13. Strix schafft sich einen Sklaven an

In der Urwaldecke -- um die alten Eichen herum -- traf man eine Menge

hohler und zunderiger Vergangenheitsbäume zwischen dem Neuwuchs an.

Darin wohnten die andern Eulen des Waldes, die _kleinen_ Eulen,

deren Treiben und deren Lebensweise ganz so war wie Strixens. Ihre

Gesellschaft hatte Strix denn auch immer zugesagt.

Sie hielten Sabbath, wenn sie Sabbath hielt, bedurften des Schlafes,

wenn auch sie müde war, und kamen nicht am Tage dahergebraust und

machten Lärm. Ihre Nähe belebte die alte Eule, sie waren gleichsam

Fleisch von ihrem Fleisch und redeten _ihre_ Sprache.

Jeder Vogel singt mit seinem Schnabel, sagen die Menschen. Die eine

Vogelart versteht denn auch nicht viel von dem, was die andre sagt. Die

Lyrik der kleinen Vögel wird nicht von den Krähen verstanden, und das

Krächzen der Krähen, von dem sie selbst versichern, daß es voll von den

schönsten und am meisten in die Ohren fallenden Harmonien ist, wird von

den Habichten nicht geschätzt. In der Vogelwelt herrscht mit andern

Worten, ebenso wie in der Menschenwelt, eine babylonische

Sprachenverwirrung.

Eine Art spricht sozusagen Deutsch, eine andre Flämisch, eine dritte

Französisch usw. Nur einzelne Sprachgenies, wie die Familien Star und

Elster, gibt es; sie sind mit der Fähigkeit geboren, sich in mehrere

Sprachen hineinzuversetzen, und sie treten als Dolmetscher auf. Nicht

alle aus diesen Familien bringen es gleich weit -- und nur ein einzelner

alter, hochbegabter Star versteht zehn Sprachen!

Strix hat oft um die Frühlingszeit von ihrem bescheidenen Platz unter

der Tribüne dem Vortrag eines solchen »Professors« beigewohnt. Das

meiste klang in Strix' Ohren chinesisch, aber vereinzelte Male, wenn ein

paar hohle, orgeltönende Brauselaute kamen, spitzte sie die Hörner und

machte einen langen Hals ... es war, als wenn wir Menschen auf der Reise

in Italien plötzlich von einem Tisch im Speisesaale heimische Laute

hören.

Aber alle die langen Schrei- und Heulkonzerte der kleinen Eulen waren

Strix von Anfang bis zu Ende verständlich; sie sprachen ja in ihrer

Zunge, nur weicher und sanfter.

Von ihnen sagte sie auch, daß sie _zwitscherten_.

-- -- --

In den Zeiten vor vielen, langen Jahren, nachdem ihr Gatte gestorben

war, und ehe sie sich noch so recht an ihre Einsamkeit gewöhnt hatte,

suchte sie mit Vorliebe die Gesellschaft der kleinen Eulen.

Wenn die blanken Märznächte im Anzuge waren und der Himmel wie mit

blitzenden, feurigen Eulenaugen übersäet war, wenn es in der alten

hohlen Buche, in der sie damals saß, zu kribbeln und zu krabbeln begann,

und die Fledermäuse oben in dem faulen Holz, die sonst immer am liebsten

jede für sich allein hängen wollten, wonnevoll piepsten und liebeskrank

in der Dunkelheit zusammenkrochen ... wenn sie selbst hinaus mußte,

nicht um zu fangen, sondern um zu tanzen wie auf sonnendurchglühter

Baumrinde, während sie wahnsinnig mit den Flügeln um sich schlug -- da

hatte sie sich oft den Kavalieren der kleinen Eulen gegenüber äußerst

angenehm gemacht.

Sie fing gute Bissen für sie, Raub, den sie sonst niemals bekamen, wie

Hasen, Birkhähne und Rebhühner; sie ließ sie ihre fetten Ratten kröpfen,

während sie unter anmutigen Gebärden und gurrend wie eine Kropftaube um

sie herumschwänzelte und ihnen Anlaß gab, ihr ihre Aufwartung zu machen.

Aber keiner von ihnen hatte sich veranlaßt gefühlt, sich näher mit ihr

einzulassen.

Wenn dann der Herbst kam, wenn der regnerische November mit seinem

Tagesgrau und seiner Nachtfinsternis den Sinn schwer und das Blut

reizbar machte, wenn alles Wild noch sommerstark war, nicht geschwächt

durch Winterhunger, Frost und Kälte und daher wachsam und ungeheuer

schwer zu fangen -- da nahm Strix eine überraschend blutige Rache. Sie

tat es nicht bewußt, _das_ muß man zu ihrem Lobe sagen; sie tat es aus

Instinkt und aus Rücksicht auf die Ansprüche ihres großen Magens.

Wenn die kleinen Eulenherren auf Mäusejagd gingen, schlug ihnen

plötzlich ein großer Vogel in den Nacken. Strix tauchte aus der Nacht

auf, als werde sie im selben Nu von ihr geboren. Sie machte kurzen

Prozeß und verzehrte ihre angebeteten Verwandten mit Federn und Fängen.

Die kleinen Eulen draußen im Walde waren denn auch in Todesangst vor ihr

gewesen.

Jetzt sind die Zeiten mit den Paarungsgelüsten längst vorüber!

Es ist mit Strix in der letzten Zeit reißend bergab gegangen.

Ihre Federn haben die blanke, dunkelbraune Farbe verloren, und statt

dessen den blassen, welken Ton vorjährigen Laubes angenommen. Die

haarfeinen Federn um ihren Schnabel sind silbergrau, ihre Flügel sind

steif, und der Schnabel ist ungewöhnlich krumm.

Sie ist keine große Eule mehr.

Ihr einst so muskelstarker Körper ist zusammengeschrumpft, so daß ihr

die Haut zu weit ist und in Falten und Beuteln sitzt, die Schenkel sind

so dünn, daß ihre einst so mächtigen Marterfänge jämmerlich lang

erscheinen und den Ständern eines Storches gleichen. Ihr Federkleid ist

zerzaust, der neue Brustbart besteht aus lauter Stoppeln ... sie ähnelt

einem trocknen, eingeschrumpften Pilz. Nur ihr Kopf rollt noch in seiner

vollen Größe unheimlich in den Schalen der knochigen Schulterblätter.

Strix ist abgelebt -- die Greisin der Einöde heult aus dem letzten Loch.

-- -- --

Es ist ein ungewöhnlicher Frühling in diesem Jahr.

Sie kann keine Schlafruhe unten in dem hohlen Eichenstamm finden. Jeden

Augenblick sträuben sich ihre Hörner, und die Augen öffnen sich; dann

erwacht sie und ist ganz klar: zum bald achtzigsten Mal hört sie die

große Botschaft, die das Märzsausen und die Aprilschauer verkünden.

Aber was geht das sie an -- und sie lauert wieder in sich hinein ...

Bis neue Botschaften so überaus stark werden, daß sie in ihrem Ohr

rumoren: ein Wurm im Holz, ein brandgelber Zitronenfalter, der in

einem Spalt überwintert hat und während eines Sonnenstreifens durchaus

hinaus will, oder auch nur die Fäden in einem Kokon, die während der

unmittelbar bevorstehenden Verwandlung der Puppe zu bersten anfangen.

Alle diese feinen, dem menschlichen Ohr unhörbaren Laute dringen auf sie

ein und wecken sie ununterbrochen.

Bald kann sie nicht mehr unten in der hohlen Eiche sein, es hämmert und

pocht, es beißt und nagt, sie muß aufbrechen und sich auf den Rand des

Zunders, dicht unter das Eingangsloch setzen.

Die bisher so weiße Erde liegt geborsten und gefleckt vor ihr. Sie

sieht schwarze Erdschollen und rotes welkes Laub hervorschimmern. Es

plätschert um sie her, und jeden Augenblick schwindet das Weiße mehr und

mehr, es wird schmutzig und gelb, es vergeht spurlos.

Bläulicher, dichter Nebel steigt um sie auf; sie starrt in Wolken von

Feuchtigkeit hinein und sieht das Tauwetter dampfend durch den Wald

schreiten. Die kleinen Schlammseen rings umher im Waldmoor, die starr

und blankschwarz dagelegen haben, nehmen einen matten, milchigen Ton an.

Dann berstet das Eis an einer Stelle, es gurgelt und quillt empor mit

ausgelassenem, befreitem Wasserspritzen. Es ist, als läge ein großer

Fisch unter dem Eise; er will Luft und Platz haben und fährt deswegen

herum und stemmt die Rückenflosse gegen die Eiskruste -- überall

entstehen Risse und gurgelndes Geräusch.

Dann fangen die Hügelwände von ihrem Baum an zu glucksen; kleine

Rinnsäle kommen mit rasender Geschwindigkeit herab, stürzen sich

kopfüber den Abhang hinunter und bohren sich in den Talboden. Es summt

da unten, es singt, es braust es strömt -- ein Wildbach ist plötzlich

entstanden.

Winzig kleine, grüne Keime tauchen aus dem Waldboden auf, und in der

Lichtung zwischen den Bäumen wird es sonnig und warm. Wie es um sie her

schimmert, wie es schwillt! Sie entdeckt etwas Grünes, sie kann schon

Blätter sehen ... der welke Wald legt wieder sein Frühlingskleid an!

Und während die Tage dahingehen, fährt eine Redseligkeit in alle die

Strandvögel; obwohl es vielen von ihnen entsetzlich schwer wird, sich

auszudrücken, schwatzen sie doch ununterbrochen drauf los. Und dann

eines Morgens hört sie Stimmen, die im Laufe des Winters nicht dagewesen

sind. Das sind alle die Zugvögel, Drossel und Holztaube, Star und

Rotkehlchen, die heimgekehrt sind.

Und mit ihnen kommt das Leben. Sie sind ja weit gereist und haben viel

gesehen, sie haben Eindrücke gesammelt und können erzählen -- und alle

lobpreisen sie wie einen Garten Eden diese alte Urwaldecke, diesen

unermeßlichen absterbenden Wald, diese Baumrinde und diesen zundrigen

Kern, die in langsamem Faulen begriffen sind; hier ist das reiche

Insektenleben, das die modernen Wälder der Gegenwart nicht zu bieten

vermögen.

Ein ohrenbetäubender Spektakel erfüllt die Luft. Es heult und pfeift, es

tutet und schreit ... Strix muß wieder hinab in ihr dunkles Loch; übel

ist es freilich da unten, aber noch tausendmal schlimmer ist es hier

oben.

Und die Laute strömen ihr entgegen. Bald bettelnd, bald flehend, aber es

sind auch einige tief empörte und gehässige darunter, einige, die Fang

und Schnabel ahnen lassen, obwohl sie von winzig kleinen Singvögeln

abstammen. Strix hört sie, faßt sie auf und läßt sie durch sich

hindurchspülen, ohne sie auch nur mit einem Gedanken zu verfolgen --

dies alles ist ja nur der gewöhnliche Weltrummel!

Es ist ein stiller, warmer, lieblicher Lenzabend!

Aus den Gipfelzweigen der Tannen, aus der Kuppelwölbung der Buchen

singen die Drosseln ihr letztes Lied, und der große, rote Frühlingsmond

hängt wie ein Riesen-Pigeon ganz oben in einem Baumwipfel. Während die

Dämmerung mit Sturmesschritten durch den Wald rennt, singen die Vögel

dem Tage ein letztes Lebewohl: Wittewit, wittewit! Das ist die Drossel.

Wittwii, wittwii, eine andre. Sie sind vor Strix und hinter ihr und

überall -- Pan bläst: der Zapfenstreich geht durch den Wald.

Strix ist mehrmals auf dem Wege nach oben gewesen.

Es ist ja jetzt ihre Stunde, und der Magen macht Ansprüche. Aber die

Krallen wollen heute abend nicht in den Zunder beißen, und die Flügel,

die ihr mühseliges Sichhinaufschleppen zu unterstützen pflegen, lassen

sich nicht heben. Die Kräfte haben sie plötzlich ganz verlassen.

Sie ist trübselig, die alte Strix.

Während sie sich ausdauernd, aber vergeblich, unten in dem hohlen Stamm

abmüht, klagt sie vor sich hin.

Es ist nicht das lange, prachtvolle Ho--o--o, das andere Lenzabende

gekannt haben, hinausgerollt mit dem Fanfarenklang der Paarungslust, mit

verheißungsvollen breiten Flügeln und einem Übermaß von Kraft, nein es

ist ein kleines, furchtsames, abgerissenes Ho, nur bis ins Unendliche

wiederholt, eine Art Zeitvertreib, eine Art Trost in der Einsamkeit,

oder möglicherweise ein instinktiver Ruf nach Hilfe.

Diese schwachen, herabgestimmten Ho-Rufe, die viel Ähnlichkeit mit den

Paarungsrufen der kleinen Eulen haben, werden denn auch von einem

kleinen feurigen Eulenhahn aufgefangen, der schon lange ungepaart im

Walde herumgeflogen ist. Er gehört zu der Rasse +asio otus+ und ist

auch eine Horneule mit sich sträubenden Federbüscheln und gelben

Kugellichtern; aber das ganze Persönchen ist keine drei Käse hoch,

und Strix kann ihn mit Leichtigkeit in ihrem einen Fang zu einem

Federklumpen zusammenrollen.

Trotz seines eifrigsten Suchens hat _Glip_ -- so heißt die kleine

Horneule -- kein Weibchen finden können, und dies Unglück ist ihm nun im

dritten Jahre widerfahren. Er ist deswegen sehr aufgelegt zu freien, und

sei es auch um seine alte Großtante!

Der Grund für seinen beständigen Mißerfolg liegt auf der Hand:

Die Zeit der Bedrängnis, unter der Strix ihr ganzes Leben gelitten

hat, beginnt nun auch für die kleinen Eulen. Die Kultur hat in immer

stärkerem Grad um sich gegriffen, jetzt raubt man den kleinen Eulen ihre

Waldestiefe und haut ihre hohlen Bäume um.

An vielen Stellen verfolgt man sie auch geradezu!

Die Vorliebe für Fasanen hat sich verbreitet: der Kampf zugunsten von

dem, was die Menschen das _Nutzwild_ nennen, ist verschärft, kein

Raubvogel, er mag noch so klein und unschädlich sein, ist mehr sicher.

Das mögen die Götter wissen; wenn jemand bestrebt gewesen ist, auf

ehrliche Eulenweise zu einem Weibchen zu gelangen, so ist es Glip. Er

kann mit gutem Gewissen behaupten, daß er weder zu bescheiden, noch zu

unnatürlich wählerisch gewesen ist. Aber Verhältnisse, über die er, wie

erwähnt, nicht Herr ist, haben ihn zum Verzicht gezwungen.

Einmal im vergangenen Jahr sah es einen Augenblick licht für ihn aus. Es

war ihm gelungen, einen jungfräulichen Vogel zu finden, ein ganz freies,

ungepaartes Eulenfräulein. Es bewarben sich freilich noch dreizehn

Herren außer ihm um sie, aber was machte das -- der Schatz war ja da.

Es kam nun nur darauf an, wer ihn besitzen würde.

Es war drüben auf der andern Seite der Förde, draußen in einem dichten

Tannenwald, wo er die Schöne traf. Sie saß in einer kleinen Tanne, und

die Freier hingen dicht in den Zweigen rings um sie her.

So war auf alle Fälle die Sachlage am Tage.

Aber des Nachts hatte das Bild einen weniger friedlichen Charakter, da

kämpfte man wie die jungen Hähne und umschwärmte die Zuckertaube wie

zudringliche Fliegen, so daß sie zu nichts in der Welt mehr Frieden

hatte.

Leider lenkte der Förster des Gutes eines Tages wohlbedachterweise seine

Schritte durch den Tannenwald. Er traf die ganze Versammlung an, die,

ermattet von den nächtlichen Ausschreitungen, in sich selbst versunken

da saß wie kleine, schlaffe Kasperlepuppen. Mit schief gesträubten

Hörnern und zwinkernden Augen schielt ein Einzelner auf ein weißes

Gesicht herab, aber das Gesicht verschwindet bald wieder. Dann,

späterhin am Tage, ertönen kleine, kurze Schüsse -- und einer nach dem

andern gleiten die lebenden Tannenzapfen hintenüber von dem Zweig herab.

Der Förster war schleunigst zurückgeradelt und hatte sein Tesching

geholt. Er verstand sein Handwerk aus dem ff und beurteilte die Sache,

wie sie war: so lange es ihm gelang, eine gewisse kleine, helle Eule,

die mitten in dem Klumpen saß, nicht zu treffen, würden die andern schon

festsitzen wie die Kletten.

Er bekam neun! Dann war der Bann gebrochen. Die kleine, helle Jungfer

glitt mit zum Himmel erhobenen Augen hintenüber, und nun zerstob der

Rest in alle Winde.

Glip floh in den Wald und machte sich daran, die Bäume von oben bis

unten zu durchsuchen. Aber sie waren entweder eulenleer, oder er traf

Paare an, die in glücklicher Ehe lebten, mit Kindern bis über die Ohren.

Wohl strengte er sich an, hier, wenn möglich, Eindruck zu machen, war

sowohl äußerst grob wie auch äußerst liebenswürdig. Aber er erreichte

nichts weiter als eine unfreundliche Behandlung, war er doch ein

aufdringlicher Kavalier!

So wurde Glip denn auch in dem Jahre um seine Flitterwochen betrogen.

In diesem Frühling aber ist er wieder Feuer und Flamme. Er hat weit und

breit gesucht und seine hohlsten und tiefsten Töne erklingen lassen. Bei

jedem glücklich brütenden Paar, von dem er gehört hat, ist er offen und

mit Gewalt eingebrochen ...

In manch einem Eulenhorst hat es einen Kampf auf gute alte Art gegeben,

und es hat aus blutigen Rissen rot getropft auf weißblanke, zertrampelte

Eier. Glip hat aus dem Wege räumen wollen, um später entführen zu

können, aber er ist überall der Kleine geblieben und hat mörderliche

Prügel bekommen.

Da lächelt ihm endlich eines Abends das Glück; er ist plötzlich auf

seiner Paarungswanderung auf das Ho einer Horneule gestoßen.

Er spitzt die Ohren --!

Ja, er ist seiner Sache sicher; es ist ein Weibchen, und zwar ein

ungepaartes. Das kann er an der Weise hören, wie sie ruft. Er kauert

sich auf einen Zweig nieder und heult wonnevoll zurück ... hu, hu, hu,

hu!

Mit angehaltenem Atem lauscht er lange auf Antwort.

Hoo! kommt es so tief da unten aus dem Waldkessel. Nicht so sehr

freundlich freilich, wie Glip es erwartet hatte; aber eine Antwort

bekommt er doch -- und er ist ja nicht verwöhnt.

Er fliegt gleich in der Richtung weiter, und es währt auch nicht lange,

bis er ausfindig gemacht hat, daß seine vermeintliche Anbeterin unten in

dem Bauch der großen Eiche sitzt.

Mit schnellen, weichen Flügelschlägen ist er dort.

Er erreicht das große Eingangsloch unter eifrigem Scharren und Kratzen

seiner Fänge; es jubelt in ihm: ein langsam rinnender Strom von Ho-Rufen

gleitet aus dem hohlen Stamm in sein Ohr hinauf, und nun sieht er -- so

daß ihm einen Augenblick der Atem ausgeht -- ein paar rote Lichter unten

auf dem Grunde funkeln. Er begrüßt sie mit Kaskaden seines wildesten

Geheuls.

Glip ist gerade zur rechten Stunde gekommen. Sie baut ja ein Nest, das

kann er hören; sie wühlt da unten herum und legt die Unterlage zurecht

-- und er beeilt sich, Strix seine erste Liebeserklärung zu bringen: ein

trocknes -- und knorrenloses Reis.

Da faucht Strix den frechen Eindringling an. Und doch -- eine schwache

Hoffnung blitzt in ihren Augen auf: sollte er sich nur so weit

hinabwagen, daß sie ihn fassen kann, da hätte sie doch endlich einen

Bissen.

Glip seinerseits, der in der rabenschwarzen Finsternis und infolge der

Engigkeit des hohlen Baumes die Größe des alten Uhus nicht erkennen

kann, faßt die Ablehnung des Reises als ganz selbstverständliche

Sprödigkeit auf. Sie verlangt natürlich mehr!

Da fängt die kleine Horneule an, sich mit Mäusen für Strix einzustellen.

Sie macht große Augen und entreißt ihrem verliebten Anbeter die ersten

leckern Fleischstücke; er hätte sie ja für den eigenen Schnabel

bestimmen können -- und sie beeilt sich, ihm zuvor zu kommen. Sie

kokettiert mit ihm, sitzt da und sperrt den Schnabel auf, sobald er sich

zeigt -- und der verliebte Bursche kann so vielem Entgegenkommen nicht

widerstehen.

Am Tage setzt sich Glip zu ihr in den hohlen Baum, natürlich nur gerade

vor das Eingangsloch -- und ein ganzes Ende von Strix entfernt. Es will

ihm ja zuweilen scheinen, als sei sie eine Art Ungeheuer, aber gleich

darauf macht ihn die Liebe wieder blind.

Ihr Mienenspiel ist ja unvergleichlich, findet das kleine Närrchen.

Noch nie hat Glip eine Eule gesehen, die imstande gewesen wäre, Kummer,

Freude, Zorn und Haß bessern Ausdruck zu verleihen als dieser süße

alte Uhu. Ihre großen, sonnenflammenden Lichter, die ihn zu Anfang ganz

bange machten, wenn er in sie hineinstarrte -- siehe, das sind ja in

Wirklichkeit ein paar kluge, gute Seher mit einem bestimmten, festen

Blick. Sie kann Einen ja freilich ansehen, daß man ein Gefühl hat, als

wolle sie Einen im nächsten Augenblick verschlingen, aber das kommt

daher, weil ihr Blick so groß ist; er beherrscht mehr als Einen selbst,

er umfaßt alles, alles -- um Einen und hinter Einem!

Glip bewundert Strix, er ist wahnsinnig verliebt. Wenn er sie nur herauf

bekommen könnte! Er hat eine so schreckliche Lust, ihr sein Wiwit ins

Ohr zu tuten!

Strix ist nicht mehr im stande, sich im Nacken zu kraulen, aber auch

hierfür weiß ihr kleiner Sklave Rat. Sie braucht nur ihren großen

Katzenkopf in die Höhe zu recken, dann kratzt er in ihrer zerzausten

Perücke herum. Er geht ganz bis auf den Grund und macht es so vorsichtig

und kitzelnd, ja, mit Befriedigung bemerkt Strix, daß der Sklave wieder

und wieder seinen Schnabel und seine Zunge glättend an ihren

Federhörnern hinaufgleiten läßt.

Jetzt muß es doch kommen! denkt das Närrchen ... jetzt gilt es nur,

auszuharren, dann ergibt sich die alte Jungfer.

Immer eifriger fängt er für sie, immer kühner wird er auf seinen

Raubzügen.

-- -- --

Lautlos wie er selber, streichen die lenzfrohen Schnepfen die langen

Talstrecken drinnen im Walde entlang. Glip kann in dem Zwielicht der

Dämmerung, dicht an einen Stamm gedrückt, verborgen da sitzen und sie

auf und ab, ab und auf schweben sehen.

Es ist, als hätte eine jede Schnepfe ihre bestimmten Luftwege; aber

wenn sie sich begegnen, geschieht es wohl, daß sie sich zu Zweien, ja

zuweilen zu Dreien, gegeneinander stürzen, und dann stimmen sie ein

sonderbares Murksen und Pfuitzen an. Da benutzt Glip die Gelegenheit.

Wenn sie gerade vor ihm sind, fährt er blitzschnell auf sie ein -- er

zielt auf die zunächst fliegende und schlägt die Fänge in der Luft um

sie zusammen.

Aber einen so großen Fang muß er auf der Stelle zerlegen, er ist leider

nicht im stande, sein reiches Götteropfer in ungeteiltem Zustande

darzubringen. Es wird still im Hain, wo Strix' kleiner, dummdreister

Sklave sich blicken läßt. Die kleinen Vögel lassen Eier und Junge im

Stich. Das geht nicht mit Schreien und Flattern vor sich, wie wenn der

Sperber auftaucht, -- nein, vorläufig treibt Glip sein Gewerbe nur des

Nachts und raubt die kleinen Vögel, wenn sie schlafen. Seine feinen

Ohren hören die Jungen des grauen Fliegenschnäppers im Nest piepsen,

da holt er die eine Nacht das Weibchen, das Männchen die nächste Nacht.

Strix kröpft und stopft in sich hinein, so viel sie nur kann -- ihr

Sklave ist ein tüchtiger Sklave!

Bald aber genügt es nicht mehr, wenn Glip nur des Nachts arbeitet, er

muß jetzt auch den Tag mit zu Hilfe nehmen. Man trifft ihn überall im

Walde: Im Dickicht wie längs der Wege; er sitzt stumm auf einem Ast,

gegen den Stamm geklebt. Man glaubt, daß er schläft, aber er ist wachsam

genug, und das leiseste Geräusch veranlaßt ihn sofort zu spähen. Bald

ist er auf Mäusejagd unten im Laube, bald in irgendeinem Baume hinter

Vögeln her.

So überraschen ihn eines Nachmittags ein paar alte Waldhüter, als er im

Begriff ist, junge Dohlen zu rauben. Sie sehen, wie sich eine kleine

Eule an ein Nestloch anklammert und hineinguckt, aber die alten Dohlen

umflattern das Nest.

Der eine von den Waldhütern will sich bücken und einen Stein aufnehmen,

aber der andre hält ihn zurück.

-- Nein, laß das, Pist Lak! Bedenke, wie es »Vogel« erging ... es bringt

immer Unglück, wenn man eine Eule totschlägt.

Glip läßt sich nicht im mindesten stören. Mit der einen Klaue greift er

in das Nest hinein, holt ein Junges heraus und fliegt damit zu Strix.

Zehn Minuten später ist er wieder bei dem Nest -- eine nach der andern

holt er alle die jungen Dohlen.

Sie kamen durch einen Unglücksfall ums Leben -- so etwas geschieht auch

tagtäglich im Walde!

Auch die Stare verschont Glip nicht. In der Morgendämmerung läßt er

sich auf dem Starenkasten nieder und pocht mit dem Schnabel gegen das

Holzwerk. Dann glauben die Jungen, daß es die Starenmutter ist -- sie

stecken den Kopf heraus, und -- wupp hat Glip sie im Nacken gefaßt.

Es gehört etwas dazu, um Strix mit dieser Art von Kost zu versorgen --

aber nun ergibt sich das verlockende Ungeheuer auch wohl bald!

Strix wird kindisch; sie verwandelt sich mehr und mehr aus einem großen,

gefürchteten Nachtraubvogel in einen hilflosen jungen Kuckuck, der Tag

und Nacht gefüttert werden muß. Es wird Glip schwer, alle die kostbaren

Liebesgaben zu beschaffen, er ist nahe daran zu ermüden -- und läßt nach

in seinem Eifer. Er greift nach allem, was ihm in den Weg kommt und

bringt Frösche und Kröten statt warmer, leckerer Spatzen. Strix muß ihre

schlimmsten Hungertage noch einmal durchleben und Eidechsen, Schlangen

und kleine Kreuzottern fressen, ja, an einem warmen Abend wird ihr sogar

eine dicke, schleimige Waldschnecke präsentiert.

Es wird Strix schwer, den schwarzen Kloß zu verschlucken, und sie rollt

schrecklich mit den halbblinden, gleichsam verschimmelten Lichtern,

obwohl sie ja nie im Leben ein Kostverächter gewesen ist.

Es ist leicht, das Ende vorauszusagen --:

Eines schönen Nachts, als die Paarungsbrunst aus dem Blut gewichen ist,

erwachte Glip aus dem Liebesrausch und sah, daß er ein Sklave war. Da

hob er die Verlobung auf -- und machte sich aus dem Staube.

Strix: Die Geschichte eines Uhus · 第 26 / 31 题