Die Adjektiva auf +lich+ bedeuten eine Ähnlichkeit; +lich+ ist

dasselbe wie +Leiche+, es bedeutet den Leib, die Gestalt; daher auch

das Adjektivum +gleich+, d. i. +geleich+, was dieselbe Gestalt hat.

+Königlich+ ist, was die Gestalt, die Art oder das Wesen eines Königs

hat. Will man nun das mit den kronprinz+lichen+ Kindern sagen? Gewiß

nicht. Man meint doch die Kinder des Kronprinzen, und nicht bloß

kronprinzenartige Kinder. Was kann eine Arbeit sonntägliches haben?

eine Bewegung körperliches? eine Wirkung farbliches? eine Pflicht

bürgerliches? ein Herzton kindliches? eine Frage theatralisches?

Gemeint ist doch wirklich die Arbeit am Sonntage, die Bewegung des

Körpers, die Wirkung der Farben usw.[91] Und hat man denn gar kein Ohr

für die Häßlichkeit vieler dieser neugeschaffnen Adjektiva (+fachlich+,

+beruflich+, +volklich+, +farblich+, +klanglich+, +stimmlich+,

+forstlich+, +pflanzlich+, +prinzlich+, +erziehlich+)?

Hie und da mag ja ein Grund für die Neubildung zu entdecken sein. So

mag zwischen +Regentagen+ und +regnerischen+ Tagen ein Unterschied

sein: an Regentagen regnets vielleicht von früh bis zum Abend, an

regnerischen (früher: +regnichten+) Tagen mit Unterbrechungen. Der

Chordirektor, der zuerst von einem Terzett für +weibliche Stimmen+

anstatt von einem Terzett für +Frauenstimmen+ gesprochen hat, hatte

sich vielleicht überlegt, daß unter den Sängerinnen auch junge Mädchen

sein könnten. Und der Ratsgärtner, der seiner Behörde zuerst einen

Plan zu +gärtnerischen Anlagen+ am Theater vorlegte, hatte wohl daran

gedacht, daß ein eigentlicher Garten, d. h. eine von einem Zaun oder

Geländer umschlossene Anpflanzung nicht geschaffen werden sollte.

Aber bedeutet denn +Frau+, wo sichs um die bloße Gegenüberstellung

der Geschlechter handelt, nicht auch das Mädchen? Kann sich wirklich

ein junges Mädchen beleidigt fühlen, wenn es aufgefordert wird, einen

+Frauenchor+ mitzusingen?[92] Und können denn nicht +Gartenanlagen+

auch Anlagen sein, +wie+ sie in einem Garten sind? müssen sie immer

+in+ einem Garten sein? +Gärtnerische+ Anlagen möchte man einem Jungen

wünschen, der Lust hätte, Gärtner zu werden, wiewohl es auch dann

noch besser wäre, wenn er Anlagen +zum Gärtner+ hätte. Nun vollends

von +gärtnerischen+ Arbeiten zu reden statt von +Garten+arbeiten (die

Rekonvaleszenten der Anstalt werden mit +gärtnerischen Arbeiten+

beschäftigt), ist doch die reine Narrheit.

Erstaufführung

Ein Gegenstück zu dem +fachlichen Unterricht+ bilden die schönen

neumodischen Zusammensetzungen, mit denen man sich jetzt

spreizt, wie: +Fremdsprache+, +Fremdkörper+ und +Falschstück+

(ein gefälschtes Geldstück!), +Neuauflage+, +Neuerscheinung+

und +Neuerwerbung+ (die +Neuerscheinungen+ des Buchhandels und

die +Neuerwerbungen+ der Berliner Galerie), +Neuerkrankung+ und

+Leichtverwundung+, +Deutschunterricht+, +Deutschbewußtsein+ und

+Deutschgefühl+, +Erstaufführung+, +Erstausgabe+ und +Erstdruck+,

+Jüngstvergangenheit+, +Einzelfall+, +Einzelpersönlichkeit+ und

+Allgemeingesang+, +Mindestmaß+, +Mindestpreis+ und +Mindestgehalt+,

+Höchstmaß+, +Höchstpreis+, +Höchstgehalt+, +Höchstarbeitszeit+ und --

+Höchststundenzahl+! Hier leimt man also einen Adjektivstamm vor das

Hauptwort, statt einfach zu sagen: +fremder Körper+, +neue Auflage+,

+einzelner Fall+, +erste Aufführung+, +allgemeiner Gesang+, +höchste

Stundenzahl+ usw.

Worin liegt das Abgeschmackte solcher Zusammensetzungen? gibt es nicht

längst, ja zum Teil schon seit sehr alter Zeit ähnliche Wörter, an

denen niemand Anstoß nimmt? Gewiß gibt es die, sogar in großer Fülle.

Man denke nur an: +Fremdwort+, +Edelstein+, +Schwerspat+, +Braunkohle+,

+Neumond+, +Weißwein+, +Kaltschale+, +Süßwasser+, +Sauerkraut+,

+Buntfeuer+, +Kurzwaren+, +Hohlspiegel+, +Hartgummi+, +Trockenplatte+,

+Schnellzug+, +Glatteis+, +Rotkehlchen+, +Grünschnabel+, +Freischule+,

+Vollmacht+, +Hochverrat+, +Eigennutz+, +Halbbruder+, +Breitkopf+,

+Rothschild+, +Warmbrunn+ und viele andre. Was ist aber das

Eigentümliche solcher Zusammensetzungen? Es sind meist Fachausdrücke

oder Kunstausdrücke aus irgendeinem Gebiete des geistigen Lebens, aus

dem Handel, aus irgendeinem Gewerbe, einer Kunst, einer Wissenschaft,

aus der Rechtspflege, oder es sind -- Eigennamen.[93] Nun stecken aber

dem Deutschen zwei Narrheiten tief im Blute: erstens, sich womöglich

immer auf irgendein Fach hinauszuspielen, mit Fachausdrücken um sich zu

werfen, jeden Quark anscheinend zum Fachausdruck zu stempeln; zweitens,

sich immer den Anschein zu geben, als ob man die Fachausdrücke aller

Fächer und folglich die Fächer auch selbst verstünde. Wenn es ein paar

Buchhändlern beliebt, plötzlich von +Neuauflagen+ zu reden, so denkt

der junge Privatdozent: aha! +Neuauflage+ -- schöner neuer Terminus

des Buchhandels, will ich mir merken und bei der nächsten Gelegenheit

anbringen. Der Professor der Augenheilkunde nennt wahrscheinlich

ein Eisensplitterchen, das einem ins Auge geflogen ist, einen

+Fremdkörper+. Da läßt es dem Geschichtsprofessor keine Ruhe, er muß

doch zeigen, daß er das auch weiß, und so erzählt er denn bei der

nächsten Gelegenheit: die Germanen waren ein +Fremdkörper+ im römischen

Reiche. Und wenn er Wirtschaftsgeschichte schreibt, dann redet er nicht

von den +fremden Kaufleuten+, die ins Land gekommen seien, sondern von

den +Fremdkaufleuten+! Wie gelehrt das klingt! Der gewöhnliche Mensch

lernt in der Schule, +Evangelium+ heiße auf deutsch: +frohe Botschaft+.

Der Theolog aber sagt dafür neuerdings +Frohbotschaft+! Wie gelehrt das

klingt! Der gewöhnliche Mensch sehnt sich nach +frischer Luft+. Wenn

aber ein Techniker eine Ventilationsanlage macht, so beseitigt er die

+Abluft+ (!) und sorgt für +Frischluft+! Im gewöhnlichen Leben spricht

man von einem +großen Feuer+. Das kann aber doch die Feuerwehr nicht

tun; so gut wie sie ihre Spritzen und ihre Helme hat, muß sie auch

ihre Wörter haben. Der „Branddirektor“ kennt also nur +Großfeuer+.

Sobald das aber der Philister weggekriegt hat, sagt er natürlich auch

am Biertisch: Bitte, meine Herren, sehen Sie mal hinaus, da muß ein

+Großfeuer+ sein, und der Zeitungschreiber berichtet: Diese Nacht wurde

das Gut des Gutsbesitzers Sch. durch ein +Großfeuer+ eingeäschert.

So bilden sich denn auch die gewerbsmäßigen Theaterschreiber ein,

mit +Erstaufführung+ den Begriff der +ersten Aufführung+ aus der

gewöhnlichen Alltagssprache in die vornehme Region der Fachbegriffe

gehoben zu haben. In Wahrheit ist es weiter nichts als eine schlechte

Übersetzung von +Premiere+,[94] wie alle die wahrhaft greulichen

Zusammensetzungen mit +Höchst+ und +Mindest+ nichts als schlechte

Übersetzungen von Wörtern mit +Maximal+ und +Minimal+ sind. Für solches

Deutsch doch lieber keins! Der Katarrh hat den +höchsten Stand+

überschritten -- das klänge ja ganz laienhaft; den +Höchststand+ -- das

klingt fachmännisch. Wenn aber bei einer Epidemie Ärzte und Zeitungen

berichten, daß an einem Tage hundert +Neuerkrankungen+ vorgekommen

seien, so kann das geradezu zu Mißverständnissen führen. Eine

+Neuerkrankung+ würde ich es nennen, wenn jemand, der krank gewesen

und wieder gesund geworden ist, von neuem erkrankt, ebenso wie eine

+Neuordnung+ voraussetzt, daß die Dinge schon vorher geordnet gewesen

seien. +Erstausgabe!+ Es ist so unsäglich häßlich; aber der große Haufe

ist ganz versessen auf solche Narrheiten.

Besonders beliebt ist jetzt der +Altmeister+, und eine Zeit lang war es

auch der +Altreichskanzler+. Hier ist aber zweierlei zu unterscheiden.

Der +Altreichskanzler+ stammte aus Süddeutschland und der Schweiz,

wo man den alten, d. h. den ehemaligen, aus dem Amte geschiednen

(~ancien~) so bezeichnete, und wo man z. B. auch vom +Altbürgermeister+

spricht (bei Schiller: +Altlandammann+). +Altmeister+ dagegen bedeutet

wie +Altgesell+ nicht den ehemaligen, sondern den ältesten, d. h.

bejahrtesten unter den vorhandnen Meistern und Gesellen. Man konnte

also wohl Franz Liszt, solange er lebte, den +Altmeister+ der deutschen

Musik nennen, aber Johann Sebastian Bach einen +Altmeister+ zu nennen,

wie es unter den Musikschwätzern jetzt Mode ist, ist Unsinn. Bach

ist ein Meister der alten Zeit, der Vergangenheit; das ist aber ein

+alter Meister+, kein +Altmeister+. Sehr beliebt sind jetzt auch

Zusammensetzungen wie +Altleipzig+, +Altweimar+, +Altheidelberg+.

Sie haben einen poetischen Beigeschmack, wie man sofort fühlt,

wenn man an +jung Siegfried, jung Roland+ denkt. Wie abgeschmackt

also, von einem +Junggoethedenkmal+, einem +Jungwilhelmdenkmal+,

einem +Jungbismarckdenkmal+ zu reden! Zu einem logischen Verstoß

führen überdies gewisse Zusammensetzungen, mit denen sich jetzt die

Kunstgewerbegelehrten spreizen: +Altmeißner Porzellan, Altthüringer

Porzellan+. Denn nicht darauf kommt es an, daß das Porzellan aus

+Altmeißen+ ist, sondern nur darauf, daß es aus +Meißen+ ist, aber

+altes+ Porzellan aus Meißen! Mancher wird das für Haarspalterei

halten, es ist aber ein großer Unterschied.

Sedantag und Chinakrieg

Noch überboten an Geschmacklosigkeit werden Zusammensetzungen wie

+Erstaufführung+ durch die Roheit, mit der man jetzt Eigennamen

(Ortsnamen und noch öfter Personennamen) vor ein Hauptwort leimt,

anstatt aus dem Namen ein Adjektiv zu bilden.

Die Herkunft einer Sache wurde sonst nie anders bezeichnet als

durch ein von einem Städte- oder Ländernamen gebildetes Adjektiv

oder durch eine Präposition mit dem Namen, z. B.: +sizilische

Märchen+, +bengalisches Feuer+, +Kölnisches Wasser+, +Berliner

Weißbier+, +Emser Kränchen+, +Dessauer Marsch+, +Motiv aus Capri+,

+Karte von Europa+. Jetzt redet man aber von +Japanwaren+,

einer +Chinaausstellung+, +Smyrnateppichen+, +Olympiametopen+,

+Samosausbruch+, +Neapelmotiven+, +Romplänen+ (das sollen

Stadtpläne von Rom sein!), einem +Leipzig-Elbe-Kanal+ und einer

+Holland-Amerika-Linie+. Wenn solche Zusammenleimungen auch zu

entschuldigen sein mögen bei Namen, von denen man sich kein Adjektiv zu

bilden getraut, wie +Bordeauxwein+, +Jamaikarum+, +Havannazigarren+,

+Angoraziege+, +Chesterkäse+, +Panamahut+, +Suezkanal+, +Sedantag+

(in Leipzig +Seedangtag+ gesprochen), so ließe sich doch schon eine

Bildung wie +Maltakartoffeln+ vermeiden, denn niemand spricht von

einem +Maltakreuz+ oder +Maltarittern+. Oder klingt +Malteser+ für

Kartoffeln zu vornehm? Auch das +Selterser Wasser+, wie man es richtig

nannte, als es bekannt wurde, hätte man getrost beibehalten können

und nicht in +Selterswasser+ (oder gar +Selterwasser+! es ist nach

dem nassauischen Dorfe Nieder-+Selters+ genannt) umzutaufen brauchen.

Aber ganz überflüssig sind doch die angeführten Neubildungen, denn

das Adjektiv +japanisch+ (oder meinetwegen +japanesisch+!) ist doch

wohl allbekannt, jeder Archäolog oder Kunsthistoriker kennt auch das

Adjektiv +olympisch+, auch von +samischem+ Wein hat man früher lange

genug gesprochen, und auch von +Leipzig+ und von +Holland+ wird man

sich doch wohl noch Adjektiva zu bilden getrauen? +Leipzig-Elbe-Kanal+!

Es ist ja fürchterlich! Einen Städtenamen so vor einen Flußnamen zu

leimen, der selber nur angeleimt ist! Vor fünfzig Jahren hätte jeder

zehnjährige Junge auf die Frage: wie nennt man einen Kanal, der von

Leipzig nach der Elbe führen soll? richtig geantwortet: +Leipziger

Elbkanal+; wie nennt man eine Dampferlinie zwischen Holland und

Amerika? +Holländisch-amerikanische Linie+. Und warum nicht: +Smyrnaer

Teppiche+? Sagt man doch: +Geraer Kleiderstoffe+. Sachkenner behaupten,

die echten nenne man auch so; nur die unechten, in smyrnischer Technik

in Deutschland angefertigten nenne man +Smyrnateppiche+. Mag sein.

Aber warum nicht: +Motive aus Neapel? Japanwaren, Neapelmotive+ -- wer

verfällt nur auf so etwas! Man denke sich, daß jemand +Italienwaren+

zum Kauf anbieten oder von +Romruinen+ reden wollte! Ein Wunder, daß

noch niemand darauf gekommen ist, den +Cyperwein+ und die +Cyperkatze+

in +Cypernwein+ und +Cypernkatze+ umzutaufen. Die Insel heißt doch

+Cypern+! Jawohl, aber der Stamm heißt +Cyper+ -- das ist so gut

wie ein Adjektiv, und der ist zum Glück den plumpen Fäusten unsrer

Sprachneuerer bis jetzt noch entgangen. Die +Italienreisenden+ haben

wir freilich auch, wie die +Schweizreisenden+ und die +Afrikareisenden+

und neuerdings die +Weimarpilger+ und den +Chinakrieg+. Schön

sind die auch nicht (zu Goethes und Schillers Zeit sprach man von

+italienischen+, +Schweizer+ und +afrikanischen+ Reisenden), aber

man läßt sie sich zur Not gefallen; der Ortsname bezeichnet da nicht

den Ursprung, die Herkunft, sondern das Land, auf das sich die

Tätigkeit des Reisenden erstreckt. Im allgemeinen aber kann doch das

Bestimmungswort eines zusammengesetzten Wortes nur ein Appellativ, kein

Eigenname sein. Von +Eisenwaren+, +Sandsteinmetopen+, +Stadtplänen+,

+Fluß-+ und +Waldmotiven+ kann man reden, aber nicht von +Japanwaren+,

+Olympiametopen+, +Romplänen+ und +Neapelmotiven+. Das ist nicht mehr

gesprochen, es ist gestammelt.

Gestammelt? O nein, es ist ja das schönste Englisch! Der Engländer

sagt ja: ~the India house~, ~the Oxford Chaucer~ (das soll heißen: die

Oxforder Ausgabe von Chaucers Werken), ~the Meier Madonna~; das muß

natürlich wieder nachgeplärrt werden. Wir kommen schon auch noch dahin,

daß wir die Weimarische Ausgabe von Goethes Werken den +Weimar-Goethe+

nennen oder gar den +Weimar Goethe+ (ohne Bindestrich).

Shakespearedramen, Menzelbilder und Bismarckbeleidigungen

Das wäre nicht möglich? Wir haben ja den Unsinn schon! Wird nicht

täglich von Gastwirten +Tucher Bier+ (so!) empfohlen? Und das soll Bier

aus der Freiherrl. Tucherschen Brauerei in Nürnberg sein!

Auch Personennamen können nur dann das Bestimmungswort einer

Zusammensetzung bilden, wenn der Begriff ganz äußerlich und lose zu

der Person in Beziehung steht, aber nicht, wenn das Eigentum, die

Herkunft, der Ursprung oder eine sonstige engere Beziehung bezeichnet

werden soll; das ist in anständigem Deutsch früher stets durch den

Genitiv[95] oder ein von dem Personennamen gebildetes Adjektiv

geschehen.

Wenn, wie es in den letzten Jahrzehnten tausendfach vorgekommen ist,

neue Straßen und Plätze großen Männern zu Ehren getauft und dabei

kurz +Goethestraße+ oder +Blücherplatz+ benannt worden sind, so ist

dagegen grammatisch nichts einzuwenden. Auch eine Stiftung, die zu

Ehren eines verdienten Bürgers namens Schumann durch eine Geldsammlung

geschaffen worden ist, mag man getrost eine +Schumannstiftung+ nennen,

ebenso Gesellschaften und Vereine, die das Studium der Geisteswerke

großer Männer pflegen, +Goethegesellschaft+ oder +Bachverein+; auch

+Beethovenkonzert+ und +Mozartabend+ sind richtig gebildet, wenn

sie ein Konzert und einen Abend bezeichnen sollen, wo nur Werke von

Beethoven oder Mozart aufgeführt werden. Auch die +Schillerhäuser+

läßt man sich noch gefallen, denn man meint damit nicht Häuser, die

Schillers Eigentum gewesen wären, sondern Häuser, in denen er einmal

gewohnt, verkehrt, gedichtet hat, und die nur zu seinem Gedächtnis

so genannt werden. Bedenklicher sind schon die +Goethedenkmäler+,

denn die beziehen sich doch nicht bloß auf Goethe, sondern stellen

ihn wirklich und leibhaftig dar; noch in den dreißiger und vierziger

Jahren des neunzehnten Jahrhunderts hätte sich niemand so auszudrücken

gewagt, da sprach man in Leipzig nur von +Bachs Denkmal+, von +Gellerts

Denkmal+. Sind einmal die +Goethedenkmäler+ richtig, dann sind es

auch die +Goethebildnisse+, dann ist es auch die +Goethebüste+, der

+Goethekopf+ und -- die +Goethebiographie+. Nun aber das +Goethehaus+

auf dem Frauenplan in Weimar und die Weimarer +Goetheausgabe+ -- da

meint man doch wirklich Goethes Haus und die Gesamtausgabe von Goethes

Werken. Etwas andres ist es mit einer +Elzevirausgabe+; das soll nicht

eine Ausgabe der Werke eines Mannes namens Elzevir sein, sondern eine

Ausgabe in dem Format und der Ausstattung der berühmten holländischen

Verlagsbuchhandlung. Ist die +Goetheausgabe+ richtig, dann kommen wir

schließlich auch zu den +Goethefreunden+ (d. h. Goethes Freunden zu

seinen Lebzeiten), den +Goetheeltern+ und den +Goetheenkeln+. Es ist

nicht einzusehen, weshalb man nicht auch so sollte sagen dürfen, und

man sagt es ja auch schon. Stammelt man doch auch schon von einem

+Lutherbecher+ (einem Becher, den einst Luther besessen hat) und einem

+Veltheimzettel+ (einem Theaterzettel der Veltheimschen, richtiger

Veltenschen Schauspielertruppe aus dem siebzehnten Jahrhundert),

von einer +Böttgerperiode+ (der Zeit Böttgers in der Geschichte des

Porzellans!) und einer +Schlüterzeit+, von +Kellerfreunden+ (Freunden

des Dichters Gottfried Keller!) und +Pilotyschülern+, von einem

+Grillparzersarg+ und einem +Brahmsgrab+.

Noch ärger ist es, wenn man zur Bezeichnung von Schöpfungen, von Werken

einer Person, seien es nun wissenschaftliche oder Kunstschöpfungen,

Entdeckungen oder Methoden, Vereine oder Stiftungen, Erfindungen

oder Fabrikate, den Personennamen in solcher Weise vor das Hauptwort

leimt. In anständigem Deutsch hat man sich in solchen Fällen früher

stets des Genitivs oder der Adjektivbildung auf +isch+ bedient. In

Dresden ist die +Brühlsche Terrasse+, in Frankfurt das +Städelsche

Institut+, und noch vor dreißig Jahren hat jedermann von +Goethischen+

und +Schillerschen Gedichten+ gesprochen. Jetzt wird nur noch gelallt;

jetzt heißt es: +Goethegedichte+ und +Shakespearedramen+, +Mozartopern+

und +Dürerzeichnungen+, +Bachkantaten+ und +Chopinwalzer+,

+Goethefaust+ und +Gounodfaust+, +Bismarckreden+ und +Napoleonbriefe+,

+Schopenhauerworte+ und +Heimburgromane+, +Schweningerkur+ und

+Horneffervorträge+. Der von Karl Riedel gegründete Leipziger

Kirchengesangverein, der jahrzehntelang ganz richtig der +Riedelsche

Verein+ hieß, ist neuerdings zum +Riedelverein+ verschönert worden, und

wie die Herren Fabrikanten, diese feinfühligsten aller Sprachschöpfer

und Sprachneuerer, hinter allen neuen Sprachdummheiten mit einer

Schnelligkeit her sind, als fürchteten sie damit zu spät zu kommen,

so haben sie sich auch schleunigst dieser Sprachdummheit bemächtigt

und preisen nun stolz ihre +Pfaffnähmaschinen+ und +Drewsgardinen+,

ihre +Jägerpumpen+ und +Steinmüllerkessel+, ihren +Kempfsekt+ und

ihr +Auergasglühlicht+, ihre +Rönischpianos+ und +Feurichpianinos+,

ihre +Langeuhren+, +Zeißobjektive+ und +Ernemanncameras+ an, und

das verehrte Publikum schwatzt es nach und streitet sich über die

Vorzüge der +Blüthnerflügel+ und der +Bechsteinflügel+.[96] In

Leipzig nannte eines Tags eine Bierbrauerei (die Riebeckische) ihr

Bier +Riebeckbier+. Flugs kamen die andern hinterdrein und priesen

+Ulrichbier+, +Naumannbier+ und +Sternburgbier+ an (das nun freilich

eigentlich +Speckbier+ heißen müßte!). Dieses Schandzeug aus unsrer

Kaufmannssprache habt ihr auf dem Gewissen, ihr Herren, die ihr die

+Shakespearedramen+ und die +Dürerzeichnungen+ erfunden habt! Wenn

man in vornehmen Fachzeitschriften von +Bürgerbriefen+ (Briefen des

Dichters der Lenore!) und einem +Lenznachlaß+ (Nachlaß des Dichters

Lenz), einem +Kuglerwerk+ und einem +Menzelwerk+, einem +König

Albert-Bild+, einem +Mörike-Schwind-Briefwechsel+, einer +Rudolf

Hildebrand-Erinnerung+ lesen muß, kann man dann -- andern Leuten

einen Vorwurf machen, wenn sie von +Kathreiners Kneipp-Malzkaffee+,

+Junker- und Ruh-Öfen+ und +August Lehr-Fahrrädern+ reden? Alle

diese Zusammensetzungen zeugen von einer Zerrüttung des Denkens, die

kaum noch ärger werden kann. Von +Lichtfreunden+ kann man reden, von

+Naturfreunden+, +Kunstfreunden+ und +Musikfreunden+, von +Zinnsärgen+

und +Marmorsärgen+, von +Konzertflügeln+ und +Stutzflügeln+, aber nicht

von +Kellerfreunden+, +Grillparzersärgen+ und +Blüthnerflügeln+. Das

ist schlechterdings kein Deutsch.

Das Unkraut wuchert aber und treibt die unglaublichsten Blüten. Weißt

du, was +Kriegerliteratur+ ist, lieber Leser? ein +Senfkatalog+?

eine +Schleicherskizze+? ein +Pfeilliederabend+? Du ahnst es nicht,

ich will dirs sagen. +Kriegerliteratur+ sind die Schriften über

den Komponisten des siebzehnten Jahrhunderts Adam Krieger, ein

+Senfkatalog+ ist ein Briefmarkenverzeichnis der Gebrüder Senf in

Leipzig, eine +Schleicherskizze+ eine Lebensbeschreibung des berühmten

Philologen Schleicher, ein +Pfeilliederabend+ ein Abendkonzert, bei

dem nur Lieder des Männergesangkomponisten Pfeil gesungen werden. Was

ein +Lenbachaufsatz+ ist? ein +Holbeinbildnis+? Das weiß ich selber

nicht. Es kann ein Aufsatz +von+ Lenbach sein, es kann aber auch einer

+über+ ihn sein, ein von Holbein gezeichnetes Bildnis, aber auch eins,

das ihn darstellt. Daß läßt sich in dem heutigen Deutsch nicht mehr

unterscheiden.

Es braucht übrigens nicht immer ein Eigenname zu sein, der solche

Zusammensetzungen unerträglich macht; sie sind auch dann unerträglich,

wenn an die Stelle eines Eigennamens ein Appellativ tritt, unter dem

eine bestimmte Person verstanden werden soll. Da hat einer, der den

Feldzug von 1870 als Kürassier mitgemacht hat, seine Briefe unter

dem Titel +Kürassierbriefe+ drucken lassen. Das können aber niemals

Briefe eines bestimmten Kürassiers sein, sondern immer nur Briefe,

wie sie Kürassiere schreiben. In allerjüngster Zeit ist das neue Wort

+Kaiserhoch+ aufgekommen. Es stammt natürlich aus der Telegrammsprache.

Irgendeiner telegraphierte: „Professor Ö. Festrede Kaiserhoch“; daraus

machte ein dummer Zeitungschreiber: Professor Ö. hielt die Festrede,

die in ein +Kaiserhoch+ ausklang. Ein Kaiserhoch kann aber auf jeden

beliebigen Kaiser ausgebracht werden, und wenn die Zeitungen vollends

statt +ein Kaiserhoch+ schreiben +das Kaiserhoch+ -- die Herabwürdigung

einer persönlichen Huldigung, die aus dem Herzen quellen soll, zu

einem gewohnheitsmäßigen Bestandteil jeder beliebigen Esserei oder

Trinkerei, kann gar keinen schlagendern Ausdruck finden. Ähnlich ist es

mit der +Königsbüste+. Professor Seffner ist damit beschäftigt, eine

+Königsbüste+ anzufertigen. Ob von Ramses oder Romulus oder Ludwig dem

Vierzehnten, wird nicht verraten. Das Ärgste dieser Art sind wohl die

+Herrenworte+ und das +Herrenmahl+, das die Theologen jetzt aufgebracht

haben. Das sollen Aussprüche Christi und das heilige Abendmahl sein!

Man denkt doch unwillkürlich an ein +Herrenessen+.

Allerhand Sprachdummheiten Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen · 第 15 / 41 段