unzweifelhaft fünf Pfennige; wenn ich aber mit diesen fünf Pfennigen
(oder auch mit einem Nickelfünfer) eine Zigarre bezahle, kostet die
dann fünf +Pfennige+ oder, wie auf dem Nickelfünfer steht, fünf
+Pfennig+? Schwierige Frage!
Bei Angaben von Preis, Gewicht, Maß, Zeit, Lebensalter usw. ist oft
eine Pluralform üblich, die sich vom Singular nicht unterscheidet,
wenigstens bei Wörtern männlichen und sächlichen Geschlechts,[20] wie
bei +Taler+, +Gulden+, +Groschen+, +Heller+, +Pfennig+, +Batzen+,
+Pfund+, +Lot+, +Fuß+, +Zoll+, +Schuh+, +Faden+, +Faß+, +Glas+ (zwei
+Glas+ Bier), +Maß+, +Ries+, +Buch+ (drei +Buch+ Papier), +Blatt+,[21]
+Jahr+, +Monat+, +Mann+ (sechs +Mann+ Wache), +Schritt+, +Schuß+
(tausend +Schuß+), +Stock+ (drei +Stock+ hoch). Diese Formen sind
natürlich keine wirklichen Singulare, sondern zum Teil sind es alte
Pluralformen (vgl. S. 20 +Fach+ und +Fächer+), zum Teil Formen, die
solchen unwillkürlich nachgebildet worden sind. Von einer Regel also,
daß in allen solchen Fällen der Singular stehen müsse, kann keine Rede
sein. Es ist ganz richtig, zu sagen: das Kind ist +drei Monate+ alt,
+drei+ Jahre alt, wie denn auch jeder +drei Taler+, +drei Gulden+,
+drei Groschen+ sicherlich als Plural fühlen, folglich auch sagen wird:
ich habe das Bild mit +zehn Talern+ bezahlt (nicht mit +zehn Taler+!).
Und so haben wir auch in Mitteldeutschland früher immer +Pfennige+
gesagt so gut wie +Könige+, +Käfige+ und +Zeisige+. (In dem alten Liede
von der Seestadt Leipzig heißt es sogar: Und ein einzig Lot Kaffee
kostet +sechzehn Pfennigee+.) Bis 1880 war auch auf unsern Briefmarken
so gedruckt. Wahrscheinlich war das aber nicht „schneidig“ genug,
und so hieß es von da an 3 +Pfennig+, 5 +Pfennig+, worauf 1889 die
Abkürzung +Pf.+ erschien, die jeder lesen konnte, wie er wollte, bis
schließlich gar nur noch die Ziffer übrig blieb!
Jeden Zwanges oder jedes Zwanges?
Zu den unbehaglichsten Kapiteln der deutschen Grammatik gehört die
Deklination zweier miteinander verbundner Nomina, eines Substantivs
und eines Adjektivs. Heißt es: +jeden Zwanges+ oder +jedes Zwanges+?
+sämtlicher deutscher Stämme+ oder +sämtlicher deutschen Stämme+?
+großer Gelehrter+ oder +großer Gelehrten+? ein +schönes Ganzes+ oder
ein +schönes Ganze+? von +hohem praktischen Werte+ oder von +hohem
praktischem Werte+? So unwichtig die Sache manchem vielleicht scheint,
so viel Verdruß oder Heiterkeit (je nachdem) bereitet sie dem Fremden,
der Deutsch lernen möchte, und so beschämend ist es für uns Deutsche
selbst, wenn wir dem Fremden sagen müssen: Wir wissen selber nicht, was
richtig ist, sprich, wie du willst! Mit einigem guten Willen ist aber
doch vielleicht zu ein paar klaren und festen Regeln zu gelangen.
Die Adjektiva können stark und auch schwach dekliniert werden. In der
schwachen Deklination haben sie, wie die Hauptwörter, nur die Endung
+en+, in der starken haben sie die Endungen des hinweisenden Fürwortes:
+es+, +em+, +en+ usw. Nach der starken Deklination gehen sie, wenn sie
allein beim Substantiv stehen, ohne vorhergehenden Artikel, und im
Singular, wenn ein Pronomen ohne Endung vorhergeht: +mein guter Hans+,
+du alter Freund+, +unser jährlicher Umsatz+, +welch vorzüglicher+
Wein. In allen andern Fällen gehn sie nach der schwachen Deklination.
Es muß also heißen: +gerades Wegs+, +guter Hoffnung+, +schwieriger
Fragen+, dagegen +des geraden Wegs+, +der guten Hoffnung+, +der
schwierigen Fragen+, +dieser schwierigen+ Fragen, +welcher schwierigen+
Fragen, +solcher schwierigen+ Fragen, auch +derartiger+ und +folgender
schwierigen+ Fragen, +beifolgendes kleine+ Buch (denn +derartiger+
steht für +solcher+, +folgender+ und +beifolgender+ für +dieser+).
So ist auch die ältere Sprache überall verfahren; Luther kennt Genitive
wie +süßen Weines+ fast noch gar nicht. Im siebzehnten und achtzehnten
Jahrhundert aber drang, obgleich Sprachkundige eifrig dagegen
ankämpften, bei dem männlichen und dem sächlichen Geschlecht im Genitiv
des Singulars immer mehr die schwache Form ein, und gegenwärtig hat
sie sich fast überall festgesetzt; man sagt: +frohen Sinnes+, +reichen
Geistes+, +weiblichen Geschlechts+, +größten Formats+. Höchstens +gutes
Muts+, +reines Herzens+, +gerades Wegs+ wird bisweilen noch richtig
gesagt. Bei den besitzanzeigenden Adjektiven (+mein+, +dein+, +sein+,
+unser+, +euer+, +ihr+) hat sich die starke Form überall unangetastet
erhalten (+meines Wissens+, +unsers Lebens+), dagegen ist es bei den
Zahlbegriffen (+jeder+, +aller+, +vieler+, +keiner+, +mancher+) ins
Schwanken gekommen. Wie man sagt: +größtenteils+ und +andernteils+,
so sagt man auch +jedenfalls+ und +allenfalls+ neben +keineswegs+,
+keinesfalls+, +jedes Menschen+, +keines Worts+, +alles Lebens+, +alles
Ernstes+. Nur wenige schreiben noch richtig: trotz +alles Leugnens+,
trotz +manches Erfolgs+, trotz +vieles Aufwands+; die meisten
schreiben: trotz +allen Leugnens+ usw.
Bei +jeder+ erklärt sich das Schwanken vielleicht daher, daß +jeder+
wie ein Adjektiv auch mit dem unbestimmten Artikel versehen werden
kann (+ein jeder+ Mensch), eine Verbindung, die manche Schriftsteller
bis zum Überdruß lieben, als ob sie das bloße +jeder+ gar nicht mehr
kennten.
Die Schule sollte sich auch hier bemühen, die alte, richtige Form, wo
sie sich noch erhalten hat, sorgfältig zu schützen und zur Schärfung
des Sprachgefühls zu benutzen. Und wo ein Schwanken besteht, wie bei
+jeder+, da sollte doch kein Zweifel sein, wie man sich zu entscheiden
hat. Falsch ist: die Abwehr +jeden+ Zwanges; richtig ist nur: die
Abwehr +jedes Zwanges+ oder +eines jeden Zwanges+ (wie die Bekämpfung
+solches Unsinns+ oder +eines solchen Unsinns+).
Merkwürdig ist, daß sich nach +solcher+ die schwache Deklination
noch nicht so festgesetzt hat wie nach +welcher+. Während jeder ohne
Besinnen sagt: +welcher gute+ Mensch, +welches guten+ Menschen, +welche
guten+ Menschen, auch +solcher vollkommnen+ Exemplare, hört man im
Nominativ und Akkusativ der Mehrzahl viel öfter: +solche vollkommne+
Exemplare. Es kommt das wohl daher, daß auch +solcher+ oft mehr etwas
adjektivisches hat. Ebenso ist es bei +derartiger+ (für +solcher+)
und +folgender+ (für +dieser+). Jeder wird im Nominativ vorziehen:
+folgende schwierige+ Fragen, dagegen im Genitiv vielleicht +folgender
schwierigen+ Fragen (wie +dieser schwierigen+ Fragen).
Manche Leute glauben, daß Adjektiva, deren Stamm auf m endigt, nur
einen schwachen Dativ bilden könnten, weil +mem+ „schlecht klinge“,
daß es also heißen müsse: mit +warmen Herzen+, mit +geheimen Kummer+,
mit +stummen Schmerz+, mit +grimmen Zorn+, von +vornehmen+ Sinn, +bei
angenehmen+ Wetter, bei +gemeinsamen+ Lesen -- ein ganz törichter
Aberglaube.
Anderen, andren oder andern?
Ein garstiger Mißbrauch herrscht in der Deklination bei den Adjektiven,
deren Stamm auf +el+ und +er+ endigt, wie +dunkel+, +edel+, +eitel+,
+übel+, +lauter+, +wacker+; auch die Komparativstämme, wie +besser+,
+größer+, +unser+, +euer+, +inner+, +äußer+, +ander+, gehören dazu.
Bei diesen Adjektiven kommen in der Deklination zwei Silben mit kurzem
e zusammen, also des +eitelen+ Menschen, dem +übelen+ Rufe, dem
+dunkelen+ Grunde, +unseres+ Wissens, mit +besserem+ Erfolge, aus
+härterem+ Holze. Diese Formen sind unerträglich: man schreibt sie wohl
bisweilen, aber niemand spricht sie, eins der beiden e muß weichen.
Aber welches von beiden? Die richtige Antwort darauf gibt der Infinitiv
der Zeitwörter, die von Stämmen auf +el+ und +er+ gebildet werden.
Auch da treffen zwei e zusammen, von denen eins beseitigt werden muß.
Nun ist es zwar hie und da in Deutschland, z. B. in Hannover, beliebt,
zu sagen: +tadlen+, +handlen+, +wandlen+, +veredlen+, +vermittlen+,
+verdunklen+, +verwechslen+, +ausbeutlen+, +mildren+, +verwundren+,
+erschüttren+, +veräußren+, +versilbren+, +versichren+, +erläutren+,
im allgemeinen aber spricht, schreibt und druckt man doch +tadeln+,
+veredeln+, +erinnern+, +erläutern+, d. h. man opfert das e der Endung
und bewahrt das e des Stammes. Ebenso geschieht es auch in der Flexion
des Verbums: +er vereitelt+, er +verändert+, nicht er +vereitlet+, er
+verändret+. Und so ist es gut und vernünftig. Denn nicht nur daß das
Stamm-e wichtiger ist als das der Endung, die Formen auf +eln+ und
+ern+ klingen auch voller und schöner.[22] Genau so verhält sichs bei
den genannten Adjektiven. Aber fast in allen Büchern und Zeitungen
druckt man die häßlich weichlichen Formen: +unsres+ Jahrhunderts,
des +üblen+ Rufes, die +ältren+ Ausgaben, meiner +teuren+ Gemeinde,
in der +ungeheuren+ Menschenmenge, und doch spricht fast jedermann:
+unsers+ Jahrhunderts, des +übeln+ Rufes, die +ältern+ Ausgaben, meiner
+teuern+ Gemeinde, in der +ungeheuern+ Menschenmenge. Man druckt ja
nicht: die +Eltren+, überall wird richtig +Eltern+ gedruckt, warum also
nicht auch die +ältern+? beides ist doch dasselbe.[23] Bei dem Dativ-m
kann man zugeben, daß, wenn das Stamm-e erhalten und das e der Endung
ausgeworfen wird, zuweilen etwas harte Formen entstehen; im allgemeinen
ist aber auch hier auf +dunkelm+ Grunde, mit +besserm+ Erfolg gewiß
vorzuziehen.
Von hohem geschichtlichen Werte oder von hohem geschichtlichem Werte?
Wenn zu einem Hauptwort mehrere Eigenschaftswörter treten, so ist es
selbstverständlich, daß sie in der Deklination gleichmäßig behandelt
werden müssen. Da haben nun manche in der starken Deklination, wenn
das Eigenschaftswort allein, ohne Artikel oder Fürwort steht, im Dativ
der Einzahl einen künstlichen Unterschied schaffen wollen. Sie haben
gelehrt, nur dann, wenn zwei Adjektiva gleichwertig nebeneinander
stünden, wenn sie dem Sinne nach koordiniert wären, ~a-a-s~, dürften
sie gleichmäßig behandelt werden, z. B. Tiere mit +rotem, kaltem+
Blute, nach +langem, heißem+ Kampfe; wenn dagegen das zweite Adjektiv
mit dem Substantiv einen einheitlichen Begriff bilde, der durch das
erste Adjektiv nur näher bestimmt werde, das erste also dem zweiten
übergeordnet sei, ~a~/(~a-s~), so müsse das zweite schwach dekliniert
werden, wie wenn es hinter einem Fürwort stünde, z. B. mit +echtem
Kölnischen+ Wasser, nach +allgemeinem deutschen+ Sprachgebrauch, zu
+kühnem dramatischen+ Pathos, mit +eigentümlichem humoristischen+
Anstrich, von +großem praktischen+ Wert, aus +übertriebnem
patriotischen+ Zartgefühl, aus +süddeutschem adligen+ Besitz. Ebenso
müsse im Genitiv der Mehrzahl unterschieden werden zwischen: +frischer,
süßer Kirschen+ (denn die Kirschen seien frisch und süß) und +neuer
isländischen Heringe+, +scharfer indianischen Pfeile+, +einheimischer
geographischen Namen+, +ehemaliger freien+ Reichsstädte (denn die
Heringe seien nicht neu +und+ isländisch, sondern die isländischen
Heringe seien neu).
Diese Unterscheidung ist logisch unzweifelhaft notwendig, und sie
muß auch in der Interpunktion zum Ausdruck kommen: koordinierte
Adjektiva werden durch ein Komma getrennt, während zwischen zwei
Eigenschaftswörtern, von denen eins dem andern übergeordnet ist,
kein Komma stehen darf. Grammatisch aber ist die Unterscheidung die
reine Willkür. Warum sollte sie auch gerade auf diese beiden Kasus
beschränkt werden? auf den Dativ im Singular und den Genitiv im Plural?
Nur in diesen beiden Kasus aber soll sie gelten, in den übrigen Kasus
fällt es niemand ein, das zweite Adjektiv jemals in die schwache Form
zu bringen. Oder sagt jemand: ohne +selbständiges geschichtliche+
Studium? von +bewährter christlichen+ Gesinnung?[24] Dazu kommt,
daß sich in manchen Fällen kaum entscheiden läßt, ob zwei Adjektiva
einander koordiniert sind oder eins dem andern untergeordnet, z. B.
nach +ergebnislosem zweijährigem+ Versuche. Unsre Romanschriftsteller
scheinen zu glauben, daß stets eine Unterordnung vorliege, wenn das
zweite Adjektiv eine Farbe bedeutet: sie schreiben fast ausnahmlos:
bei +schönem blauen+ Himmel, mit +langem schwarzen+ Haar, mit
+schmalem braunen+ Rande, mit +auffälligem roten+ Bande. Das ist
völlig widersinnig. Freilich gibt es langes schwarzes Haar und kurzes
schwarzes Haar. Aber eine solche Sortierung schwebt doch hier nicht
vor. Bei dem schönen, blauen Himmel vollends denkt doch niemand an eine
andre, weniger schöne Art von blauem Himmel, sondern +blau+ ist eine
weitere Ausführung und Begründung von +schön+: der Himmel ist schön,
weil er blau ist. Ebenso ist das Band auffällig, weil es rot ist. In
Todesanzeigen kann man täglich lesen, daß jemand nach +langem, schweren
Leiden+ oder nach +kurzem, schweren+ Leiden gestorben sei. Man liest
es so häufig, daß man fast glauben möchte, die Setzer setzten auch das
gewohnheitsmäßig so, selbst wenn in der Druckvorlage richtig gestanden
hat: nach +langem, schwerem+ Leiden. Denn daß auch gebildete Menschen
das immer falsch schreiben sollten, ist doch kaum anzunehmen.
Sämtlicher deutscher Stämme oder sämtlicher deutschen Stämme?
Große Unsicherheit herrscht in der Deklination der Adjektiva im
Genitiv der Mehrzahl nach den Zahlbegriffen +alle+, +keine+, +einige+,
+wenige+, +einzelne+, +etliche+, +manche+, +mehrere+, +viele+,
+sämtliche+, denen sich auch die Adjektiva +andre+, +verschiedne+
und +gewisse+ anschließen, die beiden letzten, wenn sie in dem Sinne
von +mehrere+ und +einige+ stehen. Da sagt man: +aller guten+ Dinge,
+aller halben+ Stunden, +mancher kleinen+ Souveräne, +einzelner
ausgezeichneten+ Schriftsteller, +verschiedner schweren+ Bedenken,
+gewisser aristokratischen+ Kreise, aber auch: +vieler andrer+
Gebiete, +vieler damaliger preußischer+ Offiziere, +einzelner großer
politischer+ Ereignisse, +sämtlicher deutscher evangelischer+
Kirchenregimente, +gewisser mathematischer+ Kenntnisse. Sollte es denn
nicht möglich sein, hier Ordnung und Regel zu schaffen?
Tatsache ist, daß auch nach allen diesen Wörtern die Adjektiva
ursprünglich stark dekliniert worden sind. Ebenso ist es Tatsache, daß
die schwache Form nur nach zweien von ihnen endgültig durchgedrungen
ist: nach +alle+ und +keine+. Sollte das nicht einen tiefern Grund
haben? Die schwache Form ist endgültig durchgedrungen auch hinter
dem bestimmten Artikel, hinter den hinweisenden Fürwörtern (+dieser+
und +jener+) und hinter den besitzanzeigenden Adjektiven (+mein+,
+dein+ usw.). In allen diesen Fällen aber handelt es sich um eine
ganz bestimmte Menge. Dagegen bezeichnet die artikellose Form eine
unbestimmte Menge. Sollte es nun Zufall sein, daß gerade +alle+ (mit
seiner Negation +keine+) der Form gefolgt ist, die eine bestimmte
Menge ausdrückt? +Alle+ und +keine+ sind die einzigen in der ganzen
Reihe. Alle übrigen (+viele+, +einige+, +manche+ usw.) bezeichnen eine
unbestimmte Menge; +viele+ und +einige+ bleiben +viele+ und +einige+,
auch wenn einer dazukommt oder abgeht. Sollte sich nicht deshalb hier
die artikellose Form erhalten haben? Im Nominativ überall: +viele
junge+ Leute, +manche bittre+ Erfahrungen, +verschiedne schwere+
Bedenken, +gewisse aristokratische+ Kreise. Erst im Genitiv beginnt das
Schwanken zwischen +vieler junger+ Leute und +vieler jungen+ Leute,
+verschiedner freisinniger+ Blätter und +verschiedner freisinnigen+
Blätter, +mehrerer andrer ausländischer+ Blätter und +mehrerer andern
ausländischen+ Blätter. Unzweifelhaft wäre also die starke Form hier
überall vorzuziehen. Nur noch hinter +sämtliche+ wäre die schwache am
Platze, denn +sämtliche+ bedeutet ja dasselbe wie +alle+, also eine
bestimmte Menge.
Hinter den wirklichen Zahlwörtern +zwei+, +drei+, +vier+, +fünf+ usw.
steht im Nominativ überall die starke Form, so auch im Genitiv, solange
die Zahlwörter selbst undekliniert bleiben: die Kraft +vier starker+
Männer, um +fünf Gerechter+ willen. Dagegen beginnt das Schwanken,
sobald die Zahlwörter selbst wie Adjektiva dekliniert werden: ein Kampf
+zweier großen+ Völker steht neben einem Kampf +zweier großer+ Völker.
Daß aber auch hier die starke Form vorzuziehen sei, kann wohl keinem
Zweifel unterliegen. +Beide+ dagegen schließt sich natürlich an +alle+
und +keine+ an: +beide großen+ Männer, +beide+ hier +mitgeteilten+
Schriftstücke.
Ein schönes Äußeres oder ein schönes Äußere? Großer Gelehrter oder
großer Gelehrten?
Adjektiva und Partizipia, die substantiviert wurden, nahmen in der
ältesten Zeit stets die schwache Form an, auch hinter dem unbestimmten
Artikel. Reste davon sind +Junge+ (ein +Junge+), eigentlich ein
+Junger+, das in der Form +Jünger+ noch daneben steht, und +Untertan+
(e), eigentlich ein +Untertaner+. Später ist auch bei solchen
substantivierten Adjektiven und Partizipien überall hinter +ein+ die
starke Form eingetreten: ein +Heiliger+, ein +Kranker+, ein +Fremder+,
ein +Gelehrter+, ein +Verwandter+, ein +Junges+ (von Hund oder
Katze), ein +Ganzes+, und stark wird auch überall der alleinstehende
artikellose Plural jetzt dekliniert: +Heilige+, +Verwandte+,
+Geistliche+, +Gelehrte+, +Junge+ (der Hund hat +Junge+ bekommen).
Werden aber diese substantivierten Adjektiva und Partizipia mit einem
Adjektiv versehen, so erhält sich ihre schwache Form: ein +schönes
Ganze+ (noch genau so wie ein +guter Junge+), +mein ganzes Innere+,
von +auffälligem Äußern+, mit +zerstörtem Innern+, und namentlich
im Genitiv der Mehrzahl: eine Anzahl +wunderlicher Heiligen+, eine
Versammlung +evangelischer Geistlichen+, ein Kreis +lieber Verwandten+,
die Stellung +höherer Beamten+, die Arbeiten +großer Gelehrten+,
ein Kreis +geladner Sachverständigen+, große Züge +französischer
Kriegsgefangnen+, die Lehren +griechischer Weisen+ usw.
Neuerdings versucht man, auch hier überall krampfhaft die starke
Form durchzudrücken und lehrt, weil es heißt +ein Ganzes+, so müsse
es auch heißen: ein +schönes Ganzes+, mein +ganzes Inneres+, ein
+ungewöhnliches Äußeres+, mit +zerrüttetem Innerm+, und im Genitiv
der Mehrzahl: ein Dutzend +deutscher Gelehrter+, die Aufnahme
+choleraverdächtiger Gefangner+, das Eigentum +französischer
Staatsangehöriger+, inmitten +scheelblickender Fremder+, die
Genossenschaft +deutscher Bühnenangehöriger+, der Verband +sächsischer
Industrieller+, zum Besten +armer Augenkranker+, zur Unterstützung
+verschämter Armer+, die Anstellung +pensionierter Geistlicher+,
Mißgriffe +preußischer Polizeibeamter+, die Einführung +neugewählter
Stadtverordneter+, Geldbeiträge +reicher Privater+, der Streit
+zweier berühmter deutscher Gelehrter+, die Zustimmung +vieler
amerikanischer+, +spanischer+ und +französischer Gelehrter+, die
Einbildung +etlicher wunderlicher Heiliger+ usw. Daß die gehäuften
+er+ in den Endungen nicht gerade schön klingen, würde nichts zu sagen
haben; das ließe sich auch gegen manche andre Endung einwenden. Aber
da die schwache Form in diesem Falle das ältere ist, so verdient sie
unbedingt den Vorzug. Unsre besten Schriftsteller haben nie anders
geschrieben als: zur Unterstützung +verschämter Armen+, Lieder +zweier
Liebenden+, zur Bewaffnung +unbegüterter Freiwilligen+, inmitten
+eifersüchtiger Fremden+ usw. Wenn man heute hört: nach dem Urteil
+hervorragender Gelehrter+, so vermißt man stets das Hauptwort, denkt
sich unwillkürlich +hervorragender gelehrter+ geschrieben (mit g)
und meint, es müsse noch folgen: +Männer+. Nur die schwache Form
erzeugt das Substantivgefühl. Ein +schönes Ganzes+ und nach dem Urteil
+hervorragender Gelehrter+ sind unnatürliche, gewaltsame Erzeugnisse
der Halbwisserei.
Eine Liederlichkeit ist es, substantivierte weibliche Adjektivformen,
wie die +Rechte+, die +Linke+, die +Weiße+ (eine Berliner +Weiße+),
wie Substantiva zu behandeln und zu schreiben: die Einführung +der+
Berliner +Weiße+; richtig ist nur: +der+ Berliner +Weißen+, wie in
+seiner Rechten+, auf der +äußersten Linken+. Auch die +Herbstzeitlose+
gehört hierher und die +junge Schöne+, die natürlich ebenso wie die
Maskulina im Genitiv der Mehrzahl bilden muß: Ein Kreis +junger
Schönen+ (nicht +Schöner+).
Das Deutsche und das Deutsch.
Die Sprach- und die Farbenbezeichnungen bilden ein substantiviertes
Neutrum in zwei Formen nebeneinander, in einer Form mit
Deklinationsendung und einer Form ohne Endung: +das Deutsche+ und
+das Deutsch+, +das Englische+ und +das Englisch+, +das Blaue+ (ins
+Blaue+ hinein reden) und +das Blau+ (das Himmelblau), +das Weiße+ (im
Auge) und +das Weiß+ (das Eiweiß). Zwischen beiden Formen ist aber
ein fühlbarer Bedeutungsunterschied. +Das Deutsche+ bezeichnet die
Sprache überhaupt, und dem schließt sich auch das +Hochdeutsche+, das
+Plattdeutsche+ usw. an. Sobald aber irgendein beschränkender Zusatz
hinzutritt, der eine besondre Art oder Form der deutschen Sprache
bezeichnet, wird die kürzere Form gebraucht: das +heutige Deutsch+, ein
+fehlerhaftes Deutsch+, das +beste Deutsch+, +Goethes Deutsch+, +mein
Deutsch+, +dieses Deutsch+, das +Juristendeutsch+, das +Tintendeutsch+
(Goethe im +Faust+: in +mein geliebtes Deutsch+ zu übertragen; der
Deutsche ist gelehrt, wenn er +sein Deutsch+ versteht).
Die längere Form: +das Deutsche+, +das Blaue+ muß natürlich schwach
dekliniert werden: der Lehrer +des Deutschen+, die beste Zensur +im
Deutschen+, ein Kirchlein steht +im Blauen+, Willkommen im +Grünen+!
Die kürzere Form halten manche für ganz undeklinierbar und schreiben:
+des Juristendeutsch+, eines +feurigen Rot+. Sie steht aber durchaus
auf einer Stufe mit andern endunglosen substantivierten Neutren, wie:
das +Gut+, das +Übel+, das +Recht+, das +Dunkel+, das +Klein+ (für
+Kleinod+, +Kleinet+, z. B. Gänse+klein+), das +Wild+, und es ist
nicht einzusehen, weshalb man nicht sagen soll: des +Eigelbs+, des
+Tintendeutschs+. An das +tschs+ braucht sich niemand zu stoßen, sonst
dürfte man auch nicht sagen: des Erd+rutschs+, des Stadt+klatschs+.
Ganz unsinnig ist, was man fort und fort auf den Titelblättern aus
fremden Sprachen übersetzter Bücher lesen muß: +aus dem Französischen
des Voltaire+ übersetzt u. ähnl. Man kann über +das Französisch
Voltaires+ (nicht +das Französische+!) eine wissenschaftliche
Abhandlung schreiben, aber übersetzen kann man etwas nur +aus dem
Französischen+ schlechthin; der Name des französischen Verfassers muß
an andrer Stelle auf dem Titelblatt angebracht werden: +Voltaires+
Briefe, +aus dem Französischen+ übersetzt usw.
Lieben Freunde oder liebe Freunde?
Obwohl es keinem Menschen einfällt, in der Anrede zu sagen: +teuern+
Freunde, +geehrten+ Herren, +geliebten+ Eltern, schwankt man
wunderlicherweise seit alter Zeit bei dem Adjektivum +lieb+. Das
ursprüngliche ist allerdings, daß beim Vokativ die schwache Form steht.
Aber bereits im Althochdeutschen dringt die starke Form ein, und im
Neuhochdeutschen gewinnt sie bis zum achtzehnten Jahrhundert die
Oberhand. Auch die Kanzleisprache sagte schließlich: +liebe Getreue+
statt: +lieben Getreuen+! Und heute haben wir bei einer Verbindung
wie +lieben Freunde+ (wie Luther noch schreibt) nicht mehr das Gefühl
von etwas organischem, von etwas, das so in Ordnung wäre, sondern die
Empfindung einer gewissen Altertümelei. Wer diese Empfindung nicht
erregen will, wird die schwache Form in der Anrede vermeiden.
Wir Deutsche oder wir Deutschen?