Die rund herum segelnden großen Schwärme schweben näher und näher den
emporragenden Wipfeln zu, lösen sich plötzlich auf und kuscheln sich in
die Nadeltiefe ein. Es ist ein Wohlsein, eine namenlose Erquickung, den
Körper unter den warmen Kissen zu bergen. -- -- --
Aber unten, ganz nahe am Stamm, auf dem knorrigsten Ast thront Strix.
Sie sitzt da und heuchelt einen Knorren.
Mit gespannter Aufmerksamkeit hat sie das Abendgekrächze der Aasvögel
verfolgt ... die spielenden Federhörner haben ihre Gemütsstimmung
ausgedrückt. Das unheimliche Dämmerungskonzert ist in ihren Ohren zu der
lebhaftesten Musik geworden; sie hat mit voller Befriedigung vernommen,
wie der Chor wuchs und wuchs, und die Luft von den vielen gespannten
Schwungfedern dröhnte.
Jetzt, wo die Krähen wie die Flocken aus einer Schneewolke, die
zerstiebt, rings um sie her in die Tannen hinabplumpsen, jetzt, wo sie
es endlich in ihrer unmittelbaren Nähe kribbeln hört, wird sie auf ihre
Weise dem Ursprung allen Lebens dankbar.
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Ein stumpfrutiger Marder hat die gleichen Absichten wie Strix.
Er spaziert hoch oben in Kronenhöhe durch den Tannenwald; das
regnerische Wetter begünstigt auch seine Meuchelmördertaktik.
Er ist an einem Stamme draußen am Rande des Waldes aufgebaumt; jetzt
hat er einen Kilometer, oben zwischen den Zweigen balancierend,
zurückgelegt.
Niemand ahnt ihn! Er schiebt sich an einem Zweig entlang, der im Winde
schaukelt. Faßt dann das Ende des Zweiges und wippt in einen neuen
hinüber, an dem er entlang kriecht, bis er im Baum verschwindet. Dann
schiebt er sich auf der entgegengesetzten Seite weiter, lauert von Zeit
zu Zeit und windet lange.
Es geht nicht in geschwinder Fahrt, wie hinter dem Eichhörnchen drein,
aber es eilt ja auch nicht!
Zufällig steuert er geradeswegs auf die knorrige Tanne los, die sich so
ungewöhnlich gut zum Lauern eignet.
Sie ist voll trockner Knorren und dicht nebeneinander sitzen sie, so daß
er keinen Vorteil durch Klettern einbüßt, nein, er kann schleichen ...
ganz bequem, als ginge es eine Treppe hinauf.
Und dann dort, wo der lange Schaft des Stammes allmählich irgendwo
hoch oben unter den Wolken einen Besen bildet, ist die Tanne so
zusammengefilzt, so dicht und nadelig, daß niemand, weder von oben noch
von unten, einen Einblick hinein gewinnen kann. Eine kleine Lichtung in
dem grünen Gewölbe, zu dem sich die Tanne emporreckt, erschließt den
Krähen und Holztauben den nötigen Einflug.
In seine eigenen, tiefsinnigen Gedanken versunken, beginnt der
alltäglich bekümmerte Taa seinen Aufstieg. Sein knurrender Magen hat
unmöglich vergessen können, daß er vor mehr als achtzehn Stunden um
einen kleinen leckern Akrobaten betrogen ist, für den die spähenden
Lichter und der suchende Windfang ihm noch keinen Ersatz in Aussicht
gestellt haben.
Seine Sprünge von einem Zweig zum andern auf dem Spaziergang hierher
sind nur knapp bemessen gewesen; bei _einer_ Gelegenheit ist er sogar
hindurch geplumpst -- bis hinab auf den Erdboden.
Er ist halbwegs müde und schlapp ...
Hin und wieder während des Aufbaumens streifen seine gierigen Lichter
wohl einen großen Knorren oben an der Seite des Stammes; aber solche
Knorren hat ja jeder zweite alte Baum, und die greisenhafte Tanne hier
ist voll davon. Zum Überfluß kommt der Wind gerade von der verkehrten
Seite; es zieht durch die Lichtung von unten herauf, wie durch einen
Schornstein.
Als Taa bei dem Knorren angelangt ist, wird dieser plötzlich lebendig
und fürchterlich zu schauen. Strix öffnet die Seher und zündet gleichsam
Licht an, ein brandroter, phantastischer Schein schiebt sich über den
Marder und hält ihn fest. Sein halb offener, arbeitstöhnender Rachen
schließt sich und in seinen Blick kommt das Verschlagene und Verlegene,
das ein Raubtier nicht zu unterdrücken vermag, wenn es sich einer groben
Unachtsamkeit bewußt wird.
Aber Strix will hier keinen Kampf! Wohl haßt sie diesen schlauen und
frechen Räuber -- und kann sie ihn von hinten überfallen, die Fänge in
seinen Rumpf schlagen und seinen starken Nacken in den Schraubstock
ihrer Schneiden fangen -- dann ist die Gelegenheit da. Aber nach offenem
Kampf, wenn ihr der Hunger nicht in den Fängen kribbelt und sie unbändig
macht, so daß sie gleichsam rufen: greif ihn und kröpf ihn! gelüstet es
sie nicht.
Und Taa seinerseits wird sich schon hüten!
Es ist, als wenn diese beiden mordlustigen, ungefähr ebenbürtigen Gegner
sich des Anlasses dieses Zusammentreffens wohl bewußt sind; kein Laut
dringt aus ihren Kehlen. Der Uhu bläst sich nur auf und sträubt die
Zauberhörner; der Marder schleicht von dannen wie eine begossene Katze.
Der Sturm schaukelt die Tannen, so daß ihre wolligen Zweige in die Höhe
schlagen wie ein Kleid, das der Wind gefaßt hat. Es ist dunkel zwischen
ihnen wie im Grabe.
Die tagmüden Krähen sind längst eingeschlafen. Der Himmel speit Schnee,
und die Schauer treiben Brandung und Sturzseen in den Wald und bringen
die Legionen der Tannennadeln zum Kochen und Sieden.
Wer hoch oben auf einem Zweige sitzt und in die Tiefe hinabsieht, dessen
Gesicht wird noch dunkler, wer aber von unten heraufkommt und in die
Höhe guckt, hat noch eine Chance trotz der Dunkelheit. Er sieht schwarze
Krähenleiber auftauchen, als seien es große Tannenzapfen an den Zweigen.
Ein heiserer Todesschrei schleppt sich plötzlich durch die Nacht!
Strix hat lautlos ihren ersten schlafenden Klaus überrascht. Der Ärmste
erwacht erst, als er in ihren Fängen eingeklemmt sitzt.
Der Schrei weckt jäh die zunächst schlafenden Kameraden. In das
Sturmesgesause mischt sich vereinzeltes Krähengekrächz.
Dann auf einmal flattert es aus allen Tannenwipfeln heraus; gleich
großen, verirrten Finsternisflocken schwingt sich Krähe auf Krähe in die
Luft hinaus.
Heisere Schreie und langgezogene, wehmütige Klagen steigern das Grauen
und das Entsetzen. Sie singen in ihrer Sprache, die schwarzen Aasvögel,
über den Verlust und die Vergänglichkeit des Erdenlebens: hier saßen wir
so schön, nachdem wir es so schwer gehabt hatten, da, da -- --
Strix wütet oben zwischen ihnen. Sie schlägt die Fänge in den Bauch
einer zweiten Krähe und macht sie schnell auf ewig verstummen. Sie packt
eine neue und noch eine -- gar viele schlägt sie nieder in der Schlacht.
Unten aber hüpfte Taa und sammelte eifrig auf ...
Jetzt endlich fand er Ersatz für seinen kleinen Akrobaten!