Ist es richtiger, zu sagen: +wir Deutsche+ oder +wir Deutschen+?

Diese Frage, die eine Zeit lang viel Staub aufgewirbelt hat, würde

wohl gar nicht entstanden sein, wenn nicht Bismarck in der bekannten

Reichstagssitzung vom 6. Februar 1888 den Ausspruch getan hätte, der

dann auf zahllosen Erzeugnissen des Gewerbes (Bildern, Gedenkblättern,

Denkmünzen, Armbändern usw.) angebracht worden ist: +Wir Deutsche+

fürchten Gott, sonst nichts auf der Welt. Denn so hat er nach den

stenographischen Berichten gesagt, und so war er also wohl gewohnt zu

sagen. Aber schon der Umstand, daß die Zeitungen am 7. Februar (vor dem

Erscheinen der stenographischen Berichte!) druckten: +Wir Deutschen+,

und daß sich die Gewerbetreibenden vielfach zu vergewissern suchten,

wie er denn eigentlich gesagt habe, zeigt, daß seine Ausdrucksweise

auffällig war; dem Volksmunde war geläufiger: +wir Deutschen+, und so

ist in der Tat schon im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert viel

öfter gesagt worden als +wir Deutsche+, obwohl es in der Einzahl heißt:

+ich Deutscher+, und heute vollends sagt niemand mehr: +wir Arme+, +ihr

Reiche+, +wir Alte+, +ihr Junge+, sondern +wir Armen+ (Gretchen im

Faust: am Golde hängt, nach Golde drängt doch alles, ach +wir Armen+!),

+ihr Reichen+, +wir Alten+, +ihr Jungen+, +wir Konservativen+,

+wir Liberalen+, +wir Wilden+ (Seume: +wir Wilden+ sind doch beßre

Menschen), +wir Geistlichen+, +wir Gesandten+, +wir Vorgenannten+, +wir

Unterzeichneten+, +wir armen Deutschen+, +wir guten dummen Deutschen+,

+wir Deutschen+ sind halt +Deutsche+! Es ist gar nicht einzusehen,

weshalb gerade die Deutschen von all diesen substantivierten Adjektiven

und Partizipien eine Ausnahme machen sollen. Wenn sich augenblicklich

gewisse Leute, denen es gar nicht einfallen würde, zu sagen: +wir

Arme+, mit dem vereinzelt aufgeschnappten und ihrem eignen Munde ganz

ungewohnten +wir Deutsche+ spreizen, so ist das einfach lächerlich.

Die Ursache, weshalb hinter +wir+ und +ihr+ schon früh die schwache

Form bevorzugt worden ist, ist offenbar dieselbe, die hinter den

hinweisenden Fürwörtern, den besitzanzeigenden Adjektiven und hinter

+alle+ und +keine+ wirksam gewesen ist (vgl. S. 32): daß es sich um

eine bestimmte Menge handelt. Wenn man sagt: +wir Deutschen+, so

meint man damit entweder alle Deutschen überhaupt oder alle Deutschen

in einem bestimmten Falle, z. B. alle, die in einer aus Angehörigen

verschiedner Nationen gemischten Versammlung anwesend sind. Daß im

Akkusativ der Mehrzahl die starke Form vorgezogen worden ist: +uns

Deutsche+, hat seinen Grund wieder darin, daß man ihn sonst nicht hätte

vom Dativ unterscheiden können (bei Burkhard Waldis aber: und das Reich

an +uns Deutschen+ kummen).

Ein Unterschied läßt sich zwischen +wir beiden+ und +wir beide+

machen. Wenn der Lehrer am Schluß der Stunde fragt: wer ist noch nicht

drangewesen? ein Schüler dann antwortet: +Wir beiden+ sind noch nicht

drangewesen, der Lehrer das bezweifelt und sagt: Ich dächte, +du+ wärst

schon drangewesen, so kann der Schüler das zweitemal antworten: Nein,

+wir beide+ sind noch nicht drangewesen. Im zweiten Falle wird +beide+

zum Prädikat gezogen, +wir beiden+ dagegen ist dasselbe wie +wir zwei+.

Freilich heißt es in Holteis Mantellied auch: +Wir beide+ haben niemals

gebebt.

Verein Leipziger Gastwirte -- an Bord Sr. Maj. Schiff

Ein gemeiner Fehler, für den leider in den weitesten, auch in

gebildeten Kreisen schon gar kein Gefühl mehr vorhanden zu sein

scheint, liegt in Verbindungen vor wie: Verein +Leipziger Gastwirte+,

Ausschank +Zwenkauer Biere+, Hilfskasse +Leipziger Journalisten+,

Verein +Berliner Buchhändler+, Radierungen +Düsseldorfer Künstler+,

Photographien +Magdeburger Baudenkmäler+, eine Sammlung +Meißner

Porzellane+, die frühesten Namen +Breslauer Konsuln+, zur Topographie

+südtiroler Burgen+, nach Meldungen +Dresdner Zeitungen+.

Die von Ortsnamen gebildeten Formen auf +er+ werden von vielen jetzt

für Adjektiva gehalten, wie sich schon darin zeigt, daß sie sie mit

kleinen Anfangsbuchstaben schreiben: +pariser+, +wiener+, +thüringer+,

+schweizer+. Das ist ein großer Irrtum. Diese Formen sind keine

Adjektiva, sondern erstarrte Genitive von Substantiven. Der +Leipziger

Bürgermeister+ ist, wörtlich ins Lateinische übersetzt, nicht ~consul

Lipsiensis~ -- das wäre der +Leipzigische+ Bürgermeister --, sondern

~Lipsiensium consul~, der Bürgermeister +der Leipziger+. Man sieht das

deutlich, wenn man solche Verbindungen zugleich mit einem wirklichen

Adjektivum dekliniert, z. B. der +neue Berliner Ofen+. Dann lauten die

einzelnen Kasus: des neu+en+ Berlin+er+ +Ofens+, dem neu+en+ Berlin+er+

+Ofen+, den neu+en+ Berlin+er+ +Ofen+, die neu+en+ Berlin+er+

+Öfen+ usw. Während also das Adjektiv +neu+ und das Substantiv

+Ofen+ dekliniert werden, bleibt +Berliner+ stets unverändert. Ganz

natürlich; es ist eben kein Adjektivum, sondern ein eingeschobner,

abhängiger Genitiv. Der Irrtum ist dadurch entstanden, daß man, durch

den Gleichklang der Endungen verführt, solche abhängige Genitive mit

dem Genitiv von wirklichen Adjektiven wie +deutscher+, +preußischer+

zusammengeworfen hat. Weil man richtig sagt: eine Versammlung

+deutscher Gastwirte+, glaubt man auch richtig zu sagen: ein Verein

+Leipziger Gastwirte+. Leider heißt nur hier der Nominativ nicht

+Leipzige+, während er dort +deutsche+ heißt.

Nun ist aber in der artikellosen Deklination der Genitiv der Mehrzahl,

wenn er nicht durch ein hinzugesetztes Adjektiv kenntlich gemacht wird,

überhaupt nicht kenntlich; er muß (leider!) durch die Präposition +von+

umschrieben werden. Wenn man sagt: eine +Versammlung großer Künstler+,

so ist der Genitiv durch das Attribut +großer+ genügend kenntlich

gemacht; aber ~societas artificum~ läßt sich nimmermehr übersetzen:

ein +Verein Künstler+, sondern nur ein +Künstlerverein+ oder: ein

+Verein von Künstlern+; erst durch das +von+ entsteht ein erkennbarer

Genitiv. Ganz ebenso ist es aber auch, wenn zu dem Substantiv ein

Attribut tritt, das nicht deklinierbar ist, z. B. ein Zahlwort oder ein

abhängiger (kein attributiver) Genitiv. So unmöglich und so falsch es

ist, zu sagen: infolge +Streitigkeiten+, wegen +Sonderzüge+, mangels

+Beweise+, ein Bund +sechs Städte+, innerhalb +vier Wochen+, nach

Verlauf +vier Wochen+, die Lieferung +fünftausend Gewehre+, in der

ersten Zeit +dessen Leitung+, mit Bewilligung +dessen Eltern+, unter

Angabe +deren Kennzeichen+, die Neubesetzung +Herrn Dornfelds Stelle+,

unterhalb ~Dr.~ +Heines Brücke+, der Verkauf +ihres Mannes Bücher+,

Genüsse +mancherlei Art+, eine Quelle +allerhand Verlegenheiten+, so

gewiß in allen diesen Fällen der Genitiv nur mit Hilfe der Präposition

+von+ kenntlich gemacht werden kann (ein Bund +von sechs Städten+, eine

Quelle +von allerhand Verlegenheiten+), so gewiß muß es auch heißen:

Verein +von Leipziger Gastwirten+, Verhaftung +von Erfurter Bürgern+,

Verkauf +von Magdeburger Molkereibutter+; bei +Verein Berliner

Künstler+ glaubt man immer nur einen Nominativ zu hören: ein +Verein

Künstler+, wie bei: eine +Menge Menschen+, ein +Haufe Steine+, ein

+Sack Geld+, ein +Stück Brot+ usw.[25]

Ebenso falsch ist es, wenn geschrieben wird: an Bord +Sr. Majestät

Schiff Möwe+, die Forschungsreise +Sr. Majestät Schiff Gazelle+. Der

Genitiv +Sr. Majestät+ hängt ab von +Schiff+. Aber wovon hängt +Schiff+

ab? Von nichts: es schwebt in der Luft. Und doch soll auch das ein

Genitiv sein, der von +Bord+ oder +Reise+ abhängt. Der kann nur dadurch

erkennbar gemacht werden, daß man schreibt: an Bord +von Sr. Majestät

Schiff+ Gazelle, denn an Bord +Sr. Majestät Schiffs+ Gazelle wird

niemand sagen wollen.[26]

Anstatt des abhängigen +dessen+ und +deren+ braucht man sich nur

des attributiven +sein+ und +ihr+ zu bedienen, und der Genitiv ist

sofort erkennbar. Falsch ist: ich gedenke +dessen+ Güte und Macht

-- die Briefe Goethes an seinen Sohn während +dessen+ Studienjahre

in Heidelberg -- eine Darstellung der alten Kirche und +deren+

Kunstschätze -- die Interessen der Stadt und +deren+ Einwohner --

eine Aufzählung aller Güter und +deren+ Besitzer -- eine Versammlung

sämtlicher evangelischen Fürsten und +deren+ Vertreter -- eine Tochter

des Herrn Direktor Schmidt und +dessen+ Gemahlin -- zum Besten der

Verunglückten und +deren+ Hinterlassenen -- die Sicherstellung der

Zukunft der Beamten und +deren+ Familien; es muß heißen: +seiner+ Güte

und Macht, +seiner+ Gemahlin, +ihrer+ Hinterlassenen, +ihrer+ Familien

usw.[27]

Steigerung der Adjektiva. Schwerwiegender oder schwerer wiegend?

Mannigfachen Verstößen begegnet man in der Steigerung der Adjektiva

(Positiv, Komparativ, Superlativ). Von +viel+ heißt der Komparativ

nicht +mehrere+, sondern +mehr+: ich habe in meinem Garten +viel+

Rosen, du hast +mehr+ Rosen, er hat die +meisten+ Rosen. +Mehrere+

ist nichts andres als +einige+, +etliche+. Wenn also ein Hausbesitzer

genötigt wird, zu bescheinigen, daß +mehrere+ Hunde als die hier

verzeichneten in seinem Hause nicht gehalten werden, so wird er

genötigt, einen Schnitzer zu unterschreiben.

Bei Adjektiven, deren Stamm auf einen Zischlaut endigt, stoßen im

Superlativ zwei Zischlaute zusammen. Das stört nicht, wenn die Wörter

mehrsilbig sind (der +weibischste+, der +malerischste+), wohl aber,

wenn sie einsilbig sind (der +hübschste+, der +süßste+). Man bewahrt

dann lieber das e, das sonst immer ausgeworfen wird, und sagt: der

+hübscheste+, der +süßeste+. Von +groß+ ist allgemein der +größte+

üblich geworden (Goethe im Götz auch: der +hübschte+, in den Briefen

aus Italien: der +genialischte+).

Bei der Vorliebe, womit jetzt einfache Begriffe wie +groß+, +stark+,

+schwer+ durch schleppende Zusammensetzungen wie +tiefgehend+,

+weitgehend+, +weittragend+, +schwerwiegend+ ersetzt werden, entsteht

oft Verlegenheit, wie man solche Zusammensetzungen im Komparativ

und im Superlativ behandeln soll. Logisch ist ja die Frage leicht

zu beantworten; was gesteigert werden soll, ist nicht das Partizip

+gehend+, sondern das dabeistehende Adverb +tief+ oder +weit+.

In vielen solchen Zusammensetzungen ist aber das Adverb mit dem

Partizip so innig verwachsen, daß man kaum noch die Zusammensetzung

empfindet. Wenn also auch niemand wagen wird, eine +weitverbreitete+

Unsitte zu steigern: eine +weitverbreitetere+ Unsitte, sondern eine

+weiter verbreitete+,[28] das +hochbesteuerte Einkommen+, nicht:

das +hochbesteuertste+, sondern das +höchstbesteuerte+, so ist doch

gegen einen Komparativ wie +zartfühlender+ nichts einzuwenden, denn

das Partizipium +fühlend+ wird hier gar nicht mehr als Verbalform

empfunden, sondern etwa wie +fühlig+ in +feinfühlig+, und solche

Zusammensetzungen (+feinsinnig+, +kleinmütig+, +böswillig+,

+fremdartig+, +gleichmäßig+) gelten für einfache Wörter und können

nur steigern: +kleinmütiger+, der +kleinmütigste+. Ihnen würde sich

auch das neumodische +hochgradig+ anschließen. Dazwischen liegen aber

nun Zusammensetzungen, bei denen manchmal kaum zu entscheiden ist, ob

man sie als einfache oder als zusammengesetzte Wörter behandeln soll;

sogar derselbe Mensch kann darin zu verschiednen Zeiten verschieden

fühlen. Ganz unerträglich sind: der +schöngelegenste+ Teil, die

+vielgenannteste+ Persönlichkeit, die +naheliegendste+ Erklärung,

die +leichtlaufendste+ Maschine, die +tiefliegendere+ Bedeutung,

+tiefgehendere+ Anregungen, die +feinschmeckenderen+ Sorten, die

+weitblickendere+ Klugheit, eine +engbegrenztere+ Aufgabe; es muß

heißen: der +schönstgelegne+, noch besser der am +schönsten gelegne+

Teil, die +am meisten genannte+ Persönlichkeit, die +tiefer liegende+

Bedeutung, +tiefer gehende+ Anregungen, die +feiner schmeckenden+

Sorten, die +nächstliegende+ Erklärung, die +weiter blickende+

Klugheit, eine +enger begrenzte+ Aufgabe. Nicht ganz so anstößig

erscheint: die +wohlgemeinteste+ Warnung, die +weitgehendste+

Mitwirkung, die +weittragendste+ Bedeutung, die +fernliegendsten+

Dinge, die +hochfliegendsten+ Pläne, obwohl natürlich der

+bestgemeinte+ Rat, die +weitestgehende+ Mitwirkung vorzuziehen ist.

Völlig gewöhnt haben wir uns an den +tiefgefühltesten+ Dank und an die

+hochgeehrtesten+ oder +hochverehrtesten+ Damen und Herren. Schön kann

man trotzdem solche Steigerungen nicht nennen; sie klingen alle mehr

oder weniger schleppend und schwülstig, und was sie ausdrücken sollen,

kann meist durch ein einfacheres Wort oder durch einen kurzen Nebensatz

ebenso kräftig und deutlich gesagt werden.

Größtmöglichst

Noch schlimmer freilich sind die jetzt so beliebten doppelten

Superlativbildungen, wie die +besteingerichtetsten+ Verkehrsanstalten,

die +bestbewährtesten+ Fabrikate, die +höchstgelegenste+ Wohnung, der

+feinstlaubigste+ Kohlrabi u. ähnl. (statt der +besteingerichteten+

oder der +bewährtesten+). Für +so gut wie möglich+ kann man natürlich

auch sagen: +möglichst gut+. Es gibt ja verschiedne Grade der

Möglichkeit, es kann etwas leichter möglich sein und auch schwerer

möglich; man sagt auch: tue dein +möglichstes+! Wie muß sich aber diese

Steigerung mißhandeln lassen! Die einen stellen die Wörter verkehrt,

bringen den Superlativ an die falsche Stelle und sagen +bestmöglich+,

in der irrigen Meinung, das Wort sei eine Zusammenziehung aus: der

+beste+, der +möglich+ ist; andre wissen sich gar nicht genug zu tun

und bilden auch hier wieder den doppelten Superlativ +bestmöglichst+,

+größtmöglichst+: mit +größtmöglichster+ Beschleunigung. Das beste ist,

auch solche schwülstige Übertreibungen zu vermeiden. Das gilt auch von

der beliebten Steigerung: der +denkbar größte+. Wenn ein Nutzen nicht

der +denkbar größte+ wäre, so wäre er doch auch nicht der +größte+.

Welch unnötiger Wortschwall also! Manche sind aber in dieses +denkbar+

so verliebt, daß sie es sogar zum Positiv setzen: in ihrer Stimmung

sind beide Altarflügel +denkbar verschieden+.

Vollkommener Unsinn ist es natürlich, wenn gedankenlose Menschen jetzt

der +erste beste+ zusammenziehen in der +erstbeste+, wenn ein Arzt

bittet, +möglichst keine+ Briefe an ihn zu richten, da er verreist sei,

eine Herrschaft einen +möglichst verheirateten+ oder einen +möglichst

unverheirateten+ Kutscher zu +möglichst sofortigem+ Antritt sucht,

Zeitungen ihre Abonnenten auffordern, das Abonnement +baldgefälligst+

zu erneuern, oder ein Kaufmann seine Kunden bittet, ihm +baldmöglichst+

oder +baldgefälligst+ ihre geschätzten Aufträge oder Bestellungen

zukommen zu lassen. Was sie meinen, ist weiter nichts als: +womöglich

keine+, +womöglich verheiratet+, +womöglich sofort+, und: +möglichst

bald+, +gefälligst bald+. Aber namentlich das +baldgefälligst+, so

albern es auch ist, gehört zu den Lieblingswörtern aller Geschäftsleute

und Beamten.

Ebenso unsinnig ist es, wenn ein Superlativ von +einzig+ gebildet wird:

der +Einzigste+, der bisher Großes in diesem Fache geleistet hat.

Einziger als einzig kann doch niemand sein.

Gedenke unsrer oder unser?

Auch in der Deklination der Fürwörter herrscht hie und da Unwissenheit

oder Unsicherheit. Daß man eine Frage besprechen muß wie die: gedenke

+unsrer+ oder +unser+? ist sehr traurig, aber es ist leider nötig, denn

der Fehler: wir sind +unsrer+ acht -- es harrt +unsrer+ eine schwere

Aufgabe, oder: wir gedenken +eurer+ in Liebe, kommt so oft vor, daß man

fast annehmen möchte, die Leute wären der Meinung, die kürzeren Formen

seien nur durch Nachlässigkeit entstanden.

Die Genitive der persönlichen Fürwörter +ich+, +du+, +er+, +wir+,

+ihr+, +sie+ heißen: +mein+, +dein+, +sein+, +unser+, +euer+, +ihr+,

z. B.: gedenke +mein+, vergiß +mein+ nicht, der Buhle +mein+, ich

denke +dein+, +unser+ einer, +unser aller+ Wohl, +unser+ keiner lebt

ihm selber.[29] Daneben sind freilich im Singular schon früh die

unorganischen Formen +meiner+, +deiner+, +seiner+ aufgekommen und

haben sich festgesetzt, aber doch ohne die echten, alten Formen ganz

verdrängen zu können (Gellert: der Herr hat +mein+ noch nie vergessen,

vergiß, mein Herz, auch +seiner+ nicht); +ihr+ ist leider ganz durch

+ihrer+ verdrängt worden; wir wollen uns +ihrer+ annehmen. Aber in

der ersten und zweiten Person der Mehrzahl ist doch die richtige

alte Form noch so lebendig, daß es unverantwortlich wäre, wenn man

sie nicht gegen die falsche, die sich auch hier eindrängen will, in

Schutz nähme. +Unsrer+ und +eurer+ sind Genitive des besitzanzeigenden

Eigenschaftswortes, aber nicht des persönlichen Fürworts. Also: erbarmt

euch +unser+ und +unsrer+ Kinder![30]

Derer und deren

Die Genitive der Mehrzahl +derer+ und +deren+ sind der alten Sprache

überhaupt unbekannt, sie hat nur ~der~; beide sind -- ebenso wie die

Genitive der Einzahl +dessen+ und +deren+ -- erst im Neuhochdeutschen

gebildet worden und als willkommne Unterscheidungen des betonten und

lang gesprochnen Determinativs und Relativs +der+ (~dēr~) von dem

gewöhnlich unbetonten und kurz gesprochnen Artikel +der+ (~dĕr~)

festgehalten worden. +Derer+ steht vor Relativsätzen (und verdient

dort den Vorzug vor dem schleppenden +derjenigen+); +deren+ ist

Demonstrativum: die Krankheit und +deren+ Heilung (d. i. +ihre+

Heilung) und Relativum: die Krankheiten, +deren+ Heilung möglich ist.

Falsch ist es also, wenn Relativsätze angefangen werden: in betreff

+derer+, vermöge +derer+.

Ein ganz neuer Unsinn, den man jetzt bisweilen lesen muß, ist +dessem+

und +derem+: der Dichter, +dessem+ löblichen Fortschreiten ich

mit Freuden folge -- die Geschäfte werden inzwischen von +dessem+

Stellvertreter besorgt -- die fremde Kunst, bei +derem+ Studium der

Deutsche seine eigne Kunst vergaß -- für die Behörden zu +derem+

alleinigen Gebrauch ausgefertigt. Der Dativ, der in diesen Sätzen

steht, hat gleichsam den vorangehenden abhängigen Genitiv angesteckt

und dadurch die Mißbildungen geschaffen. Die Verirrung geht aber wohl

öfter in den Köpfen der Setzer als in denen der Schriftsteller vor;

bei der Korrektur lesen die Verfasser über den Unsinn weg, und so

wird er mit gedruckt. Auch +dergleichem+ findet sich schon: er ist zu

Verschickungen und +dergleichem+ gebraucht worden.[31]

Einundderselbe

Der arge Mißbrauch, der mit dem Pronomen +derselbe+ getrieben wird

(daß man es fortwährend für +er+ oder +dieser+ gebraucht; vgl. S.

226), hat dazu geführt, daß man nun +einundderselbe+ sagen zu müssen

glaubt, wo man +derselbe+ mit seiner wirklichen Bedeutung meint. Diese

überflüssige Zusammensetzung wird vollends schleppend, wenn man sie

pedantisch dekliniert: +eines und desselben+, +einem und demselben+.

Wer sie nicht entbehren zu können glaubt, der schreibe wenigstens:

an +einunddemselben Tage+, im Laufe +einunddesselben+ Jahres, in

+einundderselben+ Hand. Dieselbe Freiheit nimmt man sich ja auch bei

+Grund und Boden+: die Entwertung des +Grund und Bodens+ (als ob beides

nur +ein+ Wort wäre), nicht des +Grundes und Bodens+; ebenso: ein Hut

mit +blau und weißem+ Band, wenn nicht zwei verschiedenfarbige Bänder

gemeint sind, sondern ein zweifarbiges.

Man

Daß auch das unpersönliche Fürwort +man+ dekliniert werden kann, dessen

sind sich die allerwenigsten bewußt. In der lebendigen Rede bilden

sie zwar, ohne es zu wissen, die ~casus obliqui~ ganz richtig, aber

wenn sie die Feder in die Hand nehmen, getrauen sie sich nicht, sie

hinzuschreiben, sondern sinnen darüber nach, wie sie sich ausdrücken

sollen. Der Junge, der von einem andern Jungen geneckt wird, sagt: laß

+einen+ doch gehn! und wenn er sich über den Necker beschwert, sagt er:

der neckt +einen+ immer. Auch der Erwachsne sagt: das kann +einem+ alle

Tage begegnen. Und Lessing schreibt: macht +man+ das, was +einem+ so

einfällt? -- so was erinnert +einen+ manchmal, woran +man+ nicht gern

erinnert sein will -- muß +man+ nicht grob sein, wenn +einen+ die Leute

sollen gehn lassen? -- Goethe sagt sogar: +eines+ Haus und Hof steht

gut, aber wo soll bar Geld herkommen? Es ist also klar, die ~casus

obliqui~ von +man+ werden in der lebendigen Sprache gebildet durch

+eines+, +einem+, +einen+. Aber viele scheinen diese Ausdrucksweise

jetzt nicht mehr für fein zu halten, scheinen sich einzubilden, daß sie

nur der niedrigen Umgangssprache zukomme. Das ist bloßer Aberglaube,

man kann sich gar nicht besser ausdrücken, als wie es Goethe getan hat,

wenn er z. B. sagt: wenn +man+ für einen reichen Mann bekannt ist, so

steht es +einem+ frei, seinen Aufwand einzurichten, wie +man+ will.

Jemandem oder jemand?

In +jemand+ und +niemand+ ist das d ein unorganisches Anhängsel. Die

Wörter sind natürlich mit +man+ (+Mann+) zusammengesetzt (~ieman~,

~nieman~), im Mittelhochdeutschen heißen Dativ und Akkusativ noch

~iemanne~, ~niemanne~, ~ieman~, ~nieman~. Da sich das Gefühl dafür

durchaus noch nicht verloren hat, da es jedermann noch versteht, wenn

man sagt: ich habe +niemand+ gesehen, du kannst +niemand+ einen Vorwurf

machen, so ist nicht einzusehen, weshalb die durch Mißverständnis

entstandnen Formen +jemandem+, +niemandem+, +jemanden+, +niemanden+ den

Vorzug verdienen sollten.

Jemand anders

Der gute Rat, bei den Adjektiven, deren Stamm auf er endigt, immer die

schönen, kräftigen Formen: +unsers+, +andern+ den weichlichen Formen:

+unsres+, +andren+ vorzuziehen (vgl. S. 29), erleidet eine Ausnahme

bei dem Neutrum +anders+. Unser heutiges Umstandswort +anders+ (ich

hätte das +anders+ gemacht) ist ursprünglich nichts „andres“ als das

Neutrum von +andrer+, +andre+, +andres+ (ein +andres+ Kleid). Die

Sprache hat sich hier des ganz äußerlichen Mittels bedient, das einemal

den Vokal der Endung, das andremal den des Stammes auszuwerfen, um

einen Unterschied zwischen Adjektiv und Adverb zu schaffen. (Ebenso

bei +besondres+ und +besonders+.) An diesem Unterschied ist natürlich

nun festzuhalten, niemand wird schreiben ein +anders+ Kleid. Zum Glück

hat sich aber in der lebendigen Sprache in den Verbindungen: +wer

anders+, +was anders+, +jemand anders+, +niemand anders+ die kräftigere

Form erhalten; man sagt: +wer anders+ sollte mir helfen? -- das ist

+niemand anders+ gewesen als du -- und die Schlußzeile einer bekannten

Fabel: ja, Bauer, das ist ganz was +anders+ -- ist durchaus nicht bloß

wegen des Reimes auf +Alexanders+ so geschrieben. In allen diesen

Verbindungen ist +anders+ nicht etwa als Adverb aufzufassen, sondern

es ist der Genitiv des geschlechtslosen Neutrums, das zur Bezeichnung

beider Geschlechter dient, wie in +jemand fremdes+. Darnach kann nun

auch kein Zweifel sein, wie diese Verbindungen zu deklinieren sind. Der

Volksmund hat das richtige, wenn er sagt: von +wem anders+ soll ich

mir denn helfen lassen? -- ich bin mit +niemand anders+ in Berührung

gekommen. Mit +niemand anderm+ ist falsch, freilich nicht viel falscher

als: von +was anderm+, zu +was besserm+, zu +nichts gutem+, wo auch

das abhängige Wort, das eigentlich im Genitiv stehen müßte, die

Kasusbezeichnung übernommen hat, die in +was+ und +nichts+ nicht zum

Ausdrucke kommt.

Ein andres und etwas andres

Das Neutrum von +jemand anders+ heißt +etwas andres+, im Volksmunde

+was andres+. Die Mutter sagt: ich habe dir +was schönes+ oder +etwas

schönes+ mitgebracht. Ebenso +etwas gutes+, +etwas rechtes+, +etwas

wahres+, +etwas großes+, +etwas wesentliches+, +etwas neues+, +etwas

weiteres+. Dieses schlichte +was+ oder +etwas+ verschmäht man aber

jetzt, man schreibt: und noch +ein andres+ muß ich erwähnen -- zunächst

möchte ich +ein allgemeines+ voranschicken -- und nun können wir

noch +ein weiteres+ hinzufügen -- man darf nicht glauben, daß damit

+ein wesentliches+ gewonnen sei -- auch der reichhaltigste Stoff muß

+ein spezifisches+ haben, das ihn von tausend andern unterscheidet;

und man kommt sich äußerst vornehm vor, wenn man so schreibt. Sogar

ein Lied von Oskar von Redwitz, das in der Komposition von Liszt das

Entzücken aller Backfische ist, fängt an: Es muß +ein wunderbares+ sein

ums Lieben zweier Seelen! Es ist aber nichts als alberne Ziererei.

Poetischer wird das Lied durch das +ein+ sicherlich nicht.

Allerhand Sprachdummheiten Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen · 第 3 / 41 段