Das Altdeutsche hat seine strenge ~consecutio temporum~ gehabt. Die

hat sich aber schon frühzeitig gelockert, und zwar ist in den nieder-

und mitteldeutschen Mundarten der Konjunktiv der Vergangenheit, in

den oberdeutschen der Konjunktiv der Gegenwart bevorzugt worden. Dort

ist die Vergangenheit auch nach Hauptsätzen der Gegenwart, hier die

Gegenwart auch nach Hauptsätzen der Vergangenheit vorgezogen worden.

Eine weitere Entwicklungsstufe, auf der wir noch stehen, ist die, daß

die Eigentümlichkeit der oberdeutschen Mundarten, die Bevorzugung

der Gegenwart, weiter um sich griff und mit der Eigentümlichkeit der

mittel- und niederdeutschen in Kampf geriet. Schon Luther schreibt (Ev.

Joh. 5, 15): der Mensch +ging+ hin und +verkündigte+ es den Juden, es

+sei+ Jesus, der ihn gesund gemacht +habe+. Der gegenwärtige Stand

ist der -- was namentlich auch für Ausländer gesagt sein mag --, daß

es in allen Fällen, mag im regierenden Satze die Gegenwart oder die

Vergangenheit stehen, im abhängigen Satze unterschiedslos +sei+ und

+wäre+, +habe+ und +hätte+, +gewesen sei+ und +gewesen wäre+, +gehabt

habe+ und +gehabt hätte+ heißen kann. Es ist ebensogut möglich, zu

sagen: er +sagt+, er +wäre+ krank -- er +sagt+, er +wäre+ krank

+gewesen+ -- er +sagte+, er +sei+ krank -- er +sagte+, er +sei+ krank

+gewesen+ -- wie: er +sagt+, er +sei+ krank -- er +sagt+, er +sei+

krank +gewesen+ -- er +sagte+, er +wäre+ +krank+ -- er +sagte+, er

+wäre+ krank +gewesen+. In der Schriftsprache ziehen viele in allen

Fällen den Konjunktiv der Gegenwart als das Feinere vor und überlassen

den Konjunktiv der Vergangenheit der Umgangssprache. Wenn sich aber

jemand in allen Fällen lieber des Konjunktivs der Vergangenheit

bedient, so ist auch dagegen nichts ernstliches einzuwenden. Wer

vollends durch die Verwirrung der Tempora in seinem Sprachgefühl

verletzt wird, wem es Bedürfnis ist, eine ordentliche ~consecutio

temporum~ zu beobachten, den hindert nichts, das auch jetzt noch zu

tun. Das alles ist nun freilich eine Willkür, die ihresgleichen sucht;

aber der tatsächliche Zustand ist so.

Glücklicherweise hat aber diese Willkür doch gewisse Grenzen, und

daß von diesen Grenzen die wenigsten eine Ahnung haben, ist wieder

ein trauriger Beweis von der fortschreitenden Abstumpfung unsers

Sprachgefühls.

Der unerkennbare Konjunktiv

Die eine Grenze liegt in der Sprachform unsrer Konjunktive. Der

Konjunktiv der Gegenwart hat nämlich jetzt im Deutschen nur zwei (oder

drei) Formen, in denen er sich von dem Indikativ unterscheidet: die

zweite und die dritte Person der Einzahl (und allenfalls die zweite

Person in der Mehrzahl); in allen übrigen Formen stimmen beide überein.

Nur das Zeitwort +sein+ macht seine Ausnahme, und die Hilfszeitwörter

+müssen+, +dürfen+, +können+, +wollen+, +mögen+ und +sollen+; die haben

einen durchgeführten Konjunktiv des Präsens: +ich sei+, +du seist+, +er

+sei+, +ich müsse+, +du müssest+, +er müsse+. Im Plural unterscheiden

sich aber die beiden Modi auch bei den Hilfszeitwörtern nicht. Nur in

der zweiten Person heißt es im Indikativ +wollt+, +müßt+, im Konjunktiv

+wollet+, +müsset+; eigentlich sind aber auch diese Formen gleich, man

hat nur im Konjunktiv das e bewahrt, das man im Indikativ ausgeworfen

hat. Die Formen nun, in denen der Konjunktiv nicht erkennbar ist,

weil er sich vom Indikativ nicht unterscheidet, haben natürlich nur

theoretischen Wert, sie stehen gleichsam nur als Füllsel in der

Grammatik (um das Konjugationsschema vollzumachen), aber praktische

Bedeutung haben sie nicht, im Satzbau müssen sie durch den Konjunktiv

des Imperfekts ersetzt werden. Das geschieht denn auch in der

lebendigen Sprache ganz regelmäßig, so regelmäßig, daß es beinahe ein

Unsinn ist, wenn unsre Grammatiken lehren: ~Conj. praes.~: +ich trage+,

+du tragest+, +er trage+, +wir tragen+, +ihr traget+, +sie tragen+.

Solche Schattenbilder sollten gar nicht in der Grammatik stehen,

es könnte einfach gelehrt werden: ~Conj. praes.~: +ich trüge+, +du

tragest+, +er trage+, +wir trügen+, +ihr trüget+, +sie trügen+. Dieser

Gebrauch steht schon lange so fest, daß er selbst dann gilt, wenn das

regierende Verbum in der Gegenwart steht, also -- gegen die ~consecutio

temporum~. Unsre guten Schriftsteller haben ihn denn auch fast immer

beobachtet. Nicht selten springen sie in einer längern abhängigen Rede

scheinbar willkürlich zwischen dem Konjunktiv des Präsens und dem

des Imperfekts hin und her; sieht man aber genauer zu, so sieht man,

daß das Imperfekt immer nur dazu dient, den Konjunktiv erkennbar zu

machen -- ganz wie in der lebendigen Sprache. Nun unterscheidet sich

zwar der Konjunktiv des Imperfekts, zu dem man seine Zuflucht nimmt,

bisweilen auch nicht von dem Indikativ des Imperfekts. Wenn er aber in

der abhängigen Rede zwischen erkennbaren Konjunktiven der Gegenwart und

abwechselnd mit ihnen erscheint, so wird er eben nicht als Indikativ

gefühlt, sondern hier ist er das einzige Mittel, das Konjunktivgefühl

aufrecht zu erhalten. Ganz dasselbe gilt natürlich von dem Konjunktiv

des Perfekts und des Plusquamperfekts; der erste ist, abgesehen von den

zwei erkennbaren Formen: +du habest gesagt+, +er habe gesagt+, für die

lebendige Sprache so gut wie nicht vorhanden, er muß überall durch den

des Plusquamperfekts ersetzt werden: +ich hätte gesagt+, +wir hätten

gesagt+ usw.

Nun vergleiche man damit die klägliche Hilflosigkeit unsrer

Papiersprache! Da wird geschrieben: es ist eine Lüge, wenn man

+behauptet+, daß wir die Juden nur +angreifen+, weil sie Juden sind.

Es muß unbedingt heißen: +angriffen+, denn es muß der Konjunktiv

stehen, und das Präsens +angreifen+ wird nicht als Konjunktiv

gefühlt. Zu folgenden falschen Sätzen mag das richtige immer gleich

in Klammern danebengesetzt werden: es ist ein Irrtum, wenn behauptet

wird, daß sich die Ziele hieraus von selbst +ergeben+ (+ergäben+!)

-- wie oft wird geklagt, daß die Diener des Staats und der Kirche

von der Universität nicht die genügende Vorbildung für ihren Beruf

+mitbringen+ (+mitbrächten+!) -- von dem Gedanken, daß in Lothringen

ähnliche Verhältnisse +vorliegen+ (+vorlägen+!) wie in Posen, muß

ganz abgesehen werden -- es war eine ausgemachte Sache, daß ich in

Kriegsdienst zu treten +habe+ (+hätte+!) -- es gibt noch Leute, die

ernstlich der Meinung sind, daß die Nationalliberalen 1866 das Deutsche

Reich +haben+ (+hätten+!) gründen helfen -- es wird mir vorgeworfen,

daß ich die ursprüngliche Reihenfolge ohne zureichenden Grund verlassen

+habe+[66] (+hätte+!) -- H. Grimm geht von der Voraussetzung aus,

daß ich den Unterricht in der neuern Kunstgeschichte an der Berliner

Universität bekrittelt +habe+ (+hätte+!) -- am Tage meiner Abreise

konnte ich schreiben, daß ich die Taschen voll gewichtiger Empfehlungen

+habe+ (+hätte+!) -- da mußte ich erkennen, daß ich für mein

wissenschaftliches Streben nicht die gehoffte Förderung zu erwarten

+habe+ (+hätte+!) -- der Verfasser ist der Meinung, das Verbrechen

+müsse+ als gesellschaftliche Erscheinung betrachtet und bekämpft

werden, zu seiner Ergründung +müssen+ (+müßten+!) die Ergebnisse der

Gesellschaftswissenschaft berücksichtigt werden -- man behauptet,

daß die Lehren des Talmud veraltet +seien+ und nicht mehr befolgt

+werden+ (+würden+!) -- ich schrieb ihm, daß ich die Verantwortung

nicht übernehmen +könne+, sondern die anstößigen Stellen beseitigen

+werde+ (+würde+!)[67] -- er erhebt den Vorwurf gegen uns, daß wir

damit ein bloßes Wahlmanöver +bezwecken+ (+bezweckten+!) -- er hatte

vor seinem Tode den Wunsch geäußert, die Soldaten +mögen+ (+möchten+!)

nicht auf seinen Kopf zielen -- der Verfasser sucht nachzuweisen,

daß die behaupteten Erfolge nicht +bestehen+ (+bestünden+!) --

durch die Städte und Dörfer eilte die Schreckenskunde, daß Haufen

französischer Freischärler den Rhein überschritten +haben+ (+hätten+!)

und sich sengend und brennend über das Land +ergießen+ (+ergössen+!)

-- ich hatte ihm bei der letzten Besprechung gesagt, ich +begreife+

(+begriffe+!) sehr wohl, daß unser Verhältnis nicht wieder angeknüpft

werden könne usw.

Daß die Verfasser dieser Sätze den Indikativ hätten gebrauchen wollen,

ist nicht anzunehmen; sie haben ohne Zweifel alle die redliche Absicht

gehabt, einen Konjunktiv hinzuschreiben. Aber sie haben alle jenes

Papiergespenst erwischt, das in der Schulgrammatik, um das Kästchen

der Konjugationstabelle zu füllen, als Konjunktiv des Präsens oder des

Perfekts dasteht, aber in der Satzbildung dazu völlig unbrauchbar ist.

Ganz entsetzlich zu lesen sind Zeitungsberichte über „stattgefundne“

Versammlungen und die dabei „stattgefundnen“ Debatten. Was die Redner

da gesagt haben, erscheint ja in den Berichten in abhängiger Rede.

Aber von Anfang bis zu Ende wird alles mechanisch in den Konjunktiv

der Gegenwart gesetzt, dazwischen noch so und so viel Indikative. Da

aber mindestens fünfzig von hundert solchen Konjunktiven gar nicht als

solche gefühlt werden können, so taumeln die Berichte nun unausgesetzt

zwischen Konjunktiv und Indikativ hin und her. Auch Protokolle werden

jetzt zum größten Teil so abgefaßt.

Der Konjunktiv der Nichtwirklichkeit

Eine zweite, ebenso unüberschreitbare Grenze für die Neigung, überall

den Konjunktiv der Gegenwart vorzuziehen, liegt in einer gewissen

Bedeutung des Konjunktivs der Vergangenheit. Der Indikativ stellt

etwas als wirklich hin, der Konjunktiv nur als gedacht, gleichviel, ob

diesem Gedachten die Wirklichkeit entspricht oder nicht. Es gibt aber

noch einen dritten Fall. Es kann etwas als gedacht hingestellt, aber

zugleich aufs bestimmteste ausgedrückt werden, daß diesem Gedachten

die Wirklichkeit +nicht+ entspreche. Diese Aufgabe kann aber nur der

Konjunktiv der Vergangenheit erfüllen. Das bekannteste Beispiel dafür

und eins, das niemand falsch bildet, sind die sogenannten irrealen

Konditionalsätze oder Bedingungssätze der Nichtwirklichkeit. Jedermann

sagt und schreibt richtig: wenn ich Geld +hätte+, +käme ich+, oder:

wenn ich Geld +gehabt hätte+, +wäre ich gekommen+. Der Sinn ist in

dem ersten Falle: ich +habe+ aber keins, im zweiten: ich +hatte+ aber

keins, mit andern Worten: sowohl das Geldhaben als die Folge davon,

das Kommen, wird in beiden Fällen als nichtwirklich, als „irreal“

hingestellt. Die Sprache verfährt dabei sehr ausdrucksvoll. Sie rückt

den Gedanken nicht bloß aus dem Bereiche der Wirklichkeit (den der

Indikativ ausdrücken würde), sondern versetzt ihn außerdem auch noch

in eine größere Zeitferne: eine irreale Bedingung in der Gegenwart

wird durch das Imperfekt (wenn ich +hätte+), eine irreale Bedingung in

der Vergangenheit durch das Plusquamperfekt (wenn ich +gehabt hätte+)

ausgedrückt. Ein Schwanken in dem Tempus des Konjunktivs ist hier

völlig ausgeschlossen; Imperfekt und Plusquamperfekt sind in solchen

Sätzen unerläßlich.[68]

Solche Sätze bildet ja nun jeder richtig, wenn er auch vielleicht nie

darüber nachgedacht hat, warum er sie so bildet. Die Bedingungssätze

sind aber keineswegs die einzigen Nebensätze, die irrealen Sinn

haben können. Etwas sehr gewöhnliches sind auch Relativsätze,

Objektsätze, Kausalsätze, Folgesätze mit irrealem Sinn. In allen diesen

Sätzen verfährt die lebendige Sprache genau so wie in den irrealen

Bedingungssätzen, jedermann bildet auch sie in der Umgangssprache

ganz richtig, ohne sich einen Augenblick zu besinnen, und sagt: ich

kenne +keinen+ Menschen, den ich lieber +hätte+ als dich -- ich weiß

+nichts+ davon, daß er verreist +gewesen wäre+ -- ich will nicht

+sagen+, daß ich keine Lust +gehabt hätte+[69] -- er ist zu dieser

Arbeit nicht zu brauchen, +nicht+ etwa weil er zu dumm dazu +wäre+ --

ich bin +nicht+ so ungeduldig, daß ich es nicht erwarten +könnte+ usw.

Aber der Papiermensch getraut sich solche Sätze nicht zu schreiben, er

stutzt, zweifelt, wird irre, schreibt schließlich -- den Indikativ, und

so laufen einem denn täglich auch solche Sätze über den Weg wie: ich

kenne +keine+ zweite Fachzeitschrift auf diesem Gebiete, die so allen

Ansprüchen entgegen+kommt+ (+käme+!) -- die Geschichte kennt +keine+

Musiker, die auf rein autodidaktischem Wege zur Bedeutung gelangt

+sind+ (+wären+!) -- es dürfte heute +kein+ Physiker zu ermitteln

sein, der an die Möglichkeit eines absolut leeren Raumes +glaube+

(+glaubte+!) -- bei Shakespeare selbst findet sich +kein+ Wort, das

auf eine solche Anschauung seines Helden +deutet+ (+deutete+!) -- es

gibt +kein+ Stück Shakespeares, worin die Charaktere klarer entwickelt

+sind+ (+wären+!) -- es gibt +kein+ zweites Industrieprodukt, das

eine derartige Verbreitung gefunden +hat+ (+hätte+!) -- es gibt heute

+keine+ Sängerin von Ruf, die diese Lieder nicht +singt+ (+sänge+!),

kein Publikum, das sie nicht begeistert +aufnimmt+ (+aufnähme+!) --

Wien ist gegenwärtig +kein+ Platz, wo goldne Sporen zu verdienen +sind+

(+wären+!) -- es +fehlte+ bisher an einem Buche, +das+ dem Laien

verständlich +war+ (+gewesen wäre+!) und zugleich auf der Höhe der

Wissenschaft +stand+ (+gestanden hätte+!) -- es gibt +keinen+, +der+

die Entwicklung der politischen Verhältnisse +kennt+ (+kennte+!),

keinen, der sagen +kann+ (+könnte+!): morgen wird es so sein --

+nie+ hat er etwas getan, +was+ mit seiner Untertanenpflicht in

Widerspruch +stand+ (+gestanden hätte+!) -- wir haben seit langen

Jahren +kein+ Abgeordnetenhaus gehabt, worin diese Partei so stark

vertreten +war+ (+gewesen wäre+!) -- wir hören +nichts+ davon, daß

die weniger betroffnen Gemeinden den Notleidenden die Hand +boten+

(+geboten hätten+!) -- ich gebe diese Auslassung wörtlich wieder,

+nicht+ weil ich sie für sehr bedeutend +halte+ (+hielte+!), sondern

weil usw. -- gewiß sind manche Fehler begangen worden, nicht etwa

weil unsre Vorfahren unverständige Leute +waren+ (+gewesen wären+!)

und ihre Pflicht nicht getan +haben+ (+hätten+!), sondern weil eine

solche Entwicklung nicht vorauszusehen war -- wie +selten+ sind diese

Kenntnisse ein so sichrer Besitz geworden, +daß+ mit Freiheit darüber

verfügt +wird+ (+würde+!) -- die Summe gewährt ihm +keine+ genügende

Unterstützung, +daß+ er während seiner Studentenzeit sorgenfrei leben

+kann+ (+könnte+!) -- so dumm sind unsre Schauspieler nicht, +daß+ man

ihnen das alles haarklein vorschreiben +muß+ (+müßte+!) -- die Sache

ist damals beanstandet worden, +ohne daß+ über den Grund aus den Akten

etwas zu ersehen +ist+ (+wäre+!) -- ach, es war eine schöne Zeit, zu

schön, +als daß+ sie lange dauern +konnte+ (+hätte+ dauern +können+!)

-- zum Glück war ich noch zu klein, +als daß+ mir der Inhalt des Buches

großen Schaden zufügen +konnte+ (+hätte+ zufügen +können+!) -- die

Hauswirte lassen lieber die Wohnungen leer stehen, +als daß+ sie sie

billig +vermieten+ (+vermieteten+!) -- +anstatt daß+ eine Beruhigung

+eintrat+ (+eingetreten wäre+!), bemächtigte sich vielmehr des ganzen

Landes eine tiefe Aufregung.

In allen diesen Sätzen drückt der Nebensatz etwas Nichtwirkliches

aus. Zu allen diesen Nebensätzen ist gleichsam im Geist ein irrealer

Bedingungssatz zu ergänzen: nie hat er etwas getan, was mit seiner

Untertanenpflicht in Widerspruch +gestanden hätte+ (nämlich +wenn er

es getan hätte+, was eben +nicht+ der Fall +war+). Also müssen sie

auch alle in den Modus der Nichtwirklichkeit treten. Es würde ganz

unbegreiflich sein, wie jemand solche Nebensätze in den Indikativ

setzen kann, wenn nicht, wie so oft, die leidige Halbwisserei dabei im

Spiele wäre. Man ist nicht unwissend genug, den richtigen Konjunktiv

aus der lebendigen Sprache unangezweifelt zu lassen, aber man ist auch

nicht wissend, nicht unterrichtet genug, den Zweifel niederzuschlagen

und das richtige aufs Papier zu bringen.

Vergleichungssätze. Als wenn, als ob

Zu diesen Nebensätzen, die sehr oft irrealen Sinn haben, gehören nun

auch die Vergleichungssätze, die mit +als ob+, +als wenn+, +wie wenn+

anfangen. Sehr oft kann oder muß man zu solchen Sätzen im Geiste den

Gedanken ergänzen: was +nicht+ der Fall +ist+ oder: was +nicht+ der

Fall +war+, z. B.: er geht mit dem Gelde um, +als ob+ er (was nicht

der Fall ist) ein reicher Mann +wäre+. Auch diese Sätze werden in der

lebendigen Sprache wie alle andern irrealen Nebensätze behandelt,

d. h. in der Gegenwart stehen sie im Konjunktiv des Imperfekts, in

der Vergangenheit im Konjunktiv des Plusquamperfekts. Auf dem Papier

ist aber jetzt auch hier Verwirrung eingerissen. Man schreibt z. B.:

er tut, als +habe+ er schon damals diese Absicht gehabt -- er sah

mich verwundert an, als ob ich irre +rede+ oder Fabeln +erzähle+.

Es muß heißen: als +hätte+ er -- als ob ich irre +redete+ oder

Fabeln +erzählte+ -- ganz abgesehen davon, daß sich in dem zweiten

Beispiel die Konjunktive der Gegenwart nicht von den Indikativen

unterscheiden. Die Verwirrung geht so weit, daß solche Sätze jetzt

sogar in den Indikativ gesetzt werden, z. B.: es will uns scheinen,

als ob die mißgünstige Kritik einen sehr durchsichtigen Grund +hat+ --

es macht den Eindruck, als ob das Stück der Zensurbehörde +vorlag+,

aber nicht die Sanktion +erhielt+ -- es war, als ob seit dem Einzuge

der verwitweten Tochter ein unheimlicher Druck auf dem ganzen Hause

+lag+.[70]

Soll nicht angedeutet werden, daß der in dem Vergleichungssatze

stehende Gedanke nicht wirklich sei, so kann (nach einem Präsens im

Hauptsatze) natürlich auch im Nebensatze der Konjunktiv der Gegenwart

stehen, z. B.: es +will+ mir scheinen, +als ob+ er geflissentlich die

Augen dagegen +verschließe+ -- es +gewinnt+ den Anschein, +als wolle+

der Verfasser das sittliche Gefühl des Zuschauers absichtlich verletzen

-- ich +habe+ die Empfindung, +als ob+ ihm die Welt zuweilen recht

verzerrt +erschienen sei+.

Würde

Wieviel zu der herrschenden Unsicherheit im Gebrauche der Modi die

Unsitte beiträgt, die Hilfszeitwörter wegzulassen, ist schon gezeigt

worden (vgl. S. 139). Nicht nur der Unterricht sollte darauf halten,

sondern auch jeder Einzelne sich selbst so weit in Zucht nehmen, daß

gerade da, wo ein Zweifel über den Modus entstehen kann, das bequeme

Auskunftsmittel, das Hilfszeitwort zu unterdrücken, verschmäht würde,

der Gedanke stets reinlich und bestimmt zu Ende gebracht würde. Für

den Konjunktiv des Imperfekts aber und seinen richtigen Gebrauch ist

insbesondere noch der Umstand verhängnisvoll geworden, daß man ihn

in Hauptsätzen zu Bedingungssätzen durch den sogenannten Konditional

(+würde+ mit dem Infinitiv) umschreiben kann (+ich würde bringen+

statt: +ich brächte+). Das hat nicht nur dazu geführt, daß sich viele

Leute von gewissen Zeitwörtern kaum noch einen wirklichen Konjunktiv

des Imperfekts zu bilden getrauen, daß sie sich überall da, wo sie

zweifeln (vgl. S. 62), mit dem kläglichen +würde+ behelfen, anstatt

sich die Kenntnis der richtigen Verbalform zu verschaffen, sondern sie

hat auch schon eine bedenkliche Verwirrung im Satzbau angerichtet.

Von Süddeutschland und namentlich von Österreich aus hat sich aus dem

fehlerhaften Hochdeutsch der Halbgebildeten immer mehr die Unsitte

verbreitet, den Konditional auch in Bedingungs- und Relativsätzen,

Vergleichungs- und Wunschsätzen anzuwenden.

Man schreibt: ich würde mich nicht wundern, wenn ich in einer Zeitung

+lesen würde+ (+läse+!) -- von großer Bedeutung wäre es, wenn sich der

Leserkreis des Blattes +erweitern würde+ (+erweiterte+) -- wir könnten

eine monumentale Sprache wiedergewinnen, wenn wir unser Denkmalschema

+verlassen würden+ (+verließen+!) -- wie schematisch würde eine

historische Darstellung ausfallen, wenn sie immer nur diese Maßstäbe

+anlegen würde+ (+anlegte+!) -- weniger Sauberkeit und Regelmäßigkeit

wäre dichterisch wertvoller, wenn sich eine starke Natur, eine glühende

Leidenschaft, ein hoher Sinn +offenbaren würden+ (+offenbarten+!) --

der Christ, der sich +einbilden würde+ (+einbildete+!), daß seine

Religion die Menschen zu Engeln gemacht habe, wäre ein Utopist --

der Stil seiner Abhandlung wird oft so hoch, als wenn er über Goethe

+schreiben würde+ (+schriebe+!) -- hat die Kochstunde geschlagen,

so muß das Feuer flackern, als ob es auf Kommando +gehen würde+

(+ginge+!) -- er fuhr mit den Händen auf und ab, als ob er +buttern

würde+ (+butterte+!) -- wenn man diese Arbeit eines Spezialisten auf

therapeutischem Gebiete durchstudiert, so bekommt man den Eindruck,

als wenn man das Urteil eines Richters +lesen würde+ (+läse+!), der

in eigner Sache entscheidet -- diese Romane tun, als +würden+ sie die

Laster nur der Sittlichkeit wegen +schildern+ (+schilderten+!) -- es

wäre zu wünschen, er +würde+ dieser Feier einmal +beiwohnen+ (+wohnte

bei+!) -- es wäre dringend erwünscht, daß das Polizeiamt dieser

Anregung Folge +geben würde+ (+gäbe+!) -- es gibt +keine+ Sphäre des

Lebens, deren Anfänge nicht im Unbewußten +liegen würden+ (+lägen+!) --

wenn nur wenigstens künstlerische Form ihre Darstellung +adeln würde+

(+adelte+!) -- der Engländer ist zu sachlich und zu praktisch, als daß

er selber beleidigend +auftreten würde+ (+aufträte+!) -- der Ernst des

militärischen Lebens läßt es sich ab und zu gefallen, daß das Blümlein

Humor an ihm emporwuchert, ohne daß sich dadurch das feste Gefüge der

Disziplin +lockern würde+ (+lockerte+!).

Ein wahres Wunder, daß wir den Kehrreim bei Mirza Schaffy und

Rubinstein: ach, wenn es doch immer so +bliebe+! nicht längst

verschönert haben zu: ach, wenn es doch immer +so bleiben würde+! Ein

wahres Wunder, daß wir das alte Volkslied: wenn ich ein Vöglein +wär+

und auch zwei Flüglein +hätt+! noch nicht umgestaltet haben zu: wenn

ich ein Vöglein +sein würde+ und auch zwei Flüglein +haben würde+!

Denn so müßte es doch eigentlich in dem schönen österreichischen

Zeitungshochdeutsch heißen! Im Volksdialekt heißt es freilich ganz

richtig: Wann i a Vögerl war (= wär) und a zwoa Flügerln hätt.

Nicht zu verwerfen ist es, wenn in Bedingungs- und Wunschsätzen

anstatt des Konjunktivs ein +wollte+, +sollte+ oder +möchte+ mit dem

Infinitiv erscheint. Der Satz kann hierdurch bisweilen eine feine

Färbung erhalten. Wenn ich mir das +erlauben wollte+ -- ist etwas

andres als das einfache: wenn ich mir das +erlaubte+, wenn er sich so

etwas +unterstehen sollte+ -- etwas andres als das einfache: wenn er

sich das +unterstünde+ -- wenn sich doch die Regierung einmal ernstlich

darum +kümmern möchte+ -- etwas andres als das einfache: wenn sie

sich doch einmal darum +kümmerte+. Eine so sinnvolle Verwendung der

Hilfszeitwörter ist natürlich mit dem inhaltlosen, nichtssagenden

+würde+ nicht auf eine Stufe zu stellen.

Noch ein falsches würde

Ein abscheulicher Stilunfug, der jetzt durch unsre gesamte

Erzählungsliteratur geht, ist die Schluderei, die Erzählung durch

eine abhängige (indirekte) Rede zu unterbrechen, ohne ein Zeitwort

des Sagens, Denkens oder Meinens vorauszuschicken oder wenigstens

einzuschalten. Etwa so: Trotz solcher bittern Erfahrungen ließ H. den

Mut nicht sinken. Er +würde+ nach Berlin gehn, +würde+ sich dort Arbeit

suchen, und es +würden+ auch wieder bessere Zeiten kommen. Jeder, der

das liest, glaubt zunächst, der Erzähler spreche weiter, „Er würde“

sei der Konjunktiv des Imperfekts, und es werde nun ein Bedingungssatz

folgen. Statt dessen ist der Satz als indirekte Rede dem Helden in den

Mund gelegt, und „Er würde“ soll der Konjunktiv des Futurums sein (in

direkter Rede: +ich werde+ nach Berlin gehn, +werde+ mir dort Arbeit

suchen, und es werden auch wieder bessere Zeiten kommen). Ein guter

Erzähler hätte etwa so geschrieben: Er +wollte+ nach Berlin gehn, er

+beschloß+, nach Berlin zu gehn, er +hoffte+, daß auch wieder bessere

Zeiten kommen würden. Das unvorbereitete Umspringen in die indirekte

Rede soll wohl der Darstellung etwas dramatisch lebendiges geben, es

ist aber eine Liederlichkeit. Leider ist sie in neuern Erzählungen

schon so verbreitet, daß sie dem gewohnheitsmäßigen Romanfresser gar

nicht mehr auffällt. Woher sie stammt? Wie es scheint, aus schlecht

übersetzten Erzählungen aus den skandinavischen Sprachen.

Der Infinitiv. Zu und um zu

Allerhand Sprachdummheiten Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen · 第 12 / 41 段