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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1912 so weit
wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler
wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr
verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert;
fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.
Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt; besondere
Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden
Sonderzeichen gekennzeichnet:
kleinere Schrift: |senkrechte Striche|
kursiv: _Unterstriche_
fett: =Gleichheitszeichen=
gesperrt: +Pluszeichen+
Antiqua: ~Tilden~ (Buchwerbung am Ende ausgenommen)
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Allerhand Sprachdummheiten
[Illustration]
Die erste Ausgabe dieses Buches ist 1891 erschienen, die zweite
1896, die dritte 1903, die vierte 1908, die fünfte 1911.
Allerhand
Sprachdummheiten
Kleine deutsche Grammatik
des Zweifelhaften, des Falschen und des Häßlichen
Ein Hilfsbuch für alle
die sich öffentlich der deutschen Sprache bedienen
von
Gustav Wustmann
Gewohnheit macht den Fehler schön
Den wir von Jugend auf gesehn
+Gellert+
Sechste Auflage
[Illustration]
Straßburg
Verlag von Karl J. Trübner
1912
[Illustration]
Aus dem Vorwort des Verfassers zur dritten Auflage
Viele von denen, in deren Hände dieses Buch gekommen ist, haben es
als Nachschlagebuch benutzt, als eine Art von „Duden“ für Grammatik
und Stilistik. Das ist ein Irrtum. Die „Sprachdummheiten“ sind kein
Sprachknecht, der auf jede grammatische oder stilistische Frage die
gewünschte Antwort bereit hat, sondern ein Buch für denkende Leser,
das im Zusammenhange studiert und gehörig verarbeitet sein will. Wer
Nutzen davon haben will, muß sich den Geist des Buches zu eigen machen.
Gewiß soll es auch der herrschenden Fehlerhaftigkeit und Unsicherheit
unsers Sprachgebrauchs steuern, aber vor allem soll es doch das
Sprachgefühl schärfen und dadurch das Aufkommen neuer Fehler verhüten,
und seine Hauptaufgabe ist eine ästhetische: es soll der immer ärger
gewordnen Steifheit, Schwerfälligkeit und Schwülstigkeit unsrer Sprache
entgegenarbeiten und ihr wieder zu einer gewissen Einfachheit und
Natürlichkeit verhelfen, die, gleichweit entfernt von Gassensprache wie
von Papierdeutsch, die Freiheit einer feinern Umgangssprache mit der
Gesetzmäßigkeit einer guten Schriftsprache vereinigt.
[Illustration]
Vorwort zur fünften Auflage
Die fünfte Auflage dieses Buches erscheint unter veränderten Umständen.
Am 22. Dezember 1910 starb der Verfasser des Buches. Kurz darauf
erhielt ich von dem Grunowschen Verlag die Aufforderung, eine neue
Auflage zu besorgen. Mir lag dazu das mit Nachträgen versehene
Handexemplar des Verfassers von der vierten Auflage vor und manche
sonstige von ihm aufgezeichnete Einzelbemerkung. Davon ist aber nur
das wenige, was den Text wirklich berichtigte oder durch ein besonders
treffendes Beispiel verbesserte, in die neue Auflage aufgenommen
worden, sodaß diese im ganzen der vierten Auflage gleicht.
Während des Druckes der fünften Auflage ist das Buch aus dem Verlag von
Fr. Wilh. Grunow, der die ersten vier Auflagen des Buches verlegt hat,
sich aber nun in anderer Richtung zu betätigen wünscht, in den von Karl
J. Trübner übergegangen.
Ende September 1911
=Rudolf Wustmann=
[Illustration]
[Illustration]
Inhaltsverzeichnis
Zur Formenlehre
Seite
Starke und schwache Deklination 3
Frieden oder Friede? Namen oder Name? 5
Des Volkes oder des Volks, dem Volk oder dem Volke? 6
Des Rhein oder des Rheins 7
Franz’ oder Franzens? Goethe’s oder Goethes? 8
Friedrich des Großen oder Friedrichs des Großen? 13
Kaiser Wilhelms 13
Leopolds von Ranke oder Leopold von Rankes? 15
Böte oder Boote? 16
Generäle oder Generale? 17
Die Stiefeln oder die Stiefel? 18
Worte oder Wörter? Gehälter oder Gehalte? 20
Das s der Mehrzahl 23
Fünf Pfennig oder fünf Pfennige? 24
Jeden Zwanges oder jedes Zwanges? 25
Anderen, andren oder andern? 27
Von hohem geschichtlichen Werte oder von hohem geschichtlichem
Werte? 29
Sämtlicher deutscher Stämme oder sämtlicher deutschen
Stämme? 31
Ein schönes Äußeres oder ein schönes Äußere? Großer
Gelehrter oder großer Gelehrten? 33
Das Deutsche und das Deutsch 35
Lieben Freunde oder liebe Freunde? 36
Wir Deutsche oder wir Deutschen? 36
Verein Leipziger Gastwirte -- an Bord Sr. Maj. Schiff 38
Steigerung der Adjektiva. Schwerwiegender oder
schwerer wiegend? 41
Größtmöglichst 43
Gedenke unsrer oder unser? 44
Derer und deren 45
Einundderselbe 46
Man 46
Jemandem oder jemand? 47
Jemand anders 47
Ein andres und etwas andres 48
Zahlwörter 49
Starke und schwache Konjugation 50
Verschieden flektierte und schwankende Zeitwörter 51
Frägt und frug 54
Übergeführt und überführt 56
Ich bin gestanden oder ich habe gestanden? 59
Singen gehört oder singen hören? 60
Du issest oder du ißt? 62
Stände oder stünde? Begänne oder begönne? 62
Kännte oder kennte? 63
Zur Wortbildungslehre
Reformer und Protestler 67
Ärztin und Patin 68
Tintefaß oder Tintenfaß? 69
Speisenkarte oder Speisekarte? 73
Äpfelwein oder Apfelwein? 74
Zeichnenbuch oder Zeichenbuch? 76
Das Binde-s 77
ig, lich, isch. Adlig, fremdsprachlich, vierwöchig, zugänglich 80
Goethe’sch oder Goethisch? Bremener oder Bremer? 84
Hallenser und Weimaraner 87
Zur Satzlehre
Unterdrückung des Subjekts 91
Die Ausstattung war eine glänzende 92
Eine Menge war oder waren? 96
Noch ein falscher Plural im Prädikat 98
Das Passivum. Es wurde sich 100
Ist gebeten oder wird gebeten? 101
Mißbrauch des Imperfekts 101
Worden 105
Wurde geboren, war geboren, ist geboren 108
Erzählung und Inhaltsangabe 109
Tempusverirrung beim Infinitiv 111
Relativsätze. Welcher, welche, welches 112
Das und was 116
Wie, wo, worin, womit, wobei 118
Wechsel zwischen der und welcher 120
Welch letzterer und welcher letztere 123
Relativsätze an Attributen 125
Einer der schwierigsten, der oder die? 127
Falsch fortgesetzte Relativsätze 128
Relativsatz statt eines Hauptsatzes 130
Nachdem -- zumal -- trotzdem -- obzwar 131
Mißbrauch des Bedingungssatzes 134
Unterdrückung des Hilfszeitworts 135
Indikativ und Konjunktiv 140
Die sogenannte ~consecutio temporum~ 148
Der unerkennbare Konjunktiv 150
Der Konjunktiv der Nichtwirklichkeit 153
Vergleichungssätze. Als ob, als wenn 157
Würde 158
Noch ein falsches würde 160
Der Infinitiv. Zu und um zu 161
Das Partizipium. Die stattgefundene Versammlung 165
Das sich ereignete Unglück 168
Hocherfreut oder hoch erfreut 169
Partizipium statt eines Neben- oder Hauptsatzes 170
Falsch angeschloßnes Partizipium 171
In Ergänzung 172
Das Attribut 175
Leipzigerstraße oder Leipziger Straße? 176
Fachliche Bildung oder Fachbildung? 183
Erstaufführung 188
Sedantag und Chinakrieg 191
Shakespearedramen, Menzelbilder und Bismarckbeleidigungen 193
Schulze-Naumburg und Müller-Meiningen 199
Die Sammlung Göschen 200
Die Familie Nachfolger 204
Ersatz Deutschland 205
Der grobe Unfugparagraph 206
Die teilweise Erneuerung 207
Der tiefer Denkende, der Tieferdenkende oder der tiefer
denkende? 210
Die Apposition 213
Der Buchtitelfehler 215
Frl. Mimi Schulz, Tochter usw. 217
Bad-Kissingen und Kaiser Wilhelm-Straße 218
Der Dichter-Komponist und der Doktor-Ingenieur 220
In einer Zeit wie der unsrigen 221
Gustav Fischer, Buchbinderei 221
Die persönlichen Fürwörter. Der erstere und der
letztere 223
Derselbe, dieselbe, dasselbe 226
Darin, daraus, daran, darauf usw. 231
Derjenige, diejenige, dasjenige 235
Jener, jene, jenes 237
Zur Kasuslehre. Ich versichere dir oder dich? 238
Er hat mir oder er hat mich auf den Fuß getreten? 242
Zur Steuerung des Notstandes 243
Voller Menschen 244
Zahlwörter. Erste Künstler 245
Die Präpositionen 246
Nördlich, südlich, rechts, links, unweit 248
Im oder in dem? zum oder zu dem? 250
Aus: „Die Grenzboten“ 254
Nach dort 256
Bis 257
In 1870 258
Alle vier Wochen oder aller vier Wochen? 259
Donnerstag und Donnerstags -- nachmittag und nachmittags 260
Drei Monate -- durch drei Monate -- während dreier
Monate 261
Am (!) Donnerstag den (!) 13. Februar 263
Bindewörter. Und 265
Als, wie, denn beim Vergleich 268
Die Verneinungen 270
Besondere Fehler. Der Schwund des Artikels 274
Natürliches und grammatisches Geschlecht 276
Mißhandelte Redensarten 278
Vertauschung des Hauptworts und des Fürworts --
ein schwieriger Fall 283
Die fehlerhafte Zusammenziehung 286
Tautologie und Pleonasmus 290
Die Bildervermengung 293
Vermengung zweier Konstruktionen 295
Falsche Wortstellung 297
Die alte gute Zeit oder die gute alte Zeit? 299
Höhenkurort für Nervenschwache ersten Ranges 301
Die sogenannte Inversion nach und 304
Die Stellung der persönlichen Fürwörter 308
In fast allen oder fast in allen? 314
Zwei Präpositionen nebeneinander 317
Zur Interpunktion 318
Fließender Stil 324
Zum Wortschatz und zur Wortbedeutung
Die Stoffnamen 337
Verwechselte Wörter 338
Hingebung und Hingabe. Aufregung und Aufgeregtheit 343
Vertauschung der Hilfszeitwörter 346
Der Dritte und der Andre 347
Verwechslung von Präpositionen 349
Hin und her 352
Ge, be, ver, ent, er 354
Neue Wörter 359
Modewörter 365
Der Gesichtspunkt und der Standpunkt 393
Das Können und das Fühlen 396
Bedingen 398
Richtigstellen und klarlegen 402
Fort oder weg? 404
Schwulst 405
Rücksichtnahme und Verzichtleistung 408
Anders, andersartig und anders geartet 409
Haben und besitzen 410
Verbalsurrogate 416
Vermittelst, mit Zuhilfenahme von 418
Seitens 422
Bez. beziehungsweise bezw. 426
Provinzialismen 430
Fremdwörter 433
Alphabetisches Wortregister 453
[Illustration]
Zur Formenlehre
[Illustration]
[Illustration]
Starke und schwache Deklination
Bekanntlich gibt es -- oder wir wollen doch lieber ehrlich sein und
einfach sagen: es gibt im Deutschen eine starke und eine schwache
Deklination. Unter der starken versteht man die, die einen größern
Formenreichtum und eine größere Formenmannigfaltigkeit hat. Sie hat in
der Einzahl im Genitiv die Endung +es+, im Dativ e, in der Mehrzahl
im Nominativ, Genitiv und Akkusativ die Endung e (bei vielen Wörtern
männlichen und sächlichen Geschlechts +er+), im Dativ +en+ (+ern+). Die
Stammvokale a, o, u und der Diphthong +au+ werden dabei in der Mehrzahl
gewöhnlich in ä, ö, ü, +äu+ verwandelt, was man den Umlaut nennt.[1]
Unter der schwachen Deklination versteht man die formenärmere. Hier
haben alle Kasus der Einzahl (mit Ausnahme des Nominativs) und alle
Kasus der Mehrzahl die Endung +en+. Die schwache Deklination hat auch
keinen Umlaut. Zur starken Deklination gehören Wörter männlichen,
weiblichen und sächlichen, zur schwachen nur Wörter männlichen und
weiblichen Geschlechts. Die Wörter weiblichen Geschlechts verändern in
beiden Deklinationen nur in der Mehrzahl ihre Form.
Zur starken Deklination gehören z. B. der +Fuß+, die +Hand+, das
+Haus+; zur schwachen der +Mensch+, die +Frau+.[2]
Im Vergleich zu dem großen Reichtum unsrer Sprache an Hauptwörtern und
der großen Mannigfaltigkeit, die innerhalb der beiden Deklinationen
besteht, ist die Zahl der Fälle, wo heute Deklinationsfehler im
Schwange sind, oder wo sich Unsicherheit zeigt, verhältnismäßig klein.
Aber ganz fehlt es doch nicht daran.
Mehr und mehr greift die Unsitte um sich, schwach zu deklinierende
Maskulina im Akkusativ ihrer Endung zu berauben: +den Fürst+, +den
Held+, +den Hirt+. Es heißt aber: +den Fürsten+, +den Helden+ usw.
+Zu Mann+ gibt es eine doppelte Mehrzahl: +Männer+ und +Leute+. Man
sagt: die +Bergleute+, die +Hauptleute+, die +Spielleute+, aber die
+Wahlmänner+, die +Ehrenmänner+, die +Biedermänner+, die +Ehemänner+;
unter +Eheleuten+ versteht man Mann und Frau zusammen.
Ein Wort, mit dem die Leute nicht mehr recht umzugehen wissen, und das
sie doch jetzt sehr gern gebrauchen, ist +Gewerke+ (für +Handwerker+).
Ein +Gewerke+ ist ein zu einer Innung gehörender Meister oder ein
Teilnehmer an einem gesellschaftlichen Geschäftsbetrieb (das alte gute
deutsche Wort für das heutige +Aktionär+). Das Wort ist aber schwach
zu flektieren, die Mehrzahl heißt +die Gewerken+ (die +Baugewerken+).
Daneben gibt es aber das Wort auch im sächlichen Geschlecht: +das
Gewerk+ (für +Handwerk+, +Innung+), und das ist stark zu flektieren;
hier heißt die Mehrzahl die +Gewerke+. Viele gebrauchen aber jetzt
fälschlich die starke Form, auch wo sie offenbar die einzelnen
Personen, nicht die Handwerksinnungen meinen, z. B. heimische +Künstler
und Gewerke+. Umgekehrt sind jetzt +die Gauen+ beliebt: das Lied ging
durch +alle+ deutschen +Gauen+. Aber auch sie sind falsch; +Gau+,
ursprünglich sächlichen Geschlechts (+das Gäu+), jetzt Maskulinum,
bildet den Genitiv +des Gaus+ und die Mehrzahl +die Gaue+.
In Leipziger Zeitungen werden oft +Darlehne+ gesucht (+Pfanddarlehne+,
+Hypothekendarlehne+), und die Geistlichen treten für ihre alten
+Kirchlehne+ ein. Die Einzahl heißt aber das +Lehen+, und wenn das
auch kein substantivierter Infinitiv ist, wie +Wesen+, +Schreiben+,
+Vermögen+, +Verfahren+, +Vergnügen+, +Unternehmen+, so wird es doch
in der guten Schriftsprache so flektiert wie diese, und die Mehrzahl
heißt: die +Lehen+, die +Darlehen+, die +Kirchlehen+, so gut wie die
+Wesen+, die +Verfahren+, die +Unternehmen+.
Frieden oder Friede? Namen oder Name?
Bei einer kleinen Anzahl von Hauptwörtern schwankt der Nominativ
zwischen einer Form auf e und einer auf en; es sind das folgende
Wörter: +Friede+, +Funke+, +Gedanke+, +Gefalle+, +Glaube+, +Haufe+,
+Name+, +Same+, +Schade+ und +Wille+. Die Form auf en ist aber
eigentlich falsch. Diese Wörter gehören der schwachen Deklination
an,[3] neigen jedoch zur starken: im Genitiv bilden sie eine Mischform
aus der starken und der schwachen Deklination auf +ens+ (des +Namens+),
und von +Schade+ hat der Plural sogar den Umlaut: die +Schäden+. Da
hat sich nun unter dem Einflusse jener Mischform das +en+ aus dem
Dativ und dem Akkusativ auch in den Nominativ gedrängt.[4] Die alte
richtige Form ist aber doch überall daneben noch lebendig und im
Gebrauch (von +Schade+ allerdings fast nur noch in der Redensart: es
+ist schade+). Der +Gefalle+ (bei Lessing öfter) ist wenigstens in
Sachsen und Thüringen noch ganz üblich: es geschieht mir ein großer
+Gefalle+ damit. Daher sollte die alte Form auch immer vorgezogen, also
gesagt werden: der +Friede+ von 1871, nicht der +Frieden+ von 1871.
Vollends der künstlerische +Gedanken+, wie man bisweilen lesen muß, ist
unerträglich.[5]
Des Volkes oder des Volks, dem Volk oder dem Volke?
Ob in der starken Deklination die volle Genitivendung +es+ oder das
bloße Genitiv-s vorzuziehen sei, ob man lieber sagen solle: des
+Amtes+, des +Berufes+, oder des +Amts+, des +Berufs+, darüber läßt
sich keine allgemeine Regel aufstellen. Von manchen Wörtern ist nur
die eine Bildung, von manchen nur die andre, von vielen sind beide
Bildungen nebeneinander üblich; selbst in Zusammensetzungen stehen
ältere Bildungen wie +Landsmann+ und +Landsknecht+ neben jüngern wie
+Landesherr+ und +Landesvater+. Oft kommt es nur auf den Wohlklang des
einzelnen Wortes und vor allem auf den Rhythmus der zusammenhängenden
Rede an: die kurzen Formen können kräftig, aber auch gehackt, die
langen weich und geschmeidig, aber auch schleppend klingen, je nach der
Umgebung. Ich würde z. B. schreiben: die sicherste Stütze des +Throns+
liegt in der Liebe und Dankbarkeit des +Volkes+, die täglich neu aus
der Überzeugung geboren werden muß, daß die berechtigten Interessen des
+Volks+ ihre beste Stütze im +Throne+ finden.
Zu beklagen ist es, daß immer mehr die Neigung um sich greift (teils
von Norddeutschland, teils von Süddeutschland aus), das Dativ-e ganz
wegzuwerfen und zu sagen: vor dem +König+, in dem +Buch+, aus dem
+Haus+, nach dem +Krieg+, nach dem +Tod+, im +Jahr+, im +Recht+, im
+Reich+, im +Wald+, auf dem +Berg+, am +Meer+ (statt +Könige+, +Buche+,
+Hause+, +Kriege+, +Jahre+, +Rechte+ usw.). Ja manche möchten das jetzt
geradezu als Forderung aufstellen. Aber abgesehen davon, daß dadurch
der Formenreichtum unsrer Deklination, der ohnehin im Vergleich zu
der ältern Zeit schon stark verkümmert ist, immer mehr verkümmert,
erhält auch die Sprache, namentlich wenn das e bei einsilbigen Wörtern
überall weggeworfen wird, etwas zerhacktes. Ein einziges Dativ-e kann
oft mitten unter klapprigen einsilbigen Wörtern Rhythmus und Wohllaut
herstellen. Man sollte es daher sorgfältig schonen, in der lebendigen
Sprache wie beim Schreiben, und die Schule sollte sich bemühen, es
zu erhalten. Besonders häßlich wirkt das Abwerfen des Dativ-e, wenn
das Wort dann mit demselben Konsonanten schließt, mit dem das nächste
anfängt, z. B. im +Goldland des+ Altertums. Nur wo das Wort mit einem
Vokal anfängt, also ein sogenannter Hiatus entstehen würde, mag man
das e zuweilen fallen lassen -- zuweilen, denn auch da ist immer der
Rhythmus zu berücksichtigen; eine Regel, daß jeder Hiatus zu meiden
sei, soll damit nicht ausgesprochen werden. Ganz unerträglich würde das
Fehlen des Dativ-e in formelhaften Wendungen erscheinen wie: +zustande+
kommen, +im Wege+ stehen, +zugrunde+ gehen, +zu Kreuze+ kriechen,
ebenso unerträglich freilich die Erhaltung des Dativ-e in andern
formelhaften Wendungen wie: +mit Dank+, +von Jahr zu Jahr+, +von Ort zu
Ort+.
An den Wörtern auf +nis+ und +tum+ und an Fremdwörtern wirkt das
Dativ-e meist unangenehm schleppend; man denke an Dative wie: dem
+Verhältnisse+, dem +Eigentume+, dem +Systeme+, dem +Probleme+,
dem +Organe+, dem +Prinzipe+, dem +Rektorate+, dem +Programme+,
dem +Metalle+, dem +Offiziere+, dem +Romane+, dem +Ideale+, dem
+Madrigale+, dem +Oriente+, dem +Manifeste+, dem +Archive+ usw. Man
kann nicht sagen, daß diese Formen an sich häßlich wären, denn die
Plurale, die die meisten dieser Wörter bilden, klingen ja ebenso; aber
als Dative des Singulars wirken sie häßlich.
Des Rhein oder des Rheins?
Vielfache Unsicherheit herrscht in der Deklination der Ortsnamen. Haben
sie keinen Artikel, wie die meisten Länder- und Städtenamen, so bildet
wohl jedermann einen richtigen Genitiv (+Deutschlands+, +Wiens+); bei
den Berg- und Flußnamen aber, die den Artikel bei sich haben, muß man
jetzt immer öfter Genitive lesen wie +des Rhein+, +des Main+, +des
Nil+, +des Brocken+, +des Petersberg+, +des Hohentwiel+, +des Vesuv+,
und ebenso ist es bei Länder- und Städtenamen, wenn sie durch den
Zusatz eines Attributs den Artikel erhalten; auch da hat sich immer
mehr die Nachlässigkeit verbreitet, zu schreiben: des +kaiserlichen
Rom+, des +modernen Wien+, des +alten Leipzig+, des +damaligen
Frankreich+, des +nordöstlichen Böhmen+, des erst noch +zu erobernden
Jütland+. Bei den Personennamen ist ja, wenn sie den Artikel haben, der
Genitiv rettungslos verloren; des +großen Friedrichs+ oder die Leiden
des +jungen Werthers+ (wie Goethe noch 1774 schrieb) getraut sich
heute niemand mehr zu schreiben. Ebenso geht es den Monatsnamen. Auch
diese wurden früher alle zwölf richtig dekliniert: +des Aprils+, +des
Oktobers+ (Klopstock: Sohn +des Mais+; Schlegel: Nimm vor des +Märzen+
Idus dich in acht). Heute schreibt man fast nur noch: zu Anfang +des
Oktober+, wenn man nicht lieber gar stammelt: +Anfang Oktober+. Aber
bei Ortsnamen sind wir doch noch nicht ganz so weit.
Franz’ oder Franzens? Goethe’s oder Goethes?
Großes Vergnügen macht es vielen Leuten, den Genitiv von Personennamen
mit einem Apostroph zu versehen: +Friedrich’s+, +Müller’s+. Selbst
große Gelehrte sind in den Apostroph so verliebt, daß es ihnen ganz
undenkbar erscheint, +Goethes+ ohne das hübsche Häkchen oben zu
schreiben. Nun ist ja der Apostroph überhaupt eine große Kinderei. Alle
unsre Schriftzeichen bedeuten doch Laute, die gesprochen werden. Auch
die Interpunktionszeichen gehören dazu. Nicht bloß das Ausrufe- und das
Fragezeichen, sondern auch Komma, Kolon, Semikolon und Punkt, Klammern
und Gedankenstriche lassen sich beim Vorlesen sehr wohl vernehmlich
machen. Nur der Apostroph bedeutet gar nichts; ja er soll geradezu
einen Laut bedeuten, der -- nicht da ist, der eigentlich da sein
sollte, aber ausgefallen ist. Ist nicht das schon kindisch? Nun ist ja
aber bei diesen Genitiven gar nichts ausgefallen. Wenn man schreibt:
+des Müllers+ Esel, warum soll man nicht auch +Otfried Müllers+
Etrusker schreiben?[6]
Nun aber vollends bei Personennamen auf s, ß, z und x -- welche
Anstrengungen werden da gemacht, einen Genitiv zu bilden! Die Anzahl
solcher Namen ist ja ziemlich groß; man denke an +Fuchs+, +Voß+,
+Krebs+, +Carstens+, +Görres+, +Strauß+, +Brockhaus+, +Hinrichs+,
+Brahms+, +Begas+, +Dickens+, +Curtius+, +Mylius+, +Cornelius+,
+Berzelius+, +Rodbertus+, +Marx+, +Felix+, +Max+, +Franz+, +Fritz+,
+Moritz+, +Götz+, +Uz+, +Schütz+, +Schwarz+, +Leibniz+, +Opitz+,
+Rochlitz+, +Lorenz+, +Pohlenz+, nicht zu reden von den griechischen,
römischen, spanischen Namen, wie +Sophokles+, +Tacitus+, +Olivarez+
usw.; die Veranlassung ist also auf Schritt und Tritt gegeben. Bei den
griechischen und römischen Namen pflegt man sich damit zu helfen, daß
man den Artikel vorsetzt: die Tragödien +des Sophokles+, die Germania
+des Tacitus+. Man ist an diese Genitive von seiner Schulzeit her
so gewöhnt, daß man gar nichts anstößiges mehr darin findet, obwohl
man es sofort als anstößig empfinden würde, wenn jemand schriebe:
die Gedichte +des Goethe+. Der Artikel vor dem Personennamen ist
süddeutscher oder österreichischer Provinzialismus (in Stuttgart sagt
man: +der Uhland+, in Wien: +der Raimund+), aber in die Schriftsprache
gehört das nicht; in kunstgeschichtlichen Büchern und Aufsätzen immer
von Zeichnungen +des Carstens+ und Entwürfen +des Cornelius+ lesen
zu müssen oder gar, wie in der beschreibenden Darstellung der Bau-
und Kunstdenkmäler Leipzigs, von einem Bildnis +des Gottsched+, einem
Bildnis +des Gellert+, ist doch gar zu häßlich. Manche setzen denn
nun auch an solche Namen fröhlich das Genitiv-s (natürlich mit dem
unvermeidlichen Apostroph davor!), also: +Fues’s+ Verlag, +Rus’s+
Kaffeehandlung, +Harras’s+ Grabstein in der Thomaskirche, Kurfürst
+Moritz’s+ Verdienste um Leipzig, +Leibniz’s+ ägyptischer Plan, Gabriel
+Max’s+ Illustrationen zu Uhlands (oder vielmehr Uhland’s) Gedichten.
Noch andre -- und das ist das beliebteste und das, was in Grammatiken
gelehrt, in den Druckereien befolgt und jetzt auch für die Schulen
vorgeschrieben wird -- meinen, einen Genitiv zu bilden, indem sie einen
bloßen Apostroph hinter den Namen setzen, z. B. +Celtes’+ Ausgabe der
Roswitha, +Junius’+ Briefe, +Kochs’+ Mikroskopierlampe (der Erfinder
heißt wirklich +Kochs+!), +Uz’+ Gedichte, +Voß’+ Luise, Heinrich
+Schütz’+ sämtliche Werke, +Rochlitz’+ Briefwechsel mit Goethe. Und
solche Beispiele, in denen der Name +vor+ dem Worte steht, von dem
er abhängt, sind noch nicht die schlimmsten. Ganz toll aber ist: die
Findung +Moses’+, der Kanzler +Moritz’+ (das soll heißen: der Kanzler
des Herzogs Moritz), die berühmte Ketzerschrift +Servetus’+, auf
Anregung +Gervinus’+, der Besuch König +Alfons’+, der Stil +Rabelais’+,
der Dualismus +Descartes’+ (in +Descartes+ ist ja das es stumm, und
der Genitiv von +Descartes+ wird wirklich gesprochen: +karts+!).
Das neueste ist, daß man sogar Namen, die auf +sch+ endigen, in
diesen Unsinn mit hereinzieht und schreibt: in den Tagebuchblättern
Moritz +Busch’+, zum siebzigsten Geburtstage Wilhelm +Busch’+, das
allerneueste, daß man sogar im Dativ(!) schreibt: ~Dr.~ +Peters’+ als
Vorsitzendem lag die Pflicht ob!
Sollten wir uns nicht vor den Ausländern schämen ob dieser kläglichen
Hilflosigkeit? Ist es nicht kindisch, sich einzubilden und dem
Ausländer, der Deutsch lernen möchte, einzureden, daß im Deutschen
auch ein Kasus gebildet werden könne, indem man ein Häkchen hinter
das zu deklinierende Wort setzt, ein Häkchen, das doch nur auf dem
Papiere steht, nur für das Auge da ist? Wie klingt denn der Apostroph
hinter dem Worte? Kann man ihn hören? Spreche ihn doch einer! Soll man
vielleicht den Mund eine Weile aufsperren, um ihn anzudeuten? oder sich
einmal räuspern? Irgend etwas muß doch geschehen, um den Apostroph
fürs Ohr vernehmlich zu machen, sonst ist ja zwischen +Leibniz+ und
+Leibniz’+, zwischen dem Nominativ und dem angeblichen Genitiv, gar
kein Unterschied. Nachdenklichen Setzern und Buchbindern will denn auch
die Sache gewöhnlich gar nicht in den Kopf. Daher kommt es, daß man in
den Korrekturabzügen und auf Bücherrücken so oft Titel lesen muß wie:
+Sophokle’s+ Tragödien, +Carsten’s+ Werke, +Dicken’s+ Romane, +Brahm’s+
Requiem, Friedrich +Perthe’s+ Leben und +Siever’s+ Phonetik.
Eine gewisse Schwierigkeit ist ja nun freilich da, und es fragt sich,
wie man ihr am besten abhilft. Die ältere Sprache schrieb entweder
unbedenklich +Romanus Haus+ (ohne den Apostroph), oder sie half sich
bei deutschen Namen damit, daß sie (wie bei andern Substantiven, z. B.
+Herz+, und bei den Frauennamen) eine Mischform aus der schwachen
und der starken Deklination auf +ens+ bildete, also: +Fuchsens+,
+Straußens+, +Schützens+, +Hansens+, +Franzens+, +Fritzens+, +Götzens+,
+Leibnizens+ (vgl. +Luisens+, +Friederikens+, +Sophiens+). Im
Volksmunde sind diese Formen auch heute noch durchaus gang und gäbe
(ebenso wie die Dative und Akkusative +Hansen+, +Fritzen+, +Sophien+
-- hast du +Fritzen+ nicht gesehen? gibs +Fritzen+! --, die jetzt
freilich in der Sprachziererei der Vornehmen mehr und mehr durch die
unflektierte Form verdrängt werden: hast du +Fritz+ nicht gesehen? gibs
+Fritz+!), und es ist nicht einzusehen, weshalb sie nicht auch heute
noch papierfähig sein sollten.[7] Oder wollen wir vielleicht nun auch
im Götz von Berlichingen +Hansens Küraß+ in +Hans’ Küraß+ verwandeln?
+Franzensbad+ und +Franzensfeste+ in +Franz’bad+ und +Franz’feste+
verschönern? Verständige Schriftsteller, die vom Papierdeutsch zur
lebendigen Sprache zurückkehren, gebrauchen denn auch die flektierte
Form allmählich wieder und schreiben wieder: +Vossens Luise+. Wenn sie
nur auch die Schule wieder zu Gnaden annehmen wollte!
Unmöglich erscheint dieser Ausweg natürlich bei Namen, die selbst
Genitive sind, wie +Carstens+ (eigentlich Carstens Sohn), +Hinrichs+,
+Brahms+. +Brahmsens+ dritte Geigensonate -- das klingt nicht schön.
Auch +Phidiassens+ Zeus und +Sophoklessens+ Antigone nicht, obwohl
auch solche Formen zu Goethes und Schillers Zeit unbedenklich gewagt
worden sind; sprach man doch damals auch, da man den Familiennamen
der Frau auf +in+ bildete, von der +Möbiussin+. Das beste ist wohl,
solchen Formen aus dem Wege zu gehen, was sehr leicht möglich ist,
ohne daß jemand eine Verlegenheit, einen Zwang merkt. Man kann durch
Umgestaltung des Satzes den Namen leicht in einen andern Kasus bringen,
statt des Genitivs +sein+ setzen, +des Dichters+, +des Künstlers+ dafür
einsetzen usw. Aber nur nicht immer: die Zeichnungen +des Carstens+!
Und noch weniger +Voß’s Luise+ oder gar das +Grab Brahms’+, denn das
ist gar zu einfältig.
In dieselbe Verlegenheit wie bei den Eigennamen auf +us+ gerät man
übrigens auch bei gewissen fremden Appellativen. Man spricht zwar
unbedenklich von +Omnibussen+, aber Not machen uns die +Ismusse+,
und der Deutsche hat sehr viel +Ismusse+! Die Komödie erlognen
+Patriotismus’+, wie jetzt gedruckt wird, oder: im Lichte berechtigten
+Lokalpatriotismus’+ oder: ein unglaubliches Beispiel preußischen
+Partikularismus’+ oder ein Ausfluß erstarkten +Individualismus’+ --
das sind nun einmal keine Genitive, trotz des schmeichelnden Häkchens.
Da hilft es nichts, man muß zu der Präposition +von+ greifen oder
den unbestimmten Artikel zu Hilfe nehmen und sagen: +eines+ erlognen
+Patriotismus+, +von+ preußischem +Partikularismus+.
Friedrich des Großen oder Friedrichs des Großen?
Daß von +Friedrich+ der Genitiv +Friedrichs+ heißt, das weiß man
allenfalls noch. Aber sobald eine Apposition zu dem Namen tritt,
wissen sich die meisten nicht mehr zu helfen. Man frage einmal nach
dem Genitiv von +Friedrich der Große+; die Hälfte aller Gefragten
wird ihn +Friedrich des Großen bilden+. Fortwährend begegnet man
jetzt so abscheulichen Genitiven wie: +Heinrich des Erlauchten+,
+Albrecht des Beherzten+, +Georg des Bärtigen+. Es gibt Leute, die
alles Ernstes glauben, solche Verbindungen seien eine Art von Formeln
oder Sigeln, die nur am Ende dekliniert zu werden brauchten! Auch
wenn die Apposition eine Ordinalzahl ist -- der häufigste Fall --,
wird kaum noch anders geschrieben als: die Urkunden +Otto+ III., die
Gegenreformation +Rudolf+ II., die Gemahlin +Heinrich+ VIII., die
Regierungszeit +Ludwig+ XIV. Wenn man das aussprechen will, so kann
man doch gar nicht anders sagen als: +Otto der dritte+, +Rudolf der
zweite+, +Heinrich der achte+. Denn wie kann der Schreibende erwarten,
daß man die Zahl im Genitiv lese, wenn der Name, zu dem sie gehört, im
Nominativ steht?[8]
Kaiser Wilhelms
Tritt vollends der Herrschertitel dazu, so pflegt alle Weisheit zu
Ende zu sein. Wie dekliniert man: +Herzog Ernst der Fromme+, +Kaiser
Friedrich der Dritte+? Bei einer vorangestellten Apposition wie
+Kaiser+, +König+, +Herzog+, +Prinz+, +Graf+, +Papst+, +Bischof+,
+Bürgermeister+, +Stadtrat+, +Major+, +Professor+, +Doktor+, +Direktor+
usw. kommt es darauf an, ob die Apposition als bloßer Titel, oder ob
sie wirklich als Amt, Beruf, Tätigkeit der Person aufgefaßt werden
soll oder aufgefaßt wird. Im ersten Fall ist es das üblichste, nur den
Eigennamen zu deklinieren, den Titel aber ohne Artikel und undekliniert
zu lassen, also +Kaiser Wilhelms+, +Papst Urbans+, +Doktor Fausts
Höllenfahrt+, +Bürgermeister Müllers Haus+. Der Titel verwächst für
das Sprachgefühl so mit dem Namen, daß beide wie eins erscheinen.[9]
Im achtzehnten Jahrhundert sagte man sogar +Herr Müllers+, +Herr
Müllern+, nicht: +Herrn Müller+. Im zweiten Falle wird der Artikel zur
Apposition gesetzt und die Apposition dekliniert, dagegen bleibt der
Name undekliniert: +des Kaisers Wilhelm+, +des Herzogs Albrecht+, ein
Bild +des Ritters Georg+. Freilich geht die Neigung vielfach dahin,
auch hier die Apposition undekliniert zu lassen, z. B. +des Doktor
Müller+, +des Professor Albrecht+. Treten zwei Appositionen zu dem
Namen, eine davor, die andre dahinter, so ist für die voranstehende
nur das erste der eben besprochnen beiden Verfahren möglich, also: die
Truppen +Kaiser Heinrichs des Vierten+, das Denkmal +König Friedrichs
des Ersten+, eine Urkunde +Markgraf Ottos des Reichen+, die Bulle
+Papst Leos des Zehnten+. Beide Appositionen zu deklinieren und den
Namen undekliniert zu lassen, z. B. +Königs+ Christian +des Ersten+,
+des Kaisers+ Wilhelm +des Siegreichen+, wirkt unangenehm wegen des
Zickzackganges der beiden Kasus (Genitiv, Nominativ, Genitiv).[10]
Leopolds von Ranke oder Leopold von Rankes?
Verlegenheit bereitet vielen auch die Deklination adliger Namen
oder solcher Namen, die adligen nachgebildet sind. Soll man
sagen: die Dichtungen +Wolframs von Eschenbach+ oder +Wolfram von
Eschenbachs+? Richtig ist -- selbstverständlich -- nur das erste,
denn Eschenbach ist, wie alle echten Adelsnamen, ein Ortsname, der
die Herkunft bezeichnet; den kann man doch hier nicht in den Genitiv
setzen wollen.[11] So muß es denn auch heißen: die Heimat +Walters
von der Vogelweide+, die Burg +Götzens von Berlichingen+, die
Lebensbeschreibung +Wiprechts von Groitzsch+, die Gedichte +Hoffmanns
von Fallersleben+, auch die Werke +Leonardos da Vinci+, die Schriften
+Abrahams a Sancta Clara+.
Wie steht es aber mit den Namen, die nicht jedermann sofort als
Ortsnamen empfindet, wie +Hutten+? Wer kann alle deutschen Ortsnamen
kennen? Soll man sagen +Ulrichs von Hutten+ oder +Ulrich von Huttens+
deutsche Schriften? Und nun vollends die zahllosen unechten Adelsnamen,
über die sich schon Jakob Grimm lustig gemacht hat: diese +von Richter+
und +von Schulz+, +von Schmidt+ und +von Weber+, +von Bär+ und +von
Wolf+, wie stehts mit denen? Soll man sagen: +Heinrichs von Weber+
Lehrbuch der Physik, +Leopolds von Ranke+ Weltgeschichte? Streng
genommen müßte es ja so heißen; warum behandelt man Namen, die alles
andre, nur keinen Ort bezeichnen, als Ortsnamen, indem man ihnen das
sinnlose +von+ vorsetzt! Im achtzehnten Jahrhundert war das Gefühl für
die eigentliche Bedeutung der adligen Namen noch lebendig; da adelte
man einen +Peter Hohmann+ nicht zum +Peter von Hohmann+, sondern zum
+Peter von Hohenthal+, einen +Maximilian Speck+ nicht zum +Maximilian
von Speck+, sondern zum +Maximilian Speck von Sternburg+, indem man
einen (wirklichen oder erdichteten) Ortsnamen zum Familiennamen setzte;
in Österreich verfährt man zum Teil noch heute so. Da aber nun einmal
die unechten Adelsnamen vorhanden sind, wie soll man sich helfen? Es
bleibt nichts weiter übrig, als das +von+ hier so zu behandeln, als
ob es nicht da wäre, also zu sagen: +Leopold von Rankes+ sämtliche
Werke, besonders dann, wenn der Genitiv vor dem Worte steht, von dem er
abhängig ist; steht er dahinter, so empfiehlt es sich schon eher, den
Vornamen zu flektieren: die Werke +Leopolds von Ranke+, denn man möchte
natürlich den Genitiv immer so dicht wie möglich an das Wort bringen,
zu dem er gehört. Und so verfährt man oft auch bei echten Adelsnamen,
selbst wenn man weiß, oder wenn kein Zweifel ist, daß sie eigentlich
Ortsnamen sind. Es ist das ein Notbehelf, aber schließlich erscheint er
doch von zwei Übeln als das kleinere.
Böte oder Boote?
Bei einer Anzahl von Hauptwörtern wird der Plural jetzt oft mit dem
Umlaut gebildet, wo dieser keine Berechtigung hat. Solche falsche
Plurale sind: +Ärme+, +Böte+, +Bröte+, +Röhre+, +Täge+, +Böden+,
+Bögen+, +Kästen+, +Krägen+, +Mägen+, +Wägen+, +Läger+. Man redet jetzt
von Geburts+tägen+, Muster+lägern+, Fuß+böden+, Gummi+krägen+ usw. Bei
den Wörtern auf +en+ und +er+ wird dadurch allerdings ein Unterschied
zwischen der Einzahl und der Mehrzahl geschaffen, der namentlich in
Süddeutschland üblich geworden ist.[12] Dennoch ist nur die Form ohne
Umlaut richtig: +die Arme+, +die Kasten+, +die Lager+, +die Rohre+ usw.
Man denke sich, daß es in Eichendorffs schönem Liede: O Täler weit, o
Höhen -- am Schlusse hieße: Schlag noch einmal die +Bögen+ um mich,
du grünes Zelt! Auch +Herzöge+ ist eigentlich falsch; das Wort ist
bis ins siebzehnte Jahrhundert hinein nur schwach dekliniert worden:
des +Herzogen+, dem +Herzogen+, die +Herzogen+. Dann sprang es aber
in die starke Deklination über (des +Herzogs+), und nun blieben auch
die +Herzöge+ nicht aus: der +Trog+, die +Tröge+ -- der +Herzog+, die
+Herzöge+, die Ähnlichkeit war überwältigend.
Generäle oder Generale?
Von den Fremdwörtern sind viele in den Umlaut hineingezogen worden,
obwohl er ihnen eigentlich auch nicht zukommt, nicht bloß Lehnwörter,
deren fremde Herkunft man nicht mehr fühlt, wie +Bischöfe+, +Paläste+,
+Pläne+, +Bässe+, +Chöre+, sondern auch Wörter, die man noch lebhaft
als Fremdwörter empfindet, wie +Altäre+, +Tenöre+, +Hospitäler+,
+Kanäle+. Aber von andern wird doch die Mehrzahl noch richtig ohne
Umlaut gebildet, wie +Admirale+, +Prinzipale+, +Journale+. Wenn sich
daher irgendwo ein Schwanken zu zeigen beginnt, so ist es klar, daß
die Form ohne Umlaut den Vorzug verdient. Besser also als +Generäle+
ist unzweifelhaft +Generale+. Bisweilen hat die Sprache auch hier die
Möglichkeit der doppelten Form zu einer Unterscheidung des Sinnes
benutzt: +Kapitale+ (oder +Kapitalien+) sind Gelder, +Kapitäle+
Säulenknäufe; hier heißt freilich auch schon die Einzahl +Kapitäl+.
Auch zwischen der starken und der schwachen Deklination hat die
Pluralbildung der Fremdwörter vielfach geschwankt und schwankt zum
Teil noch jetzt. Im achtzehnten Jahrhundert sagte man +Katalogen+,
+Monologen+; jetzt heißt es +Kataloge+, +Monologe+. Dagegen sagen
die meisten jetzt +Autographen+ und +Paragraphen+; +Autographe+ und
+Paragraphe+ klingt gesucht. Unverständlich ist es, wie unsre Techniker
dazu gekommen sind, die Mehrzahl +Motore+ zu bilden, da es doch nicht
+Faktore+, +Doktore+ und +Pastore+ heißt; wahrscheinlich haben sie an
die +Matadore+ im Skat gedacht. +Effekte+ und +Effekten+ werden wieder
dem Sinne nach unterschieden: +Effekte+ sind Wirkungen, +Effekten+
Wertpapiere oder Habseligkeiten.
Die Stiefeln oder die Stiefel?
Von den Hauptwörtern auf +el+ und +er+ gehören alle Feminina der
schwachen Deklination an; daher bilden sie den Plural: +Nadeln+,
+Windeln+, +Kacheln+, +Kurbeln+, +Klingeln+, +Fackeln+, +Wurzeln+,
+Mandeln+, +Eicheln+, +Nesseln+, +Regeln+, +Bibeln+, +Wimpern+,
+Adern+, +Nattern+, +Leitern+, +Klaftern+, +Scheuern+, +Mauern+,
+Kammern+; alle Maskulina und Neutra dagegen gehören zur starken
Deklination, wie +Schlüssel+, +Mäntel+, +Wimpel+, +Zweifel+, +Spiegel+,
+Kessel+, +Achtel+, +Siegel+, +Kabel+, +Eber+, +Zeiger+, +Winter+,
+Laster+, +Ufer+, +Klöster+.[13] Die Regel läßt sich sehr hübsch bei
Tische lernen: man vergegenwärtige sich nur die richtigen Plurale von
+Schüssel+ und +Teller+, +Messer+, +Gabel+ und +Löffel+, +Semmel+,
+Kartoffel+ und +Zwiebel+, +Auster+, +Hummer+ und +Flunder+. Sie gilt,
wie die Beispiele zeigen, ebenso für ursprünglich deutsche wie für
Lehnwörter, und sie ist so fest, daß, wenn ein Lehnwort (wie es im
Laufe der Sprachgeschichte oft geschehen ist) in ein andres Geschlecht
übergeht, sofort auch die Pluralbildung wechselt. Im sechzehnten
Jahrhundert sagte man noch in der Einzahl +die Zedel+ (~schedula~),
folglich in der Mehrzahl +die Zedeln+, im achtzehnten Jahrhundert
noch in der Einzahl +die Aurikel+ (~auricula~), folglich in der
Mehrzahl die +Aurikeln+; heute heißt es +der Zettel+, +das Aurikel+
und folglich die Mehrzahl +die Zettel+, +die Aurikel+. Also sind
Plurale wie +Buckeln+, +Möbeln+, +Stiefeln+, +Schlüsseln+, +Titeln+,
+Ziegeln+, +Aposteln+, +Hummern+ falsch und klingen gemein. Nur
+Muskel+, +Stachel+, +Pantoffel+ und +Hader+ (Lump, Fetzen) machen
eine Ausnahme (die +Muskeln+, die +Stacheln+, die +Pantoffeln+, die
+Hadern+), doch auch nur scheinbar, denn diese Wörter haben seit alter
Zeit neben ihrer männlichen auch eine weibliche Singularform (ital.
~pantofola~) oder, wie +Hader+, eine schwache männliche Nebenform (des
+Hadern+), und die hat bei der Pluralbildung überwogen. Ein Fehler ist
auch: die +Trümmern+ (in +Trümmern+ schlagen); die Einzahl heißt: der
oder das +Trumm+ (in der Bergmannsprache noch heute gebräuchlich), die
Mehrzahl die +Trümmer+. Wer noch gewöhnt ist, +Angel+ als Maskulinum zu
gebrauchen (Türangel ebenso wie Fischangel), wird die Mehrzahl bilden
+die Angel+, wer es weiblich gebraucht, sagt +die Angeln+. Ebenso ist
es mit +Quader+; wer +Quader+ männlich gebraucht, wird in der Mehrzahl
sagen: die +Quader+, wer es für weiblich hält, kann nur sagen: die
+Quadern+. Der +Oberkiefer+ und der +Unterkiefer+ heißen zusammen die
+Kiefer+; im Wald aber stehen +Kiefern+. Die +Schiffe+ haben +Steuer+
(das +Steuer+), der Staat erhebt +Steuern+ (die +Steuer+).
In der niedrigen Geschäftssprache machen sich jetzt aber noch andre
falsche schwache Plurale breit. In Leipziger Geschäftsanzeigen muß
man lesen: +Muffen+, +Korken+ (auch +Korken+zieher, +Korken+fabrik),
+Stutzen+ (Feder+stutzen+), auch +Korsetten+ und +Jaquetten+ (als ob
die Einzahl +Jaquette+ und +Korsette+ hieße!). Anständige Kaufleute
werden sich vor solcher Gassensprache hüten. +Muff+, +Kork+, +Stutz+
gehören in gutem Schriftdeutsch zur starken Deklination: der +Muff+,
des +Muffs+, die +Müffe+, der +Kork+, des +Korks+, die +Korke+; die
+Muffen+ sind eins der vielen Beispiele, wo sich -- unter dem Einflusse
Berlins -- das Plattdeutsche, das man schon für abgetan hielt, wieder
durchzusetzen versucht.
Worte oder Wörter? Gehälter oder Gehalte?
Die meisten reden von +Fremdwörtern+, manche aber auch von
+Fremdworten+. Was ist richtig? Die Pluralendung +er+, die namentlich
bei Wörtern sächlichen Geschlechts vorkommt (+Gräber+, +Kälber+,
+Kräuter+, +Lämmer+, +Rinder+, +Täler+), aber auch bei Maskulinen
(+Männer+, +Leiber+, +Geister+, +Wälder+, +Würmer+, +Reichtümer+),
im Althochdeutschen ~ir~ (daher der Umlaut), ist im Laufe der Zeit
auf eine große Masse von Wörtern namentlich sächlichen Geschlechts
ausgedehnt worden, die sie früher nicht hatten. Um 1500 hieß es noch:
+die Amt+, +die Kleid+, +die Pfand+, +die Land+, +die Dach+, +die
Fach+, +die Gemach+, +die Rad+, +die Schloß+, +die Schwert+, +die
Faß+, +die Bret+, daneben: +die Amte+, +die Rade+, +die Schwerte+,
+die Fasse+, und endlich kam auf: +die Ämter+, +die Räder+ usw. Bei
manchen Wörtern hat sich nun neben der jüngern Pluralform auf er
auch noch die ältere erhalten. Dann erscheint aber die ältere Form
jetzt als die edlere, vornehmere und ist auf die Ausdrucksweise des
Dichters oder des Redners beschränkt.[14] Man denke an +Denkmale+
und +Denkmäler+, +Gewande+ und +Gewänder+, +Lande+ und +Länder+,
+Tale+ und +Täler+ (Es geht durch alle +Lande+ ein Engel still
umher -- Die +Tale+ dampfen, die Höhen glühn u. ähnl.). Bei andern
Wörtern hat sich zwischen der ältern und der jüngern Form ein
Bedeutungsunterschied gebildet. So unterscheidet man +Bande+ (des
Bluts, der Verwandtschaft, der Freundschaft) und +Bänder+, +Bande+
sind gleichsam ein ganzes Netz von Fesseln, +Bänder+ sind einzelne
Stücke. Auch +Gesichte+ und +Gesichter+, +Lichte+ und +Lichter+ sind
dem Sinne nach zu unterscheiden. +Gesichte+ sind Erscheinungen (im
Faust: die Fülle der +Gesichte+). +Lichte+ sind Kerzen (Wachslichte,
Stearinlichte), +Lichter+ sind Flammen (durch das Fenster strahlen
unzählige +Lichter+, Sonne, Mond und Sterne sind die Himmels+lichter+).
Auf dem Altar stehen immer große +Kirchenlichte+, auf der Kanzel
aber nicht immer große +Kirchenlichter+. Bisweilen kommt auch noch
ein Geschlechtsunterschied dazu: +Schilde+ (+der Schild+) gehören zur
Rüstung; +Schilder+ (+das Schild+) sind an den Kaufmannsläden. Neben
den +Banden+ und den +Bändern+ stehen noch die +Bände+ (der Roman
hat drei +Bände+). So kam auch neben der Mehrzahl +die Wort+ oder
+die Worte+ im sechzehnten Jahrhundert die Form auf +er+ auf: +die
Wörter+. In der Bedeutung wurde anfangs kein Unterschied gemacht. Im
achtzehnten Jahrhundert aber begann man unter +Wörtern+ bloße Teile der
Sprache (~vocabula~), unter +Worten+ Teile der zusammenhängenden Rede
zu verstehen. Man sprach also nun von +Hauptwörtern+, +Zeitwörtern+,
+Fürwörtern+, +Wörterbüchern+, dagegen von +Dichterworten+,
+Textworten+, +Vorworten+ (Vorreden), +schöne Worte+ machen usw. Und
an diesem Unterschied wird auch seitdem fast allgemein festgehalten.
+Worte+ haben Sinn und Zusammenhang, +Wörter+ sind zusammenhanglos
aufgereiht. Wenn es also auch nicht gerade falsch ist, von
+Fremdworten+ oder +Schlagworten+ zu reden, so ist doch die Mehrzahl
+Fremdwörter+ vorzuziehen. Dagegen wird niemand sagen: der +Wörter+
sind genug +gewechselt+.
In der Sprache des niedrigen Volkes ist nun eine starke Neigung
vorhanden, die Pluralendung auf +er+ immer weiter auszudehnen. Es ist
das aber ein durchaus plebejischer Sprachzug. Nur das niedrige Volk
redet in Leipzig von +Gewölbern+ und +Geschäftern+, der Gebildete von
+Gewölben+ und +Geschäften+. Nur das niedrige Volk bildet Plurale
wie +Zelter+, +Gewinner+, +Mäßer+, +Sträußer+, +Butterbröter+,
+Kartoffelklößer+. Nur die „Ausschnitter“ preisen ihre +Rester+ an, nur
die Telephonarbeiter kommen, um „+die Elementer+ nachzusehen“.[15] Und
wie gemein erscheinen die +Dinger+, mit denen sich das Volk überall
da hilft, wo es zu unwissend oder zu faul ist, einen Gegenstand mit
seinem Namen zu nennen![16] So kommt es, daß die Endung +er+ in der
guten Schriftsprache bisweilen selbst da wieder aufgegeben worden
ist, wo sie früher eine Zeit lang ausschließlich im Gebrauch war, wie
bei +Scheit+; die Mehrzahl heißt jetzt +Scheite+, früher hieß sie
+Scheiter+ (vgl. +Scheiterhaufe+ und +scheitern+). Auch bei +Ort+ ist
eine rückläufige Bewegung zu beobachten: während früher die Mehrzahl
+Örter+ ganz gebräuchlich war, ist sie in neuerer Zeit fast ganz
verschwunden; man spricht fast nur noch von +Orten+. Dagegen hat leider
der plebejische Plural +Gehälter+ (Lehrer+gehälter+, Beamten+gehälter+)
gleichzeitig mit dem häßlichen Neutrum +das Gehalt+ von Norddeutschland
aus selbst in den Kreisen der Gebildeten große Fortschritte gemacht.
Auch in Leipzig, wo Freytag noch 1854 in seinen Journalisten richtig
+der Gehalt+ und +die Gehalte+ geschrieben hat, halten es schon viele
für fein, +das Gehalt+ und die +Gehälter+ zu sagen. Nun verteilen
sich ja die Hauptwörter, die aus Zeitwortstämmen mit dem Präfix
+Ge-+ gebildet sind, auf alle drei Geschlechter. Männlich sind:
+Geruch+, +Geschmack+, +Gedanke+; weiblich: +Geburt+, +Geduld+;
sächlich: +Gehör+, +Gesicht+, +Gewehr+, +Gewicht+. Man mag auch die
Unterscheidung von: +der Gehalt+ (Gedankengehalt, Silbergehalt des
Erzes) und +das Gehalt+ (Besoldung) in Norddeutschland als willkommne
Bereicherung der Sprache empfinden (vgl. +der Verdienst+ und +das
Verdienst+, wo freilich der Bedeutungsunterschied gerade umgekehrt
ist).[17] In Mitteldeutschland klingt aber vorläufig vielen Gebildeten
+das Gehalt+ noch gemein, und +die Gehälter+ stehen für unser Ohr
und unser Gefühl durchaus auf einer Stufe mit den +Gewölbern+, den
+Geschäftern+ und den +Geschmäckern+.[18] Weshalb sollen wir uns also
so etwas aufnötigen lassen?
Das s der Mehrzahl
Von zwei verschiednen Seiten her ist eine Pluralbildung auf s in unsre
Sprache eingedrungen. Wenn wir von +Genies+, +Pendants+, +Etuis+,
+Portemonnaies+, +Korsetts+, +Beefsteaks+ und +Meetings+ reden, so ist
das s natürlich das französische und englische Plural-s, das diesen
Wörtern zukommt. Aber man redet auch von +Jungens+ und +Mädels+,
+Herrens+ und +Fräuleins+, +Kerls+ und +Schlingels+, +Hochs+ und
+Krachs+, +Bestecks+, +Fracks+, +Schmucks+, +Parks+ und +Blocks+
(Bau+blocks+), +Echos+ und +Villas+ (statt Villen), +Vergißmeinnichts+
und +Stelldicheins+, +Polkas+, +Galopps+, +Tingeltangels+ und +Trupps+
(Studenten+trupps+), +Uhus+ und +Känguruhs+, +Wenns+ und +Abers+, U’s
und T’s, +Holbeins+ und +Lenbachs+ (zwei neue +Lenbachs+, ein paar
echte +Holbeins+), von den +Fuggers+ und den +Schlegels+, und einzelne
Universitätslehrer kündigen gar schon am schwarzen Brett ihre +Kollegs+
an! Alle diese Formen sind unfein. In Süddeutschland bezeichnet man sie
als ~pluralis Borussicus~. Ihr Plural-s stammt aus der niederdeutschen
Mundart[19]; nur dieser gehören ursprünglich die +Jungens+ und die
+Mädels+ an. Aus Verlegenheit ist dieses s dann auch im Hochdeutschen
an Fremdwörter, an unechte Substantiva und schließlich auch an echte
deutsche Substantiva gehängt worden.
Beschämend für uns Deutsche, die wir uns so gern etwas auf unsre
Kenntnisse zugute tun, sind Formen wie +Solis+, +Mottis+, +Kollis+ und
+Portis+, denn da ist das falsche deutsche Plural-s an die richtige
italienische Pluralendung gehängt! Die Einzahl heißt ja +Solo+,
+Motto+, +Kollo+ und +Porto+. Freilich wird auch schon in der Einzahl
+das Kolli+ gesagt, und nicht bloß von Markthelfern und Laufburschen!
Fünf Pfennig oder fünf Pfennige?