Es ist wieder Frühling in den großen Wäldern an der Förde.
Die blankschwarzen Wasserflächen der Waldseen liegen mit Vögeln übersät
da ...
Auf den kleinen Tümpeln schießen die Bläßhühner hitzig und paarungstoll
aus dem schimmernden Versteck des Röhrichtsaumes heraus; sie gleichen
Maulwurfshaufen, die auf dem Wasser schwimmen. Auf den großen führen die
Schwäne Krieg, blendend weiß und mit Federgebrause um den gekrümmten
Hals. Und in den kleinen Löchern, wo es friedlich und warm ist, liegen
stumme, gepaarte Enten.
Hin und wieder breitet ein Schwanenpaar die Flügel aus und flattert von
einem Gewässer zum andern, da stiebt dann das kleine Getier verwirrt
nach allen Seiten auseinander ...
An den Ufern entlang schleichen Marder und Wiesel; der Fuchs aber liegt
im Schilf und lauert auf die Wildgänse, die an Land gegangen sind, um
zu grasen. Mitten in dem Idyll kann man eine Häsin auf einem Wechsel in
voller Flucht sehen, drei, vier zerzauste Rammler hinter ihr her. Da
macht Reinecke ein paar Sprünge, besinnt sich dann aber ... nein, er mag
nicht rennen!
Es gibt jetzt Äsung genug! Die Paarungskämpfe zwischen den großen Tieren
und den Vögeln machen viele Invaliden!
Durch die Baumkronen zieht das kreischende Gelichter der Häher. Scharen
von fünf bis zehn unbeweibten Männchen verfolgen mit Geschrei und
Gekrächze ein glückliches Paar oder machen einem alten ledigen Weibchen
stürmisch den Hof. Überall, wohin sie kommen, schweigen die Drosseln,
und der Rabe stimmt den Frühlingsruf an, um sein Weibchen zu warnen,
das schon Eier gelegt hat; aber der Häher, der in seinem abgestorbenen
Baumwipfel sitzt und lauert, streicht augenblicklich von dem Zweig ab
und fliegt in der Richtung der nächsten lärmenden Schar.
Aus dem Gestrüpp schießen die Amseln, den Stoß in die Höhe, über die
Lichtungen hin -- und wo viele alte Bäume stehen, schallt das Konzert
der Stare und Dohlen ohrenbetäubend.
Strix stimmt in den Frühlingsjubel ein.
Sie heult und heult ... nicht klagend, wie nach den Jungen, sondern
hohl, tief und klangvoll.
Nacht für Nacht, vom späten Abend bis zum frühen Morgen ruft sie
nach ihrem alten einfängigen Männchen; sie sucht alle ihre früheren
Horstplätze ab und zieht weit über das Land hinaus, jenseits der
Menschennester; aber nirgends sieht oder hört sie das geringste von
Uf, so wenig wie von einer andern Eule ihrer Art.
Sie fühlt sich immer einsamer und verlassener.
In den milden, feuchten Nächten geht Zug auf Zug von starken, feurigen
Lenzvögeln über ihren Kopf hin, und tausende und abertausende von
fröhlichen Vogelstimmen schallen aus der Luft zu ihr herab.
Sie grüßt die Reisenden mit ihrem tieftönenden Ho--oo, sie schießt aus
den Baumwipfeln zwischen sie hinauf und sieht sie, schreckerfüllt über
ihr Erscheinen, nach allen Seiten auseinanderstieben -- und sie zieht
eine lange Strecke mit ihnen, bis sie, deren Flügel dem pfeilschnellen
Flug nicht gewachsen sind, zurückbleibt wie ein Hund, der einem
dahineilenden Zuge zu folgen sucht.
Und je weiter der Frühling fortschreitet, um so tiefer krallt sich
der herannahende Schluß der Paarungszeit mit all seiner Wildheit und
Unbändigkeit in ihr Inneres hinein. Sie wird immer empfindlicher und
reizbarer. Ihr feines Gehör, das es ihr ermöglicht, in großem Umkreise
an der Welt teilzunehmen, ist um diese Zeit immer aufnahmebereit;
Krähengekrächz und Hähergelächter, Hundegebell und Lärm der
arbeitstollen Menschen regt sie ununterbrochen auf und macht sie
grimmig und streitlustig.
Diese Laute erwecken in ihr fortwährend Erinnerungen an die große
Heerschar ihrer Feinde!
Ein alter Fluch ruht auf ihr und ihrer Sippe, und der ganze Wald
gerät in Aufruhr, wenn man sie am Tage erblickt. Die Eigenart und
Überlegenheit ihres Stammes in der Nacht ist schuld daran; alle Vögel
und Tiere, die schlafen, solange die Finsternis brütet, müssen sie
notgedrungen fürchten und sie deswegen hassen. Sie ist der Vogel der
Nacht, sie ist ihr verkörpertes Grauen, ihre Mystik ... wie die
Finsternis selbst kommt sie lautlos und überraschend, und wie das Wetter
der Nacht kann sie plötzlich ein teuflisches, schreckeneinjagendes
Geheul anstimmen. Die andern werden bange vor der Nacht und verkriechen
sich; sie fliegt in ihre Arme und tummelt sich darin, sie ist das
eigene, hoch betraute Kind der Nacht.
Sie wohnt beständig in den Hochwäldern, aber draußen in einer Einöde,
in einem tiefliegenden dumpfen Winkel. Hier hat sie ihren Luftwechsel,
ihre Tunnel und geheimen Gänge durch Kronengewölbe und Laubgehänge.
Da hindurch kann sie aus dem überwucherten Baum, in dem sie wohnt,
ungehindert abstreichen und zu der freien Fahrt über Lichtungen und
Unterwald hin gelangen.
Aber einmal, als sie in der Dämmerung ihren Lieblingspfad -- einen
langen und schmalen Gang durch rotknospigen Weißdorn und kätzchengelbe
Haselbüsche -- entlangstreicht, findet sie ihren Luftweg zerstört. Das
schützende Versteck, das sich so innig fest und dicht um ihn geschlossen
hatte, ist umgerissen, liegt bunt durcheinander in einem großen Berg.
Wo früher Bäume standen und wilde Schößlinge wuchsen, breitet sich jetzt
ein offener Platz aus, über den sie hinjagen kann, ohne den Zweig eines
Wipfels mit den Flügeln zu berühren.
Sie hat den ganzen Tag tief unten in ihrem hohlen Stamm ein starkes
Hack--Hack gehört, als arbeite tief drinnen im Wald ein Riesenspecht.
Sie kennt den Laut, es ist der, den sie am meisten von allen haßt ...
es ist der Schlag der _Axt_!
Die Axt macht licht, und sie haßt das Licht-machen. Sie will Dichtigkeit
von Zweigen und Stämmen, von allen Stämmen, rings um sich haben. Sie
will Waldesdunkel haben! Aber die Axt macht die Bäume bis in die Wipfel
erbeben, kippen und sich plötzlich legen.
Am nächsten Morgen ist der Laut wieder da!
Und er hält den ganzen Tag an. Sie sitzt in ihrem Versteck und schneidet
Gesichter, sie fühlt jeden Hieb wie einen Stich in ihrem Fleisch. Hu,
diese Laute, diese verdammten, menschengeschaffenen Laute, sie rauben
ihr das Verweilen im Verdauungswohlsein und erfüllen sie statt dessen
mit aufregender Unruhe.
Als dann der Abend kommt und die im Laufe des Tages angehauenen Bäume
anfangen zu fallen, als das Krachen und Poltern und Dröhnen seinen
Höhepunkt erreicht, da fliegt sie einem Waldarbeiter in den Nacken.
Die Waldarbeiter pflegten sonst nie etwas von Strix zu sehen; sie hörten
sie nur. Oh, oh! klagte etwas in der Tiefe; uh, uh! antwortete es von
weit her. Das war zu der Zeit, als Uf noch lebte. Da hatten sie in den
frühen Abendstunden, namentlich in der Paarungszeit, ihre feurigen
Wechselgesänge angestimmt; _sie_ hatte laut gerufen, scharf und
innig begehrend, und _er_ hatte geantwortet, tief, hohl, mit einem
unheimlichen Uhuu, das aber für ihr Ohr so wild und aufreizend klang.
Die ganze voraufgegangene Nacht hatte Strix nach Uf gerufen, aber
vergebens ... auch das hat dazu beigetragen, sie aufzuregen.
Sie bedient sich ihrer bekannten, unfehlbaren Überrumpelungstaktik.
Ungeahnt taucht sie auf aus dem flockigen Versteck der Dunkelheit,
wirft sich über den Waldarbeiter, packt ihn mit beiden Fängen bei den
Schultern und wärmt ihm die Ohren mit den Flügeln. Mit ihren scharfen
Ellbogenknochen schlägt sie ihn in die Schläfen und macht ihm ein paar
blaue, blutunterlaufene Augen, dann greift sie ihm in die Haarbüschel
und schüttelt ihn. Der Holzhauer wirft sich auf die Nase und schlägt die
Hände vor seine Augen; aber jetzt erst nimmt Strix ihn als rechtmäßige
Beute in Besitz. Sie hakt die Fänge in seinen Körper und reißt ihm den
Hintern auf ...
Es ist Pist Lak, den sie gefaßt hat, aber sie ahnt es nicht. In diesem
Augenblick sind ihr alle Menschen gleich!
Pist, der im ersten Nu, ehe er noch die Fänge der Eule zu kosten bekam,
ganz entzückt war, jetzt endlich die Gewißheit zu erlangen, daß dieser
Geldvogel noch immer hier ist, hat plötzlich seine Ansicht geändert ...
er brüllt wie ein Stier.
Da erdröhnt der Erdboden, da trampelt es im Laub: kla-datsch, klingt es
... kla-datsch, kla-datsch ...
Ein Zucken durchfährt Strix!
Ihr Gesicht kann sie täuschen, kann vergessen; ihr Gehör nie. Sie weiß
es schon lange, bevor sie die Gestalt erblickt: jetzt kommt er, der
lahme Kerl mit dem stinkenden Atem!
Ein mehr als instinktmäßiges Rachegefühl ergreift sie ...
-- -- --
Wie gewöhnlich ist der kleine Leuchtturmwärter auf seinem Frühlingszug
nach Raubvogeleiern aus! Raubvogeleier hatten stets ihren Wert, denn
sie wurden immer seltener. Krähen-, Bläßhuhn- und Elstereier dahingegen
wollte niemand mehr haben, die waren jetzt zu gewöhnlich.
Den ganzen Nachmittag hat er sich in der Nähe von Holzwärter Pist's
Arbeitsplatz aufgehalten, war mehrmals bei ihm gewesen und hatte ihn
gequält, er möge ihm doch den Horst des großen Uhus zeigen. Pist hat
immer geantwortet, so wie es war: daß er den Horst gar nicht _wisse_,
ja, in diesem Jahre die Vögel nicht einmal _gesehen_ habe. Aber der gute
Leuchtturmwärter, der nicht ohne Grund ein schlechtes Gewissen in bezug
auf gewisse sieben Kronen hat, die er seinem kleinen Unteragenten noch
vom vergangenen Jahre her schuldet --, hat im Stillen gemeint, daß _die_
wohl Schuld daran seien.
Da hört er auf einmal das fürchterliche Gebrüll ...
Mit Sturmeseile kommt er gelaufen und sieht zu seinem ungeheuren
Erstaunen, zugleich aber mit geheimer Freude, den großen Uhu auf
Pist's Rücken reiten. Im ersten Augenblick ist er ganz überwältigt von
seinem Glück -- dann ergreift er seinen schweren, eisenbeschlagenen
Eichenknittel und haut auf die Eule ein, die sich aufgeblasen hat und
ihm ins Gesicht fahren will. Der Schlag trifft Strix an den Kopf, sie
verliert die Besinnung ... und als sie wieder zu sich kommt, sitzt sie
hinter Schloß und Riegel.
Sie ist in einem Kükenbauer untergebracht -- in demselben hölzernen
Kasten, der vor einem halben Jahre ihre Jungen beherbergt hat. Er ist
gründlich nachgesehen und frisch genagelt.
Ihr wird etwas schwammige Lunge durch das Gitter gesteckt. Da sprühen
ihre Lichter Funken, und sie faucht wie eine Katze. Der Leuchtturmwärter
tritt unwillkürlich einen Schritt zurück --: Du großer Zerstörer! sagen
die Lichter ... könnte ich dich nur auffressen!
Strix rührt die Lunge nicht an. Gefräßig starrt sie dem
hahnenschnäbeligen kleinen Kerl in die stechenden Augen und sieht
drei lange Narbenstreifen, die an seiner Wange herablaufen. Soviel kann
ihr bißchen Eulenverstand fassen, daß diese Fratze alles erwägt, was
ihrem Besitzer zum Vorteil dient ... sie ist gleichsam von einem
Vollmond-Kälteglanz umgeben!
Die Dunkelheit senkt sich herab, und Strix arbeitet die ganze Nacht, um
aus dem Bauer zu entkommen ...
Sie scheuert sich den Bart ab, indem sie ununterbrochen mit dem Schnabel
an den Gitterstäben auf und nieder kratzt, und sie schlägt sich den
starken Ellbogen blutig durch ihr ständiges Stoßen. Aber das Bauer ist
solide, es hält!
Als das Licht des Tages sie eine Weile geblendet hat, so daß sie
gezwungen ist, sich in den dunkelsten Winkel des Kastens zurückzuziehen,
fängt sie den Laut von Schritten auf: es ist das Strix jetzt so bekannte
kla-datsch, kla-datsch. Der hinkende Hahn in dem blauschimmernden
Gewand, mit dem flachen, schmetterlingbunten Kamm auf dem Kopf, tritt
vor das Bauer und macht sich daran, mit einem Stock in ihren Brustdaunen
zu wühlen. Sie schlägt ihren Fang in den Stock und fährt auf ihn los, so
daß das Blut aus dem verletzten Flügelknochen ihm ins Gesicht spritzt --
und sie hört da draußen ein mächtiges Krähen.
Ihre Federn sträuben sich; sie hat sich aufgeplustert und sitzt da und
faucht, die Flügel wie einen Schild vorn über dem Kopf erhoben.
Da kommen auf dem Boden des Bauers ein Paar sonderbare steife Klauen
herangeschlichen; sie öffnen sich und schließen sich am Ende ihrer
dünnen, storchähnlichen Beinstiele. Wenn sie nach der einen greift,
nimmt die andere die Gelegenheit wahr -- und dann auf einmal beißen sie
sich in ihre beiden Ständer fest. Sie schlägt mit den Flügeln um sich
und fällt hin ...
Da spürt sie wieder den erstickenden Geruch; der lahme Hahn bläst ihr
seinen stinkenden Atem ins Gesicht; der legt sich ihr vor die Brust,
benimmt ihr die Luft, sie schnappt und beißt blindlings um sich. Ein
Nebel gleitet vor ihre Lichter und eine einschläfernde Wolke senkt sich
über sie -- sie muß schlafen, sie mag wollen oder nicht.
Als sie wieder erwacht, sitzt sie wie in einem hohlen Stamm, nur daß er
ganz eng ist, und er schaukelt, als sei der Baum während eines Orkans im
Begriff umzufallen.
Sie ist an den Gutsförster verkauft, an einen kleinen Teufel von Mann,
eifrig und unverzagt, und ebenso hart von Gemüt wie hart von Händen. Es
ist dem Förster endlich -- dank Vogelhansens nie versagendem Ammoniak
und seiner eigenen zusammenschraubbaren Fuchszange -- gelungen, Strix in
seine Gewalt zu bekommen und sie in den großen, einem Rucksack ähnelnden
Eulenkorb zu sperren, der auf seinem Rücken schlingert. Jetzt radelt er
mit ihr nach Hause. Strix soll als »Auf« gebraucht werden!
Erst soll sie einige Tage hungern, damit sie mürbe wird und mit sich
»reden läßt«. Dann soll sie einen Spatzen bekommen und nach und nach
mehrere Spatzen, bis sie auf ordentliche Zahmvogelart gelernt hat,
dankbar aus der Hand zu fressen. Dann soll sie daran gewöhnt werden,
sich um einen der Ständer fassen zu lassen, um mit dem Rücken am Boden
des Bauers entlangschleppend, mit einem Ruck herausgezogen zu werden.
Sie soll daran gewöhnt werden, wie eine brütende Henne angebunden zu
sein und wie ein Piepvogel auf der Hütte zu sitzen, während die Krähen
sie umlärmen und ausschimpfen, und er, der Förster, im Hinterhalt liegt
und eine Krähe nach der andern niederknallt. Endlich soll sie, sobald
sich eine passende Gelegenheit bietet, verkauft werden, und der Erlös
soll zwischen ihre drei Aktionäre verteilt werden.
-- -- --
Bei der Ankunft in der Försterwohnung des Gutes jenseits der Förde wird
plötzlich »der Orkan« so stark, daß der hohle Stamm, in dem Strix sitzt,
den Boden in die Höhe kehrt. Sie wird kopfüber in ein Bauer geschüttet.
Das Bauer ist alt und mürbe. Es hat ein paar Jahre lang einen kleinen
Krüppel von Hütten-Eule beherbergt, aber die machte keine Faxen. Die
hat da gesessen von dem Tage an, da sie als junger Vogel von einem
kleinen stinkenden Menschen im Walde geraubt und von seinen großen,
rotgefrorenen Händen dahineingesetzt wurde. Der Förster hatte sie
allmählich so weit gezähmt, daß sie von selbst herausflog und sich auf
den Deckel des Eulenkorbes setzte.
Es riecht noch nach ihr im Bauer und da liegen eine Menge Federn und
Überreste von Geschmeiß. Da liegt auch eine halb gekröpfte magere Taube
-- dem kleinen Krüppel, der übrigens eben erst eingegangen ist, hat es
offenbar an Appetit gefehlt.
Es ist eine gefährliche Taube! Wäre Strix nicht ein wilder Vogel gewesen
und hätte die Äsung verachtet, in die sie nicht selbst ihre Fänge
geschlagen hat, so wäre es mit ihr aus gewesen. Die Taube ist eines
natürlichen Todes gestorben ... an Hühnerdiphteritis. Der Förster hat
keine Ahnung davon gehabt -- eine Hütteneule bekommt ja alles: von im
Hause gefangenen Ratten bis zu abgebalgten Füchsen!
Strix sitzt da und schlingert; ihr ist noch etwas unklar nach der
Betäubung. Sie starrt durch das halbverrostete Drahtgewebe und sieht vor
sich, auf der Tür ausgespannt, gleichsam einen Schatten von sich selbst:
einen großen, braunfederigen Riesenuhu mit einer Schnabelspalte, die bis
weit unter die Ohren reicht. Er hat nur einen Fang.
Strix meint, sie müsse den Fang kennen!
Dann kühlt die Luft um sie her allmählich ab; lange schwarze Schatten
schleichen sich über den Hof hin -- -- der Tag geht zur Rüste.
Gleich einem großen Vogelzug mit Wildrosenschimmer über den flimmernden
Flügeln sieht sie die Wolken dem fernen, roten Abendland entgegeneilen.
Und der Wind folgt hinterdrein, so schnell er nur kann ... es wird
geräuschleer, fast waldeinsam um sie her.
Bald jagt die erste kleine behende Fledermaus an ihrem Bauer vorbei.
Es folgen mehrere -- und dann auf einmal wimmelt es von Fledermäusen.
In unbeständigem Zickzackfluge huschen sie über den Hof, aus und ein,
wenden in rechten Winkeln oder schaukeln in langen anmutigen Zirkelbogen
herum, um dann wieder wegzuflimmern und zu Punkten in der Luft zu
werden.
Große, schwerbelastete Nachtschwärmer mit dem fetten, plumpen
Hinterkörper, der unter ihren hastig schwirrenden Flügeln herabbaumelt,
schrauben sich mühsam vor ihr in die Luft empor, während ungeschlachte,
brummende Maikäfer mit einer Geschwindigkeit, die sie veranlaßt, lange
Striche die Kreuz und die Quer durch die Luft zu ziehen, klatsch,
klatsch gegen das Bauer schlagen und krabbelnd herunterfallen.
Die Finsternis verdichtet sich um Strix ... in dem tiefen Blau oben über
den Baumwipfeln funkelt der Abendstern, gelb und groß, als einziges,
schimmerndes Loch in der Himmelskuppel ...
Die treuen Tiere der Nacht sind alle ausgegangen!
Sie ist nun wieder ganz zu Kräften gelangt und rumort in ihrem Gefängnis
herum, während sie mit Schnabel und Fängen an dem Drahtgewebe zerrt. Sie
zieht es auseinander, sie holt es zu sich heran, sie rüttelt und reißt
-- und das Drahtgewebe zerspringt.
Es hat Jahre lang gehalten; jetzt kann es keine Stunde mehr halten!
Sie bekommt den Kopf heraus und den halben Körper, aber die beiden
großen Flügel bleiben hängen. Sie muß wieder zurück, wieder hinein und
weiter an den zähen Strängen zerren; ihre Zunge blutet, ihr Schnabel
schmerzt -- aber endlich gelingt es ihr doch das ganze Drahtgewebe
aufzureißen.
Als sie sich auf der Schwelle zur Freiheit befindet, fährt plötzlich ein
kleines, schiefbeiniges, rotbraunes Ding kläffend auf sie ein. Es ist
der Nachtwächter und Gefängniswärter hier auf dem Forsthofe, der alle
die verschlossenen Türen und Luken unter seiner Aufsicht hat. Das
fürchterliche Rumoren dort im Eulenbauer hat ihn schon lange darauf
aufmerksam gemacht, daß da etwas los ist; nun will er aber die neue Eule
lehren, daß er sich dergleichen gründlich verbitten muß.
Der wachsame kleine Gefängniswärter hat indessen kein Glück. Strix
schlägt die Fänge in seinen Rücken ... er fängt an, gottsjämmerlich zu
heulen und stürzt schreckerfüllt ins Haus hinein.
Es ist sonderbar ... aber das Geheul erinnert sie auf einmal wieder an
Uf!
Im selben Augenblick schreitet ein kleiner schwarz- und weißgefleckter
Kater mit steifem Schwanz und eifrig windenden Nüstern auf den Hofplatz.
Er gehört eigentlich zu einem Forsthaus weit drüben auf der andern Seite
der Förde, aber der Frühling zerrt auch in ihm! Des Fressens halber
kommt er nicht, doch ... wenn sich die Gelegenheit bietet, nimmt er
gern einen Bissen mit. Jetzt wittert er plötzlich Vögel und sieht eine
Chance ...
Er verrechnet sich, armer Kerl -- und es geht ihm schlimmer als dem
kleinen, schiefbeinigen Gefängniswärter. Strix, die nun glücklich dem
Bauer entronnen ist, nimmt ihn als ihre rechtmäßige Gefangenenkost und
hält eine wohlverdiente Mahlzeit an ihm.
Noch in derselben Nacht findet sie sich über die Förde zurück und in
ihre Einöde in dem trauten Hochwald. Sie versteckt sich in ihrem hohlen
Baumstamm ... da sitzt sie und denkt das _ihre_ über das Dasein.
Zu Anfang war sie dem Eindringen der Menschen in ihr Bereich offen und
mit Macht begegnet!
Was sollte sie wohl fürchten?
Sie hatte ja ihren scharfen Schnabel und ihre spitzen Fänge, und sie
hatte ihre großen, starken Flügel; sie besaß Selbstvertrauen und
Zutrauen zu ihren Fähigkeiten und Kräften -- was sollte sie wohl
fürchten!
Aber ihr häufiges Zusammentreffen mit den Menschen und die Erfahrung,
die sie daraus schöpfte, hatte ihrem Vertrauen auf eigenes Vermögen
einen Stoß versetzt; hier hatte sie ja einmal über das andere ihren
Meister gefunden --; einen Gegner, den sie nicht hatte in die Flucht
schlagen können!
Daß der Mensch gefährlich war -- das begriff sie jetzt.
Es war nicht besser geworden mit der Unruhe im Hochwald. Noch am Abend
bei Sonnenuntergang, wenn sie aus ihrem Tagesschlaf erwachte und sich
anschickte auszufliegen, konnte sie Wagenrollen und Äxteschlagen hören.
Ihr großes Heim, wo sie vor vielen Jahren in ihrer Jugend gewohnt hatte,
war schon umgestaltet und abgeholzt. Ganz weit draußen, wo einst ihr
Horstbaum stand, erhob sich jetzt ein Haus neben dem andern, Gitter und
Hecken wechselten ab mit Stacheldraht und Zäunen; Motorräder surrten
umher, Telephondrähte durchwebten die Luft, lange Schornsteine spien die
Eingeweide der Erde aus, und heulende Eisenbahnzüge fauchten überall.
Die Menschen breiteten sich aus wie die Wanderratten in gewissen Jahren
auf dem Berge ihrer Vorfahren; Strix wollte es scheinen, als müßten sie
vorwärts über ihre Leichen!
-- -- --
Und dann ward endlich der Gipfelpunkt erreicht.
Es ist Jagd im Tierwald, dem letzten der einstmals so ausgedehnten
Hochwälder am innersten Ende der Förde, dort, wo Strix ihre
jubelerfüllten Tage gelebt hat -- und die Hunde hetzen einen Hasen. Sie
wird von dem Gekläff geweckt, und als sie den Hasen vorüberschlüpfen
sieht, kann sie nicht widerstehen; sie muß der Bande folgen.
Es ist ja ihr Hase, den die Hunde hetzen! Es ist der letzte Hase, der
sich hier im Walde, ja, in der ganzen Umgegend findet -- nun holen die
meutestarken Teufel ihn!
Ihr gehören alle Hasen, das ist doch ganz selbstverständlich; so lange
sie gelebt hat, haben die Hasen ihr gehört!
Strix setzt von ihrem Zweig aus den Spürhunden nach ...
Sie streicht lautlos über ihnen und wirft sich mit einem Brausen dicht
vor der Nase des ersten nieder. Im Vorüberflug gibt sie ihm einen Fang,
der sein rechtes Nasenloch unheimlich klaffen macht. Der Hund stößt ein
durchdringendes Geheul aus ...
Dann bei einer Wegbiegung, packt Strix den Hasen.
Sie ist schon dabei, ihn zu verzehren, als zwei große Spürhunde nahen.
Mit dem dicken Ende des Flügelknochens versetzt sie dem eifrigsten einen
Schlag gegen die Nase und zerfetzt mit den Fängen das Ohr des andern.
Nach einer Weile erscheint einer von den Jägern.
Er ist wie gelähmt, als er aus der Ferne die Hunde geifernd um einen
großen Vogel sitzen sieht -- und er bleibt schleunigst stehen und macht
sich schußbereit.
Er will dir den Raub wegnehmen, denkt Strix ... na, versuch' es nur mal!
Da entsendet der Jäger ein Brüllen in den Wald hinaus, sein Atem geht
von ihm aus wie ein heißer Kampfesodem, und mit unsichtbaren Fängen
zerrt er an ihrer Haut.
Das war unergründlich geheimnisvoll, und davor entfloh sie!
Aber nun hatte Strix genug -- seit dieser Zeit hielt sie sich den
Menschen fern.
Der große Uhu kann sich nicht mit der Kultur abfinden.
Es gab einige Tiere, die sich nach ihr einstellen konnten. Füchse und
Dachse zum Beispiel, Marder und Wiesel, die konnten sowohl in der zahmen
Natur wie in der Wildnis gedeihen. Und da waren andere, die den wilden
unangebauten Gegenden ganz entsagen konnten, die Vorteil zogen aus der
stark um sich greifenden Urbarmachung und ihr Leben danach einrichteten.
Da waren Rebhuhn, Hase, Reh, Krähe und Elster; die wuchsen förmlich aus
dem Boden, wo die Axt rodete und wohin der Pflug kam. Sie aber, Strix
Bubo, konnte sich auf keinen Vergleich mit dem Neuen einlassen. Alles
das, was aufräumte und licht machte, war ihr ein Greuel; es tötete die
Lebensfreude in ihr ... es hatte sie, so lange sie denken konnte,
ununterbrochen in die Flucht getrieben.
Aus ihrer Einöde in den Hochwäldern um die Tiefe der Föhrde wird sie nun
weiter und weiter hinausgedrängt, dem Waldessaum zu, bis sie schließlich
wegfliegen muß -- hinweg über die Menschennester, hinweg über das
Land jenseits der Menschennester, hinaus nach einem sonderbaren,
ausgestorbenen Walde, der einsam und fern zwischen Sümpfen und
Heidemooren liegt.
In einer wilden Hügelschlucht -- _Teufelshöhle_ genannt -- vor einem
öden, düstern Waldsee findet sie endlich in dem verfaulten Stamm einer
alten, leeren Buche eine neue Freistatt, ein Heim, das ihr uraltes
Sehnen nach einer Bergschlucht erfüllt.
Sie haßt Stimmengekrächz, sie haßt Hundegekläff -- und Axthiebe und
Sägezahnbisse können sie um Sinn und Verstand bringen. Sie sollte nur
niederstoßen auf diese Friedensstörer, auf diese großen Ratten, die
selbst hier im entlegenen Walde, wenn auch nur von Zeit zu Zeit,
herumhuschen.
Aber sie mag nicht mehr; auf alle Fälle nicht am Tage -- und des Nachts
geschieht es nie, daß diese Mitgeschöpfe sich bemerkbar machen. Dann
heult nur der Wind, und der Wald summt seine alten Melodien; sie kann
ungestört jagen, ungestört kröpfen, nach allen den bekannten Wiesen und
Lichtungen fliegen und vernünftige Spaziergänge in aller Ruh rings umher
auf dem Waldboden unternehmen.
Die Finsternis ist ihr Reich, und die Finsternis kehrt wieder nach dem
Lärm des Tages, kehrt immer, immer wieder ...
Nur diese Tatsache hält sie beständig fest, sonst wäre sie Uf längst
nachgeflogen -- über alle Berge!