hinzutritt, und wäre es nur ein +gestern+; dann kann der Satz den
Charakter einer bloßen tatsächlichen Mitteilung verlieren und den der
Erzählung annehmen. Es ist ebenso richtig, zu schreiben: gestern starb
hier nach längerer Krankheit Professor X, wie: +gestern+ ist hier nach
längerer Krankheit Professor X +gestorben+. Im zweiten Falle melde ich
einfach das Ereignis, im ersten Falle erzähle ich. Fehlt aber jede
Zeitangabe, soll das Ereignis schlechthin gemeldet werden, so ist der
Gebrauch des Imperfekts ein Mißbrauch.
Der Fehler ist aber nicht auf Zeitungsnachrichten beschränkt geblieben;
auch unsre Geschäftsleute schreiben schon in ihren Anzeigen und Briefen
und halten das für eine besondre Feinheit: ich +verlegte+ mein Geschäft
von der Petersstraße nach der Schillerstraße -- ich +eröffnete+ am
Johannisplatz eine zweite Filiale u. ähnl. Ein Schuldirektor schreibt
einem Schüler ins Zeugnis: M. +besuchte+ die hiesige Schule und +trat+
heute aus. Eine Verlagsbuchhandlung schreibt in der Ankündigung
eines Werkes, dessen Ausgabe bevorsteht: wir +scheuten+ kein Opfer,
die Illustrationen so prächtig als möglich auszuführen; den Preis
+stellten+ wir so niedrig, daß sich unser Unternehmen in den weitesten
Kreisen Eingang verschaffen kann. Wann denn? fragt man unwillkürlich.
Sind diese Sätze Bruchstücke aus einer Selbstbiographie von dir?
erzählst du mir etwas aus der Geschichte deines Geschäfts? über ein
Verlagsunternehmen, das du vor zwanzig Jahren in die Welt geschickt
hast? Oder handelt sichs um ein Buch, das soeben fertig geworden ist?
Wenn du das letzte meinst, so kann es doch nur heißen: wir +haben+ kein
Opfer +gescheut+, den Preis +haben+ wir so niedrig +gestellt+ usw. Eine
andre Buchhandlung schreibt auf die Titelblätter ihrer Verlagswerke:
den Buchschmuck +zeichnete+ Fidus. +Zeichneetee+! Wann denn?
Es kommt aber noch eine weitere Verwirrung hinzu. Das Perfekt hat
auch die Aufgabe, die gegenwärtige Sachlage auszudrücken, die durch
einen Vorgang oder eine Handlung geschaffen worden ist. Auch in
dieser Bedeutung wird es jetzt unbegreiflicherweise durch das
Tempus der Erzählung verdrängt. Da heißt es: die soziale Frage ist
das schwierigste Erbteil, das Kaiser Wilhelm von seinen Vorfahren
+erhielt+ (statt: +erhalten hat+, denn er hat es doch nun!) -- auch die
vorliegende Arbeit führt nicht zum Ziel, trotz der großen Mühe, die
der Verfasser auf sie +verwandte+ (statt: +verwendet hat+, denn die
Arbeit liegt doch vor!) -- da die Ehe des Herzogs kinderlos +blieb+
(statt: +geblieben ist+) -- folgt ihm sein Neffe in der Regierung --
die letzten Wochen haben dazu beigetragen, daß das Vertrauen in immer
weitere Kreise +drang+ (statt: +gedrungen ist+) -- wir beklagen tief,
daß sich kein Ausweg finden +ließ+ (statt: +hat finden lassen+) --
kein Wunder, daß aus den Wahlen solche Ergebnisse +hervorgingen+ usw.
Der letzte Satz klingt, als wäre er aus irgendeiner geschichtlichen
Darstellung genommen, als wäre etwa von Wahlen zum ersten deutschen
Parlament die Rede. Es sollen aber die letzten Reichstagswahlen damit
gemeint sein, die den gegenwärtigen Reichstag geschaffen haben! Da
muß es doch heißen: kein Wunder, daß aus den Wahlen solche Ergebnisse
+hervorgegangen sind+, denn diese Ergebnisse bilden doch die
gegenwärtige Sachlage.
Es kann wohl kaum ein Zweifel darüber sein, woher der Mißbrauch des
Imperfekts stammt. In Norddeutschland ist er durch Nachäfferei des
Englischen entstanden und mit dem lebhaftern Betriebe der englischen
Sprache aufgekommen. Der Engländer sagt: ~I +saw+ him this morning~
(ich +habe+ ihn diesen Morgen +gesehen+) -- ~I +expected+ you last
Thursday~ (ich +habe+ Sie vorigen Donnerstag +erwartet+) -- ~Yours
I +received+~ (ich +habe+ Ihr Schreiben +erhalten+) -- ~That is the
finest ship I ever +saw+~ (das ist das schönste Schiff, das ich je
+gesehen habe+) -- ~Sheridan’s Plays, now printed as he +wrote+
them~ (wie er sie +geschrieben hat+). Wahrscheinlich weniger durch
nachlässiges Übersetzen aus englischen Zeitungen als durch schlechten
englischen Unterricht, bei dem nicht genug auf den Unterschied
der Sprachen in dem Gebrauche der Tempora hingewiesen, sondern
gedankenlos wörtlich übersetzt wird, ist der Mißbrauch ins Deutsche
hereingeschleppt worden. In Leipzig kann man schon hören, wie ein Geck,
der den Tag zuvor aus dem Bade zurückgekehrt ist, einem andern Gecken
auf der Straße zuruft: +Jä, ich käm gestern zurück+, wie ein Geck in
Gesellschaft sagt: ich +hatte+ schon den Vorzug (ich habe schon die
Ehre gehabt). In Süddeutschland aber kommt dazu noch eine andre Quelle.
Dem bayrisch-österreichischen Volksdialekt fehlt das Imperfektum (mit
Ausnahme von +ich war+) gänzlich; er kennt weder ein +hatte+, noch
ein +ging+, noch ein +sprach+, er braucht in der Erzählung immer das
Perfekt (+bin ich gewesen+ -- +hab ich gesagt+). Daher hat diese Form
in Süddeutschland und Österreich den Beigeschmack des Vulgären, und
wenn nun der Halbgebildete Schriftdeutsch sprechen will, so gebraucht
er überall, auch da, wo es gar nicht hinpaßt, das Imperfektum, weil
er mit dem Perfekt in den Dialekt zu fallen fürchtet. In großen
Dresdner Pensionaten, wo englische, norddeutsche und österreichische
Kinder zusammen sind, soll man den Einfluß beider Quellen gleichzeitig
beobachten können.
Ein wunderliches Gegenstück zu dem Mißbrauch des Imperfekts verbreitet
sich in neuern Geschichtsdarstellungen, nämlich die Schrulle, im
Perfektum zu -- erzählen! Nicht bloß vereinzelte Sätze werden so
geschrieben, wie: der Enkel +hat+ ihm eine freundliche und liebevolle
Erinnerung +bewahrt+ (statt: +bewahrte+ ihm), sondern halbe und ganze
Seiten lang wird das Imperfekt aufgegeben und durch das Perfektum
ersetzt. Geschmackvoll kann man auch das nicht nennen.
Worden
Ebenso schlimm wie die beiden eben bezeichneten ist aber nun noch
eine dritte Verwirrung, die neuerdings aufgekommen ist und in kurzer
Zeit reißende Fortschritte gemacht hat: die Verwirrung, die sich in
dem Weglassen des Partizips +worden+ im passiven Perfektum zeigt. Es
handelt sich auch hier um eine Vermengung zweier grundverschiedner
Zeitformen, der beiden, die man in der Grammatik als Perfektum und als
~Perfectum praesens~ bezeichnet.
Nicht nur in gutem Schriftdeutsch, sondern auch in der gebildeten
Umgangssprache ist noch bis vor kurzem aufs strengste unterschieden
worden zwischen zwei Sätzen wie folgenden: auf dem Königsplatze +sind+
junge Linden +angepflanzt worden+, und: auf dem Königsplatze +sind+
junge Linden +angepflanzt+. Der erste Satz meldet den Vorgang oder
die Handlung des Anpflanzens -- das ist das eigentliche und wirkliche
Perfektum; der zweite beschreibt den durch die Handlung des Anpflanzens
geschaffnen gegenwärtigen Zustand -- das ist das, was die Grammatik
~Perfectum praesens~ nennt. Der Altarraum +ist+ mit fünf Gemälden
+geschmückt worden+ -- das ist eine Mitteilung; der Altarraum +ist+ mit
fünf Gemälden +geschmückt+ -- das ist eine Beschreibung. Wenn mir ein
Freund Lust machen will, mit ihm vierhändig zu spielen, so sagt er:
komm, das Klavier +ist gestimmt+! Dann kann ich ihn wohl fragen: so?
wann +ist+ es denn +gestimmt worden+? aber nicht: wann +ist+ es denn
+gestimmt+? denn ich frage nach dem Vorgange. Wenn ein Maler sagt: mir
+sind+ für das Bild 6000 Mark +geboten+, so heißt das: ich kann das
Geld jeden Augenblick bekommen, der Bieter ist an sein Gebot gebunden.
Sagt er aber: mir +sind+ 6000 Mark +geboten worden+, so kann der Bieter
sein Gebot längst wieder zurückgezogen haben.
Handelte sichs um einen besonders feinen Unterschied, der schwer
nachzufühlen und deshalb leicht zu verwischen wäre, so wäre es ja nicht
zu verwundern, wenn er mit der Zeit verschwände. Aber der Unterschied
ist so grob und so sinnfällig, daß ihn der Einfältigste begreifen muß.
Und doch dringt der Unsinn, eine Handlung, einen Vorgang, ein Ereignis
als Zustand, als Sachlage hinzustellen, in immer weitere Kreise und
gilt jetzt offenbar für fein. Selbst ältere Leute, denen es früher
nicht eingefallen wäre, so zu reden, glauben die Mode mitmachen zu
müssen und lassen das +worden+ jetzt weg. Täglich kann man Mitteilungen
lesen wie: ~Dr.~ Sch. +ist+ zum außerordentlichen Professor an der
Universität Leipzig +ernannt+ -- dem Freiherrn von S. +ist+ auf sein
Gesuch der Abschied +bewilligt+ -- in H. +ist+ eine Eisenbahnstation
feierlich +eröffnet+ -- oder Sätze wie: über den Begriff der Philologie
+ist+ viel +herumgestritten+ -- die märkischen Stände +sind+ um ihre
Zustimmung offenbar nicht +befragt+ -- so ist die Reformation in
Preußen als Volkssache +vollzogen+ -- er behauptete, daß er in dieser
Anstalt wohl +gedrillt+, aber nicht +erzogen sei+ -- die Methode,
in der Niebuhr so erfolgreich die römische Geschichte behandelte,
+ist+ von Ranke auf andre Gebiete +ausgedehnt+ -- man rühmt sich bei
den Nationalliberalen, daß über 12000 Stimmen von ihnen +abgegeben
seien+ -- es kann nicht geleugnet werden, daß an Verhetzung +geleistet
ist+, was möglich war -- es ist zu bedauern, daß so viel Fleiß nicht
auf eine lohnendere Aufgabe +verwendet ist+ -- wie hätte die schöne
Sammlung zustande kommen können, wenn nicht mit reichen Mitteln dafür
+eingetreten wäre+?
Doppelt unbegreiflich wird der Unsinn, wenn durch Hinzufügung einer
Zeitangabe noch besonders fühlbar gemacht wird, daß eben der Vorgang
(manchmal sogar ein wiederholter Vorgang) ausgedrückt werden soll,
nicht die durch den Vorgang entstandne Sachlage. Aber gerade auch
diesem Unsinn begegnet man täglich in Zeitungen und neuen Büchern.
Da heißt es: das Verbot der und der Zeitung +ist heute+ wieder
+aufgehoben+ (+worden+! möchte man immer dem Zeitungschreiber zurufen)
-- der österreichische Reichsrat +ist gestern eröffnet+ (+worden+!)
-- der Anfang zu dieser Umgestaltung +ist+ schon +vor längerer Zeit
gemacht+ (+worden+!) -- diese Frage +ist schon einmal aufgeworfen+ und
+damals+ in verneinendem Sinne +beantwortet+ (+worden+!) -- +vorige
Woche ist+ ein Flügel angekommen und unter großen Feierlichkeiten im
Kursaal +aufgestellt+ (+worden+!) -- +in späterer Zeit sind+ an dieser
Tracht die mannigfachsten Veränderungen +vorgenommen+ (+worden+!) --
+in gotischer Zeit ist+ das Schiff der Kirche äußerlich verlängert und
dreiseitig +geschlossen+ (+worden+!) -- an der Stelle, wo Tells Haus
gestanden haben soll, +ist+ 1522 eine mit seinen Taten bemalte Kapelle
+errichtet+ (+worden+!) -- +am Tage darauf+, am 25. Januar, +sind+
noch drei Statuen +ausgegraben+ (+worden+!) -- jedenfalls +ist+ der
Scherz in Karlsbad +bei irgendeiner Gelegenheit aufs Tapet gebracht+
(+worden+!) -- in B. +ist dieser Tage+ ein Kunsthändler wegen Betrugs
zu sechs Monaten Gefängnis +verurteilt+ (+worden+!) -- diese Dinge
sind offenkundig, denn sie +sind hundertmal besprochen+ (+worden+!)
-- die Wandlungen der Mode +sind+ zu allen Zeiten von Sittenpredigern
+bekämpft+ (+worden+!) -- bis 1880 +ist+ von dieser Befugnis nicht +ein
einzigesmal+ Gebrauch +gemacht+ (+worden+!).
Wo der Unsinn hergekommen ist? Er stammt aus dem Niederdeutschen
und hat seine schnelle Verbreitung unzweifelhaft auf dem Wege über
Berlin gefunden. Die Unterscheidung der beiden Perfekta in unsrer
Sprache ist nämlich verhältnismäßig jung, sie ist erst im fünfzehnten
Jahrhundert zustande gekommen, und zwar ganz allmählich. Erst um
die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts fing man an, zu sagen:
daß ein Knecht +geschlagen ist worden+ (anfangs immer in dieser
Wortstellung). Aber schon im sechzehnten Jahrhundert war die willkommne
Unterscheidung durchgedrungen und unentbehrlich geworden. Nur die
niederdeutsche Vulgärsprache lehnte sie ab und beharrt -- noch heute,
nach vierhundert Jahren -- dabei. Welche Lächerlichkeit nun, diesen
unvollkommnen Sprachrest, der heute doch lediglich auf der Stufe eines
Provinzialismus steht, aller Vernunft und aller Logik zum Trotz der
gebildeten Schriftsprache wieder aufnötigen zu wollen! Der Unterricht
sollte sich mit aller Macht gegen diesen Rückschritt sträuben.
Wurde geboren, war geboren, ist geboren
Eine biographische Darstellung ist natürlich auch eine Erzählung, kann
sich also in keinem andern Tempus bewegen als im Imperfekt. Aber der
erste Satz, die Geburtsangabe, wie stehts damit? Soll man schreiben:
Lessing +war geboren+, Lessing +wurde geboren+ oder Lessing +ist
geboren+? Alle drei Ausdrucksweisen kommen vor. Aber merkwürdigerweise
am häufigsten die falsche! Er +ist geboren+ -- das kann man doch
vernünftigerweise nur von dem sagen, der noch lebt. Den Lebenden fragt
man: wann +bist+ du denn +geboren+? Und dann antwortet er: +ich bin+ am
23. Mai 1844 +geboren+. Von einem, der nicht mehr lebt, kann man wohl
am Schlusse seiner Lebensbeschreibung sagen: +gestorben ist+ er am 31.
Oktober 1880. Damit fällt man zwar aus der Form der Erzählung heraus
in die der bloßen tatsächlichen Mitteilung; aber die ist dort ganz am
Platze, denn sie drückt die gegenwärtige Sachlage aus. Am Anfang einer
Lebensbeschreibung aber kann es vernünftigerweise nur heißen: er +war+
oder er +wurde geboren+; mit +wurde+ versetze ich mich -- was das
natürlichste ist -- an den Anfang des Lebenslaufs meines Helden, mit
+war+ versetze ich mich mitten hinein. In wieviel hundert und tausend
Fällen aber wird in Zeitungsaufsätzen, im Konversationslexikon, in
Kunst- und Literaturgeschichten usw. die Gedankenlosigkeit begangen,
daß man von Verstorbnen zu erzählen anfängt, als ob sie lebten! Den
Fehler damit verteidigen zu wollen, daß man sagte: ein großer Mann lebe
eben nach seinem Tode fort, wäre eine arge Sophisterei. Das Fortleben
ist doch immer nur bildlich gemeint, in der Biographie aber handelt
sichs um das wirkliche Leben.
Erzählung und Inhaltsangabe
Wer eine Geschichte erzählt, bedient sich des Imperfekts; alle
Ereignisse; die vor der Geschichte liegen, die erzählt wird, also zu
der sogenannten Vorfabel gehören, müssen im Plusquamperfekt mitgeteilt
werden. Imperfekt und Plusquamperfekt sind die beiden einzigen Tempora,
die in den erzählenden Abschnitten einer Novelle oder eines Romans
vorkommen können. Die Vorfabel braucht nicht am Anfang der Novelle zu
stehen, sie kann mitten in der Novelle nachgetragen, ja selbst auf
mehrere Stellen der Novelle verteilt werden. Immer aber muß das sofort
durch den Tempuswechsel kenntlich gemacht werden. Zieht sich nun die
Vorfabel in die Länge, so wird der Leser bald des Plusquamperfekts
überdrüssig, und der Erzähler muß dann auch für die Vorfabel in das
Imperfekt einzulenken suchen. Das geschickt und fein und an der
richtigen Stelle zu machen ist eine Aufgabe, an der viele Erzähler
scheitern.
Noch schwieriger freilich scheint eine andre Aufgabe zu sein: wenn
Rezensenten den Inhalt eines Romans, eines erzählenden Gedichts,
eines Dramas angeben, so zeigen sie nicht selten eine klägliche
Hilflosigkeit in der Anwendung der Tempora. Man kann Inhaltsangaben
lesen, deren Darstellung zwischen Präsens und Imperfekt, Perfekt und
Plusquamperfekt nur immer so hin und her taumelt. Und doch ist auch
diese Aufgabe eigentlich nicht schwieriger als die andre. Ein Buch, das
besprochen wird, liegt vor. Da hat kein andres Tempus etwas zu suchen
als das Präsens und das Perfektum, das Präsens für die Geschichte
selbst, das Perfektum für die Vorgeschichte. Wer den Inhalt wissen
will, fragt nicht: wie +war+ denn die Geschichte? sondern: wie +ist+
denn die Geschichte? Und anders kann auch der nicht antworten, der
den Inhalt des Buches angibt; er kann nur sagen: die Geschichte +ist
so+, und nun fängt er im Präsens an: Auf einem Gut in der Nähe von
Danzig +lebt+ ein alter Rittmeister; er +hat+ früher eine zahlreiche
Familie +gehabt+, +steht+ aber jetzt allein da usw. Auch wer in der
Unterhaltung den Inhalt eines Schauspiels angibt, das er am Abend zuvor
im Theater gesehen hat, bedient sich keines andern Tempus und kann sich
keines andern bedienen. Nur manche Zeitungschreiber scheinen das nicht
begreifen zu können.[60]
Nicht ganz leicht dagegen ist es wieder, in der Erzählung das
sogenannte ~Praesens historicum~, das Präsens der lebhaften,
anschaulichen Schilderung richtig anzuwenden. Genau an der richtigen
Stelle in dieses Präsens einzufallen, genau an der richtigen Stelle
sich wieder ins Imperfekt zurückzuziehen, das glückt nur wenigen. Die
meisten fangen es recht täppisch an.
Tempusverirrung beim Infinitiv
Wenn jemand anstatt: da +muß+ ich mich +geirrt haben+ -- sagen
wollte: da +mußte+ ich mich +irren+ oder: +da habe+ ich mich +irren
müssen+, so würde man ihn wohl sehr verdutzt ansehen, denn eine
solche Tempusverschiebung aus dem Infinitiv in das regierende Verbum
ließe auf eine nicht ganz normale Geistesverfassung schließen. Der
Fehler wird aber gar nicht selten gemacht, nur daß er nicht immer so
verblüffend hervortritt, z. B.: ich glaube bewiesen zu haben, daß die
Verfügung des Oberpräsidenten an dem Anschwellen der Bewegung nicht
schuld +sein konnte+ (anstatt: nicht schuld +gewesen sein kann+).
Nicht besser, eher noch schlimmer ist es, die Vergangenheit doppelt zu
setzen, z. B.: später +mochten+ wohl die Arbeiten für den Kurfürsten
dem Künstler nicht mehr die Muße +gelassen haben+. Wenn ein Vorgang aus
der Vergangenheit nicht als wirklich, sondern mit Hilfe von +scheinen+,
+mögen+, +können+, +müssen+ nur als möglich oder wahrscheinlich
hingestellt werden soll, so gehört die Vergangenheit natürlich nicht in
die Form der Aussage, denn die Aussage geschieht ja in der Gegenwart,
sondern sie gehört in den Infinitiv. Es muß also heißen: +mögen nicht
gelassen haben+.
Manche möchten es ja nun gern richtig machen, sind sich aber über die
richtige Form des Infinitivs nicht klar. Wenn z. B. jemand schreibt:
Ludwig +scheint+ sich durch seine Vorliebe für die Musik etwas von
den Wissenschaften +entfernt zu haben+ -- und sich einbildet, damit
den Satz: Ludwig +hatte+ sich von den Wissenschaften +entfernt+ -- in
das Gebiet der Wahrscheinlichkeit gerückt zu haben, so irrt er sich.
Die Tempora des Indikativs und des Infinitivs entsprechen einander in
folgender Weise:
L. +entfernt+ sich -- scheint sich zu +entfernen+.
L. +entfernte+ sich -- scheint sich +entfernt zu haben+ (nämlich
damals).
L. +hat+ sich +entfernt+ -- scheint sich +entfernt zu haben+ (nämlich
jetzt).
L. +hatte+ sich +entfernt+ -- scheint sich +entfernt gehabt zu haben+.
L. +wird+ sich +entfernen+ -- scheint sich +entfernen zu wollen+.
Relativsätze. Welcher, welche, welches
Unter den Nebensätzen ist keine Art, in der so viel und so
mannigfaltige Fehler gemacht würden wie in den Relativsätzen. Freilich
sind sie auch die am häufigsten verwendete Art.
Ein Hauptübel unsrer ganzen Relativsatzbildung liegt zunächst nicht im
Satzbau, sondern in der Verwendung des langweiligen Relativpronomens
+welcher+, +welche+, +welches+. Das Relativpronomen +welcher+ gehört,
wie so vieles andre, fast ausschließlich der Papiersprache an, und
da sein Umfang und seine Schwere in gar keinem Verhältnis zu seiner
Aufgabe und Leistung stehen, so trägt es ganz besonders zu der
breiten, schleppenden Ausdrucksweise unsrer Schriftsprache bei. In der
ältern Sprache war +welcher+ (~swelher~) durchaus nicht allgemeines
Relativpronomen, sondern nur indefinites Relativ, es bedeutete: +wer
nur irgend+ (~quisquis~), +jeder, der+, noch bei Luther: +welchen+ der
Herr lieb hat, den züchtiget er. Erst seit dem fünfzehnten Jahrhundert
ist es allmählich zum gemeinen Relativum herabgesunken. Aber nur in
der Schreibsprache, die sich so gern breit und wichtig ausdrückt,
zuerst in Übersetzungen aus dem Lateinischen; der lebendigen Sprache
ist es immer fremd geblieben und ist es bis auf den heutigen Tag
fremd. Niemand spricht +welcher+, es wird immer nur geschrieben! Man
beobachte sich selbst, man beobachte andre, stundenlang, tagelang,
man wird das vollständig bestätigt finden. Es ist ganz undenkbar, daß
sich in freier, lebendiger Rede, wie sie der Augenblick schafft, das
Relativum +welcher+ einstellte; jedermann sagt immer und überall:
+der+, +die+, +das+. Es ist undenkbar, daß jemand bei Tische sagte:
die Sorte, +welche+ wir vorhin getrunken haben, oder: wir gehen wieder
in die Sommerfrische, +in welcher+ wir voriges Jahr gewesen sind.[61]
In stenographischen Berichten über öffentliche Versammlungen und
Verhandlungen findet man allerdings oft Relativsätze mit +welcher+,
aber darauf ist nicht viel zu geben, diese Berichte werden redigiert,
und wer weiß, wie viele +der+ dabei erst nachträglich in +welcher+
verwandelt werden, weil mans nun einmal so für schriftgemäß hält! Und
dann: Leute, die viel öffentlich reden, sprechen nicht, wie andre
Menschen sprechen, sie sprechen auch, wenn sie am Rednerpulte stehen,
anders als in der Unterhaltung, sie sprechen nicht bloß für die
Zeitung, sie sprechen geradezu Zeitung; alte Gewohnheitsredner, die Tag
für Tag denselben Schalenkorb ausschütten und es gar nicht mehr für der
Mühe wert halten, sich auf eine „Ansprache“ vorzubereiten, suchen auch
mit ihrem +welcher+ Zeit zu gewinnen, wie andre mit ihrem äh -- äh.
Wenn aber ein junger Pfarrer auf der Kanzel Relativsätze mit +welcher+
anfängt, so kann man sicher sein, daß er die Predigt aufgeschrieben und
wörtlich auswendig gelernt hat; wenn ein Festredner aller Augenblicke
+welcher+ sagt, so kann man sicher sein, daß das Manuskript seiner
Festrede schon in der Redaktion des Tageblatts ist. Wer den Ausdruck
im Augenblicke schafft, sagt +der+, nicht +welcher+. Darum ist auch
+welcher+ in der Dichtersprache ganz unmöglich. In Stellen, wie
bei Goethe (in den Venezianischen Epigrammen): +welche+ verstohlen
freundlich mir streifet den Arm -- oder bei Schiller (in Shakespeares
Schatten): das große gigantische Schicksal, +welches+ den Menschen
erhebt, wenn es den Menschen zermalmt -- oder bei Hölty: wunderseliger
Mann, +welcher+ der Stadt entfloh -- oder bei Schikaneder: bei Männern,
+welche+ Liebe fühlen -- oder bei Tiedge (in der Urania): mir auch
war ein Leben aufgegangen, +welches+ reichbekränzte Tage bot -- oder
bei Uhland: ihr habt gehört die Kunde vom Fräulein, +welches+ tief
usw., ist es nichts als ein langweiliges Versfüllsel, eine Strohblume
in einem Rosenstrauß. Darum wird es +ja+ auch mit Vorliebe in der
Biedermeierpoesie verwendet und wirkt dort so unnachahmlich komisch:
zu beneiden sind die Knaben, +welche+ einen Onkel haben, oder: wie
z. B. hier von diesen, +welche+ Max und Moritz hießen. Aber auch in
der dichterischen Prosa, was gäbe man da manchmal drum, wenn man das
+welcher+ hinauswerfen könnte, wie bei Gottfried Keller in Romeo und
Julia auf dem Dorfe: sie horchten ein Weilchen auf diese eingebildeten
oder wirklichen Töne, +welche+ von der großen Stille herrührten, oder
+welche+ sie mit den magischen Wirkungen des Mondlichtes verwechselten,
+welches+ nah und fern über die grauen Herbstnebel wallte, +welche+
tief auf den Gründen lagen!