11. Klein-Taa

Der Winter verging leidlich für Strix.

Sie hatte nur mit dem Hunger und der Langenweile zu kämpfen.

Das Los des Leuchtturmwärters wirkte gerade nicht verlockend auf die

in der Gegend ansässigen Jäger; sie erblickten darin eine weitere

Bestätigung für die Annahme, daß die große Eule ein Zaubervogel sei,

den man am besten in Ruhe ließ.

Der alte Niels Pibe, den die Strandzeitung interviewte, benutzte

die Veranlassung, um verschiedene Geschichten von Eulen wieder

aufzufrischen, aus denen zu ersehen war, daß die Eule Böses ansagt --

und daß, wenn man sie schießt, dies den Tod bedeutet.

Eifrige Sammler ließen sich freilich nicht von diesen Ammenmärchen

abschrecken, und als der Frühling sich näherte und das Wetter weniger

rauh wurde, erhielt der gewiegte Hotelpächter in der Tat Anfragen in

bezug auf seine Pensionspreise und den viel beredeten Vogel.

Indessen kam ihnen ein Fremder, mit dem niemand rechnete, zuvor.

Es ist an einem Abend, Ende März, bei heftigem Seesturm ...

Das Meer schäumt. Kein Fahrzeug ist zu erblicken. Die grauen

Regenschauer und die graue See gehen ineinander über. Nur eine

vereinzelte, große Möwe mit einer unverhältnismäßig großen Flügelweite

für den kleinen, leichten Körper tummelt sich im Sturmgebraus und wiegt

sich hin und her über dem einsamen Horizont.

Scharf und salzig treibt die Seeluft durch den Strandwald; sie stinkt

nach Fischen und Tang, nach Strand und Muscheln ...

Strix tanzt nicht mehr an dem Dünenhang, sie hat zurzeit anderes zu tun.

Sie hat sich ein Nest aus Zweigen zwischen ein paar ausstrahlenden

Wurzelhälsen einer kleinen verkrüppelten Erle zusammengetragen und

liegt und brütet auf einem unbefruchteten Ei, einem letzten, aus alter

Gewohnheit gelegten Ei!

Und die Regenschauer kommen in Zwischenräumen, aber regelmäßig wie

die Kinder in dem Heim armer Leute, und das Meer da draußen nimmt die

trostlose Farbe des Sandgraus an. Und der Regen peitscht herab, strömt

und strömt, so daß auch oben in der Luft See und Meer entstehen.

Strix drückt sich tief in ihr schützendes Nest unter dem Erlenstamm und

läßt die Regenschauer kommen und die Regenschauer gehen; sie brütet und

gibt acht ... auf die Erde, das weiß sie ja, ist kein Verlaß.

Da kracht und raschelt es vor ihr im welken Laub ... ein

langgestrecktes, schlangengeschmeidiges Raubtier wickelt seinen

blanken Pelz aus dem Grau der Dämmerung heraus.

Es ist auch einer von den alten Feinden -- ein guter Bekannter aus

Strix' jubelvollen Tagen! Obwohl Klein-Taa jetzt ein alter Marder

geworden ist, ähnelt er noch immer seinem Vater so aufs Haar, daß ihm

eigentlich nur die gestutzte Rute fehlt.

Klein-Taa ist auf der Frühlingswanderung; auf der Suche nach einem

Weibchen -- sonst käme er nie in diese rauhe Gegend.

Der Marder ahnt die Eule nicht, er kriecht nur in Schutz vor dem Wasser.

Hopp, hopp, geht es, hopp, hopp -- ins Trockne hinein, am Eulenbaum

entlang.

Stieg in Strix eine Erinnerung auf, als sie den Burschen sah? Bereute

sie vielleicht erst jetzt eine ungenutzte Gelegenheit bei einer

zufälligen Begegnung in einer dunklen Tanne? Oder ist nur das Wetter

schuld daran?

Sie fährt auf die Waldkatze ein. Der Marder glaubt in dem ersten

Augenblick der Überrumpelung, daß er einem Truthahn geradeswegs in

die Arme läuft. Ein warmes Aufblitzen, eine Mischung von Freude und

Überraschung über dies unerhörte Glück zuckt in den kleinen, listigen

Lichtern des behenden Raubmörders auf -- da pflanzt Strix ihre acht

Fänge in seinen Hinterkörper.

Äh! knurrt der kleine Taa ... verdammter Irrtum! Und blitzschnell reißt

er seinen kurzen, kräftigen Katzenschlund auf -- Strix sieht wie in

einer Sonnenuntergangsvision den roten, blutdampfenden Rachen und die

weißen Zahnreihen. Eine drohende Wolke von wilder Bosheit senkt sich

über die vorhin so glitzernden Pupillen des Marders; er legt die

Lauscher zurück und windet sich mit einer Kraftanspannung plötzlich

in eine kauernde Stellung.

Strix will sich das Tier mit ihren Fängen vom Leibe halten, aber

Klein-Taa ist zu lang, ohne Anstrengung gelingt es ihm, seine

Vorderläufe in die Horneule hineinzuschlagen. Er umarmt Strix auf beiden

Seiten des Brustbeins und bohrt in der Wut seines ganzen Schmerzes seine

Nase und seinen Rachen in ihre Federn und ihr Fleisch.

Einen Augenblick ist Strix kurz davor, umzufallen.

Sie muß den einen Fang loslassen und in aller Eile die Flügelspitzen und

den Stoß als Stützstäbe in die Erde bohren, aber der Marder geht mit der

vollen Unbändigkeit seines ganzen Mordinstinktes drauflos.

Vergebens preßt Strix ihr zottiges Gesicht gegen seinen Nacken und läßt

ihre scharfe Hakennase seinen Pelz lichten, vergebens schleudert sie

ihm ihr Wolfsgeheul ins Ohr und begeifert ihn mit ihrem Auswurf: der

aufgeregte Taa läßt sich nicht einschüchtern, es handelt sich um Leben

oder Tod -- Strix muß entweder weichen oder sich ergeben.

Strix, die noch unverletzt ist, weil ihr dichtdauniges Kleid und die

langen, dicken Brustfedern bisher den Stachel von den leidenschaftlichen

Bissen des Marders abgehalten haben, wählt das erstere und reißt sich

mit einem Ruck von ihrem Gegner los. Aber der Marder hält fest und geht

mit.

Da kommt ein Orkanstoß! Er schlägt plötzlich wie ein Vogel Greif nach

Beute in die Waldestiefe hinab, fällt ein paar Bäume und erhascht einen

Arm voll Laub. Strix breitet mechanisch die Flügel zur Flucht aus -- und

leicht wie ein Federball, den Marder in ihren Fängen, braust sie durch

die Waldesgipfel empor. Sie hat das Glück, beim Aufflug, wo Klein-Taa

endlich loslassen will, seinen langen, geschmeidigen Körper fest zu

umklammern, ihre acht Krummdolche bohren sich in sein Fell hinein,

gerade unter den Schulterblättern zwischen den Rippen.

Das wird eine seltsame Luftfahrt! Im Vergleich damit ist der Flug mit

der Kreuzotter das reine Kinderspiel; der fauchende Sturm nimmt Strix

mit ihrem bißchen Beute in seine mächtigen Klauen und streicht mit

rasender Geschwindigkeit mit ihnen davon. Er spielt Fangball mit ihnen,

wirbelt sie in großen Rutschbahnschleifen auf und nieder und nach den

Seiten und rund herum. Strix hat alle ihre Kräfte nötig, um die Flügel

gespannt zu halten.

Die wasserblanke Erde jagt wie auf flüchtigen Läufen des Rehbocks unter

ihr dahin; sie sieht von Dukelheit umhüllte Baumwipfel auf sich zu

eilen, im Nu unter ihr liegen und dann wieder davonschießen. Bald ist

sie schwindelnd hoch in der Luft über ihnen, sie sieht weder Gestrüpp

noch Hochwald oder die Lichtung der kahlen Stellen; bald ist sie den

schaukelnden Kronenwölbungen so nahe, daß sie ihr Sturmgebraus und

Zweigegeklapper hören kann -- und es durchschaudert sie, trotzdem sie

den Marder umklammert hält; sie kann ja nicht landen, das fühlt sie,

nicht anhalten und die Flügel emporschwingen und im Winde rütteln;

alles, was sie berührt, wird sie umrennen.

Da macht sie eine mächtige Bewegung mit den Flügeln und, obwohl ein Flug

in die hohe Luft sonst nicht Sache der Eule ist, steigt und steigt sie

-- sie muß fort von der Anziehungskraft der Erde und der Sturmesgewalt,

hoch hinauf, wo sie ungehindert gleiten kann, wenn auch in einer selbst

für sie wahnsinnigen Eile.

Eindrücke und Empfindungen sausen durch ihr Gehirn; sie drängen sich

auf, gewinnen Platz, werden beiseite gestoßen und gewinnen abermals

Platz, und während alledem kämpft sie -- _sie_, der lebende Ballon --

mit ihrem noch immer gleich mordlustigen Passagier in der Gondel.

Klein-Taa, dem schon gleich zu Anfang Strix' Klauen durch die Eingeweide

gedrungen sind, wühlt ununterbrochen in ihrer Brust und ihren Flanken

herum, aber ihm fehlt eine Stütze für seinen Hinterkörper, seine Bisse

gelangen nicht auf den Grund, er reißt ihr nur große Büschel Federn und

Hautstreifen aus.

Strix ihrerseits arbeitet mit der ganzen Willenskraft des

Selbsterhaltungstriebes. Zäh und ausdauernd klemmt sie die Horndolche

tiefer und tiefer in die Seiten des Marders und zapft Blut aus seiner

Brust, während sie vor Erregung und Anstrengung im Fluge schlingert.

Taa ist im Begriff zu ermatten. Er schnappt wild und blind im Irrsinn

des Todes um sich, und seine kräftigen Hinterklauen, die wiederholt

während der Fahrt Strix auf verhängnisvolle Weise gegen den Bauch

gestoßen haben, fangen an, schlaff und leblos herabzuhängen.

Da benutzt Strix einen Augenblick, wo Klein-Taa, um Luft zu schöpfen und

die kitzelnden Federn vom Maul zu entfernen, den Hals ausstreckt, und

sie umfaßt mit ihrem scharfen Krummschnabel seine Kehle. Einen Bruchteil

einer Sekunde schwindelt es sie -- dann läßt sie plötzlich, zuerst mit

den Fängen, dann mit dem Schnabel, los. Sie schleudert ihn von sich

und gibt ihm noch einen Segen in Gestalt ihres kalkweißen Geschmeißes

mit. In einem langgestreckten Bogen sieht sie seinen schwarzen

Raubtierkörper, der sich rund um seine Rute herum dreht, durch die Luft

Purzelbäume schlagen, bis ihn das Erdendunkel endlich verschlingt, und

er in der Nacht verschwindet.

Im selben Nu erfaßt der Sturm Strix wie mit einem Kampfruck. Von ihrem

Passagier befreit, ist sie einen Augenblick später hoch oben zwischen

den Wolken; sie muß schleunigst ihre Flügelweite verringern, sich rund

herumdrehen und, den Kopf gegen die Windrichtung, sich in langen,

weitgedehnten Schleifen seitlich dahintreiben lassen. Naßkalte

Sturmstöße fauchen ihr ins Gesicht und pflücken lose Daunen und Federn

aus ihrem Kleide -- dann ergießen sie sich in reißenden Regenströmen

über sie.

Ermattet vom Kampfe und schwer von dem Regen, der sie niederzuschlagen

droht, sucht sie schleunigst Schutz hinter dem ersten Hügelabhang, den

sie antrifft. Jetzt, wo sie ein freier Vogel ist, hat sie keine Angst,

dagegen zu rennen; sie hat ihre ganze Beweglichkeit wieder und landet

glatt auf einem Fels im Talgrunde.

Sie ist entsetzlich zugerichtet.

Der eine Schenkel hängt in Fetzen, bis in die Fänge hinein schnurrt es

darin; der Ständer versagt anfänglich dem Körper die Stütze. Von den

langen Brustfedern, mit denen sie die Fänge zu wärmen pflegt, sind nur

noch einzelne Daunen übrig geblieben, der übrige Teil der Brust besteht

aus schweißenden Löchern und Rissen. Sie ist mürbe am ganzen Körper,

im Nacken, in den Flügeln -- und ihre mächtigen Fänge sind wie aus den

Gelenken gezogen. Der große Knoten an ihrem linken Augenlid, den sie

jahrelang mit sich herumgeschleppt hat, seit ihrem Kampf mit der

Kreuzotter, ist fast zu Wallnußgröße angeschwollen und ragt über das

Auge vor, so daß sie nur schlecht sehen kann. Jeder Fleck an ihrem Rumpf

schreit nach Pflege und Säuberung.

Sie muß irgendwo in Ruhe und Einsamkeit sitzen -- und sie hinkt davon,

hinab nach einem Graben und verkriecht sich unter einer Brücke.

Ein großer Frosch, der, aus seinem Winterschlaf erwacht, auf dem Wege

ins Freie ist, hat das Unglück, ihr geradeswegs in die Fänge zu laufen.

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Der kalte Klumpen war ein Götterbissen für Strix, er wirkte wie ein

Stück Eis in dem Mund eines armen, dürstenden, fieberkranken Patienten!

Strix: Die Geschichte eines Uhus · 第 23 / 31 题