Gewöhnlich wird gelehrt, daß Adjektiva und Partizipia, wenn sie kein

Hauptwort bei sich haben, selber zu Hauptwörtern würden und dann

mit großen Anfangsbuchstaben zu schreiben seien, also: die +Grünen+

und die +Blauen+, alle +Gebildeten+. Das läßt sich hören. Nun geht

man aber weiter. Man schreibt solche Adjektiva und Partizipia auch

dann groß, wenn zu dem Adjektiv ein Adverb oder ein Objekt, zu dem

Partizip ein Adverb, ein Prädikat, ein Objekt oder eine adverbielle

Bestimmung tritt, z. B.: so +Schönes+, längst +Bekanntes+, etwas

ungemein +Elastisches+, der minder +Arme+, alles +bloß Technische+,

das eigentlich +Theatralische+, der wirtschaftlich +Abhängige+, das

dem Vaterland +Ersprießliche+ -- ein unglücklich +Liebender+, kein

billig +Denkender+, der wagehalsig +Spekulierende+, das wahrhaft

+Seiende+, der früh +Dahingeschiedne+, die mäßig +Begüterten+, die

bloß +Verschwägerten+, der ergebenst +Unterzeichnete+, der sehnlichst

+Erwartete+, der wahrhaft +Gebildete+, das glücklich +Erreichte+,

das früher +Versäumte+, der hier +Begrabne+, das anderwärts besser

+Dargestellte+ -- der beschaulich +Angelegte+, der gefesselt

+Daliegende+, der unschuldig +Hingerichtete+, das als richtig

+Erkannte+ -- die dem Gemetzel +Entgangnen+, die Medizin +Studierenden+

-- die zu ihm +Geflüchteten+, die vom Leben +Abgeschiednen+, die

bei der Schaffung des Denkmals +Beteiligten+, die an der Aufführung

+Mitwirkenden+, die auf die Eröffnung der Kasse +Wartenden+ -- auch:

die von ihm +zu Befördernden+, das auf Grund des schon +Vorhandnen+

noch +zu Erreichende+ usw.

Ist das richtig? Können in solchen Verbindungen die Adjektiva und

Partizipia wirklich als Substantiva angesehen werden? Ein wenig

Nachdenken genügt doch, zu zeigen, daß das unmöglich ist. Wenn ich

sage: der +frühere Geliebte+, so ist das Partizip wirklich zum

Substantivum geworden; sage ich aber: der +früher geliebte+, so

kann doch von einer Substantivierung keine Rede sein. Welchen Sinn

hat es aber, Wörter äußerlich, für das Auge, zu Hauptwörtern zu

stempeln, die gar nicht als Hauptwörter gefühlt werden können? Diese

Fälle sollten im Unterricht dazu benutzt werden, den Unterschied

zwischen einem zum Substantiv gewordnen und einem Partizip gebliebnen

Partizipium klarzumachen! Wäre es richtig, zu schreiben: alles bisher

+Erforschte+, alle vernünftig +Denkenden+, die im Elsaß +Reisenden+,

die zwei Jahre lang +Verbündeten+, die zur Feier von Kaisers Geburtstag

+Versammelten+, die durch die Überschwemmung +Beschädigten+, die auf

preußischen Universitäten +Studierenden+, der wegen einer geringfügigen

Übertretung +Angeklagte+, wäre es möglich, alle diese Partizipia als

Substantiva zu fühlen -- und nur darauf kommt es an! --, dann müßte man

auch sagen können: alle bisher +Forschung+, alle vernünftig +Denker+,

die im Elsaß Reise, die zwei Jahre lang +Verbindung+, die zur Feier

von Kaisers Geburtstag +Versammlung+, der durch die Überschwemmung

+Schade+, die auf preußischen Universitäten +Studenten+, die wegen

einer geringfügigen Übertretung +Anklage+. Wollte man hier wirklich

eine Substantivierung annehmen und äußerlich vornehmen, so könnte das

nur so geschehen, daß man die ganze Bekleidung mitsubstantivierte

und schriebe: die +Wirklichoderangeblichminderbegabten+, jeder

+Tieferindiegoethestudieneingedrungne+. So verfährt man ja wirklich bei

kurzen Zusätzen wie: die +Leichtverwundeten+, der +Frühverstorbne+, die

+Fernerstehenden+, die +Wenigerbegabten+.

Nun könnte man sagen: gut, wir wollen da, wo Adjektiva und Partizipia

allein stehen, sie mit großen Anfangsbuchstaben schreiben; treten

sie mit irgendwelchen Zusätzen auf, so mögen sie mit dem kleinen

Buchstaben zufrieden sein. Was soll aber dann geschehen, wenn

beide Fälle miteinander verbunden sind, was sehr oft geschieht,

z. B.: das +unbedeutende+, in der Eile +hingeworfne+ -- etwas

+selbstverständliches+, mit Händen +greifbares+ -- etwas +großes+,

der ganzen Menschheit +ersprießliches+ -- eine nach dem +pikanten+,

noch nicht +dagewesenen+ haschende Phantasie -- mit Verzicht auf das

+verlorne+ und zu unsrer Sicherheit unbedingt +notwendige+? Soll man da

abwechseln? das eine klein, das andre groß schreiben?

Das vernünftigste wäre ohne Zweifel, man beschränkte die großen

Anfangsbuchstaben überhaupt auf die wirklichen Substantiva und schriebe

alles übrige klein. Aber zu schreiben: das durch redlichen Fleiß

+Gewonnene+, und sich und andern einzureden: +Gewonnene+ sei hier ein

Substantiv, ist doch geradezu ein Verbrechen an der Logik. Aber auch

das +schrittweise Gewonnene+ ist Unsinn. Denn wäre +Gewonnene+ ein

Hauptwort, dann könnte +schrittweise+ nur ein Eigenschaftswort sein,

und das ist es nicht, ist aber +schrittweise+ ein Adverbium, dann kann

+Gewonnene+ nur eine Verbalform sein, und das ist es ebenfalls nicht,

sowie man es mit G schreibt.

Die Apposition

Eine Regel, die schon der Quintaner lernt, lautet: eine Apposition

muß stets in demselben Kasus stehen wie das Hauptwort, zu dem sie

gehört. Das ist so selbstverständlich, daß es ein Kind begreifen

kann. Nun sehe man sich aber einmal um, wie geschrieben wird! Da

heißt es: das Gastspiel +des+ Herrn R., +erster Tenor+ an der Skala

in Mailand -- der Verfasser +der+ Sylvia, +ein Buch+, das wir leider

nicht kennen -- es gilt das namentlich von +dem+ mitteldeutschen

Hofbau, +die verbreitetste+ aller deutschen Bauarten -- der First ist

+mit+ freistehenden +Figuren+, Petrus und +die vier Evangelisten+,

geschmückt -- offenbar hat Trippel von +jener Skulptur+, +eine+ dem

Apoll von Belvedere nicht +allzufernstehende Arbeit+, die Anregung

erhalten -- in Koblenz war ich ein Stündchen +bei Bädeker+, ein recht

+liebenswürdiger, verständiger+ Mann -- das Grab war +mit+ Reseda und

+Monatsrosen+ geschmückt, +die Lieblingsblumen+ der Verstorbnen --

anders verhält es sich mit +dem Sauggasmotor+, +ein Apparat+, der das

erforderliche Gas selbst erzeugt. Solche Verbindungen kann man sehr

oft lesen; mag der Genitiv, der Dativ, der Akkusativ vorausgehen,

gleichviel: die Apposition wird in den Nominativ gesetzt. Sie wird

behandelt wie eine Parenthese, als ob sie gar nicht zum Satzgefüge

gehörte, als ob sie der Schreibende „beiseite“ spräche oder in den Bart

murmelte.

Auch dieser Fehler ist, wie so manches in unsrer Sprache, durch

Nachäfferei des Französischen entstanden. Nicht daß das Französische

bei seiner strengen Logik eines solchen Unsinns fähig wäre, zu einem

Hauptwort im Genitiv eine Apposition im Nominativ zu setzen. Wenn der

Franzose schreibt: ~le faîte est orné de statues~, ~St. Pierre et les

quatre évangélistes~, so empfindet er natürlich ~les évangélistes~

so gut von de abhängig wie das vorhergehende. Der Deutsche aber, der

ein bißchen Französisch gelernt hat, sieht nur die unflektierte Form,

bildet sich ein, das sei ein Nominativ, und plumpst nun hinter +des+

und +dem+ und +den+ mit seinem +der+ drein. Es ist wie ein Schlag ins

Gesicht, ein solcher Nominativ als Genosse und Begleiter eines ~casus

obliquus~.

Auch wenn die Apposition mit +als+ angeschlossen wird, muß sie

unbedingt in demselben Kasus stehen wie das Wort, zu dem sie tritt,

z. B.: ein Vortrag über Viktor +Hugo+ als +politischen Dichter+

(nicht +politischer+!) -- ein Portal mit zwei gefesselten +Türken+

als +Schildhaltern+ (nicht +Schildhalter+!) -- eine Zusammenfassung

+Schlesiens+ als +eines+ Ganzen (nicht ein +Ganzes+!). Nur wenn sie

sich an das besitzanzeigende Adjektiv anschließt, also eigentlich im

Genitiv stehen müßte, nimmt man sich allgemein die Freiheit, zu sagen:

+mein+ Beruf +als Lehrer+, +seine+ Bedeutung +als Dichter+.

Nicht zu verwechseln mit der Apposition hinter +als+ ist das

Prädikatsnomen hinter +als+ und dem Partizip eines Zeitworts, wie

+gesandt+, +berufen+, +bekannt+, +berühmt+, +gefeiert+, +bewährt+,

+berüchtigt+ usw. Beim ~Verbum finitum~ steht selbstverständlich ein

Prädikatsnomen, das sich an das Subjekt anschließt, im Nominativ:

der +Entschlafne+ wurde als +Mensch+ wie als Politiker gleich hoch

geschätzt; schließt es sich an das Objekt an, so steht es im Akkusativ:

ich habe +den Entschlafnen+ als +Menschen+ wie als Politiker gleich

hoch geschätzt. Manche schreiben nun aber auch: die Stadt hat ihr +als

ausgezeichneten Verwaltungsbeamten+ bekanntes +Oberhaupt+ verloren.

Das ist des Guten zu viel. Beim Partizip steht das Prädikatsnomen

stets im Nominativ, der Kasus, auf den es sich bezieht, mag sein,

welcher er will, z. B.: auf die Vorstellungen +des als Gesandter+

an ihn geschickten +Tilo+ -- an die Stelle +des als Professor+ nach

Aachen versetzten +Baumeisters+ -- als Nachfolger +des als Gehilfe+

des Finanzministers nach Petersburg berufnen +Geheimrats+ -- +dem+ als

vortrefflicher +Dirigent+ bekannten +Kapellmeister+. Dieser Nominativ

erklärt sich daraus, daß er eben stets hinter dem passiven ~Verbum

finitum~ steht, sogar oft im Aktiv bei rückbezüglichen Zeitwörtern,

wie +sich zeigen+, +sich beweisen+, +sich verraten+, +sich entpuppen+,

+sich bewähren+, wo eigentlich der Akkusativ am Platze wäre: er hat

+sich+ als +ausgezeichneter Verwaltungsbeamter+ bewährt. Hier ist

übrigens ein Unterschied möglich; er zeigte +sich+ als +feinen+ Kenner

-- ist etwas andres als: er zeigte +sich+ als +feiner+ Kenner. Der

Akkusativ entspricht einem Objektsatz im Konjunktiv (er zeigte, daß er

ein feiner Kenner +sei+), der Nominativ einem Objektsatz im Indikativ

(er zeigte, daß er ein feiner Kenner +ist+). Aber dieser Unterschied

ist so fein, daß ihn die wenigsten nachfühlen werden; die meisten

schreiben unwillkürlich überall den Nominativ.

Bei +sein lassen+ und +werden lassen+ muß ein zum Objekt gehöriges

Prädikat natürlich im Nominativ stehen. Falsch heißt es in dem

Gesangbuchliede: laß du +mich deinen Tempel+ sein, falsch auch bei

Uhland: laß +du mich deinen Gesellen+ sein -- so annehmbar es auch zu

klingen scheint. Es muß heißen: laß du +mich dein Geselle+ sein -- laß

+ihn ein tüchtiger Künstler+ werden.

Der Buchtitelfehler

Ein besonders häufiges Beispiel einer fehlerhaften Apposition

findet sich auf Buchtiteln. Gewiß auf der Hälfte aller Buchtitel

wird jetzt zum Verfassernamen, der ja immer hinter +von+, also im

Dativ steht, das Amt oder der Beruf des Verfassers im Nominativ

gesetzt! Noch in den vierziger und fünfziger Jahren des vorigen

Jahrhunderts war diese Nachlässigkeit fast unbekannt; da schrieb

man noch richtig; +von+ Joseph +Freiherrn+ von Eichendorff, +von+

H. Stephan, kgl. preußisch+em+ Postrat. Jetzt heißt es: +von+

C. W. Schneider, Reichstagsabgeordnet+er+ -- +von+ H. Brehmer,

dirigierend+er+ Arzt -- +von+ F. Kobeker, kaiserl. russisch+er+

Geheimrat -- +von+ Egbert von Frankenberg, diensttuend+er+ Kammerherr

-- +von+ Havestadt und Contag, Regierungsbaumeist+er+ -- +von+ ~Dr.~

Leonhard Wolff, städtisch+er+ Musikdirektor -- +von+ J. Hartmann,

königl. preußisch+er+ Generalleutnant z. D. -- +von+ Adolf Zeller,

königlich+er+ Regierungsbaumeister -- +von+ Adolf Winds, königl.

sächsisch+er+ Hofschauspieler -- +von+ ~Dr.~ Friedrich Harms, weiland

ordentlich+er+ Professor an der Universität Berlin -- +von+ L. Schmidt,

korrespondierend+es+ Mitglied des Vereins usw. Besonders häufig

erscheinen der +Dozent+, der +Privatdozent+ und der +Architekt+ in

solchen fehlerhaften Appositionen; es ist, als ob die Herren ganz

vergessen hätten, daß sie nach der schwachen Deklination gehen (+dem+

Dozent+en+, +dem+ Architekt+en+). Mitunter sind ja die Verfasser so

vorsichtig, das Wort, auf das es ankommt, abzukürzen, z. B.: +von+

Heinrich Oberländer, +königl.+ Schauspieler. Namentlich der +ordentl.+

und der +außerordentl.+ Professor gebrauchen gern diese Vorsicht und

überlassen es dem Leser, sich die Abkürzung nach Belieben zu ergänzen.

Die meisten Leser ergänzen aber sicher falsch.[105] Hat außerdem noch

der Name des Druckers oder des Verlegers eine Apposition, so kann es

vorkommen, daß auf einem Buchtitel der Fehler zweimal steht, oben

beim Verfassernamen und dann wieder unten am Fuße: Druck +von+ Gustav

Schenk, königlich+er+ Hofliefer+ant+!

Aber auch in andern Fällen, nicht bloß wo sich der Verfasser

eines Buches nennt, wird der Fehler oft begangen. Man schreibt

auch: Erinnerungen +an+ Botho von Hülsen, Generalintend+ant+ der

königlichen Schauspiele. Auf Briefadressen kann man lesen: +Herrn+

~Dr.~ Müller, Vorsitzend+er+ des Vereins usw. Es ist, als ob alle

solche Appositionen, die Amt, Titel, Beruf angeben, zusammen mit den

Personennamen als eine Art von Versteinerungen betrachtet würden. Daß

+von+ den Dativ, +an+ den Akkusativ regiert, dafür scheint hier alles

Bewußtsein geschwunden zu sein. Erst kommt die Präposition, dann der

Name, und dann, unflektiert und, wie es scheint, auch unflektierbar,

der Wortlaut der -- Visitenkarte.

Frl. Mimi Schulz, Tochter usw.

Zu der einen Nachäfferei des Französischen bei der Apposition kommt

aber jetzt noch eine zweite, nämlich die, den Artikel wegzulassen. In

gutem Deutsch ist das nur dann üblich, wenn die Apposition Amt, Beruf

oder Titel bezeichnet, und auch da eigentlich nur in Unterschriften,

wenn man selber seinen Namen und Titel hinschreibt. Aber abgeschmackt

ist es, den Artikel bei Verwandtschaftsbegriffen wegzulassen, und

doch kann man das jetzt ebenso oft in Geschichtswerken wie in --

Verlobungsanzeigen lesen. Historiker und Literarhistoriker schreiben:

die Bekanntschaft mit Körner, +Vater+ des Dichters Theodor Körner

-- die Briefe sind an die Herzogin Dorothee Susanne, +Gemahlin+ des

Herzogs Johann Wilhelm, gerichtet -- Gabriele von Bülow, +Tochter+

Wilhelm von Humboldts -- sogar: Direktor Adler, +Pate+ meiner Schwester

-- und der Reserveleutnant und Gymnasialoberlehrer Schmidt zeigt an,

daß er sich mit Fräulein Mimi Schulz, +Tochter+ des Herrn Kommerzienrat

Schulz, verlobt habe. Diese lapidarische Kürze mag in den Augen des

Reserveleutnants der Größe des Augenblicks angemessen erscheinen --

deutsch ist sie nicht. Hat der Herr Kommerzienrat nur die eine Tochter,

so muß es heißen: +der Tochter+, hat er mehrere, so muß es heißen:

+einer Tochter+; und warum soll die Welt nicht erfahren, ob er noch

mehr hat? Und wenn der Geschichtschreiber nicht wüßte, oder wenn es

überhaupt unbekannt wäre, ob die Fürstin, von der er erzählt, eine oder

mehrere Töchter gehabt hat, so müßte es immer heißen: +eine Tochter+,

denn +eine+ Tochter war es auf jeden Fall, ob sie nun die einzige war

oder Schwestern hatte.

Ebenso falsch ist es natürlich, zu schreiben, der Vorwärts, +Organ+ der

sozialdemokratischen Partei. Hat die Partei mehrere „Organe“, so muß

es heißen: +ein+ Organ; hat sie nur das eine, ist das ihr anerkanntes

amtliches „Organ“, so muß es heißen: +das+ Organ. +Organ+ allein könnte

höchstens (in dem zweiten Falle) unter dem Titelkopfe der Zeitung

stehen.

Bad-Kissingen und Kaiser Wilhelm-Straße

Daß ein Eigenname nicht mit einer vorangestellten Apposition ein

zusammengesetztes Wort bilden kann, darüber ist sich wohl jedermann

klar. +Kaiser Wilhelm+ -- das sind und bleiben zwei Wörter, so gut wie

+Doktor Luther+, +Bruder Straubinger+, +Inspektor Bräsig+, +Familie

Mendelssohn+, +Stadt Berlin+ u. ähnl. Trotzdem ist neuerdings der

Unsinn aufgekommen, namentlich bei Badeorten die Apposition +Bad+ durch

einen Strich mit dem Ortsnamen zu verbinden, als ob beides zusammen

+ein+ Wort bildete. +Bad-Sulza+, im Gegensatz dazu dann +Stadt-Sulza+,

+Bad-Elster+, +Bad-Kissingen+, +Bad-Nauheim+ -- so wird selbst

amtlich von der Post und der Eisenbahn z. B. in Briefstempeln und auf

Eisenbahnbilletts gedruckt. Und besucht man dann einen solchen Badeort,

so sieht man, daß dort auch hinter dem Worte +Villa+ der Unsinn in

üppigster Blüte steht: +Villa-Daheim+, +Villa-Schröter+, +Villa-Maria+,

+Villa-Quisisana+ -- anders wird gar nicht mehr an die Häuser gemalt,

einer machts immer dem andern nach.[106]

Mit diesem Unsinn kreuzt sich aber nun ein andrer. Teils infolge des

übertriebnen juristischen Genauigkeitsbedürfnisses, teils infolge des

herrschenden Byzantinismus unsrer Zeit kann man es sich nicht versagen,

da, wo nun wirkliche Zusammensetzungen mit Eigennamen gebildet werden,

auch noch Vornamen, Titel oder sonstige Appositionen davorzusetzen und

zu schreiben: +Gustav Freytag-Straße+, +von (!) Falckenstein-Straße+,

+Kaiserin Augusta-Straße+, +Königin Carola-Gymnasium+, +Königin

Luisen-Garten+, +Kaiser Friedrich-Quelle+, +Generalfeldmarschall Prinz

Friedrich Karl von Preußen-Eiche+, +Familie Mendelssohn-Stiftung+,

+Baronin Moritz von Cohn-Stiftung+, +Philipp Reis-Denkmal+, +Waldemar

Meyer-Quartett+, +Gustav Frenssen-Abend+, +Arthur Nikisch-Stipendium+,

+Auguste Schmidt-Haus+, +Hugo Wolff-Nachruf+ usw. Wenn man früher

eine Straße nach dem großen Preußenkönig, einen Kanal nach dem großen

Bayernkönig nannte, so nannte man sie einfach +Friedrichstraße+,

+Ludwigskanal+. Eine Stiftung hieß die +Wiedebachsche Stiftung+, mochte

sie nun von einem Manne namens Wiedebach, einer Frau namens Wiedebach

oder einer Familie namens Wiedebach herrühren. Auf den Namen kam es

an. Ein Name soll doch eben ein Name sein, aber keine Geschichte,

kein Steckbrief, keine Hofkalenderadresse, keine Visitenkarte. Die

heute beliebten langatmigen Bezeichnungen sind aber alles andre, nur

keine Namen. Dazu kommt aber nun, daß alle solche Worthaufen, die

doch als zusammengesetzte Wörter gelten sollen, vor den Eigennamen

ohne Bindestrich geschrieben werden: +Kaiser Wilhelm-Straße+. Das

kann doch nichts andres bedeuten als einen Kaiser, der Wilhelmstraße

heißt! Soll es eine Straße bedeuten, die nach Kaiser Wilhelm genannt

ist, so muß sie unbedingt geschrieben werden: +Kaiser-Wilhelm-Straße+.

Und ebenso muß unbedingt geschrieben werden: +Gustav-Adolf-Verein+,

+Maria-Stuart-Tragödie+, +Baronin-Moritz-von-Cohn-Stiftung+,

+Generalfeldmarschall-Prinz-Friedrich-Karl-von-Preußen-Eiche+. Wem das

nicht gefällt, der bilde keine solchen Wörter. Es geht aber schon so

weit, daß man eine Schule +Kaiser Wilhelm II. Realschule+ genannt hat!

Wie soll man das nur aussprechen?

In der unsinnigen Schreibung solcher Wortungetüme (ohne alle

Bindestriche) offenbart sich wieder der zerrüttende Einfluß des

Englischen. Das Englische kennt ja keine Wortzusammensetzungen. Die

Wörter kollern da aufs Papier wie die Pferdeäpfel auf die Straße:

+Original Singer Familien Nähmaschine+. Das ist zu schön, das muß doch

wieder nachgemacht werden!

Der Dichter-Komponist und der Doktor-Ingenieur

Eine fehlerhafte und abgeschmackte Nachahmung des Französischen und

des Englischen liegt auch in Verbindungen wie +Prinz-Regent+ und

+Dichter-Komponist+ vor. Nach deutscher Logik (vgl. +Chorregent+,

+Liederkomponist+) wäre ein +Dichterkomponist+ ein Komponist, der

Dichter komponierte, ein +Prinzregent+ ein Regent, der einen Prinzen

regierte; das eine soll aber ein Dichter sein, der zugleich komponiert,

das andre ein Prinz, der die Regentschaft führt; das erste Wort soll

also nicht das Bestimmungswort des zweiten, sondern das zweite eine

Art von Apposition zum ersten sein. Das erste Beispiel dieser Art

war wohl der +Bürgergeneral+, wie Goethe wörtlich das französische

~citoyen-général~ übersetzt hatte; später kam der +Prinz-Gemahl+

dazu (dem englischen ~prince-consort~ nachgebildet). Und nun war

kein Halten mehr. Nun folgten auch die +Herzogin-Mutter+, die

+Königin-Witwe+, der +Prinz-Regent+, der +Fürst-Bischof+ und der

+Fürst-Reichskanzler+, und in andern Lebenskreisen, dem französischen

~peintre-graveur~, ~membre-protecteur~ und ~commis-voyageur~

nachgeäfft, der +Maler-Radierer+, der +Maler-Dichter+ (z. B. Reinick,

Stifter, Fitger), der +Dichter-Komponist+ und der +Senior-Chef+. Kann

man sich da wundern, wenn die Dienstmädchen nun auch von einem Prinzen,

der in Leipzig studiert, sagen: Dort fährt der +Prinz-Student+? Manche

Zeitungen getrauen sich schon nicht mehr, Fürstenkinder als Söhne und

Töchter zu bezeichnen, sondern schreiben stets: die +Prinzen-Söhne+,

die +Prinzessinnen-Töchter+. In gewissen sächsischen Zeitungen z. B.

hat der König von Sachsen immer nur +Prinzensöhne+. Es fehlt nur noch

die +Kaiserin-Großmutter+ und die +Königin-Tante+. Das neueste der Art

ist der +Doktor-Ingenieur+, der lächerlicherweise noch dazu ~Dr. ing.~

geschrieben wird, was man doch höchstens ~Doctor ingenii~ lesen kann.

Hätte es da nicht näher gelegen und wäre es nicht logischer gewesen,

solche Herren als ~Dr. techn.~ zu bezeichnen?

In einer Zeit wie der unsrigen

Keine eigentliche Apposition liegt vor, wenn man sagt: +in einer Zeit+

wie +der unsrigen+, sondern hier hat ein kurzer Nebensatz, und zwar

ein Attributsatz (+wie die unsrige ist+), sein Zeitwort eingebüßt, und

das übrigbleibende Subjekt des Satzes ist dann unwillkürlich zu dem

vorhergehenden Dativ gezogen, „attrahiert“ worden. Manche wollen von

dieser Attraktion nichts wissen; sie ist aber sehr natürlich und liegt

so nahe, daß es pedantisch wäre, sie zu vermeiden. Gegen Verbindungen

wie: in +einem Buche+ wie dem vorliegenden, oder: es bedarf +eines

Reaktionsstoffes+ wie +des Natriums+ -- ist nicht das geringste

einzuwenden; es klingt sogar gesucht und hart, wenn jemand schreibt:

+von+ Perioden wie +die jetzige+ kann man sagen -- sie wollte ihren

Sohn +vor+ einem ähnlichen Schicksal wie +das+ seines Vaters bewahren

-- wer die Jugend +zu+ einem Berufe wie +der ärztliche+ vorbereiten

will -- +solche+ kleinere Sammlungen wurden +in+ Werken wie +die

Weingartner Handschrift+ vereinigt.

Gustav Fischer, Buchbinderei

Eine Geschmacklosigkeit, die sich in der Sprache unsrer Geschäftsleute

mit großer Schnelligkeit verbreitet hat, besteht darin, zu einem

Personennamen eine Sache als Apposition zu setzen, z. B.: +Gustav

Fischer, Buchbinderei+ -- +Th. Böhme, Schuhmacherartikel und

Schäftefabrik+ -- +B. Fricke, Kartoffelmehl ~en gros~+ -- +Leopold

Wallfisch, Leder+. Früher sagte man vernünftigerweise: +Gustav Fischer,

Buchbinder+, und wer zu verstehen geben wollte, daß er sein Geschäft

nicht allein, sondern mit einer Anzahl von Gesellen betreibe (jetzt

heißt es vornehmer: Gehilfen, obwohl ein Geselle von damals viel mehr

zu bedeuten hatte als so ein moderner „Gehilfe“!), sagte: +Gustav

Fischers Buchbinderei+ oder +Buchbinderei von Gustav Fischer+. Der

Unsinn, einen Menschen eine Buchbinderei zu nennen, ist unsrer Zeit

vorbehalten geblieben.

Man könnte nun einwenden, in solchen Verbindungen solle der

Personenname gar nicht den Mann bedeuten, sondern die Firma, das

Geschäft; in dem Zusatz solle also gar keine Apposition liegen,

sondern mehr eine „Juxtaposition“. In den altmodischen Firmen sei nur

der eine Satz ausgedrückt gewesen: (hier wohnt) +Gustav Fischer+; in

den neumodischen Firmen seien zwei Sätze ausgedrückt: (hier wohnt)

+Karl Bellach+, (der hat eine) +photographische Anstalt+, oder: (hier

hat sein Geschäft) +Siegfried Goldmann+, (der verkauft) +Wolle+. Wie

steht es denn aber dann, wenn man in einem Ausstellerverzeichnis

lesen muß: Herr +F. A. Barthel, Abteilung+ für Metallklammern, oder

in einer Verlobungsanzeige: Herr +Max Schnetger, Rosenzüchterei+, mit

Fräulein Luise Langbein, oder in einem Fremdenbuche: +Rudolf Dahme,

Kognakbrennerei+, mit Gattin und Tochter, oder in einer Zeitung: Herr

+Gustav Böhme jun., Bureau+ für Orientreisen, telegraphiert uns? Ist da

auch noch die Firma gemeint?

Zum Teil ist dieser Unsinn eine Folge der Prahlsucht[107]

unsrer Geschäftsleute; es will niemand mehr +Gärtner+ oder

+Brauer+, +Tischler+ oder +Buchbinder+ sein, sondern nur noch

+Gärtnereibesitzer+, +Brauereibesitzer+, +Tischlereibesitzer+,

+Buchbindereibesitzer+ -- immer großartig! Da darf natürlich die

Buchbind+erei+ auch in der Firma nicht fehlen. Zum andern Teil ist er

aber doch auch eine Folge der Verwilderung unsers Sprachgefühls. +W.

Spindlers Waschanstalt+ und +Gotthelf Kühnes Weinkellereien+ -- das

wäre Sprache; +W. Spindler Färberei und Waschanstalt+ und +Gotthelf

Kühne Weinkellereien+ -- das ist Gestammel. Man will aber gar nicht

mehr sprechen, man will eben stammeln.

Die persönlichen Fürwörter. Der erstere und der letztere

Allerhand Sprachdummheiten Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen · 第 17 / 41 段