Ganz unausstehlich wird das Abwerfen des Hilfszeitworts, wenn das übrig

bleibende Partizip mit dem Indikativ des Präsens oder des Imperfekts

gleich lautet, also ohne das Hilfszeitwort die Tempora gar nicht

voneinander zu unterscheiden sind, z. B.: in unsrer Zeit, wo der Luxus

eine schwindelhafte Höhe +erreicht+ (nämlich +hat+!) -- er ist auch

dann strafbar, wenn er sich nur an der Tat +beteiligt+ (+hat+!) --

das, was der Geschichtschreiber gewissenhaft +durchforscht+ (+hat+!)

-- er erinnert sich der Freude, die ihm so mancher gelungne Versuch

+verursacht+ (+hat+!) -- einer jener Männer, die, nachdem sie in

hohen Stellungen Eifer und Tatkraft +bewiesen+ (+haben+!), sich einem

müßigen Genußleben hingeben -- nachdem 1631 Baner die Stadt vergeblich

+belagert+ (+hatte+!) -- er verteilte die Waffen an die Partei, mit

der er sich +befreundet+ (+hatte+!) -- ich kam im Herbstregen an, den

mein Kirchdorf lange +ersehnt+ (+hatte+!) -- er schleuderte über die

Republik und ihre Behörden den Bannstrahl, weil sie sich an päpstlichem

Gut +vergriffen+ (+hatten+!) -- du stellst in Abrede, daß Vilmar mit

dem Buch eine politische Demonstration +beabsichtigt+ (+habe+!). Oder

wenn es in zwei oder mehr aufeinander folgenden Nebensätzen verschiedne

Hilfszeitwörter sind, die dadurch verloren gehen, +haben+ und +sein+,

z. B.: es war ein glücklicher Gedanke, dort, wo einst der deutsche

Dichterfürst seinen Fuß +hingesetzt+ (nämlich +hat+), auf dem Boden,

der durch seinen Aufenthalt geschichtlich +geworden+ (nämlich +ist+),

eine Kuranstalt zu errichten -- wir wissen, auf welchen Widerstand

einst das Interim +gestoßen+ (+ist+!), und welchen Haß sich Melanchthon

durch seine Nachgiebigkeit +zugezogen+ (+hat+!) -- da sie das

Führen der Maschine +unterlassen+ (+hatten+!) und auf den Fußwegen

+gefahren+ (+waren+!). Oder endlich wenn gar von zwei verschiednen

Hilfszeitwörtern das erste weggeworfen, das zweite aber gesetzt wird,

sodaß man dieses nun unwillkürlich mit auf den ersten Satz bezieht,

z. B.: als ich die Fastnachtsspiele +durchgelesen+ und schließlich zu

dem Luzerner Neujahrsspiel +gekommen war+ (also auch: +durchgelesen

war+?) -- seitdem die Philosophie exakt +geworden+, seitdem auch sie

sich auf die Beobachtung und Sammlung von Phänomenen +verlegt hat+

(also auch: +geworden hat+?) -- der Verfasser macht Banquo den Vorwurf,

daß er nicht für die Rechte der Söhne Duncans +eingetreten+, sondern

Macbeth als König +anerkannt habe+ (also auch: +eingetreten habe+?).

Wie jemand so etwas schön finden kann, ist unbegreiflich.

Selbst in Fällen, wo der nachfolgende Hauptsatz zufällig mit demselben

Zeitwort anfängt, mit dem der Nebensatz geschlossen hat, ist das

Wegwerfen des Hilfszeitworts häßlich, z. B.: soviel +bekannt+ (nämlich

+ist+), +ist+ der Vorsitzende der Bürgermeister -- wie der Unglückliche

hierher +gelangt+ (+ist+), +ist+ rätselhaft -- alles, was damit

gewonnen +worden+ (+war+), +war+ unbedeutend gegen das verlorne -- wer

diesen Forderungen Genüge +geleistet+ (+hatte+), +hatte+ sich dadurch

den Anspruch erworben usw. Zwar nehmen auch solche, die im allgemeinen

für Beibehaltung des Hilfszeitworts sind, hier das Abwerfen in Schutz,

aber doch nur wieder infolge des weitverbreiteten Aberglaubens, daß ein

Wort nicht unmittelbar hintereinander oder kurz hintereinander zweimal

geschrieben werden dürfe. Es ist das eine von den traurigen paar

stilistischen Schönheitsregeln, die sich im Unterricht von Geschlecht

zu Geschlecht fortschleppen. Die lebendige Sprache fragt darnach gar

nichts; da setzt jeder ohne weiteres das Verbum doppelt, und es fällt

nicht im geringsten auf, kann gar nicht auffallen, weil mit dem ersten

Verbum, fast tonlos, der Nebensatz ausklingt, mit dem zweiten, nach

einer kleinen Pause, frisch betont der Hauptsatz anhebt. Sie klingen ja

beide ganz verschieden, diese Verba, man traue doch nur seinen Ohren

und lasse sich nicht immer von dem Papiermenschen bange machen!

Nur in einem Falle empfiehlt sichs zuweilen, das Hilfszeitwort auch in

schlichter Prosa wegzulassen, nämlich dann, wenn in den Nebensatz ein

zweiter Nebensatz eingeschoben ist, der mit demselben Hilfszeitwort

endigen würde, z. B.: bis die Periode, für die der Reichstag +gewählt

worden+, +abgelaufen war+. Hier würden zwei gleiche Satzausgänge

mit +war+ nicht angenehm wirken. Wo bei Häufung von Nebensätzen der

Eindruck des Schleppens entsteht, liegt die Schuld niemals an den

Hilfszeitwörtern, sondern immer an dem ungeschickten Satzbau.

Die Sitte, das Hilfszeitwort in Nebensätzen gewohnheitsmäßig

abzuwerfen, muß um so mehr als Unsitte bekämpft werden, als sie schon

einen ganz verhängnisvollen Einfluß auf den richtigen Gebrauch der

Modi ausgeübt hat. Daß manche Schriftsteller keine Ahnung mehr davon

haben, wo ein Konjunktiv und wo ein Indikativ hingehört, daß in dem

Gebrauche der Modi eine geradezu grauenvolle Verwilderung und Verrohung

eingerissen ist und täglich weitere Fortschritte macht, daran ist

zum guten Teil die abscheuliche Unsitte schuld, die Hilfszeitwörter

wegzulassen. Wo soll noch Gefühl für die Kraft und Bedeutung eines

Modus herkommen, wenn man jedes +ist+, +sei+, +war+, +wäre+, +hat+,

+habe+, +hatte+, +hätte+ am Ende eines Nebensatzes unterdrückt und

dem Leser nach Belieben zu ergänzen überläßt? In den meisten Fällen

ist die Unterdrückung des Hilfszeitwortes nichts als ein bequemes

Mittel, sein Ungeschick oder seine Unwissenheit zu verbergen. Freilich

ist es sehr bequem, zu schreiben: daß viele Glieder der ersten

Christengemeinde arm +gewesen+, ist zweifellos, daß es alle +gewesen+,

ist sehr zu bezweifeln, oder: wenn man nicht annehmen will, daß ihm

seine Genialität +geoffenbart+, was andre schon vorher +gefunden+,

oder: wir bedauerten, daß sie nicht etwas +getan+, was sie in den Augen

unsrer Gespielen recht groß und mächtig +gemacht+. Hätten die, die

so geschrieben haben, gewußt, das es heißen muß: daß viele Glieder

der ersten Christengemeinde arm +gewesen sind+, ist zweifellos, daß

es alle +gewesen seien+, ist sehr zu bezweifeln -- wenn man nicht

annehmen will, daß ihm seine Genialität +geoffenbart habe+, was andre

schon vorher +gefunden hatten+ -- wir bedauerten, daß sie nicht etwas

+getan hatten+, was sie in den Augen unsrer Gespielen recht groß und

mächtig +gemacht hätte+ -- so hätten sie es schon geschrieben. Aber

man weiß eben nichts, und da man seine Unwissenheit durch Hineintappen

in den falschen Modus nicht verraten möchte, so läßt man einfach das

Hilfszeitwort weg.

Indikativ und Konjunktiv

Sogar in Wunsch- und Absichtssätzen, wo man es kaum für möglich halten

sollte, wird jetzt statt des Konjunktivs der Indikativ geschrieben!

Da liest man: es ist zu wünschen, daß die Nation auch künstlerisch

+zusammensteht+ -- wir wünschen von Herzen, daß das der letzte Fall

eines solchen Verbrechens gewesen +ist+ -- wir hoffen, daß er sich nach

längerer Prüfung davon +wird+ überzeugen lassen -- wir wollen alle

mithelfen, daß es eine gute Ernte +gibt+ -- die staatliche Gewalt hat

darüber zu wachen, daß der Sittlichkeit kein ernster Schaden zugefügt

+wird+ -- als deutscher Fabrikant habe ich das lebhafteste Interesse

daran, daß in deutschen Bureaus mit deutschen Federn geschrieben +wird+

-- wir bitten um Erneuerung des Abonnements, damit die Zusendung keine

Unterbrechung +erleidet+ -- wir raten ihm, sich an deutsche Quellen zu

halten, damit er das Deutsche nicht ganz +verlernt+. Die schlimmste

Verwirrung des Indikativs und des Konjunktivs ist aber in den Subjekt-

und Objektsätzen (Inhaltsätzen) und in den abhängigen Fragesätzen

eingerissen. Und doch, wie leicht ist es, bei einigem guten Willen auch

hier das Richtige zu treffen!

Man vergleiche einmal folgende beiden Sätze: Curtius zeigte seinen

Fachgenossen, daß er ihnen auch auf dieses Gebiet zu folgen

+vermöchte+, und: Curtius zeigte seinen Fachgenossen, daß er ihnen

auch auf dieses Gebiet zu folgen +vermochte+. Was ist der Unterschied?

In dem ersten Falle lehne ich, der Redende oder Schreibende, ein

Urteil darüber ab, ob Curtius wirklich seinen Fachgenossen habe folgen

können, ich gebe nur seine eigne Meinung wieder; im zweiten Falle gebe

ich selbst ein Urteil ab, ich stimme ihm bei, stelle es als Tatsache

hin, daß er ihnen habe folgen können. Ein andres Beispiel: die meisten

Menschen trösten sich damit, daß es früher auch +so war+, und: die

meisten Menschen trösten sich damit, daß es früher auch +so gewesen

sei+. Was ist der Unterschied? In dem ersten Falle gebe ich über den

Trostgrund der Menschen ein Urteil ab, ich stimme ihnen bei, ich stelle

ihren Trostgrund als richtig, als Tatsache hin; in dem zweiten Falle

enthalte ich mich jedes Urteils, ich gebe nur die Meinung der Menschen

wieder. Noch ein Beispiel: ich kann doch nicht sagen, daß ich krank

+bin+, und: ich kann doch nicht sagen, daß ich krank +sei+. Der erste

Satz bedeutet: ich trage Bedenken, die Tatsache meiner Erkrankung

einzugestehen; der zweite: ich trage Bedenken, eine Krankheit

vorzuspiegeln. Da haben wir deutlich den Sinn der beiden Modi.

Darnach ist es klar, weshalb nach Zeitwörtern wie +wissen+, +beweisen+,

+sehen+, +einsehen+, +begreifen+, +erkennen+, +entdecken+, ebenso

wie nach den unpersönlichen Redensarten: +es ist bekannt+, +es steht

fest+, +es ist sicher+, +es ist klar+, +es ist kein Zweifel+, +es ist

Tatsache+, +es läßt sich nicht leugnen+ usw. der Inhaltsatz stets im

Indikativ steht. In allen diesen Fällen kann das Subjekt oder Objekt

nur eine Tatsache sein; welchen Sinn hätte es da, ein Urteil darüber

abzulehnen? Es ist also ganz richtig, zu sagen: +kann es geleugnet

werden+, daß die Erziehung des gemeinen Volks eines der wichtigsten

Mittel +ist+, unsre Person und unser Eigentum zu schützen? Dagegen

spricht aus folgenden Sätzen eine völlig unverständliche Ängstlichkeit:

Hamerling hat +bewiesen+, daß man als Atheist ein edler und tüchtiger

Mensch sein +könne+ -- die Besichtigung der Leiche +ergab+, daß es

sich um einen Raubmord +handle+ -- schon seit Jahren hatte sich

+herausgestellt+, daß die Räume unzureichend +seien+ -- als man die

Kopfhaut entfernte, +sah+ man, daß die Schädeldecke vollständig entzwei

geschnitten +sei+ -- zu meinem Schrecken +entdeckte+ ich, daß der junge

Graf nicht einmal orthographisch schreiben +könne+ -- die Sammlung

tritt sehr bescheiden auf und läßt +keinen Zweifel+ darüber, daß die

Zeit des Sturms und Dranges vorüber +sei+. Was bewiesen, gesehen,

entdeckt worden ist, sich ergeben, sich herausgestellt hat, nicht

bezweifelt werden kann, das müssen doch Tatsachen sein. Weshalb soll

man sich scheuen, solche Tatsachen anzuerkennen?

Dieser Fehler kommt denn auch verhältnismäßig selten vor. Um so öfter

wird der entgegengesetzte Fehler begangen, daß nach Zeitwörtern, die

eine bloße Meinung oder Behauptung ausdrücken, der Indikativ gesetzt

wird, obwohl der Redende oder Schreibende über die ausgesprochne

Meinung oder Behauptung nicht das geringste Urteil abgeben, sondern

sie als bloße Meinung oder Behauptung eines andern hinstellen

will. Die Zeitwörter, hinter denen das geschieht, sind namentlich:

+glauben+, +meinen+, +fühlen+, +denken+, +annehmen+, +vermuten+,

+voraussetzen+, +sich vorstellen+, +überzeugt sein+, +schließen+,

+folgern+, +behaupten+, +sagen+, +lehren+, +erklären+, +versichern+,

+beteuern+, +bekennen+, +gestehen+, +zugeben+, +bezweifeln+,

+leugnen+, +antworten+, +erwidern+, +einwenden+, +berichten+,

+melden+, +erzählen+, +überliefern+, +erfahren+, +vernehmen+, +hören+

u. a. Stehen diese Verba in dem Tempus der Erzählung, so setzt wohl

jeder richtig den Konjunktiv dahinter, wiewohl sich auch Beispiele

finden wie: er kam zu der +Überzeugung+, daß er zu alt +war+, sich

noch den bildenden Künsten zu widmen. Aber wie, wenn sie im Präsens

oder im Futurum stehen? Da wird geschrieben: man +glaubt+, daß die

Diebe während der Fahrt in den Zug +stiegen+ -- der Ausschuß ist der

+Meinung+, daß der Markt der geeignetste Platz für das Denkmal ist --

der Herausgeber ist zu der +Ansicht+ gekommen, das sich diese Rede

Ciceros nicht für die Schule +eignet+ -- man kann dem Verfasser darin

(d. h. in der +Ansicht+) beistimmen, daß sich das Juristendeutsch

gegen früher bedeutend gebessert +hat+ -- jeder wird von einer

Privatsammlung, die in den fünfziger Jahren genannt wurde, +annehmen+,

daß sie heute nicht mehr +besteht+ -- man geht von der albernen

+Voraussetzung+ aus, daß Bach und Händel grobe Klötze gewesen +sind+ --

hier wirkt noch die alte +Vorstellung+, daß das Wesen eines Dinges in

seinem Bilde +steckt+ -- die Rede ist von der +Überzeugung+ erfüllt,

daß das amerikanische Deutschtum mit der deutschen Sprache +steht+ und

+fällt+ -- man behauptet, daß das Lateinische zu schwer +ist+, als

erste fremde Sprache gelernt zu werden -- die +Behauptung+, daß dieser

Aufsatz für die Zeitschrift kein Ruhmesblatt +bildet+, wird schwerlich

auf Widerspruch stoßen -- Marx +sagt+, daß keine neue Gesellschaft

ohne die Geburtshilfe der Gewalt +entsteht+ -- man +sagt+, daß er sich

von einem Priester taufen +ließ+ -- der Fremde, der die Ausstellung

besucht, wird +sagen+, daß es der Berliner Kunst an Schwung und

Phantasie +gebricht+ -- von glaubwürdiger Seite wird uns +versichert+,

daß die Stimmung sehr +flau+ war -- die Legende +erzählt+, daß, als

die Greisin noch ein schönes Mädchen +war+, sie eine tiefe Neigung zu

einem jungen Krieger +faßte+ -- die +Meldung+, daß Morenga +gefallen

ist+, wird durch einen amtlichen Bericht bestätigt -- in Berliner

Künstlerwerkstätten gilt noch heute die +Überlieferung+, daß Rauch

nicht immer der große Mann +gewesen ist+, als den ihn die Nachwelt

preist. In allen diesen Sätzen ist der Indikativ wahrhaft barbarisch.

Doppelt beleidigend wirkt er, wenn in dem regierenden Satze die Meinung

oder Behauptung, die im Nebensatze steht, ausdrücklich verneint

wird, als falsch, als irrtümlich, als übertrieben, als unbewiesen

bezeichnet wird. Und doch muß man täglich auch solche Sätze lesen wie:

ich kann +nicht zugeben+, daß diese Satzfügung fehlerhaft ist -- es

kann +nicht zugegeben+ werden, daß der große Zuzug der Bevölkerung

die Ursache der städtischen Wohnungsnot +ist+ -- wir sind +nicht+

zu der +Annahme+ berechtigt, daß er sich durch die Mitgift der

Frau zu der Heirat bewegen +ließ+ -- aus dieser Tabelle läßt sich

+keineswegs+ der +Schluß+ ziehen, daß die Kost dürftig +ist+ -- daß

der sozialistische Geschäftsbetrieb in diesen Industrien möglich +ist+,

hat noch +niemand bewiesen+ -- ich kann +nicht finden+, daß Wagners

Musik +läutert+ -- ich muß aufs entschiedenste +bestreiten+, das es

in einem unsrer Schutzgebiete Sklavenmärkte +gibt+ -- daß das Kreuz

erst in christlicher Zeit religiöse Bedeutung +erhielt+, kann man

+nicht behaupten+ -- +niemand+ wird +behaupten+, daß es dem Architekten

gleichgiltig sein +kann+, ob sein Ornament langweilig oder geistreich

ist -- die K. Zeitung geht +zu weit+ mit der +Behauptung+, daß die

beiden vorigen Sessionen des Landtags unfruchtbar +gewesen sind+ -- es

wird +schwerlich+ jemand +dafür eintreten+, daß die Ausführung dieses

Planes möglich +ist+ -- es ist +nicht wahr+, daß man durch Arbeit und

Sparen reich werden +kann+ -- +unwahr+ ist, daß Herr B. eine Sühne

von 500 M. angeboten +hat+ -- es ist +falsch+, wenn der Verfasser

behauptet, daß die Fehlerzahl den Ausschlag bei der Versetzung der

Schüler +gibt+ -- es liegt +nicht+ der leiseste +Anhalt+ vor, daß eine

neue Revision des Gesetzes beabsichtigt +ist+ -- mir ist +nichts+

davon +bekannt+, daß das ausdrücklich betont worden +ist+ -- es ist

+unzutreffend+, daß das Urteil bereits rechtskräftig geworden +ist+ --

die Volkszeitung hat sich direkt +aus den Fingern gesogen+, daß mich

der Minister wegen meines patriotischen Verhaltens gelobt +hat+ -- ich

kann +nicht sagen+, daß ich diese Woche große Freude an der Arbeit

+hatte+ -- damit soll +nicht gesagt+ sein, daß es der Sammlung ganz an

duftigen Liederblüten +fehlt+ -- es soll damit +nicht gesagt+ sein, daß

Beethoven je populär werden +kann+ -- wir glauben +widerlegt+ zu haben,

daß der Schule in diesem Kampfe ein Vorwurf zu machen +ist+ -- wer +hat

bewiesen+, daß die sittliche Höhe eines Künstlers der künstlerischen

seiner Werke gleichstehen +muß+? (niemand!) -- +ist+ irgendwo offenbar

geworden, daß der Abgeordnete sich seiner Aufgaben bewußt +gewesen ist+

(nein!) usw. Welcher Unsinn, etwas in einem Atem zu leugnen oder zu

bestreiten und zugleich als wirklich hinzustellen! Darauf laufen aber

schließlich alle solche Sätze hinaus. Der Indikativ kann in solchen

Fällen geradezu zu Mißverständnissen führen. Wenn einer schreibt:

es ist +falsch+, daß die Arbeit ohne jeden Grund eingestellt worden

+ist+ -- so kann man das auch so verstehen: sie ist ohne jeden Grund

eingestellt worden, und das ist sehr dumm gewesen. Will einer deutlich

sagen: sie ist +nicht+ ohne Grund eingestellt worden, so muß er

schreiben: es ist +falsch+, daß die Arbeit ohne jeden Grund eingestellt

worden +sei+.

Gewiß gibt es zwischen den unbedingt nötigen Indikativen und den

unbedingt nötigen Konjunktiven verschiedne Arten von zweifelhaften

Fällen. Es gibt doppelsinnige Verba, wie z. B. +finden+, +sehen+,

+zeigen+, die ebensogut eine Erkenntnis wie eine Meinung ausdrücken

können; darnach hat sich der Modus des Nebensatzes zu richten. Als

der erste Schrecken überwunden war, +sahen+ die Römer, daß sich der

Aufstand nicht bis zum Rhein +ausdehne+ -- man erwartet den Indikativ:

+ausdehnte+; aber der Schreibende hat mit +sehen+ vielleicht mehr den

Gedankengang, die Erwägung der Römer ausdrücken wollen. So ist auch

+beweisen wollen+, +zu beweisen suchen+ etwas andres als +beweisen+;

Hamerling hat +beweisen wollen+, daß man als Atheist auch ein edler

und tüchtiger Mensch sein +könne+ -- das wäre richtig, ebenso wie: er

+will beweisen+, daß weiß schwarz +sei+. Ein Bigotter könnte aber auch

sagen: beweisen läßt sich alles mögliche; hat nicht Hamerling sogar

+bewiesen+, daß ein Atheist ein edler Mensch sein +könne+? Dann wäre

der Sinn: trotz seines Beweises glaube ich es nicht. Und andrerseits

kann man wieder sagen: warum +willst+ du erst noch +beweisen+, daß zwei

mal zwei vier +ist+? Man vergleiche noch folgende Sätze: darin geben

wir dem Verfasser Recht, daß es unerklärlich +ist+, wie der gütige Gott

eine mit Übeln erfüllte Welt schaffen konnte; aber wir bestreiten,

daß es deshalb logisch geboten +sei+, dem Wesen, das die sittliche

Norm in sich enthält, die Weltschöpfung abzusprechen. Auch in dem

ersten Satze ist der Konjunktiv möglich, mancher würde ihn vielleicht

auch dort vorziehen. Bei guten Schriftstellern, bei denen man das

angenehme Gefühl hat, daß sie jedes Wort mit Bedacht hinsetzen, macht

es Vergnügen, solchen Dingen nachzugehen. Aber wie oft hat man dieses

Gefühl? Meist lohnt es nicht der Mühe, hinter plumpen Schnitzern nach

besondern Feinheiten zu suchen.

Wenn das Verbum des Hauptsatzes im Präsens steht und das Subjekt die

erste Person ist, so ist auch nach den Verben des Meinens und Sagens

wohl allgemein der Indikativ üblich und auch durchaus am Platze. Wenn

der Hauptsatz heißt: +ich glaube+ oder +wir behaupten+, so hätte

es keinen Sinn, den Inhalt des Nebensatzes als bloße Vorstellung

hinzustellen und ein Urteil über seine Wirklichkeit abzulehnen,

denn +ich+ und der Redende sind ja +eine+ Person. Daher sagt man am

liebsten: ich +glaube+, daß du Unrecht +hast+. Und sogar wenn der

Hauptsatz verneint ist: ich +glaube nicht+, daß sie bei so rauher

Jahreszeit noch in Deutschland +sind+ -- ich +glaube nicht+, daß der

freie Wille der Gesellschaft heute schon stark genug +ist+ -- wir sind

+nicht der Ansicht+, daß man die bestehende Welt willkürlich ändern

+kann+. In den beiden letzten Sätzen würde vielleicht mancher den

Konjunktiv vorziehen; aber schwerlich wird jemand sagen: +ich glaube

nicht+, daß sie bei so rauher Jahreszeit noch in Deutschland +seien+.

Selbst in Wunsch- und Absichtssätzen steht in solchen Fällen der

Indikativ, zumal in der Umgangssprache. Jedermann sagt: spann deinen

Schirm auf, daß du nicht naß +wirst+! +Werdest+ würde hier so geziert

klingen, daß der andre mit Recht erwidern könnte: du sprichst ja wie

ein Buch. Wenn man aber einen Bibelspruch anführt, sollte man ihn nicht

so anführen: Richte nicht, damit du nicht gerichtet +wirst+!

Genau so wie mit den Objektsätzen, die mit dem Fügewort +daß+

anfangen, verhält sichs mit denen, die die Form eines abhängigen

Fragesatzes haben: sie müssen im Konjunktiv stehen, wenn der Redende

oder Schreibende kein Urteil darüber abgeben kann, ob ihr Inhalt

wirklich sei oder nicht, weil es sich um Dinge handelt, die eben in

Frage stehen, sie können im Indikativ stehen, wenn der Redende ein

solches Urteil abgeben kann und will, sie müssen im Indikativ stehen,

wenn es gar keinen Sinn hätte, ein solches Urteil abzulehnen, weil es

sich um eine einfache Tatsache handelt. Richtig sind folgende Sätze:

man darf sich nicht damit begnügen, zu behaupten, etwas sei Recht,

sondern man muß doch wenigstens angeben, weshalb es Recht +sei+, und

welches Ziel ein solches Recht +verfolge+ -- nicht darum handelt sichs

in der Politik, ob eine Bewegung revolutionär +sei+, sondern ob sie

eine innere Berechtigung +habe+ -- die Frage, ob der Angeklagte den

beleidigenden Sinn eines Schimpfwortes +erkannt habe+, wird meist

leicht zu bejahen sein -- man sollte sich fragen, ob man nicht selbst

die Mißstände zum Teil +verschuldet habe+, die man beklagt -- es sollte

nicht gefragt werden, ob die Zölle überhaupt zweckmäßig +seien+,

sondern ob im einzelnen Fall ein Zoll angebracht +sei+, und ob damit

erreicht +werde+, was erstrebt wird. Liederlich ist es dagegen, zu

schreiben: die Verhandlung hat +keine Klarheit+ darüber gebracht, ob

die Klagen berechtigt +sind+ oder nicht. Wie kann man etwas als gewiß

hinstellen, wovon man eben gesagt hat, daß es noch unklar sei? Falsch

sind aber auch -- trotz ihres schönen Konjunktivs -- folgende Sätze:

wie weit das Gebiet +sei+, das K. bearbeitet, +zeigen+ seine Bücher --

ältere Zuhörer, die mehr oder weniger schon +wissen+, wovon die Rede

+sei+ -- es ist vom Schüler zu verlangen, daß er +wisse+, was eine

Metapher +sei+ -- es wäre interessant, zu +wissen+, was Goethe mit

dieser Bezeichnung gemeint +habe+.

Schuld an der traurigen Verrohung des Sprachgefühls, die sich in den

falschen Indikativen kundgibt, ist zum Teil sicherlich die Unsitte,

die Hilfszeitwörter in den Nebensätzen immer wegzulassen; das stumpft

das Gefühl für die Bedeutung der Modi so ab, daß man sich schließlich

auch dann nicht mehr zu helfen weiß, wenn das Verbum gesetzt werden

muß. Daneben aber ist noch etwas andres schuld, nämlich die unter

dem verwirrenden Einflusse des Englischen immer ärger werdende

Unkenntnis, welche Konjunktive und welche Indikative im Satzbau

einander entsprechen, d. h. in welchen Konjunktiv im abhängigen Satz

ein Indikativ des unabhängigen Satzes verwandelt werden muß; es scheint

das geradezu nicht mehr gelernt zu werden. Man erinnert sich wohl

dunkel einer Konjugationstabelle, worin die Indikative und Konjunktive

einander so gegenübergestellt waren:

ich bin ich sei

ich war ich wäre

ich bin gewesen ich sei gewesen

ich war gewesen ich wäre gewesen

oder:

ich nehme ich nehme

ich nahm ich nähme

ich habe genommen ich habe genommen

ich hatte genommen ich hätte genommen

Aber daß einem diese Gegenüberstellung aus der Formenlehre für

den Satzbau gar nichts helfen kann, das weiß man nicht. Die

Gegenüberstellung der Modi für die Inhaltssätze sieht so aus:

er trägt daß er trage oder: daß er trüge

er trug } daß er getragen habe oder: daß

er hat getragen } er getragen hätte

ich bin daß ich sei oder: daß ich wäre

ich war } daß ich gewesen sei oder: daß ich

ich bin gewesen } gewesen wäre

Daß sich gerade der Indikativ des Imperfekts jetzt so oft findet,

wo ein Konjunktiv des Perfekts oder des Plusquamperfekts hingehört

(Friedmann ist den Beweis dafür schuldig geblieben, daß dieser Verdacht

haltlos und sinnwidrig +war+), zeigt deutlich, daß man einen richtigen

Konjunktiv in abhängigen Sätzen zu bilden vollständig verlernt hat.

Die sogenannte ~consecutio temporum~

Daß ich +sei+ oder: daß ich +wäre+! Oder? Was heißt oder? Ist es

gleichgiltig, was von beiden gesetzt wird? oder richtet sich das nach

dem Tempus des regierenden Hauptsatzes? Mit andern Worten: gibt es

nicht auch im Deutschen etwas ähnliches wie eine ~consecutio temporum~,

die vorschreibt, daß auf die Gegenwart im Hauptsatz auch die

Gegenwart im Nebensatze, auf die Vergangenheit im Hauptsatz auch die

Vergangenheit im Nebensatze folgen müsse?

Allerhand Sprachdummheiten Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen · 第 11 / 41 段