Strix steht in ihren Kraftjahren, in den jubelvollen Tagen ihres
glücklichen Alters.
Alles, wonach sie greift, fängt sie, und alles, was sie schlägt, fällt
und stirbt; sie hat Wachstum in den Federposen, Griff in den Fängen und
einen ewig brennenden Hunger im Magen; sie ist riesenstark. Wenn sie nur
einen Hasen anrührt, spritzt das Blut gleich aus den zur Ader gelassenen
Pulsen; sie hat Lust zur Paarung und Freude an den Jungen, sie besitzt
alles, was reizt.
Ihr Jagdgrund ist groß! Sie wohnt hier in den Hochwäldern, ganz am Ende
der Förde und kann bis zum nächsten Nachbar jagen.
Es sind alte, pfadlose Wälder, voll von Dickicht und sauren Erlenmooren,
umgestürzte Bäume und herabgewehte Zweige liegen überall umher, und
überall stehen zunderige, hohle Bäume und knarren. Unter der Geißel
eines großen Wildbestandes sind die Wälder aufgewachsen: Urwald-,
Kronenhirsche und Rudel von Rehen hatten hier zu allen Zeiten ihren
Stand und haben sich den Winter über kümmerlich im Holz durchgeäst.
Daher das viele verkrüppelte Eichen- und Buchengestrüpp, daher die
vielen verrenkten Eschen und Erlen, daher das urwaldähnliche Gewirr, das
einem großen Uhu das Leben des Lebens wert machen kann.
Aber der Lärm der Menschen rückt Strix näher und näher. Es werden
häufiger Bäume im Walde gefällt, neue Menschenwege werden angelegt,
kleine Steinhaufen und große Steinhaufen, aus denen Rauch aufsteigt und
in denen Menschen wohnen, tauchen in wachsender Zahl längs des
Waldsaumes auf. Schon mehrmals hat sie ihren Wohnbaum ändern und tiefer
in den Wald hineinziehen müssen. Wo die Bäume am höchsten sind, wo der
Sturm am meisten zu nehmen findet, wo er die härtesten Wunden schlagen
kann, so daß große Löcher in das morsche Holz kommen -- da ist sie immer
am besten gediehen.
Aber sie hat kaum ein halbes Jahr in ihrem neuen Versteck gewohnt, als
auch schon der große Naturzerstörer mit Säge und Axt dorthin gelangt
ist. Sie ahnt ihn, lange bevor er sich auch wirklich hat blicken lassen,
denn vor sich her treibt er eine Schar anderer Tiere, denen es so
ergeht, wie der großen Horneule selbst.
Es sind Hirsche und Kahlwild, Hühnerhabichte und Wanderfalken,
Edelmarder und Wildgänse -- alle fliehen sie vor den Axthieben, vor
Hundegeläut und Schüssen und vor der scharfriechenden Fährte des
arbeitstollen Menschen! Die ursprünglichen Bewohner des Waldes weichen
dieser lärmenden neuen Welt; sie ballen sich zusammen an den Stellen,
wo sie noch Lebensbedingungen nach ihren Gewohnheiten und Bedürfnissen
finden -- in den öden Landecken, in entlegenen Winkeln, zwischen Heide-,
Moor- und Sumpfstrecken. Hier halten sie sich am Tage auf -- sie warten
die Nacht ab!
_Das mächtige Lichtgezücht_, das mit dem Tage erwacht und die Unruhe,
den Lärm, die Veränderung und die Umbildung der Erde und der Natur
schafft, die die Tiere scheuen, zwingt sie, sich zu verbergen, so lange
es rast! Aber des Nachts kehren sie zurück zu den alten Stätten,
verbreiten sich auf schnellen Sohlen, auf schleichenden Läufen über das
Reich, das einstmals das ihre war. Die Hirsche und das Kahlwild äsen den
Roggen der Ansiedler, die Dächse tummeln sich in den Saatfeldern, Marder
und Fuchs stehlen Tauben und Hühner -- und Strix nimmt an Katzen und
Ratten, was sie ergattern kann! In der Nacht gehört die Erde noch den
Tieren!
Aber die Erde wird doch kleiner und kleiner. So dicht liegen bald die
Steinhöhlen der Menschen um die Hochwälder herum, daß stellenweise Tag
und Nacht eine angsteinflößende Wolke ihres eigentümlichen Geruches
aufsteigt.
Eines schönen Abends merkt Strix, daß sie um der Nachbareule willen gern
so weit jagen kann, wie sie Lust hat. Die Nachbareule läßt ihre
Kampfstimme nicht mehr ertönen, sie muß wohl weiter weg bessere
Jagdgründe gefunden haben!
Die Nachbareule ist fort -- der große Moloch, das Götzenbild der
Menschheit: die Zivilisation, hat sie getötet. Der Ausrottungskrieg
gegen die Stämme des großen Uhus geht seinen fürchterlichen Gang.
In den letzten Jahren haben die Menschen angefangen, auf eine andere
Weise angreifend vorzugehen.
Auf den Gütern jenseits der Förde tauchen plötzlich große, bunte,
langschweifige Vögel in Mengen auf.
Es sind Fasanen!
Sie sind in kleinen Feldhölzungen ausgesetzt, wo sie sich durch Kunst im
Überfluß vermehren. Es wimmelt von Ihnen am Waldboden und in den Bäumen.
Sie sind so fett und gleichgültig, daß sie weder laufen noch fliegen
mögen.
Sie ziehen aus allen Richtungen viele von den großen Uhus an; _hier_
brauchen sie ja nur ins Gras niederzustoßen, gleich haben sie die Fänge
voll Nahrung.
Rings um diese kleinen Gehölze, einladend über Dickicht und Gestrüpp
aufragend, stehen hohe, schlanke Pfähle aufgepflanzt. Auf der Spitze
eines jeden liegt -- so recht dazu gemacht, um sich darauf zu setzen --
ein kleines strammgespanntes Tellereisen.
Diese Eisen machen es im Umsehen Uhu-leer um Strix herum.
Zu dieser Zeit trifft sie ihr letztes Männchen.
Er ist alt und abgelebt, aber ihr bleibt keine Wahl -- da sind keine
andern Männchen ihrer Art.
Er singt und heult ihr einen Winter lang etwas vor und betört sie
fälschlich, indem er trotz der schlechten Zeiten beständig mit Beute in
den Klauen fliegt.
Es ist ein Eisen, das er schleppt. Er trägt es solange, bis die Federn
des Eisens sich ihm durch das Bein geklemmt haben, dann stirbt der Fuß
ab, und eines schönen Tages fällt er mit Eisen und Fang zu Boden.
Ein erstklassiger Freier ist er ja freilich nicht, aber was tut das --
-- er ist ein Uhu und kein Kanarienvogel!
-- -- --
Da thront er neben ihr ...
Jedesmal, wenn sie die Hautblende von den Augen fortzieht, sieht sie
einen Schatten ihrer selbst vor sich: einen großen, braunen Uhu mit
Federbüscheln wie ein paar Katzenohren und mit einer Mundspalte, die
sich darunter weit nach hinten zu fortsetzt ...
Das ist der einklauige: UF!
Er ist an die hundert Jahre; seine Zeitgenossen sind der Wolf und der
Adler gewesen -- der letzte Überrest von Tieren, die noch etwas von der
großen Zeit an sich haben.
Den ganzen Winter sitzen sie zusammen in dem hohlen Baumstamm und würgen
an ihrem Gewöll. In der Regel schlafen sie gut -- und erwachen sie
zufällig, so haben sie genug zu tun.
Bald fordern die Nackenfedern einen Besuch ihrer Krallen, bald
wollen die Lichter gerieben und die Wangen gewaschen werden,
oder der Schnabelbart mit den vielen eingetrockneten Blut- und
Fleischüberbleibseln meldet sich und bittet eindringlich, daß man ihn
reinigt und bürstet.
Dann pudern sie sich halbe Stunden lang und nehmen die possierlichsten
Stellungen ein. Uf wird zu einem jämmerlichen Großvater in der
Nachtmütze und mit Haarzotteln um die Ohren; Strix wird zur Furie; zu
einem wilden Gespenst -- bereit zu kratzen und um sich zu schlagen!
Aber zur Frühlingszeit, wenn die Märzstürme den Wald »stimmen«, wenn die
Larven in dem faulen Holz des Baumstamms mit offenbar fieberhafter Hast
anfangen, ihr eifriges Klopfen und Hämmern zu beschleunigen, wenn die
Träume, die sie träumen, immer wiederkehren, da geht es nicht mehr an,
nur zu schlafen und sich zu putzen! Da müssen sie auf -- auf und die
Hörner sträuben und mit den Flügeln schlagen, während sie auf dem
Zunder, auf dem sie sitzen, hüpfen und tanzen; da müssen sie schwänzeln
und sich kröpfen und hu--u, hu--u heulen ...
Und dann bauen sie ihren Horst.
In einem Bett aus Reisig liegen zwei graubedaunte Junge!
Sie sind runzelig im Gesicht wie alte Weiber und häßlich für alle, nur
nicht für Strix. Der Horst liegt in einer großen Vertiefung unter einem
alten Baumstumpf, aber er geht in den Baumstumpf hinein, weit hinein, so
daß man in ein tiefes, undurchdringliches Dunkel sieht. Es ist ein ganz
vorzügliches Nest, da ist ein Fußboden und da ist ein Dach -- auf dem
Fußboden liegen allerhand Federreste. Ganz hinten im Baumstumpf ist die
Vorratskammer; da gibt es Amseln und Birkhühner und Hasen -- und alle
Speisen sind frisch, die Tiere sind ganz kürzlich geschlagen. Aber vor
dem Baumstumpf ist der Fußboden in weitem Umkreis mit Flügeln und
Knochen übersät; da sieht es aus wie vor einer Räuberhöhle.
Die Jungen sind noch klein. Vor zwölf Tagen erst sind sie aus dem Ei
gekrochen, und Strix' einkralliges, altes Männchen sitzt getreulich
über ihnen, um durch die Wärme seines Körpers den Lebensfunken in ihnen
zu erhalten. Uf kann schlecht fangen, kaum für den eigenen Bedarf,
geschweige denn für den anderer; seine Kralle ist stumpf und seine Augen
sind schwach -- da haben er und sie die Rollen vertauscht. Ihr liegt es
also ob, alle Vorräte zu beschaffen!
Und sie ist zu allen Zeiten ein kühner Jäger gewesen. Gleich bei
Tagesanbruch fliegt sie vom Nest auf. In dem blanken, sonnenfreien
Licht, das der ganzen Umgebung und allen Gegenständen ihre richtige
Größe verleiht, jagt sie am eifrigsten und fängt sie am besten. Da
durchsucht sie den Wald, steigt über Mooren und kleinen Wiesen auf ...
sie rüttelt wie ein Falke auf hastig klappenden Flügeln und späht hinab.
Während die Holztauben gurren und die Drosseln singen, während die Hasen
ganz davon in Anspruch genommen sind, auf Freiers Füßen zu gehen,
während die Wasserhühner in den Moortümpeln sich um Männchen und
Brutplätze balgen, kürt sie zwischen dem Überfluß und macht Beute.
Oder sie fliegt auf ein baumfreies Feld hinaus, hinaus auf Äcker und
Heiden, und läßt, während das Tageslicht mehr und mehr Übermacht
gewinnt, die Ferne unter sich aufsteigen: neue Wälder weit da draußen
fangen an zu winken, Anger mit Lämmern und Zicklein kommen verlockend
nahe, sie gewahrt ferne Feldraine und Menschennester, in deren Nähe es
von Wieseln und Ratten wimmelt.
Rings umher unter ihr ertönt das Kullern des Birkhahns und das
herausfordernde Zusammenrufen streitbarer Rebhähne ... abgezehrte und
abgearbeitete Fehen sieht sie mit Stöcken von Schwänzen anstelle der
früher so dicken, buschigen Lunten herumhuschen. Die Geburt der Jungen
hat alle Haare mitgenommen.
Aber die Fangzeit ist kurz zu dieser Zeit des Jahres ... bald surrt
glühende Luft vor ihrem Blick, scharfe, ätzende Strahlen beißen sie in
die Augen -- und auf einmal ist es, als werde die Erde unter ihr
sonnenbestrichen, der letzte Rest von Klarheit verzieht sich -- und nun
blinkt und flimmert und glitzert das Gras.
Da nimmt sie mit dem fürlieb, was sie zwischen den Fängen hat, und
fliegt schleunigst zurück nach ihrer Behausung, das rote Licht des
Sonnenaufgangs über den Flügeln.
So holt sie Ratten aus den weitentlegenen Dörfern, Birkhühner aus der
Heide, Hasen vom Felde, Krähen aus dem Walde -- sie müht sich getreulich
ab und nimmt, was sie kriegen kann. Mit einem triumphierenden Hu-u
bringt sie ihrem Gatten den Fang, und wenn Uf sieht, was sie hat,
sträubt er die Hörner und gibt einen zufriedenen, gurrenden Laut von
sich --! Wieder ein Hase! sagt er überrascht in seiner Sprache! ja! sie
strengt sich an!
Dann erhebt er sich von den beiden Jungen mit den scharfen Fängen; ihre
unheimlichen, halbkahlen Köpfe gucken hervor und zeigen sich ihrem
mütterlichen Ursprung. Sie will ihm bei der Beute behilflich sein, will
ihm helfen, sie abzuziehen und zu zerlegen, aber er reißt sie ihr weg:
sie soll nur fangen, nichts als fangen -- -- --!
Doch Strix läßt sich nicht kommandieren; sie kennt ihn und weiß, daß er
gern für seinen eigenen Schnabel sorgt; so tranchiert sie denn das Wild
nach bester Regel, zermalmt die Knochen und macht zähe Muskeln weich;
sie kaut die Bissen durch und pfropft sie holterdiepolter ihren
heißhungrigen Kleinen in die Schnäbel.
Uf sitzt da und schmollt -- --: sie soll nur fangen, nichts als fangen
-- --
Es dämmert ... es ist ein früher Morgen im Mai! Die Fledermäuse heben
sich noch wie Möwen vom Himmel ab. Die Drosseln schlagen ihre ersten,
tastenden Schläge, nur ein ganz kurzes Flöten ohne Zusammenhang.
Dann fängt ein Birkhahn draußen am Waldrand an zu kullern und zu
schleifen. Eine Amsel trillert, ein kleiner Zaunkönig piepst -- der
ganze Wald erwacht und begrüßt den dämmernden Tag mit Gesang. Der
Kuckuck ruft in unaufhaltsamen Kaskaden, aber die Weibchen sind zu
geschäftig, um zu lauschen -- sie sind ganz davon in Anspruch genommen,
ein Pflegeheim zu finden! Rastlos fliegen sie umher, sie gucken in
Astlöcher hinein und zwischen Baumwurzeln, oder sie flattern tief unten
über Nessel- und Wildkerbelinseln hin; ihre langen Schwänze streifen
förmlich an den Kräutern entlang und jagen die brütenden kleinen Vögel
auf.
Strix ist auf Fang aus! Sie muß in der letzten Zeit immer weiter hinaus,
die zunächst gelegenen Jagdgründe sind erschöpft.
Von ihren früheren Ausflügen weiß sie, daß dort auf der andern Seite des
Waldes unter einem mit Gestrüpp bestandenen Abhang eine große Herde
Ziegen mit Zicklein zu weiden pflegt. Heute Morgen ist ihr das Glück
hold! Eine der Ziegen hat gelammt und die kleinen, neugeborenen Zicklein
drücken sich neben der Mutter an deren Euter.
Die Erde ist im Begriff, die Nebel der Nacht abzuschütteln: alle kleinen
Niederungen zwischen den Hügeln stehen in einem Dampf, so daß es für
Strix ein leichtes ist, die Tiere zu überrumpeln. Keine von den vielen,
neidischen Krähen oder wachsamen Kiebitzen, deren Gebiet sie hat
durchfliegen müssen, hat sie eräugt. Ungeahnt dringt sie vor ... sie
sieht das Gestrüpp schon in der Ferne. Sie hat nicht den Mut, sogleich
niederzustoßen und Beute zu machen. Es gilt jetzt ja mehr, als nur zu
fangen! Die Beute muß mit ... mit in die Luft hinauf und nach Hause in
den Fängen.
So stürzt sie sich denn in einen Wipfel hinein, der aus dem Dickicht
aufragt ...
Der Zweig kracht unter ihrem Gewicht und dem Griff ihrer Fänge, so daß
alle Ziegen spähen und sich aufrichten; aber jetzt, wo sie sich gesetzt
hat, verschwimmt sie mit dem Kronengewölbe und mit dem Abhang -- und die
Morgenschläfrigkeit senkt sich wieder auf die Tiere herab. In völliger
Ruhe kann sie ihre Beute auswählen: dasjenige der Zicklein das zu
äußerst liegt.
Es sind Ziegen von der kleinen, ungekreuzten verkümmerten Landrasse, ein
Zicklein wird sie schon tragen können, wenn sie es nur richtig gefaßt
kriegt. Geduldig wartet sie den günstigen Augenblick ab.
Auf einmal ist sie da!
Die Fänge bereit, vorn unter der Brust, stürzt sie sich herab. Im
Vorübersausen versetzt sie der halbschlafenden Mutterziege eine
Ohrfeige, dann paßt sie es so ab, daß sie das Zicklein noch im Fliegen
packt.
Sie hat es ... sie flattert damit über den Erdboden hin.
Es ist schwer, sie merkt, daß es nicht so recht mit in die Luft hinauf
will -- es gehört mehr Aufstiegschwung unter die Flügeldecken dazu.
Mechanisch gebraucht das Zicklein die Beine, und Strix reizt es durch
ihr Kampfgeheul zu den äußersten Anstrengungen. Der Druck unter den
Flügeln wird stärker. Bald hebt sie es leicht über Gräben und
Erderhöhungen -- und jetzt, mit einer mächtigen Kraftanspannung, nimmt
sie endlich ihren Passagier mit in die Luft hinauf.
Sie hat die Fänge in beiden Flanken des Zickleins, tief drinnen in dem
zarten Rumpf, die Qual des kleinen Opfers wird auch nur kurz, schlaff
hängt der Kopf herab, ehe Strix nur die Hälfte ihrer Flughöhe erreicht
hat. -- -- --
An diesem Morgen hat Strix etwas zu schleppen! Aber die Last ist ihr
teuer! Als sie um Sonnenaufgang, schachmatt und abgehetzt, einen langen
Schwanz von Krähen und kleinen Vögeln hinter sich, schwer durch die
Baumwipfel herabgeflogen kommt, als es Uf klar wird, daß sie die Fänge
wirklich voll hat -- da vernimmt sie die zärtlichsten Liebeslaute seiner
alten Kehle: Wap, wap, wap!
Das sind Zeiten für Strix! Tag und Nacht wechseln nicht schnell
genug ...
Der ganze hohle Baumstamm liegt voll von teilweise unangerührten
Tierleichen. Da sind Birkhühner und Rebhühner, Holztauben und Krähen,
Hasen und Rehkitzchen -- ein unvergleichlich anheimelnder, gedeckter
Tisch! Die Kleinen können nicht so schnell äsen, wie sie fangen kann,
aber ihr Sinnen ist darauf gerichtet, daß sie immer einen gewissen
Überfluß vor Augen haben; dadurch sollen sie ihre Abstammung erkennen.
Ihrem alten Uf aber ist dies Wohlleben nicht zum Vorteil! Fett und
rundlich ist er geworden, und noch älter und bequemer. Längst hat er
aufgehört, Kinderwärterin zu sein und hat sich in seine eigene
Privathöhle zwischen einem Haufen großer Steine zurückgezogen. Aber
darum hat Strix ihn nicht aufgegeben. Wenn sie in der Dunkelheit der
Nacht sein flehendes Rufen hört und begreift, daß er leidet, weil er
seinen Hunger nicht hinreichend stillen kann, so fliegt sie regelmäßig
mit seiner täglichen Nahrung zu ihm hinab.