10. Der Leuchtturmwärter

Am Auslauf der Förde, wo der Sturm freien Zutritt hatte und wo das Meer

schäumte, stand meilenweit ein eigenartiger Streif von Bäumen.

Sie waren zum größten Teil im Laufe der Zeiten von selber gekommen.

Die Vögel hatten sie gesäet und die Tiere hatten sie gepflanzt ... wenn

Fuchs und Dachs nach Mäusen stachen, wenn das umherziehende Rehwild

nach Dornenbeeren scharrte, hatten die Tiere unbewußt Bäume in die

Erde gepflanzt. Sie hatten Eicheln und Bucheckern und Nüsse von der

Haselstaude gelegt, sie hatten Ebereschen gepflanzt und das großblumige

Geißblatt.

Ganz unten am Rande des Strandes zwischen dem Sand und den Steinen waren

die Bäume so winzig klein, daß sie den Namen »Baum« kaum verdienten.

Dann stiegen sie an Höhe, je weiter landeinwärts man kam.

Aber mehr als zweimal Manneshöhe erreichte kein Baum. Selbst einen

halben Kilometer weiter hinauf und mit einem halben Kilometer

schutzgebenden Schirmes vor sich, erhielt kein Gipfeltrieb Erlaubnis,

die einmal festgesetzte Höchstleistung zu überschreiten; der Sturm von

der See her war eine Riesenschere, die beständig schnitt und schnitt ...

Gleich einem sanftabfallenden Halbdach über einem offenen Schuppen

senkte sich die ganze Kronendecke nach der See hinab und tauchte den

Rand des Daches in Gischt und Schaum. Ein eigenartiges Dach über einem

eigenartigen, mit Schlackerwetter angefüllten Schuppen -- und doch, wenn

man aus See kam und sich zwischen dem Baumgewimmel barg, hatte man ein

Gefühl von Wohlbefinden und Traulichkeit, als sei man zu Hause

angelangt.

Bei ruhigem Wetter war es so still hier im Strandwald -- da kehrte der

Paradiesesfriede wieder. Aber bei Sturm und Regenschauern lärmte diese

ganze, erwachsene Baumwelt häßlich, sie schrie und stöhnte und schuf die

unheimlichsten Laute. Da bebte meilenlang das sturmgestutzte Halbdach,

das Wetter legte sich darauf wie ein grober Gesell und versuchte, ob es

nicht in den Schuppen hinabgelangen könne.

-- -- --

Hier hinaus kommt an einem frühen Morgen im Herbst der alte Sonderling,

die Eule.

Der Weißdorn steht mit Fleischbeeren da und die Schlehe mit

blauschwarzen, kugelrunden Früchten, die Ameisen suchen einen Haufen,

und die Wildgänse schmettern mit scharfen, gellenden Schreien eine

Fanfare in die Luft über ihrem Kopfe. Sie findet ein Haus zwischen einem

Haufen großer Steine mitten in der dichtesten Schlehenfestung.

Hier sitzt Strix, während das Laub von den Bäumen fällt, und spürt,

wie es um ihr Haus herum wimmelt von Zügen und abermals Zügen stummer,

reisender kleiner Vögel: Laubsänger, Rotkehlchen, Drosseln und dem

lieben, leckeren Krammetsvogel, und sie hört den gehetzten Hirsch leise

knöhrend umhertrollen und mit seinem Geweih an die Außenwerke ihrer

Festung schlagen. Uhm, uhm, grunzt er, wenn er umgeben von ein paar

Stücken Kahlwild sich seines Daseins freut; häßlich aber ertönt sein

Röhren, wenn er, von den Schleiern des Morgennebels verborgen, sich

erkühnt, seinen schallenden Brunstruf auszustoßen.

An den rauhen Novemberabenden, wenn die Meerestiefe grau da liegt und

die Wellen in langen, weißen Grundstrichen in die Föhrde hineinjagen,

wenn der Horizont Regen verkündet, und der aufgehende Mond mit seinem

roten Segel kaum Erlaubnis erhält, hervorzuscheinen, verfolgt sie von

ihrem Versteck aus den Zug der Tausenden von Wildenten. Gleich schwarzen

Klumpen mit langen Hälsen, steigen sie Schof auf Schof über dem Walde

auf, um landeinwärts zu eilen und sich in den Mooren und Sümpfen des

Hinterlandes zu bergen. Und sie sieht die Möwen sich in großen Schwärmen

vom Meer hereinwiegen und sich im Schutz hinter den Steinen des Strandes

schwerfällig zur Ruhe setzen. Da schlägt sie an manch einem Abend eine

fette Stockente oder eine wurmgespickte Möwe ... derartig hat sich der

Freßsack angefüllt, daß ihm die Regenwürmer lang aus dem Halse

heraushängen!

Und hier sitzt sie in den Wintertagen bei Schneegestöber und hört das

Meer unter sich tosen und lärmen. Sie fühlt sich sonderbar ergriffen von

dem Laut. Es liegt, so scheint es ihr, ein eigenartiges Waldessausen

darin, und hohle, tiefe Töne, wie von ihrer eigenen Stimme.

Die dänischen Wälder sind arm an Uhus geworden; Strix' eigene Art ist

dahin, ebenso die Großen ihrer Rasse: Hühnerhabicht, Wanderfalke und

Weihe hört sie kaum je mehr -- sie weiß nur noch von Meeresbrausen und

Waldessausen wie von einem Wesen _ihrer_ Art. --

Sie muß es sich so recht traulich machen, die wunderliche,

menschenscheue Eule, wenn sie hier aus der Tiefe ihres steingewölbten

Hauses heraus altklug mit Meer und Wald plaudert.

Das Meer, das Meer ...

Es kamen Tage, wo das Meer in Aufruhr stand, wo das sturmgepeitschte

Wasser von ihm aufstob wie Schneetreiben von einem Felde und Staub von

einer Landstraße. Da trieb es die verschiedenartigsten Wracks an Land:

Boote und Treppen, Pfähle und Kisten, alles bunt durcheinander, mehr

oder weniger zersplittert. Da schwemmte es auch seinen frischen,

seegrünen Tang an ... das Meer erntete, mähte selbst den Ertrag seines

Bodens und trug ihn, Fuder auf Fuder, längs der Küsten und Ufer heim.

Hier lag es am Strande in Haufen und Schobern und bildete neue Welten

mit Einfahrten, Förden und Buchten.

Weit draußen am Horizont, unter einem düstern Chaos von Wolken und Regen

richtete sich eine Welle nach der andern empor, man sah eine graugrüne

Mauer, die in einem Nu mit schäumendem Weiß überpinselt wurde. Dann trat

eine Verwandlung ein: die Mauer wurde zu einem Bergrücken, wild und

zerrissen schoben sich weißlich-gelbe Felszinnen turmhoch empor, und

es stob von ihnen wie Schneewehen ... bis der Wasserberg plötzlich

zusammenstürzte und unter lärmendem Gepolter und siedenden Wirbeln in

die Tiefe versank.

Und neue Mauern richteten sich empor, und neue Bergrücken schossen auf

... sie tummelten sich feurig, die mächtigen Wogen. Dann veranstalteten

sie einen Wettlauf an Land und hauchten mit einem Gekrach ihr Leben

zwischen den Steinen aus. -- -- --

An solchen sturmerfüllten Tagen ... wenn die Abende kamen und die

Ragnaroksage auf die Erde wiederkehrte, wenn die Finsternis jede Kreatur

bedrückte, so daß sie zitterte ... dann tanzte Strix, während der

Horizont flammte, mit Buckel und krummen Flügeln oben auf dem Kamm des

Abhanges. Ihre wehenden Federbüsche sträubten sich, die Pupillen wurden

groß und der Blick scharf und ätzend.

Aber in den Nächten, die auf solche Tage folgten, fuhr die Wildheit in

sie. Sie tötete rücksichtslos, sie wußte nicht warum, sie tötete nur,

tötete ... Die Enten, die im Tang lagen und ihren Leib versteckten,

fest überzeugt, daß sie sie nicht sehen konnte, nahm sie zu Zweien auf

einmal, eine in jeden Fang; sie machte Jagd auf die kleinen Goldammern,

die sie sonst gar nicht anrührte, sie quälte ihre gefangenen Ratten, wie

eine Katze, und zog jedem Stachelschwein die Haut bei lebendigem Leibe

ab.

Und ununterbrochen füllte sie den Strandwald mit ihrem durchdringenden

Geheul --: Ho--o! Hu--u! Ha--Ha--Ha!

Im Strandwalde erlebt Strix ihre mageren Jahre.

Die Gegend ist zu rauh, um irgendwelchen Überschuß an Wild zu bergen.

Sie nimmt nicht zu an Wohlbeleibtheit und muß namentlich im Winter alles

in Betracht ziehen und auf Mäuse und Bussarde und eingefrorene Seevögel

niederschlagen. Nur im Sommer, in der Brutzeit, füllt sie sich mächtig;

die Möwenkolonien am Strande entlang müssen ihr erklecklichen Tribut

zahlen; sie schnappt die Gössel der Wildgans und die Jungen des großen

Sägetauchers weg, und manch ein rundlicher Dachswelpe, manch ein feister

Jungfuchs geht in ihrem sackähnlichen Magen zu den seligen Jagdgefilden

ein.

Sie lebt glücklich auf ihre Weise, in ihrer Einsamkeit, und genießt ihre

Ruhe. Kein aufreizender Axthieb, kein polterndes Wagengerassel peinigt

ihre Nerven ... nur das Rollen der Wellen und das Zirpen der Heuschrecke

klingt um ihr dickichtumkränztes, sturmzerzaustes Haus.

Und dann eines Abends, als sie ausfliegt, scheint ihr aus weiter Ferne,

oben von dem östlichen Ende einer Anpflanzung, ein ziegelgedecktes Dach

in die Augen.

Es schießt aus einigen Tannenwipfeln auf wie ein feuerroter Fliegenpilz

über grünem Moos ... die untergehende Sonne macht es erglühen und Funken

sprühen.

Es ist ein Menschennest, das dort aufgeschossen ist -- eine Villa!

Die Bahn ist eine Tatsache geworden. Aus der großen Provinzstadt am Ende

der Förde geht sie durch den Westerwald bis hier hinaus an die Küste.

Die Spekulation hat auch dies Ende des Landes erfaßt; man hat ein Auge

auf den Strandwald geworfen, auf die Abhänge, die Aussicht und den guten

Badestrand; eine große Genossenschaft hat den ganzen »Dreck« gekauft und

zerstückelt ihn jetzt in lange Streifen; jeder Streif erhält sein Stück

Wald, sein Stück Strand, sein Stück Wasser ...

Die Einsamkeit verschwindet schneller als die Buchenblätter gebrauchen,

um zu grünen und gelb zu werden; kleine überfüllte Dampfboote fangen an

zu pfeifen und herumzuplätschern, kleine Hunde bellen, Wagen mit Müttern

und Kindern kommen dahergehumpelt -- und fast jeden zweiten Abend, wenn

Strix aufwacht, ist ein neues, pilzähnliches Menschennest aufgeschossen.

Sie weicht und weicht, fliegt ein oder gar zwei lange Nachtflüge am

Strande entlang, aber dann kann sie plötzlich nicht weiter kommen, sie

ist hart an der Landspitze -- am Meer.

Da draußen liegt der kleine Leuchtturm ...

An einem dunklen und späten Herbstabend ... die See tost, und die

Bäume in dem letzten Streifen Strandwald klatschen die kahlen Zweige

gegeneinander ... ist ein Fischerjunge aus dem kleinen Dorf draußen an

der Landspitze, auf der der Leuchtturm liegt, auf dem Heimwege

begriffen.

Der Junge folgt dem Pfade auf dem Abhang oben am Waldessaum entlang und

sieht ängstlich in die Finsternis hinein, die dick zwischen den Stämmen

liegt.

Da hört er auf einmal ein wunderliches Hallo an sich vorübersausen und

weiter durch den Strandwald jagen ...

Es durchschauert ihn eisig. Mit offenem Munde und pochendem Herzen

bleibt er stehen.

Einen Augenblick später ist das Hallo wieder da!

Er glaubt, Pferdegetrappel und ein gewaltiges Bellen und Kläffen von

Hunden zu vernehmen -- und er schlägt die Hände kreuzweise vor die

Brust. Ob dies wohl das ist, was Großvater Pibe »König Waldemars wilde

Jagd« nennt?

Die Haare sträuben sich ihm auf dem Kopf, er will davonrennen, da fällt

ihm ein, daß das ja das Schlimmste ist, was er tun kann. Er muß nur

gehen, gehen -- und er eilt dahin, mit hastigen Schritten.

Am nächsten Tage sprach das ganze Dorf von dem Erlebnis des Jungen!

Auf der Bank unter dem kleinen Leuchtturm, wo die alten Seebären

bei Sonnenuntergang zusammen kamen und ein Garn spannen, hörte der

Leuchtturmwärter eines Abends, daß von Spuk geredet wurde.

-- Wo ist der Spuk? -- fragte »Vogel«.

Ja, es war hier ganz in der Nähe des Strandwaldes. Kristian Lars' Sohn,

erzählte einer der Fischer, hatte es gehört, und nun vorgestern hatte

auch er es gehört. Es war ein eklicher Kram; es heulte und miaute und

bellte und kläffte und röchelte wie ein sterbender Mensch. Der alte

Niels Pibe, der ja nun nicht mehr aus dem Bett aufstehen konnte,

behauptete, es wäre »König Waldemars wilde Jagd«; er sagte, solche

nächtliche Jagd habe er, als er ein Junge gewesen war, fast in allen

Fördenwäldern gehört, nur viel schlimmer. Da jagte der König mit großem

Gefolge und vielen Hunden; jetzt habe sich die Teufelsmusik wohl

vermindert.

-- Daran sind gewiß die vielen Kirchen Schuld --, fügte der Erzähler

gottesfürchtig hinzu.

Der Leuchtturmwärter spitzte die Ohren.

Aus seiner Kindheit draußen im Waldwärterhause dicht vor den Hochwäldern

war er gar wohl bekannt mit der Musik des großen Uhus ... sollte es

möglich sein, dachte er, lebte wirklich noch eine von den großen Bubos,

und zwar so nahe an seinem Gebiet! Das mußte ein Zugvogel sein, einer

aus dem nördlichen Skandinavien, der auf seiner Winterreise hierher

verschlagen war ...

Und Vogelhansens alte Leidenschaft stieg mit einem Brausen in ihm

auf ...

Im nächsten Augenblick gaukelte er sich vor, daß, wenn da ein Vogel sei,

auch zweie da sein müßten ... es erging dem großen Uhu wohl so, wie man

sich von der Bekassine erzählte, daß sie nie allein liegt. Dann konnte

er am Ende wieder ein Gelege Eier bekommen oder eine Brut Junge fangen;

alles Einheimische von der Art stand jetzt fabelhaft hoch im Preise!

Es erging ihm fast so wie der Frau mit dem Milchtopf, aber dann besann

er sich -- nun, er mußte ja erst einmal sehen!

_Eine_ Eule mußte auf alle Fälle da sein -- und wenn die nur da war,

hatte er auch sichere Hoffnung auf einen guten Gewinst. Der große Uhu

war immer zu verkaufen, wenn man ihn nur, tot oder lebend, in Händen

hatte.

Der kleine Leuchtturmwärter hatte sich freilich Zeit seines Lebens Jäger

genannt, aber es war nicht mehr vom Jäger in ihm als auf dem Rücken

einer Hand Platz hat. Er war »Schießer« schlecht und recht, er schoß nur

für den Kochtopf und für die Tasche -- und am liebsten für die letztere!

Denn das, was da hinein kam, konnte verkauft und in geliebtes Geld

umgesetzt werden!

Er war ein Aasjäger, wie er sein Leben lang ein Nesträuber gewesen war;

aber den Trost hatte er, daß leidenschaftliche Sammler und andre brave

Männer, die Schulen und Museen mit Vertretern der Fauna des Landes

versorgten, sein Treiben in Briefen oft eine »sehr gemeinnützige Tat«

genannt hatten.

Nun war er bejahrt und nicht mehr imstande, in eine Buche hinauf zu

klettern; aber das konnte auch einerlei sein, es gab nichts mehr, was

sich des Hinaufkletterns verlohnte. Schon seit Jahr und Tag hatten ihn

die Verhältnisse gezwungen, damit aufzuhören.

Um so eifriger brauchte er nun die Flinte! Die Flinte war der lange Arm,

womit er noch etwas an sich raffen und einem steifen Rücken und einem

stocklahmen Bein abhelfen konnte.

-- -- --

Und die Flinte wurde an diesem Abend von ihrem Platze über dem

Herde heruntergenommen, wo sie sonst immer bereit lag, um gegen die

vorüberstreichenden Möwen verwendet zu werden -- er hatte die alleinige

Lieferung von Möwen für eine Modewarenhandlung -- und mit großem, grobem

Schrot klar gemacht.

Tag für Tag schlich er in seiner Freizeit im Strandwalde herum. Er

durchwanderte ihn die Kreuz und die Quer, ja, er ging ganz bis an den

Badeort hinunter und frech durch alle Gärten der jetzt mit geschlossenen

Läden daliegenden Sommervillen. Aber er konnte nichts von dem großen Uhu

entdecken außer einer vereinzelten braunen Feder.

Diese Feder genügte ihm jedoch; nun wußte er, daß der Vogel wirklich

vorhanden war.

Strix saß in einem Fuchsbau tief unter der Erde, da war es ja kein

Wunder, daß der Leuchtturmwärter jedesmal vergebens ging.

Er ruhte jedoch nicht: er blieb seiner Natur und seinem Wahlspruch

getreu: -- niemals etwas aufgeben, ehe du nicht die Beute im Kasten

hast!

Es dämmert eines Abends ...

Die Farben entweichen von der Erde und steigen zum Himmel empor; der

wird im Westen rotglühend und schwefelgelb.

Die Steine am Strande entlang, alle die weißen, alle die grauen, die

roten Taschenkrebsschalen, wie die blauen Muscheln, verschwinden für das

Auge und werden zu einem dicken, wolligen Streif.

Und der Streifen zerbröckelt gleichsam, wird zu Sand, zu schwarzer Erde

-- die Dämmerung nimmt auch ihn.

Nur der kleine Leuchtturm draußen auf der Landzunge bleibt übrig.

Über die See weht ein wahrer Orkan aus Westnordwest ...

Düstre schwarze Wolfen, wild zerfetzt an den Rändern, jagen über den

Horizont. Sie kämpfen mit funkensprühenden Feuerschlangen, die sich um

ihren Rücken geschlungen haben, so daß rings umher in der Luft blutige

Risse klaffen.

Das Meer tost und schäumt ... sein Brausen ist in den Strandwald

gefahren, der siedet und brodelt, er kocht vom äußersten Rande bis ins

innerste Dickicht. In seiner dicht verfilzten Kronenwölbung gehen tiefe,

mächtige Windwellen, die vom Wipfelast bis ganz hinab zur Wurzel

reichen.

Der Sturm treibt selbst mit den innersten Bäumen Kurzweil; er knechtet

sie, die verwachsenen, kaum zwei Mann hohen Baumkrüppel, so daß die

wilden Schüsse des Unterwaldes sich vor Wonne schütteln, wenn sie hören,

wie schwer die großen Baume kämpfen müssen.

Man krümmt den Rücken da oben an Land! Steht demütig da und dienert, wo

es sonst gilt, den besten Platz an der Sonne zu erhaschen; man schmeißt

Äste, Zweige und die letzten lieben Blätter ab -- und ist froh, wenn man

nur damit davon kommt.

Der ganze Waldboden ist bedeckt von abgerissenen Reisern und

Tannennadeln; er sieht aus wie ein Weg, der zu einer Beerdigung mit Grün

bestreut ist. Da ist nicht gespart, nicht gegeizt, Vogelbeeren, Schlehen

und Hagebutten liegen da -- und gleich willig und verschwenderisch

streut der Sturm noch immer drauflos.

Der kleine Leuchtturmwärter ist auf dem Jagdpfade; er schleicht in der

Dunkelheit herum, die Flinte bereit. Ist die Eule am Tage nicht zu

sprechen, wohlan -- dann muß er versuchen, ob er sie nicht des Nachts

treffen kann.

Dichter und dichter drückt sich die Finsternis um ihn, sie guckt hervor

aus Gestrüpp- und Baumstammzwischenräumen, sie faucht ihm ihre schwarzen

Tupfen ins Gesicht und macht seine weiße Hand, die das Flintenrohr

umfaßt, dick und schwarz.

Heulen, Jammern und Seufzen erfüllt den Strandwald. Töne, bald so

herzzerreißend, daß man glauben sollte, ein Mensch sei in Not, und Töne,

bald so überirdisch, als kämen sie vom Himmel, strömen ununterbrochen

seinem aufmerksamen Ohre entgegen.

Aber nicht nach ihnen lauscht er ... die Laute kennt er von seinen

vielen Wachen oben im Leuchtturm. Er wartet auf das Halloh und fragt

sich mit einem Fluch, wo es nur abgeblieben sein kann.

Ha, ha, ha, daran sind die vielen Kirchen schuld! höhnt er im Stillen,

als er wieder eine Viertelstunde vergeblich umhergeschlichen ist ...

nein, die großen Horneulen haben sich an Zahl vermindert, ihrer sind

weniger und weniger geworden -- das ist die Sache! Der Sturm ist wohl

derselbe, der er immer gewesen ist, und auch das Klipp-Klapp der

klappernden Zweigspitzen, aber »die Hunde« scheuchen wohl seltener als

früher Wild auf.

Da streift die wilde Jagd plötzlich an ihm vorüber ...

Und es ist Fahrt im Treiben und Kläffen in der Meute, es dröhnt, es

rasselt, es bellt, faucht und klagt um ihn herum; er muß sich auf seinen

Stock stützen -- er entsinnt sich nicht, den hochseligen König jemals so

wild jagen gehört zu haben!

Strix hat nämlich einen leckern Bissen gefangen; es ist ein Hase, den

sie in den Fängen hält, während sie vorüberfliegt. Sie hat indessen

keine Ruhe, ihn zu verzehren, denn eine Schar kleiner Eulen, die ihr

Glück entdeckt haben, verfolgt sie und mischt ihre hohlen, schnarrenden

Hornlaute in ihr düsteres, durchdringendes Fauchen. Sie neiden ihr den

Fang und lästern laut darüber.

Die Sturmstöße kommen und gehen durch den Wald und zerren und ziehen an

den Wipfeln. Plötzlich und überraschend, mit der Geschwindigkeit eines

Habichts, schlagen sie nieder, wirbeln das Laub auf und schleudern es

dem Leuchtturmwärter ins Gesicht. Er muß den Rockkragen aufklappen und

den Knoten des Halstuches fester binden. Er zittert am ganzen Leibe vor

Eifer und Spannung und starrt sich fast die Augen aus dem Kopf ... wo

schrie es doch?... wo heulte es eben?

Auf den Zehenspitzen schleicht er umher, bewegt sich so lautlos wie sein

lahmer Fuß es gestattet. Er bleibt oft stehen und lauscht mit offenem

Munde, die Handfläche hinterm Ohre ... war das nicht das Fauchen eines

Uhus?... ja, jetzt hat er es ... es kommt aus der Anpflanzung ... da

drinnen zwischen den Fichten, da heult es!

Der Leuchtturmwärter hat Glück: auf einem schmalen Pfad stößt er auf die

sonderbare Versammlung. Er sieht etwas Schwarzes, das sich im Dunkeln

bewegt, legt die Flinte an die Wange und zielt in der Finsternis, so gut

er vermag ... Strix' Leben hängt an einem Faden!

Sie sitzt über ihrem Opfer und klemmt es fest gegen den Erdboden, rollt

Feuer aus den Augen und knappt mit dem Schnabel. Die kleinen, fliegenden

Katzen umschwirren sie wie Elstern.

Der Leuchtturmwärter zittert förmlich, die Beine wollen ihm versagen; er

kann die Flinte nicht ruhig halten, er muß auf die Knie nieder.

Da ertönt endlich der Schuß ...

Aber in der Erregung und in der Dunkelheit schießt der Leuchtturmwärter

zu hoch; zwei behende kleine Eulen fallen wie zwei Bündel Kleider zur

Erde.

Strix macht sich aus dem Staube und nimmt obendrein ihren Hasenbraten

mit.

Aber in dem Augenblick, wo sie, von dem Sausen des Sturmes getragen,

über die Fichtenwipfel dahinsegelt, ruckt es in ihr. Sie ist in den Wind

vom Leuchtturmwärter gekommen, und der beeilt sich und stürmt vorwärts,

um seine Beute zu sichern -- sie aber öffnet die Fänge und gibt

freiwillig ihren leckern Braten preis ... Kladatsch, klingt es,

Kladatsch, Kladatsch, so schnell, daß die Kladatsche fast übereinander

stolpern.

Und dann ist sie im Sturmgebraus verschwunden.

-- -- --

Das ist Tag und Jahr her -- und vergessen; vergessen war das Ganze.

Nicht einmal Erinnerungen an ihre jubelerfüllten Tage waren

zurückgeblieben. Nur der Kampf um die Nahrung und der Kampf um das Leben

haben sie jetzt seit Jahren in Anspruch genommen; sie ist ein einsamer

Vogel und hat sich daran gewöhnt, als sei sie es ihr Leben lang gewesen.

Jetzt plötzlich taucht es alles wieder auf ...

Nicht leibhaftig und in Gestalten geformt, so wie das Menschengehirn es

vermag ... nein, nur in fernen unbestimmten Ahnungen. Ihr Gesicht kann

täuschen und ihr Gesicht kann vergessen, ihr Gehör nie -- und diese,

eines Menschen eigentümliche Art zu gehen, hat sich ihr nun einmal unter

Umständen, wo ihre Nerven bis aufs äußerste angespannt waren,

unauslöschlich eingeprägt.

Ist er es, der lahme Hahn mit dem stinkenden Atem, der ihre Jungen

geraubt und sie in einen Bauer gesetzt hat?...

Sie ahnt es und fühlt dasselbe unwiderstehliche Kribbeln in ihren

Fängen, wie wenn eine plötzliche Lust, etwas Lebendem die Haut

abzuziehen, sie anwandelt. Der Kampfesmut aus alten Zeiten fährt in

sie, der Haß, die Wildheit, die Bosheit flammen auf.

Aus der Fichtenanpflanzung heraus hinkt der ein wenig niedergeschlagene

kleine Leuchtturmwärter, seine beiden kleinen Eulen in der Hand. Seine

erste Eingebung ist, sie wegzuwerfen; aber dann fällt ihm ein, daß er

sie dem »Ausstopfer« in der nächsten Stadt ja anschnacken kann.

Da hat er wieder das wilde Halloh um die Ohren!

Diese neue Möglichkeit erfüllt augenblicklich seine ganzen Gedanken.

Schnell steckt er eine frische Patrone in die Flinte -- und eilt davon,

dem Geräusch nach.

Aber nun läßt Strix erst allen Ernstes ihre Stimme ertönen.

Ein heimliches Schaudern, ein stilles Grauen durchbebt den lahmen Hahn

... ein so teuflisches Heulen, wie er es jetzt hört, meint er noch nie

zuvor vernommen zu haben. --

Huu -- Huu ... bis ins Unendliche ruft die Eule, so wie damals, als sie

den Hasen in den Todestunnel hineinlockte. Der Leuchtturmwärter rennt

dem Laut nach; er glaubt die ganze Zeit, daß er die große Eule im

Dunkeln gerade vor sich hat; aber er rennt und rennt und ist ihr immer

gleich nahe.

Sein Kla-datsch, Kla-datsch von dem lahmen Bein hämmert aufreizend

und anfeuernd in Strix' Ohren; sie hat eine brennende Lust, auf ihn

niederzuschlagen, in seinem Fleisch zu zerren. Aber die Furcht vor den

Menschen ist noch immer zu groß. Sie muß sich damit begnügen, ihn zu

foppen und sich ihrer Überlegenheit in der Finsternis zu freuen ... da

geht er ja unter ihr, taub und blind, und stapft schwerfällig auf seinen

Klumpfüßen -- und sie ändert ihren Platz wieder und wieder und saust von

allen Seiten über ihm, während sie ihm ihr Geheul in die Ohren gellt.

Nur wenn er still steht, schweigt sie, und dann spürt sie das alte,

beklemmende Gefühl im Halse.

Huu -- Huu ... quiwitt, quiwitt! Hin und her durch den Strandwald

geht es, dann über die Abhänge hinaus und auf und ab an den langen

Dünenwänden, unter denen das Meer siedet und schäumt.

Der lahme Hahn ist nahe daran, vor Durst zu vergehen, es schwitzt ihn,

und das Halstuch hat er schon längst in die Tasche gesteckt; er fühlt

sich immer mehr gereizt durch die Fopperei des Vogels und ist doch

gleichzeitig mehr denn je darauf erpicht, ihn zu kriegen. Hier an den

offenen Dünenhängen, wo hinaus er die Eule nun endlich getrieben hat,

scheinen seine Aussichten ihm verbessert ... hier kann sie ihn nicht

so leicht durch ihr Geheul täuschen, hier kann er den großen Vogel

ja sehen, wenn er von Zeit zu Zeit einmal aus dem Schlehengestrüpp

aufschießt, befreit von den Schlagschatten und der Erddunkelheit. Er

_will_ sie haben; er kann es an ihrem Heulen hören, daß es eine alte,

mächtige Eule ist; sie muß viel wert sein, und es gibt ja nicht mehr von

der Art .... Huu -- Huu ... und beständig erschallen vor ihm die

verwirrenden Töne. --

Ein paarmal schon hat er sich an dem Dünenhang hinauf und wieder hinab

gearbeitet und dagesessen und ihr im Schutz eines kleinen dichten,

sturmgepeitschten Dornenstrauches aufgelauert; jetzt hört er sie wieder,

sie ist hoch oben über seinem Kopf, gerade unter dem Rande des Abhanges.

Der Sturm pfeift in den wilden Klettenstengeln und entführt seiner

großen Hakennase Tropfen auf Tropfen, er singt hohl und orgeltönend

in den Flintenrohren und klemmt einen eigenen vorwurfsvollen, gellenden

Ton aus den kleinen Steinen heraus, die in der Tiefe unter seinen Füßen

rasseln.

Auf allen Vieren, das Gewehr fest unter die Achselhöhle geklemmt, kommt

er heraufgeklettert ...

Ganz zufällig flattert Strix im selben Augenblick von einem

Schlehdorngestrüpp auf und schwingt sich über den Abhang hinaus, wodurch

sie sich einen Augenblick vor ihm in der Luft zeigt, gerade als er vor

einem Absatz an der Dünenwand steht. Er richtet sich schnell auf, geht

blindlings drauf los und vergißt, sich in acht zu nehmen; jetzt will er

einen Schnappschuß versuchen, will versuchen, den Satan nach dem Gehör

zu schießen; aber in der Eile tritt er fehl und hält einen großen

Schlagschatten am Ende des Absatzes für festen Boden, er strauchelt,

will mit der Flinte vor sich fassen, die Schüsse gehen ab, der rechte,

als das Rohr gerade über dem Boden ist, der linke, als das Rohr schon in

der Erde ist. Der Lauf zerspringt ihm zwischen den Händen und reißt ihm

die rechte Hand ab, er kann sich nicht festhalten, er gleitet und stürzt

in die Tiefe.

Strix sieht ihn fallen, aber sie versteht seinen Fall nicht!

Sie glaubt, daß er hinter ihr drein ist -- bis sie von einem neuen

Sturmstoß wieder gegen den Abhang geworfen wird und ihn erblickt, wie er

ausgestreckt am Strande liegt, den bleichen Hahnenschnabel steif in die

Luft. Sie umkreist ihn, wirft sich in langen Bogen vor sein Antlitz

nieder und faßt im Vorübersausen nach seinen wehenden Haarsträhnen --

und dabei heult sie und schleudert ihm ihr krächzendes, übermütiges

Hohngelächter ins Gesicht, während der Sturm im Riedgras seufzt und

pfeift.

Endlich setzt sie sich auf einen Vorsprung des Dünenhanges; dort sitzt

sie lange stumm und starrt grübelnd und unverwandt auf ihren toten Feind

hinab. Es ist das erste Mal, daß sie einen Menschen so still sieht ...

der Mensch -- die ewige Unruhe, die sie zeitlebens gestört hat -- nun

liegt er dort tief unter ihr und ist so still geworden.

Da schreit sie häßlich, da heult sie unheimlich ... es schallt im Walde

-- es hallt wieder von den Dünenhängen --:

-- Qui -- witt, quiwitt -- komm mit! komm mit! ... ha, ha, haaa!

-- Es heult in der Nacht.

Seit jener Nacht waren Strix' Tage am Strande gezählt.

Es verlautete gar bald, daß Leuchtturmwärter Hansen auf nächtlicher

Jagd auf einen großen Uhu umgekommen sei. Die Strandzeitung schlug Lärm

und der Bericht ging durch das ganze Land -- und obwohl es keineswegs

stimmte und auch nicht weiter verlockend war, und obwohl es ganz

außerhalb der Jagd- und Badesaison war, benutzte doch ein gewiegter

Hotelpächter die Gelegenheit, mächtige Reklame für sein neues, großes

Badehotel mit dazu gehörigem »Jagdwald« zu machen.

Strix: Die Geschichte eines Uhus · 第 22 / 31 题