Es war noch wild und urzeitartig in dem großen entlegenen Walde.
Er war ja freilich ein königlicher Staatswald. Es gab einen Forstmeister
und es gab Förster, Hegereier und Waldhüter, und jeden Winter in der
Zeit des Fällens dingte man drauf los unter den Leuten in der Umgegend,
um zu roden; aber noch war man nicht so weit gelangt, den Wald auf
fachgemäße Weise zu durchforsten. Darum gab es Teile, die noch nie unter
dem Gesetz des Reißeisens und der Axt gestanden hatten, in die seit
einem Menschenalter kein Mensch außer dem Wilddieb und dem Treiberjungen
oder dem leidenschaftlichen Eiersammler seinen Fuß gesetzt hatte. Es war
hier nicht wie im Kulturstaat, wo es kaum einen Quadratfuß Boden gibt,
der nicht alle zehn Jahre mindestens einmal die Stiefelsohlen des
Holzwärters spürt. Nein, Gräben und Entwässerungsröhren waren hier
unbekannt, große Moore und Lichtungen lagen mit Gestrüpp bewachsen da,
zahllose kleine Seen mit Röhricht und Weidenbüschen gab es, und im
Winter war fast jede Niederung überschwemmt.
Es war ein stark kupierter Wald, durchschnitten von langen, sonderbar
gewundenen Schluchten, die bei der Frühjahrsschmelze das Wasser der
Hügel den stillen Waldseen zuführen halfen.
Arbeitete man sich die Hügel hinauf, so erreichte man Höhenpunkte mit
weiter und ferner Aussicht; man sah den Wald von oben, sah Kronen und
Wipfel im Schein der Luft: das grüne Gewölbe im Mai, das gelbe und rote
im Oktober lag wie ein unermeßliches Blättermeer unter Einem und
glitzerte in Wellen und Kräuselungen.
Durch den Boden der Klüfte wanden sich Bäche in tiefe Betten. Im
Sommer waren sie trocken, nur welke Blätter und umgestürzte Baumstämme
häuften sich darin auf. Aber zur Frühlingszeit gruben die Ströme der
Schneeschmelze die Betten auf, gruben sie tiefer und tiefer;
stellenweise konnte man in sie hineinsehen, als sähe man in einen
Abgrund -- so steil waren die Abhänge, daß das Herbstlaub, wenn es fiel,
in Sprüngen an ihnen hinabhüpfte wie Kröten.
In diesem Walde, der so weicherdig und so laubgesättigt war, daß der
Mensch seine eigenen Fußtritte nicht hören konnte, wo ihm, dem hohen
Wesen auf Zehen, zumute war, als _schwebe_ er, und wo er deswegen oft
schauderte über das ungewöhnlich Geisterhafte, das plötzlich über seinen
sonst so schwerfälligen Fuß und Rücken gekommen war, in diesem Wald
versteckt sich Dänemarks letzte große Eule.
Sie hatte hier ungefähr zehn Jahre gelebt und war dieselben Luftwege --
aus und ein -- zwischen dem Zweiggewölbe geflogen, sie hatte dieselben
Fangzweige, dieselben Lauerstellen benutzt und versucht, ihre Beute zu
überholen, wo die Verhältnisse und ihre Erfahrung sie gelehrt hatten,
daß sie überholt werden konnte. Alles war von einem Tage zum andern
gegangen, wie es zu gehen pflegte -- im Sommer Überfluß: Birkhähne,
Hasen und spätgesetzte Rehkitzchen; im Winter Schmalhans: Eichhörnchen
und Krähen, und Zank und Streit mit Fuchs und Marder.
Sie hatte sich nun an ihre Einsamkeit, an ihr großes Entbehren gewöhnt.
Nur um die Frühlingszeit bei Regenschauern, und auch sonst wenn
schlechtes und unruhiges Wetter im Anzuge war, tauchten die alten
Erinnerungen in ihrem Innern auf.
Wohl entsann sie sich keiner Einzelheiten ... nur unbestimmte Ahnungen
von geraubtem Glück durch den Verlust von Männchen und Jungen konnten
sie zu diesen Zeiten andauernd grimmig und böse stimmen.
Aber es ging nur über Marder und Fuchs, über Krähe und Habicht her, nur
diese, ihre verhältnismäßig unschuldigen Feinde, bekamen ihre Fänge zu
fühlen, die verfolgte sie noch immer aus tiefstem Herzensgrunde. Der
Mensch dahingegen war für Strix nicht mehr das große, lächerliche Tier;
er war der Herr, dem man gehorchen mußte, in dessen Launen man sich
finden mußte, und nach dessen Treiben Strix sich notgedrungen richten
mußte. Ihr Drauflosgehen den Menschen gegenüber hatte längst einen
Knacks erlitten; sie scheute sie jetzt mehr, als sie es je zuvor getan
hatte.
Und dann eines Tages verlautete es ... es ging auf Fledermausflügeln
durch den Wald, unhörbar für andre, als für die, so es verstanden: sie
hauen, sie fällen ...
Wer?
»Die Zweibeine«, »die Gesichter«, »die großen Zerstörer« oder welche
Namen man nun für die Friedensstörer hatte. Hört! Sie roden, sie hauen,
die Bäume fallen um, Versteck wird zu Luft und Schutz zu Nässe. -- -- --
Es war ein neuer Forstmeister in die Wälder des großen Fördenkreises
gekommen, ein eifriger Kerl; er hatte fast sein ganzes Leben in der
Kanzlei gesessen und Entwürfe gemacht, daher hatte er ein fürchterliches
Bedürfnis, sich zu rühren: zu hauen! Er sah den Wald durch die
Zauberbrille der Kultur: die Bäume sollten da und da wachsen und so und
so stehen ...
Sein Vorgänger war ein altes, amtsmüdes Individuum gewesen, mit
Sehnsucht nach Natur im Leibe. Er hatte, wo er nur konnte, gern hier und
da in seinen Anpflanzungen einen selbstgesäten Kümmerling stehen lassen,
und er hatte auch Hirsch und Rehbock geschont und das Ohr dem Pfiff des
großen, flüggen Habichtjungen verschlossen.
Jetzt sollte dieser Schlendrian ein Ende haben! Es sollte geschossen
werden, _geschossen_, und es sollte gefällt werden, _gefällt_ ... ein
ganzes Menschenalter sei ja dort im Walde kein Ast angerührt, behauptete
der neue »Meister«.
Die Holzwärter waren gewohnt gewesen, glimpflich vorzugehen; sie
hatten viel zu Hause zu tun. In Zukunft sollte die Pfeife einen andern
Ton haben; sie sollten im Walde sein und sonst nirgends. Der neue
Forstmeister stürmte dahin wie ein Unwetter. Alles was mürbe und
überlebt war, mußte sich beugen -- und mit den Tagen, die gingen, und
dem Winter, der vorschritt, ward es lichter und offener im Walde.
Strix hörte die Äxte schlagen und die Sägen schneiden, und spät am
Abend, wenn sie ausflog, sah sie neue Haufen gefällter Bäume und
geschlagenen Holzes; es lag in langen Streifen hinter den Menschen so
wie die verdauten Erdknollen hinter einem Regenwurm.