„Etwas andres“ ist es, wenn +ein+ nicht das unbestimmte Fürwort,

sondern das Zahlwort bedeuten soll, z. B.: dann hätte das Unternehmen

wenigstens +ein gutes+ gehabt. Das ist natürlich ebenso richtig wie:

+das eine gute+.

Zahlwörter

Gegen die richtige Bildung der Zahlwörter werden nur wenig Verstöße

begangen; es ist auch kaum Gelegenheit dazu. Lächerlich ist es, daß

manche Leute immer +sechszig+ und +siebenzig+ drucken lassen, denn

in ganz Deutschland sagt man +sechzig+ und +siebzig+. Für +fünfzehn+

und +fünfzig+ sagen manche lieber +funfzehn+ und +funfzig+. Im

Althochdeutschen stand neben unflektiertem ~funf~ ein flektiertes

~funfi~, woraus im Mittelhochdeutschen +fünfe+ wurde. +Funfzig+ ist nun

mit +funf+ gebildet, mit +fünf+ dagegen +fünfzehn+ und +fünfzig+, die

in der Schriftsprache die Oberhand gewonnen haben.[32]

Statt +hundertunderste+ kann man jetzt öfter lesen: +hundertundeinte+,

aber doch nur nach dem unbestimmten Artikel: nicht als ob ich zu den

hundert Fausterklärungen noch +eine hundertundeinte+ hinzufügen wollte.

Es schwebt dabei wohl weniger die Reihenfolge und der neue letzte

Platz in dieser Reihenfolge vor, als die Zahl, die von +hundert+ auf

+hundertundeins+ steigt. Trotzdem hat die Form keine Berechtigung.

Die Bildungen +anderthalb+ (d. h. der andre, der zweite halb),

+drittehalb+ (2½), +viertehalb+ (3½) sind jetzt mehr auf die

Umgangssprache beschränkt; in der Schriftsprache sind sie seltner

geworden. Es ist aber nichts gegen sie einzuwenden.

Starke und schwache Konjugation

Wie bei den Hauptwörtern zwischen einer starken und einer schwachen

Deklination, so unterscheidet man bei den Zeitwörtern zwischen einer

starken und einer schwachen Konjugation. Starke Zeitwörter nennt

man die, die ihre Formen nur durch Veränderung des Stammwortes

bilden, schwache die, die zur Bildung ihrer Formen andrer Mittel

bedürfen. Ein starkes Zeitwort ist: ich +springe+, ich +sprang+, ich

bin +gesprungen+, ein schwaches: ich +sage+, ich +sagte+, ich habe

+gesagt+. Die Veränderung des Stammvokals nennt man den Ablaut, die

verschiednen Wege, die der Ablaut einschlägt, die Ablautsreihen.[33]

Die wichtigsten Ablautsreihen sind: ei, i, i (+reite+, +ritt+,

+geritten+), ei, ie, ie (+bleibe+, +blieb+, +geblieben+), ie, o, o

(+gieße+, +goß+, +gegossen+), i, a, u (+binde+, +band+, +gebunden+), i,

a, o (+schwimme+, +schwamm+, +geschwommen+), e, a, o (+nehme+, +nahm+,

+genommen+), i, a, e (+bitte+, +bat+, +gebeten+), e, a, e (+lese+,

+las+, +gelesen+), a, u, a (+fahre+, +fuhr+, +gefahren+). Außerdem gibt

es noch eine Mischgruppe mit ie im Imperfekt und einunddemselben Vokal

im Präsens und im Partizip, wie +falle+, +fiel+, +gefallen+, +stoße+,

+stieß+, +gestoßen+, +rufe+, +rief+, +gerufen+, +laufe+, +lief+,

+gelaufen+, +heiße+, +hieß+, +geheißen+, wofür man jetzt bisweilen

falsch +gehießen+ hören muß, als ob es in die zweite Ablautsreihe

gehörte.

Fast noch bewundernswürdiger als in der Deklination der Hauptwörter

ist in der Flexion der Zeitwörter die Sicherheit, mit der auch

der Mindergebildete der Fülle und Mannigfaltigkeit der Formen

gegenübersteht. Freilich gibt es auch hier Schwankungen und

Verirrungen, darunter sogar recht ärgerliche und beschämende. Es gibt

Verbalstämme, die eine starke und auch eine schwache Flexion erzeugt

haben mit verschiedner Bedeutung; da ist dann Verwechslung eingetreten.

Es gibt aber auch Zeitwörter, die sich bloß in die andre Flexion

verirrt haben ohne Bedeutungswechsel. Bei gutem Willen ist aber doch

vielleicht auch hier noch manches zu verhüten oder aufzuhalten.

Verschieden flektierte und schwankende Zeitwörter

Das intransitive +hangen+ und das transitive +hängen+ (eigentlich

+henken+) jetzt noch streng auseinanderhalten zu wollen wäre wohl

vergebliches Bemühen. Wenn auch im Perfekt noch richtig gesagt wird:

ich habe das Bild +aufgehängt+, und +aufgehangen+ hier als fehlerhaft

empfunden wird, so hat sich doch leider fast allgemein eingebürgert:

ich +hing+ den Hut auf, und +hangen+, +abhangen+, +zusammenhangen+

erscheint uns altertümlich gesucht, obwohl es das richtige ist

(Heine: und als sie kamen ins deutsche Quartier, sie ließen die Köpfe

+hangen+). Ähnlich verhält sichs mit +wägen+ und +wiegen+; man sagt

jetzt ebenso: der Bäcker +wiegt+ das Brot, wie: das Brot +wiegt+ zu

wenig, obwohl es im ersten Falle eigentlich +wägt+ heißen müßte.

Auch bei +schmelzen+, +löschen+ und +verderben+ ist von Rechts wegen

zwischen einer transitiven schwachen und einer intransitiven starken

Flexion zu unterscheiden: die Sonne +schmelzt+ den Schnee, hat den

Schnee +geschmelzt+, aber der Schnee +schmilzt+, er ist +geschmolzen+;

der Wind +löscht+ das Licht +aus+, hat es +ausgelöscht+, aber das Licht

+verlischt+, ist +verloschen+; das Fleisch +verdirbt+, +verdarb+,

ist +verdorben+, aber der schlechte Umgang +verderbt+ die Jugend,

+verderbte+ sie, hat sie +verderbt+. Leider wird der Unterschied

nicht überall mehr beobachtet (am ehesten noch bei +löschen+). Sehr

in Verwirrung geraten sind das intransitive und das transitive

+schrecken+. Das intransitive +erschrecken+ wird allgemein noch

richtig flektiert: du +erschrickst+, er +erschrickt+, ich +erschrak+,

ich +bin erschrocken+ (in der niederdeutschen Vulgärsprache: +ich

habe mich erschrocken+!); ebenso das transitive: du +erschreckst+

mich, ich +erschreckte+, ich habe +erschreckt+. Bei +aufschrecken+

und +zurückschrecken+ aber hat die schwache Form die starke fast

ganz verdrängt; selten, daß man noch einmal richtig liest: daß die

Sozialdemokratie hiervor nicht +zurückschrickt+. Von dem ursprünglich

intransitiven +stecken+ (der Schlüssel +steckt+ an der Tür) hat sich

ein transitives +stecken+ abgezweigt (ich +stecke+ den Schlüssel an die

Tür). Beide werden jetzt meist schwach flektiert; das intransitive war

aber früher stark: wo +stickst+ du? Und mundartlich heißt es ja noch

heute: der Schlüssel +stak+.

Schlechterdings nicht verwechselt werden sollte +gesonnen+ und

+gesinnt+, +geschaffen+ und +geschafft+. +Gesonnen+ kann nur die

Absicht oder den Willen bedeuten: ich bin +gesonnen+, zu verreisen;

+gesinnt+, das gar nicht von dem Zeitwort +sinnen+, sondern von dem

Hauptwort +Sinn+ gebildet ist (wie +gewillt+ nicht von +wollen+,

sondern von +Wille+), kann nur von der Gesinnung gebraucht werden: er

war gut deutsch +gesinnt+, er ist mir feindlich +gesinnt+. +Schaffen+

bedeutet in der starken Flexion (+schuf+, +geschaffen+) die wirklich

schöpferische Tätigkeit, das Hervorbringen: der Dichter hat ein neues

Werk +geschaffen+. Ist aber nur arbeiten, hantieren, ausrichten,

bewirken, bringen (z. B. Waren auf den Markt schaffen) gemeint,

so muß es schwach flektiert werden (+schaffte+, +geschafft+). Von

+Rat schaffen+ also, +Nutzen schaffen+, +Abhilfe schaffen+, +Ersatz

schaffen+, +Raum schaffen+, +Luft schaffen+ und dem jetzt in der

Zeitungssprache so beliebten +Wandel schaffen+ dürfen durchaus nur die

schwachen Formen gebildet werden; es ist falsch, zu sagen: hier muß

+Wandel geschaffen+ werden. Ein +neuer Raum+ (ein Zimmer, ein Saal)

kann +geschaffen+ werden, aber +Raum+ (Freiheit der Bewegung) wird

+geschafft+.

Auch das starke Zeitwort +schleifen+ (+schliff+, +geschliffen+) hat

im Laufe der Zeit ein schwaches von sich abgespaltet (+schleifte+,

+geschleift+), das andre Bedeutung hat. Das Messer wird +geschliffen+,

aber die Kleiderschleppe wird über den Boden +geschleift+. Früher

wurden auch Städte und Festungen +geschleift+, auch Verbrecher auf

einer Kuhhaut auf den Richtplatz +geschleift+; jetzt wird nur noch

ein Student vom andern in die Kneipe +geschleift+, und dort wird dann

+gekneipt+ (nicht +geknippen+), denn +kneipen+ „in diesem Sinne“ ist

nur eine Ableitung von +Kneipe+.

Zwei ganz verschiedne Verba, ein starkes und ein schwaches, begegnen

einander in +laden+. Zwar werden jetzt ebenso Gäste +geladen+ wie

Kohlen und Gewehre, auch sagt man schon in beiden Fällen: ich +lud+.

Im Präsens wird aber doch noch bisweilen unterschieden zwischen: du

+ladest+ oder er +ladet+ mich ein (Schiller: es lächelt der See, er

+ladet+ zum Bade) und: er +lädt+ das Gewehr.

Sehr unangenehm fällt die fortwährende Vermischung von +dringen+ und

+drängen+ auf. +Dringen+ ist intransitiv und hat zu bilden: ich +drang+

vor, ich bin +vorgedrungen+. +Drängen+ dagegen ist transitiv oder

reflexiv und kann nur bilden: ich +drängte+, ich habe +gedrängt+; also

auch: ich +drängte mich+ vor, ich habe +mich vorgedrängt+, es wurde

mir +aufgedrängt+. Durchaus falsch ist: ich +dringe mich+ nicht auf,

ich habe +mich+ nicht +aufgedrungen+, diese Auffassung hat sich mir

+aufgedrungen+.

Eine ärgerliche Verwirrung ist bei +dünken+ eingerissen. Man sollte

dieses Wort, das ohnehin für unser heutiges Sprachgefühl etwas gesucht

altertümelndes hat, doch lieber gar nicht mehr gebrauchen, wenn man es

nicht mehr richtig flektieren kann! Das Imperfekt von +dünken+ heißt

+deuchte+; beide Formen verhalten sich zueinander ebenso wie +denken+

und +dachte+, womit sie ja auch stammverwandt sind. Aus +deuchte+ hat

man aber ein Präsens +deucht+ gemacht, noch dazu falsch mit dem Dativ

verbunden: +mir deucht+ (!). Wer sich ganz besonders fein ausdrücken

will, sagt immer: +mir deucht+ (statt +mir scheint+) und macht dabei

zwei Schnitzer in zwei Worten. Das richtige ist: +mich dünkt+ und +mich

deuchte+.

+Willfahren+ und +radebrechen+ (eine Sprache) sind nicht mit +fahren+

und +brechen+ zusammengesetzt, sondern von Hauptwörtern abgeleitet,

von einem nicht mehr vorhandnen ~willevar~ und von der +Radebreche+,

einer abschüssigen, für die Wagen gefährlichen Straßenstelle.[34] Beide

werden also richtig schwach flektiert: er +willfahrt+, +willfahrte+,

hat +gewillfahrt+, er +radebrecht+, +radebrechte+, hat +geradebrecht+.

Von manchen schwachen Verben ist vereinzelt ein starkes Partizip

gebräuchlich mit einer besonders gefärbten Bedeutung, z. B.

+verschroben+ (von +schrauben+), +verwunschen+ (der +verwunschne+

Prinz, von +verwünschen+), +unverhohlen+ (ich habe ihm +unverhohlen+

meine Meinung gesagt, von +verhehlen+).

Frägt und frug

Eine Schande ist es -- nicht für die Sprache, die ja nichts dafür kann,

wohl aber für die Schule, die das recht gut hätte verhüten können und

doch nicht verhütet hat --, mit welcher Schnelligkeit in ganz kurzer

Zeit die falschen Formen +frägt+ und +frug+ um sich gegriffen haben,

auch in Kreisen, die für gebildet gelten wollen und den Anspruch

erheben, ein anständiges Deutsch zu sprechen. Der Fehler wird deshalb

so ganz besonders widerwärtig, weil sichs dabei um ein Zeitwort

handelt, das hundertmal des Tags gebraucht wird. Das immer falsch hören

und -- lesen zu müssen, ist doch gar zu greulich.

Die Zeitwörter mit +ag+ im Stamme teilen sich in zwei Gruppen; die

eine Gruppe gehört dem starken Verbum, die andre dem schwachen an. Die

erste Gruppe bilden die beiden Verba: ich +trage+, du +trägst+ -- ich

+trug+ -- ich habe +getragen+, ich +schlage+, du +schlägst+ -- ich

+schlug+ -- ich habe +geschlagen+; sie haben dieselbe Ablautsreihe wie

+fahre+, +fuhr+, +gefahren+ -- +grabe+, +grub+, +gegraben+ -- +wachse+,

+wuchs+, +gewachsen+ u. a. Zur zweiten Gruppe gehören: ich +sage+, du

+sagst+ -- ich +sagte+ -- ich habe +gesagt+, ich +jage+, du +jagst+ --

ich +jagte+ -- ich habe +gejagt+; ebenso +klagen+, +nagen+, +plagen+,

+ragen+, +wagen+, +zagen+. +Fragen+ hat nun seit Jahrhunderten

unbezweifelt zur zweiten Gruppe gehört: ich +frage+, du +fragst+ --

ich +fragte+ -- ich habe +gefragt+. Unsre Klassiker kennen keine andre

Form. Zwei der besten deutschen Prosaiker, Gellert und Lessing, wissen

von +frägt+ und +frug+ gar nichts. Nur ganz vereinzelt findet sich in

Versen, also unter dem beengenden Einflusse des Rhythmus, +frug+; so

bei Goethe in den Venezianischen Epigrammen: niemals +frug+ ein Kaiser

nach mir, es hat sich kein König um mich bekümmert -- bei Schiller

im Wallenstein: jawohl, der Schwed +frug+ nach der Jahrszeit nichts.

Auch Bürger hat es (Lenore: sie +frug+ den Zug wohl auf und ab, und

+frug+ nach allen Namen), und da haben wir denn auch die Quelle: es

stammt aus dem Niederdeutschen. Bürger war 1747 in Molmerswende bei

Halberstadt geboren; wahrscheinlich sagte man dort schon zu seiner Zeit

allgemein frug.[35] Aber noch in den fünfziger und sechziger Jahren des

neunzehnten Jahrhunderts hörte man die Dialektform in der gebildeten

Umgangssprache so gut wie gar nicht. Auf einmal tauchte sie auf. Und

nun ging es ganz wie mit einer neuen Kleidermode, sie verbreitete

sich anfangs langsam, dann schneller und immer schneller,[36] und

heute schwatzen nicht bloß die Ladendiener und die Ladenmädchen in der

Unterhaltung unaufhörlich: ich +frug+ ihn, er +frug+ mich, wir +frugen+

sie, sondern auch der Student, der Gymnasiallehrer, der Professor, alle

schwatzens mit, alle Zeitungen, alle Novellen und Romane schreibens,

das richtige bekommt man kaum noch zu hören oder zu lesen. Es fehlte

nur, daß auch noch gesagt und geschrieben würde: ich habe +gefragen+,

er hat mich +gefragen+ usw.[37] Wie lange wird die alberne Mode

dauern? wird sie nicht endlich dem Fluche der Lächerlichkeit verfallen?

Alle guten Schriftsteller und alle anständigen Zeitschriften und

Zeitungen brauchten nur die falschen Formen beharrlich zu meiden,

so würden wir sie bald ebenso schnell wieder lossein, wie sie sich

eingedrängt haben.[38]

Merkwürdig ist es, daß in diesem Falle die Sprache einmal aus der

schwachen in die starke Konjugation abgeirrt ist. Gewöhnlich verläuft

sie sich in umgekehrter Richtung. Wie kleine Kinder, die erst reden

lernen, anfangs starke Verba gern nach der schwachen Konjugation

bilden: ich +schreibte+, der Käfer +fliegte+, der Mann, der da

+reinkamte+, so haben es auch immer die großen Kinder gemacht, die

nicht ordentlich hatten reden lernen. So werden +falten+ und +spalten+,

die ursprünglich stark flektiert wurden (+falte+, +fielt+, +gefalten+),

jetzt schwach flektiert: mit +gefalteten+ Händen; von +spalten+ hat

sich nur das starke Partizip erhalten: +gespaltnes+ Holz. Aber einzelne

Zeitwörter sind schon in alter Zeit auch den umgekehrten Weg gegangen;

so ist das ursprüngliche +geweist+ und +gepreist+ schon längst durch

+gewiesen+ und +gepriesen+ verdrängt worden, und in Mitteldeutschland

kann man im Volksmunde hören: es wurde mit der großen Glocke

+gelauten+, ich habe den ganzen Winter kalt +gebaden+.[39]

Übergeführt und überführt

Auch das transitive +führen+ (d. h. bringen) und das intransitive

+fahren+ (d. h. sich bewegen) noch auseinanderhalten zu wollen, wäre

vergebliches Bemühen. In beiden Bedeutungen wird schon längst bloß noch

+fahren+ gebraucht: ich +fahre+ im Wagen, und der Kutscher +fährt+

mich. Es kann aber gar nichts schaden, wenn man sich an +Fuhre+,

+Fuhrmann+, +Bierführer+, dem ältern +Buchführer+ (statt Buchhändler)

u. a. den ursprünglichen Unterschied gegenwärtig hält. Und dazu könnte

auch +überführen+ dienen, das jetzt in der Zeitungsprache (als Ersatz

für +transportieren+) beliebt geworden ist, wenn man es nur nicht

fortwährend falsch flektiert lesen müßte! Täglich muß man in Zeitungen

von +überführten+ Kranken und +überführten+ Leichen lesen, das soll

heißen: von Personen, die in das oder jenes Krankenhaus oder nach ihrem

Tode in die Heimat zum Begräbnis gebracht worden sind. Wie kann sich

das Sprachgefühl so verirren! Verbrecher werden +überführt+, wenn ihnen

trotz ihres Leugnens ihr Verbrechen nachgewiesen wird: dann aber werden

sie ins Zuchthaus +übergeführt+, wenn denn durchaus „geführt“ werden

muß.

Es gibt eine große Anzahl zusammengesetzter Zeitwörter, bei denen,

je nach der Bedeutung, die sie haben, bald die Präposition, bald das

Zeitwort betont wird, z. B. +über+setzen (den Wandrer über den Fluß)

und über+setzen+, +über+fahren (über den Fluß) und über+fahren+ (ein

Kind auf der Straße), +über+laufen (vom Krug oder Eimer gesagt) und

über+laufen+ (es über+läuft+ mich kalt, er über+läuft+ mich mit seinen

Besuchen), +über+legen (über die Bank) und über+legen+, +über+gehen

(zum Feinde) und über+gehen+ (den nächsten Abschnitt), +unter+halten

(den Krug am Brunnen) und unter+halten+, +unter+schlagen (die Beine)

und unter+schlagen+ (eine Geldsumme), +unter+breiten (einen Teppich)

und unter+breiten+ (ein Bittgesuch), +hinter+ziehen (ein Seil) und

hinter+ziehen+ (die Steuern), +um+schreiben (noch einmal oder ins

Reine schreiben) und um+schreiben+ (einen Ausdruck durch einen

andern), +durch+streichen (eine Zeile) und durch+streichen+ (eine

Gegend), +durch+sehen (eine Rechnung) und durch+schauen+ (einen

Betrug), +um+gehen und um+gehen+, +hinter+gehen und hinter+gehen+,

+wieder+holen und wieder+holen+ usw. Gewöhnlich haben die Bildungen

mit betonter Präposition die eigentliche, sinnliche, die mit betontem

Verbum eine übertragne, bisweilen auch die einen eine transitive,

die andern eine intransitive Bedeutung. Die Bildungen nun, die die

Präposition betonen, trennen bei der Flexion die Präposition ab, oder

richtiger: sie verbinden sie nicht mit dem Verbum (ich +breite unter+,

ich +streiche durch+, ich +gehe hinter+, daher auch +hinterzugehen+)

und bilden das Partizip der Vergangenheit mit der Vorsilbe +ge+

(+untergebreitet+, +durchgestrichen+, +hintergegangen+); die dagegen,

die das Verbum betonen, lassen bei der Flexion Verbum und Präposition

verbunden (ich +unterbreite+, ich +durchstreiche+, ich +hintergehe+,

daher auch +zu hintergehen+) und bilden das Partizip ohne die Vorsilbe

+ge+ (+unterbreitet+, +durchstrichen+, +hintergangen+). Darnach ist es

klar, daß von einem Orte zum andern etwas nur +übergeführt+, aber nicht

+überführt+ werden kann. Ebenso verhält sichs mit +übersiedeln+, wo

das Sprachgefühl neuerdings auch ins Schwanken gekommen ist. Richtig

ist nur, wann siedelst du +über+? ich bin schon +übergesiedelt+, aber

nicht: wann +übersiedelst+ du? ich bin schon +übersiedelt+, die Familie

+übersiedelte+ nach Berlin.

Die Verwirrung stammt aus Süddeutschland und namentlich aus Österreich,

wo nicht nur der angegebne Unterschied vielfach verwischt wird,

sondern überhaupt die Neigung besteht, das Gebiet der trennbaren

Zusammensetzung immer mehr einzuschränken. Der Österreicher sagt stets:

über+führt+, über+siedelt+; er an+erkennt+ etwas, er unter+ordnet+

sich, eine Aufgabe ob+liegt+ ihm, er redet von einem unter+schobnen+

Kinde, von dem Text, der einem Liede unter+legt+ ist, er unter+bringt+

einen jungen Mann in einem Geschäft, er über+schäumt+ vor Entrüstung,

er hat die verschiednen Weine des Landes durch+kostet+ usw. Wir sollen

uns mit allen Kräften gegen diese Verwirrung wehren, da sie ein Zeichen

trauriger Verlotterung des Sprachgefühls ist.

Von den mit +miß+ zusammengesetzten Zeitwörtern sind Partizipia mit

oder ohne +ge+- gebräuchlich, je nachdem man sich lieber +miß+ oder

das Verbum betont denkt, also miß+lungen+, miß+raten+, miß+fallen+,

miß+billigt+, miß+deutet+, miß+gönnt+, miß+braucht+, miß+handelt+,

neben +gemiß+braucht, +gemiß+billigt, +gemiß+handelt. Die Vorsilbe

+ge+- kann aber niemals zwischen +miß+ und das Zeitwort treten, +miß+

bleibt in der Flexion überall mit dem Zeitwort verwachsen. Daher

ist es auch falsch, Infinitive zu bilden wie +mißzuhandeln+, es muß

unbedingt heißen: +zu mißhandeln+, +zu mißbrauchen+.

Für +neubacken+ wird jetzt öfter +neugebacken+ geschrieben: ein

neu+gebackner+ Doktor, ein neu+gebackner+ Ehemann usw., aber doch

immer nur von solchen, die sich die gute alte Form nicht zu schreiben

getrauen. Und doch fürchten sie sich weder vor +neuwaschen+ noch vor

+altbacken+ noch vor +hausbacken+.

Ich bin gestanden oder ich habe gestanden?

Ufm Bergli +bin i gsässe+, ha de Vögle zugeschaut; hänt gesunge, +hänt

gesprunge+, hänt’s Nestli gebaut -- heißt es in Goethes Schweizerlied.

+Ich bin gesessen+, +gestanden+, +gelegen+ ist das Ursprüngliche, das

aber in der Schriftsprache längst durch +habe gesessen+, +gestanden+,

+gelegen+ verdrängt ist. Nur mundartlich lebt es noch fort, und in

einer bayrischen oder österreichischen Erzählung aus dem Volksleben

läßt man sichs auch gern gefallen, auch in der Dichtersprache (Rückert:

es +ist+ ein Bäumlein +gestanden+ im Wald); in einem wissenschaftlichen

Aufsatz ist es unerträglich. Wie köstlich aber ist das +hänt

gesprunge+! Die Verba der Bewegung bilden ja das Perfektum alle mit

+sein+; manche können aber daneben auch ein Perfektum mit +haben+

bilden, nämlich dann, wenn das Verbum der Bewegung eine Beschäftigung

bezeichnet. Schon im fünfzehnten Jahrhundert heißt es in Leipzig: Der

Custos zu S. Niclas +hat+ mit dem Frohnen nach Erbgeld +gangen+, d. h.

er hat den Auftrag ausgeführt, das Geld einzusammeln. Und heute heißt

es allgemein: vorige Woche +haben+ wir +gejagt+, aber: ich +bin+ in der

ganzen Stadt +herumgejagt+, eine Zeit lang +bin+ ich diesem Trugbilde

+nachgejagt+, wir +haben+ die halbe Nacht +getanzt+, aber: das Pärchen

+war+ ins Nebenzimmer +getanzt+. Jedermann sagt: +ich bin gereist+,

nur der Handlungsreisende nicht, der sagt: ich +habe+ nun schon zehn

Jahre +gereist+, denn das Reisen ist seine Beschäftigung![40] Wenn

er aber sagt: Ich +bin+ mit Müller und Kompagnie zehn Jahre lang

+verkehrt+, so ist das falsch: auch +verkehren+ bildet sein Perfektum

mit +haben+. Und geradezu entsetzlich ist es, wenn er seine junge Frau

in der Stadt herumführt und ihr ein Haus zeigt mit den Worten: Hier

+bin+ ich ein Jahr lang +jewohnt+! Richtig unterschieden wird wohl

allgemein zwischen: er +ist+ mir +gefolgt+ (nachgegangen) und er +hat+

mir +gefolgt+ (gehorcht), er +ist fortgefahren+ (im Wagen) und er +hat

fortgefahren+ (zu lügen).

Singen gehört oder singen hören?

Eine der eigentümlichsten Erscheinungen unsrer Sprache, die dem

Ausländer, der Deutsch lernen will, viel Kopfzerbrechen macht, wird

mit der Frage berührt, ob es heiße: ich habe dich +singen gehört+ oder

+singen hören+.

Allerhand Sprachdummheiten Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen · 第 4 / 41 段