+sollen+ und +müssen+ und bei einer Reihe andrer Zeitwörter, die
ebenfalls mit dem Infinitiv verbunden werden, wie +heißen+, +lehren+,
+lernen+, +helfen+, +lassen+ (+lassen+ in allen seinen Bedeutungen:
befehlen, erlauben und zurücklassen), +machen+, +sehen+, +hören+ und
+brauchen+ (+brauchen+ im Sinne von +müssen+ und +dürfen+) ist schon
in früher Zeit das Partizipium der Vergangenheit, namentlich wenn es
unmittelbar vor dem abhängigen Infinitiv stand (der +Rat+ hat ihn
+geheißen gehen+), durch eine Art von Versprechen mit diesem Infinitiv
verwechselt und vermengt worden. In der zweiten Hälfte des fünfzehnten
Jahrhunderts heißt es bunt durcheinander: man hat ihn +geheißen gehen+
und +heißen gehen+, und passiv: er ist +geheißen gehen+, er ist +heißen
gehen+, er ist +geheißen zu gehen+, ja sogar er ist +gegangen heißen+.
Schließlich drang an der Stelle des Partizips der Infinitiv vollständig
durch, namentlich dann, wenn der abhängige Infinitiv unmittelbar
davorstand, und so sagte man nun allgemein: ich habe ihn +gehen
heißen+, ich habe ihn +tragen müssen+, ich habe ihn +kommen lassen+,
ich habe ihn +kennen lernen+, ich habe ihn +laufen sehen+, ich habe ihn
+rufen hören+, er hat viel von sich +reden machen+ (Goethe im Faust:
ihr habt mich weidlich +schwitzen+ machen, der Kasus +macht+ mich
+lachen+), du hättest nicht zu +warten brauchen+.[41] Das merkwürdigste
ist, daß bei vieren von diesen Zeitwörtern der abhängige Infinitiv
ebenfalls erst durch ein Mißverständnis aus dem Partizip entstanden
ist, nämlich bei +hören+, +sehen+, +machen+ und +lassen+: ich höre ihn
+singen+, ich mache ihn +schwitzen+, ich lasse ihn +liegen+ ist ja
entstanden aus: ich höre ihn +singend+, ich mache ihn +schwitzend+,
ich lasse ihn +liegend+.[42] In der Verbindung also: ich habe ihn
+singen hören+ sind, so wunderbar das klingt, zwei Partizipia, eins der
Gegenwart und eins der Vergangenheit, durch bloßes Mißverständnis zu
Infinitiven geworden! Diese merkwürdige Erscheinung ist aber nun durch
jahrhundertelangen Gebrauch in unsrer Sprache so eingebürgert, und sie
ist uns so vertraut und geläufig geworden, daß es gesucht, ungeschickt,
ja geradezu fehlerhaft erscheint, wenn jemand schreibt: ich habe sie
auf dem Ball +kennen gelernt+ -- Dozent auf der Hochschule hatte ich
+werden gewollt+ (behüt dich Gott! es hat nicht +sein gesollt+!) --
er hatte ein Mädchen mit einem Kinde gewissenlos +sitzen gelassen+ --
wir haben die Situation +kommen gesehen+ -- über diesen Versuch hat
er nie Reue zu +empfinden gebraucht+ -- du hast mir das Verständnis
+erschließen geholfen+ usw. Wer sich ungesucht ausdrücken will, bleibt
beim Infinitiv, ja er dehnt ihn unwillkürlich gelegentlich noch auf
sinnverwandte Zeitwörter aus und schreibt: wir hätten diese Schuld auch
dann noch auf uns +lasten fühlen+ (statt: +lasten gefühlt+). (Lenau:
Drei Zigeuner +fand+ ich einmal +liegen+ an einer Weide.)
Kommen zwei solche Hilfszeitwörter zusammen, so hilft es nichts, und
wenn sich der Papiermensch noch so sehr darüber entsetzt: es stehn
dann drei Infinitive nebeneinander: wir hätten den Kerl +laufen lassen
sollen+, +laufen lassen müssen+, +laufen lassen können+. Klingt
wundervoll und ist -- ganz richtig.
Du issest oder du ißt?
In der Flexion innerhalb der einzelnen Tempora können keine Fehler
gemacht werden und werden auch keine gemacht. Bei Verbalstämmen, die
auf s, ß oder z ausgehen, empfiehlt sichs, im Präsens in der zweiten
Person des Singular das e zu bewahren, das sonst jetzt ausgeworfen
wird: du +reisest+, du +liesest+, du +hassest+, du +beißest+, du
+tanzest+, du +seufzest+. Allgemein üblich ist freilich: du +mußt+,
du +läßt+, fast allgemein auch: du +ißt+. Aber zu fragen: du +speist+
doch heute bei mir? wäre nicht fein; zwischen +speisen+ und +speien+
muß man hübsch unterscheiden. (Vgl. auch +du haust+ und +du hausest+.)
Bei Verbalstämmen dagegen, die auf sch endigen, kann man getrost
sagen: du +naschst+, du +wäschst+, du +drischst+, du +wünschst+,
sogar du +rutschst+. Auch in der zweiten Person der Mehrzahl wird
das e, wenigstens in Nord- und Mitteldeutschland, schon längst nicht
mehr gesprochen; also hat es auch keinen Sinn, es zu schreiben. Über
Maueranschläge, wie: +Besuchet+ Augsburg mit seinen Sehenswürdigkeiten,
oder: +Waschet+ mit Seifenextrakt, lacht man in Leipzig schon wegen
des altmodischen +et+. Nur bei der Abendmahlsfeier läßt man sich gern
gefallen: +Nehmet+ hin und +esset+.
Stände oder stünde? Begänne oder begönne?
Immer größer wird die Unbeholfenheit, den Konjunktiv des Imperfekts
richtig zu bilden. Viele getrauen sichs kaum noch, sie umschreiben
ihn womöglich überall durch den sogenannten Konditional (+würde+ mit
dem Infinitiv), auch da, wo das nach den Regeln der Satzlehre ganz
unzulässig ist (vgl. S. 158). Besonders auffällig ist bei einer Reihe
von Zeitwörtern die Unsicherheit über den Umlautsvokal: soll man
ä oder ü gebrauchen? Das Schwanken ist dadurch entstanden, daß im
Mittelhochdeutschen der Pluralvokal im Imperfektum vielfach anders
lautete als der Singularvokal (~half~, ~hulfen~; ~wart~, ~wurden~),
dieser Unterschied sich aber später ausglich. Da nun der Konjunktiv
immer mit dem Umlaut des Pluralvokals gebildet wurde, so entstand
Streit zwischen ü und ä. Da aber die ursprünglichen Formen (+hülfe+,
+stürbe+, +verdürbe+, +würbe+, +würfe+) doch noch lebendig sind, so
verdienen sie auch ohne Zweifel geschützt und den später eingedrungnen
+hälfe+, +stärbe+, +verdärbe+, +wärbe+, +wärfe+ vorgezogen zu
werden. Neben +würde+ ist die Form mit ä gar nicht aufgekommen. Von
+stehen+ hieß das Imperfekt ursprünglich überhaupt nicht +stand+,
sondern +stund+, wie es in Süddeutschland noch heute heißt; das u
ging durch den Singular wie durch den Plural. Folglich ist auch hier
+stünde+ älter und richtiger als +stände+. Bei einigen Verben, wie
bei +beginnen+, hat der Streit zwischen ä und ü im Anschluß an das o
des Partizips (+begonnen+) im Konjunktiv des Imperfekts ö in Aufnahme
gebracht. Auch diese Formen mit ö (+beföhle+, +begönne+, +besönne+,
+empföhle+, +gewönne+, +gölte+, +rönne+, +schölte+, +schwömme+,
+spönne+, +stöhle+) verdienen, da sie den Formen mit umgewandeltem
Pluralvokal entsprechen, den Vorzug vor denen mit ä.
Kännte oder kennte?
Ein Irrtum ist es, wenn man glaubt, aus dem Indikativ +kannte+ einen
Konjunktiv +kännte+ bilden zu dürfen. Die sechs schwachen Zeitwörter:
+brennen+, +kennen+, +nennen+, +rennen+, +senden+ und +wenden+ haben
eigentlich ein a im Stamm, sind also schon im Präsens umgelautet.
Ihr Imperfekt bilden sie ebenso wie das Partizip der Vergangenheit
(durch den sogenannten Rückumlaut) mit a: +brannte+, +gebrannt+,
+sandte+, +gesandt+, und da der Konjunktiv bei schwachen Verben
nicht umlautet, so sollte er eigentlich ebenfalls +brannte+, +sandte+
heißen. Zur Unterscheidung hat man aber (und zwar ursprünglich nur im
Mitteldeutschen) einen Konjunktiv +brennete+, +kennete+, +nennete+,
+rennete+, +sendete+ und +wendete+ gebildet. Das e dieser Formen ist
nicht etwa ein jüngerer Umlaut zu dem a des Indikativs, sondern es
ist das alte Umlauts-e, das durch das Präsens dieser Zeitwörter geht.
Wirft man nun, wie es jetzt geschieht, aus +brennete+, +kennete+ das
mittlere e aus, das in +sendete+ und +wendete+ beibehalten wird, so
bleibt +brennte+, +kennte+ übrig. In früherer Zeit gehörten noch andre
Verba zu dieser Reihe, z. B. +setzen+ und +stellen+; der Konjunktiv
des Imperfekts heißt hier +setzte+, +stellte+, der Indikativ und das
Partizipium aber hießen früher: +sazte+, +stalte+, +gesazt+, +gestalt+
(das noch in +wohlgestalt+, +mißgestalt+, +ungestalt+ erhalten ist).
[Illustration]
Zur Wortbildungslehre
[Illustration]
[Illustration]
Reformer und Protestler
Erstaunlich ist die Fülle und Mannigfaltigkeit in unsrer Wortbildung,
noch erstaunlicher die Sicherheit des Sprachgefühls, mit der sie doch
im allgemeinen gehandhabt und durch gute und richtige Neubildungen
vermehrt wird. Doch fehlt es auch hier nicht an Mißhandlungen und
Verirrungen.
Im Volksmund ist es seit alter Zeit üblich, zur Bezeichnung von
Männern dadurch Substantiva zu bilden, daß man an ein Substantiv,
das eine Sache bezeichnet, oder an ein andres Nomen die Endung
+er+ hängt. In Leipzig sprach man im fünfzehnten und sechzehnten
Jahrhundert nicht bloß von +Barfüßern+, sondern nannte auch die
Insassen der beiden andern Mönchsklöster kurzweg +Pauler+ und
+Thomasser+, und im siebzehnten Jahrhundert die kurfürstliche Besatzung
der Stadt +Defensioner+. Dazu kamen später die +Korrektioner+ (die
Insassen des Arbeitshauses) und die +Polizeier+, und in neuerer
Zeit die +Hundertsiebener+, die +Urlauber+, die +Sanitäter+, die
+Eisenbahner+ und die +Straßenbahner+. Im Buchhandel spricht man von
+Sortimentern+, in der gelehrten Welt von +Naturwissenschaftern+ und
+Sprachwissenschaftern+, in der Malerei von +Landschaftern+, und in der
Politik von +Botschaftern+, +Reformern+ und -- +Attentätern+![43] Da
manche dieser Bildungen unleugbar einen etwas niedrigen Beigeschmack
haben, der den von Verbalstämmen gebildeten Substantiven auf er
(+Herrscher+, +Denker+, +Kämpfer+) nicht anhaftet, so sollte man sich
mit ihnen recht in acht nehmen. In +Reformer+, das man dem Engländer
nachplappert, liegt unleugbar etwas geringschätziges im Vergleich zu
+Reformator+; unter einem +Reformer+ denkt man sich einen Menschen,
der wohl reformatorische Anwandlungen hat, es aber damit zu nichts
bringt. Noch viel deutlicher liegt nun dieses geringschätzige
in den Bildungen auf +ler+, wie +Geschmäckler+, +Zünftler+,
+Tugendbündler+, +Temperenzler+, +Abstinenzler+, +Protestler+,
+Radler+, +Sommerfrischler+, +Barfüßler+, +Zuchthäusler+; deshalb ist
es unbegreiflich, wie manche Leute so geschmacklos sein können, von
+Neusprachlern+ und von +Naturwissenschaftlern+ zu reden. Eigentlich
gehen ja die Bildungen auf +ler+ auf Zeitwörter zurück, die auf +eln+
endigen, wie +bummeln+, +betteln+, +grübeln+, +kritteln+, +sticheln+,
+nörgeln+, +kränkeln+, +hüsteln+, +frömmeln+, +tänzeln+, +radeln+,
+anbändeln+, sich +herumwörteln+, +näseln+, +schwäbeln+, +französeln+.
So setzen +Neusprachler+ und +Naturwissenschaftler+ die Zeitwörter
+neuspracheln+ und +naturwissenschafteln+ voraus; das wären aber
doch Tätigkeiten, hinter denen kein rechter Ernst wäre, die nur als
Spielerei betrieben würden. An +Künstler+ haben wir uns freilich ganz
gewöhnt, obwohl +künsteln+ mit seiner geringschätzigen Bedeutung
daneben steht, auch an +Tischler+ und +Häusler+.
Ärztin und Patin
Von Substantiven, die einen Mann bezeichnen, werden Feminina auf
+in+ gebildet: +König, Königin+ -- +Wirt, Wirtin+ -- +Koch, Köchin+
-- +Berliner, Berlinerin+ -- sogar +Landsmann, Landsmännin+ (während
sonst natürlich zu +Mann+ das Femininum +Weib+ oder +Frau+ ist: der
+Kehrmann+, das +Waschweib+, der +Botenmann+, die +Botenfrau+). Von
+Arzt+ hat man in letzter Zeit +Ärztin+ gebildet. Manche getrauten
sich das anfangs nicht zu sagen und sprachen von +weiblichen Ärzten+,
es ist aber gar nichts dagegen einzuwenden, und es ist abgeschmackt,
wenn unsre Zeitungen immer von männlichen und +weiblichen Arbeitern+,
männlichen und +weiblichen Lehrern+ reden statt von Arbeitern und
+Arbeiterinnen+, Lehrern und +Lehrerinnen+ (abgeschmackt auch, wenn
es in Polizeiberichten heißt, daß ein neugebornes +Kind+ männlichen
oder +weiblichen Geschlechts+ im Wasser gefunden worden sei, statt
ein neugeborner Knabe oder ein neugebornes +Mädchen+). Dagegen ist es
nicht gut, ein Femininum auf +in+ zu bilden von +Pate+, +Kunde+ (beim
Kaufmann) und +Gast+. In der ältern Sprache findet sich zwar zuweilen
auch +Gästin+, auf Theaterzetteln konnte man noch vor gar nicht langer
Zeit lesen, daß eine auswärtige Schauspielerin als +Gastin+ auftrete,
aber wer möchte noch heute eine Frau oder ein Mädchen seine +Gästin+
oder +Gastin+ nennen? Bei +Pate+ unterscheidet man +den Paten+ und
+die Pate+, je nachdem ein Knabe oder ein Mädchen gemeint ist, und der
Kaufmann sagt: das ist +ein guter Kunde+ oder +eine gute Kunde+ von
mir. Entsetzlich sind die in der Juristensprache üblichen Bildungen:
die +Beklagtin+, die +Verwandtin+ und -- das neueste -- die +Beamtin+.
Von Partizipialsubstantiven -- und ein solches ist auch der +Beamte+,
d. h. der +Beamtete+, der mit einem Amte versehene -- können keine
Feminina auf +in+ gebildet werden; niemand sagt: meine +Bekanntin+,
meine +Geliebtin+, auch Juristen nicht.
Tintefaß oder Tintenfaß?
Zusammensetzungen aus zwei Substantiven wurden im Deutschen
ursprünglich nur so gebildet, daß der Stamm des ersten Wortes, des
Bestimmungswortes, an das zweite, das bestimmte Wort vorn angefügt
wurde, z. B. +Tage-lohn+; das e in Tagelohn ist der abgeschwächte
Stammauslaut. Später sind zusammengesetzte Wörter auch dadurch
entstanden, daß ein vorangehendes Substantiv im Genitiv mit einem
folgenden durch einfaches Aneinanderrücken verschmolz, z. B.
+Gottesdienst+, +Sonntagsfeier+, +Tageslicht+, +Heeressprache+,
+Handelskammer+. In manchen Fällen sind jetzt beide Arten der
Zusammensetzungen nebeneinander gebräuchlich in verschiedner Bedeutung,
z. B. +Landmann+ und +Landsmann+, +Wassernot+ und +Wassersnot+. Nun
endet bei allen schwachen Femininen der Stamm ursprünglich ebenso wie
der Genitiv, beide gehen eigentlich auf +en+ aus, und so haben diese
schwachen Feminina eine sehr große Zahl von Zusammensetzungen mit +en+
gebildet, auch in das Gebiet der starken Feminina übergegriffen, sodaß
+en+ zum Hauptbindemittel für Feminina überhaupt geworden ist. Man
denke +nur an Sonnenschein+, +Frauenkirche+ (d. i. die Kirche unsrer
lieben +Frauen+, der Jungfrau Maria), +Erdenrund+, +Lindenblatt+,
+Aschenbecher+, +Taschentuch+, +Seifensieder+, +Gassenjunge+,
+Stubentür+, +Laubendach+, +Küchenschrank+, +Schneckenberg+,
+Wochenamt+, +Gallenstein+, +Kohlenzeichnung+, +Leichenpredigt+,
+Reihenfolge+, +Wiegenlied+, +Längenmaß+, +Breitengrad+, +Größenwahn+,
+Muldental+, +Pleißenburg+, +Parthendörfer+, +Markthallenstraße+
u. a. Sogar Lehn- und Fremdwörter haben sich dieser Zusammensetzung
angeschlossen, wie in +Straßenpflaster+, +Tintenfaß+, +Kirchendiener+,
+Lampenschirm+, +Flötenspiel+, +Kasernenhof+, +Bastillenplatz+,
+Visitenkarte+, +Toilettentisch+, +Promenadenfächer+,
+Kolonnadenstraße+. Ein reizendes Bild in der Dresdner Galerie ist das
+Schokoladenmädchen+.
Bei dem einfachen Zusammenrücken von Wörtern stellten sich nun aber
Genitive im Plural als erster Teil der Zusammensetzung ein, und das
hat neuerdings zu einer traurigen Verirrung geführt. Man bildet sich
ein, das Binde-+en+ sei überhaupt nichts andres als das Plural-+en+,
man fühlt nicht mehr, daß dieses +en+ ebenso gut die Berechtigung
hat, einen weiblichen Singular mit einem folgenden Substantiv zu
verbinden, und so schreibt und druckt man jetzt wahrhaftig aus Angst
vor eingebildeten widersinnigen Pluralen: +Aschebecher+, +Aschegrube+,
+Tintefaß+, +Jauchefaß+, +Sahnekäse+, +Hefezelle+, +Hefepilz+,
+Rassepferd+ und +Rassehund+, +Stellegesuch+, +Muldetal+, +Pleißeufer+,
+Parthebrücke+, +Gartenlaubekalender+, +Gartenlaubebilderbuch+,
+Sparkassebuch+, +Visitekarte+, +Toiletteseife+, +Serviettering+,
+Manschetteknopf+, +Promenadeplatz+, +Schokoladefabrik+ usw. In allen
Bauzeitungen muß man von +Mansardedach+ und von +Lageplan+ lesen (so
haben die Architekten, die erfreulicherweise eifrige Sprachreiniger
sind, +Situationsplan+ übersetzt), in allen Kunstzeitschriften von
+Kohlezeichnungen+ und +Kohledrucken+, offenbar damit ja niemand
denke, die Zeichnungen oder Drucke wären mit einem Stück Stein- oder
Braunkohle aus dem +Kohlenkasten+ gemacht -- nicht wahr? Wer nicht
fühlt, daß das alles das bare Gestammel ist, der ist aufrichtig zu
bedauern. Es klingt genau, wie wenn kleine Kinder dahlten, die erst
reden lernen und noch nicht alle Konsonanten bewältigen können.
Man setze sich das nur im Geiste weiter fort -- was wird die Folge
sein? daß wir in Zukunft auch stammeln: +Sonneschein+, +Taschetuch+,
+Brilleglas+, +Gosestube+, +Zigarrespitze+, +Straßepflaster+,
+Roseduft+, +Seifeblase+, +Hülsefrucht+, +Laubedach+, +Geigespiel+,
+Ehrerettung+, +Wiegelied+, +Aschebrödel+ usw.[44] Sollten einzelne
dieser Wörter vor der Barbarei bewahrt bleiben, so könnte es nur
deshalb geschehen, weil man annähme, ihr Bestimmungswort stehe im
Plural, und der sei richtig, also ein +Taschentuch+ sei nicht ein Tuch
für die Tasche, sondern -- für die Taschen!
Wo das Binde-+en+ aus rhythmischen oder andern Gründen nicht gebraucht
wird, bleibt für Feminina nur noch die eine Möglichkeit, den verkürzten
Stamm zu benutzen, der wieder mit dem eigentlichen Stamm der alten
starken Feminina zusammenfällt und dadurch überhaupt erst in der
Zusammensetzung von Femininen aufgekommen ist. So findet sich in
früherer Zeit +Leichpredigt+ neben +Leichenpredigt+, und so haben wir
längst +Mühlgasse+ neben +Mühlenstraße+, +Erdball+ und +Erdbeere+
neben +Erdenrund+ und +Erdenkloß+, +Kirchspiel+ und +Kirchvater+
neben +Kirchenbuch+ und +Kirchendiener+, +Elbtal+, +Elbufer+ und
+Elbbrücke+ neben +Muldental+ und +Muldenbett+. Vor dreißig Jahren
sagte man +Lokomotivenführer+, und das war gut und richtig. Neuerdings
hat die Amtssprache +Lokomotivführer+ durchgedrückt. Das ist zwar ganz
häßlich, denn nun stoßen zwei Lippenlaute (v und f) aufeinander, aber
es ist ja zur Not auch richtig. Aber ein Wort wie +Saalezeitung+ oder
+Solebad+, wie man auch neuerdings lallt (das +Solebad+ Kissingen),
ist doch die reine Leimerei. Bei +Saalzeitung+ könnte wohl einer an
den +Saal+ denken statt an die +Saale+? Denkt denn beim +Saalkreis+,
beim +Saalwein+ und bei der +Saalbahn+ jemand dran?[45] Die Amtssprache
fängt jetzt freilich auch an, vom +Saalekreis+ zu stammeln. Als 1747
das erste Rhinozeros nach Deutschland kam, nannten es die Leute bald
+Nashorn+, bald +Nasenhorn+. Hätte man das Tier heute zu benennen,
man würde es unzweifelhaft +Nasehorn+ nennen.[46] Das Neueste ist,
daß sich die Herren von der Presse jetzt +Pressevertreter+ nennen und
bisweilen ein +Pressefest+ oder einen +Presseball+ veranstalten. Von
einem +Preßfest+ oder einem +Preßball+ zu reden fürchten sie sich,
offenbar damit niemand an die +Preßwurst+ denke! Ein Glück, daß die
Wörter +Preßfreiheit+, +Preßgesetz+, +Preßvergehen+, +Preßpolizei+,
+Preßbureau+ schon in einer Zeit gebildet worden sind, wo die Herren
von der Presse noch deutsch reden konnten!
Besonders bei der Zusammensetzung mit Namen wird jetzt (z. B. bei
der Taufe neuer Straßen oder Gebäude) fast nur noch in dieser Weise
geleimt. Wer wäre vor hundert Jahren imstande gewesen, eine Straße
+Augustastraße+, ein Haus +Marthahaus+, einen Garten +Johannapark+ zu
nennen! Da sagte man +Annenkirche+, +Katharinenstraße+, +Marienbild+,
und es fiel doch auch niemand ein, dabei an eine Mehrzahl von Annen,
Katharinen oder Marien zu denken.
Speisenkarte oder Speisekarte?
Da haben also wohl die Schenkwirte, die statt der früher allgemein
üblichen +Speisekarte+ eine +Speisenkarte+ eingeführt haben,
etwas recht weises getan? Sie haben den guten alten Genitiv
wiederhergestellt? Nein, daran haben sie nicht gedacht, sie haben
die Mehrzahl ausdrücken wollen, denn sie haben sich überlegt: auf
meiner Karte steht doch nicht bloß +eine+ Speise. Damit sind sie
aber auch wieder gründlich in die Irre geraten. In +Speisekarte+ ist
die erste Hälfte gar nicht durch das Hauptwort +Speise+ gebildet,
sondern durch den Verbalstamm von +speisen+. Alles, was zum Speisen
gehört: die +Speisekammer+, das +Speisezimmer+, der +Speisesaal+,
das +Speisegeschirr+, der +Speisezettel+ -- alles ist mit diesem
Verbalstamm zusammengesetzt. So ist auch die +Speisekarte+ nicht die
Karte, auf der die Speisen verzeichnet stehen, sondern die Karte,
die man beim Speisen gebraucht, wie die +Tanzkarte+ die Karte, die
man beim Tanzen gebraucht, das +Kochbuch+ das Buch, das man beim
Kochen benutzt, die +Spielregel+ die Regel, die man beim Spielen
beobachtet, die +Bauordnung+ die Ordnung, nach der man sich beim
Bauen richtet, der +Fahrplan+ der Plan, der uns darüber belehrt,
wann und wohin gefahren wird, die +Singweise+ die Weise, nach der
man singt, das +Stickmuster+ das Muster, nach dem man stickt, die
+Zählmethode+ die Methode, nach der man zählt. Alle diese Wörter sind
mit einem Verbalstamm zusammengesetzt. Hätten die Schenkwirte mit
ihrer +Speisenkarte+ Recht, dann müßten sie doch auch +Weinekarte+
sagen.[47] Glücklicherweise läßt sich der Volksmund nicht irremachen.
Niemals hört man in einer Wirtschaft eine +Speisenkarte+ verlangen, es
wird aber immer nur gedruckt, entweder auf Verlangen der Wirte, die
damit etwas besonders feines ausgeheckt zu haben glauben, oder auf
Drängen der Akzidenzdrucker, die es den Wirten als etwas besonders
feines aufschwatzen. Ganz lächerlich ist es, wenn manche Wirte einen
Unterschied machen wollen: eine +Speisekarte+ sei die, auf der ich mir
eine Speise aussuchen könne, eine +Speisenkarte+ dagegen ein „Menu“,
das Verzeichnis der Speisen bei einem Mahl, wofür man neuerdings auch
das schöne Wort +Speisenfolge+ eingeführt hat. Die +Speisekarte+ ist
die Karte, die zum +Speisen+ gehört, ob ich mir nun etwas darauf
aussuche, oder ob ich sie von oben bis unten abesse.
Ein Gegenstück zur +Speisenkarte+ ist die +Fahrrichtung+; an den
ehemaligen Leipziger Pferdebahnwagen stand: nur in der +Fahrrichtung+
abspringen! Es spricht aber niemand von +Fließrichtung+,
+Strömrichtung+, +Schießrichtung+, wohl aber von +Flußrichtung+,
+Stromrichtung+, +Schußrichtung+, +Windrichtung+, +Strahlrichtung+.
Bedenkt man freilich, daß der Volksmund die +Fahrtrichtung+
unzweifelhaft sofort zur +Fahrtsrichtung+ verschönert hätte (nach
+Mietskaserne+), so muß man ja eigentlich für die +Fahrrichtung+ sehr
dankbar sein.
Äpfelwein oder Apfelwein?
Unnötigen Aufruhr und Streit erregt bisweilen die Frage, ob in dem
Bestimmungswort einer Zusammensetzung die Einzahl oder die Mehrzahl am
Platze sei. Einen Braten, der nur von +einem+ Rind geschnitten ist,
nennt man in Leipzig +Rinderbraten+, eine Schüssel Mus dagegen, die
aus einem halben Schock Äpfel bereitet ist, +Apfelmus+. Das ist doch
sinnwidrig, heißt es, es kann doch nur das umgekehrte richtig sein!
Nein, es ist beides richtig. Es kommt in solchen Zusammensetzungen
weder auf die Einzahl noch auf die Mehrzahl an, sondern nur auf den
Gattungsbegriff. Im Numerus herrscht völlige Freiheit; die eine
Mundart verfährt so, die andre so,[48] und selbst innerhalb der
guten Schriftsprache waltet hier scheinbar die seltsamste Laune und
Willkür. Man sagt: +Bruderkrieg+, +Freundeskreis+, +Jünglingsverein+,
+Ortsverzeichnis+ (neuerdings leider auch +Namensverzeichnis+ und
+Offizierskasino+!), +Adreßbuch+, +Baumschule+, +Fischteich+,
+Kartoffelernte+, +Trüffelwurst+, +Federbett+, obwohl hier überall
das Bestimmungswort unzweifelhaft eine Mehrzahl bedeutet; dagegen
sagt man +Kinderkopf+ (in der Malerei), +Liedervers+, +Eierschale+,
+Lämmerschwänzchen+, +Hühnerei+, +Städtename+, +Gänsefeder+, obwohl
ein Vers nur zu +einem+ Liede, eine Schale nur zu +einem+ Ei gehören
kann. Wer näher zusieht, findet freilich auch hinter dieser scheinbaren
Willkür gute Gründe. +Baumschule+, +Bruderkrieg+ und +Fischteich+
sind noch nach der ursprünglichen Zusammensetzungsweise, die nach
singularischer oder pluralischer Bedeutung des Bestimmungswortes
nicht fragte, mit dem bloßen Stamme des ersten Wortes gebildet.
+Jünglingsverein+ und +Ortsverzeichnis+ haben das s, das eigentlich nur
dem vorgesetzten maskulinen Genitiv zukommt, aber von da aus weiter
gegriffen hat und zum Bindemittel schlechthin, selbst für pluralisch
gemeinte Substantiva, geworden ist; auch +Freundeskreis+ ist ein
Absenker dieser Bildungsweise. Und ebenso natürlich erklärt sich die
Gruppe mit scheinbar pluralischer Form und singularischer Bedeutung.
In ihr kommen nur Neutra mit der Pluralendung +er+ und umgelautete
Feminina in Frage. Aber sowohl der Umlaut der Feminina wie das +er+
(und der Umlaut) der Neutra gehörte in alter Zeit nicht nur dem
Plural, sondern dem Stamme dieser Wörter an, und daß es sich bei den
Zusammensetzungen mit ihnen um nichts weiter als um den Stamm handelt,
können wir bei einigem guten Willen noch jetzt nachfühlen. Kein Mensch
denkt bei dem Worte +Gänseblume+ an mehrere Gänse, sondern jeder nur an
den Begriff Gans, so gut wie er bei +Rinderbrust+ nicht mehrere Rinder
vor Augen hat.