Eines Morgens, als sie heimkehrt, sind die Jungen verschwunden. Sie
heult leise, sie ruft laut. Sie schreit wild und drohend und sucht. Den
ganzen Wald, die Kreuz und die Quer sucht sie ab; sie ist in allen
Löchern, Spalten, Öffnungen ... nein, die Jungen sind weg!
War es der große Zerstörer? War es der Marder? Er, der Marder -- -- --
neulich morgens, als sie lange weg war, hat _Taa_ die Gelegenheit
benutzt, einen Anschlag zu wagen. Das ist ja ein Leichtes für ihn, da
sich der Horst zu ebener Erde befindet! Taa war auch glücklich über die
Außenwerke des Horstes gelangt: über die großen Reisigpalisaden, den
abgelagerten Kehricht und die vielen Skelett- und Aasteile, aber
_hinaus_gekommen war er nicht wieder so glimpflich. Die Jungen hatten
ihn nach den uralten Regeln empfangen: sie hatten sich auf den Rücken
geworfen und ihm das Gesicht mit den giftigen Krallen zerfleischt. Sie
hielten ihn noch in ihren Fängen, als sie, die Alte, heimkehrte. Sie
entriß ihn ihnen und in dem Glauben, daß er tot sei, warf sie ihn weit
hinaus über den Rand des Horstes.
Aber Taa war noch höchst lebendig. Mit dem Verlust seiner halben Rute,
die ihm eines der Jungen in seiner Wut abgebissen hatte, rettete er sich
zwischen ein Gewirr von Knabenkraut.
Ha, der Marder, -- -- nein, diese Baumratte ist es nicht gewesen!
Der Sommerwind murmelt seine melodischen Gesänge, er bildet sich
Orgelpfeifen aus Astlöchern, Flöten aus Rindenspalten und gespannte
Saiten aus Zweigen und Strohhalmen. Er singt Strix mild und tönend etwas
vor, wie er so mancher andern trauernden Mutter gesungen hat.
Und Strix nimmt den Trost an -- und vergißt dann schließlich die Jungen!
Als sie sich aber im nächsten Frühling auf ihre zwei rauhschaligen,
runden Eier setzt, hat sie sich gegen die Schlechtigkeit der Welt
gesichert: diesmal brütet sie hoch oben in einem alten, ausgebesserten
Bussardhorst.
Eines Tages kommt ein Mensch durch den Wald.
Es ist ein kleiner, untersetzter Mann mit einer langen Hakennase, die
wie ein Hahnenschnabel vorspringt, und mit kleinen, stechenden Augen.
Er hinkt ... kla-datsch klingt es, wenn er geht.
Er hat eine bunte Sportmütze auf dem Kopf und trägt eine dicke,
blauschimmernde Joppe. Über der Schulter hängt an einem dünnen Bindfaden
eine alte verbeulte Botanisiertrommel. Ein paar Klettersporen,
nachlässig in Zeitungspapier gewickelt, gucken ihm aus einer Tasche und
aus der andern baumeln die Enden einer selbstverfertigten Strickleiter.
Der Mann ist Leuchtturmwärter auf einem kleinen Leuchtturm weit draußen
am Auslauf der Förde. In seiner freien Zeit, oder wenn er die Aufsicht
über den Leuchtturm seiner Frau übergeben kann, ist er ein eifriger
Trapper -- heute ist er auf dem Jagdpfad.
Sein Bezirk reicht so weit, wie der Himmel blau ist.
Im Frühling durchpflügt er alle Wälder nach Raubvogeleiern und alle
umliegenden Heiden, Moore und Sümpfe nach andern Vogeleiern. Er begnügt
sich nicht mit nur einem einzelnen Ei von jeder Art, nein, er hat
Verwendung für mehr und nimmt selten weniger als das vollzählige Gelege.
Im Sommer, wenn die Vögel ausgebrütet haben, findet man ihn wieder;
jetzt ist er darauf aus, daunige Junge in den verschiedenen Stadien zu
beschaffen. Er sammelt nicht für sich selbst, sondern für ein paar große
Geschäfte, von denen Schulen, Privatsammler und zufällige Liebhaber
unter dem Publikum ihre Versorgung bekommen.
Die Natur soll in die Stube hinein -- tot oder lebendig -- aber
in die Stube hinein soll sie! Auf Kommoden und Bücherschränken, in
Naturaliensammlungen der Schulen oder in den Glaskästen der Museen
erblickt man die letzten Überreste der ursprünglichen Fauna des Landes;
hier steht sie ausgestopft mit starren Glasaugen. Jeder zweite, dritte
Vogel, der früher so allgemein war, daß er in die Sagen des Landes
verwoben wurde, ist jetzt bald selbst nur noch eine Sage. Sie werden zu
Geld gemacht, sie werden aus den Wolken und von den Baumwipfeln
herabgeholt, um die Taschen der Leute mit klingender Münze zu füllen,
der letzte Adler, wie die unverletzlich erklärten Störche! Die Menschen
wollen die seltenen Exemplare besitzen, wollen sie in die Hand nehmen
und vorzeigen können.
»Vogelhansen« oder ganz einfach »Vogel«, wie er genannt wird, hat sich
sein Gewerbe zum Spezialfach ausgebildet, und er verdient in der
Hauptgeschäftszeit einen guten Tagelohn damit. Er ist als verwegener
unermüdlicher Bursche bekannt, der klug ist in allem, was in sein Fach
schlägt -- er ruht nicht, bis er seine Beute in der Botanisiertrommel
hat.
Als Sohn eines Holzhauers hier aus der Gegend, ist er von Kindesbeinen
an gewöhnt, im Walde umherzustreifen. Auf einer Fahrt als Schiffsjunge
hatte er in seiner grünen Jugend das Unglück, vom Mast zu fallen und
einen häßlichen Bruch des linken Schenkels davonzutragen, was ihm in
späteren Jahren die neuerrichtete Leuchtturmwärterstellung draußen am
Auslauf der Förde verschaffte. Und Dank seiner Klettersporen und seiner
unbezwinglichen Leidenschaft ist er noch immer imstande, selbst in den
Wipfel der unzugänglichsten Buche hinaufzugelangen.
Im vergangenen Jahr, als er seinen großen Fang hier im Walde machte und
-- von den schreienden und fauchenden Hähern geleitet -- Strix' zwei
possierliche, voll befiederte Junge fand, hatte er in der Nacht zuvor
einen Besuch auf ein paar Höfen abgestattet, die in einem kleinen
grünen Tal jenseits der Heide lagen. Nach Erkundigung bei einem
seiner vielen Bekannten aus der Zeit, als er noch bei den Eltern im
Hegemeisterhäuschen am Hochwalde wohnte, hatte er in Erfahrung gebracht,
daß sich auf dem Scheunenflügel des südlich gelegenen Hofes ein
Storchennest befand. Das war genug für Vogelhansen. In der Dunkelheit
der Nacht radelte er die Meile über die Heide und traf um Mitternacht
an Ort und Stelle ein.
Er findet den Hof und sieht zu seiner Freude den Storchenvater auf einem
Bein, den Kopf unter dem Flügel, auf dem Nestrande neben der brütenden
Störchin schlafen. Eine Brandstiege nehmen und sie anstellen, ist ein
Leichtes für »Vogel«, und da das Nest gerade dort liegt, wo zwei
zusammengebaute Flügel sich kreuzen, gelingt es ihm, auf Socken auf
das Strohdach hinaufzuklettern.
Der Storchenvater wehrt tapfer sein Nest gegen diesen Räuber, namentlich
die Störchin geht scharf vor; sie klammert sich an dem Nest fest und
will ihm auf keine Weise gestatten, mit der Hand über den Rand des
Nestes zu gelangen. Sie schlägt und hackt ihn in Schulter und Arm,
so daß seine Kleider lange Risse davontragen.
Da greift Vogelhansen in die Tasche, zieht eine Flasche mit Ammoniak
heraus und schleudert der Störchin ein paar gehörige Schüsse ins
Gesicht. Das hilft -- wenige Sekunden später liegt das Nest offen da.
Fünf glänzende weiße Eier schimmern ihm entgegen, ein volles Gelege!
Schnell zieht »Vogel« einen seiner Strümpfe aus, steckt vorsichtig die
Eier hinein und nimmt den Strumpfschaft in den Mund ...
Aber durch das Klappern des Storches ist der Hofhund erwacht, er fängt
an zu kläffen und zu bellen: im Wohnhaus wird Licht angezündet und einen
Augenblick später klappern Holzschuhe über das Steinpflaster.
Da gilt es, sich zu beeilen! Vogelhansen setzt sich auf seine vier
Buchstaben, hält die geraubten Eier mit der rechten Hand hoch in die
Höhe und rutscht resolut vom Dach herunter. Aber in der Eile verfehlt er
die Leiter, er muß der Sache ihren Lauf lassen -- und wie ein Schlitten
nach einem Luftsprung saust sein Körper in die Luft hinaus. Da hat er
das unverschämte Glück, daß der Düngerhaufen sich gerade unter ihm
befindet: er fällt weich -- in einen großen Haufen Streu hinein. Er
greift nach seinen Schuhen und nimmt Reißaus über die Heide.
Alle Storcheneier waren heil geblieben -- er hatte für seine
Verhältnisse einen ungewöhnlichen Fang gemacht!
-- -- --
Jetzt ist er wieder hier in der Gegend.
Ein eifriger Sammler hat ihm einen hohen Preis für die Beschaffung eines
vollen Geleges Eier von dem großen Uhu geboten. Für den Sammler gilt es,
die Eier zu erlangen, solange der Vogel überhaupt noch vorhanden ist.
Aus seiner Knabenzeit und von seinen späteren zahlreichen Besuchen hier
ist der kleine Leuchtturmwärter mit sich im Klaren, wo ungefähr er
suchen muß. Er geht geradeswegs nach der Stelle, wo er im vergangenen
Jahr das Eulennest gefunden hat und beginnt von hier aus, den Wald in
immer größeren Kreisen zu durchtraben.
Er ist eifrig. Dem kurzen Bein wird es schwer, Schritt zu halten, ihm
muß mit einem dicken, eisenbeschlagenen Eichenknittel nachgeholfen
werden, dessen Krücke so gebogen ist, daß sich der Stock schnell in die
Seitentasche einhaken läßt, wenn »Vogel« die Hände frei haben will. Er
klopft an die Stämme und guckt in die Wipfel hinauf, er kratzt an den
alten Eichenstubben und jagt den Stock bis an die Krücke unter alle
Wegüberführungen und in die alten, mit Laub angefüllten Fuchsröhren.
Strix liegt auf ihren Eiern wie ein Huhn, flach ausgestreckt -- mit
gesträubten Hörnern ...
Schon aus weiter Ferne hört sie den eigenartigen Gang des Mannes.
Kla--datsch, klingt es, kla--datsch, kla--datsch ...
Als Strix eben flügge geworden und unbekannt mit der Welt war, hatte sie
eines Tages ein possierliches Tier im Walde umhertrollen sehen. Es ging
auf der hohen Kante und benutzte nur seine beiden hinteren Beine, die
beiden andern baumelten an der Seite herab. Wieder und wieder kehrte
es zurück, strich mit den Vorderpfoten an den Bäumen entlang und spähte
wie ein Hahn in die Wipfel hinauf. Strix hatte beobachtet, daß es eine
ungewöhnliche Fähigkeit besaß, die Farbe zu wechseln; bald war der Pelz
grau, bald schwarz, bald beides ... es war ein Mensch.
Der Mensch hatte sich ein Nest aus Steinen zusammengetragen, das lag
draußen am Waldessaum und nicht weit von ihrem Horstbaum. Sie fand das
Nest eines Abends und sah den Menschen hineingehen und vor ihren Augen
verschwinden.
Lange Zeit blieb sie draußen sitzen und starrte das Loch an, durch das
der Mensch verschwunden war. Er war eine sonderbare Erscheinung, fand
sie. Sein Gang und sein Treiben, sein scharfer Geruch erregten ihre
ganze Neugier.
Sie konnte es nicht lassen, den Menschen anzusehen, ihm aus der
Entfernung zu folgen, sie fürchtete ihn instinktiv, ohne sich erklären
zu können, weshalb, fühlte sich aber trotz alledem mächtig von ihm
angezogen. Er kam nie in Eile, der Mensch, nie plötzlich überraschend,
wie das Raubtier, er trollte gleichsam umher und kümmerte sich nur um
sich selbst. Er knöhrte nicht wie der Hirsch, heulte nicht wie der Hund,
er quakte im Grunde wie ein großer Frosch.
Nur selten geschah es, daß der Mensch des nachts ausging; geschah es
aber, so sah Strix, wie er auf seinen nächtlichen Wanderungen durch
den stillen Wald gleichsam zum Narren gehalten wurde. Da ging er und
stolperte schwerfällig auf seinen Klumpfüßen und stieß bei jedem Schritt
ein Stück Ast in die Erde -- kla-datsch klang es, kla-datsch -- während
es rings umher in der Dunkelheit von neugierigen Tieren wimmelte. Alle
kannten sie seine Unterlegenheit!
Der Fuchs lag hart am Wegrande zwischen den Farnen, der Rehbock stand
nicht zwei Sprünge davon zwischen den Stämmen, der Marder guckte ruhig
unter einem Stein hervor, und das Stachelschwein trabte in seinen
Fußstapfen und schnüffelte an seinen klappernden Ballen.
Alle hatten sie ihn lange, lange gesehen und gehört, ehe er vor ihnen
stand; alle wußten sie, daß er in der Dunkelheit blind und taub war.
Stand er aber plötzlich still, so erfaßte die ganze Schar ein Schrecken;
Strix hörte sie davonstürzen, und sie empfand selbst ein sonderbar
beklemmendes Gefühl im Halse.
-- -- --
Dasselbe beklemmende Gefühl stellt sich jetzt wieder ein, als sie
plötzlich das Kla-datschen unter sich hört und den Menschen zwischen
den Stämmen auftauchen sieht.
Sie dreht den Kopf ganz nach ihm herum ...
Aber was soll sie fürchten?
Sie hat ja ihren scharfen Schnabel und ihre spitzen Fänge; noch nie
haben diese beiden mächtigen Waffen sie im Stich gelassen, wenn Not am
Mann war; die Fänge greifen fest zu und bohren sich ein Loch da, wo sie
anpacken -- und der Schnabel gibt den Fängen nichts nach.
Und dann hat sie ja die Flügel.
Wie sie hier so im Baum liegt und auf die Erde hinabsieht, fühlt sie
sich dem großen, lächerlichen Tier unendlich überlegen; sie kann sich ja
von ihm weg emporschwingen und ihn unter sich kleiner und kleiner werden
sehen. Auch das ist gleichsam eine Befreiung!
Nein, was soll sie fürchten! Sie hat den Übermut und die Sicherheit
aller großen Vögel, sie besitzt den Glauben an sich selbst und das
Vertrauen zu den eigenen Fähigkeiten und Kräften.
Da auf einmal fängt ihr Horstbaum an zu zittern und zu beben. Sie hört,
wie sich große, gehörnte Krallen einen Weg am Stamm hinauf bahnen.
Sie preßt sich fester auf ihre Eier, rollt mit den Augen und faucht wie
eine Kröte.
Die Krallen kommen näher und näher -- und machen dann plötzlich unter
ihr Halt. Da fängt sie an zu jammern und zu klagen wie eine Bruthenne
und stößt eine Reihe tieftönender Aah -- Aah aus ...
Dem Leuchtturmwärter klingt es, als klage ein todkranker, leidender
Mensch.
Das Herz pocht in ihm! Wenn jetzt nur Eier und keine Jungen im Nest
sind, ist er seines Fanges so gut wie sicher. Er zieht seine
Strickleiter heraus und befestigt sie an einem Zweig.
Da tönt es plötzlich wie ein Tju vor seinem Ohr. Die Mütze fällt ihm ab
und drei lange tiefe Risse, aus denen Blut hervorquillt, zerfetzen ihm
die Wange.
Es ist Strix, die jetzt angreifend zu Werke geht; endlich ist ihre
Geduld erschöpft.
Aber da gibt's kein Erbarmen! Auch auf diese Möglichkeit ist Vogelhansen
vorbereitet; er wirft seinen Rock über den Kopf und zieht einen alten
Fechthandschuh über die rechte Hand -- dann betäubt ein halber Liter
Ammoniak den Uhu, und es gelingt ihm, das Nest zu plündern.
Strix fliegt in der Verwirrung eine Strecke über den Wald hin und fällt
dann ohnmächtig zwischen den Bäumen nieder.
Als sie aus der Betäubung erwacht und hustet und nach Atem ringt, steht
das Hahnengesicht des Leuchtturmwärters mit den kleinen stechenden Augen
noch immer vor ihrem inneren Blick. Die Augen starren sie gieriger an
als die der Füchse, wenn sie, neidisch auf ihren Fang, geifernd um sie
herum sitzen, und sie sind grausamer und berechnender kalt als der
Blick, den ihr Taa an jenem Tage zuschleuderte, nachdem sie ihn
unversehens aus den Klauen der Jungen errettet hatte. Und gegen ihr
Trommelfell hämmert es: Kla-datsch, kla-datsch! ...
Die Fußtritte kann sie nie wieder vergessen!
Später legte sie noch einmal und lag getreulich wochenlang brütend auf
einem einzigen, erbärmlichen, kleinen Ei.
Aber, woran es liegen mochte -- aus dem Ei wurde nie etwas anderes als
die Schale.