Die meisten Fehler gegen die grammatische Richtigkeit und den guten

Geschmack werden natürlich auf dem schwierigsten Gebiete der Sprache,

auf dem des Satzbaues begangen. Hier sollen zunächst Subjekt und

Prädikat und dann die Tempora und die Modi des Zeitworts in Haupt- und

Nebensätzen besprochen werden.

Nicht bloß in dem Geschäfts- und Briefstil der Kaufleute, sondern im

Briefstil überhaupt halten es viele für ein besondres Zeichen von

Höflichkeit, das Subjekt ich oder wir zu unterdrücken. Kaufleute

schreiben in ihren Geschäftsanzeigen: Kisten und Tonnen +nehmen+ zum

Selbstkostenpreise zurück, Zeitungen drucken über ihren Inseratenteil:

Sämtliche Anzeigen +halten+ der Beachtung unsrer Leser empfohlen, und

Ärzte machen bekannt: +Habe+ mich hier niedergelassen, oder: Meine

Sprechstunden +halte+ von heute ab von acht bis zehn Uhr. Aber auch

gebildete Frauen und Mädchen, denen man etwas Geschmack zutrauen

sollte, schreiben: Vorige Woche +habe+ mit Papa einen Besuch bei R.s

gemacht.

Wenn man jemand seine Hochachtung unter anderm auch durch die Sprache

bezeugen will, so ist das gar nicht so übel. Aber vernünftigerweise

kann es doch nur dadurch geschehen, daß man die Sprache so sorgfältig

und sauber behandelt wie irgend möglich, aber nicht durch äußerliche

Mittelchen, wie große Anfangsbuchstaben (+Du+, +Dein+), gesuchte

Wortstellung, bei der man den Angeredeten möglichst weit vor, sich

selbst aber möglichst weit hinter stellt (so +bitte Ew. Wohlgeboren+

infolge unsrer mündlichen Verabredung +ich+ ganz ergebenst), oder gar

dadurch, daß man den grammatischen Selbstmord begeht, wie es Jean Paul

genannt hat, +ich+ oder +wir+ wegzulassen. Derartige Scherze schleppen

sich aus alten Briefstellern fort -- wer Gelegenheit hätte, in den

Briefen des alten Goethe zu lesen, würde mit Erstaunen sehen, daß sich

auch der nie anders ausgedrückt hat --, sie sollten aber doch endlich

einmal überwunden werden.

Noch schlimmer freilich als die Unterdrückung von +ich+ und +wir+ ist

die Albernheit, wenn man den andern nicht recht verstanden hat, zu

fragen: +Wie meinen?+ Hier mordet man grammatisch gar den Angeredeten!

Die Ausstattung war eine glänzende

Eine häßliche Gewohnheit, die in unserm Satzbau eingerissen ist, ist

die, das Prädikat, wenn es durch ein Adjektiv gebildet wird, nicht,

wie es doch im Deutschen das richtige und natürliche ist, in der

unflektierten, prädikativen Form hinzuschreiben, z. B.: das Verfahren

ist +sehr einfach+, sondern in der flektierten, attributiven Form, als

ob sich der Leser dazu das Subjekt noch einmal ergänzen sollte: das

Verfahren ist +ein sehr einfaches+ (nämlich Verfahren). Es ist das

nicht bloß ein syntaktischer, sondern auch ein logischer Fehler, und

daß man das gar nicht empfindet, ist das besonders traurige dabei.

Ein Adjektiv im Prädikat zu flektieren hat nur in einem Falle Sinn,

nämlich wenn das Subjekt durch die Aussage in eine bestimmte Klasse

oder Sorte eingereiht werden soll. Wenn man sagt: die Kirsche, die

du mir gegeben hast, war +eine saure+ -- das Regiment dort ist +ein

preußisches+ -- diese Frage ist +eine+ rein +wirtschaftliche+ -- der

Genuß davon ist mehr +ein sinnlicher+, +kein+ rein +geistiger+ -- der

Begriff der Infektionslehre ist +ein moderner+ -- der Hauptzweck der

Regierung war +ein fiskalischer+ -- das Amt des Areopagiten war +ein

lebenslängliches+ -- das Exemplar, das ich bezogen habe, war +ein

gebundnes+ -- das abgelaufne Jahr war für die Geschäftswelt +kein

günstiges+ -- so teilt man die Kirschen, die Regimenter, die Fragen,

die Genüsse usw. in verschiedne Klassen oder Sorten ein und weist

das Subjekt nun einer dieser Sorten zu. Es wäre ganz unmöglich, zu

sagen: diese Frage ist rein +ästhetisch+ oder: das Regiment dort ist

+preußisch+. Die Kirsche ist +sauer+ -- das kann man wohl von einer

unreifen Süßkirsche sagen, aber nicht, wenn man ausdrücken will, daß

die Kirsche zu der Gattung der sauern Kirschen gehöre. Das unflektierte

Adjektiv also urteilt, das flektierte sortiert. An ein Sortieren ist

aber doch nicht zu denken, wenn jemand sagt: meine Arbeit ist +eine

vergebliche+ gewesen. Es fällt dem Schreibenden nicht im Traume ein,

die Arbeiten etwa in erfolgreiche und vergebliche einteilen und nun die

Arbeit, von der er spricht, in die Klasse der vergeblichen einreihen

zu wollen, sondern er will einfach ein Urteil über seine Arbeit

aussprechen. Da genügt es doch, zu sagen: meine Arbeit ist +vergeblich+

gewesen.

In der Unterhaltung sagt denn auch kein Mensch: die Suppe ist

+eine zu heiße+, aber +eine sehr gute+. Der lebendigen Sprache

ist diese unnötige und häßliche Verbreiterung des Ausdrucks ganz

fremd, sie gehört ausschließlich der Papiersprache an, stellt sich

immer nur bei dem ein, der die Feder in die Hand nimmt, oder bei

dem Gewohnheitsredner, der bereits Papierdeutsch spricht, oder dem

gebildeten Philister, der sich am Biertisch in der Sprache seiner

Leibzeitung unterhält. Die Papiersprache kennt gar keine andern

Prädikate mehr. Man sehe sich um: in zehn Fällen neunmal dieses

schleppende flektierte Adjektiv, im Aktendeutsch durchweg, aber auch

in der wissenschaftlichen Darstellung, im Essay, im Leitartikel, im

Feuilleton. Lächerlicherweise ist das Adjektiv dabei oft durch ein

Adverb gesteigert, sodaß gar kein Zweifel darüber sein kann, daß ein

Urteil ausgesprochen werden soll. Aber es wird nirgends mehr geurteilt,

es wird überall nur noch sortiert: das Befinden der Königin ist +ein

ausgezeichnetes+ -- die Ausstattung war +eine überaus vornehme+ --

die Organisation ist +eine sehr straffe, fast militärische+ -- der

Andrang war +ein ganz enormer+ -- der Beifall war +ein wohlverdienter+

-- diese Forderung ist eine +durchaus gerechtfertigte+ -- die Stellung

des neuen Direktors war +eine außerordentlich schwierige+ -- in einigen

Lieferungen ist die Bandbezeichnung +eine falsche+ -- der Erfolg mußte

von vornherein +ein zweifelhafter+ sein -- diese Anschauung vom Leben

der Sprache ist +eine durchaus verkehrte+ -- die Verfrachtung ist +eine

außerordentlich zeitraubende+ und +kostspielige+ -- die Beurteilung

des Gedichts war +eine verschiedne+, doch +günstige+ -- dieser

Standpunkt ist +ein völlig undurchführbarer+ -- die kirchliche Lage

der kleinen Gemeinden war eine +sehr gedrückte, wenig beneidenswerte+

-- die Aussicht auf die kommende Session ist +eine sehr trübe+ --

dieses Gedicht ist +ein+ dem ganzen deutschen Volke +teures+ (!) --

allen Verehrern Moltkes dürfte der Besitz dieses Kunstblattes ein

+sehr willkommner+ (!) sein -- die Notwendigkeit einer Ausdehnung wird

schwerlich so bald +eine fühlbare+ (!) sein usw. Ebenso dann auch in

der Mehrzahl: die Meinungen der Menschen sind +sehr verschiedne+ -- die

Pachtsummen waren schon an und für sich +hohe+ -- die mythologischen

Kenntnisse der Schüler sind gewöhnlich +ziemlich dürftige+ -- ich

glaube nicht, daß die dortigen Verhältnisse von den unsrigen +so

grundverschiedne+ (!) seien. Ist das Prädikat verneint, so heißt es

natürlich +kein+ statt +nicht+: die Schwierigkeiten waren +keine

geringen+ -- die Kluft zwischen den einzelnen Ständen war +keine sehr

tiefe+ -- die Rührung ist +keine erkünstelte+ -- die Grenze ist +keine+

für alle Zeiten +bestimmte+ und +keine+ für alle Orte +gleiche+ -- bei

Goethe und Schiller ist der Abstand von der Gegenwart +kein so starker+

mehr. Eine musterhafte Buchkritik lautet heutzutage so: ist der Inhalt

des Lexikons +ein sehr wertvoller+ und die Behandlung der einzelnen

Punkte +eine vorzügliche+, so hält die Ausstattung gleichen Schritt

damit, denn sie ist +eine sehr gediegne+.[58]

Von dem einfachen mit der Kopula gebildeten Prädikat geht aber der

Schwulst nun weiter zu den Verben, die mit doppeltem Akkusativ, einem

Objekts- und einem Prädikatsakkusativ, verbunden werden. Auch da heißt

es nur noch: diesen Kampf kann man nur +einen gehässigen+ nennen

(statt: +gehässig+ nennen!) -- mehr oder minder sehen wir alle die

Zukunft als +eine ernste+ an (statt: als +ernst+ an) -- ich möchte

diesen Versuch nicht als +einen durchaus gelungnen+ bezeichnen -- ich

bin weit davon entfernt, diese Untersuchung als +eine abschließende+

hinzustellen -- das, was uns diese Tage +zu unvergeßlichen+ macht

(statt: +unvergeßlich+ macht!) -- und passiv: der angerichtete Schade

wird als +ein beträchtlicher+ bezeichnet -- abhängige Arbeit löst sich

los und wird zu +einer unabhängigen+ (statt: wird +unabhängig+) -- bis

die Bildung der Frauen +eine andre+ und +bessere+ wird (statt: +anders+

und +besser+ wird) -- unsre Kenntnis der japanischen Industrie ist

+eine+ viel +umfassendere+ und +gründlichere+ geworden -- durch diese

Nadel ist das Fleischspicken +ein müheloseres+ (!) geworden usw.

Besonders häßlich wird die ganze Erscheinung, wenn statt des Adjektivs

oder neben dem Adjektiv ein aktives Partizip erscheint, z. B.: das

ganze Verfahren ist +ein durchaus+ den Gesetzen +widersprechendes+.

Hier liegt ein doppelter Schwulst vor: statt des einfachen

~verbum finitum~ +widerspricht+ ist das Partizip gebraucht: +ist

widersprechend+, und statt des unflektierten Partizips auch noch das

flektierte: ist +ein widersprechendes+. Aber gerade auch solchen Sätzen

begegnet man täglich: das Ergebnis ist +ein verstimmendes+ -- da die

natürliche Beleuchtung doch immer +eine wechselnde+ ist -- der Anteil

war +ein+ den vorhandnen männlichen Seelen +entsprechender+ -- die

Mache ist +eine verschiedenartige+, der Mangel selbständiger Forschung

aber +ein+ stets +wiederkehrender+ -- die Stellung des Richters ist

+eine+ von Jahr zu Jahr +sinkende+ -- das schließt nicht aus, daß der

Inhalt der Sitte +ein verwerflicher+, d. h. dem wahren Besten der

Gesellschaft +nicht entsprechender+ sei (statt: +verwerflich+ sei,

d. h. +nicht entspreche+) -- die Armierung ist +eine sehr schwache+

und absolut +nicht+ ins Gewicht +fallende+ -- die Sprache des Buchs

ist +eine klare, einfache+ und allgemein +verständliche+, vom Herzen

+kommende+ und zum Herzen +gehende+ -- im ganzen ist das Werk freilich

+kein+ den Gegenstand +erschöpfendes+ -- und auch hier passiv: der

Zweck des Buchs ist ein +durchaus anzuerkennender+ (statt: +durchaus

anzuerkennen+).

Es ist kein Zweifel, daß diese breitspurig einherstelzenden Prädikate

allgemein für eine besondre Schönheit gehalten werden. Wer aber einmal

auf sie aufmerksam gemacht worden oder von selbst aufmerksam geworden

ist, der müßte doch jeden Rest von Sprachgefühl verloren haben, wenn er

sie nicht so schnell wie möglich abzuschütteln suchte.

Eine Menge war oder waren?

Wenn das Subjekt eines Satzes durch ein Wort wie +Zahl+, +Anzahl+,

+Menge+, +Masse+, +Fülle+, +Haufe+, +Reihe+, +Teil+ und ähnliche

gebildet wird, so wird sehr oft im Prädikat ein Fehler im Numerus

gemacht. Zu solchen Wörtern kann nämlich entweder ein Genitiv treten,

der als Genitiv nicht erkennbar und fühlbar ist, sondern wie ein

frei angeschlossener Nominativ erscheint (eine +Menge Menschen+) und

deshalb sogar ein Attribut im Nominativ zu sich nehmen kann (eine

+Menge unbedeutende Menschen+[59]), oder ein auf irgendeine Weise

erkennbar gemachter Genitiv (eine +Menge von Menschen+, eine +Menge

unbedeutender Menschen+); die eine Verbindung ist so gebräuchlich wie

die andre. Nun ist wohl klar, daß in dem ersten Falle das Prädikat

in der Mehrzahl stehn muß; der scheinbare Nominativ +Menschen+ tritt

da so in den Vordergrund, daß er geradezu zum Subjekt, daher für

die Wahl des Numerus im Prädikat entscheidend wird. Ebenso klar ist

aber doch, daß in dem zweiten Falle das Prädikat nur in der Einzahl

stehn kann, denn der abhängige Genitiv +von Menschen+ bleibt im

Hintergrunde, und entscheidend für den Numerus im Prädikat kann dann

nur der Singular +Menge+ sein. Man kann zwar zu solchen Begriffen

-- nach dem Sinne -- das Prädikat auch in die Mehrzahl setzen, aber

doch nur, wenn sie allein stehen; durch den abhängigen deutlichen

Plural-Genitiv wird das zusammenfassende, einheitliche in dem

Begriff +Menge+ so eindringlich fühlbar gemacht, daß es in hohem

Grade stört, wenn man Sätze lesen muß wie: eine auserlesene +Zahl

deutscher Kunstwerke+ sind gegenwärtig in Leipzig zu sehen -- eine

große +Anzahl seiner Erzählungen beginnen+ mit dem jugendlichen Alter

des Helden -- erfreulich ist es, daß eine große +Anzahl unsrer Ärzte+

schon über zehn Jahre ihren Dienst versehen +haben+ -- die größere

+Anzahl+ der Lieder und Bearbeitungen +sind+ nicht frei -- eine +Menge

abweichender Beispiele dürfen+ nicht dazu verleiten, die Regel als

ungiltig zu bezeichnen -- außer den Seen +müssen+ noch eine +Menge

kleiner Kanäle+ benutzt werden -- dem Reichsdeutschen +treten+ in dem

schweizerischen Schriftdeutsch eine ganze +Menge von Besonderheiten+

entgegen -- von diesem schönen Unternehmen +liegen+ nun schon +eine

Reihe+ von Heften vor -- eine +Reihe von Kunstbeilagen ermöglichen+ dem

Kunsthistoriker weitergehendes Studium -- kaum ein halbes +Dutzend der

vorzüglichsten Dramen finden+ nachhaltige Teilnahme -- der größte +Teil

der Grundbesitzer waren+ gar nicht mehr Eigentümer -- ein ganz geringer

+Bruchteil der Stellen sind+ auskömmlich bezahlt -- mindestens ein

+Viertel seiner Lieder stehen+ in jedem Gesangbuche -- wer da weiß, wie

schrecklich unbeholfen die +Mehrzahl unsrer Knaben sind+ -- dem Erfolge

+stehen+ eine +Fülle von verschiednen Bedingungen+ entgegen usw. Alle,

die so schreiben, verraten ein stumpfes Sprachgefühl und lassen sich

von dem Krämer beschämen, der in der Zeitung richtig anzeigt: ein

großer +Posten zurückgesetzter Unterröcke ist+ billig zu verkaufen.

Besonders beleidigend wird der Fehler, wenn das Zeitwort im Plural

unmittelbar vor dem singularischen Begriff der Menge steht.

Umgekehrt sind manche geneigt, alle Angaben von Bruchteilen als

Singulare zu behandeln und zu schreiben: bei Aluminium +wird zwei

Drittel+ des Gewichts erspart -- es +wurde nur fünf Prozent+ der Masse

gerettet. Hier ist der Singular natürlich ebenso anstößig wie in den

vorher angeführten Beispielen der Plural.

Dem Deutschen eigentümlich ist die Anrede +Sie+, eigentlich die

dritte Person der Mehrzahl. Sie ist dadurch entstanden, daß man

vor lauter Höflichkeit den Angeredeten nicht bloß, wie andre

Sprachen, als Mehrzahl, sondern sogar als abwesend hinstellte. Man

wagte gleichsam gar nicht, ihm unter die Augen zu treten und ihn

anzublicken. Das pluralische Prädikat zu diesem +Sie+ wird aber nun

sogar mit singularischen Subjekten verbunden, wie +Eure Majestät+,

+Exzellenz+, +der Herr Hofrat+ (Goethe im Faust: +Herr Doktor wurden+

da katechisiert). So unnatürlich das ist, es wird schwerlich wieder zu

beseitigen sein. Die wunderlichste Folge dieser Spracherscheinung ist

wohl ein Satz wie der: Verzeihen Sie, daß ich +Sie, der Sie+ ohnehin so

beschäftigt +sind+, mit dieser Frage belästige.

Noch ein falscher Plural im Prädikat

Ein Prädikat, das sich auf zwei oder mehr Subjekte bezieht, muß

selbstverständlich im Plural stehen, wenn die Subjekte zu einer Gruppe

zusammengefaßt werden. Das geschieht aber immer, wenn sie durch das

Bindewort +und+ verbunden sind. Dagegen werden die Subjekte niemals zu

einer Gruppe vereinigt, wenn sie mit trennenden (disjunktiven) oder

gegenüberstellenden Bindewörtern verbunden werden -- eigentlich ein

Widerspruch, aber doch nur ein scheinbarer, denn die Verbindung ist

etwas äußerliches, rein syntaktisches, die Gegenüberstellung ist etwas

innerliches, logisches. Zu diesen Bindewörtern (zum Teil eigentlich

mehr Adverbien) gehören: +oder+, +teils -- teils+, +weder -- noch+,

+wie+, +sowie+, +sowohl -- wie+, +sowohl -- als auch+. Es ist eins

der unverkennbarsten Zeichen der zunehmenden Unklarheit des Denkens,

daß in solchen Fällen das Prädikat jetzt immer öfter in den Plural

gesetzt wird. Verhältnismäßig selten liest man ja so unsinnige Sätze

wie: wenn ein schwacher Vater +oder+ eine schwache Mutter der Schule

ein Schnippchen +schlagen+ (+schlägt+!) -- es ist sehr fraglich, ob ein

roher, trunksüchtiger Mann +oder+ eine böse, schlecht wirtschaftende

Frau im Hause mehr Schaden +anrichten+ (+anrichtet+!) -- so war es

+teils+ die Willkür des Geschmacks, +teils+ die Willkür des Zufalls,

die zu entscheiden +hatten+ (+hatte+!) -- oder gar: sein Milieu, +wenn

nicht+ etwas andres in ihm, +erhalten+ (+erhält+!) ihn unparteiisch

und nüchtern. Aber schon etwas ganz alltägliches ist der Fehler bei

+weder -- noch+: wenn +weder+ der Beklagte +noch+ er selbst +sich

stellen+ -- während doch sonst +weder+ Tinte +noch+ Papier gespart

+werden+ -- da +weder+ der Vater +noch+ die Mutter des Jungen mit uns

das geringste zu tun +haben+ -- +weder+ die Gräfin +noch+ ihr Bruder

+verfügen+ über ein größeres Vermögen -- +weder+ Boccaccio +noch+

Lafontaine +haben+ solche Abweichungen geduldet -- +weder+ Preußen

+noch+ das junge Reich +waren+ stark genug, das Zentrum zu überwinden.

Am häufigsten wird der Fehler bei +wie+, +sowie+ und den verwandten

Verbindungen begangen: die vornehme Salondame +wie+ die schlichte

Hausfrau +stellen+ an Dienstboten oft unerhörte Anforderungen -- der

Verfasser zeigt, wie sich von da an das Heer +wie+ das Reich immer mehr

+barbarisierten+ -- da der Rationalismus den Grundzug dieser Religion

bildet, so ist es klar, daß ihr der Gebildete +wie+ der Ungebildete in

gleicher Weise +anhängen+ -- die Ausbildung der städtischen Verfassung

+wie+ die Entwicklung der Fürstentümer +zwangen+ zur Vermehrung der

Beamten -- der höchste Gerichtshof +sowie+ der Rechnungshof des Reichs

+befinden+ sich nicht in der Reichshauptstadt -- Frankreich +sowohl

wie+ Deutschland +entwickeln sich+ sozialistisch -- Custine +sowohl

wie+ die französische Regierung +waren+ hinlänglich davon unterrichtet

-- +sowohl+ der romantische +als+ der realistische Meister +hatten+ der

Entwicklung eine breite Bahn geöffnet -- +sowohl+ der Wortschatz +als

auch+ die Formenlehre +haben+ im Verlaufe von hundert Jahren merkliche

Veränderungen erfahren -- die freundlichen Worte, die +sowohl+ der

Vizepräsident an mich +als auch+ der Herr Ministerpräsident an die

Direktoren gerichtet +haben+. In allen diesen Sätzen kann gar kein

Zweifel sein, daß nur von einem Singular etwas ausgesagt wird. Dieser

Singular wird einem andern Singular gleichgestellt, von dem dieselbe

Aussage gilt. Aber dadurch wird doch aus den beiden Singularen noch

kein Plural. Wer das Prädikat in den Plural setzen will, muß eben die

Subjekte durch +und+ verbinden, nicht durch +wie+.

Das Passivum. Es wurde sich

Beim Gebrauche der Zeitwörter kommen in Betracht die Genera (Aktivum

und Passivum), die Tempora und die Modi. Im Gebrauche der Genera

können kaum Fehler vorkommen. Zu warnen ist nur vor der unter Juristen

und Zeitungschreibern weit verbreiteten Gewohnheit, alles passivisch

auszudrücken, z. B.: namentlich muß +von dem+ obersten +Leiter+ der

Politik dieser Zustand als eine Erschwerung seines Amtes +empfunden

werden+ (statt: der oberste Leiter muß empfinden) -- das hat sehr dazu

beigetragen, +daß von der Regierung+ nicht an den bisher befolgten

sozialpolitischen Grundsätzen +festgehalten worden ist+ (statt: daß

die Regierung nicht festgehalten hat) -- bei einem Pachtverhältnis

sollte +von seiten (!) des+ Verpächters nicht bloß auf die Höhe der

gebotnen Pachtsumme +gesehen werden+, sondern auch die Persönlichkeit

des Bewerbers +berücksichtigt+ und auf dessen Befähigung Wert

+gelegt werden+ (statt: der Verpächter sollte berücksichtigen). Das

nächstliegende ist doch immer das Aktivum.

Geschmacklos ist es, ein Passivum von einem reflexiven Zeitwort zu

bilden: es brach ein Gewitter los, und +es wurde sich+ in ein Haus

+geflüchtet+ -- mit dem Beschlusse des Rats +wurde sich+ einverstanden

+erklärt+ -- über dieses Thema +ist sich+ in pädagogischen

Zeitschriften wiederholt +geäußert worden+. Dergleichen Sätze kann man

höchstens im Scherz bilden. In gutem Deutsch müssen sie mit Hilfe des

Fürworts +man+ umschrieben werden.

Ist gebeten oder wird gebeten?

Zahlreiche Verstöße werden gegen den richtigen Gebrauch der Tempora

begangen. Ganz undeutsch und nichts als eine gedankenlose Nachäfferei

des Französischen, noch dazu eines falsch verstandnen Französisch,

ist es, zu schreiben: die Mitglieder +sind gebeten+, pünktlich zu

erscheinen. In dem Augenblicke, wo jemand eine derartige Aufforderung

erhält, +ist+ er noch nicht gebeten, sondern er +wird+ es erst. Man

kann wohl sagen: du +bist geladen+, d. h. betrachte dich hiermit als

geladen. Aber die Mitteilung einer Bitte, einer Einladung usw. kann nur

durch das Präsens, nicht durch das Perfektum ausgedrückt werden.

Mißbrauch des Imperfekts

Ganz widerwärtig und ein trauriges Zeichen der zunehmenden Abstumpfung

unsers Sprachgefühls ist ein Mißbrauch des Imperfekts, der seit einiger

Zeit mit großer Schnelligkeit um sich gegriffen hat.

Das Imperfektum ist in gutem Deutsch das Tempus der Erzählung. Was

heißt erzählen?

Mariandel kommt weinend aus der Kinderstube und klagt: +Wolf hat+

mich +geschlagen+! Die Mutter nimmt sie auf den Schoß, beruhigt sie

und sagt: erzähle mir einmal, wies zugegangen ist. Und nun erzählt

Mariandel: ich +saß+ ganz ruhig da und +spielte+, da +kam+ der böse

Wolf und +zupfte+ mich am Haar usw. Mit dem Perfektum also hat sie die

erste Meldung gemacht; auf die Aufforderung der Mutter, zu erzählen,

springt sie sofort ins Imperfektum über. Da sehen wir deutlich den Sinn

des Imperfekts. Erzählen heißt aufzählen, herzählen. Das Wesentliche

einer Erzählung liegt in dem Eingehen in Einzelheiten. Weiterhin

besteht aber zwischen Imperfekt und Perfekt auch ein Unterschied in

der Zeitstufe: das Imperfekt berichtet früher geschehene Dinge (man

kann sich meist ein +damals+ dazu denken), das Perfektum Ereignisse,

die sich soeben zugetragen haben, wie der Schlag, den Mariandel

bekommen hat. Wenn ich eine Menschenmasse auf der Straße laufen sehe

und frage: was gibts denn? so wird mir geantwortet: der Blitz +hat

eingeschlagen+, und am Markt +ist+ Feuer +ausgebrochen+; d. h. das ist

soeben geschehen. Wenn ich dagegen nach einigen Wochen oder Jahren über

den Vorgang berichte, kann ich nur sagen: der Blitz +schlug ein+, und

am Markte +brach+ Feuer +aus+. Nur wenn ich etwas, was mir ein andrer

erzählt hat, weiter erzähle, gebrauche ich das Perfektum; selbst dann,

wenn mirs der andre im Imperfekt erzählt hat, weil ers selbst erlebt,

selbst mit angesehen hatte, kann ich es nur im Perfekt weiter erzählen.

Wollte ich auch im Imperfekt erzählen, so müßte ich auf die Frage

gefaßt sein: bist du denn dabei gewesen?

Also mit dem Imperfekt wird erzählt, und zwar selbsterlebtes; es

ist daher das durchgehende Tempus aller Romane, aller Novellen,

aller Geschichtswerke, denn sowohl der Geschichtschreiber wie der

Romanschreiber berichtet so, als ob er dabeigewesen wäre und die Dinge

selbst mit angesehen hätte. Das Perfektum ist dagegen das Tempus der

bloßen Meldung, der tatsächlichen Mitteilung. Der Unterschied ist so

handgreiflich, daß man meinen sollte, er könnte gar nicht verwischt

werden.

Nun sehe man einmal die kurzen Meldungen in unsern Zeitungen an, die

das Neueste vom Tage bringen, unter den telegraphischen Depeschen,

unter den Stadtnachrichten usw. -- ist es nicht widerwärtig, wie da

das Imperfekt mißbraucht wird? Da heißt es: Prinz A. +erkrankte+

schwer in Venedig; seine Gemahlin +reiste+ aus München dahin ab --

Bahnhofsinspektor S. in R. +erhielt+ das Ritterkreuz zweiter Klasse

-- in Heidelberg +starb+ Professor X -- Minister Soundso +reichte+

seine Entlassung +ein+ -- in Dingsda +wurde+ die Sparkasse +erbrochen+

-- ein merkwürdiges Buch +erschien+ in Turin. Wann denn? fragte man

unwillkürlich, wenn man so etwas liest. Du willst mir doch eine

Neuigkeit mitteilen und drückst dich aus, als ob du etwas erzähltest,

was vor dreihundert Jahren geschehen wäre. Ein merkwürdiges Buch

+erschien+ in Turin -- das klingt doch, als ob der Satz aus einer

Kirchengeschichte Italiens genommen wäre.

Allerhand Sprachdummheiten Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen · 第 7 / 41 段