Viel öfter kommt aber nun der umgekehrte Fehler vor: daß ein

Relativsatz an das zweite Hauptwort angeschlossen wird, obwohl das

erste den Ton hat. In den meisten Fällen -- das ist das Natürliche

in jeder logisch fortschreitenden Darstellung -- wird das neu

Hinzugekommne, das Unterscheidende, also das zu Betonende in dem

tragenden Hauptworte liegen, nicht in dem Attribut. Wenn trotzdem

an das Attribut ein Relativsatz gehängt wird, so entstehen störende

Verbindungen wie folgende: der +Dichter+ dieses Weihnachtsscherzes,

+der+ vortrefflich inszeniert war -- der +Empfang+ des Fürsten, +der+

um sieben Uhr eintraf -- der +Tod+ des trefflichen Mannes, +der+

eine zahlreiche Familie hinterläßt -- der +Appetit+ des Kranken,

+der+ allerdings nur flüssige Nahrungsmittel zu sich nehmen darf --

der +linke+ Arm des Verschwundnen, +der+ sich vermutlich herumtreibt

-- Flüchtigkeiten erklären sich aus dem +körperlichen Zustande+ des

Verfassers, +dem+ es nicht vergönnt war, die letzte Hand an sein Werk

zu legen -- die folgenden Radierungen tragen schon den +Namen+ des

Künstlers, +der+ inzwischen auch mehrere Bildnisse gemalt hatte -- um

den +neuen Lorbeer+ unsers Freundes, +der+ einen so tiefen Blick in

das Leben getan hat, mit Champagner zu begießen -- eine +Beschränkung+

der Korrekturlast, +die+ wissenschaftlich gebildete Männer täglich

stundenlang bei mechanischer Arbeit festhält -- die +Hochzeitstorte+

der Prinzessin, +die+ einen Untertanen, den Herzog von Fife heiratete

-- die +Glanznummer+ der Wahrsagerin, +die+ noch eine ziemlich junge

Frau ist -- nun wurde das +Dach+ des Schlosses gerichtet, +das+ man in

wenigen Jahren zu beziehen hoffte. Bei oberflächlicher Betrachtung wird

mancher meinen, das Störende in diesen Verbindungen liege nur darin,

daß die beiden Hauptwörter dasselbe Geschlecht haben, und deshalb eine

falsche Beziehung des Relativsatzes möglich ist. Das ist aber nicht

der Fall: es sind auch solche Verbindungen nicht gut wie: +das letzte

Werk+ des russischen Erzählers, +der+ es seiner Freundin Viardot in die

Feder diktierte -- die +lichtvollen Ausführungen+ des Redners, +der+

durch seinen Eifer für die Sache der evangelischen Vereine bekannt ist

-- weist nicht der +Ursprung+ des Gewissens, +das+ ein unveräußerliches

Erbteil des Menschen ist, auf eine höhere Macht hin? Für wen der

Satzbau etwas mehr ist als ein bloßes äußerliches Zusammenleimen, der

wird auch solche Verbindungen meiden.

Oft sind solche falsch angeschlossene Relativsätze nicht bloß dynamisch

anstößig (der Betonung wegen), sondern auch logisch; sie enthalten

Gedanken, die überhaupt nicht in Relativsätze gehören, beiläufige

Bemerkungen, zu denen man sich das beliebte „übrigens“ hinzudenken

soll, oder Parenthesen, die eigentlich in Hauptsätzen stehen

sollten. Da greifen nun auch hier wieder viele, um Mißverständnissen

vorzubeugen, zu dem bequemen Auskunftsmittel +welcher letztere+ und

schreiben: die übermäßigen +Aufgaben+ der +Schauspieler+, +welch

letztere+ an einzelnen Tagen dreimal aufzutreten haben -- diese

ausgezeichnete +Landschaftsstudie+ aus dem Garten der +Villa Medici+,

+welch letztere+ der Künstler eine Zeit lang bewohnte -- er mußte sich

mit dem +Anblick+ des +Waschschwamms+ begnügen, +welch letzterer+ am

Fenster in der Sonne trocknete -- eine größere Reihe von +Abbildungen+

kirchlicher +Gegenstände+, +welch letztere+ einst im Besitz der

Michaeliskirche waren -- +die Freunde+ der zum Heere einberufnen

+Studenten+, +welch letztern+ dieser Aufruf nicht zu Gesichte kommt

usw. Ein schwächliches Mittel. Eine Geschmacklosigkeit soll dazu

dienen, einen Fehler zu verbergen!

Einer der schwierigsten, der oder die?

Oft wird an einen Genitiv der Mehrzahl, der von dem Zahlwort +einer+,

+eine+, +eins+ abhängt, ein Relativsatz angeschlossen, aber gewöhnlich

in folgender falschen Weise: ich würde das für +einen+ der härtesten

+Unfälle+ halten, +der+ je das Menschengeschlecht +betroffen hat+ --

Leipzig ist +eine+ der wenigen +Großstädte+, in +der+ eine solche

Einrichtung noch nicht besteht -- das Buch ist +eine+ der schönsten

+Kriminalgeschichten+, +die+ je geschrieben +worden ist+ -- das

Denkmal ist +eins+ der +schönsten+, +das+ bis jetzt ans Tageslicht

gebracht +worden ist+ -- Klopstock ist +einer+ der +ersten+, +der+

die Nachahmung des Franzosentums +verwirft+. In solchen Sätzen ist

das +einer+, +eine+, +eins+ völlig tonlos, es ist wie ein bloßer

Henkel für den abhängigen Genitiv, und dieser Genitiv hat den Ton.

Es ist aber auch ein logischer Fehler, den Relativsatz an +einer+

anzuschließen; denn der Inhalt des Relativsatzes gilt doch nicht bloß

von dem einen, aus der Menge herausgehobnen, sondern von allen, aus

denen das eine herausgehoben wird. Es kann also nur heißen: +einer+

der härtesten +Unfälle+, +die+ je das Menschengeschlecht betroffen

+haben+ -- +eine+ der wenigen +Großstädte+, +in denen+ (besser

+wo+) eine solche Einrichtung noch nicht besteht usw. Nur scheinbar

vermieden wird der Fehler, wenn jemand schreibt: er war +ein+ durch

und durch +norddeutscher Charakter+, +der+ nur die Pflicht kennt;

denn hier bezeichnet +ein+ die ganze Klasse, und +der+ geht auf den

Einzelnen. Auch hier muß es heißen: er war +einer+ jener +norddeutschen

Charaktere+, +die+ nur die Pflicht kennen.[65]

Falsch fortgesetzte Relativsätze

Ein gemeiner Fehler, dem man in Relativsätzen unendlich oft begegnet,

ist der, daß an einen Relativsatz ein zweiter Satz mit +und+,

+aber+, +jedoch+ angeknüpft wird, worin aus dem Relativ in das

Demonstrativ oder in das Personalpronomen gesprungen oder sonstwie

schludrig fortgefahren wird, z. B. eine Schrift, +die+ er auf

seine Kosten drucken ließ +und sie+ umsonst unter seinen Anhängern

austeilte -- Redensarten, +die+ der Schriftsteller vermeidet, +sie

jedoch+ dem Leser beliebig einzuschalten überläßt -- die vielen

Fische, +die+ er bisweilen selbst füttert +und ihnen+ zuschaut,

wenn sie nach den Krumen schnappen -- ein Bauer, mit +dem+ ich über

Feuerversicherungsgesellschaften sprach +und ihm+ meine Bewundrung

dieser trefflichen Einrichtung ausdrückte -- am Schlusse gab Herr W.

Erläuterungen über die Vorzüge der Neuklaviatur, +welch letztere+ (!)

übrigens in der hiesigen Akademie für Tonkunst bereits eingeführt ist

+und+ der Unterricht +auf derselben+ (!) mit bestem Erfolge betrieben

wird (das richtige Dummejungendeutsch!) -- der Künstler, +der+ dem

Männergesang zu jener hohen Stelle verhalf und +dieser ihm+ die

gewaltige Bedeutung verdankte, die er heute einnimmt (ebenso!) -- eine

übermächtige Verbindung, +welcher+ der Herzog schnell mürbe gemacht

wich +und+ sich zu einer Landesteilung herbeiließ -- dieser Kranke, +an

den+ ich seit zwanzig Jahren gekettet war +und+ nicht aufatmen durfte

-- er entwendete verschiedne Kleidungsstücke, +die+ er zu Gelde machte

+und+ sich +dann+ heimlich von hier entfernte -- sie erhielt Saalfeld,

+wo+ sie 1492 starb +und+ in +Weimar+ begraben wurde -- die +Seuche+,

+an der+ zahlreiche Schweine zugrunde gehen +und dann+ noch verwendet

werden -- es geht das aus dem Testament hervor, +das+ ich abschriftlich

beifüge +und+ von fernern Nachforschungen absehen zu können glaube --

ein +Augenblick+, +den+ der Verhaftete benutzte, um zu entweichen,

+und+ bis zur Stunde noch nicht wieder aufgefunden worden ist.

Es ist klar, daß durch +und+ nur gleichartige Nebensätze verbunden

werden können. Geht also ein Relativsatz voraus, so muß auch ein

Relativsatz folgen; die Kraft der relativen Verknüpfung wirkt über das

+und+ hinaus fort. In den ersten Beispielen muß es also einfach heißen:

+und+ umsonst austeilte --, +jedoch+ einzuschalten überläßt --, in den

folgenden: +und denen+ er zuschaut, +und dem+ ich meine Bewundrung

ausdrückte. In den letzten Beispielen ist der Anschluß eines zweiten

Relativsatzes überhaupt unmöglich, weil der Begriff, der im Relativ

erscheinen müßte, in dem zweiten Satze gar nicht wiederkehrt; es kann

höchstens heißen: +worauf+ er sich entfernte -- +sodaß+ ich absehen zu

können glaube.

Steht das Pronomen der Relativsätze im Genitiv, so ist es ein beliebter

Fehler, in dem zweiten Relativsatz, obwohl das Subjekt dasselbe bleibt,

dieses Subjekt durch ein Relativpronomen zu wiederholen, z. B.: der

+Kaiser+, +dessen Interesse+ für alle Zweige der Technik bekannt ist,

+und das+ gerade bei der Berliner Ausstellung wieder klar zutage tritt

-- das +Sprachgewissen+, +dessen Stimme+ sich nicht überhören läßt,

die sich vielmehr geltend macht bei allem, was wir lesen und schreiben.

Ein ebenso beliebtes Gegenstück dazu ist es dann, einen zweiten

Relativsatz, der dem ersten untergeordnet ist, mit +und+ anzuknüpfen,

z. B.: eine +Ehe+, vor +deren+ Sündhaftigkeit sie ein wahres +Grauen+

hat, +und das+ sie doch allmählich überwinden muß -- er war im Frühling

geboren, +dessen Blumen+ ihm stets so lieb blieben, +und die+ er so

gern im Knopfloch trug -- er sollte ihr ein Wort ins Ohr flüstern,

von +deren Antlitz+ sein Herz geträumt hatte, +und von dem+ es sich

nicht abwenden konnte. In den ersten beiden Sätzen muß das zweite

Relativpronomen weichen, in den drei letzten das +und+; der letzte Satz

bleibt freilich auch dann noch Unsinn.

Ein abscheulicher Fehler ist es, wenn man zwei Relativsätze

miteinander verbindet, ohne das Relativum zu wiederholen, obwohl

das Relativpronomen in dem einen der beiden Sätze Objekt, in dem

andern Subjekt ist, der eine also mit dem Akkusativ, der andre mit

dem Nominativ anfängt, z. B.: ein paar +Kopien+, +die ich+ schon

+vorfand+ und mir viel Freude +machen+ -- +die Festschrift+, +die+

Georg Bötticher +verfaßt hat+ und von Kleinmichel mit Schildereien

+versehen worden ist+. -- Dieser Fehler gehört unter die zahlreichen

Sprachdummheiten, die dadurch entstehen, daß man ein Wort nicht als

etwas lebendiges, sinn- und inhaltvolles, sondern bloß als eine

Reihe von Buchstaben ansieht, also -- durch die Papiersprache. Ob

diese Buchstabenreihe das einemal Akkusativ, das andremal Nominativ

ist, ist dem Papiermenschen ganz gleichgiltig. Schreibt doch eine

Memoirenerzählerin sogar: +Natur+ und +Kunst lernten wir+ lieben und

+wurden+ in unserm Hause gepflegt!

Relativsatz statt eines Hauptsatzes

Ein schlimmer Fehler endlich, der sehr oft begangen wird, ist es, wenn

ein Relativsatz gebildet wird, wo gar kein Relativsatz hingehört,

sondern entweder eine andre Art von Nebensatz oder -- ein Hauptsatz.

Wenn jemand schreibt: Harkort erfreute sich des Rufes +eines bewährten

Geschäftsmannes+, der als Mitbegründer der Leipzig-Dresdner Eisenbahn

rastlose Energie an den Tag gelegt hatte -- so ist klar, daß der

Relativsatz keine Eigenschaft eines bewährten Geschäftsmannes angibt,

sondern den Grund, weshalb Harkort in diesen Ruf kam; es muß also

heißen: +da er+ als Mitbegründer usw. Wenn jemand schreibt: das Steigen

des Flusses erschwerte +die Arbeiten+, +die+ mit größter Anstrengung

ausgeführt wurden -- so ist klar, daß der Relativsatz keine Eigenschaft

der Arbeiten angibt, sondern eine Folge davon, daß der Fluß steigt;

es muß also heißen: +sodaß+ sie nur mit größter Anstrengung usw. Nun

vollends: machen Sie +einen Versuch+ mit dem Werke, der Sie voll

befriedigen wird -- kein Mittel vertreibt +den Geruch+, der wohl

schwächer wird, aber immer bemerklich bleibt -- das ersehnte Glück

fand er in +dieser Verbindung+ nicht, +die+ nach drei Jahren wieder

gelöst wurde -- wie im Fluge verbreitete sich die Trauerkunde unter

+den Vereinsmitgliedern+, +die+ dem teuern Genossen vollzählig das

letzte Geleit gaben -- er widmete sich dem juristischen Studium ohne

+innern Drang+, +der+ ihn zur Literatur und Geschichte führte -- jedes

+Konzert+, +das+ er nie versäumte, war ihm ein Hochgenuß -- solche

Sätze erscheinen wohl äußerlich in der Gestalt von Relativsätzen,

ihrem Inhalte nach aber sind es Hauptsätze. Es muß heißen: kein Mittel

vertreibt den Geruch; er wird wohl schwächer, bleibt aber immer

bemerklich -- das ersehnte Glück fand er in dieser Verbindung nicht;

sie wurde nach drei Jahren wieder gelöst. Noch fehlerhafter sind

folgende Sätze: die Meister sind das +Ein und Alles+ der Kunst, +die+

in ihren Werken und sonst nirgends niedergelegt und beschlossen ist --

oder gar: +das Honorar+ beträgt jährlich 360 +Mark+, +welches+ (!) in

drei Terminen zu entrichten ist. Hier ist der Relativsatz nicht bloß an

das falsche Wort angeschlossen, sondern logisch falsch: er muß in einen

Hauptsatz verwandelt werden.

Nachdem -- zumal -- trotzdem -- obzwar

Verhältnismäßig wenig Fehler kommen in den Nebensätzen vor, die

eine Zeitbestimmung, einen Grund oder ein Zugeständnis enthalten

(Temporalsätze, Kausalsätze, Konzessivsätze). In den Kausalsätzen ist

vor allem vor einem Mißbrauch des Fügewortes +nachdem+ zu warnen.

+Nachdem+ kann nur Temporalsätze anfangen. Es ist zwar schon früh auch

auf das kausale Gebiet übertragen worden (wie +weil+ und +da+, die

ja auch ursprünglich temporal und lokal sind); gegenwärtig aber ist

das nur noch in Österreich üblich. +Nachdem+ der Kaiser keine weitere

Verwendung für seine Dienste +hat+ -- +nachdem+ für die Anschaffung nur

unbedeutende Kosten erwachsen -- +nachdem+ bei günstigem Wasserstande

+sich+ die Verladungen lebhaft +entwickeln werden+ -- solche Sätze

erscheinen als auffällige Provinzialismen. Falsch ist es aber auch,

+nachdem+ in Temporalsätzen mit dem Imperfekt zu verbinden, z. B. der

Grund, warum Lasalle, +nachdem+ seine Lebensarbeit +zerbrach+, doch

immer deutlicher als historische Persönlichkeit hervortritt. +Nachdem+

kann nur mit dem Perfekt oder dem Plusquamperfekt verbunden werden.

Ein andrer Fehler, der jetzt in Kausalsätzen fort und fort begangen

wird, ist der, hinter +zumal+ das Fügewort +da+ wegzulassen, als ob

+zumal+ selber das Fügewort wäre, z. B.: der Zuziehung von Fachmännern

wird es nicht bedürfen, +zumal+ in der Literatur einschlägige

Werke genug vorhanden sind. +Zumal+ ist kein Fügewort, sondern ein

Adverb, es bedeutet ungefähr dasselbe wie +besonders+, +namentlich+,

+hauptsächlich+, hat aber noch eine feine Nebenfarbe, insofern

es, ähnlich wie +vollends+, nicht bloß die Hervorhebung aus dem

allgemeinen, sondern zugleich eine Steigerung ausdrückt; der Inhalt

des Hauptsatzes wird, wenn sich ein Nebensatz mit +zumal+ anschließt,

beinahe als etwas selbstverständliches hingestellt. Soll nun, wie es

sehr oft geschieht, der in einem Nebensatz ausgedrückte Gedanke in

dieser Weise hervorgehoben werden, so muß +zumal+ einfach davortreten,

sodaß der Nebensatz nun beginnt: +zumal wer+, +zumal wo+, +zumal als+,

+zumal wenn+, +zumal weil+, +zumal da+, je nachdem es ein Relativsatz,

ein Temporalsatz, ein Bedingungssatz oder ein Kausalsatz ist, z. B.:

das wäre die heilige Aufgabe der Kunst, +zumal seit+ sie bei den

Gebildeten zugleich die Religion vertreten soll. So wenig nun jemand

hinter +zumal+ das +wer+, +wo+, +wann+ oder +als+ weglassen wird, so

wenig hat es eine Berechtigung, das +da+ oder +weil+ wegzulassen, und

es ist eine Nachlässigkeit, zu schreiben: diese Maßregel erbitterte

die Evangelischen, +zumal+ sie hörten -- schließlich ließ sich die

Angelegenheit nicht länger aufschieben, +zumal+ sich die Aussicht

eröffnete usw. Leider ist diese Nachlässigkeit schon so beliebt

geworden, daß man bald wird lehren müssen: +zumal+ ist ein Adverb, aber

zugleich ist es ein Fügewort, das Kausalsätze anfängt.

Ähnlich wie mit +zumal+ steht es mit +trotzdem+; auch das möchte man

jetzt mit aller Gewalt zum Fügewort pressen. Aber auch das hat keine

Berechtigung. Auch +trotzdem+ ist ein Adverb, es bedeutet dasselbe wie

+dennoch+; soll es zur Bildung eines Konzessivsatzes dienen, so muß

es mit +daß+ verbunden werden. Zu schreiben, wie es jetzt geschieht:

+trotzdem+ Camerarius den Aufgeklärten spielte -- +trotzdem+ die

Arbeiten im Innern des Hauses noch nicht beendigt sind -- +trotzdem+ es

an Festlichkeiten nicht mangelte -- ist ebenfalls eine Nachlässigkeit.

Wir haben zur Bildung von Konzessivsätzen eine Fülle von Fügewörtern:

+obgleich+, +obwohl+, +obschon+, +wenngleich+, +wenn auch+. Kennt

man die gar nicht mehr, daß man sie jetzt alle dem fehlerhaften

+trotzdem+ zuliebe verschmäht? Sie sind wohl zu weich, zu geschmeidig,

zu verbindlich, nicht wahr? +Trotzdem+ ist gröber, „schneidiger“,

trotziger, darum gefällts den Leuten.

Freilich sind alle unsre Fügewörter früher einmal Adverbia gewesen.

Auch +indem+, +seitdem+, +nachdem+, +solange+, +sooft+, +nun+ (+nun+

die schreckliche Seuche glücklich erloschen ist) wurden zur Bildung von

Nebensätzen anfangs gewöhnlich mit einem Fügewort gebraucht (+indem

daß+, +solange als+). Aber warum soll man nicht einen Unterschied

bewahren, solange das Bedürfnis darnach noch von vielen empfunden wird?

Wer sorgfältig schreiben will, wird sich auch nicht mit +insofern+

begnügen, wenn er +insofern als+ meint.

Eine österreichische Eigentümlichkeit ist es, Konzessivsätze mit

+obzwar+ anzufangen. In der guten Schriftsprache ist das, wie alle

Austriazismen, unausstehlich.

Mißbrauch des Bedingungssatzes

Das temporale Fügewort +während+, das zunächst zwei Vorgänge als

gleichzeitig hinstellt, kommt auf sehr leichte und natürliche Weise

dazu, zwei Handlungen einander entgegenzusetzen. Den Übergang sieht man

an einem Satze wie folgendem: +während+ ihr euerm Vergnügen nachgingt,

habe ich gearbeitet; das Fügewort kann hier noch rein temporal

aufgefaßt werden, hat aber schon einen Beigeschmack vom Adversativen.

Man muß aber in der Anwendung dieser adversativen Bedeutung sehr

vorsichtig sein, sonst kommt man leicht zu so lächerlichen Sätzen wie:

+während+ Herr W. die Phantasie von Vieuxtemps für Violine vortrug,

blies Herr L. ein Nocturno für Flöte von Köhler -- der Minister

besuchte gestern (!) die Schulen zu Marienthal und Leubnitz, +während+

er heute (!) die Besuche in den hiesigen Schulanstalten fortsetzte --

König Albert brachte ein Hoch auf den Kaiser aus, +während+ der Kaiser

ihm dafür dankte.

Geradezu ein Unfug aber ist es, Bedingungssätze in adversativem

Sinne zu verwenden. Es scheint das aber jetzt für eine ganz besondre

Feinheit zu gelten. Man schreibt: +wenn+ bei vielen niedrigen Völkern

die Priester als Träger höherer Bildung zu betrachten sind, +so+ ist

das bei den Ephenegern nicht der Fall -- +wenn+ Adelung die Sprache

hauptsächlich als Verständigungsmittel behandelt wissen wollte, +so+

forderte Herder eine individuelle, schöpferische Empfindungssprache.

Auch vergleichende Nebensätze werden schon, anstatt mit +wie+, mit

+wenn+ gebildet: +wenn+ Indien die Geschichte der Philosophie ~in nuce~

enthält, +so+ ist es an Materialien für die Geschichte der Religion

gewiß reicher als ein andres Land -- +wenn+ bei uns vielfach über

den Niedergang des politischen Lebens geklagt wird, +so+ ist auch in

Amerika, wo das politische Leben schon bisher nicht sehr hoch stand,

ein solcher Niedergang bemerkbar -- +wenn+ der Verein schon immer

bestrebt war, die reichen Kunstschätze Freibergs zu heben, +so+ ist

das in besonderm Maße in dem vorliegenden Hefte gelungen -- +war+ das

Handpressenverfahren ungeeignet, +so+ konnte das Typendruckverfahren

hinsichtlich der Güte nicht genügen -- +war+ das Haus damals recht

unbehaglich, +so+ machten sich auch nach dem Umbau Übelstände

bemerklich. Ebenso Kausalsätze: +wenn+ die Macht der Sozialdemokratie

in der Organisation liegt, +so+ müssen wir uns eben auch organisieren.

Ebenso Konzessivsätze: +wenn+ die gestellte Aufgabe sich +zwar+ (aha!)

zunächst nur auf die Untersuchung der Goldlagerstellen bezog, +so+

war es +doch+ nötig, auch andre Minerale in den Kreis der Betrachtung

zu ziehen. Sogar wo einfach zwei Hauptsätze am Platze wären, kommt

man mit diesem +wenn+ angerückt: +wenn+ mein Herr Amtsvorgänger vorm

Jahre viel gutes wünschte, +so+ sind diese Wünsche nicht vergeblich

gewesen -- +wenn+ im frühern Mittelalter die meisten Häuser einfache

Holzhäuser gewesen waren, +so+ ist man erst später aus diesem Zustande

herausgekommen. Welcher Unsinn!

Wenn diese Art, sich auszudrücken, weitere Fortschritte macht, so kann

es noch dahin kommen, daß der Bedingungssatz alle andern Arten von

Fügewortsätzen nach und nach auffrißt.

Unterdrückung des Hilfszeitworts

Sehr verschieden sind merkwürdigerweise von jeher die Ansichten gewesen

über den Gebrauch, das Hilfszeitwort und (was gleich damit verbunden

werden kann) die sogenannte Kopula in Nebensätzen wegzulassen, also

zu schreiben: der Bischof war bestrebt, von dem Einfluß, den er

früher in der Stadt +besessen+ (nämlich +hatte+), möglichst viel

zurückzugewinnen, der Rat dagegen trachtete, die wenigen Rechte, die

ihm noch +geblieben+ (nämlich +waren+), immer mehr zu beschränken

-- die Wirkung der Mühlen würde noch erhöht, wenn sie beständig von

Luft +durchstrichen+ (nämlich +würden+) -- seine Briefe blieben

frei von Manier, während +sich+ in seine spätern Werke etwas davon

+eingeschlichen+ (nämlich +hat+) -- die Pallas trug einst einen Helm,

wie aus der oben abgeplatteten Form des Kopfes zu +erkennen+ (nämlich

+ist+) -- eine Vorstellung wird um so leichter aufgenommen, je

+einfacher+ ihr sprachlicher Ausdruck (nämlich +ist+) -- der Ursachen

sind mehrere, wenn sie auch sämtlich auf eine Wurzel +zurückzuführen+

(nämlich +sind+) -- verwundert fragt man, ob denn die Krankheit

wirklich so gefährlich, das Übel gar so heillos +geworden+ (+ist+?

+sei+?) -- so lautet das Schlagwort, womit das ideale Werk +begonnen+

(+ist+? +hat+?) -- sogar: die Lukaspassion kann nicht, wie allgemein

+behauptet+ (nämlich +wird+), von Bach geschrieben sein.

Dieser Gebrauch hat eine ungeheure Verbreitung, viele halten ihn

offenbar für eine ganz besondre Schönheit. Manche Romanschriftsteller

schreiben gar nicht anders; aber auch in wissenschaftlichen,

namentlich in Geschichtswerken geschieht es fort und fort. Ja es muß

hie und da geradezu in Schulen gelehrt werden, daß dieses Abwerfen

des Hilfszeitworts eine Zierde der Sprache sei. Wenigstens war

einmal in einem Aufsatz einer Unterrichtszeitschrift verächtlich vom

„Hattewarstil“ die Rede; der Verfasser meinte damit die pedantische

Korrektheit, die das +hatte+ und +war+ nicht opfern will. Von

ältern Schriftstellern liebt es namentlich Lessing, aus dessen

Sprache man sich sonst die Muster zu holen pflegt, das Hilfszeitwort

wegzulassen, und Jean Paul empfiehlt es geradezu, diese „abscheulichen

Rattenschwänze der Sprache“ womöglich überall abzuschneiden.

Halten wir uns, wie immer, an die lebendige Sprache. Tatsache ist, daß

in der unbefangnen Umgangssprache das Hilfszeitwort niemals weggelassen

wird. Es würde als arge Ziererei empfunden werden, wenn jemand sagte:

es ist ein ganzes Jahr her, daß wir uns nicht +gesehen+. In der Sprache

der Dichtung dagegen ist die Unterdrückung des Hilfszeitworts wohl das

überwiegende. Man denke sich, daß Chamissos Frauenliebe und -leben

anfinge: seit ich ihn +gesehen habe+, glaub ich blind zu sein! In der

Prosa kommt es nun sehr auf die Gattung an. In poetisch oder rednerisch

gehobner Sprache stört es nicht, wenn das Hilfszeitwort zuweilen

unterdrückt wird; in schlichter Prosa, wie sie die wissenschaftliche

Darstellung und im allgemeinen doch auch die Erzählung, die historische

sowohl wie der Roman und die Novelle, erfordert, ist es geradezu

unerträglich. Wer das bestreitet, hat eben kein Sprachgefühl. Wer sich

einmal die Mühe nimmt, bei einem Schriftsteller, der das Hilfszeitwort

mechanisch und aus bloßer Gewohnheit überall wegläßt, nur ein paar

Druckseiten lang auf diese vermeintliche Schönheit zu achten, der wird

bald täuschend den Eindruck haben, als ob er durch einen Tiergarten

ginge, wo lauter unglückselige Bestien mit abgehackten Schwänzen ihres

Verlustes sich schämend scheu um ihn herumliefen.

Allerhand Sprachdummheiten Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen · 第 10 / 41 段