Der Nachtfrost und der Lenzschnee löschten den Lebensfunken in
ihrem ersten Gelege Eier und sie hat mehr als einmal auf verfaulten
Eierschalen gesessen; einige spätausgefallene Junge, die nicht flügge
waren, als der Winter kam, sind eingegangen, und wo sind die wenigen
glücklichen, die lebten, abgeblieben?
Sie hat sich nie stark vermehrt und die Welt mit dem Abklatsch ihres
eigenen Ichs belästigt. Andere Vögel brüteten zweimal im Jahre und
setzten jedesmal vier, sechs, acht, ja, zehn Kinder in die Welt; sie war
mäßig gewesen und hatte sich stets mit nur zweien begnügt.
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Der Winter geht seinen Gang. Er wird hart werden in diesem Jahr, und
Strix leidet Not -- schlimmer denn je.
Sie streift nicht mehr umher, macht nicht einmal mehr kleine Ausflüge;
sie hat keine Kräfte dazu und fühlt auch nicht das Bedürfnis. Sie bleibt
lieber in der Urwaldecke und hungert.
Wenn dann der Novembersturm pfeift und die Schneeflocken um ihr Haus
da draußen wirbeln, wenn es so schneidend kalt ist, daß Larve und Wurm
im Holz um sie her in Ruhe frieren und nicht den leisesten Laut mehr
telegraphieren -- dann schließt sie die Augen und sitzt in sich
versunken da, während sie den dänischen Frühling vor sich sieht.
Die Weiden stehen gelb von aufgebrochenen Kätzchen, und Schwärme von
lenzdurstigen Bienen fliegen hin und her, während ein warmer und
wachstumverheißender Erdbrodem aus dem Boden aufsteigt. Die Schnecken
sind draußen, und mitten im Sonnenschein zwischen den grünen
Wildkerbelbüschen thront eine große, leckere Kröte. Sie sitzt da und
verzehrt Mücken, die sie in einem dichten Schwarm umtanzen. Jedesmal,
wenn sie mit Blitzesgeschwindigkeit die Zunge herausgeschnellt und sie
wieder hineingezogen hat, zwinkert sie wohlbefriedigt mit den Augen.
Strix will sich über sie stürzen; die Kröte ist ja nun bald derjenige
von den »Schnelläufern«, mit dem sie am besten fertig werden kann -- da
erwacht sie zu der nüchternen Wirklichkeit, indem sie mit dem Kopf gegen
den hohlen Baumstamm stößt.
Ja, Strix war alt geworden, uralt -- und das war gerade der Segen beim
Altwerden, daß man die Fähigkeit erhielt, in sich hineinzusehen und die
Bilder hervorzurufen, die man zu Dutzenden und Aberdutzenden von Malen
in einem langen Leben gesehen hatte. Man schwelgte in den Erfahrungen,
man sah den Wechsel der Natur zu jeder Zeit im Strahlenglanz der
Erinnerung vor sich.
Wenn nichts weiter, so konnte man sich ja daran erwärmen!
Aber _sehnen_ tat sich Strix doch -- sie sehnte sich, sehnte sich --
sie konnte sich nur nicht klar darüber werden, wonach. Es lag wie ein
beständiger Druck dadrinnen, wo das, was man Hoffnung und Glauben nennt,
Wohnung hat ...
Sie sehnte sich nach dem, was nicht mehr war, nach dem Unberührten,
Großzügigen in der Natur ihrer Heimat, oder nach den alten, guten,
traulichen Zeiten, als Einsamkeit im Walde war, wo sie Aussicht auf die
Heide, auf Wild und Fauna hatte und nicht einzig und allein auf Menschen
und wieder Menschen.
Sie sehnte sich nach dem in der nordischen Natur, womit ihre eigene
Natur so innig verknüpft war: nach dem Trotzigen, dem Unnachgiebigen.
Jetzt hatten die Menschen alles auf den Kopf gestellt, und Wege und
Eisenbahnen, Anpflanzungen und Kornäcker überall hingebracht, wo früher
Wildnis herrschte. Sie hatten die Wälder aus ihrem Naturzustande in
beschnittene Gärten verwandelt und all das ursprüngliche Tierleben aus
ihnen vertrieben; sie hatten die Natur zahm gemacht, sie pflügten sie
um und eggten sie, sie bestellten sie und klecksten ein Haus neben dem
andern auf. Als einzige Erscheinung hatte sie, und nur sie, und dann die
beiden alten Eichen den Untergang all des Freien überstanden; sie spürte
es jetzt in ihren alten Jahren mehr denn je an sich, daß sie heimatlos
und verfolgt war, und daß sie es ihr ganzes Leben gewesen war.
Deswegen klagte sie so oft, daß es gleichsam wie ein Unwetterschaudern
durch die Umgegend ging, deswegen lag etwas unerklärlich Unheimliches in
ihrem einsamen nächtlichen Heulen.