Dahin sind die hellen Tage des Sommers mit goldener Sonne über reifendem
Korn! Die Wälder sind verwelkt, das Laub ist abgefallen -- alle die
bunten Farben des Herbstes liegen bleich und zermürbt um die Wurzeln
der Bäume. Nur das Moos schimmert, und die Beeren an der Eberesche sind
hellwach!
Klare, kühle Morgen mit dünnem Eise und Nachtreif sind dunklem,
regnerischem Tagesgrauen gewichen. Der Novembernebel hat schwer und
drückend über einsamer Heide und steifen Wäldern gelegen und die Säfte
des Lebens zur Ruhe gebracht. Jetzt hat sich der Winter gemeldet, jetzt
ist der Frost gekommen!
Überall liegt Schnee.
In dem fernen Walde ist die Schlucht zwischen den hohen, steilen Hügeln,
wo Strix jetzt wohnt, ein Wirrwarr von Faulbaum und Erle, von Birke und
Geißblatt -- und unter den ineinander gefilzten Zweigen fließen --
schwarz und kalt -- die grundquellreichen Wasser des öden Waldsees.
Hier ist das Märchenland, von dem der Mensch fabelt!
Es schäumt da drinnen. Aus dem blanken, sturmblauen Osthimmel tritt der
weiße Wintermond hervor, rund und klar. Im Westen glüht es. Der Horizont
brennt mit hagebuttenrotem, goldgelb flammendem Schein ...
Strix ist noch nicht aus ihrem Tagschlummer auf dem Grunde ihres
hohlen Baumes erwacht. Aber Taa, der Marder -- ihr alter Erbfeind
und schlimmster Nebenbuhler, der sich wie sie aus dem Hochwald hat
zurückziehen müssen -- ist schon auf Jagd aus.
Ihnen beiden ist es eine Zeitlang kümmerlich ergangen! In den dunklen
Dezembernächten, während strömender, eiskalter Regen mit Sturmesgewalt
über den Wald herabgeschleudert wurde und ihn durchnäßte und schwer
zugänglich machte, hat sich alles Lebende unter Dach gehalten. Da haben
sich die fleisch- und pflanzenfressenden Tiere in Kriegszustand befunden
-- und Strix und der Marder haben bittern Hunger gelitten.
Jetzt, wo der Schnee dicht über Heide und Moor liegt, halten sie sich
schadlos -- und ihre scharfen Augen entdecken jetzt doppelt sicher den
Raub, dessen sie bedürfen.
Zum Überfluß ist der Winter ungewöhnlich mildtätig gegen sie gewesen:
er hat ihnen -- als Neues vom Jahr -- einen großen Zug Eichhörnchen
gebracht. Anfangs gab es fast überall im Walde Eichhörnchen; die
behenden Tierchen haben alle Löcher in den hohlen Bäumen mit Beschlag
belegt, haben die Tannen und die leeren Krähennester ausgefüllt. Strix
pflegt jede Nacht ein halbes Dutzend zu bewältigen. Da aber auch der
Fuchs auf Raub ausgeht, und der Marder ganz einfach die Forderung
stellt, in Eichhörnchen schwelgen zu können fangen die leckern Tiere
schon an, auf die Neige zu gehen.
Der grausame Taa ist noch grausamer geworden! Die Härte des Winters
macht sich auch in ihm geltend, und er muß fortwährend etwas Warmes in
den Leib bekommen. Drinnen im Märchenland, auf einer Lichtung, nicht
weit von dem Baum des großen Uhus, hat er früh am Abend das Glück, ein
Eichhörnchen zu überraschen.
Das Eichhörnchen ist noch spät draußen. Es sitzt in dem Wipfel einer
kleinen, allein stehenden Tanne und pickt an einem samengespickten
Tannenzapfen.
Es ist unvorsichtig von dem Eichhörnchen, seine Abendmahlzeit so spät
einzunehmen und so weit entfernt von dem schirmenden Versteck; daher hat
Taa auch sofort seinen Schlachtplan fertig: auf dem Erdboden wird er dem
kleinen Springer überlegen sein, das weiß er!
Vorsichtig schleicht er sich unter die Tanne -- und Ritsch, Ratsch --
steigt er in die Höhe. Das Eichhörnchen läßt schleunigst die
tannennadelbehafteten Pfoten von den Schuppen des Zapfens und stürzt auf
den nächsten langen federnden Tannenzweig hinaus. Als es das Ende des
Zweiges erreicht hat, benutzt es ihn als Schwungbrett und läßt sich
mitten in die Lichtung hinabschleudern. Mit raschen Sprüngen eilt es
dahin über den Schnee ...
Der Marder setzt dem Flüchtling nach. In wilden Rückenbiegungen und
Streckungen nimmt er in Sprüngen von anderthalb Metern die Lichtung. Er
gleicht einem Flitzbogen, der ununterbrochen bald stramm gezogen, bald
schlaff gemacht wird. Aber Taa ist im Nachteil durch seines behenden
Gegners lange, geschickte Luftsprünge; er kommt seiner Beute nicht nahe,
ehe sie zwischen den Baumstämmen angelangt ist.
Das Eichhörnchen saust in die Höhe -- und Taa ihr nach; und dann geht
es durch eine Baumkrone nach der andern, so daß der Schnee in großen
Klumpen herabfällt. Das Eichhörnchen bedient sich aller Kniffe; es führt
den Marder auf Abwege, auf verfaulte Zweige hinaus, von dem obersten
Wipfelzweig stürzt er sich mutig herab, und ist dann im nächsten
Augenblick wieder oben in der äußersten Spitze eines Baumwipfels.
Die schneebedeckte Erde schimmert grünlich-weiß im Mondlicht ...
unheimlich dunkel klemmt sich der Hochwald zusammen, um die beiden
fliegenden Tiere, und schwarze Dickichte unter ihnen liegen da und
rollen sich gleichsam im Schnee. Der Kronenwölbung Gewirr aus Zweigen
und Ästen zeichnet ein Gewebe, ein Netz gegen den hellgedämpften Himmel,
aus dem die Sterne wie ferne Katzenaugen hervorfunkeln.
Plötzlich hat das Eichhörnchen Unglück. Da, wo es sich hat
herunterplumpsen lassen, hat sich der Schnee in einer großen Schanze
angesammelt; es sinkt auf den Grund und wird in den losen, weichen
Flocken begraben.
Gleich einer roten Rakete, beleuchtet von den flimmernden Mondstrahlen,
streicht der Marder durch die Luft, seiner Beute nach und hakt sich in
sie hinein, ehe sich das Eichhörnchen von dem Schnee zu befreien vermag.
Er schüttelt den kleinen tüchtigen Akrobaten, bis der sein Leben aufgibt
-- und springt dann weiter, mit seinem Leckerbissen im Fange.
In der alten, hohlen Buche ist Strix erwacht und erscheint mit
blinzelnden Lichtern in ihrer Tür.
Sie sitzt da und schielt ... hinauf zu dem Mond und zu den Sternen, und
hinab auf ihre eigenen schweißbefleckten Fänge!
Ihr Blick hat einen harten und strengen Ausdruck bekommen. Die
Einsamkeit quält sie, und sie kann nicht vergessen ... Der Groll und die
Bitterkeit nach den vielen Unglücksfällen ihres Lebens nagt noch immer
an ihrem Innern.
Gelegentlich, wenn es sich so trifft: wenn sie Menschen reden oder
Axthiebe fallen hört oder wenn sie die dumpfen Sprünge ihres alten
Feindes Taa vernimmt, flammt es in ihr auf -- und dann wird sie grausam
und rachedürstig.
Lautlos still, aber bitter kalt ist die Nacht ...
Eine spröde, glitzernde, gleichsam mit Nadeln angefüllte Frostluft
fächelt ihr um den Bart; sie hört die Baumstämme stöhnen unter dem
Joch des Frostes und die rieselnden Wellen des Waldsees gegen das Eis
ankämpfen.
Hell wie am Tage breitet sich der Wald unter ihr aus und legt sich
nackt hin, selbst ganz unter den dicht verzweigten Buchen, wo die
ausgehungerten Mäuse hausen. Ganz deutlich sieht sie jedes Getier, das
sich hervorwagt. Es ist Fangwetter, wenn die Erde ihr Wintergewand
angelegt hat, und der Vollmond hoch am Himmel steht.
Gleich einer Riesenfledermaus wirft sie sich aus ihrem Loch heraus und
verschwindet mit einem Geheul zwischen den Zweigwolken, um auf Raub
auszugehen.
Eine Strecke vor ihr, drinnen im Walde, hüpft Taa mit seinem kleinen
Akrobaten. Er hat schon ein wenig in sich hineingesogen und einzelne
Bissen von dem Braten herausgerissen, aber er hat noch nicht den ganzen
Akrobaten verschlungen. Er, der Marder, weiß sehr wohl, es ist eine
Eigentümlichkeit jedes Bratens, der munden soll, daß man sich damit
erst abseits in die Büsche schlagen und einen Ort finden muß, wo man
verborgen sitzen kann, während man das Mahl verzehrt.
Da, auf dem Wege dorthin fällt er über einen Steig aus tiefen, groben
Spuren, eine warme, frische Fährte steigt ihm in die Nase -- und
plötzlich sieht er vor sich etwas wie einen trocknen Tannenstumpf aus
dem Schnee aufragen. Auf einmal steigt ein großer, brauner Kopf in die
Höhe und ein Paar lange Lauscher schlagen die Schneeschollen weg, als
schlügen sie nach Mücken. Es ist ein Rottier, das warm in seinem weißen
Winterbett sitzt! Taa ist doch ein klein wenig bestürzt, namentlich, als
er nach einigen weiteren Sprüngen dem Kalb des Rottieres von Angesicht
zu Angesicht gegenübersteht ... es ist dicht bereift über den ganzen
Rücken.
Da ertönt plötzlich ein häßliches, wahnsinniges Getute. Es wird von
einem durchdringenden, langgezogenen Geheul eingeleitet, dann folgt ein
heiseres, abschreckendes Lachen, und endlich ein Schrei, der durch Mark
und Bein geht.
Das Rottier fährt zusammen -- und krasselt mit dem Kalbe in wilder
Flucht davon, auf die nächste Dickung zu. Der Marder aber verliert die
Besinnung, statt sich in das Lager des Rottiers zurückzuziehen, sich
mit seinem Raube einzugraben und im Schnee zu verschwinden, weiß er im
Augenblick nichts besseres zu tun, als das Eichhörnchen in den Fang zu
nehmen und dem Wild zu folgen.
Strix jedoch jagt ebensosehr dem Gehör wie dem Gesicht folgend! Jeder
Laut, den sie vernimmt, meldet ihr eine Möglichkeit; lautlos setzt sie
ihm nach, ungeahnt taucht sie auf, das große, gefiederte Gespenst!
Längst haben ihre Ohren das Geräusch des fliehenden Rotwildes
aufgefangen -- sie beschleunigt den Flug der Wollschwingen und richtet
die Marterfänge ... da erblickt sie Taa mit etwas im Fange!
Sie erinnert sich seiner deutlich von jenem Sommermorgen, wo er
eingeklemmt in den zusammengepreßten Fängen ihrer Jungen saß; er war
der Erste, der versuchte, ihr ihre Brut zu rauben -- und auch er hatte
sie angeführt.
Strix verschlingt ihn mit den Augen von dem abgenagten Stummel seiner
Rute bis zu seinen breiten Sohlen; schon glaubt sie, daß die rote
Waldkatze ihr gehört ...
Da spielt der Schattenvogel, den der Mond vor ihr auf den Schnee
zeichnet, Strix einen niederträchtigen Streich -- der Marder wird in der
letzten Sekunde gewarnt! Im Augenblick wo sie niederstoßen will, drückt
er sich plötzlich an den Boden, so daß die Eule über ihn hinfährt und
nur das kleine verendete Eichhörnchen in den Klauen hält.
Wie sich ein Maulwurf in einem Nu in die Erde birgt, gräbt sich Taa bis
auf den Grund in die weißen Kristalle hinein, Strix schlägt um sich,
aber vergebens -- die geschmeidige Marderkatze bringt sich in
Sicherheit.
Da muß Strix sich zufrieden geben; mit ihrem geraubten Fraß fliegt sie
auf einen Zweig hinauf und kröpft ...
Sie verschlingt das Eichhörnchen, kröpft seine Fahne, seine Zähne, seine
Klauen; dergleichen grobkörniger Zusatz befördert die Verdauung so
angenehm!
Aber _ein_ Eichhörnchen ist zu wenig für einen Verbraucher wie Strix.
Sie muß versuchen, sich mehr zu erlauschen, zu erlauern oder zu erjagen
-- und sie streicht, einer großen Flocke gleich, durch die Kellertiefe
des Tannenwaldes und gleitet weiter wie ein Schatten durch den Hochwald.
Sie untersucht die Wipfel -- sollte da nicht eine Taube sitzen? Sie
versenkt sich in die Dickungen --: sollte sich nicht eine Amsel dort
verborgen haben? Die lähmende Angst folgt ihr; daß man sie nicht hört,
sie nicht sieht, ehe sie auftaucht, darin besteht Ihre Zaubermacht.
Schon breiten sich blaßgelbe Nebel im Osten aus. Die graue Dunkelheit
wird zu blauem Himmel, und schwarze Wolkenschichten erhalten
Glorienglanz. Die gelbe Sonne ist auf dem Wege aufwärts, bald wird
sie auf ihrem kurzen Tageszuge rings um den Wald wieder sichtbar werden.
Ein paar rote Dompfaffhähne zwischen einem Gewirr reifgeschmückter
Birkenzweige scheinen Strix grell in die Augen, und jetzt endlich
sieht sie, wonach sie die ganze Nacht gesucht hat --: ein Eichhörnchen
schlüpft vor ihr her, einen Zweig entlang.
Das Eichhörnchen ist morgenfrisch -- und Strix hat Pech mit ihrem ersten
grausamen Schlag; sie schlägt von unten zu, aber sie jagt nur die Fänge
in den Zweig, auf dem das Eichhörnchen saß.
In langen, krummbahnigen Sprüngen, als wäre es eine abgeschossene Kugel,
saust das Eichhörnchen von einem Baumwipfel zum andern.
Mit zusammengefalteten Flügeln schleudert sich Strix hinter ihm her,
sie macht jähe Wendungen rund um die große Krone herum. Sie steigt mit
schnellen, aber lautlosen Flügelschlägen, gleich einem großen, braunen
Fußball, und streift mit blitzschnellen Hieben den glatten Pelz des
Eichhörnchens.
Haare stieben durch die Labyrinthe der Zweigwölbungen ...
Das Eichhörnchen schwebt in größter Gefahr. Trotz ihres schweren
Körpers versteht es Strix meisterhaft, sich zu winden, und sie ist
dem Springgesellen mehrmals so dicht auf den Fersen, daß ihr die
zurückschnellenden Zweige ins Gesicht schlagen.
Aber dieser Akrobat ist nicht von gestern. Es ist ein alter, gewiegter
Bursche, der schon früher im Leben Eulen im Nacken gespürt hat -- er
weiß, wo er hin will, wo Hilfe zu finden ist.
Die Gebirge auf dem Mond werden schwarz ...
Immer mächtiger, immer blendender erscheint die Himmelskuppel im Osten.
Schon schlecken gelbe Flammenstrahlen herauf -- und weit draußen am
Horizont schlägt gleichsam ein großer Pfau sein prachtvoll bläulich
gleißendes Rad. Ein Schimmer vom Tag sickert zwischen den Bäumen
herab ...
Strix ist zu sehr in Anspruch genommen von ihrer Jagd; sie achtet nicht
auf das Licht, das den Wald um sie her lebendig macht.
-- -- --
Auf der Leeseite des Waldes, in einem entlegenen Eschenmoor, sitzen
Krähen und Dohlen auf ihren Schlafbäumen.
Strix hat in der letzten Zeit zu sehr in Eichhörnchen geschwelgt; sie
hat diese leckere Neuigkeit des Jahres der alltäglichen Kost, den
Aasvögeln, vorgezogen. Sonst hätten die Krähen keine so ruhige Nacht
gehabt!
Wie eine Sternschnuppe sinkt das Eichhörnchen nach einem glücklich
ausgeführten Riesensprung quer durch das Krähenvolk hindurch ...
Da stiebt aus den Kronen alter Eschen eine boshafte,
_morgenverdrießliche_ Vogelschar auf. Mit Schreien und Flügelschlagen
umwirbeln sie die Schlafbäume, kreischen wild und brechen in ein
gellendes Gelächter aus.
Über den Waldwipfeln in der Ferne geht gerade die Sonne auf ...
Strix ist mitten zwischen ihnen, ehe sie sich's versieht. Sie erhaschen
einen Schimmer ihrer wolligen dämmerungsfarbenen Flügel, mit denen sie
zwischen den Bäumen aus und ein fliegt -- und nun stürzen sie sich über
sie. Von oben, von unten, von der Seite kommen sie. Die Krähen haben
etwas zu rächen. Der große nächtliche Räuber wirkt auf sie wie ein
Schlag ins Gesicht, versetzt sie in Wut -- sie kennen Strix von mancher
Gewalttat her!
Gleich stechsüchtigen, aus dem Hügel aufgescheuchten Wespen umsummen sie
Strix. In langgestrecktem Bogen, unter spitzen, unbeholfenen Wendungen
stoßen sie auf sie ein. Sie sind mutig, sie sind zahlreich: Hunderte und
aber Hunderte gegen _einen_ Feind. Federn und Daunen stieben wie Laub im
Herbst durch den Wald ...
Strix hat genug zu tun, um sich während der Flucht zu schützen. Mit
Fauchen und Lichterblitzen, mit Flügelknochen und Fängen ist sie bemüht,
sich die zudringlichen Viecher vom Leibe zu halten. Sie wagt nicht, ihre
gewöhnliche Krähentaktik anzuwenden, die sie in ihrem Übermut zuvor
so oft diesen Proletariern der Luft gegenüber benutzt hat. Freiwillig
hat sie sich zuweilen von ihnen finden lassen und ihnen gestattet,
ununterbrochen um sie zu kämpfen. Und dann plötzlich, wenn eines zu
dummdreist geworden war, hat sie die Gelegenheit wahrgenommen und den
Gesellen mit ihren Fängen erhascht.
Da aber sind es nur drei, vier Stück gewesen -- und jetzt sind da
Hunderte und aber Hunderte!
Das leckere kleine Eichhörnchen ist vergessen; das hat sich längst
geborgen und sitzt wohl verwahrt in irgendeinem Schlupfwinkel und
verschnauft. Auch Strix' Gedanken drehen sich jetzt um nichts weiter als
um einen hohlen Baumstamm. Das Gesindel ist hinter ihr drein, der Wald
ist in Aufruhr ...
Da ist das Glück ihr hold.
Wie sie sich in wildester Flucht, verfolgt von dem Krähenschwarm, hinter
einen Stamm wirft, verschwindet sie plötzlich. Ihren Verfolgern will es
scheinen, als sei sie von dem Baum verschlungen. Kopfüber taumelt sie in
einen tiefen Spalt hinab ...
Wo ist sie abgeblieben? schreien die Dohlen, und sie verdichten sich
wie Kohlenrauch um ihr Versteck, machen einen langen Hals und starren.
Ein verwegener Schelm wagt sich ganz dicht heran und guckt in das
Loch hinein, fährt aber mit einem Gekreisch zurück. Hu! war das ein
gräulicher Anblick! Es glüht aus dem faulen Holz heraus, wild und
flammend; der Schelm hat genug gesehen, er ist am Rande einer Schlucht
gewesen, die tief wie ein Abgrund war.
Dann kreischen die aufgeregten Krähen eine Stunde lang, sie schelten
und schimpfen, fahren einander an die Kehle und kratzen und hauen sich
gegenseitig nach den Augen, bis ein armer, räudiger, wintermatter Fuchs
ihrer Wut endlich den nötigen Ablauf schafft.
-- -- --
Als eine Weile alles still gewesen ist, kommt ein großer Kopf behutsam
zum Vorschein. Strix taucht auf und sieht sich lange wütend um.
Da sind Drohungen, da ist Rache in ihrem Blick!
-- -- --
Am folgenden Abend ist kein Brand im Sonnenuntergang: das Licht ist
hinter Schneetüll verborgen. Ein schwerer, grauer Himmel lauert über
der Erde; es schneit hin und wieder -- und die vereisten Birkenkronen
klirren.
In der freien Luft über dem Walde, wo ein beißend kalter Nebel die
höchsten Wipfel verschleiert, sind die Krähen im Begriff, sich zur Nacht
zu versammeln. Schon aus der Ferne hört man sie in kleinen Scharen von
acht bis zwanzig heranziehen ...
Sie versammeln sich heute abend früh -- und wie sie sich in
schwarzpunktigen großen Schwärmen rund herum schwingen um den alten,
dichten Tannenwald, der sie mit seinem Nadeldach und tausenden von
Ruhezweigen anzieht, klagen sie in einem mächtigen Chor ihre Winternot.
Die Krähe gibt in der Regel einem kahlen Schlafast den Vorzug. Sie
will am liebsten in der Esche des Moores oder in der alten Buche des
Hochwaldes sitzen, um leicht aufhaken und abstreichen zu können. Aber
heute abend ist das Wetter ungewöhnlich hart, und der Hunger im Bauch
ist nur halb gestillt.
Kra-ah! Kra-ah! singen die schwarzen Vögel -- und es liegt etwas
bedrückend Unheimliches in ihren Stimmen. Jedesmal, wenn ein neuer
kleiner Schwarm von der Tagesarbeit zurückkehrt und sich den Genossen
anschließt, erhält der Chor gleichsam neue Unheimlichkeitsnahrung und
vermehrt seine Stärke.