wenn das Grundwort ein Verbalsubstantiv ist, gebildet von einem
transitiven Verbum. Solche Zusammensetzungen können schlechterdings
nicht mit Eigennamen vorgenommen werden, sondern nur mit Appellativen;
sie bezeichnen ja nicht eine bestimmte einzelne Handlung, sondern
eine Gattung von Handlungen, Menschen, deren Tätigkeit sich nicht
auf eine bestimmte einzelne Person, sondern wieder nur auf eine
Gattung erstreckt. In den siebziger Jahren erfand ein boshafter
Zeitungschreiber das Wort +Bismarckbeleidigung+. Natürlich sollte
es eine höhnische Nachbildung von +Majestätsbeleidigung+ sein.
Wie viel dumme Zeitungschreiber aber haben das Wort dann im Ernst
gebraucht und sogar +Caprivibeleidigung+ darnach gebildet! Jetzt
redet man aber auch von +Cäsarmördern+, +Richardsonübersetzern+,
+Romkennern+, +Goethefreunden+ und +Schillerfeinden+ (unter den heute
lebenden!), +Beethovenerklärern+, +Wagnerverehrern+, +Zolanachahmern+
und +Nietzscheanbetern+. Entsetzliche Verirrung! Man kann von
+Vatermördern+, +Romanübersetzern+, +Kunstkennern+, +Frauenverehrern+,
und +Fetischanbetern+ reden; aber ein +Wagnerverehrer+ -- das könnte
doch nur ein Kerl sein, der gewerbsmäßig jeden „verehrt“, der Wagner
heißt. Wer das nicht fühlt, der stammle weiter, dem ist nicht zu
helfen.[97]
Schulze-Naumburg und Müller-Meiningen
Eine andre Abgeschmacktheit, auf die nicht bloß Zeitungschreiber,
sondern auch Leute, denen man in Sprachdingen etwas Geschmack zutrauen
sollte, ganz versessen sind, ist die Unsitte, an einen Personennamen
den Wohnort der Person mit Bindestrichen anzuhängen, anstatt ihn
durch die Präposition +in+ oder +aus+ damit zu verbinden und so ein
ordentliches Attribut zu schaffen. Den Anfang dazu haben Leute wie
+Schulze-Delitzsch+, +Braun-Wiesbaden+ u. a. gemacht; die wollten und
sollten durch solches Anhängen des Ortsnamens von einem andern Schulze
und einem andern Braun unterschieden werden. Das waren nun ihrerzeit
gefeierte Parlamentsgrößen, und wer möchte das nicht auch gerne sein!
Wenn sich daher im Sommer Gevatter Schneider und Handschuhmacher zu
den üblichen Wanderversammlungen aufmachen und dort schöne Reden
halten, so möchten sie natürlich auch die Parlamentarier spielen
und dann im Zeitungsbericht mit so einem schönen zusammengesetzten
Namen erscheinen, sie möchten nicht bloß +Müller+ und +Meyer+ heißen,
sondern Herr +Müller-Rumpeltskirchen+ und Herr +Meyer-Cunnewalde+ --
das klingt so aristokratisch, so ganz wie +Bismarck-Schönhausen+, es
könnte im freiherrlichen Taschenbuche stehen; man hats ja auch den
geographischen Adel genannt. Der Unsinn geht so weit, daß man sogar
schreibt: Direktor +Wirth-Plötzensee bei Berlin+. Was ist denn bei
Berlin? Direktor Wirth-Plötzensee?
Die ganze dumme Mode ist wieder ein Pröbchen unsers schönen
Papierdeutsch. Man höre nur einmal zu, wenn in einer solchen
Wanderversammlung die sogenannte Präsenzliste verlesen wird: hört
man da je etwas andres als Städtenamen? Man möchte gern wissen, wer
anwesend ist, aber man kann es beim besten Willen nicht erfahren,
denn der Vorlesende betont unwillkürlich -- wie man solche traurige
Koppelnamen nur betonen kann --: Herr Stieve-+München+, Herr
Prutz-+Königsberg+, Herr Ulmann-+Greifswald+. Der Personenname geht
vollständig verloren. Wenn dann die Zeitungen über eine solche
Versammlung berichten, so drucken sie zwar den Personennamen gesperrt
oder fett: Herr +Stieve+-München oder Herr =Stieve=-München. Das hilft
aber gar nichts; gesprochen wird doch: Stieve-+München+ (ᴗ̣ ᴗ ́– ᴗ).
Dieser fett gedruckte und doch unbetonte Personenname, dieser grobe
Widerspruch zwischen Papiersprache und Ohrensprache, ist geradezu ein
Hohn auf den gesunden Menschenverstand. Will man beide Namen betonen,
so bleibt nichts weiter übrig, als eine Pause zu machen, etwa als ob
geschrieben wäre: Herr +Stieve+ (+München+). Dann hat man aber doch
auch Zeit, die Präposition auszusprechen. In neuester Zeit hat man
angefangen, auch Fluß-, Tal- und Bergnamen auf diese Weise an Ortsnamen
anzuleimen; man schreibt: +Halle-Saale+ (statt +Halle a. d. Saale+),
+Frankfurt-Main+, +Sils-Engadin+, +Frankenhausen-Kyffhäuser+. Und ein
Buchhändler in dem Städtchen Borna bei Leipzig schreibt stolz auf seine
Verlagswerke: +Borna-Leipzig+, als ob Leipzig ein unbekannter Vorort
von Borna wäre. Wo ist dabei der mindeste Witz?
Die Sammlung Göschen
Während das Vorleimen von Eigennamen unter dem Einflusse des
Englischen um sich gegriffen hat, beruhen andre Verirrungen unsrer
Attributbildung auf Nachäfferei der romanischen Sprachen, namentlich
des Französischen, vor allem der abscheuliche, immer ärger werdende
Unfug, Personen- oder Ortsnamen unflektiert und ohne alle Verbindung
hinter ein Hauptwort zu stellen, das eine Sache bezeichnet, als ob
die Sache selbst diesen Personen- oder Ortsnamen führte, z. B. das
+Hotel Hauffe+, der +Konkurs Schmidt+, die +Stadtbibliothek Zürich+
(statt: +Hauffes Hotel+, der +Schmidtsche Konkurs+, die +Züricher
Stadtbibliothek+). Die Anfänge dieses Mißbrauchs liegen freilich weit
zurück, man braucht nur an Ausdrücke zu denken wie: +Universität
Leipzig+, +Zirkus Renz+, +Café Bauer+; aber seinen gewaltigen Umfang
hat er doch erst in der neuesten Zeit angenommen. In wirklich deutsch
gedachter Form bekommt man einen Eigennamen in Attributen kaum noch
zu hören: alles plärrt, die Franzosen und Italiener nachäffend
(~librairie Quantin~, ~chocolat Suchard~, ~rue Bonaparte~, ~casa
Bartholdi~, ~Hera Farnese~ und ähnl.), von dem +Antrag Dunger+, dem
+Fall Löhnig+, der +Affäre Lindau+, dem +Ministerium Gladstone+, dem
+Kabinett Salisbury+, dem +System Jäger+, der +Galerie Schack+, dem
+Papyrus Ebers+, der +Edition Peters+, der +Kollektion Spemann+ und
der +Sammlung Göschen+, von +Schokolade Felsche+ und +Tee Riquet+,[98]
von der +Villa Meyer+, dem +Wohnhaus Fritzen+, dem +Grabdenkmal Kube+,
dem +Erbbegräbnis Wenzel+, dem +Pensionat Neumann+, der +Direktion
Stägemann+, dem +Patentbureau Sack+, dem +Sprachinstitut Bach+,
dem +Konzert Friedheim+, der +Soiree Buchmayer+, der +Tanzstunde
Marquart+, dem +Experimentierabend Dähne+, dem +Vortrag Mauerhof+, dem
+Quartett Udel+, der +Bibliothek Simson+, der +Versteigerung Krabbe+
und dem +Streit Geyger-Klinger+, von dem +Magistrat Osnabrück+, der
+Staatsanwaltschaft Halle+, der +Fürstenschule Grimma+, dem Kaiserl.
deutschen +Postamt Frankfurt+, dem +Schreberverein Gohlis+, der +Mühle
Zwenkau+, dem +Bundesschießen Mainz+, dem +Löwenbräu München+ und dem
+Migränin Höchst+. Sogar der Dorfwirt will nicht zurückbleiben: er
läßt den Firmenschreiber kommen, die alte Inschrift an seiner Schänke:
+Gasthof zu Lindenthal+ zupinseln und dafür +Gasthof Lindenthal+
hinmalen, und der Dorfpastor kommt sich natürlich nun auch noch
einmal so vornehm vor, wenn er sich auf seine Briefbogen +Pfarrhaus
Schmiedeberg+ hat drucken lassen. Und was der Franzose nie tut, das
bringt der Deutsche fertig: er setzt auch hier Vornamen und Titel zu
diesen angeleimten Namen und schreibt: die +Galerie Alfred Thieme+, die
+Kapelle Günther Coblenz+, der +Rezitationsabend Ernst von Possart+,
die +Villa ~Dr.~ Brüning+, das +Signet Galerie Ernst Arnold Dresden+
(das soll heißen: Signet der Galerie von Ernst Arnold in Dresden!).
Manchmal weiß man nicht einmal, ob der angefügte Name ein Orts- oder
ein Personenname sein soll. In Leipzig preist man +Gose Nickau+ an. Ja,
was ist Nickau? Ist es der Ort, wo dieser edle Trank gebraut wird, oder
heißt der Brauer so? Der großherzogliche +Bahnbauinspektor Waldshut+ --
heißt der Mann Waldshut, oder baut er in Waldshut eine Eisenbahn?
Da kämpfen wir nun für Beseitigung der unnützen Fremdwörter in unsrer
Sprache; aber sind denn nicht solche fremde Wortverbindungen viel
schlimmer als alle Fremdwörter? Das Fremdwort entstellt doch die
Sprache nur äußerlich; wirft man es aus dem Satze hinaus und setzt das
deutsche Wort dafür ein, so kann der Satz im übrigen meist unverändert
bleiben. Aber die Nachahmung von syntaktischen Erscheinungen aus
fremden Sprachen, noch dazu von Erscheinungen, die die Sprache in so
heruntergekommenem Zustande zeigen, wie dieses gemeine Aneinanderleimen
-- leimen ist noch zuviel gesagt, Aneinanderschieben -- von Wörtern
fälscht doch das Wesen unsrer Sprache und zerstört ihren Organismus.
Es ist eine Schande, wie wir uns hier an ihr versündigen! Wie stolz mag
der Inhaber der +Auskunftei Schimmelpfeng+ gewesen sein, als er das
herrliche deutsche Wort +Auskunftei+ erfunden hatte![99] Aber für die
ganz undeutsche Wortzusammenschiebung hat er kein Gefühl gehabt.
Auch hier handelt sichs um nichts als um eine dumme Mode, die jetzt,
namentlich in den Kreisen der Geschäftsleute und Techniker, für fein
gilt. Wenn es in einer Stadt fünf Kakaofabrikanten gibt, und einer
von den fünfen schreibt plötzlich in seinen Geschäftsanzeigen: +Kakao
Müller+ (statt +Müllerscher+ Kakao) und hat nun damit etwas besondres,
so läßt es den vier andern keine Ruhe, bis sie dieselbe Höhe der
Vornehmheit erklommen haben (+Kakao Schulze+, +Kakao Meier+ usw.). Der
fünfte lacht vielleicht die andern vier eine Zeit lang aus und wartet
am längsten; aber schließlich humpelt er doch auch hinterdrein, während
sich der, der mit der Dummheit angefangen hat, schon wieder eine neue
ausdenkt.
Zu einer ganz besondern Abgeschmacktheit hat die neu erwachte
Liebhaberei geführt, in Büchern ein Bücherzeichen mit dem Namen des
Eigentümers einzukleben. Ein solches Bücherzeichen nennt man ein
Exlibris, und wer sich eins anfertigen läßt, der läßt auch stets
dieses Wort darauf anbringen. Da gibt es aber doch nun bloß zwei
Möglichkeiten. Entweder man versteht das Wort lateinisch und in
seiner eigentlichen Bedeutung (eins von den Büchern); dann kann
man auch nur seinen Namen lateinisch dahinter setzen: +~Ex libris
Caroli Schelleri~+. So geschah es im achtzehnten Jahrhundert. Oder
man versteht ~Ex-Libris~ „deutsch“ als „Bücherzeichen“; dann kann
man natürlich nur schreiben: +Exlibris Karl Schellers+. Das tut aber
von Tausenden nicht einer! Alle setzen hinter Exlibris ihren Namen
im Nominativ: +Exlibris Eugen Reichardt+, +Exlibris Adolf von Groß+,
+Exlibris Carl und Emma Eckhard+. Das vernünftigste wäre ja, weiter
nichts als seinen Namen hinzusetzen oder zu schreiben: +Eigentum Oskar
Leuschners+ oder +Aus der Bibliothek+ (oder Bücherei) +Paul Werners+.
Aber ohne die Worte oder das Wort Exlibris würde der ganze Sport den
Leuten gar keinen Spaß machen. Man tauscht Exlibris, man tritt in den
Exlibrisverein, man hält sich die Exlibriszeitschrift, und man druckt
auf sein Bücherzeichen eine -- Sprachdummheit.
Die Familie Nachfolger
Ebenso einfältig ist noch ein andrer Unfug, der auch auf bloße
Nachäfferei des Französischen und des Englischen zurückzuführen ist.
Der französische Geschäftsstil setzt ~père~, ~fils~ und ~frères~, der
englische ~brothers~ als Apposition hinter den Personennamen: ~Dumas
fils~, ~Shakelford brothers~. Im Deutschen ist das ganz unmöglich,
wir können nur von dem Wörterbuch der +Gebrüder Grimm+ reden,
nicht der +Grimm Gebrüder+. Aber unsre Kaufleute müssen natürlich
wieder das Fremde nachäffen; sie nennen sich +Schmidt Gebrüder+,
+Blembel Gebrüder+, +Ury Gebrüder+. Sie gehen aber noch weiter.
Während der Franzose sagt: ~Veuve Cliquot~, schreibt der Deutsche:
+M. D. Schwennicke Witwe+, ja selbst wo es sich gar nicht um ein
Verwandtschaftsverhältnis handelt, leimt er ein Appellativ und einen
Personennamen in dieser Weise zusammen, statt ein Attribut zu bilden;
in unsrer Geschäftswelt wimmelt es schon von Firmen, die alle so
aussehen, als ob ihre Inhaber den Familiennamen +Nachfolger+ und dabei
die seltsamsten Vornamen hätten, wie: +C. F. Kahnt Nachfolger+, +Johann
Jakob Huth Nachfolger+, ja sogar +Gebrüder Hinzelmann Nachfolger+ und
+Luise Werner Nachfolger+. In großen Städten findet man kaum noch eine
Straße, wo nicht Mitglieder dieser weitverzweigten Familie säßen.
Auch daraus ist eine richtige dumme Mode geworden. Während früher
ein Geschäft, wenn es den Inhaber wechselte, die alte Firma meist
unverändert beibehielt, um sich deren Ruf zu erhalten -- in Leipzig
gibt es Firmen, die noch heute so heißen wie vor hundert und mehr als
hundert Jahren, und sie befinden sich nicht schlecht dabei! --, ist
jetzt oft ein Geschäft kaum zwei, drei Jahre alt, und schon prangt
der „Nachfolger“ auf der Firma. Manchen will ja die Dummheit, den
Personennamen dabei im Nominativ stehen zu lassen, nicht recht in den
Kopf; man sieht das an der verschiedenen Art und Weise, wie sie sich
quälen, sie hinzuschreiben. Die meisten schreiben freilich dreist:
+Ferdinand Schmidt Nachfolger+. Andre schreiben aber doch mit Komma:
+Ferdinand Schmidt, Nachfolger+, was zwischen einem Schneider und einem
Fleischer so aussieht, als ob die Beschäftigung dieses Biedermanns im
Nachfolgen bestünde, andre ganz klein, als ob sie sich ein bißchen
schämten: +Ferdinand Schmidt |Nachfolger|+. Nur auf das einzig
vernünftige: +Ferdinand Schmidts Nachfolger+ verfällt keiner.
Namentlich auch im deutschen Buchhandel hat das fruchtbare Geschlecht
der Nachfolger schon eine Menge von Vertretern. Einer der wenigen,
die den Mut gehabt haben, der abgeschmackten Mode zum Trotz dem
gesunden Menschenverstande die Ehre zu geben, ist der Verleger der
Gartenlaube: +Ernst Keils Nachfolger+. Dagegen überbietet alles an
Sprachzerrüttung die +Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger+; das soll
heißen: der Nachfolger der Cottaischen Buchhandlung! In solchem Deutsch
prangt jetzt die Buchhandlung, in der einst Schillers und Goethes Werke
erschienen sind!
Ersatz Deutschland
Eine ähnliche Sprachzerrüttung wie in den zuletzt angeführten
Beispielen findet sich nur noch in den Namen neuer Schiffe, von denen
man jetzt öfter in den Zeitungen liest: +Ersatz Preußen+, +Ersatz
Leipzig+, +Ersatz Deutschland+. Was in aller Welt soll das heißen? Man
kann es wohl ungefähr ahnen, aber ausgesprochen ist es nicht. Soll
+Ersatz Preußen+ aufzufassen sein wie +Ersatztruppen+, +Ersatzknopf+,
+Ersatzgarnitur+, so müßte es natürlich als zusammengesetztes
Wort geschrieben werden: +Ersatz-Preußen+. Soll es aber, was das
wahrscheinlichere ist, heißen: +Ersatz der (!) Preußen+[100] oder
+Ersatz für die Preußen+, so läge in dem Weglassen des Artikels oder
der Präposition eine beispiellose Stammelei. Man könnte dann ebensogut
sagen: +Stellvertreter Direktor+ und sich einbilden, das hieße:
+Stellvertretender Direktor+ oder +Stellvertreter des Direktors+.
Das mag Chinesisch sein oder Negersprache, Deutsch ist es nicht.
Wahrscheinlich ist es aber -- Englisch. Englisch ist ja jetzt Trumpf,
zumal wenn es die Marine betrifft.
Der grobe Unfugparagraph
Viel ist schon gespottet worden über Attributbildungen wie: der
+musikalische Instrumentenmacher+, der +vierstöckige Hausbesitzer+,
der +doppelte Buchhalter+, der +wilde Schweinskopf+, die +reitende
Artilleriekaserne+, die +geprüfte Lehrerinnenanstalt+, die
+durchlöcherte Stuhlsitzfabrik+, die +chinesische Feuerzeugfabrik+,
der +geräucherte Fischladen+, die +verheiratete Inspektorwohnung+, die
+gelben Fieberanfälle+, das +einjährig-freiwillige Berechtigungswesen+
und ähnliche, wo ein Attribut zu einem zusammengesetzten Worte gestellt
ist, während es sich nur auf das Bestimmungswort der Zusammensetzung,
in dem letzten Falle sogar auf einen dritten, hinzuzudenkenden Begriff
(+Dienst+) bezieht. Dennoch wagen sich immer wieder Verbindungen
dieser Art hervor wie: das +alte Thomanerstipendium+ (das soll eine
Stiftung der alten, d. h. ehemaligen Thomaner sein!), der +grobe
Unfugparagraph+, die +transportabeln Beleuchtungszwecke+, der
+Vereinigte Staatenstaatssekretär+, die +Weiße Damenpartitur+ usw.
Solche Verbindungen werden nur dann erträglich, wenn es möglich
ist, sie durch doppelte Zusammensetzung zu dreigliederigen
Wörtern zu gestalten; wie: +Armesünderglocke+, +Liebfrauenmilch+,
+Altweibersommer+, +Sauregurkenzeit+ u. dgl.
Nicht besser, eher noch schlimmer sind solche Fälle, wo das Attribut,
statt durch ein Eigenschaftswort, durch einen Genitiv oder eine
Präposition mit einem Hauptworte gebildet wird wie: der +Doktor+titel
der +Philosophie+, der +Enthüllungs+tag +des Geibeldenkmals+,
das +Heil+verfahren der +Diphtheritis+, das +Schmerz+stillen der
+Zähne+, die +Anzeige+pflicht der +ansteckenden Krankheiten+,
der +Verhaftungs+versuch +des Arbeiters+, eine +Fälscher+bande
+amtlicher Papiere+, das +Übersetzungs+recht +in fremde Sprachen+,
der +Verpackungs+tag +nach Österreich+, ein +Reise+handbuch +nach
Griechenland+, die +Abfahrts+zeit +nach Kassel+, eine +Stern+gruppe
+dritter Größe+, eine +Zucker+fabrik +aus Rüben+, +Erinnerungs+stätte
an +Käthchen Schönkopf+, 100 Stück +Kinder+hemden +von 2 bis 14
Jahren+, und ähnliches.
Die teilweise Erneuerung
Mit wachsender Schnelligkeit hat sich endlich noch ein Fehler in
der Attributbildung verbreitet, der für einen Menschen von feinerem
Sprachgefühl etwas höchst beleidigendes hat, gegen den aber die
große Masse schon ganz abgestumpft ist: der Fehler, die mit +weise+
zusammengesetzten Adverbia wie Adjektiva zu behandeln. Man schreibt
jetzt frischweg, als ob es so ganz in der Ordnung wäre: die +teilweise
Erneuerung+, die +stufenweise Vermehrung+, die +ausnahmsweise
Erlaubnis+, die +bruchstückweise Veröffentlichung+, die +heftweise
Ausgabe+, die +stückweise Bezahlung+, die +auszugsweise Abschrift+, die
+vergleichsweise Erledigung+, die +leihweise+ oder +schenkungsweise
Überlassung+, der +glasweise Ausschank+, die +probeweise Anstellung+,
die +reihenweise Aufstellung+, die +versuchsweise Aufhebung+,
die +abwechslungsweise Verteilung+ usw. Wenn in Leipzig jemand
seine Steuern nicht pünktlich bezahlt, so hat er die +zwangsweise
Beitreibung+ (!) zu gewärtigen; ja nach einer Dorfversammlung läßt man
sogar die Leute in ihre +beziehungsweisen (!) Behausungen+ zurückkehren.
Es wird einem ganz griechisch zumute, wenn man so etwas liest. Die
griechische Sprache ist imstande, das zwischen Artikel und Hauptwort
tretende Attribut auch durch ein Adverb oder einen adverbiellen
Ausdruck zu bilden.[101] Im Griechischen kann man sagen: das +jetzt
Geschlecht+ (τὸ νῦν γένος) für: das jetzige Geschlecht, der +heute
Tag+ für: der heutige Tag, der +jedesmal König+ für: der jedesmalige
König, die +dazwischen Zeit+ für: die dazwischenliegende Zeit, der
+zurück Weg+ für: der zurückführende Weg, die +allzusehr Freiheit+
für: die allzu große Freiheit. Mit unsern Adverbien auf +weise+
lassen sich im Griechischen namentlich gewisse mit der Präposition
κατά und dem Akkusativ gebildete Ausdrücke vergleichen wie: κατὰ
μικρόν (stückweise), κατ’ ἐνιαυτόν (jahrweise, alljährlich), καθ’
ἡμέραν (tageweise), (einer auf einmal), ἡ καθ’ ἡμέραν τροφή (die
tageweise Nahrung). Im Deutschen sind derartige Verbindungen ganz
unmöglich.[102] Dem, der sie gebraucht, fällt es auch gar nicht
ein, in einer Verbindung wie: die +schrittweise Vervollkommnung+
das +schrittweise+ als Adverb aufzufassen, er meint, er schreibe
wirklich ein Adjektivum hin, er dekliniert ja auch: die +pfennigweisen
Ersparnisse+, ein +teilweiser Erlaß+. Das ist aber eben die Verwirrung.
Die mit +weise+ zusammengesetzten Wörter sind Adverbia, die aus
Genitiven entstanden sind. Man sagte zunächst: +glücklicher Weise+,
+törichter Weise+, +verkehrter Weise+, wie man auch sagte: +gewisser
Maßen+ (+die+ Maße hieß es ursprünglich). Dann dachte man nicht
mehr an den Genitiv, sondern wagte auch andre Zusammensetzungen
(+versuchsweise+ ist eigentlich: +nach+ oder +auf Versuchs Weise+), und
endlich bildete man sich ein, vielleicht verführt durch den Gleichklang
mit +weise+ (~sapiens~), diese Zusammensetzungen wären Adjektiva.
Das sind sie aber nicht; man kann wohl etwas +teilweise erneuern+,
+ausnahmsweise erlauben+, +zwangsweise versteigern+, +bruchstückweise
veröffentlichen+, man kann sich +schrittweise vervollkommnen+, aber die
+schrittweise Vervollkommnung+ ist eine Verirrung des Sprachgefühls,
die nicht um ein Haar besser ist als das +entzweie Glas+, der +extrae
Teller+, der +sehre Hunger+ und die bisweilen im Scherz gebildeten
Ausdrücke, in denen man Präpositionen wie Adjektiva behandelt: ein
+durcher Käse+, eine +zue Droschke+, ein +auses Heft+ (statt: ein
ausgeschriebnes).[103]
Mancher wird einwenden: daß ein Adverbium zum Adjektivum wird, ist
doch kein Unglück, es ist auch sonst geschehen. Mit +zufrieden+,
+vorhanden+, +ungefähr+ ist es ebenso gegangen. Erst sagte man:
ich kann mir das +ungefähr vorstellen+, dann wagte man auch: ich
habe davon eine +ungefähre Vorstellung+. Andre werden einwenden:
dieser Mißbrauch (wenn es einer ist) gewährt doch unleugbar eine
Bequemlichkeit, wo soll man einen Ersatz dafür hernehmen? Früher
sagte man: +partiell+ (die +partielle Renovation+), +fragmentarisch+
(die +fragmentarische Publikation+), +exzeptionell+, +obligatorisch+,
+relativ+, +provisorisch+. Nun meiden wir die Fremdwörter und sagen:
die +teilweise Erneuerung+, die +bruchstückweise Veröffentlichung+, und
nun ist es wieder nicht recht.
Das sind hinfällige Einwände. Wer sich der adverbiellen Natur dieser
Zusammensetzungen bewußt geblieben ist -- und solche Menschen
wird es doch wohl noch geben dürfen? --, oder wer sie sich wieder
zum Bewußtsein gebracht hat, was gar nicht schwer ist, der bringt
Ausdrücke wie +teilweise Erneuerung+ weder über die Lippen noch aus
der Feder.[104] Einzelne dieser Verbindungen sind ja nichts als
Sprachschwulst oder Ungeschick: für +schenkungsweise Überlassung+
eines Bauplatzes genügt doch wahrhaftig +Schenkung+ und statt: die
+teilweise Veröffentlichung+ der Briefe kann man doch sagen: die
Veröffentlichung +eines Teils+ oder +von Teilen+ der Briefe. Alle aber
lassen sich vermeiden, wenn man sich nur von der Manier freihält oder
wieder freimacht, in der unsre ganze Schriftsprache jetzt befangen
ist, der greulichen Manier, zum Hauptsinnwort eines Satzes immer
ein Substantiv zu machen, statt ein Zeitwort. Wenn wir wieder Verba
schreiben lernten, vor allen Dingen einen Satz wieder mit dem Verbum
anfangen lernten, was sich heute kaum noch jemand getraut, dann würde
so mancher andre Unrat auch wieder verschwinden. Statt zu schreiben:
es wurde eine Resolution angenommen, die die +zeitweise Aufhebung+ der
Kornzölle verlangte -- schreibe man doch: die verlangte, die Kornzölle
+zeitweise aufzuheben+, statt: ihre +teilweise Begründung+ mag diese
Gleichgiltigkeit darin finden -- schreibe man doch: +begründet+ mag
diese Gleichgiltigkeit +zum Teil+ darin sein -- und alles ist in bester
Ordnung.
Eine nagelneue besondre Abart dieses Fehlers ist das von den
Kleiderfabrikanten aufgebrachte +fußfreie Kleid+, dem sich natürlich
schleunigst der +armfreie Lodenmantel+, die +armfreie+ Betätigung aller
Kräfte und die +kniefreien Wunderkinder+ angeschlossen haben. Man kann
+sich+ wohl +fußfrei kleiden+, d. h. so, daß die Füße frei bleiben, man
kann sich auch +rückenfrei setzen+, aber dann kann weder der Mensch
noch das Kleid fußfrei, weder der Mensch noch der Stuhl rückenfrei
genannt werden.
Der tiefer Denkende, der Tieferdenkende oder der tiefer denkende?
Ein Gegenstück zu der +schrittweisen Vervollkommnung+, das freilich
durch eine andre Sprachdummheit entsteht, bilden Verbindungen wie: das
+einzig Richtige+, der +tiefer Denkende+, der +mittellos Verstorbne+,
der +mit ihm Redende+ u. ähnl. Da liegt der Fehler nicht im Ausdruck,
sondern -- in der Schreibung, nämlich in den törichten großen
Anfangsbuchstaben, mit denen man ganz allgemein die Adjektiva und
Partizipia solcher Verbindungen schreibt und druckt.