14. Strix Bubos Tod

Glip kehrte nicht wieder.

Strix hat infolgedessen seit zwei Tagen keinen Fraß bekommen, sie ist

matt und ausgehungert und noch lichtscheuer als sonst. Sie ist kaum im

stande, sich aufrecht zu halten; unten auf dem Boden der hohlen Eiche

kriecht sie auf dem Bauch zusammen.

Sie ist halb von Verstand, hat fortwährend Visionen und sitzt da und

heult ihren eigenen Namen.

Schu--hu! seufzt sie ... Schu--hu!

-- -- --

Da sitzt sie in dem alten verfaulten Vergangenheitsbaum, vertrieben,

lebensmüde und verbraucht. Ebenso wie die Eiche, ist sie schon längst

ein Fremdling in der Zeit gewesen.

Sie haßt die Zeit, ihre Unruhe, ihren Lärm und den Überfluß an Menschen

überall; sie trägt Urzeit in sich, und der sind die Menschen entwachsen.

Das dumpfe Brummen des Bären, das Gebrüll des Elchhirsches, das Heulen

des Wolfes und das Knarren und Krachen des Urwalds selber, das waren

Laute, die für sie paßten. Sie hat dasselbe Wilde und Dämonische in

ihrer Stimme gehabt ... aber niemand hat ihr in verständlicher Sprache

geantwortet.

Sie sind dahin, alle die ursprünglichen Mitgeschöpfe ihrer Sippe, sie,

in denen, o wie in ihr, das Großzügige wohnte. Die Menschen haben sie

genommen und sich selbst nach eigener Machtvollkommenheit an ihre Stelle

gesetzt.

Ihre Tage sind jetzt vergangen ... ihre vielen, vielen Jahre.

Es hat Zeiten in ihrem Leben gegeben, die schnell dahingesaust sind, wie

das Gewitter über die Heide dahinjagt. Da hat sie geliebt und gehofft,

gekröpft und sich Tag und Nacht beim Raube ergötzt. Dann kamen andre

Zeiten, harte Zeiten, wo sie hat entbehren und leiden, flüchten und

wandern müssen, wo sie kaum eine Maus für ihren Schlund hat finden

können.

Aber das alles steht jetzt vor ihrem Innern wie ein undurchsichtiger

Nebelschleier vor fernen Wäldern; sie weiß, die Wälder liegen dahinter

-- viel mehr weiß sie nicht.

Das Leben ist dahingeschwunden -- für Strix wie für den Eichenriesen,

in dessen Bauch sie sitzt. Das lange, lange Leben ist plötzlich zu etwas

unfaßlich Kurzem zusammengeschrumpft.

Auf einmal zuckt sie zusammen -- ihre matten, ausgebrannten Lichter

werden so groß wie Teetassen.

Da senkt sie die Hörner und wirft den Kopf zurück und bewegt den

Schnabel wie in beginnender Kampfekstase ... komm auf mich zu, komm auf

mich zu!

Mit steifen Blicken starrt sie vor sich hin ...

Sie sieht, wie damals, als sie eben flügge geworden und auf dem Zweig

saß, ein wunderliches Tier auf sich zu kommen. Es geht auf der hohen

Kante und gleicht einer Rieseneidechse, -- selbst der Schwanz fehlt

nicht.

Es ist ein Waldarbeiter, den Strix in ihrem Todesaugenblick vor sich

sieht; er schleppt einen Baum hinter sich her, den er gefällt hat.

Da ist er, der sich stark vermehrende Zerstörer, der Mensch, dem sie nie

hat widerstehen können, der ihr das Leben sauer gemacht hat, der ihr das

Lebensglück mit Gatten und Kindern geraubt, ihre Wohnstätten vernichtet,

ihr die Nahrung weggenommen und die Erde zahm gemacht hat.

Sie wird blutgierig und böse, sie fühlt die Wildheit wie mit der

Unbändigkeit der Jugend in sich fahren, und sie schlägt ihre Fänge in

den Kopf und den Hals des Menschen.

Dann beginnt sie ganz besonnen, ihn zu kröpfen; aber plötzlich kommt

es ihr vor, als verschlinge sie ein Kaninchen, das nicht durch ihren

Schlund hinunter will.

Todesschwindel hat Strix schon längst befallen, sie haut und zerrt in

dem Eichenzunder. Dann gleitet sie vorn über und liegt auf der Brust,

sie streckt die eingeschrumpften Fänge nach hinten unter sich, rüttelt

mit dem Kopf hin und her und zwinkert die geschwollenen Augenlider auf

und zu, während sie mit bebenden Flügeln das Leben von sich abschüttelt.

Strix: Die Geschichte eines Uhus · 第 27 / 31 题