verurteilen. Der wirklich pluralischen Zusammensetzungen und der
pluralisch gefühlten gibt es zu viel, als daß ihnen ein Eingreifen
in dieses Gebiet der Zusammensetzungen mit Gattungsbegriffen
verwehrt werden könnte. Schwankt man doch auch in Zusammensetzungen
wie +Anwaltstag+, +Juristentag+, +Ärztetag+, +Bischofkonferenz+,
+Rektorenkonferenz+, +Gastwirtverein+, +Gastwirtstag+,
+Architektenverein+ u. a. Wenn etwas hier bestimmend wäre, so könnte es
nur der Wohlklang sein. Die schwach deklinierten ziehen augenscheinlich
den Plural, die stark deklinierten den Singular vor; zu +Ärztetag+ hat
man ausnahmsweise gegriffen, weil +Arzttag+ undeutlich, +Arztstag+
unerträglich klingt, während gegen eine +Arztversammlung+ niemand
etwas einwenden wird, also auch die +Ärztekammer+ (statt +Arztkammer+)
überflüssig war, ebenso überflüssig wie der +Wirteverein+. Höchst
ärgerlich aber ist es, wenn man, nachdem man vierzig Jahre lang von
+Kollegienheften+ hat sprechen hören, plötzlich an dem Ladenfenster
eines Schreibwarenkrämers +Kolleghefte+ angepriesen sieht. Aber der
gute Mann macht es ja bloß den Professoren nach, die jetzt keine
+Kollegiengelder+ mehr beanspruchen, sondern +Kolleggelder+!
Zeichnenbuch oder Zeichenbuch?
Die falschen Zusammensetzungen +Zeichnenbuch+, +Zeichnensaal+,
+Rechnenheft+ sind in der Schule, wo sie sich früher auch breitmachten,
jetzt wohl überall glücklich wieder beseitigt; außerhalb der Schule
aber spuken sie doch noch und gelten noch immer manchen Leuten für das
Richtige. In Wahrheit sind es Mißbildungen. Wenn in Zusammensetzungen
das Bestimmungswort ein Verbum ist, so kann dieses nur in der Form des
Verbalstammes erscheinen; daher heißt es: +Schreibfeder+, +Reißzeug+,
+Stimmgabel+, +Druckpapier+, +Stehpult+, +Rauchzimmer+, +Laufbursche+,
+Spinnstube+, +Trinkhalle+, +Springbrunnen+, +Zauberflöte+, oder auch
mit einem Bindevokal: +Wartesaal+, +Singestunde+, +Bindemittel+.[49]
Nun gibt es aber Verbalstämme, die auf n ausgehen, z. B. +zeichen+,
+rechen+, +trocken+, +turn+; die Infinitive dazu heißen: +rechnen+
(eigentlich +rechenen+), +zeichnen+ (eigentlich +zeichenen+),
+trocknen+, +turnen+. Werden diese in der Zusammensetzung verwendet,
so können natürlich nur Formen entstehen wie +Rechenstunde+,
+Zeichensaal+, +Trockenplatz+, +Turnhalle+. Wäre +Rechnenbuch+ und
+Zeichnensaal+ richtig, so müßte man doch auch sagen: +Trocknenplatz+,
+Turnenhalle+, ja auch +Schreibenfeder+ und +Singenstunde+.
Das Binde-s
In ganz unerträglicher Weise greift jetzt das unorganisch eingeschobne
s in zusammengesetzten Wörtern um sich. In +Himmelstor+, +Gotteshaus+,
+Königstochter+, +Gutsbesitzer+, +Feuersnot+, +Wolfsmilch+ kann
man ja überall das s als die Genitivendung des männlichen oder
sächlichen Bestimmungswortes auffassen, wiewohl es auch solche
Zusammensetzungen gibt, in denen der Genitiv keinen Sinn hat, das s
also nur als Bindemittel betrachtet werden kann, z. B. +Rittersmann+,
+segensreich+ (Schiller hat in der Glocke noch richtig +segenreiche
Himmelstochter+ geschrieben). Aber wie kommt das s an Wörter
weiblichen Geschlechts, die gar keinen Genitiv auf s bilden können?
Wie ist man dazu gekommen, zu bilden: +Liebesdienst+, +Hilfslehrer+,
+Geschichtsforscher+, +Bibliotheksordnung+, +Arbeitsliste+,
+Geburtstag+, +Hochzeitsgeschenk+, +Weihnachtsabend+, +Fastnachtsball+,
+Zukunftsmusik+, +Einfaltspinsel+, +Zeitungsschreiber+, +Hoheitsrecht+,
+Sicherheitsnadel+, +Wirtschaftsgeld+, +Konstitutionsfest+,
+Majestätsbeleidigung+, +ausnahmsweise+, +rücksichtsvoll+,
+vorschriftsmäßig+?
Dieses Binde-s stammt ebenso wie das falsche Plural-s (vgl. S. 23) aus
dem Niederdeutschen. Dort wird es wirklich aus Verlegenheit gebraucht,
um von artikellosen weiblichen Hauptwörtern einen Genitiv zu bilden,
natürlich immer nur dann, wenn er dem Worte, von dem er abhängt,
voransteht, wie +Mutters+ Liebling, vor +Schwesters Tür+, +Madames+
Geschenk (Lessing: +Antworts+ genug, über +Naturs+ Größe), und so ist
aus diesem Verlegenheits-s dann das Binde-s geworden. Es gehört aber
erst der neuern Zeit an. Im Mittelhochdeutschen findet es sich nur
vereinzelt, erst im Neuhochdeutschen ist es eingedrungen, hat sich
dann mit großer Schnelligkeit verbreitet und sucht sich noch immer
weiter zu verbreiten. Schon fängt man an zu sagen: +Doktorsgrad+,
+Wertspapiere+, +Raumsgestaltung+, +Gesteinsmassen+, +Gewebslehre+,
+Gesangsunterricht+, +Kapitalsanlage+, +Inventursaufnahme+,
+Examensvorbereitung+, +Aufnahmsprüfung+, +Einnahmsquelle+,
+teilnahmslos+, +Niederlagsraum+, +Schwadronsbesichtigung+, ja
in einzelnen Gegenden Deutschlands, namentlich am Rhein, sogar
schon +Stiefelsknecht+, +Erbsmasse+ (statt Erbmasse), +Ratshaus+,
+Stadtsgraben+, +Nachtswächter+, +Zweimarksstück+, +Schiffsbruch+,
+Kartoffelsbrei+ u. a. In Leipzig sind wir neuerdings mit einem
+Kajütsbureau+ beglückt worden (!), und die sächsischen Eisenbahnen
reden seit einiger Zeit nur noch von +Zugsverkehr+, +Zugsverbindungen+
und +Zugsverspätungen+. Das widerwärtigste aber wegen ihrer Häufigkeit
sind wohl die Zusammensetzungen mit +Miets-+ und +Fabriks-+: das
+Mietshaus+, die +Mietskaserne+, der +Mietsvertrag+, der +Mietspreis+,
der +Fabriksdirektor+, das +Fabriksmädchen+, das tollste der in
rheinischen Städten übliche +Stehsplatz+ und der +Verpflegsdienst+. Das
Binde-s hinter einem Verbalstamm eingeschmuggelt!
Nur +eine+ Wortgattung hat sich des Eindringlings bis jetzt glücklich
erwehrt: die Stoffnamen. Von +Gold+, +Silber+, +Wein+, +Kaffee+,
+Mehl+, +Zucker+ usw. wird nie eine Zusammensetzung mit dem Binde-s
gebildet. Nur mit +Tabak+ hat man es gewagt: +Tabaksmonopol+,
+Tabaksmanufaktur+, natürlich durch das verwünschte k verführt.
Der +Fabrikstabak+ und die +Tabaksfabrik+ sind einander wert. Die
+Tabakspfeife+ geht freilich schon weit zurück.
Wo das falsche s einmal festsitzt, da ist nun freilich jeder Kampf
vergeblich, und das ist der Fall bei allen Zusammensetzungen mit
+Liebe+, +Hilfe+, +Geschichte+, hinter vielen weiblichen Wörtern,
die auf t endigen, ferner bei allen, die mit +ung+, +heit+, +keit+
und +schaft+ gebildet sind, endlich bei den Fremdwörtern auf +ion+
und +tät+. Hier jetzt noch den Versuch zu machen, das s wieder
loszuwerden, wäre wohl ganz aussichtslos.[50] Wo es sich aber noch
nicht festgesetzt hat, wo es erst einzudringen versucht, wie hinter
+Fabrik+ und +Miete+, da müßte doch der Unterricht alles aufbieten, es
fernzuhalten, das Sprachgefühl für den Fehler wieder zu schärfen.[51]
Es ist das nicht so schwer, wie es auf den ersten Blick scheint, denn
dieses Binde-s ist ein solcher Wildling, daß es nicht die geringste
Folgerichtigkeit kennt. Warum sagt man +Rindsleder+, +Schweinsleder+,
+vertragsbrüchig+, +inhaltsreich+, +beispielsweise+, +hoffnungslos+,
da man doch +Kalbleder+, +Schafleder+, +wortbrüchig+, +gehaltreich+,
+schrittweise+, +gefühllos+ sagt? Hie und da scheint wieder der
Wohllaut im Spiele zu sein, aber doch nicht immer.
Nach +Hilfe+ wird übrigens in der guten Schriftsprache ein Unterschied
beobachtet: man sagt +Hilfsprediger+, +Hilfslehrer+, +Hilfsbremser+,
+hilfsbedürftig+ und +hilfsbereit+, auch +aushilfsweise+, dagegen
+Hilferuf+ und +Hilfeleistung+, weil man bei diesen beiden das
Akkusativverhältnis fühlt, bei den übrigen bloß die Zusammensetzung.
Ähnlich ist es mit +Arbeitgeber+ im Gegensatz zu +Arbeitsleistung+,
+Arbeitsteilung+, mit +staatserhaltend+ und +vaterlandsliebend+ im
Gegensatz zu +kriegführend+, +rechtsuchend+, +betriebstörend+. Niemand
redet von +kriegsführenden+ Mächten, auch nicht von +Kriegsführung+,
weil hier die einzelne Handlung vorschwebt und deshalb der Akkusativ
(Krieg) deutlich gefühlt wird, während +vaterlandsliebend+ und
+staatserhaltend+ eine dauernde Gesinnung bezeichnen. Was nützt
aber die Freude über diesen feinen Unterschied? In der nächsten
Zeitungsnummer stößt man auf den +geschäftsführenden+ Ausschuß, auf
die +verkehrshindernde+ Barriere und auf die +vertragsschließenden+
Parteien.[52]
ig, lich, isch. Adlig, fremdsprachlich, vierwöchig, zugänglich
Eigenschaftswörter können im Deutschen von Hauptwörtern auf sehr
verschiedne Arten gebildet werden: mit +ig+, +lich+, +isch+, +sam+,
+bar+, +haft+ usw. Zwischen allen diesen Bildungen waren ursprünglich
fühlbare Bedeutungsunterschiede, die heute vielfach verwischt sind.
Doch sind sie auch manchmal noch deutlich zu erkennen, selbst bei den
am häufigsten verwendeten und deshalb am meisten verblaßten Endungen
+ig+, +lich+ und +isch+; man denke nur an +weiblich+ und +weibisch+,
+kindlich+ und +kindisch+, +herrlich+ und +herrisch+, +launig+ und
+launisch+, +traulich+ und +mißtrauisch+, +göttlich+ und +abgöttisch+,
+väterlich+ und +altväterisch+, +gläubig+ und +abergläubisch+ u. a.
Das von +Adel+ gebildete Adjektiv soll nach der „neuen Orthographie“
nun endgiltig +adlig+ geschrieben werden. Es schadet aber vielleicht
nichts, wenn man sich darüber klar bleibt, daß das eigentlich falsch
ist. +Adlich+ ist entstanden aus +adel-lich+, es gehört zu +königlich+,
+fürstlich+, +ritterlich+, +männlich+, +weiblich+, +geistlich+,
+weltlich+, +fleischlich+, aber nicht zu +heilig+, +geistig+,
+luftig+, +fleißig+, +steinig+, +ölig+, +fettig+, +schmutzig+.
Dieselbe Verwirrung des Sprachgefühls wie bei +adlig+ findet sich
auch bei +billig+ (das noch bis in das siebzehnte Jahrhundert richtig
+billich+ geschrieben wurde) und bei +unzählig+ und +untadlig+, die
eigentlich +unzählich+ und +untadlich+ geschrieben werden müßten. Nur
bei +allmählich+, das eine Zeit lang allgemein falsch +allmählig+
geschrieben wurde (es ist aus +allgemächlich+ entstanden), ist das
richtige in neuerer Zeit wiederhergestellt worden, wohl deshalb, weil
hier doch gar zu offenbar ist, daß das l nicht zum Stamme gehören kann.
Wenn aus einem Substantiv mit vorhergehendem Eigenschaftswort oder
Zahlwort ein Adjektiv gebildet wird, so geschieht es immer mit
der Endung +ig+. Bei +kurzweilig+, +langstielig+, +großmäulig+,
+dickfellig+, +gleichschenklig+, +rechtwinklig+, +vierzeilig+ könnte
man meinen, sie wären deshalb auf ig gebildet worden, weil der
Stamm auf l endigt; es heißt aber auch: +fremdartig+, +treuherzig+,
+gutmütig+, +schöngeistig+, +freisinnig+, +hartnäckig+, +vollblütig+,
+breitschultrig+, +schmalspurig+, +freihändig+, +buntscheckig+,
+eintönig+, +vierprozentig+ usw.
Da hat man nun neuerdings +fremdsprachlich+ und +neusprachlich+
gebildet -- ist das richtig? Leider Gottes! muß man sagen. Diese
Adjektiva sind nicht etwa entstanden zu denken aus +fremd+ und
+Sprache+, +neu+ und +Sprache+ (so wie +fremdartig+ aus +fremd+ und
+Art+), sondern es sollen Adjektivbildungen zu +Fremdsprache+ und
+Neusprache+ sein. Diese beiden herrlichen Wörter hat man nämlich
gebildet, um nicht mehr von +fremden+ und +neuen Sprachen+ reden
zu müssen; nur die +Altsprachen+ fehlen noch, aber stillschweigend
vorausgesetzt werden sie auch, denn neben +neusprachlich+ steht
natürlich +altsprachlich+. Und wie man nun nicht mehr von
+Sprachunterricht+, sondern nur noch von +sprachlichem+ Unterricht
redet, so nun auch von +fremdsprachlichem+, +altsprachlichem+
und +neusprachlichem+. Neben diesen Bildungen gibt es aber auch
+fremdsprachig+, das nun wirklich aus +fremd+ und +Sprache+
gebildet ist. Während mit +fremdsprachlich+ bezeichnet wird, was
sich auf eine fremde Sprache bezieht, bezeichnet +fremdsprachig+
eine wirkliche Eigenschaft. Man redet oder kann wenigstens reden
von +fremdsprachigen+ Völkern, +fremdsprachigen+ Büchern, einer
+fremdsprachigen+ Literatur (wie von einer +dreisprachigen+ Inschrift
und einer +gemischtsprachigen+ Bevölkerung). Sogar ein Unterricht kann
zugleich +fremdsprachlich+ und +fremdsprachig+ sein, wenn z. B. der
Lehrer die Schüler im Französischen unterrichtet und dabei zugleich
französisch spricht. +Fremdsprachig+ steht also neben +fremdsprachlich+
wie +gleichaltrig+ (gebildet aus +gleich+ und +Alter+) neben
+mittelalterlich+ (gebildet von +Mittelalter+).
Streng zu scheiden ist zwischen den Bildungen auf +ig+ und denen auf
+lich+ bei den Adjektiven, die von +Jahr+, +Monat+, +Tag+ und +Stunde+
gebildet werden. Auch hier bezeichnen die auf +ig+ eine Eigenschaft,
nämlich die Dauer: +zweijährig+, +eintägig+, +vierstündig+.
Bis vor kurzem konnte man zwar oft von einem +dreimonatlichen
Urlaub+ oder einer +vierwöchentlichen+ Reise lesen; jetzt wird
erfreulicherweise fast überall nur noch von einem +dreimonatigen+
Urlaub und einer +vierwöchigen+ Reise gesprochen. Dagegen bezeichnen
+einstündlich+, +dreimonatlich+ so gut wie +jährlich+, +halbjährlich+,
+vierteljährlich+, +monatlich+, +wöchentlich+, +täglich+ und
+stündlich+ den Zeitabstand von wiederkehrenden Handlungen. Da heißt
es: in +dreimonatlichen+ Raten zu zahlen, +einstündlich+ einen Eßlöffel
voll zu nehmen, ebenso wie: nach +vierteljährlicher Kündigung+. Unsinn
also ist es, von +halbjährigen+ öffentlichen Prüfungen zu reden;
es gibt nur +halbjährliche+, das sind solche, die alle halben Jahre
stattfinden, und +halbstündige+, das sind solche, die eine halbe Stunde
dauern.
Falsch ist es auch, von einem +unförmlichen+ Fleischklumpen zu reden.
+Unförmlich+ könnte nur als Verneinung von +förmlich+ verstanden
werden. Das Betragen eines Menschen kann +unförmlich+ sein (ohne
Förmlichkeit, formlos), ein Fleischklumpen aber nur +unförmig+
(gebildet von +Unform+; vgl. +unsinnig+ und +unsinnlich+).
Genau zu unterscheiden ist endlich auch noch zwischen +abschlägig+
(eine +abschlägige+ Antwort) und +abschläglich+ (eine +abschlägliche+
Zahlung). +Abschlägig+ ist unmittelbar aus dem Verbalstamm gebildet,
eine +abschlägige+ Antwort ist eine abschlagende; +abschläglich+
dagegen ist von +Abschlag+ gebildet, eine +abschlägliche+ Zahlung
ist eine +Abschlagszahlung+. (Vgl. +geschäftig+ und +geschäftlich+.)
Wenn Kaufleute oder Buchhändler neuerdings davon reden, daß Waren
oder Bücher wegen ihres niedrigen Preises den weitesten Kreisen
+zugängig+ seien, oder eine Zeitung schreibt: die Kinder müssen so
viel Deutsch lernen, daß ihnen die deutsche Kultur +zugängig+ ist,
oder das „Tuberkulosemerkblatt“ des Kaiserlichen Gesundheitsamtes als
Hauptmittel gegen die Ansteckung eine dem Zutritte (!) von Luft und
Licht +zugängige+ Wohnung bezeichnet, so ist das dieselbe Verwechslung.
Die Wohnung soll der Luft +zugänglich+ sein, d. h. sie soll der Luft
+Zugang+ bieten. +Zugängig+ könnte höchstens (aktiv!) etwas bedeuten,
was jedermann zugeht, z. B. die Probenummer einer Zeitung, wie das
neumodische +angängig+ (für +möglich+) doch das bedeuten soll, was
angeht. (Vgl. auch +verständlich+ und +verständig+.) Wenn also amtlich
bekanntgemacht wird, daß die sächsischen Sterbetaler der Allgemeinheit
unmittelbar +zugängig+ gemacht werden sollen, so könnte ich mit Recht
sagen: Schön, wann wird mir der meinige zugeschickt? Der Unterschied
liegt auf der Hand, und doch hat das dumme +zugängig+ in der letzten
Zeit mit ungeheurer Schnelligkeit um sich gegriffen.
Goethe’sch oder Goethisch? Bremener oder Bremer?
Eine rechte Dummheit ist in der Bildung der Adjektiva auf +isch+
eingerissen bei Orts- und Personennamen, die auf e endigen; man liest
nur noch von der +Halle’schen+ Universität, von +Goethe’schen+ und
+Heine’schen+ Gedichten und von der +Ranke’schen+ Weltgeschichte. Man
übersehe ja den Apostroph nicht; ohne den Apostroph würde die Sache den
Leuten gar keinen Spaß machen. In dieses Häkchen sind Schulmeister und
Professoren ebenso verliebt wie Setzer und Korrektoren (vgl. S. 8).
Die Adjektivendung +isch+ muß stets unmittelbar an den Wortstamm
treten. Von +Laune+ heißt das Adjektiv +launisch+, von +Hölle+
+höllisch+, von +Satire+ +satirisch+, von +Schwede+ +schwedisch+;
niemand spricht von +laune’schen+ Menschen, +hölle’schen+ Qualen,
+satire’schen+ Bemerkungen oder +schwede’schen+ Streichhölzchen. Und
sagt oder schreibt wohl ein vernünftiger Mensch: dieses Gedicht klingt
echt +Goethe’sch+? oder: mancher versucht zwar Ranke nachzuahmen,
aber seine Darstellung klingt gar nicht +Ranke’sch+? Jeder sagt doch:
es klingt +Goethisch+, es klingt +Rankisch+. Wenn man aber in der
undeklinierten, prädikativen Form das Adjektiv richtig bildet, warum
denn nicht in der attributiven, deklinierten? Es könnte wohl am Ende
einer denken, der Dichter hieße +Goeth+ oder +Goethi+, wenn man von
+Goethischen+ Gedichten spricht? Denkt vielleicht bei der +hansischen+
Geschichte irgend jemand an einen +Hans+ oder +Hansi+? August Hermann
Francke, der Stifter des +Hallischen+ Waisenhauses (noch bis ins
achtzehnte Jahrhundert hinein sagte man sogar mit richtigem Umlaut
+hällisch+),[53] würde sich im Grabe umdrehen, wenn er wüßte, daß
seine Stiftung jetzt das +Halle’sche+ Waisenhaus genannt wird. Genau
so lächerlich aber sind die +Laube’schen+ Dramen, die +Raabe’schen+
Erzählungen, das +Fichte’sche+ System, die +Heyse’schen+ Novellen, die
+Stolze’sche+ Stenographie, der +Grote’sche+ Verlag, die +Moltke’sche+
Strategie und der +Lippe’sche+ Erbfolgestreit. Unbegreiflicherweise
stammelt man jetzt sogar in Germanistenkreisen von der +Manesse’schen+
Handschrift, die doch seit Menschengedenken die +Manessische+ geheißen
hat.[54]
Man spricht aber neuerdings auch von dem +Meiningen’schen+ Theater
(statt vom +Meiningischen+), von +rügen’schen+ Bauernsöhnen (statt von
+rügischen+), vom +schonen’schen+ Hering (statt vom +schonischen+) und
von +hohenzollern’schem+ Hausbesitz (statt von +hohenzollerischem+).
Dann wollen wir nur auch in Zukunft von +thüringen’schen+ Landgrafen
reden, von der +franken’schen+ Schweiz, vom +sachsen’schen+ und vom
+preußen’schen+ König! Nein, auch hier ist die Bildung unmittelbar aus
dem Wortstamm das einzig richtige. Die Ortsnamen auf +en+ sind meist
alte Dative im Plural. Wenn ein Adjektiv auf +isch+ davon gebildet
werden soll, so muß die Endung +en+ erst weichen. Es kann also nur
heißen: +hohenzollerisch+, +meiningisch+.
Derselbe Unsinn wie in +meiningen’sch+ liegt übrigens auch in Bildungen
wie +Emdener+, +Zweibrückener+, +Eislebener+, +St. Gallener+ vor; da
ist die Endung +er+ an die Endung +en+ gefügt, statt an den Stamm. In
den genannten Orten selbst, wo man wohl am besten Bescheid wissen wird,
wie es heißen muß, kennt man nur +Emder+, +Zweibrücker+, +Eisleber+,
(das +Eisleber+ Seminar), +St. Galler+, wie anderwärts +Bremer+,
+Kempter+, +Gießer+ (meine +Gießer+ Studentenjahre), +Barmer+. Bei
+Bingen+ ist das +Binger+ Loch, und in Emden wird einer sofort als
Fremder erkannt, wenn er von der +Emdener+ Zeitung redet. Ein wahres
Glück, daß der +Nordhäuser+ und der +Steinhäger+ schon ihre Namen
haben! Heute würden sie sicherlich +Nordhausener+ und +Steinhagener+
genannt werden: Geben Sie mir einen +Nordhausener+![55]
All dieser Unsinn hat freilich eine tiefer sitzende Ursache, er
hängt zusammen mit der traurigen Namenerstarrung, zu der wir erst im
neunzehnten Jahrhundert gekommen sind, und die, wie so manche andre
Erscheinung in unserm heutigen Sprachleben, eine Folge des alles
beherrschenden juristischen Geistes unsrer Zeit ist. Im fünfzehnten,
ja noch im sechzehnten Jahrhundert bedeutete ein Name etwas. Um 1480
heißt derselbe Mann in Leipziger Urkunden bald +Graue Hänsel+, bald
+Graue Henschel+, bald +Hänsichen Grau+, um 1500 derselbe Mann bald
+Schönwetter+, bald +Hellwetter+, derselbe Mann bald +Sporzel+,
bald +Sperle+ (Sperling), derselbe Mann bald +Sachtleben+, bald
+Sanftleben+, derselbe Mann bald +Meusel+, bald +Meusichen+, Albrecht
Dürer nennt 1521 in dem Tagebuch seiner niederländischen Reise seinen
Schüler +Hans Baldung+, der den Spitznamen der +grüne+ (mundartlich
der +griene+) +Hans+ führte, nur den +Grünhans+,[56] und selbst als
sich längst bestimmte Familiennamen festgesetzt hatten, behandelte
man sie doch immer noch wie alle andern Nomina, man scherte sich
den Kuckuck um ihre Orthographie, man deklinierte sie, man bildete
frischweg Feminina und Adjektiva davon wie von jedem Appellativum.
Noch Ende des achtzehnten Jahrhunderts berichtete der Leipziger
Rat an die Landesregierung, daß er Gottfried +Langen+, Hartmann
+Wincklern+, Friedrich +Treitschken+, Tobias +Richtern+ und Jakob
+Bertramen+ zu Ratsherren gewählt habe. Frau Karsch hieß bei den
besten Schriftstellern die +Karschin+ (das heute von „gebildeten“
Leuten wie +Berlin+ betont wird!), und so war es noch zu Anfange des
neunzehnten Jahrhunderts. Heute ist ein Name vor allen Dingen eine
unantastbare Reihe von Buchstaben. Wehe dem, der sich daran vergreift!
Wehe dem, der es wagen wollte, den großen +Winckelmann+ jetzt etwa
+Winkelmann+ zu schreiben, weil man auch den +Winkel+ nicht mehr mit
ck schreibt, oder +Joachimsthal+ mit T, weil man auch das +Tal+ jetzt
nicht mehr mit Th schreibt, oder gar +Goethe+ mit ö! Er wäre sofort
von der Wissenschaft in Acht und Bann getan. Das alles haben wir dem
grenzenlosen juristischen Genauigkeitsbedürfnis unsrer Zeit zu danken,
das keinen gesunden Menschenverstand kennt und anerkennt, das alles
äußerlich in Buchstaben „festlegen“ muß, und dessen höchster Stolz es
ist, selbst eine Straße mit einem Vornamen, eine Stiftung mit einem
Doktortitel und ein Denkmal mit einem Doktortitel und einem Vornamen
zu schmücken: +Gustav Freytag-Straße+, ~Dr.~ +Wünsche-Stiftung+, ~Dr.~
+Karl Heine-Denkmal+.
Hallenser und Weimaraner
Daß wir Deutschen bei unsrer großen Gelehrsamkeit und
Gewissenhaftigkeit die Bewohner fremder Länder und Städte mit einer
wahren Musterkarte von Namenbildungen versehen, ist zwar sehr komisch,
aber doch immerhin erträglich. Sprechen wir also auch in Zukunft
getrost von Amerika+nern+, Mexika+nern+, Neapolita+nern+, Parmes+anern+
und Venezol+anern+, Byzant+inern+, Florent+inern+ und Tarent+inern+,
Chine+sen+ und Japane+sen+, Piemont+esen+ und Alban+esen+, Genu+esern+,
Bolog+nesern+ und Veron+esern+, Bethlehem+iten+ und Sybar+iten+
(denen sich als neue Errungenschaft die Sansibar+iten+ angereiht
haben), Samarit+ern+ und Moskowit+ern+, Asia+ten+ und Ravenna+ten+,
Candi+oten+ und Hydri+oten+, Franzo+sen+, Portugi+esen+, Provenz+alen+,
Savoy+arden+ usw. Daß wir aber an deutsche(!) Städtenamen noch
immer lateinische Endungen hängen, ist doch ein Zopf, der endlich
einmal abgeschnitten werden sollte. Die +Athenienser+ und die
+Carthaginienser+ sind wir aus den Geschichtsbüchern glücklich
los, aber die +Hallenser+, die +Jenenser+ und die +Badenser+, die
+Hannoveraner+ und die +Weimaraner+ wollen nicht weichen, auch die
+Anhaltiner+ spuken noch gelegentlich. Und doch ist nicht einzusehen,
weshalb man nicht ebensogut soll +Jenaer+ sagen können wie +Gothaer+,
+Geraer+ und +Altonaer+,[57] ebenso gut +Badner+ wie +Münchner+,
+Posner+ und +Dresdner+, ebenso gut +Haller+ wie +Celler+, +Stader+
und +Klever+, ebenso gut +Hannoverer+ und +Weimarer+ wie +Trierer+,
+Speierer+ und +Colmarer+.
Freilich erstreckt sich die häßliche Sprachmengerei in unsrer
Wortbildung nicht bloß auf geographische Namen, sie ist überhaupt
in unsrer Sprache weit verbreitet; man denke nur an Bildungen wie
+buchstabieren+, +halbieren+, +hausieren+, +grundieren+, +schattieren+,
+glasieren+ (im sechzehnten Jahrhundert sprach man noch von +geglästen+
Ziegeln und Kacheln), +amtieren+, +Hornist+, +Lagerist+, +Probist+,
+Kursist+, +Wagnerianer+, +Börsianer+, +Goethiana+, +Beethoveniana+,
+Lieferant+, +Stellage+, +Futteral+, +Stiefeletten+, +Glasur+,
+schauderös+, +blumistisch+, +superklug+, +hypergeistreich+,
+antideutsch+ usw. Manches davon stammt aus sehr früher Zeit und
wird wohl nie wieder zu beseitigen sein; vieles aber ließe sich doch
vermeiden, und vor allem sollte es nicht vermehrt werden.
[Illustration]
Zur Satzlehre
[Illustration]
[Illustration]
Unterdrückung des Subjekts