7. Der neue Wald rückt vor

Es war noch wild und urzeitartig in dem großen entlegenen Walde.

Er war ja freilich ein königlicher Staatswald. Es gab einen Forstmeister

und es gab Förster, Hegereier und Waldhüter, und jeden Winter in der

Zeit des Fällens dingte man drauf los unter den Leuten in der Umgegend,

um zu roden; aber noch war man nicht so weit gelangt, den Wald auf

fachgemäße Weise zu durchforsten. Darum gab es Teile, die noch nie unter

dem Gesetz des Reißeisens und der Axt gestanden hatten, in die seit

einem Menschenalter kein Mensch außer dem Wilddieb und dem Treiberjungen

oder dem leidenschaftlichen Eiersammler seinen Fuß gesetzt hatte. Es war

hier nicht wie im Kulturstaat, wo es kaum einen Quadratfuß Boden gibt,

der nicht alle zehn Jahre mindestens einmal die Stiefelsohlen des

Holzwärters spürt. Nein, Gräben und Entwässerungsröhren waren hier

unbekannt, große Moore und Lichtungen lagen mit Gestrüpp bewachsen da,

zahllose kleine Seen mit Röhricht und Weidenbüschen gab es, und im

Winter war fast jede Niederung überschwemmt.

Es war ein stark kupierter Wald, durchschnitten von langen, sonderbar

gewundenen Schluchten, die bei der Frühjahrsschmelze das Wasser der

Hügel den stillen Waldseen zuführen halfen.

Arbeitete man sich die Hügel hinauf, so erreichte man Höhenpunkte mit

weiter und ferner Aussicht; man sah den Wald von oben, sah Kronen und

Wipfel im Schein der Luft: das grüne Gewölbe im Mai, das gelbe und rote

im Oktober lag wie ein unermeßliches Blättermeer unter Einem und

glitzerte in Wellen und Kräuselungen.

Durch den Boden der Klüfte wanden sich Bäche in tiefe Betten. Im

Sommer waren sie trocken, nur welke Blätter und umgestürzte Baumstämme

häuften sich darin auf. Aber zur Frühlingszeit gruben die Ströme der

Schneeschmelze die Betten auf, gruben sie tiefer und tiefer;

stellenweise konnte man in sie hineinsehen, als sähe man in einen

Abgrund -- so steil waren die Abhänge, daß das Herbstlaub, wenn es fiel,

in Sprüngen an ihnen hinabhüpfte wie Kröten.

In diesem Walde, der so weicherdig und so laubgesättigt war, daß der

Mensch seine eigenen Fußtritte nicht hören konnte, wo ihm, dem hohen

Wesen auf Zehen, zumute war, als _schwebe_ er, und wo er deswegen oft

schauderte über das ungewöhnlich Geisterhafte, das plötzlich über seinen

sonst so schwerfälligen Fuß und Rücken gekommen war, in diesem Wald

versteckt sich Dänemarks letzte große Eule.

Sie hatte hier ungefähr zehn Jahre gelebt und war dieselben Luftwege --

aus und ein -- zwischen dem Zweiggewölbe geflogen, sie hatte dieselben

Fangzweige, dieselben Lauerstellen benutzt und versucht, ihre Beute zu

überholen, wo die Verhältnisse und ihre Erfahrung sie gelehrt hatten,

daß sie überholt werden konnte. Alles war von einem Tage zum andern

gegangen, wie es zu gehen pflegte -- im Sommer Überfluß: Birkhähne,

Hasen und spätgesetzte Rehkitzchen; im Winter Schmalhans: Eichhörnchen

und Krähen, und Zank und Streit mit Fuchs und Marder.

Sie hatte sich nun an ihre Einsamkeit, an ihr großes Entbehren gewöhnt.

Nur um die Frühlingszeit bei Regenschauern, und auch sonst wenn

schlechtes und unruhiges Wetter im Anzuge war, tauchten die alten

Erinnerungen in ihrem Innern auf.

Wohl entsann sie sich keiner Einzelheiten ... nur unbestimmte Ahnungen

von geraubtem Glück durch den Verlust von Männchen und Jungen konnten

sie zu diesen Zeiten andauernd grimmig und böse stimmen.

Aber es ging nur über Marder und Fuchs, über Krähe und Habicht her, nur

diese, ihre verhältnismäßig unschuldigen Feinde, bekamen ihre Fänge zu

fühlen, die verfolgte sie noch immer aus tiefstem Herzensgrunde. Der

Mensch dahingegen war für Strix nicht mehr das große, lächerliche Tier;

er war der Herr, dem man gehorchen mußte, in dessen Launen man sich

finden mußte, und nach dessen Treiben Strix sich notgedrungen richten

mußte. Ihr Drauflosgehen den Menschen gegenüber hatte längst einen

Knacks erlitten; sie scheute sie jetzt mehr, als sie es je zuvor getan

hatte.

Und dann eines Tages verlautete es ... es ging auf Fledermausflügeln

durch den Wald, unhörbar für andre, als für die, so es verstanden: sie

hauen, sie fällen ...

Wer?

»Die Zweibeine«, »die Gesichter«, »die großen Zerstörer« oder welche

Namen man nun für die Friedensstörer hatte. Hört! Sie roden, sie hauen,

die Bäume fallen um, Versteck wird zu Luft und Schutz zu Nässe. -- -- --

Es war ein neuer Forstmeister in die Wälder des großen Fördenkreises

gekommen, ein eifriger Kerl; er hatte fast sein ganzes Leben in der

Kanzlei gesessen und Entwürfe gemacht, daher hatte er ein fürchterliches

Bedürfnis, sich zu rühren: zu hauen! Er sah den Wald durch die

Zauberbrille der Kultur: die Bäume sollten da und da wachsen und so und

so stehen ...

Sein Vorgänger war ein altes, amtsmüdes Individuum gewesen, mit

Sehnsucht nach Natur im Leibe. Er hatte, wo er nur konnte, gern hier und

da in seinen Anpflanzungen einen selbstgesäten Kümmerling stehen lassen,

und er hatte auch Hirsch und Rehbock geschont und das Ohr dem Pfiff des

großen, flüggen Habichtjungen verschlossen.

Jetzt sollte dieser Schlendrian ein Ende haben! Es sollte geschossen

werden, _geschossen_, und es sollte gefällt werden, _gefällt_ ... ein

ganzes Menschenalter sei ja dort im Walde kein Ast angerührt, behauptete

der neue »Meister«.

Die Holzwärter waren gewohnt gewesen, glimpflich vorzugehen; sie

hatten viel zu Hause zu tun. In Zukunft sollte die Pfeife einen andern

Ton haben; sie sollten im Walde sein und sonst nirgends. Der neue

Forstmeister stürmte dahin wie ein Unwetter. Alles was mürbe und

überlebt war, mußte sich beugen -- und mit den Tagen, die gingen, und

dem Winter, der vorschritt, ward es lichter und offener im Walde.

Strix hörte die Äxte schlagen und die Sägen schneiden, und spät am

Abend, wenn sie ausflog, sah sie neue Haufen gefällter Bäume und

geschlagenen Holzes; es lag in langen Streifen hinter den Menschen so

wie die verdauten Erdknollen hinter einem Regenwurm.

Strix: Die Geschichte eines Uhus · 第 14 / 31 题