6. Winterleben im entlegenen Walde

Dahin sind die hellen Tage des Sommers mit goldener Sonne über reifendem

Korn! Die Wälder sind verwelkt, das Laub ist abgefallen -- alle die

bunten Farben des Herbstes liegen bleich und zermürbt um die Wurzeln

der Bäume. Nur das Moos schimmert, und die Beeren an der Eberesche sind

hellwach!

Klare, kühle Morgen mit dünnem Eise und Nachtreif sind dunklem,

regnerischem Tagesgrauen gewichen. Der Novembernebel hat schwer und

drückend über einsamer Heide und steifen Wäldern gelegen und die Säfte

des Lebens zur Ruhe gebracht. Jetzt hat sich der Winter gemeldet, jetzt

ist der Frost gekommen!

Überall liegt Schnee.

In dem fernen Walde ist die Schlucht zwischen den hohen, steilen Hügeln,

wo Strix jetzt wohnt, ein Wirrwarr von Faulbaum und Erle, von Birke und

Geißblatt -- und unter den ineinander gefilzten Zweigen fließen --

schwarz und kalt -- die grundquellreichen Wasser des öden Waldsees.

Hier ist das Märchenland, von dem der Mensch fabelt!

Es schäumt da drinnen. Aus dem blanken, sturmblauen Osthimmel tritt der

weiße Wintermond hervor, rund und klar. Im Westen glüht es. Der Horizont

brennt mit hagebuttenrotem, goldgelb flammendem Schein ...

Strix ist noch nicht aus ihrem Tagschlummer auf dem Grunde ihres

hohlen Baumes erwacht. Aber Taa, der Marder -- ihr alter Erbfeind

und schlimmster Nebenbuhler, der sich wie sie aus dem Hochwald hat

zurückziehen müssen -- ist schon auf Jagd aus.

Ihnen beiden ist es eine Zeitlang kümmerlich ergangen! In den dunklen

Dezembernächten, während strömender, eiskalter Regen mit Sturmesgewalt

über den Wald herabgeschleudert wurde und ihn durchnäßte und schwer

zugänglich machte, hat sich alles Lebende unter Dach gehalten. Da haben

sich die fleisch- und pflanzenfressenden Tiere in Kriegszustand befunden

-- und Strix und der Marder haben bittern Hunger gelitten.

Jetzt, wo der Schnee dicht über Heide und Moor liegt, halten sie sich

schadlos -- und ihre scharfen Augen entdecken jetzt doppelt sicher den

Raub, dessen sie bedürfen.

Zum Überfluß ist der Winter ungewöhnlich mildtätig gegen sie gewesen:

er hat ihnen -- als Neues vom Jahr -- einen großen Zug Eichhörnchen

gebracht. Anfangs gab es fast überall im Walde Eichhörnchen; die

behenden Tierchen haben alle Löcher in den hohlen Bäumen mit Beschlag

belegt, haben die Tannen und die leeren Krähennester ausgefüllt. Strix

pflegt jede Nacht ein halbes Dutzend zu bewältigen. Da aber auch der

Fuchs auf Raub ausgeht, und der Marder ganz einfach die Forderung

stellt, in Eichhörnchen schwelgen zu können fangen die leckern Tiere

schon an, auf die Neige zu gehen.

Der grausame Taa ist noch grausamer geworden! Die Härte des Winters

macht sich auch in ihm geltend, und er muß fortwährend etwas Warmes in

den Leib bekommen. Drinnen im Märchenland, auf einer Lichtung, nicht

weit von dem Baum des großen Uhus, hat er früh am Abend das Glück, ein

Eichhörnchen zu überraschen.

Das Eichhörnchen ist noch spät draußen. Es sitzt in dem Wipfel einer

kleinen, allein stehenden Tanne und pickt an einem samengespickten

Tannenzapfen.

Es ist unvorsichtig von dem Eichhörnchen, seine Abendmahlzeit so spät

einzunehmen und so weit entfernt von dem schirmenden Versteck; daher hat

Taa auch sofort seinen Schlachtplan fertig: auf dem Erdboden wird er dem

kleinen Springer überlegen sein, das weiß er!

Vorsichtig schleicht er sich unter die Tanne -- und Ritsch, Ratsch --

steigt er in die Höhe. Das Eichhörnchen läßt schleunigst die

tannennadelbehafteten Pfoten von den Schuppen des Zapfens und stürzt auf

den nächsten langen federnden Tannenzweig hinaus. Als es das Ende des

Zweiges erreicht hat, benutzt es ihn als Schwungbrett und läßt sich

mitten in die Lichtung hinabschleudern. Mit raschen Sprüngen eilt es

dahin über den Schnee ...

Der Marder setzt dem Flüchtling nach. In wilden Rückenbiegungen und

Streckungen nimmt er in Sprüngen von anderthalb Metern die Lichtung. Er

gleicht einem Flitzbogen, der ununterbrochen bald stramm gezogen, bald

schlaff gemacht wird. Aber Taa ist im Nachteil durch seines behenden

Gegners lange, geschickte Luftsprünge; er kommt seiner Beute nicht nahe,

ehe sie zwischen den Baumstämmen angelangt ist.

Das Eichhörnchen saust in die Höhe -- und Taa ihr nach; und dann geht

es durch eine Baumkrone nach der andern, so daß der Schnee in großen

Klumpen herabfällt. Das Eichhörnchen bedient sich aller Kniffe; es führt

den Marder auf Abwege, auf verfaulte Zweige hinaus, von dem obersten

Wipfelzweig stürzt er sich mutig herab, und ist dann im nächsten

Augenblick wieder oben in der äußersten Spitze eines Baumwipfels.

Die schneebedeckte Erde schimmert grünlich-weiß im Mondlicht ...

unheimlich dunkel klemmt sich der Hochwald zusammen, um die beiden

fliegenden Tiere, und schwarze Dickichte unter ihnen liegen da und

rollen sich gleichsam im Schnee. Der Kronenwölbung Gewirr aus Zweigen

und Ästen zeichnet ein Gewebe, ein Netz gegen den hellgedämpften Himmel,

aus dem die Sterne wie ferne Katzenaugen hervorfunkeln.

Plötzlich hat das Eichhörnchen Unglück. Da, wo es sich hat

herunterplumpsen lassen, hat sich der Schnee in einer großen Schanze

angesammelt; es sinkt auf den Grund und wird in den losen, weichen

Flocken begraben.

Gleich einer roten Rakete, beleuchtet von den flimmernden Mondstrahlen,

streicht der Marder durch die Luft, seiner Beute nach und hakt sich in

sie hinein, ehe sich das Eichhörnchen von dem Schnee zu befreien vermag.

Er schüttelt den kleinen tüchtigen Akrobaten, bis der sein Leben aufgibt

-- und springt dann weiter, mit seinem Leckerbissen im Fange.

In der alten, hohlen Buche ist Strix erwacht und erscheint mit

blinzelnden Lichtern in ihrer Tür.

Sie sitzt da und schielt ... hinauf zu dem Mond und zu den Sternen, und

hinab auf ihre eigenen schweißbefleckten Fänge!

Ihr Blick hat einen harten und strengen Ausdruck bekommen. Die

Einsamkeit quält sie, und sie kann nicht vergessen ... Der Groll und die

Bitterkeit nach den vielen Unglücksfällen ihres Lebens nagt noch immer

an ihrem Innern.

Gelegentlich, wenn es sich so trifft: wenn sie Menschen reden oder

Axthiebe fallen hört oder wenn sie die dumpfen Sprünge ihres alten

Feindes Taa vernimmt, flammt es in ihr auf -- und dann wird sie grausam

und rachedürstig.

Lautlos still, aber bitter kalt ist die Nacht ...

Eine spröde, glitzernde, gleichsam mit Nadeln angefüllte Frostluft

fächelt ihr um den Bart; sie hört die Baumstämme stöhnen unter dem

Joch des Frostes und die rieselnden Wellen des Waldsees gegen das Eis

ankämpfen.

Hell wie am Tage breitet sich der Wald unter ihr aus und legt sich

nackt hin, selbst ganz unter den dicht verzweigten Buchen, wo die

ausgehungerten Mäuse hausen. Ganz deutlich sieht sie jedes Getier, das

sich hervorwagt. Es ist Fangwetter, wenn die Erde ihr Wintergewand

angelegt hat, und der Vollmond hoch am Himmel steht.

Gleich einer Riesenfledermaus wirft sie sich aus ihrem Loch heraus und

verschwindet mit einem Geheul zwischen den Zweigwolken, um auf Raub

auszugehen.

Eine Strecke vor ihr, drinnen im Walde, hüpft Taa mit seinem kleinen

Akrobaten. Er hat schon ein wenig in sich hineingesogen und einzelne

Bissen von dem Braten herausgerissen, aber er hat noch nicht den ganzen

Akrobaten verschlungen. Er, der Marder, weiß sehr wohl, es ist eine

Eigentümlichkeit jedes Bratens, der munden soll, daß man sich damit

erst abseits in die Büsche schlagen und einen Ort finden muß, wo man

verborgen sitzen kann, während man das Mahl verzehrt.

Da, auf dem Wege dorthin fällt er über einen Steig aus tiefen, groben

Spuren, eine warme, frische Fährte steigt ihm in die Nase -- und

plötzlich sieht er vor sich etwas wie einen trocknen Tannenstumpf aus

dem Schnee aufragen. Auf einmal steigt ein großer, brauner Kopf in die

Höhe und ein Paar lange Lauscher schlagen die Schneeschollen weg, als

schlügen sie nach Mücken. Es ist ein Rottier, das warm in seinem weißen

Winterbett sitzt! Taa ist doch ein klein wenig bestürzt, namentlich, als

er nach einigen weiteren Sprüngen dem Kalb des Rottieres von Angesicht

zu Angesicht gegenübersteht ... es ist dicht bereift über den ganzen

Rücken.

Da ertönt plötzlich ein häßliches, wahnsinniges Getute. Es wird von

einem durchdringenden, langgezogenen Geheul eingeleitet, dann folgt ein

heiseres, abschreckendes Lachen, und endlich ein Schrei, der durch Mark

und Bein geht.

Das Rottier fährt zusammen -- und krasselt mit dem Kalbe in wilder

Flucht davon, auf die nächste Dickung zu. Der Marder aber verliert die

Besinnung, statt sich in das Lager des Rottiers zurückzuziehen, sich

mit seinem Raube einzugraben und im Schnee zu verschwinden, weiß er im

Augenblick nichts besseres zu tun, als das Eichhörnchen in den Fang zu

nehmen und dem Wild zu folgen.

Strix jedoch jagt ebensosehr dem Gehör wie dem Gesicht folgend! Jeder

Laut, den sie vernimmt, meldet ihr eine Möglichkeit; lautlos setzt sie

ihm nach, ungeahnt taucht sie auf, das große, gefiederte Gespenst!

Längst haben ihre Ohren das Geräusch des fliehenden Rotwildes

aufgefangen -- sie beschleunigt den Flug der Wollschwingen und richtet

die Marterfänge ... da erblickt sie Taa mit etwas im Fange!

Sie erinnert sich seiner deutlich von jenem Sommermorgen, wo er

eingeklemmt in den zusammengepreßten Fängen ihrer Jungen saß; er war

der Erste, der versuchte, ihr ihre Brut zu rauben -- und auch er hatte

sie angeführt.

Strix verschlingt ihn mit den Augen von dem abgenagten Stummel seiner

Rute bis zu seinen breiten Sohlen; schon glaubt sie, daß die rote

Waldkatze ihr gehört ...

Da spielt der Schattenvogel, den der Mond vor ihr auf den Schnee

zeichnet, Strix einen niederträchtigen Streich -- der Marder wird in der

letzten Sekunde gewarnt! Im Augenblick wo sie niederstoßen will, drückt

er sich plötzlich an den Boden, so daß die Eule über ihn hinfährt und

nur das kleine verendete Eichhörnchen in den Klauen hält.

Wie sich ein Maulwurf in einem Nu in die Erde birgt, gräbt sich Taa bis

auf den Grund in die weißen Kristalle hinein, Strix schlägt um sich,

aber vergebens -- die geschmeidige Marderkatze bringt sich in

Sicherheit.

Da muß Strix sich zufrieden geben; mit ihrem geraubten Fraß fliegt sie

auf einen Zweig hinauf und kröpft ...

Sie verschlingt das Eichhörnchen, kröpft seine Fahne, seine Zähne, seine

Klauen; dergleichen grobkörniger Zusatz befördert die Verdauung so

angenehm!

Aber _ein_ Eichhörnchen ist zu wenig für einen Verbraucher wie Strix.

Sie muß versuchen, sich mehr zu erlauschen, zu erlauern oder zu erjagen

-- und sie streicht, einer großen Flocke gleich, durch die Kellertiefe

des Tannenwaldes und gleitet weiter wie ein Schatten durch den Hochwald.

Sie untersucht die Wipfel -- sollte da nicht eine Taube sitzen? Sie

versenkt sich in die Dickungen --: sollte sich nicht eine Amsel dort

verborgen haben? Die lähmende Angst folgt ihr; daß man sie nicht hört,

sie nicht sieht, ehe sie auftaucht, darin besteht Ihre Zaubermacht.

Schon breiten sich blaßgelbe Nebel im Osten aus. Die graue Dunkelheit

wird zu blauem Himmel, und schwarze Wolkenschichten erhalten

Glorienglanz. Die gelbe Sonne ist auf dem Wege aufwärts, bald wird

sie auf ihrem kurzen Tageszuge rings um den Wald wieder sichtbar werden.

Ein paar rote Dompfaffhähne zwischen einem Gewirr reifgeschmückter

Birkenzweige scheinen Strix grell in die Augen, und jetzt endlich

sieht sie, wonach sie die ganze Nacht gesucht hat --: ein Eichhörnchen

schlüpft vor ihr her, einen Zweig entlang.

Das Eichhörnchen ist morgenfrisch -- und Strix hat Pech mit ihrem ersten

grausamen Schlag; sie schlägt von unten zu, aber sie jagt nur die Fänge

in den Zweig, auf dem das Eichhörnchen saß.

In langen, krummbahnigen Sprüngen, als wäre es eine abgeschossene Kugel,

saust das Eichhörnchen von einem Baumwipfel zum andern.

Mit zusammengefalteten Flügeln schleudert sich Strix hinter ihm her,

sie macht jähe Wendungen rund um die große Krone herum. Sie steigt mit

schnellen, aber lautlosen Flügelschlägen, gleich einem großen, braunen

Fußball, und streift mit blitzschnellen Hieben den glatten Pelz des

Eichhörnchens.

Haare stieben durch die Labyrinthe der Zweigwölbungen ...

Das Eichhörnchen schwebt in größter Gefahr. Trotz ihres schweren

Körpers versteht es Strix meisterhaft, sich zu winden, und sie ist

dem Springgesellen mehrmals so dicht auf den Fersen, daß ihr die

zurückschnellenden Zweige ins Gesicht schlagen.

Aber dieser Akrobat ist nicht von gestern. Es ist ein alter, gewiegter

Bursche, der schon früher im Leben Eulen im Nacken gespürt hat -- er

weiß, wo er hin will, wo Hilfe zu finden ist.

Die Gebirge auf dem Mond werden schwarz ...

Immer mächtiger, immer blendender erscheint die Himmelskuppel im Osten.

Schon schlecken gelbe Flammenstrahlen herauf -- und weit draußen am

Horizont schlägt gleichsam ein großer Pfau sein prachtvoll bläulich

gleißendes Rad. Ein Schimmer vom Tag sickert zwischen den Bäumen

herab ...

Strix ist zu sehr in Anspruch genommen von ihrer Jagd; sie achtet nicht

auf das Licht, das den Wald um sie her lebendig macht.

-- -- --

Auf der Leeseite des Waldes, in einem entlegenen Eschenmoor, sitzen

Krähen und Dohlen auf ihren Schlafbäumen.

Strix hat in der letzten Zeit zu sehr in Eichhörnchen geschwelgt; sie

hat diese leckere Neuigkeit des Jahres der alltäglichen Kost, den

Aasvögeln, vorgezogen. Sonst hätten die Krähen keine so ruhige Nacht

gehabt!

Wie eine Sternschnuppe sinkt das Eichhörnchen nach einem glücklich

ausgeführten Riesensprung quer durch das Krähenvolk hindurch ...

Da stiebt aus den Kronen alter Eschen eine boshafte,

_morgenverdrießliche_ Vogelschar auf. Mit Schreien und Flügelschlagen

umwirbeln sie die Schlafbäume, kreischen wild und brechen in ein

gellendes Gelächter aus.

Über den Waldwipfeln in der Ferne geht gerade die Sonne auf ...

Strix ist mitten zwischen ihnen, ehe sie sich's versieht. Sie erhaschen

einen Schimmer ihrer wolligen dämmerungsfarbenen Flügel, mit denen sie

zwischen den Bäumen aus und ein fliegt -- und nun stürzen sie sich über

sie. Von oben, von unten, von der Seite kommen sie. Die Krähen haben

etwas zu rächen. Der große nächtliche Räuber wirkt auf sie wie ein

Schlag ins Gesicht, versetzt sie in Wut -- sie kennen Strix von mancher

Gewalttat her!

Gleich stechsüchtigen, aus dem Hügel aufgescheuchten Wespen umsummen sie

Strix. In langgestrecktem Bogen, unter spitzen, unbeholfenen Wendungen

stoßen sie auf sie ein. Sie sind mutig, sie sind zahlreich: Hunderte und

aber Hunderte gegen _einen_ Feind. Federn und Daunen stieben wie Laub im

Herbst durch den Wald ...

Strix hat genug zu tun, um sich während der Flucht zu schützen. Mit

Fauchen und Lichterblitzen, mit Flügelknochen und Fängen ist sie bemüht,

sich die zudringlichen Viecher vom Leibe zu halten. Sie wagt nicht, ihre

gewöhnliche Krähentaktik anzuwenden, die sie in ihrem Übermut zuvor

so oft diesen Proletariern der Luft gegenüber benutzt hat. Freiwillig

hat sie sich zuweilen von ihnen finden lassen und ihnen gestattet,

ununterbrochen um sie zu kämpfen. Und dann plötzlich, wenn eines zu

dummdreist geworden war, hat sie die Gelegenheit wahrgenommen und den

Gesellen mit ihren Fängen erhascht.

Da aber sind es nur drei, vier Stück gewesen -- und jetzt sind da

Hunderte und aber Hunderte!

Das leckere kleine Eichhörnchen ist vergessen; das hat sich längst

geborgen und sitzt wohl verwahrt in irgendeinem Schlupfwinkel und

verschnauft. Auch Strix' Gedanken drehen sich jetzt um nichts weiter als

um einen hohlen Baumstamm. Das Gesindel ist hinter ihr drein, der Wald

ist in Aufruhr ...

Da ist das Glück ihr hold.

Wie sie sich in wildester Flucht, verfolgt von dem Krähenschwarm, hinter

einen Stamm wirft, verschwindet sie plötzlich. Ihren Verfolgern will es

scheinen, als sei sie von dem Baum verschlungen. Kopfüber taumelt sie in

einen tiefen Spalt hinab ...

Wo ist sie abgeblieben? schreien die Dohlen, und sie verdichten sich

wie Kohlenrauch um ihr Versteck, machen einen langen Hals und starren.

Ein verwegener Schelm wagt sich ganz dicht heran und guckt in das

Loch hinein, fährt aber mit einem Gekreisch zurück. Hu! war das ein

gräulicher Anblick! Es glüht aus dem faulen Holz heraus, wild und

flammend; der Schelm hat genug gesehen, er ist am Rande einer Schlucht

gewesen, die tief wie ein Abgrund war.

Dann kreischen die aufgeregten Krähen eine Stunde lang, sie schelten

und schimpfen, fahren einander an die Kehle und kratzen und hauen sich

gegenseitig nach den Augen, bis ein armer, räudiger, wintermatter Fuchs

ihrer Wut endlich den nötigen Ablauf schafft.

-- -- --

Als eine Weile alles still gewesen ist, kommt ein großer Kopf behutsam

zum Vorschein. Strix taucht auf und sieht sich lange wütend um.

Da sind Drohungen, da ist Rache in ihrem Blick!

-- -- --

Am folgenden Abend ist kein Brand im Sonnenuntergang: das Licht ist

hinter Schneetüll verborgen. Ein schwerer, grauer Himmel lauert über

der Erde; es schneit hin und wieder -- und die vereisten Birkenkronen

klirren.

In der freien Luft über dem Walde, wo ein beißend kalter Nebel die

höchsten Wipfel verschleiert, sind die Krähen im Begriff, sich zur Nacht

zu versammeln. Schon aus der Ferne hört man sie in kleinen Scharen von

acht bis zwanzig heranziehen ...

Sie versammeln sich heute abend früh -- und wie sie sich in

schwarzpunktigen großen Schwärmen rund herum schwingen um den alten,

dichten Tannenwald, der sie mit seinem Nadeldach und tausenden von

Ruhezweigen anzieht, klagen sie in einem mächtigen Chor ihre Winternot.

Die Krähe gibt in der Regel einem kahlen Schlafast den Vorzug. Sie

will am liebsten in der Esche des Moores oder in der alten Buche des

Hochwaldes sitzen, um leicht aufhaken und abstreichen zu können. Aber

heute abend ist das Wetter ungewöhnlich hart, und der Hunger im Bauch

ist nur halb gestillt.

Kra-ah! Kra-ah! singen die schwarzen Vögel -- und es liegt etwas

bedrückend Unheimliches in ihren Stimmen. Jedesmal, wenn ein neuer

kleiner Schwarm von der Tagesarbeit zurückkehrt und sich den Genossen

anschließt, erhält der Chor gleichsam neue Unheimlichkeitsnahrung und

vermehrt seine Stärke.

Strix: Die Geschichte eines Uhus · 第 12 / 31 题