Wie Ungeziefer hat sich in den letzten Jahren eine Ausdrucksweise

verbreitet, die die verschiedenartigsten Nebensätze und ganz besonders

auch den Infinitiv und das Partizip ersetzen soll: die Verbindung von

+in+ mit gewissen Hauptwörtern, namentlich auf +ung+. Den Anfang

scheinen +in Erwägung+ und +in Ermanglung+ gemacht zu haben[80];

diese beiden haben aber schon ein ganzes Heer ähnlicher Verbindungen

nach sich gezogen, und das Ende ist noch nicht abzusehen, jede Woche

überrascht uns mit neuen. Briefe von Beamten und Geschäftsleuten

fangen kaum noch anders an als: +in Beantwortung+ oder +in Erwiderung+

Ihres gefälligen Schreibens vom usw., ein Aufsatz wird geschrieben

+in Anlehnung+ oder +in Anknüpfung+ an ein neu erschienenes Buch,

ein Abschied wird bewilligt +in Genehmigung+ eines Gesuchs, eine

Zeitungsmitteilung wird gemacht +in Ergänzung+ oder +in Berichtigung+

einer frühern Mitteilung oder +in Fortsetzung+ des gestrigen Artikels,

der Polizeirat vollzieht eine Handlung +in Vertretung+ oder +in

Stellvertretung+ des Polizeidirektors, ein Vereinsmitglied leitet die

Verhandlungen +in Behindrung+ des Vorsitzenden, eine Auszeichnung wird

jemand verliehen +in Anerkennung+ seiner Verdienste, ein Mord wird

begangen +in Ausführung+ früherer Drohungen, eine Bibliothek wird

gestiftet +in Beschränkung+ auf gewisse Fächer usw.; man schreibt: +in

Erledigung+ Ihres Auftrags -- +in Würdigung+ der volkswirtschaftlichen

Wichtigkeit des Sparkassenwesens -- +in Anspielung+ auf eine frühere

Reichstagsrede -- +in Wahrung+ meiner Interessen weise ich jeden

solchen Versuch zurück -- +in Vervollständigung+ der Zirkularnote des

Ministeriums -- +in Veranlassung+ des 25jährigen Geschäftsjubiläums

-- +in Begründung+ der Anklage beantragte der Staatsanwalt -- +in

Überschätzung+ dieses Umstandes oder +in Entstellung+ des Sachverhalts

behauptete er -- +in Ausführung+ von § 14 des Ortsstatuts bringen wir

zur Kenntnis -- man gebe den Behörden +in Ausdehnung+ von § 39 die

Befugnis -- +in Verfolgung+ dieses Zieles hatte Schliemann die obere

Schicht zerstört -- +in Befolgung+ seiner Befehle wurden noch weitere

Gebietsteile unterworfen -- die Schauspielkunst hat es, +in Abweichung+

von dem eben gesagten, mit Gehör und Gesicht zugleich zu tun -- +in

Nachahmung+ einer bei der Kreuzschule bestehenden Einrichtung wurden

zwei Diskantistenstellen begründet -- der +in Verlängerung+ des

Neumarkts durch die Promenade führende Fußweg usw. Vor einigen Jahren

ging sogar eine Anekdote aus den Memoiren der Madame Carette durch die

Zeitungen, wonach Bismarck dieser Dame auf einem Ball am Hofe Napoleons

eine Rose überreicht haben sollte, mit den Worten: wollen Sie diese

Rose annehmen +in Erinnerung+ an den letzten Walzer, den ich in meinem

Leben getanzt habe.

Wer ein wenig nachdenkt, sieht, daß hier die verschiedensten logischen

Verhältnisse in ganz mechanischer Weise gleichsam auf eine Formel

gebracht sind, wie sie so recht für denkfaule Leute geschaffen ist. In

einem Teile dieser Verbindungen soll +in+ den Beweggrund ausdrücken,

der doch nur durch +aus+ oder +wegen+ bezeichnet werden kann; +in

Ermanglung+, +in Anerkennung+, +in Überschätzung+, +in Behindrung+ --

das soll heißen: +aus Mangel+, +aus Anerkennung+, +aus Überschätzung+,

+wegen Behindrung+. Wenn Nebensätze dafür eintreten sollten, so könnten

sie nur lauten: +weil+ es mangelt, +weil+ er behindert ist, +weil+

wir anerkennen, +weil+ er überschätzt. In einem andern Teile soll

+in+ den Zweck bezeichnen, der doch nur durch +zu+ ausgedrückt werden

kann; +in Ergänzung+, +in Berichtigung+, +in Vervollständigung+, +in

Erinnerung+ -- das soll heißen: +zur Ergänzung+, +zur Berichtigung+,

+zur Vervollständigung+, +zur Erinnerung+. Mit einem Nebensatze könnte

man hier nur sagen: +um zu+ ergänzen, +um zu+ berichtigen, +um zu+

vervollständigen, +damit Sie+ sich erinnern. Wieder in andern Fällen

wäre +als+ am Platze statt in: ein Weg wird +als+ Verlängerung des

Neumarkts durch die Promenade geführt, ein Brief wird geschrieben

+als+ Antwort auf einen andern, der Polizeirat unterschreibt +als+

Stellvertreter des Polizeidirektors. Nur in wenigen Fällen bezeichnet

das +in+ wirklich einen begleitenden Umstand, wie man ihn sonst durch

+indem+ oder durch das Partizip ausdrückt: ich schreibe einen Aufsatz,

+anknüpfend+ an ein neues Buch, oder +indem+ ich an das Buch anknüpfe;

dafür ließe sich ja zur Not auch sagen: +in Anknüpfung+, wiewohl auch

das nicht gerade schön ist. +Indem+ der Staatsanwalt die Anklage

begründete, beantragte er das höchste Strafmaß -- auch dafür kann

man sagen: in +seiner Begründung+ (+seiner+ darf nicht fehlen).[81]

Aber wie ist es möglich, das alles in einen Topf zu werfen: Ursache,

Grund, Zweck, begleitende Umstände, vorübergehende oder dauernde

Eigenschaften? Wie können wir uns solchem Reichtum gegenüber freiwillig

zu solcher Armut verurteilen? Es handelt sich hier um nichts als

eine Modedummheit, die unter dem Einflusse des Französischen und des

Englischen (~en conséquence~, ~en réponse~, ~in remembrance~, ~in

reply~, ~in answer~, ~in compliance with~, ~in his defence~ u. ähnl.)

aufgekommen ist, und die nun gedankenlos nachgemacht und dabei

immer weiter ausgedehnt wird. Es wird noch dahin kommen, daß jemand

1000 Mark erhält +in Bedingung+ der Rückzahlung oder +in Belohnung+

treuer Dienste oder +in Entschädigung+ für einen Verlust oder +in

Unterstützung+ seiner Angehörigen; es ist nicht einzusehen, weshalb

nicht auch das alles durch +in+ und ein Hauptwort auf +ung+ sollte

ausgedrückt werden können.

Das Attribut

Unter den Erweiterungen, die ein Satzglied erfahren kann, stehen obenan

das Attribut und die Apposition.

Ein Attribut kann zu einem Hauptwort in vierfacher Form treten:

als Adjektiv (ein +schöner Tod+), als abhängiger Genitiv (der +Tod

des Kriegers+), als Bestimmungswort einer Zusammensetzung (der

+Heldentod+), endlich in Form einer adverbialen Bestimmung (der

+Tod auf dem Schlachtfelde+, der +Tod fürs Vaterland+). Auch gegen

die vierte Art ist, wie ausdrücklich bemerkt werden soll, nichts

einzuwenden; es ist untadliges Deutsch, wenn man sagt: das +Zimmer

oben+, eine +Wohnung in der innern Stadt+, der +Weg zur Hölle+, die

+Tötung im Duell+, die preußische +Mobilmachung im Juni+ usw. Manche

getrauen sich zwar nicht, solche Attribute zu schreiben, sie meinen

immer ein +befindlich+, +belegen+ (be!), +stattgefunden+, +erfolgt+

oder dgl. dazusetzen zu müssen; aber das ist eine überflüssige und

häßliche Umständlichkeit.

Bisweilen kann man ja nun zwei solche Attributarten miteinander

vertauschen, ohne daß der Sinn verändert wird, aber durchaus nicht

immer. Auf wenigen Gebieten unsrer Sprache herrscht aber jetzt eine so

grauenvolle Verwirrung wie auf dem der Attributbildung; hier wird jetzt

tatsächlich alles durcheinander gequirlt.

Leipzigerstraße oder Leipziger Straße?

Wie würde man wohl über jemand urteilen, der ein +Fremdenbuch+ nicht

von einem +fremden Buch+, einen +kranken Wärter+ nicht von einem

+Krankenwärter+, eine +Gelehrtenfrau+ nicht von einer +gelehrten Frau+,

+Bekanntenkreise+ nicht von +bekannten Kreisen+, ein +liebes Lied+

nicht von einem +Liebeslied+, eine +Hoferstraße+ (nach Andreas Hofer

genannt) nicht von einer +Hofer Straße+ (nach der Stadt Hof in Bayern

genannt) unterscheiden könnte? Genau dieselbe Dummheit ist es, wenn

jemand +Leipzigerstraße+ schreibt statt +Leipziger Straße+.

Die von Ortsnamen (Länder- und Städtenamen) abgeleiteten Bildungen

auf +er+ sind unzweifelhaft eigentlich Substantiva. +Österreicher+

und +Passauer+ bedeutet ursprünglich einen Mann aus Österreich oder

aus Passau. Als Adjektiva hat die ältere Sprache solche Bildungen

nicht gebraucht, die Adjektiva bildete sie von Länder- und Städtenamen

auf +isch+: +meißnisch+ (meißnische Gulden), +torgisch+ (von Torgau,

torgisches Bier), +lündisch+ (von London, lündisches Tuch), +parisisch+

(parisische Schuhe schreibt noch der junge Goethe statt Pariser Fuß).

Nun ist freilich zwischen diesen beiden Bildungen schon längst

Verwirrung eingerissen: die Formen auf +er+ sind schon frühzeitig auch

im adjektivischen Sinne gebraucht worden. Lessing schrieb noch 1768

eine +Hamburgische Dramaturgie+, Goethe aber schon 1772 Rezensionen

für die +Frankfurter Gelehrten Anzeigen+. Natürlich sind nun die

Bildungen auf +er+ dadurch, daß sie adjektivisch gebraucht werden,

nicht etwa zu Adjektiven geworden (vgl. S. 38); sie können aber doch

vor andern Substantiven wie Adjektiva gefühlt werden, wie am besten

daraus hervorgeht, daß manche Leute Adverbia dazusetzen, wie +echt

Münchner+ Löwenbräu, statt +echtes Münchner+ oder +echt Münchnisches+

Löwenbräu, +echt Harzer Sauerbrunnen+.[82] Dennoch haben sich im Laufe

der Zeit zwischen den Bildungen auf +er+ und denen auf +isch+ auch

wieder gewisse Grenzen festgesetzt. Von manchen Länder- und Städtenamen

gebrauchen wir noch heute ausschließlich die echt adjektivische Form

auf +isch+, von andern ebenso ausschließlich die Bildung auf +er+,

wieder von andern beide friedlich nebeneinander. Niemand sagt: der

+Österreicher Finanzminister+, der +Römer Papst+, aber auch niemand

mehr das +Leipzigische Theater+, die +Berlinischen Bauten+. Dagegen

sprechen alle Gebildeten noch von +Kölnischem Wasser+, +holländischem

Käse+, +italienischen Strohhüten+, +persischen Teppichen+,

+amerikanischen Äpfeln+. Warum von dem einen Namen die Form auf +isch+,

von dem andern die auf +er+ bevorzugt wird, kann niemand sagen; der

Sprachgebrauch hat sich dafür entschieden, und dabei muß man sich

beruhigen.

Nur in gewissen Kreisen, die von dem wirklichen Verhältnis der beiden

Bildungen zueinander und von der Berechtigung des Sprachgebrauchs keine

Ahnung haben, besteht die Neigung, das Gebiet der Bildungen auf +er+

mehr und mehr zum Nachteil derer auf +isch+ zu erweitern. So empfiehlt

mancher Geschäftsmann beharrlich seine +Amerikaner Öfen+, obwohl alle

Gebildeten, die in seinen Laden kommen, seine +amerikanischen Öfen+

zu sehen wünschen. An einer alten Leipziger Weinhandlung konnte man

vor kurzem ein Schild am Schaufenster liegen sehen: +Italiener Weine+!

Leipziger Teppichhandlungen preisen +Perser Teppiche+, sogar +echt

Perser Teppiche+ an! Aber auch +Holländer Austern+ und +Holländer Käse+

werden schon empfohlen, ja sogar +Kölner Wasser+, und der +Kölnischen

Zeitung+ hat man schon mehr als einmal zugemutet, sich in +Kölner

Zeitung+ umzutaufen -- ein törichtes Ansinnen, dem sie mit Recht nicht

nachgegeben hat und hoffentlich nie nachgeben wird. Auf den echten

Adjektivbildungen auf +isch+ liegt ein feiner Hauch des Altertümlichen

und -- des Vornehmen, manche sind wie Stücke schönen alten Hausrats;

die unechten auf +er+, namentlich die neugeprägten, sind so gemein

wie Waren aus dem Fünfzigpfennigbasar. Unbegreiflich ist es, wie

sich gebildete, namentlich wissenschaftlich gebildete Leute solchen

unnötigen Neuerungen, die gewöhnlich aus den Kreisen der Geschäftsleute

kommen, gedankenlos fügen können. Ein deutscher Buchhändler in

Athen hat vor kurzem ein Werk über das +Athener Nationalmuseum+

herausgegeben! Greulich! Auf der Leipziger Stadtbibliothek gibt es eine

berühmte Handschrift aus dem Anfange des sechzehnten Jahrhunderts: den

+Pirnischen Mönch+, genannt nach der Stadt Pirna (eigentlich Pirn) an

der Elbe in Sachsen. Den nennen jetzt sogar Historiker den +Pirnaer

Mönch+! In Plauen im sächsischen Vogtlande gibt es jetzt ein +Plauener

Realgymnasium+, einen +Plauener+ Altertumsverein, man hat sogar ein

+Plauener Stadtbuch+ veröffentlicht; die gute alte Adjektivform

+Plauisch+ scheint also dort niemand mehr zu kennen. Und in neuern

Werken über die Befreiungskriege wird in den Schilderungen der Schlacht

bei Leipzig gar von der Erstürmung des +Grimmaer Tores+ geredet (statt

des +Grimmischen+)![83] Einem Leipziger kehrt sich der Magen um, wenn

er so etwas liest.

Nun ist aber doch so viel klar, daß, wenn ein Wort wie +Dresdner+

in zwei verschiednen Bedeutungen gebraucht wird, als Hauptwort und

auch als Eigenschaftswort, es nur in seiner Bedeutung als Hauptwort

mit einem andern Hauptworte zusammengesetzt werden kann. Wenn nun

eine Straße in Leipzig die +Dresdner Straße+ genannt wird, ist

da +Dresdner+ als Substantiv oder als Adjektiv aufzufassen? Ohne

Zweifel als Adjektiv. Es soll damit dasselbe bezeichnet sein, was

durch +Dresdnische Straße+ bezeichnet sein würde: die Straße, die

von Dresden kommt oder nach Dresden führt. Sowie man den Bindestrich

dazwischensetzt und schreibt: +Dresdner-Straße+ oder auch in +einem+

Worte: +Dresdnerstraße+, so kann +Dresdner+ nichts andres bedeuten

als Leute aus Dresden, es wird Substantiv, oder vielmehr es bleibt

Substantiv, und die Zusammensetzung rückt auf eine Stufe mit Bildungen

wie +Fleischergasse+, +Gerbergasse+, +Böttchergasse+ und andre

Gassennamen, die in alter Zeit nach den Handwerkern genannt worden

sind, die auf den Gassen angesessen waren. Eine +Dresdnerstraße+ kann

also nichts andres bezeichnen als eine Straße, auf der Dresdner,

womöglich lauter Dresdner wohnen, ein +Potsdamerplatz+ nur einen

Platz, auf dem sich die Potsdamer zu versammeln pflegen. Wir haben

in Leipzig eine +Paulinerkirche+ und eine +Wettinerstraße+. Das sind

richtige Zusammensetzungen, denn die Paulinerkirche war wirklich die

Kirche der Pauliner, der ehemaligen Dominikaner Leipzigs, und die

Wettinerstraße ist nicht nach dem Städtchen Wettin genannt, wie die

+Berliner Straße+ nach der Stadt Berlin, sondern nach den Wettinern,

dem sächsischen Herrschergeschlecht.[84] Aus demselben Grunde ist der

+Wittelsbacherbrunnen+ in München eine richtige Zusammensetzung.

Eine +Berliner Versammlung+ ist eine Versammlung, die in Berlin

stattfindet, eine +Berlinerversammlung+ eine Versammlung, zu der lauter

Berliner kommen. Die +Herrnhuter Gemeinde+ ist die Gemeinde der Stadt

+Herrnhut+, eine +Herrnhutergemeinde+ kann in jeder beliebigen andern

Stadt sein.

Die Verwechslung der adjektivischen und der substantivischen Bedeutung

der von Ortsnamen abgeleiteten Bildungen auf +er+ grassiert gegenwärtig

in ganz Deutschland und wird von Tag zu Tag ärger. Sie beschränkt sich

keineswegs, wie man wohl gemeint hat, auf die Gassen- und Straßennamen,

sie geht weiter. Schenkwirte, Kaufleute, Buchhändler, sogar Gelehrte

schreiben: +Wienerschnitzel+, +Berlinerblau+, +Solenhoferplatten+,

+Schweizerfabrikanten+, +Tirolerführer+, obwohl hier überall der

Ortsname als Adjektiv verstanden werden soll; denn nicht die

Tiroler sollen geführt werden, sondern die Fremden durch Tirol. Ein

Wienerschnitzel aber -- entsetzliche Vorstellung! -- kann doch nur ein

Stück Fleisch bedeuten, das man von einem Wiener heruntergeschnitten

hat.

Ganz ähnlich wie mit den Bildungen +Leipziger+, +Dresdner+ verhält

sichs mit den von Zahlwörtern abgeleiteten Bildungen auf +er+:

+Dreißiger+, +Vierziger+, +Achtziger+. Auch das sind natürlich zunächst

Hauptwörter; wir reden von einem +hohen Dreißiger+, einem +angehenden

Vierziger+ (vgl. S. 67). Aber auch sie können als Adjektiva gefühlt

werden; wir sagen: das war in den +vierziger Jahren+, in den +achtziger

Jahren+. Auch da aber druckt man neuerdings: in den +Vierzigerjahren+,

in den +Achtzigerjahren+, ein Ölgemälde aus den +Neunzigerjahren+, als

ob von menschlichen Lebensaltern und nicht von dem Jahrzehnt eines

Jahrhunderts die Rede wäre!

Eine andre Spielart der hier behandelten Verwirrung tritt uns

in Ausdrücken entgegen wie: +Gabelsberger Stenographenverein+,

+Meggendorfer Blätter+, +Nordheimer Schuhwaren+ (der Geschäftsinhaber

heißt Nordheimer!). Hier werden umgekehrt wirkliche Substantiva

auf +er+, und zwar Personennamen, wie Adjektiva behandelt. Ein

+Gabelsberger+ Stenographenverein -- das klingt wie ein Verein

aus Gabelsberg; natürlich soll es ein +Gabelsbergerscher+

sein. Die +Meggendorfer+ Blätter -- das klingt, als erschienen

sie in +Meggendorf+; natürlich sollen es +Meggendorfers+ oder

+Meggendorfersche+ Blätter sein.

Aber die Verwirrung geht noch weiter. Wie jede Sprachdummheit,

wenn sie einmal losgelassen ist, wie Feuer um sich frißt, so auch

die, kein Gefühl mehr für den adjektivischen Sinn der Bildungen

auf +er+ zu haben. Nachdem unsre Geschäftsleute aus der +Dresdner

Straße+ eine +Dresdnerstraße+ gemacht haben, schrecken sie auch vor

dem weitern Unsinn nicht zurück, die Bildungen auf +isch+, über

deren adjektivische Natur doch wahrhaftig kein Zweifel sein kann,

mit +Straße+ zu +einem+ Worte zusammenzusetzen; immer häufiger

schreiben sie +Grimmaischestraße+, +Hallischestraße+ (oder vielmehr

+Halleschestraße+!), und um das Maß des Unsinns voll zu machen, nun

auch +Langestraße+, +Hohestraße+ und +Kurzegasse+, und wer in einer

solchen Gasse wohnt, der wohnt natürlich nun +in der Langestraße+, +in

der Hohestraße+, +in der Kurzegasse+.[85] In frühern Jahrhunderten war

die Sprache unsers Volks so voll überquellenden Lebens, daß sich in

den Ortsbezeichnungen die ~casus obliqui~ in den Nominativ drängten;

daher die zahllosen Ortsnamen, die eigentlich Dative sind (+Altenburg+,

+Weißenfels+, +Hohenstein+, +Breitenfeld+). Heute ist sie so tot und

starr, daß der Nominativ, dieser langweilige, nichtssagende Geselle,

die ~casus obliqui~ verdrängt. Man wohnt +in der Breite Gasse+,[86] und

Sommerwohnungen sind +auf Weißer Hirsch+ bei Dresden zu vermieten!

Aber selbst damit ist die Verwirrung noch nicht erschöpft. In Leipzig

gibt es auch Ortsbezeichnungen, bei denen einer Örtlichkeit einfach

der Name des Erbauers oder Besitzers im Genitiv vorangestellt ist, wie

+Auerbachs Keller+, +Hohmanns Hof+, +Löhrs Platz+, +Tscharmanns Haus+,

+Czermaks Garten+. Bis vor wenig Jahren hat niemand daran gezweifelt,

daß alle diese Bezeichnungen aus je zwei getrennten Wörtern bestehen,

so gut wie +Luthers Werke+, +Goethes Mutter+, +Schillers Tell+.

Jetzt fängt man an, auch hier den Bindestrich dazwischenzuschieben,

den Artikel davorzusetzen und zu schreiben: +im Auerbachs-Keller+,

+am Löhrs-Platz+, +im Czermaks-Garten+. Man denke sich, daß jemand

schreiben wollte: +in den Luthers-Schriften+, +bei der Goethes-Mutter+,

+im Schillers-Tell+!

Zum guten Teil tragen die Schuld an der grauenvollen Verwirrung, die

hier herrscht, die Firmenschreiber und die Akzidenzdrucker, die ganz

vernarrt in den Bindestrich sind, aber nie wissen, wo er hingehört,

und wo er nicht hingehört, nie wissen, ob sie ein zusammengesetztes

Wort oder zwei Wörter vor sich haben.[87] Aber nicht sie allein.

Warum lassen sich die Besteller, Behörden wie Privatleute, den Unsinn

gefallen?

Fachliche Bildung oder Fachbildung?

In beängstigender Weise hat in neuerer Zeit die Neigung zugenommen,

statt des Bestimmungswortes einer Zusammensetzung ein Adjektiv zu

setzen, also z. B. statt +Fachbildung+ zu sagen: +fachliche Bildung+.

Sie hat in kurzer Zeit riesige Fortschritte gemacht, wie sie sich nur

daraus erklären lassen, daß diese Ausdrucksweise jetzt für besonders

schön und vornehm gilt. Früher sprach man von +Staatsvermögen+,

+Gesellschaftsordnung+, +Rechtsverhältnis+, +Kriegsereignissen+,

+Junkerregiment+, +Soldatenlaufbahn+, +Bürgerpflichten+,

+Handwerkstraditionen+, +Geschäftsverkehr+, +Verlagstätigkeit+,

+Sonntagsarbeit+, +Kirchennachrichten+, +Kultusordnung+,

+Gewerbeschulen+, +Betriebseinrichtungen+, +Bergbauinteressen+,

+Forstunterricht+, +Steuerfragen+, +Fachausdrücken+,

+Berufsbildung+, +Amtspflichten+, +Schöpferkraft+, +Gedankeninhalt+,

+Körperpflege+, +Lautgesetzen+, +Textbeilagen+, +Klangwirkungen+,

+Gesangvorträgen+, +Frauenchören+, +Kunstgenüssen+, +Turnübungen+,

+Studentenaufführungen+, +Farbenstimmung+, +Figurenschmuck+,

+Winterlandschaft+, +Pflanzennahrung+, +Abendbeleuchtung+,

+Nachtgespenstern+, +Regentagen+, +Landaufenthalt+, +Gartenanlagen+,

+Nachbargrundstücken+, +Elternhaus+, +Endresultat+ usw. Jetzt redet

man nur noch von staat+lichem+ Vermögen, gesellschaft+licher+

Ordnung, recht+lichem+ Verhältnis, krieger+ischen+ Ereignissen,

junker+lichem+ Regiment, soldat+ischer+ Laufbahn, bürger+lichen+

Pflichten, handwerk+lichen+ Traditionen, geschäft+lichem+ Verkehr,

verleger+ischer+ Tätigkeit, sonntäg+licher+ Arbeit, kirch+lichen+

Nachrichten, kult+ischer+ (!) Ordnung, gewerb+lichen+ Schulen,

betrieb+licher+ Einrichtung, bergbau+lichen+ Interessen, forst+lichem+

Unterricht, steuer+lichen+ Fragen, fach+lichen+ Ausdrücken,

beruf+licher+ Bildung, amt+lichen+ Pflichten, schöpfer+ischer+

Kraft, gedank+lichem+ Inhalt, körper+licher+ Pflege, laut+lichen+

Gesetzen, text+lichen+ Beilagen, klang+lichen+ Wirkungen,

gesang+lichen+ Vorträgen, weib+lichen+ (!) Chören, künstler+ischen+

Genüssen, turner+ischen+ Übungen, student+ischen+ Aufführungen,

farb+licher+ Stimmung, figür+lichem+ Schmuck, winter+licher+

Landschaft, pflanz+licher+ Nahrung, abend+licher+ Beleuchtung,

nächt+lichen+ Gespenstern, regner+ischen+ Tagen, länd+lichem+

Aufenthalt, gärtner+ischen+ Anlagen, nachbar+lichen+ Grundstücken,

dem elter+lichen+ Hause, dem end+lichen+ (!) Resultat usw. Eine von

Offizieren gerittne Quadrille wird als +reiterliche+ (!) +Darbietung+

gepriesen; statt, wie früher, vernünftige Zusammensetzungen mit +Volk+

zu bilden, quält man sich ab, auch davon Adjektiva zu bilden (die

einen sagen +volklich+, die andern +völkisch+), die „Pädagogen“ reden

sogar von +schulischen+ Verhältnissen und unterricht+licher+ Methode,

und in Schulprogrammen kann man lesen, nicht als schlechten Witz,

sondern in vollem Ernste, daß Herr Kand. X im verflossenen Jahre mit

der Schule „in unterricht+lichem+ Zusammenhange gestanden“ habe.[88]

Aber auch da, wo man früher den Genitiv eines Hauptwortes oder eine

Präposition mit einem Hauptwort oder -- ein einfaches Wort setzte,

drängen sich jetzt überall diese abgeschmackten Adjektiva ein; man

redet von kronprinz+lichen+ Kindern, behörd+licher+ Genehmigung,

erzieh+lichen+ Aufgaben, gedank+licher+ Großartigkeit, gegner+ischen+

Vorschlägen, zeichner+ischen+ Mitteln, einer buchhändler+ischen+

Verkehrsordnung, gesetzgeber+ischen+ Fragen, erstinstanz+lichen+ (!)

Urteilen, stecher+ischer+ Technik, gemischtchör+igen+ Quartetten,

stimm+licher+ Begabung, text+lichem+ Inhalt, bau+licher+ Umgestaltung,

seelsorger+ischer+ Tätigkeit, wo man früher Kinder des +Kronprinzen+,

Genehmigung +der Behörden+, Aufgaben +der Erziehung+, Großartigkeit

+der Gedanken+, Vorschläge +des Gegners+, Mittel +der Zeichnung+,

Verkehrsordnung +des Buchhandels+, Fragen +der Gesetzgebung+, Urteile

der +ersten Instanz+, Technik +des Stechers+, Quartette +für gemischten

Chor, Stimme, Text, Umbau, Seelsorge+ sagte. Ein Choralbuch wurde

früher zum +Hausgebrauch+ herausgegeben, jetzt zum +häuslichen+

Gebrauch; eine Bildersammlung hatte früher Wert +für die Kostümkunde+

oder +Kunstwert+ oder +Altertumswert+, jetzt kostüm+lichen+ (!),

künstler+ischen+ oder altertüm+lichen+ (!) Wert. Die Sprachwissenschaft

redete früher von dem +Lautleben+ der Sprache und vom +Lautwandel+,

jetzt nur noch von dem laut+lichen+ Leben und dem laut+lichen+ (!)

Wandel; die Ärzte sprachen sonst von Herztönen +des Kindes+ und von

+Gewebe+veränderungen, unsre heutigen medizinischen Journalisten

schwatzen von kind+lichen+ (!) Herztönen[89] und geweb+lichen+

(!) Veränderungen. Auch Fremdwörter mit fremden Adjektivendungen

werden mit in die alberne Mode hineingezogen; schon heißt es nicht

mehr: +Stilübungen+, +Religionsfreiheit+, +Kulturaufgabe+ und

+Kulturfortschritt+, +Maschinenbetrieb+, +Finanzlage+, +Inselvolk+,

+Kolonieleitung+, +Artilleriegeschosse+, +Infanteriegefechte+,

+Theaterfragen+, +Solo+-, +Chor+- und +Orchester+kräfte, sondern

stilist+ische+ Übungen, religi+öse+ Freiheit, kultur+elles+ Problem

und kultur+eller+ Fortschritt (scheußlich!), maschin+eller+ Betrieb

(scheußlich!), finanzi+elle+ Lage, insu+lares+ Volk, koloni+ale+

Leitung, artiller+istische+ Geschosse, infanter+istische+ Gefechte

(alle Wörter auf +istisch+ klingen ja äußerst gelehrt und vornehm),

solist+ische+, chor+istische+ und orchest+rale+ Kräfte. Auch von

+Alpenflora+ wird nicht mehr gesprochen, sondern nur noch von alp+iner+

(!) Flora. Am Ende kommts noch dahin, daß einer erzählt, er habe in

einer alp+inen+ Hütte in sommer+lichen+ Hosen sein abend+liches+ Brot

nebst einem wurst+lichen+ Zipfel verzehrt.

Was soll die Neuerung? Soll sie der Kürze dienen? Einige der

angeführten Beispiele scheinen dafür zu sprechen. Aber die Mehrzahl

spricht doch dagegen; man könnte eher meinen, sie solle den Ausdruck

verbreitern, ein Bestreben, das sich jetzt ja auch in vielen

andern Spracherscheinungen zeigt. Man fragt vergebens nach einem

vernünftigen Grunde, durch den sich diese Vorliebe für alle möglichen

und unmöglichen Adjektivbildungen erklären ließe: es ist nichts als

eine dumme Mode. Wenn so etwas in der Luft liegt, so steckt es heute

hier, morgen da an; ob das Neugeschaffne nötig, richtig, schön sei,

danach fragt niemand, wenns nur neu ist! Um der Neuheit willen schlägt

man sogar gelegentlich einmal den entgegengesetzten Weg ein. Da es

bis jetzt +silberne Hochzeit+ geheißen hat, so finden sich natürlich

nun Narren, die mit Vorliebe von +Silberhochzeit+ reden. Dazu gehört

natürlich nun auch ein +Silberpaar+: der Bürgermeister schloß mit einem

Hoch auf das +Silberpaar+.[90] In einer Lebensbeschreibung Bismarcks

ist gleich das erste Kapitel überschrieben: Unter dem Zeichen des

+Eisenkreuzes+. Also aus dem geschichtlichen +Eisernen Kreuz+, das doch

für jeden unantastbar sein sollte, wird ein +Eisenkreuz+ gemacht -- aus

bloßer dummer Neuerungssucht.

Allerhand Sprachdummheiten Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen · 第 14 / 41 段