Leider lernt man in der Schule als Relativpronomen kaum etwas andres

kennen als +welcher+. Man schlage eine Grammatik auf, +welche+ (hier

ist es am Platze! denn hier heißt es: +welche auch immer+) man will,

eine lateinische, eine griechische, eine französische, eine englische:

wie ist das Relativpronomen ins Deutsche übersetzt? +Welcher+,

+welche+, +welches!+ Allenfalls steht +der+, +die+, +das+ in Klammern

dahinter, als ob das gelegentlich einmal als Ersatz dafür geduldet

werden könnte! Und sieht man in die Beispielsätze, die zur Übung in die

fremde Sprache übersetzt werden sollen, wie fangen die Relativsätze an?

Mit +welcher+, +welche+, +welches+. Nur ja nicht mit +der+! der Schüler

könnte ja einmal irre werden! Daß die lebendige Sprache eine einzige

große Widerlegung dieses Unsinns ist, sieht gar niemand. Kein Wunder,

daß den meisten später das langweilige Wort in die Feder läuft, sowie

sie die Feder in die Hand nehmen. Gerade umgekehrt müßte es sein. In

allen Grammatiken müßte +der+, +die+, +das+ als Relativpronomen stehn,

dahinter in Klammern +welcher+, +welche+, +welches+, denn das ist

doch das traurige Surrogat. Man benutze in Gottes Namen +welcher+ im

Unterricht ein paar Wochen lang als Verständniskrücke; aber sobald der

Junge den Begriff des Relativs gefaßt hat, müßte die Krücke unbedingt

weggeworfen und er wieder auf seine eignen Beine gestellt werden. Wer

einmal auf dieses Verhältnis zwischen +der+ und +welcher+ aufmerksam

geworden oder aufmerksam gemacht worden ist, den verfolgt +welcher+

förmlich beim Lesen, er sieht es immer gleichsam gesperrt oder fett

gedruckt, und in wenigen Tagen ist es ihm ganz unerträglich geworden:

wenn ers schreiben wollte, käme er sich entweder ganz schulknabenhaft

vor, oder er sähe sich sitzen wie einen alten, verschleimten Aktuarius

mit Vatermördern, Hornbrille und Gänsekiel. Bisweilen will ihm wohl

noch einmal ein +wel+-- aus der Feder laufen! aber weiter kommt er

nicht, dann streicht ers ohne Gnade durch und setzt +der+ darüber.[62]

Aber gibt es denn nicht Fälle, wo man +welcher+ gar nicht umgehen

kann, wo man es ganz notwendig braucht, um einen häßlichen Gleichklang

zu vermeiden? Wenn nun unmittelbar auf +der+ (~qui~ oder ~cui~) der

Artikel +der+ folgt, unmittelbar auf +die+ (~quae~ oder ~quam~ oder

~quos~ oder ~quas~) der Artikel +die+? Nikolaus, +der der+ Vater des

Andreas gewesen war -- eine Verwandlung, bei +der der+ große Vorhang

nicht fällt -- die Prozessionsstraße, auf +der der+ Papst zum Lateran

zog -- auf der Wiese, durch +die die+ Straße führt -- die Bildwerke,

+die die+ hehre Göttin verherrlichen -- das Tau, +das das+ Fahrzeug

am Ufer hielt -- das sind doch ganz unerträgliche Sätze, nicht wahr?

Mancher Schulmeister behauptets. Es gehört das in das berühmte Kapitel

von den angeblich unschönen Wiederholungen, vor denen der Unterricht

zu warnen pflegt. Die Warnung ist aber ganz überflüssig, sie stammt

nur aus der Anschauung des Papiermenschen, der die Sprache bloß noch

schwarz auf weiß, aber nicht mehr mit den Ohren aufzufassen vermag. Der

Papiermensch sieht das doppelte +der der+ oder +die die+, und das flößt

ihm Entsetzen ein. Aber lies doch einmal solche Sätze laut, lieber

Leser, hörst du nichts? Ich denke, es wird dir aufdämmern, daß es zwei

ganz verschiedne Wörter sind, die hier nebeneinander stehen: ein lang

und schwer gesprochnes +der+ (das Relativpronomen) und ein kurz und

leicht gesprochnes +der+ (der Artikel). Was man hört, ist: +deer dr+.

Jedermann spricht so, und keinem Menschen fällt es ein, daran Anstoß

zu nehmen; warum soll man nicht so schreiben? Aberglaube, dummer

Aberglaube! Und fürchtet sich denn jemand vor +daß das+? Jeder schreibt

unbedenklich: wir wissen, +daß das+ höchste Gut die Gesundheit ist. Ach

so, das sind wohl zwei verschiedne Wörter? das eine mit ß, das andre

mit s? Nein, es sind keine verschiednen Wörter. Sie klingen gleich,

und sie sind gleich; das Fügewort +daß+ ist ja nur in der Schrift ganz

willkürlich von dem hinweisenden Fürwort +das+ unterschieden worden.[63]

Das und was

Ein häßlicher Fehler ist es, statt des relativen +das+ zu schreiben

+was+, wenn sich das Relativ auf einen bestimmten einzelnen Gegenstand

bezieht, z. B. +das Haus, was+ -- +das Buch, was+ -- +das Ziel,

was+. Nur die niedrige Umgangssprache drückt sich so aus; in der

guten Schriftsprache wie in der feinern Umgangssprache ist +was+

als Relativ auf ganz bestimmte Fälle beschränkt: es wird nur hinter

substantivierten Fürwörtern, Zahlwörtern und Eigenschaftswörtern

gebraucht, z. B. +das, was+ -- +dasselbe, was+ -- +etwas, was+ --

+alles, was+ -- +vieles, was+ -- +das wenige, was+ -- +das einzige,

was+ -- +das erste, was+ -- +das letzte, was+ -- +das meiste, was+ --

+das Gute, was+ -- +das Beste, was+. Doch ist auch hier, namentlich bei

den substantivierten Adjektiven, wohl zu unterscheiden zwischen solchen

Fällen, wo es sich um ein Allgemeines handelt, und solchen, wo etwas

Besondres, Bestimmtes, Einzelnes vorschwebt. Fälle der zweiten Art

sind z. B.: +etwas Ungeschicktes, das+ mich in Verlegenheit brachte --

+das Bittre, das+ zwischen uns getreten ist -- +das Besondre, das+ dem

Allgemeinen untergeordnet ist -- +das Schiefe und Hinkende, das+ jeder

Vergleich hat -- +das Moralische, das+ einem doch nicht gleichgiltig

sein kann -- +das Erlernbare, das+ sich jederzeit in Büchern wieder

auffinden läßt -- wenn an +das Gute, das+ ich zu tun vermeine, gar

zu nah was Schlimmes grenzt (Lessing). Hinter dem Superlativ von

substantivierten Eigenschaftswörtern ist in den meisten Fällen +was+

das richtige, aber doch nur deshalb, weil gewöhnlich ein partitiver

Genitiv zu ergänzen ist (+von dem, von allem+), der das +was+ verlangen

würde. Wenn ich sage: +das Erhabenste, was+ Beethoven geschaffen hat

-- so meine ich nicht das Erhabenste überhaupt, sondern eben das

Erhabenste +von dem+ oder +von allem, was+ Beethoven geschaffen hat.

Der Superlativ für sich allein bezeichnet hier noch gar nichts, der

Relativsatz ist die notwendige Ergänzung dazu. Wenn ich dagegen sage:

+das Erhabenste, das+ wir Gott nennen, so ist gar nichts zu ergänzen,

der Relativsatz kann auch fehlen, es ist das Erhabenste schlechthin

gemeint. Beispiele der ersten Art sind: +das Höchste, was+ wir

erreichen können -- +das Schlimmste, was+ einem Staate widerfahren kann

-- +das Ärgste, was+ Menschen einander antun können -- +das Beste,

was+ du wissen kannst, darfst du den Buben doch nicht sagen (Faust) --

er preist +das Höchste, das Beste, was+ das Herz sich wünscht, +was+

der Sinn begehrt (Schiller). Hier wird denn auch meist richtig +was+

gesetzt. Nach dem Positiv gebrauchen aber auch gute Schriftsteller

blindlings bald +das+, bald +was+. Sieht man sich die Beispiele näher

an, so sieht man, daß sie viel öfter das Falsche als das Richtige

getroffen haben.

Endlich ist +was+ für +das+ auch da notwendig, wo sich das Relativ

auf den Inhalt eines ganzen Satzes bezieht, z. B. der Mensch, +das

Tier+ mit zwei Händen, +das+ auch lachen kann, +was+ der Affe immer

noch nicht fertig bringt. In einem Satze wie: es ist kein freundliches

Bild, +was+ der Verfasser vor uns aufrollt -- wird nicht deutlich, ob

sich was auf Bild beziehen soll; man kann den Relativsatz auch als

Subjektsatz auffassen: +was+ der Verfasser vor uns aufrollt, ist kein

freundliches Bild. In diesem Falle wäre natürlich +was+ richtig, im

andern müßte es +das+ heißen.

Wie, wo, worin, womit, wobei

Daß Präpositionen in Verbindung mit dem Relativpronomen durch die

hübschen relativen Adverbia +worin+, +woraus+, +womit+, +wobei+,

+woran+, +wofür+ usw. ersetzt werden können und in der lebendigen

Sprache sehr oft ersetzt werden, wenn sich das Relativ auf eine Sache

(nicht auf eine Person!) zurückbezieht, daran denken beim Schreiben

die wenigsten, und wenn sie daran denken, so wagen sie nicht, Gebrauch

davon zu machen. Am ehesten getrauen sie sichs noch da, wo sie auch

+was+ statt +das+ sagen würden. Aber ein Brief, +worin+ -- eine Fläche,

+worauf+ -- ein Messer, +womit+ -- ein Mittel, +wodurch+ -- eine Regel,

+wobei+ -- ein Geschenk, +worüber+ -- eine Gefahr, +wovor+ -- (auch:

der Grund, +weshalb+) -- wie wenigen will das aus der Feder! Sie halten

es womöglich gar für falsch. Irgendein Schulmeister, der sich nicht vom

Lateinischen hatte losmachen können, hat ihnen vielleicht einmal in der

Jugend davor bange gemacht, und so schreiben sie denn: diese beiden

Punkte sind es, +an welchen+ Grimm aufs strengste festgehalten hat --

der innige Zusammenhang, +in welchem+ Glaube, Recht und Sitte stehen

-- das einfache, schmucklose Gewand, +mit welchem+ uns die Natur wie

eine Mutter umfängt usw. Und doch heißt es in dem Bürgerschen Spruch:

Die schlechtsten Früchte sind es nicht, +woran+ die Wespen nagen. Nun

gar das einfache +wo+: das Gebäude, +wo+ -- ein Gebiet, +wo+ -- in

einer Stadt, +wo+ -- in allen Fällen, +wo+ -- eine Gelegenheit, +wo+

-- eine Ausgabe, +wo+ (z. B. der Sopran die Melodie hat), und vollends

dieses einfache +wo+ von der Zeit gebraucht: wir gedenken an jene Zeit

der Jugend, +wo+ wir zuerst auszogen -- die Eltern sind genötigt,

über den Bildungsgang ihrer Kinder schon zu einer Zeit Bestimmungen

zu treffen, +wo+ deren Anlagen noch zu wenig hervorgetreten sind --

seit dem 29. März, +wo+ die neue Bewegung begann -- seit dem Jahre

1866, +wo+ er sein Amt niedergelegt hatte -- wie wenige wagen das zu

schreiben, wie wenige haben eine Ahnung davon, daß auch das grammatisch

ganz richtig und hundertmal schöner ist als das ungeschickte: seit dem

29. März, +an welchem Tage+ -- seit 1866, in welchem Jahre usw.[64]

Ist es nicht kläglich komisch, in einem Manuskript sehen zu müssen,

wie der Verfasser erst geschrieben hat: die Depesche gelangte +an

demselben Tage+ in seine Hände, +als+ usw., dann das +als+ wieder

durchgestrichen und darübergesetzt hat: +an welchem+, aber auf das

gute, einfache, natürliche +wo+ nicht verfallen ist? Und genau so ist

es mit +wie+. Die Art und Weise, +wie+ -- in dem Grade, +wie+ -- in

jenem Sinne, +wie+ -- in dem Maße, +wie+ -- über die Richtung, +wie+

-- wie wenige getrauen sich das zu schreiben! Die alten Innungen waren

Produktivgenossenschaften in jenem vernünftigen Sinne, +in welchem+

jeder Staat es ist -- man war im Zweifel über die Art und Weise, +in

welcher+ die soziale Gesetzgebung vorzugehen habe -- ein Bier, das in

demselben Grade ungenießbar wird, +in welchem+ sich seine Temperatur

über den Gefrierpunkt erhebt -- in dem Maße, +in welchem+ (+wie+!)

sich die Partei dem Augenblicke nähert, +in welchem+ (+wo+!) sie ihr

Versprechen erfüllen soll -- anders schreibt der Papiermensch gar nicht.

Das relative Adverbium +wo+ bedeutet keineswegs, wie so viele

glauben, nur den Ort, es bedeutet, wie das ihm entsprechende +da+,

ebensogut auch die Zeit. Merkwürdigerweise hat man noch eher den Mut,

zu schreiben: die Zeit, +da+ -- als: die Zeit, +wo+. Manche lieben

sogar dieses +da+, ziehen also hier das Demonstrativ in der relativen

Bedeutung vor, während sie doch sonst immer +welcher+ für +der+

schreiben. Aber +da+ als Relativ klingt uns heute doch etwas veraltet

(man denke nur an den Bibelspruch: seid Täter des Worts und nicht Hörer

allein, +damit+ ihr euch selbst betrüget), es kann auch leicht mit dem

kausalen +da+ verwechselt werden, z. B. mitten in einer trüben Zeit,

+da+ ihn ein Augenleiden heimsuchte. Für +in welchem+ sollte man, wo es

irgend angeht, schreiben +worin+; bei +in dem+ entsteht der Übelstand,

daß es mit dem Fügewort +indem+ verwechselt werden kann: der Aufsatz,

+in dem+ ihm vorgeworfen wird, er heuchle Frömmigkeit. Auf dem Papier

natürlich nicht, aber das Papier geht uns auch nichts an; beim Hören

kanns verwechselt werden -- das ist die Hauptsache!

Wechsel zwischen der und welcher

Wenn zu einem Worte zwei (oder mehr) Relativsätze zu fügen sind, so

halten es viele für eine besondre Schönheit, mit dem Relativpronomen

abzuwechseln. Es ist das der einzige Fall, wo sie einmal mit Bewußtsein

und Absicht zu dem Relativum +der+ greifen, während sie sonst, wie die

Schulknaben, immer +welcher+ schreiben. Jeden Tag kann man Sätze lesen

wie: das Allegro und das Scherzo fanden nicht das Maß von Beifall,

+welches+ wir erwartet hatten, und +das+ sie verdienen -- jedes

Grundstück, +welches+ mindestens zu einem Grundsteuerertrage von 200

Mark eingeschätzt ist, und +das+ mindestens einen Taxwert von 1000 Mark

hat -- lehrreich ist die Niederschrift durch die Korrekturen, +welche+

der Komponist selbst darin vorgenommen hat, und +die+ sich nicht nur

im Ändern einzelner Noten zeigen -- in eine weite Hausflur mündete die

Treppe, +welche+ in die obern Stockwerke führte, und +die+ man gern als

Wendeltreppe gestaltete -- die ehrwürdigen Denkmäler der Druckkunst,

+welche+ uns der Altmeister selbst hinterlassen hat, und +die+ man mit

dem Namen Wiegendrucke bezeichnet -- es geht nicht an, daß wir Schäden

groß wachsen sehen, +die+ uns als schwache Köpfe erscheinen lassen,

und auf +welche+ die Fremden mit Fingern weisen -- es war ein Klang

in seinen Worten, +welcher+ alle Herzen ergriff, und +dem+ sie gern

weiter gelauscht hätten -- Aufsätze, +welche+ bereits in verschiednen

Zeitschriften erschienen sind, und +die+ durch ihre Beziehungen auf

Schwaben zusammengehalten werden. Kein Zweifel: in allen diesen Fällen

liegt ein absichtlicher Wechsel vor; alle, die so schreiben, glauben

eine besondre Feinheit anzubringen.

Aber das Gegenteil ist der Fall. Abgesehen davon, daß die Wiederholung

des Relativpronomens bisweilen ganz überflüssig ist, weil das

Satzgefüge dasselbe bleibt, ist es auch unbegreiflich, wie jemand in

seinem Sprachgefühl so irre gehen kann. Wenn man an ein Hauptwort

zwei oder mehr Relativsätze anschließt, so stehn doch diese Sätze als

Bauglieder innerhalb des Satzgefüges parallel zueinander, etwa so:

Erster Relativsatz

----------------------

Hauptsatz /

-----------------

\ Zweiter Relativsatz

----------------------

Wie kann man da auf den Gedanken kommen, diese beiden parallelstehenden

Sätze verschieden anknüpfen zu wollen! Das natürliche ist es doch,

parallellaufende Sätze auch gleichmäßig anzuknüpfen, ja es ist das

geradezu notwendig, die Abwechslung stört nur und führt irre. Wenn

ich erst +der+ lese und im nächsten Satze +welcher+, so suche ich

unwillkürlich bei dem wechselnden Pronomen auch nach dem wechselnden

Hauptwort und sehe zu spät, daß ich genarrt bin. Mit der vermeintlichen

Schönheitsregel ist es also nichts; auch sie ist nur ein Erzeugnis

der abergläubischen Furcht, kurz hintereinander zweimal dasselbe

Wort -- geschrieben zu sehen. Die vernünftige Regel heißt: Parallele

Relativsätze müssen mit demselben Relativpronomen beginnen, also alle

mit +der+, +die+, +das+. Es gibt viele Talente, +die+ vielleicht nie

selbständig etwas erfinden werden, +die+ man daher auf der Akademie

zwecklos mit Kompositionsaufgaben plagt, +die+ aber beweglich genug

sind, das in der Kopierschule erlernte frei umzubilden -- das ist gutes

Deutsch. +Welcher+, +welche+, +welches+ ist auch hier ganz entbehrlich.

Etwas andres ist es, wenn auf einen Relativsatz ein zweiter folgt, der

sich an ein neues Hauptwort in dem ersten Relativsatz anschließt, etwa

so:

Hauptsatz

-----------

\ Erster Relativsatz

------------------------

\ Zweiter Relativsatz.

-----------------------

Da wechselt die Beziehung, und da hat es etwas für sich, auch

das Pronomen wechseln zu lassen; die Abwechslung kann da sogar

die richtige Auffassung erleichtern und beschleunigen, wie in

folgenden Sätzen: +Klaviere+, +die+ den +Anforderungen+ entsprechen,

+welche+ in Tropengegenden an sie gestellt werden -- +Gesetze+, die

bestimmte +Organisationen+ zum Gegenstande haben, +welche+ nur bei

der katholischen Kirche vorkommen -- die +Bühnen+, +die+ mit einer

ständigen Schar von +Freunden+ rechnen können, +welche+ mit liebevollem

Interesse ihrer Entwicklung folgen -- +Verbesserungen+, +die+ der

Dichter der +dritten Ausgabe+ seiner Gedichte zu geben beabsichtigte,

+welche+ er leider nicht mehr erlebte -- Amerika zerfällt in zwei

+Hälften+, die nur durch eine verhältnismäßig schwache +Brücke+

zusammenhängen, +welche+ sich nicht zu einem Handelsweg eignet -- in

dem +Pakt+, +den+ Faust mit dem +Geiste+ der Verneinung schließt,

+welcher+ sich als der Zwillingsbruder des Todes bekennt -- es fehlte

bisher an einer +Darstellung+, +die+ allen +Anforderungen+ entsprochen

hätte, +welche+ an Kunstblätter von nationaler Bedeutung zu stellen

sind -- es gelang uns, in Beziehung zu den +Stämmen+ zu treten, +die+

die +Artikel+ produzieren, +welche+ unsern Kaufleuten zugehen, und

+die+ zugleich ein weites Absatzgebiet für unsre Industrie bieten.

Dabei empfiehlt sich übrigens (aus rhythmischen Gründen, der Steigerung

wegen), +der+ immer an die erste, +welcher+ an die zweite Stelle zu

bringen, nicht umgekehrt! Aber unbedingt nötig ist der Wechsel auch

hier nicht.

Welch letzterer und welcher letztere

An einen ganzen Rattenkönig von Sprachdummheiten rührt man mit

der so beliebten Verbindung: +welcher letztere+. Auf die häßliche

unorganische Bildung +ersterer+ und +letzterer+ -- eine komparativische

Weiterbildung eines Superlativs! -- soll dabei gar kein Gewicht gelegt

werden, denn solche Erscheinungen gibt es viele in der Sprache und in

allen Sprachen, wenn es auch nichts schaden kann, daß man sich einmal

das Unorganische dieser Formen durch die Vorstellung zum Bewußtsein

bringt, es wollte jemand der +größtere+, der +kleinstere+, der

+bestere+, der +schönstere+ bilden. Viel schlimmer ist ihre unlogische

Anwendung.

Wenn ein Relativsatz nicht auf ein einzelnes Hauptwort, sondern auf

eine Reihe von Hauptwörtern, zwei, drei, vier oder mehr folgt, so

ist es selbstverständlich, daß das Relativ nicht an das letzte Glied

angeschlossen, sondern nur auf die ganze Reihe bezogen werden kann,

also nicht so:

Erstes Hauptwort

------------------

Zweites Hauptwort

------------------

Drittes Hauptwort

------------------

\ Relativsatz

--------------

sondern so:

Erstes Hauptwort

-------------------

Zweites Hauptwort \ Relativsatz.

---------------------------------------

Drittes Hauptwort /

-------------------

Die Hauptwörter werden gleichsam zu einer Gruppe, zu einem Bündel

zusammengeschnürt, und der Relativsatz muß an dem ganzen Bündel hängen.

Es kann also nicht heißen: Lessing, Goethe und Schiller, +der+, sondern

nur: Lessing, Goethe und Schiller, +die+. Das fühlt auch jeder ohne

weiteres. Nun möchte man aber doch manchmal, nachdem man zwei, drei,

vier Dinge aufgezählt hat, gerade über das zuletzt genannte noch etwas

näheres in einem Relativsatz aussagen. Ein bloßes +welcher+ -- das

fühlt jeder -- ist unmöglich; es gehn ja drei voraus! Aber +welcher

letztere+ oder +welch letzterer+ -- das rettet! Also: das Bild stellt

Johannes den Täufer und den Christusknaben dar, +welch letzterer+ von

dem Täufer in die Welt eingeführt wird -- einen Hauptartikel des Landes

bildeten die Landesprodukte, wie Kobalt, Wein, Leinwand und Tuch,

+welch letzteres+ allerdings dem niederländischen nachstand -- er war

Regent der weimarischen, gothaischen und altenburgischen Lande, +welche

letztern+ ihm aber erst kurz vor seinem Tode zufielen -- die Summe des

Intellektuellen im Menschen setzt sich zusammen aus Geist, Bildung

und Kenntnissen, +welchen letztern+ auch die Vorstellungen zugezählt

werden dürfen -- es gibt von dem Bilde schwarze und braune Abdrücke,

+welch letztere+ aber erst 1784 erschienen sind -- den Schluß bildet

der Jahresbericht und das Mitgliederverzeichnis, +welch letzteres+ eine

große Anzahl neuer Namen enthält -- der Neger überflügelt zuerst seine

Schulkameraden weit, besonders in der Mathematik und in den Sprachen,

für +welch letztere+ seine Begabung erstaunlich ist.

Dieses +letztere+ ist ein bequemes, aber sehr häßliches

Auskunftsmittel; ein guter Schriftsteller wird nie seine Zuflucht

dazu nehmen. Es läßt sich auch sehr leicht vermeiden, z. B. indem

man das letzte Glied für sich stellt: das Bild stellt Johannes den

Täufer dar und den +Christusknaben+, +der+ usw., oder indem man statt

des Relativsatzes einen Hauptsatz bildet, worin das letzte Hauptwort

wiederholt wird.

Noch schlimmer ist es freilich, wenn, wie so oft, +welch letzterer+

selbst da geschrieben wird, wo nur ein einziges (!) Substantivum

vorhergeht, eine falsche Beziehung also ganz unmöglich ist, z. B.:

der Plan ist der Wiener Fachschule nachgebildet, +welch letztere+ ihn

schon seit längerer Zeit hat -- der Urkunde ist die durch den Bischof

von Merseburg erteilte Bestätigung beigegeben, +welche letztere+

aber nichts besondres enthält -- den gesetzlichen Bestimmungen gemäß

scheiden vier Mitglieder aus, +welch letztere+ aber wieder wählbar

sind -- die Menge richtet sich nach den Beamten, nicht nach dem

+Gesetz, welch letzteres+ sie selten kennt -- überall wechseln üppige

Wiesengründe mit stattlichen Waldungen, +welch letztere+ namentlich die

Bergkuppen und Hänge bedecken -- der König nahm in dem +Wagen+ Platz,

+welch letzterer+ aber schon nach einer Minute vor dem Hotel hielt.

Welch eine Schwulst! Vier Silben, wo drei Buchstaben genügen!

Relativsätze an Attributen

Sehr vorsichtig muß man damit sein, einen Relativsatz hinter ein

Hauptwort zu stellen, das ein Attribut mit einem zweiten Hauptworte

(am häufigsten als abhängigen Genitiv) bei sich hat. Jedes der beiden

Hauptwörter, das erste so gut wie das zweite, kann einen Relativsatz zu

sich nehmen; es kommt nur darauf an, welches von beiden den Ton hat.

Beide zugleich sind nie betont, entweder hat das tragende den Ton, oder

das getragne, das im Attribut steht. Welches von beiden betont ist,

ergibt sich gewöhnlich sofort aus dem Zusammenhange. Nur an das betonte

Hauptwort aber kann sich der Relativsatz anschließen.

Es ist also nichts einzuwenden gegen Verbindungen wie folgende:

mit zehn Jahren wurde ich in die unterste Klasse +der Kreuzschule+

aufgenommen, +der ich+ dann acht Jahre lang als Schüler angehörte

-- bezeichnend ist sein Verhältnis +zum Gelde, das+ er stets wie

ein armer Mann behandelte. In diesen Fällen ist das Hauptwort des

Attributs betont, der Relativsatz schließt sich also richtig an.

Ob man nicht trotzdem solche Verbindungen lieber meiden sollte,

namentlich dann, wenn die beiden Hauptwörter gleiches Geschlecht haben,

ist eine Frage für sich. Vorsicht ist auch hier zu empfehlen, ein

Mißverständnis manchmal nicht ausgeschlossen. Unbedingt falsch dagegen

ist folgender Satz: auch warne ich vor einer bravourmäßigen Auffassung

der +zweiten Variation, die+ dort gar nicht am Platze ist. Es ist von

den Variationen in einer Beethovenschen Sonate die Rede; die erste

Variation ist besprochen, nun kommt die zweite an die Reihe. Da ist es

klar, daß der Relativsatz nur heißen kann: +die+ eine solche (nämlich

eine bravourmäßige Behandlung) gar nicht verträgt.

Allerhand Sprachdummheiten Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen · 第 9 / 41 段