In den Infinitivsätzen werden mannigfaltige Fehler gemacht. Vor allem

reißt eine immer größere Verwirrung in dem Gebrauch von +zu+ und

+um zu+ ein, und zwar so, daß sich +um zu+ immer öfter an Stellen

drängt, wo nur +zu+ hingehört. Und doch ist zwischen beiden ein großer

Unterschied. Der Infinitiv mit +um zu+ bezeichnet den Zweck einer

Handlung; der Infinitiv mit +zu+ dagegen dient zur Begriffsergänzung

des Hauptworts oder Zeitworts, von dem er abhängt. In einem Satze wie:

die schönen Tage +benutzte+ ich, die Gegend +zu durchstreifen+, +um+

meine Gesundheit +zu kräftigen+ -- ist der Sinn von +zu+ und +um zu+

deutlich zu sehen. Ich benutzte die schönen Tage -- das verlangt eine

Ergänzung. Wozu denn? fragt man; das bloße +benutzte+ sagt noch nichts.

Die notwendige Ergänzung lautet: die Gegend +zu durchstreifen+. Aber

das ist kein Zweck; der Zweck wird dann noch besonders angegeben: +um+

meine Gesundheit +zu kräftigen+.[71]

Solche ergänzungsbedürftige Begriffe gibt es nun in Menge. Von

Hauptwörtern gehören dazu: +Art und Weise+, +Mittel+, +Macht+, +Kraft+,

+Lust+, +Absicht+, +Versuch+, +Zeit+, +Alter+, +Geld+, +Gelegenheit+,

+Ort+, +Anlaß+ usw., von Zeitwörtern: +imstande sein+, +genug+ (+groß

genug+, +alt genug+ usw.) +sein+, +genügen+, +hinreichen+, +passen+,

+geeignet sein+, +angetan sein+, +dasein+, +dazu gehören+, +dienen+,

+benutzen+ usw. Auf alle diese Begriffe darf nur der Infinitiv mit

+zu+ folgen.[72] Dennoch wird jetzt immer öfter geschrieben: es wurde

eine günstige +Gelegenheit+ benutzt, +um sich+ einen Weg durch die

Feinde zu +bahnen+ -- hierin sehen wir das beste +Mittel+, +um+ einem

Mißbrauch der Staatssteuer +vorzubeugen+ -- als er endlich +Kraft+

und +Lust+ fühlte, +um+ sich an monumentalen Aufgaben zu +versuchen+

-- sogar eine Übung mit dem Zeitwort muß den +Anlaß+ geben, +um+ den

Rachekrieg +zu predigen+ -- wo ist in der Türkei ein +Mann+, +um so+

umfassende Aufgaben +durchzuführen+? -- wenn man wirklich einmal die

+Zeit+ gewinnt, +um+ ein aus dem Drange des Herzens geschaffnes Werk

+zu vollenden+ -- nach den Vorbereitungen für die Schule behielt

sie noch +Zeit+ übrig, +um+ deutsche Gedichte +zu lesen+ -- alle

waren in dem +Alter+, +um+ die Gefahr +zu begreifen+ -- wie viele

Schulbibliotheken haben kein +Geld+, +um+ sich Rankes Weltgeschichte

+zu kaufen+! -- er hatte das nötige +Geld+, +um+ durch Reisen seinen

Wissensdurst +zu befriedigen+ -- es +gehört+ schon eine bedeutende

Einnahme +dazu+, +um+ sich eine anständige Wohnung +verschaffen zu

können+ -- manche Aufzeichnungen scheinen mir nicht +geeignet+, +um+

einen Platz in diesen Denkwürdigkeiten +zu finden+ -- die Zeitlage

ist nicht dazu +angetan+, +um+ diese Forderungen +zu bewilligen+ --

den Aufenthalt in Berlin +benutzte+ ich, +um+ mich auch den ältern

Fachgenossen +vorzustellen+ -- die Arbeiter +sind+ nur dazu +da+,

+um+ den Hausbesitzern eine möglichst hohe Grundrente +zu sichern+

-- sind diese Gründe wirklich +genügend+, +um+ das Bestehen einer

solchen Einrichtung +zu rechtfertigen+? -- ist unsre Sprache noch

+jung genug+, +um+ (!) neue Wörter +zu erzeugen+? -- ein Jahrhundert

ist +lang genug+, +um+ (!) in der Sprache erhebliche Änderungen

+hervorzurufen+ -- der deutsche Geist war +stark genug+ geworden,

+um+(!) die fremden Ketten +zu brechen+ -- ich muß abwarten, ob ihm

mein Wesen +Interesse genug+ einflößen wird, +um+(!) sich mit mir

abzugeben. Eine Zeitung schreibt: die englische Regierung wird +nichts

tun+, +um+ die Gemeinsamkeit in dem Vorgehen der Mächte +zu stören+.

Das kann doch nur heißen: sie wird sich untätig verhalten, damit sie

das gemeinsame Vorgehen der Mächte störe. Es soll aber heißen: sie wird

alles unterlassen, was das gemeinsame Vorgehen stören könnte. Solches

Unheil richtet das dumme +um+ an!

Namentlich hinter den Verbindungen mit +genug+ hat +um zu+ gewaltig um

sich gegriffen, obwohl sich die lebendige Sprache meist noch mit dem

bloßen zu begnügt, und die Mutter zu ihrem Jungen ganz richtig sagt:

du bist +alt genug+, das +zu begreifen+! Vollends verdrängt worden

ist aber das ursprüngliche einfache +zu+ nach den mit +zu+ verbundnen

Adjektiven: Gott ist +zu hoch+, +um+ sich um die Kleinigkeiten der

Welt +zu kümmern+ -- der Stoff ist viel +zu umfänglich+, +um+ ihn

in öffentlichen Vorlesungen +zu behandeln+ -- sie haben +zu wenig+

Bildung, +um+ ihre Taktlosigkeiten +zu erkennen+ -- die Mannschaft ist

+zu gering+, +um+ einen festen Stützpunkt für die Schulung der Rekruten

+abzugeben+. Auch hier genügt überall das einfache +zu+ und hat auch

früher genügt. (Freilich heißt es auch schon im Faust: Ich bin +zu

alt+, +um+ nur +zu spielen+, +zu jung+, +um+ ohne Wunsch +zu sein+.)

Wie die angeführten Beispiele zeigen, ist es nicht nötig, daß

das Subjekt des Infinitivsatzes immer dasselbe sei wie das des

Hauptsatzes. Doch ist es gut, dabei vorsichtig zu sein. Es braucht bei

Verschiedenheit des Subjekts nicht immer solcher Unsinn herauszukommen

wie in dem Satze: +ohne Gefahr zu ahnen+, +geriet ein+ vom Abhange

rollender +Stein+ unter das Vorderrad des Wagens -- es sind auch solche

Sätze schlecht wie: die Kurfürstin ließ den Hofprediger rufen, um sie

mit den Tröstungen der Religion +zu erquicken+; hier wird nur der

Fehler durch den Gegensatz der Geschlechter verschleiert. Man setze

statt der Kurfürstin den Kurfürsten, und sofort entsteht Unsinn, sofort

müßte der Infinitivsatz geändert und geschrieben werden, +um sich+ von

ihm mit den Tröstungen der Religion +erquicken zu lassen+. Erträglich

sind aber folgende Sätze: der achteckige Aufbau soll wegfallen, +um+

Turm und Schiff in größern Einklang +zu bringen+ -- das Fechten mit der

blanken Waffe sollte fleißig geübt werden, +um+ nötigenfalls mit der

eignen Person +eintreten zu können+ -- zurzeit liegt die Fregatte im

Trockendock, +um+ sie für die Winterreise +vorzubereiten+. Hier schwebt

beim Infinitiv ein unbestimmtes Subjekt (+man+) vor.

Vorsichtig muß man auch mit einer Anwendung des Infinitivs mit

+um zu+ sein, die manche sehr lieben, nämlich der, von zwei

aufeinanderfolgenden Vorgängen den zweiten als eine Art von Verhängnis

oder Schicksalsbestimmung hinzustellen und dabei in die Form eines

Absichtssatzes zu kleiden, z. B.: der Herzog kehrte nach F. zurück, um

es nie wieder +zu verlassen+. Der Sinn ist: es war ihm vom Schicksal

bestimmt, es nie wieder zu verlassen, während seine Absicht vielleicht

war, es noch recht oft zu verlassen. Man kann diesen Gebrauch das

ironische +um zu+ nennen. Es entsteht aber sehr oft ein lächerlicher

Sinn dabei, z. B.: er wurde in dem Kloster Lehnin beigesetzt, +um+

später in den Dom zu Kölln an der Spree +überführt+ (!) +zu werden+

-- er schloß sich der Emin-Pascha-Expedition an, +um+ ein trauriges

Ende dabei +zu finden+ -- täglich wird eine Masse von Konzert- und

Theaterberichten geschrieben, +um+ schnell wieder +vergessen zu

werden+ -- beim Eintreffen der Feuerwehr brannte das Gebäude bereits

vollständig, +um+ schließlich +einzustürzen+ -- die Einzeichnungen

beginnen im Jahre 1530, +um+ schon im Jahre 1555 wieder +abzubrechen+

-- vor etwa dreißig Jahren sind die Niersteiner Quellen versiegt, +um+

erst neuerdings wieder +hervorzubrechen+ -- nach einigen Jahren wandte

er sich nach Magdeburg, doch nur, +um+ dort in noch größere Bedrängnis

+zu geraten+ -- die Schwestern reisten in die Schweiz, wo sie sich

trennten, +um+ sich nie +wiederzusehen+. Das Richtige wären hier

überall zwei Hauptsätze.

Mit dem Hilfszeitwort +sein+ verbunden kann der Infinitiv mit +zu+

sowohl die Möglichkeit wie die Notwendigkeit ausdrücken; das

+ist zu erreichen+ heißt: das +kann+ erreicht werden, das +ist zu

beklagen+ heißt: das +muß+ beklagt werden. Daher muß man sich vor

Zweideutigkeiten hüten, wie: ein Fräulein sucht Stelle bei einem

geistlichen Herrn; gute Zeugnisse +sind vorzulegen+.

Das Partizipium. Die stattgefundne Versammlung

Partizipia hat unsre Sprache nur zwei: ein aktives in der Gegenwart

(ein +beißender+ Hund, d. i. ein Hund, der beißt), und ein passives in

der Vergangenheit (ein +gebissener+ Hund, d. i. ein Hund, der +gebissen

worden+ ist).[73] Für die Gegenwart fehlt es an einem passiven, für

die Vergangenheit an einem aktiven Partizipium; weder ein Hund, der

gebissen +wird+, noch ein Hund, der gebissen +hat+, kann durch ein

Partizip ausgedrückt werden.[74] Nur wirkliche Passiva von transitiven

Zeitwörtern und im Aktiv solche Intransitiva, die sich zur Bildung der

Vergangenheit des Hilfszeitworts +sein+ bedienen (+gehen+, +laufen+,

+sterben+), können ein Partizip der Vergangenheit bilden (+gegangen+,

+gelaufen+, +gestorben+).

Diese Schranke hat aber nicht immer bestanden. In der ältern Zeit

ist das Partizipium der Gegenwart auch im passiven Sinne gebraucht

worden. Noch im achtzehnten und zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts

sagte man ganz unbedenklich: zu einer +vorhabenden Reise+, zu seinem

+vorhabenden+ neuen +Bau+, sein vor dem Tore +besitzendes Haus+, das

gegen mich +tragende Vertrauen+, laut der in Händen +habenden Urkunde+,

die Briefe des sich von meiner +unterhabenden Kompagnie+ selbst

entleibten (!) Unteroffiziers, er nahm dem Erschlagnen die bei sich

+tragenden Pretiosen+ ab, wir konnten uns nur mit Mühe den +bedürfenden

Bissen+ Brot verschaffen usw., ja man sprach sogar von +essender Ware+

(statt von +Eßware+). Aber diese Erscheinung ist doch nach und nach

durch den Unterricht beseitigt worden. Höchst selten kommt es vor, daß

man in einer Zeitung noch heute einen Satz liest wie: er hatte nichts

eiligeres zu tun, als ihm eine +in der Hand haltende Flasche+ an den

Kopf zu werfen. Verkehrt aber wäre es, die +fahrende Habe+ mit unter

diese Ausdrücke zu rechnen, denn hier hat das Partizip wirklich aktiven

Sinn, wie bei dem +fahrenden Volke+: der Fuhrmann +führt+ die Habe, die

Habe aber +wird geführt+, oder sie +fährt+ (vgl. S. 56).

Andrerseits hat man nach dem Beispiel der intransitiven Partizipia

schon frühzeitig angefangen, auch passive Partizipia von transitiven

Zeitwörtern aktivisch zu verwenden. Einzelne Beispiele davon haben

sich so in der Sprache eingebürgert, daß sie gar nicht mehr als falsch

empfunden werden; man braucht nur an Verbindungen zu denken wie: ein

+geschworner+ Bote, ein +abgesagter+ Feind, ein +gedienter+ Soldat,

ein +gelernter+ Kellner, ein +studierter+ Mann, ein +erfahrner+ Arzt,

ein +verdienter+ Schulmann usw. Alle diese Partizipia haben aktive

Bedeutung, auch der +abgesagte+ Feind, der natürlich ein Feind ist,

der einer Person oder einer Sache +abgesagt+, ihr gleichsam die Absage

geschickt +hat+; aber sie werden kaum noch als Partizipia gefühlt,

man fühlt und behandelt sie wie Adjektiva. Auch Verneinungen solcher

Partizipia sind gebildet worden, wie +ungepredigt+, +ungefrühstückt+:

er mußte +ungepredigt+ wieder von der Kanzel gehen. Aber auch diese

Verirrung ist doch im Laufe der Zeit durch den Unterricht beseitigt

worden, und heute erscheint es uns unerträglich, zu sagen: der

vormals zu diesem Hause +gehörte+ Garten, die zwischen den Parteien

+gewaltete+ Uneinigkeit, eine im vorigen Jahrhundert +obgeschwebte+

Rechtssache, durch Dekoration leicht +gelittene+ Artikel, die dem Feste

+beigewohnten+ Mitglieder, die an der Feier +teilgenommenen+ Offiziere,

Nacht verhüllte seinen ihm so lange +gestrahlten+ Glücksstern,[75]

und nun vollends in Verbindung mit einem Objekt: die das Zeitliche

+gesegneten+ Mitglieder, das den Lokomotivführer +betroffne+ Unglück,

eine inzwischen Gesetzeskraft +erlangte+ Übereinkunft, die im

vorigen Jahre eingerichtete und sehr günstige Aufnahme +gefundne+

Auskunftsstelle, trotz ihres hohen nun schon ein Jahrhundert

+überschrittnen+ Alters. Vor allem aber unerträglich erscheinen die

+stattgehabte+ und die +stattgefundne+ Versammlung. Je häufiger die

beiden Zeitwörter +statthaben+ und +stattfinden+ -- namentlich das

zweite -- ohnehin in unsrer Amts- und Zeitungssprache verwandt werden,

je lebendiger man sie also als Zeitwörter, und zwar als aktive, mit

einem Objekt verbundne Zeitwörter (+Statt finden+, d. h. Platz finden)

fühlt, desto widerwärtiger sind für jeden Menschen, der sich noch

etwas Sprachgefühl bewahrt hat, diese zahllosen +stattgefundnen+

Versammlungen, Beratungen, Verhandlungen, Wahlen, Prüfungen,

Untersuchungen, Audienzen, Feuersbrünste usw.[76]

Sie sind aber doch so kurz und bequem, soll man denn immer Nebensätze

bilden? Nein, das soll man nicht; aber man soll ein klein wenig

nachdenken, sich in dem Reichtum unsrer Sprache umsehen und dann

schreiben: die +veranstaltete+ Feier, die +abgehaltne+ Versammlung,

die +vorgenommne+ Abstimmung, die +angestellte+ Untersuchung, die

+bewilligte+ Audienz, die +ausgebrochne+ Feuersbrunst usw., oder

man soll, was in tausend Fällen das gescheiteste ist, das müßige

Partizipium ganz weglassen. Die +stattgefundne Untersuchung+ ergab --

kann denn eine Untersuchung etwas ergeben, die +nicht+ stattgefunden

hat? In R. ereignete sich bei einer +stattgehabten Feuersbrunst+ das

Unglück -- kann sich auch ein Unglück ereignen bei einer Feuersbrunst,

die nicht stattgehabt hat? Über den +stattgefundnen Wechsel+ im

Ministerium sind unsre Leser bereits unterrichtet -- können die Leser

auch unterrichtet sein über einen Wechsel, der +nicht+ stattgefunden

hat?

Nicht viel besser als die +stattgefundnen+ Versammlungen sind aber auch

der bei einem Meister in Arbeit +gestandne Geselle+ und der seit langer

Zeit hier +bestandne Saatmarkt+, das früher +bestandne Hindernis+ und

das lange +bestandne+ freundschaftliche +Verhältnis+. Freilich sagt

man in Süddeutschland: er +ist gestanden+ (vgl. S. 59), und er +ist

bestanden+[77]; aber in der Schriftsprache empfindet man das doch als

Provinzialismus. Es gibt aber sogar Schulräte, die nicht bloß von

+bestandnen Prüfungen+, sondern auch von +bestandnen Kandidaten+ reden!

Dann darf man sich freilich nicht mehr über die Zeitungschreiber und

die Kanzlisten wundern.[78]

Das sich ereignete Unglück

Aus dem vorigen ergibt sich von selbst, warum man auch nicht sagen

darf: das +sich gebildete+ Blatt. Alle reflexiven Zeitwörter

gebrauchen in der Vergangenheit das Hilfszeitwort +haben+, können

also kein Partizip der Vergangenheit bilden. Falsch sind daher alle

Verbindungen wie: der +sich ereignete+ Jagdunfall, die +sich bewährte+

Geistesbildung, der von hier +sich entfernte+ Lehrer, die +sich

davongemachten+ Zuschauer, der +kürzlich+ hier +sich niedergelassene+

Bildhauer, die +sich+ zahlreich +eingefundnen+ Konzertbesucher, die

am 9. August +sich+ (!) +angefangne+ Woche, das schon längst +sich+

fühlbar +gemachte+ Bedürfnis, das +sich+ irrtümlich +eingeschlichne+

Wort, das ehemals so weit +sich ausgebreitete+ Lehrsystem, ein +sich+

aus den Kinderschuhen glücklich +herausentwickelter+ Jüngling, ein in

der Mauerritze +sich eingenisteter+ Brombeerstrauch. Ein Partizip wäre

hier nur dann möglich, wenn man sagen wollte: der +sich eingenistet

habende+ Brombeerstrauch, eine Verbindung, die natürlich aus dem Regen

in die Traufe führen würde. Es bleibt auch in solchen Fällen nichts

übrig, als einen Relativsatz zu bilden: ein Brombeerstrauch, +der sich+

in der Mauerritze +eingenistet hatte+.

Hocherfreut oder hoch erfreut?

Leipziger Geburtsanzeigen werden nie anders gedruckt als: Durch

die glückliche Geburt eines Knaben wurden +hocherfreut+ usw. --

auch Zeitungen schreiben: das gesamte Personal der Firma ist durch

Jubelgaben +hocherfreut+ worden -- Gutenberg ist dieses Jahr in vielen

deutschen Städten +hochgefeiert+ worden -- und auf Buchtiteln liest

man: in dritter Auflage +neubearbeitet+ von usw. Welche Verirrung!

Ein Partizip kann Verbalform sein, es kann auch Nomen sein.[79] Aber

nur dann, wenn es Nomen, also Adjektiv ist, kann ein hinzugefügtes

Adverb damit zu +einem+ Worte verwachsen: wie man von +hochadligen

Eltern+ reden kann, so auch von +hocherfreuten+ Eltern. Wie soll

aber ein Adverb mit dem Partizip zusammenwachsen, wenn das Partizip

Verbalform ist? Wir sind +hocherfreut worden+ -- so könnte man doch nur

schreiben, wenn es ein Zeitwort +hocherfreuen+ gäbe: ich +hocherfreue+,

du +hocherfreust+ usw. Dasselbe gilt natürlich vom Infinitiv und bei

intransitiven Zeitwörtern vom ~Verbum finitum~; es ist töricht, wenn

Zeitungen schreiben: der Kronprinz ließ das Brautpaar +hochleben+, der

Vortrag wird +hochbefriedigen+, +feststeht+, daß der Minister nicht

zurücktreten wird, denn es gibt kein Zeitwort: ich +hochlebe+, ich

+hochbefriedige+, ich +feststehe+.

Ebenso wie mit den Adverbien ist es auch mit den Objekten. Man kann

wohl schreiben: die +notleidende+ Landwirtschaft, aber falsch ist es,

im Infinitiv zu schreiben: +notleiden+; denn es gibt kein Zeitwort: ich

+notleide+.

Es handelt sich hier durchaus nicht bloß um einen „orthographischen“

Fehler oder gar bloß um eine gleichgiltige orthographische Abweichung,

sondern in der falschen Schreibung verrät sich ein grober Denkfehler.

Partizipium statt eines Neben- oder Hauptsatzes

Wie es oft geschieht, daß ein Gedanke, der eigentlich durch einen

Hauptsatz ausgedrückt werden müßte, unlogischerweise in einen

Relativsatz gebracht wird (vgl. S. 130), so packt man oft auch einen

Hauptgedanken in ein attributives Partizip und schreibt: hier ist

das bisher noch von keiner Seite +bestätigte+ Gerücht verbreitet --

die neue Auflage hat die von dem Verfasser getreulich +benutzte+

Gelegenheit gegeben, manches nachzutragen -- ich sandte ausführliche,

in freundlichster Weise +beantwortete+ Fragebogen an folgende

Bibliotheken -- der Mörder nahm die Nachricht von seiner gestern früh

+erfolgten+ Hinrichtung gefaßt entgegen -- mit klopfendem Herzen betrat

ich das Auditorium, um die in der Bohemia +abgedruckte+ Antrittsrede

zu halten -- die anonym +einzureichenden+ Bewerbungsschriften sind

in deutscher, lateinischer oder französischer Sprache zu verfassen.

Da fragt man doch: in welcher Sprache sind denn die nicht anonym

einzureichenden zu verfassen? Und war denn die Antrittsrede wirklich

schon gedruckt, als der Verfasser das Auditorium betrat? Natürlich

soll es heißen: um die Antrittsrede zu halten, die dann in der Bohemia

abgedruckt wurde -- die Bewerbungsschriften sind anonym einzureichen

und in deutscher Sprache abzufassen.

Nicht viel besser ist es, wenn ein Partizipsatz statt eines Hauptsatzes

gesetzt wird, z. B.: im Jahre 1850 in den Generalstab +zurücktretend+

(+getreten+!), +wurde+ B. 1858 zum persönlichen Adjutanten des Prinzen

Friedrich Karl +ernannt+ -- er ging zunächst nach Paris, dann nach

London, an beiden Plätzen im Bankfach +arbeitend+ -- oder gar: in der

Einleitung +stellt+ Friedländer die Entwicklung des deutschen Liedes

dar, hierauf (!) eine übersichtliche Bibliographie +bringend+ -- Jürgen

lief in die Apotheke, nach wenig Augenblicken (!) mit einer großen

Medizinflasche +zurückkehrend+. Während in den zuerst angeführten

Beispielen eine Art von Schnelldenkerei vorliegt -- die Verfasser haben

es gleichsam nicht erwarten können, zu sagen, was sie sagen wollten

--, handelt sichs in den letzten nur um einen ungeschickten Versuch,

in den Ausdruck Abwechslung zu bringen. Der Sinn verlangt statt dieser

Partizipialsätze Hauptsätze.

Falsch angeschloßnes Partizipium

Noch größer als bei Infinitivsätzen mit +um zu+ ist bei

Partizipialsätzen die Gefahr eines Mißverständnisses, wenn das Partizip

an ein anderes Wort im Satze als an das Subjekt angelehnt wird; das

nächstliegende wird es auch hier immer sein, es auf das Subjekt des

Hauptsatzes zu beziehen. Entschieden schlecht sind also Verbindungen

wie folgende: +angefüllt+ mit edelm Rheinwein, überreiche ich Eurer

Majestät diesen +Becher+ -- kaum +heimgekehrt+, wandte sich die

engherzigste Philisterei gegen +ihn+ -- einmal +gedruckt+, kehre ich

+dem Buche+ den Rücken -- +erhaben+ über Menschenlob und dessen +nicht

bedürftig+, wissen wir, was wir an +unserm Fürsten+ haben -- an der

Begründung unsers Unternehmens wesentlich +beteiligt+ und während der

ganzen Dauer desselben an der Spitze des Aufsichtsrates +stehend+,

verdanken wir der Tatkraft und Geschäftskenntnis des verehrten

+Mannes+ unendlich viel -- +abstoßend+, schroff, von der mildesten

Güte, verschlossen und hingebend, konnte man ganz irre an +ihm+ werden

-- durch Rotationsdruck +angefertigt+, sind wir in der Lage, das

+Verzeichnis+ zu einem Spottpreis zu liefern -- +mich umdrehend+ grüßt

+mich+ im Osten Schloß Johannisberg. Besonders beliebt ist es jetzt,

das Partizip +anschließend+ so zu verbinden, daß man eine Zeit lang im

Satze suchen muß, worauf es sich eigentlich beziehen soll, z. B.: schon

in Ingolstadt hatte er sich, +anschließend+ an seine astronomischen

Arbeiten, optischen Studien gewidmet. Das +anschließend+ soll hier auf

Studien gehen: er schloß die optischen Studien an seine astronomischen

Arbeiten an. Ebenso: +anschließend+ an diese allgemeine Einführung,

dürfte es zweckmäßig sein, einmal das +Gebiet+ der Einzelheiten zu

übersehen. Das schlimmste ist es, vor den Hauptsatz ein absolutes

Partizip zu stellen, für das man sich dann vergebens in dem Satze

nach einem Begriff umsieht, auf den es bezogen werden könnte, z. B.:

wiederholt +lächelnd+ und lebhaft +grüßend+, fuhr das Kriegsschiff

vorüber. Die Partizipia sollen sich auf -- den Kaiser beziehen!

Es braucht nicht immer ein so lächerlicher Sinn zu entstehen wie

hier, auch so beliebte Partizipia wie: +dies vorausgesetzt+, +dies

vorausgeschickt+, +dies zugegeben+ u. ähnl. sind nicht schön. Ja man

kann noch weiter gehen und sagen: das unflektierte Partizip überhaupt,

wenigstens das der Gegenwart (1870 wandte er sich an Richard Wagner,

ihn +fragend+ -- er schlich sich feige davon, nur ein kurzes Wort des

Abschieds +zurücklassend+ -- der Vorsitzende entbot den Versammelten

ein herzliches Willkommen, dankbar des Erscheinens der Ehrengäste

+gedenkend+ und seiner Freude über die Zuwendung reicher Preise

+Ausdruck gebend+), hat im Deutschen immer etwas unlebendiges, steifes;

die Sprache erscheint darin wie halb erstarrt.

In Ergänzung

Allerhand Sprachdummheiten Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen · 第 13 / 41 段