrer Schriftsprache diesen
Bleiklumpen abnehmen, schon dadurch allein würde sie Flügel zu bekommen
scheinen. Der Mißbrauch dieses Fürworts gehört zu den Hauptkennzeichen
jener Sprache, von der nun schon so viele Beispiele in diesem Buche
angeführt worden sind, und die man so treffend als papiernen Stil
bezeichnet hat.[108]
Unter hundert Fällen, wo heute +derselbe+ geschrieben wird, sind keine
fünf, wo das Wort in seiner wirklichen Bedeutung (~idem~, ~le même~,
~the same~) stünde. In der lebendigen Sprache wird es zwar in seiner
wirklichen Bedeutung täglich tausendmal gebraucht, auf dem Papier aber
fast gar nicht mehr; da wird es immer ersetzt durch +ebenderselbe+
oder +einundderselbe+ oder +der nämliche+ oder +der gleiche+ (von dem
+gleichen+ Verfasser erschien in der +gleichen+ Verlagsbuchhandlung
usw.). Daß zur Gleichheit mindestens zwei gehören, daran denkt man
gar nicht. Zwar so wunderbaren Sätzen wie: Wagner hat +dieselben+
Quellen benutzt wie Goethe, aber in engerm Anschluß an +dieselben+
(wo erst ~eosdem~, dann ~eos~ gemeint ist) -- fast gleichzeitig wurde
der Roman Werthers Leiden fertig; über +denselben+ schreibt Goethe in
+demselben+ Briefe usw., begegnet man selten. Aber in fünfundneunzig
unter hundert Fällen ist +derselbe+, +dieselbe+, +dasselbe+ nichts
weiter als +er+, +sie+, +es+ oder +dieser+, +diese+, +dieses+. Und das
ist das ärgerlichste an dem dummen Mißbrauch, daß dabei auch noch der
Unterschied zwischen +er+ und +dieser+ verwischt wird.
Für das persönliche Fürwort +er+ steht +derselbe+ z. B. in folgenden
Sätzen (man kann in wenig Minuten in jedem Buch und jeder Zeitung die
Beispiele schockweise sammeln): wir brauchten das nur dann zu wissen,
wenn die Welt erst noch geschaffen werden sollte; +dieselbe+ ist aber
bereits fertig -- der Hauptsitz der Rosenkultur ist der Südfuß des
Hämus, doch zieht sich +dieselbe+ auch in das Mittelgebirge hinein
-- durch Höhe der Gebäude suchte man zu ersetzen, was +denselben+ an
Breite und Tiefe abging -- was Erich Schmidt gegen die Glaubwürdigkeit
Bretschneiders in Feld führt, reicht nicht aus, +dieselbe+ zu
erschüttern -- der Fall muß allgemeines Aufsehen erregt haben, da
+derselbe+ eine Bürgerstochter aus guter Familie betraf -- neuerdings
hat man versucht, den Reim durch die Alliteration zu verdrängen; Jordan
hat +dieselbe+ eingeführt, und R. Wagner hat +dieselbe+ in freier Weise
verwandt -- ich hatte mir gleich anfangs ein Brunnenglas gekauft, aber
+dasselbe+ blieb jungfräulich -- die Gemeinde war allerdings Besitzer
des Bodens, +derselbe+ wurde aber nicht gemeinschaftlich bearbeitet
-- das Manuskript lag halbvergessen in einem Schubfache, bis mir die
Anregung wurde, +dasselbe+ einer Zeitung zu überlassen -- Versuche,
den Verein zu verfolgen, werden +demselben+ nur neues Wachstum
verleihen -- der Inhaber hat die Karte stets bei sich zu führen und
darf +dieselbe+ an andre Personen nicht weitergeben -- der Nebensatz
steht gewöhnlich hinter dem Hauptsatz, +derselbe+ kann jedoch auch
dem Hauptsatz vorangehen, und endlich kann +derselbe+ auch in den
Hauptsatz eingeschaltet sein usw. Kein vernünftiger Mensch spricht so;
jeder braucht, um ein eben dagewesenes Hauptwort zu ersetzen, in der
lebendigen Sprache das persönliche Fürwort.
In folgenden Sätzen wäre +dieser+ (oder das demonstrative +der+) das
richtige: der Wildbach trat aus und wälzte große Schuttmassen in
die Limmat; dadurch wurde +dieselbe+ in ihrem Laufe gehemmt -- in
Königsberg ließ Lenz seine Ode auf Kant drucken, als +derselbe+ die
Professorwürde erlangte -- in jeder Küche stand früher ein viereckiges
Kästchen aus Blech; +dasselbe+ enthielt vier Gegenstände, unter
anderm eine Masse, die man Zunder hieß; +dieselbe+ war hergestellt
aus usw. -- es finden sich in der Schrift bisweilen originelle
Kombinationen; +dieselben+ sind aber doch völlig wertlos -- freilich
gehört Anlagekapital dazu, +dasselbe+ verzinst sich aber gut --
für die lokale Feier sind entsprechende Festlichkeiten in Aussicht
genommen; +denselben+ werden geistliche Festlichkeiten vorausgehen --
das Ergebnis der Revolution wäre sicher nicht der sozialdemokratische
Staat; +derselbe+ (+dieser+!) verlangt eine solche Umwälzung aller
Anschauungen, daß +sich dieselbe+ (+sie sich+!) nicht von heute auf
morgen vollziehen kann.
Ein Zeitungschreiber kann heutzutage nicht eine Mitteilung von
zwei Zeilen machen ohne dieses unsinnige +derselbe+; erst wenn das
darinsteht, hat die Sache die nötige Wichtigkeit. Der Adjutant des
Sultans ist hier eingetroffen; +derselbe+ überbrachte dem Großfürsten
vier Pferde. Daß man nur ja nicht etwa denke, es habe sie ein andrer
überbracht! nein nein, es war derselbe! Ach, und wenn nun erst noch
die schöne Inversion dazukommt (der Verdacht lenkte sich sofort auf
den wegen Nachlässigkeit bekannten Hausmann, +und wurde derselbe+ in
einem Bodenraum erhängt aufgefunden), und wenn gar die Inversion nur
zu dem Zweck angewandt wird, auch das herrliche +derselbe+ anbringen
zu können (die Zigarren erheben sich weit über das gewöhnliche
Niveau, +und gehören dieselben+ zu den besten usw.), oder wenn sich
zu +derselbe+ noch ein +daselbst+, +dortselbst+, +hierselbst+ oder
+woselbst+ gesellt (denn +da+, +dort+, +hier+ und +wo+ kennt der
Zeitungschreiber auch nicht, das ist ihm viel zu simpel), dann
schwillt die stolze Reporterbrust, er weiß, daß er seinen „bedeutsamen“
Mitteilungen die würdigste Form verliehen hat. Zur Resolution sprach
bei Beginn der Sitzung der Abgeordnete T.; +derselbe+ erklärte sich
gegen +dieselbe+ -- der Ulan M. erhielt drei Tage Mittelarrest, weil
+derselbe+ beim Appell sein Pferd schlecht vorführte, sodaß +dasselbe+
einen Kameraden auf den Fuß trat und +denselben+ verletzte -- gestern
abend ist der Herr Justizminister +hierselbst+ eingetroffen und im
Hotel S. abgestiegen. +Derselbe+ begab sich heute morgen nach dem
Amtsgerichtsgebäude, nahm +dasselbe+ eingehend in Augenschein und
wohnte verschiedenen Verhandlungen +daselbst+ bei -- heute wurde hier
eine Windhose beobachtet; +dieselbe+ erfaßte einen Teil des auf der
Wiese liegenden Heues und drehte +dasselbe+ turmhoch in die Luft,
+woselbst+ es dann weiter geführt wurde -- die Färbung der Kreuzotter
ist nicht bestimmt anzugeben, da +dieselbe+ bei +einunddemselben+ (!)
Individuum (!) wechselt und nach der Häutung meist heller erscheint
als vor +derselben+. Das sind Muster von Zeitungssätzen. Aber auch
in wissenschaftlichen Werken und in Erzählungen, in Bekanntmachungen
von Behörden und in Geschäftsanzeigen -- überall verfolgt einen das
entsetzliche Wort. Selbst in den kleinen Scherzgesprächen unter
den Bildern der Fliegenden Blätter und in dem Dialog der neuesten
Lustspiele ist man nicht mehr sicher davor. Man schnellt im Theater von
seinem Sitz in die Höhe, wenn auf der Bühne so ein dummes +derselbe+
(für +er+) gesprochen wird; aber weder der Schauspieler noch der
Regisseur hat es bemerkt und beseitigt! Wie kommt es nur, liebe B.
-- heißt es auf einem Reklamebildchen --, daß deine Kinderchen stets
so blühend und gesund sind, während die meinigen immer bleich und
kränklich aussehen? -- Wir genießen alle als tägliches Getränk Kakao
von Hartwig und Vogel; +derselbe+ ist von anerkannt vorzüglicher
Qualität, ergiebig und daher billig. Nein, so spricht die liebe B.
nicht. Ein bekanntes Geschichtchen erzählt, daß der Lehrer in der
Stunde gefragt habe: wieviel Elemente gibt es, und wie heißen sie?
und der Schüler geantwortet habe: es gibt vier Elemente, und ich heiße
Müller. Das war die Folge davon, daß sich der Lehrer so gewöhnlich
ausgedrückt hatte! Warum hatte er nicht vornehm gefragt, wie unsre
statistischen Formulare: und wie heißen +dieselben+!
Ein Hochgenuß für den Leser ist es, wenn, wie es tausendfach geschieht,
beide in einem Satz unmittelbar nebeneinander stehen, die herrlichen
Papierpronomina: +derselbe+ (statt +er+) und +welcher+ (statt +der+)!
Zum Verständnis des Parzival ist es nötig, die beiden Sagenkreise,
+welche demselben+ (+die ihm+!) zugrunde liegen, kennen zu lernen --
in Hyrtls Hause befindet sich der fragliche Schädel (Mozarts), und der
Besitzer, +welcher denselben+ (+der ihn+!) der Stadt Salzburg vermacht
hat, zweifelt nicht an der Echtheit +desselben+ -- Reiskes Briefe kamen
in die Universitätsbibliothek zu Leiden; es sind aufrichtige Verehrer
gewesen, +welche dieselben+ (+die sie+!) jener Bibliothek schenkten,
und sie werden +in derselben+ als ein Schatz geachtet -- das erwähnte
Statut und die Bulle, +welche dasselbe+ (+die es+!) sanktioniert hatte
-- bezeichnend für den Geschmack der Direktion und die Zumutungen,
+welche dieselbe+ (+die sie+!) an das Publikum zu stellen wagt -- was
für Forderungen an die Gebildeten gestellt werden, wird je nach dem
Zeitalter, +welchem dieselben+ (+dem sie+!) angehören, verschieden
sein -- die farbige Aufnahme des Fensters verdanken wir Herrn E.,
+welcher dasselbe+ (+der es+!) restauriert hat -- wer spricht so? Kein
Mensch. Aber sowie der Deutsche die Feder in die Tinte taucht, fährt
ihm der Registrator oder der Kanzlist in die Glieder. Im fünfzehnten
und sechzehnten Jahrhundert sind Tausende der wichtigsten Urkunden
angefangen worden: Wir tun kund mit diesem Brief allen +denen, die
ihn+ sehen oder hören lesen. Heute in einem Ehrenbürgerbriefe zu
schreiben: Wir ernennen Herrn X. +wegen+ der großen Verdienste, +die
er sich+ um unsre Stadt erworben hat usw. -- das wäre ja im höchsten
Grade würdelos, so spricht man wohl, aber so schreibt man doch nicht!
Wir ernennen Herrn +in Anbetracht+ der großen Verdienste, +welche
derselbe+ um unsre Stadt +sich+ erworben hat usw. -- so klingt es
großartig, feierlich, erhaben! Kaiser Friedrich soll als Kronprinz
1859 zu einer Deputation gesagt haben: Wenn Gott meinen Sohn am Leben
erhält, so wird es unsre schönste Aufgabe sein, +denselben+ in den
Gesinnungen und Gefühlen zu erziehen, +welche+ mich an das Vaterland
ketten. Man kann darauf schwören, daß er nicht so gesagt hat, sondern:
+ihn+ in den Gesinnungen und Gefühlen zu erziehen, +die+ mich an das
Vaterland ketten. Aber der Zeitungschreiber hat das natürlich erst
aus dem Menschlichen ins Papierne übersetzen müssen. In der Poesie
ist +derselbe+ noch viel unmöglicher als +welcher+. Nur in dem alten
Studentenliede ~Ça ça~ geschmauset! heißt es:
Knaster den gelben
Hat uns Apolda präpariert
Und uns +denselben+
Rekommandiert.
Darin, daraus, daran, darauf usw.
Es sind ja aber nicht bloß die Fürwörter +er+ und +dieser+ (oder
+der+), die durch den unsinnigen Mißbrauch verdrängt und vermengt
werden; er -- wollte sagen „derselbe“ frißt noch weiter, viel weiter.
In der lebendigen Sprache haben wir die leichten, zierlichen Adverbia:
+darin+, +daraus+, +daran+, +darauf+, +dabei+, +davor+, +dahinter+,
+damit+, +darum+, +dafür+, +dazwischen+ usw.; jeder braucht sie
hundertmal des Tags. Aber sowie einer die Feder ergreift -- wehe den
armen! Dann heißt es: +in demselben+, +aus demselben+, +an demselben+,
+auf demselben+, +mit demselben+, +bei demselben+, +zwischen denselben+
usw. -- auch in dieser Gestalt storcht das langbeinige Ungetüm
überall durch unsre Schriftsprache. Das Denkmal will alles Prunkvolle
vermeiden, nur das allgemein Menschliche soll +in demselben+ (+darin+!)
betont werden -- die Geistlichen hatten ihren eignen Predigtstuhl, und
+in demselben+ (+darin+!) jeder seinen bestimmten Platz -- so sehr ich
in diesem Punkte mit dem Verfasser einverstanden bin, so entschieden
muß ich die Forderungen bekämpfen, die er +aus demselben+ (+daraus+!)
ableitet -- sie betrachteten sich als die alleinigen Eigentümer des
Landes und gestanden andern keinen Anteil +an demselben+ (+daran+!)
zu -- obgleich durch den Regen der Abmarsch des Festzuges verspätet
und die Beteiligung +an demselben+ (+daran+!) beeinträchtigt wurde --
die Entstellungen sind wirkungslos, ein unbefangner Beurteiler wird
sich an +dieselben+ (+daran+!) nicht kehren -- im Jahre 1560 wurde
der Turm erhöht und eine Wohnung +auf demselben+ (+darauf+!) erbaut
-- die Wiesen waren wieder getrocknet, und bald entwickelte sich +auf
denselben+ (+darauf+!) ein üppiger Graswuchs -- 1890 reichte die
Zahl an den Durchschnitt hinan, 1900 blieb sie +hinter demselben+
(+dahinter+!) zurück -- der Boden war überall von so wunderbarer
Beschaffenheit, daß sich kaum die fruchtbarsten Gegenden Deutschlands
+mit demselben+ (+damit+!) vergleichen ließen -- der Holzbau ist ein
viel zu überwundner Standpunkt, als daß es der Mühe lohnte, sich in
der Praxis +mit demselben+ (+damit+!) zu befassen -- die Erziehung
des Knaben ruhte ausschließlich in den Händen der Mutter, da sich der
Vater, der sich viel auf Reisen befand, nicht +um dieselbe+ (+darum+!)
kümmern konnte -- hier bedarf es des Glaubens an die gute Sache und der
Begeisterung +für dieselbe+ (+dafür+!) -- keinem kann dieses Studium
erlassen werden, wohl aber bereitet sich +für dasselbe+ (+dafür+!)
ein neuer Maßstab vor -- dieser Gedanke wurde am Mainzer Hofe lebhaft
erwogen, der Kurfürst war ganz +von demselben+ (+davon+!) erfüllt --
die Fürstin wünschte lebhaft, das Bild zu besitzen, aber Angelika
konnte sich +von demselben+ (+davon+!) nicht trennen -- in der Mitte
des Schrankes hängt ein mächtiges, reich verziertes Schwert, +neben
demselben+ (+daneben+!) rechts und links zwei kleinere Schwerter --
in diesem Graben fließt eine bedeutende Wassermenge, deshalb ist auch
ein Steg +über denselben+ (+darüber+!) gelegt -- die Presse ist noch
nicht einig, ob sie den Vorfall bedauern oder sich +über denselben+
(+darüber+!) freuen soll -- das Partizip steht hier absolut, ein Komma
+hinter demselben+ (+dahinter+!) würde nur irreführen usw. Anders wird
gar nicht geschrieben.
Nach einem weit verbreiteten Aberglauben sollen sich die Adverbia
+darin+, +darauf+, +dafür+ usw. immer nur auf eine Handlung, ein
Zeitwort, einen ganzen Satz, aber nie auf ein Hauptwort beziehen
können. Es sei also zwar richtig, zu antworten: ich kann mich nicht
+darauf+ besinnen -- wenn gefragt worden sei: besinnst du dich,
+was du+ mir damals +versprochen hast+? aber nicht, wenn die Frage
gelautet habe: besinnst du dich auf den +Ausdruck+, den du damals
gebraucht hast? Die angeführten Beispiele zeigen, wie lächerlich dieser
Aberglaube ist. Die lebendige Sprache setzt die Adverbia überall statt
der Präposition in Verbindung mit einem persönlichen Fürwort. Nur
auf Personen können sie sich nicht beziehen, da muß das persönliche
Fürwort stehen. Es gibt zwar Fälle, wo das Adverb auch bei Sachen etwas
ungewöhnlich klingt, z. B.: wer die hiesigen Universitätsverhältnisse
und mein Verhalten +dazu+ nicht kennt; aber das liegt nur daran, daß
uns das dumme +derselbe+ so oft vor die Augen gebracht wird, daß uns
schließlich das Einfache und Natürliche befremdet. Und was hindert
denn, auch hier das persönliche Fürwort zu gebrauchen? Warum sagt man
nicht: die hiesigen Universitätsverhältnisse und mein Verhalten +zu
ihnen+? Bei +ohne+ scheint sowieso nichts andres übrig zu bleiben,
denn ein Adverb +darohne+ gibt es nicht, obwohl man es zu bilden
versucht hat. Auch bei dem Neutrum es entsteht eine Schwierigkeit. Sie
wollte sich durch das Geld Vorteile verschaffen, auf die sie +ohne
dasselbe+ nicht rechnen konnte -- hier ist doch wohl +dasselbe+ ganz
unentbehrlich? Soll man schreiben: +ohne es+? Jakob Grimm hätte es
getan, er schrieb so, er wollte, daß es nicht anders behandelt würde
als +ihn+ und +sie+, und einige sind ihm darin gefolgt. Es klingt aber
doch seltsam, denn +es+ ist gewöhnlich tonlos, und hier müßte es betont
werden. Gibt es denn aber wirklich keinen Ersatz für das fehlende
+darohne+? Gewiß gibt es einen, und er heißt -- +sonst+! Sie wollte
sich durch das Geld Vorteile verschaffen, auf die sie +sonst+ nicht
rechnen konnte. Das ist gutes Deutsch.
Bisweilen erscheinen in einem Satze zwei gleichklingende persönliche
Fürwörter unmittelbar hintereinander, z. B. +sie+ als Femininum
und als Plural: Handlungen dieser Art suchte die Gewerbeordnung zu
unterdrücken, indem +sie sie+ verbot. Etwas schrecklicheres ist ja
nun für die Augen des Papiermenschen nicht denkbar. Da muß es doch
unbedingt heißen: indem +sie dieselben+ verbot? Nein, auch da nicht,
denn man spricht nicht so, man spricht frischweg +sie sie+, und was
gesprochen und gehört nicht mißfällt, ja nicht einmal auffällt, kann
doch auch geschrieben oder gedruckt keinen Anstoß erregen! Wenn sich
in einer Schulklasse die Mädchen gezankt haben, zwei einer dritten ein
Buch weggenommen haben, der Lehrer Frieden stiftet und dann fragt:
habt +ihr ihr ihr+ Buch wiedergegeben? so ist das doch noch viel
„schlimmer“. Aber wird der Lehrer deshalb fragen: habt +ihr derselben
ihr+ Buch wiedergegeben?