#dray#[29] wie man hier sagt, oder einen Güterkarren besorgen, Euere
Sachen in die Stadt zu schaffen, und dann sind wir in zehn Minuten
untergebracht.«
»Oh dazu brauchen wir keinen Karren« riefen aber die beiden; »die packen
wir auf und tragen sie selber, wenn's weiter Nichts ist -- die Frauen
tragen die zwei da, und wir die hier, mein Junge bleibt bei den Übrigen
zurück und die holen wir dann nachher.«
»Gut, wie Ihr wollt; aber Leute das muß ich Euch gleich sagen, lange
Zeit kann ich hier nicht mehr stehn bleiben, denn ich habe noch viel zu
thun, und hier schon mehr Zeit versäumt als ich vor meiner eignen
Familie verantworten möchte. Wir haben hier ein Sprichwort in Amerika
»Zeit ist Geld« und das werdet Ihr wohl noch ebenfalls kennen lernen.«
Es bedurfte übrigens keines weiteren Zuredens von seiner Seite, denn den
armen Teufeln, die sich noch vor wenigen Minuten vor Hunger und Noth
gefürchtet hatten, stak der versprochene gedeckte Tisch jetzt im Kopf,
auf dem sie im Geist jetzt schon alle geträumten Herrlichkeiten der
neuen Welt aufgestapelt sahen, und nach kurzer Berathung untereinander
griffen sie ihre großen, mit eisernen Henkeln versehenen Koffer auf und
baten den Fremden, hinter dem sie gleich darauf herkeuchten, ihnen den
Weg zu zeigen.
Sie hatten nicht weit zu gehn; gleich die nächste Straße hinauf, die
nach der Vorstadt Lafayette hineinlief, über die zweite Queerstraße hin,
leuchtete ihnen schon von fern ein großes weißes Schild entgegen, auf
dem mit großen schwarzen Buchstaben die Worte »_Deutsches Gasthaus zum
deutschen Vaterland_« standen.
»Dort ist gleich ein deutsches Wirthshaus; wollen wir anfragen?« frug
sie ihr Führer.
»Ja wenn Sie glauben« meinte der eine Oldenburger.
»Eins ist so gut wie das Andere,« sagte Jener achselzuckend -- »setzt
nur erst einmal Euere Kiste vor die Thür, und wir wollen hinein gehn und
mit dem Mann sprechen; nachher könnt Ihr ja dann noch immer thun was
Euch gut dünkt.«
Dagegen ließ sich Nichts sagen, und die Männer betraten gleich darauf
einen kleinen, ziemlich engen Saal, der als Schenkzimmer benutzt und
durch einen etwas schmutzigen weißen Vorhang von dem nächsten Gemach, in
dem sie viele Stimmen hörten, getrennt wurde. Ein Schenktisch war hier
an der einen Seite aufgestellt, auf dem eine Masse umgedrehte leere
Gläser und einige kleine Flaschen standen, während dahinter, auf langen
Regalen, drei oder vier Reihen mit verschiedenen Spirituosen gefüllte
gläserne Karaffen geordnet und mit dazwischengelegten Orangen und
Citronen verziert waren. Hinter dem Schenktisch, oder der »#bar#« wie
ein solcher Platz in Amerika genannt wird, stand ein junger stämmiger
Bursche von vielleicht fünf oder sechs und zwanzig Jahren, mit glatt
zurückgekämmten blonden Haaren, fast auffallend großen Ohren, stieren,
aus dem Kopf ordentlich herausstehenden blauen Augen, und einem sehr
runden, halb geöffneten Mund, was ihm ein sehr erstauntes überraschtes
Aussehn gab, sonst aber so leicht und bequem an- oder vielmehr ausgezogen,
wie das nur irgend möglich war. Er trug Sommerhosen und Weste, aber
weder Rock noch Jacke, und die Hemdsärmel bis hoch über die Ellbogen
aufgekrempelt, wobei er die sehnigen muskulösen Arme auf dem Schenktisch,
etwas weit auseinander, aufgestemmt hatte, und mit vorgebeugtem Körper
die Neuangekommenen gerade so anstarrte, als ob er sich nur erst einen
von ihnen aussuchen und diesem dann augenblicklich auf den Hals springen
werde.
»Hallo Jimmy« rief der Fremde in ziemlich vertraulichem Ton, als er zwei
von den Männern, die verlegen an der Thür stehn blieben, hier eingeführt
hatte -- »wie gehts Mann, immer noch frisch und munter?«
»Ja wohl Schentelmen« sagte Jimmy, drei frische Gläser auf dem Tisch
umdrehend und die Frage etwa so beantwortend, als ob sich der Mann
erkundigt hätte ob er noch etwas zu trinken habe -- »was Ihr Herz
begehrt -- was solls sein?«
»Nun ich nehme einen Gin cocktail«[30] sagte der Führer -- »und was
trinkt Ihr, Leute? -- kommt nur herein, das geht jetzt in Einem hin, und
trinken müssen wir doch.«
Die Deutschen bedurften erst noch einer Nöthigung, während sie der
Ausschenker oder #barkeeper#, wie diese Leute sämmtlich heißen, mit
immer höher steigenden Augenbrauen und immer stierer werdenden Augen,
ohne einen Blick von ihnen zu verwenden, anstarrte. Endlich entschlossen
sie sich nach einem Glas Bier zu fragen, das sie durch eine ihnen
merkwürdig erscheinende Vorrichtung aus einem Zinnrohre eingeschenkt
bekamen, das mit einem niedergebogenen Schlauch versehn aus dem
Schenktisch auflief, und durch ein hinter demselben angebrachtes
Pumpwerk aus dem Keller, oder wenigstens dem in die Erde gegrabenen Faß
herauf, gespeißt wurde.
»Nun Jimmy trinkst Du Nichts?« sagte der Fremde.
[Illustration: Capitel 9.]
»#Thank you#«[31] sagte Jimmy, füllte sich in ein Glas ein paar Tropfen
Brandy, und goß es auf einen Schwung hinter, fuhr dann mit den geleerten
Gläsern blitzschnell unter den Schenktisch in einen dort angebrachten
Kübel mit Wasser, schwenkte und trocknete die Gläser, die wieder
auf ihren alten Platz kamen, und seinen Händen dann eine gleiche
Gefälligkeit erweisend stemmte er die Arme wieder wie vorher auf den
Tisch und sagte:
»#Two bits!#«[32]
Der Fremde rief ihm aber auf Englisch ein paar Worte zu, welche die
Auswanderer nicht verstanden und der #barkeeper#, der sie jetzt noch
viel stierer ansah als vorher sagte plötzlich:
»Hier boarden?«
»Die Leute verstehn noch kein Englisch Jimmy, und wissen nicht was
boarden ist -- _wohnen_ wollen sie hier allerdings -- habt Ihr Platz?«
»#Lots#« lautete die lakonische Antwort.
»Gut, dann zeigt ihnen einen Platz wo sie ihr Gepäck unterbringen und
wohin wir die Frauen mit den Kindern schaffen können -- wie viel macht
es die Woche #à person?#«
»Drei Dollar ohne Bitteres --«
»Unsinn, Bitteres, wenn sie trinken wollen zahlen sie's apart; sie
werden auch schwerlich eine Woche hier sein, sondern gleich auf Arbeit
gehn -- hier Nichts im Hause, Jimmy?«
»Arbeit?« lachte der Barkeeper mit einem breiten Grinsen wobei ihm die
Augen fast aus dem Kopf herausfielen -- »wir sind froh daß wir selber
Nichts zu thun haben.«
»Nun macht Nichts, wollen das schon besorgen -- Also schafft die Sachen
nur hier herein, der Mann da wird Euch gleich eine Stelle zeigen, wohin
Ihr sie bringen könnt, und Jimmy, seid so gut notirt es Euch -- sieben
Personen« setzte er dann auf Englisch hinzu »und die vier Kinder können
wir zwei rechnen.«
»Alles in Ordnung Mr. Messerschmidt« antwortete ihm der #barkeeper#
ebenso -- »doch Alles sicher?«
»Alles --« sagte der Mann, der sich der Deutschen so freundlich
angenommen, und dann sich wieder in ihrer Sprache zu ihnen wendend,
setzte er hinzu -- »Euere Tochter da, werde ich wahrscheinlich selber
bei einer entfernten Verwandten von mir unterbringen können, darüber
bringe ich Euch aber erst morgen Antwort; unter der Zeit laßt es Euch
übrigens wohl sein und macht's Euch bequem. Ihr habt hier ein eben so
gutes Recht zu wohnen wie jeder Andere und bezahlt eben so gut dafür,
ob nun das gleich baar auf den Tisch oder erst in drei oder vier Wochen
ist, bleibt sich ganz gleich. So #goodbye# Jimmy -- adieu Ihr Leute
-- ich werde morgen einmal wieder nachfragen wie es Euch geht.«
Der Mann verließ mit einem freundlichen Kopfnicken gegen die Leute das
Schenkzimmer, und die Oldenburger, von dem Barkeeper dazu angewiesen,
vor dem sich die Kinder aber fürchteten, weil er ihnen heimlich
Gesichter schnitt -- schafften bald ihre großen hölzernen Koffer mit
Geschirr und Allem, seitwärts von der Hausthüre über einen engen Hof,
eine schmale wacklige Stiege hinauf und in ein kleines Käfterchen, das
der Mann ein Zimmer nannte, und wo fünf Betten so dicht neben einander
aufgestellt waren, daß sie auch eben so gut als eines gelten konnten. In
die mittelsten mußte man auch in der That über die beiden Eckbetten hin
oder über ihre Fußenden hinübersteigen.
Ungemüthlich genug sah der Platz ohne dem aus; die Betten waren noch
nicht einmal gemacht, und das Bettzeug sah gelb und gebraucht aus,
mit kleinen Blutflecken hie und da wie gesprenkelt, ein böses Zeichen
vorhandenen Ungeziefers. Die Fenster waren ebenfalls seit Jahren nicht
gewaschen, und die Spinnweben füllten die Ecken mit ihren Generationen.
Zwischendeckspassagiere sind aber in der Art gerade nicht eigen, und
an solche »Unbequemlichkeiten« wie sie es gewöhnlich nennen, noch vom
Schiff aus viel zu sehr gewöhnt, wenigstens gleich in den ersten Tagen
dagegen zu protestiren, besonders wenn sie wenig oder gar kein Geld
bei sich haben, und sich dadurch gedrückt und nur geduldet fühlen. Die
Oldenburger nun gar dachten nicht daran sich auch nur über das Geringste
zu beschweren, hatten sie doch ein Dach gefunden unter dem sie gegen
Regen geschützt lagen, und ein gedeckter Tisch war ihnen ebenfalls
versprochen worden. Was konnten sie mehr verlangen, wo sie noch wenige
Stunden vorher in Verzweiflung an der Levée draußen gesessen, und keinen
Platz gewußt hatten ihr Haupt hinzulegen.
Noch waren sie übrigens mit dem Ordnen ihres Gepäcks nicht einmal
fertig, als eine Klingel unten tönte, und der Barkeeper wieder in
das Zimmer stierte und ihnen ankündigte es wäre »zu Dinner gebellt
worden.«[33]
»Dinner gebellt?« rief der eine von den Männern erstaunt -- »_wir_ haben
keinen Hund mit.«
»Hund mit? -- wer spricht denn von einem Hund?« brummte aber der
Barkeeper, »zu Dinner ist gebellt -- das Essen ist fertig und Ihr müßt
Euch bereit halten; wenn's wieder läutet wird gegessen; aber die Männer
kommen zuerst dran, und nachher die Weibsen mit den Kindern -- s'ist
wegen dem Platz.«
»Ja so« sagte der Mann, »nun versteh' ich's -- wir können noch kein
englisch.«
Der Barkeeper sah sie wieder eine ganze Weile, ohne eine Miene zu
verziehen stier an, drehte sich dann um, schnitt dem jüngsten Kind ein
so furchtbares Gesicht daß dieses laut aufschrie, und schlug dann die
Thür hinter sich in's Schloß daß die Scheiben klirrten.
»Ist das ein sonderbarer Mensch« rief die eine Frau, »und wie er spricht
-- aber wir sollen jetzt zum Essen hinunter gehn -- ich fürchte mich
ordentlich.«
»Fürchten? -- vor dem Essen? na ja« sagte ihr Mann -- »ich möcht' mir
lieber die Ärmel dazu aufstreifen, so 'nen Hunger hab' ich; aber kommt
nur, da bimmelts schon wieder -- was der nur mit dem _Bellen_ wollte?«
Es blieb ihnen indeß keine lange Zeit zu weiteren Betrachtungen, denn
die Glocke unten läutete allerdings schon wieder, und die Männer
schlugen sich deshalb rasch den Staub ein wenig mit den Händen von den
Ärmeln, dem Rockkragen und den Hosen vorn herunter, und stiegen die
Treppe nieder, wo ihnen das merkwürdige Gesicht des Barkeepers, der
seine Nase an einer der Fensterscheiben des vorderen Gebäudes breit und
weiß drückte, und dadurch nur noch wunderlicher aussah, schon zunickte
sie sollten machen daß sie herein kämen. Das ließen sie sich denn
auch nicht zweimal sagen, und betraten gleich darauf einen ziemlich
geräumigen Speisesaal, in dem eine lange Tafel aufgestellt, mit Speisen
bedeckt, und schon auch fast vollständig von Gästen besetzt war.
»Hallo die Oldenburger!« rief ihnen da eine bekannte Stimme vom anderen
Ende der Tafel, wo noch ein paar freie Sitze waren, entgegen, »wo kommt
_Ihr_ her, vom Schiff?«
Die Leute schauten überrascht dorthin, und erkannten jetzt zu ihrem
Erstaunen eine ganze Menge bekannte Gesichter an der Tafel, die, so
wenig sie sich an Bord um sie bekümmert hatten, jetzt doch freundlich
grüßend nach ihnen herübernickten, und ganz zufrieden damit schienen
unter den vielen Fremden um sie her ebenfalls Bekannte zu treffen.
In der That hatten sich aber wirklich ein paar ganze Coyen von den
Zwischendeckspassagieren der Haidschnucke hier versammelt, von denen die
meisten schon am ersten Morgen nach ihrer Ankunft, und zwar durch einen
in der Stadt gefundenen Deutschen herrecommandirt, eingezogen waren.
Herr Messerschmidt mußte in dieser Zeit ungemein thätig gewesen sein,
und die Oldenburger sahen die Leute hier richtig wieder Coyenweis,
alter Gewohnheit nach, neben einander sitzen und erkannten die Herren
Steinert, Mehlmeier und Schultze, und neben diesen den schwärmerischen
Theobald, während nur ein paar Stühle weiter, durch ein paar fremde
Gesichter getrennt, auch Herrn Theobalds anderer Coyengenosse und
Schlafkamerad der finstere schwarze Gesell der sich Meier an Bord
nannte, Platz genommen. Aber seine Frau saß nicht neben ihm, obgleich
mehrere andere Frauen zugegen und keineswegs, wie der Barkeeper gegen
die Oldenburger angedeutet hatte, von der ersten Tafel ausgeschlossen
waren.
Diese ließen sich aber immer noch mit einer gewissen Scheu an dem, für
ihre Begriffe kostbar besetzten Tische nieder; das verlor sich jedoch
schon bedeutend nach der Suppe, und verschwand gänzlich wie sie die rege
Geschäftigkeit der um sie her Essenden bemerkten, bis sie eben so tapfer
zulangten als irgend Einer der Übrigen.
Das Gespräch bei Tisch führte indessen fast allein ihr früherer
Reisegefährte Steinert, der hier schon so zu Hause schien, als ob er
seit Jahren Stammgast gewesen, und mit allen Leuten bei Tisch auch
bekannt geworden sein mußte, denn er nannte sie sämmtlich bei Namen,
und lachte und erzählte nach Herzenslust. Mehlmeier amüsirte sich dabei
am meisten über seine Witze, die er aber etwas schwer begriff, und
gewöhnlich erst dann an zu lachen fing, wenn die Übrigen das Erzählte
schon beinah wieder vergessen hatten. Da er aber bei seinem Lachen ein
sehr weinerliches Gesicht schnitt, merkten das nur seine nächsten
Bekannten.
Schultze beobachtete wieder nach seiner gewohnten Weise die ganze
Tischgesellschaft, hielt, wenn das heimlich und unbemerkt geschehen
konnte, seine aufgehobene und breitgedrehte Hand halb unter die
verschiedenen Physionomieen und Profile und fuhr dann, wenn sich Einer
der also auf's Korn genommen zufällig nach ihm umdrehte, so zusammen und
griff rasch nach Messer oder Gabel oder seinem Glase, als ob er irgend
etwas Böses begangen hätte und dabei erwischt wäre.
Theobald auf der einen Seite und Meier auf der anderen sprachen bei
Tisch kein Wort und beendeten, wie die meisten der Gäste, so rasch als
möglich ihre Mahlzeit, und als Alle aufgestanden waren, wurden die
Teller und Messer und Gabeln gewechselt, dann die Frauen und Kinder mit
den Hausgenossen in den indeß von den Übrigen geräumten Speisesaal
gerufen, und die zweite Tafel hielt, unter dem Vorsitz des Barkeepers
der einen mächtigen Rinderbraten unter sie vertheilte, ihre Mahlzeit.
Nach Tisch zerstreuten sich fast sämmtliche Gäste durch die Stadt, ein
Theil seinen Geschäften nachgehend, ein anderer, der noch keine hatte,
zum Vergnügen oder aus langer Weile durch die Straßen zu schlendern, die
für sie des Neuen und Eigenthümlichen auch genug boten. Das Abendessen
war auf sechs Uhr angesetzt worden, und verlief dann in eben der Ordnung
wie der Mittagstisch, nur mit dem Unterschied daß die meisten der Gäste
nicht mehr ausgingen, oder nach einem kürzern Spatziergang durch die
Stadt oder über die Levée, die um diese Tageszeit den Sammelplatz
der vornehmen Welt von New-Orleans bildet, wieder in das Gasthaus
zurückzukehren, und dort bei einem Glase gutem französischen Wein oder
schlechtem Cincinnati-Bier die Erlebnisse des Tages zu besprechen.
Heute aber ging es besonders lebhaft in der kleinen, hinter dem
Schenkzimmer gelegenen Gaststube her, denn der Dampfer von New-York
war mit neuen deutschen Zeitungen eingetroffen, und den eben erst
angekommenen Passagieren, die seit ihrer Abfahrt von dort auch keine
Sylbe aus der Heimath gehört, war es besonders ein ganz eigenthümliches
Gefühl, Berichte von Monate alten Daten als eben Geschehenes zu
erhalten, und sich darüber zu freuen.
Vor allem Anderen wurde die Politik durchgenommen -- die Leute durften
sich hier eine Güte thun und frei und ungescheut über Verhältnisse
schimpfen, denen sie dort entgangen waren; dann kamen die Hofnachrichten
aus einem Königlichen Blatt, in dem die Privatnachrichten über die hohen
und höchsten Herrschaften, und wann allerhöchst dieselben zu speisen
geruht etc., etc., etc., laut vorgelesen und mit Jubel begrüßt wurden.
Die Ordensverleihungen wurden ebenfalls laut und gewissenhaft vorgelesen
bis die Leute die spaltenweisen Austheilungen satt bekamen und Anderes
hören wollten.
»Oh hören Sie auf mit dem Unsinn,« rief Herr Schultze endlich, sich die
Hände reibend, »wir sind hier froh, daß wir nichts mehr damit zu thun
haben; Herr Steinert, lesen Sie uns etwas Gescheuteres vor.«
»Etwas Gescheutes verlangen Sie aus einer deutschen Zeitung sehr
verehrter Herr Reisegefährte?« rief aber der Weinreisende über das Blatt
nach ihm hinüber lachend, »da thut es mir leid Ihnen nicht willfahren zu
können, ich müßte Ihnen sonst hinten die Subhastationen oder Steckbriefe
vorlesen, von denen ich da drüben in der Weserzeitung eine ganze Menge
gesehen habe.«
»Apropos Steckbriefe,« rief Mehlmeier mit seiner feinen Stimme, »haben
Sie wohl schon nachgesehn, ob sie dem armen Jungen keinen hinterher
schicken, der mit der Haidschnucke so glücklich fortgekommen ist? -- wie
hieß er doch gleich, Berger glaub ich?«
»Ja wohl Carl Berger,« rief Steinert, »da wollen wir doch gleich einmal
sehen, bitte -- erlauben Sie einen Augenblick« sagte er dabei, seinem
Nachbar, einem kleinen dürren Männchen mit einer Brille, der ungeheuere
Ähnlichkeit mit einem kleinen deutschen Beamten hatte, sich aber schon
längere Zeit in New-Orleans aufhielt, die Zeitung, in der dieser gerade
las, ohne weiteres aus der Hand nehmend.
»Bitte tausend Mal um Entschuldigung,« sagte der kleine Mann sehr artig,
»ich glaubte sie würde nicht gebraucht.«
»Bitte -- bitte« -- murmelte Steinert zerstreut, mit den Augen dabei die
klein gedruckten Spalten der gerichtlichen Ankündigungen überfliegend
-- »Über den Nachlaß des am 12. Februar verstorbenen Fuhrmanns -- das
ist Nichts -- auf den herrschaftlichen Gütern zu Hellbhausen sollen am
5. nächsten Monats -- auch Nichts -- hier kommen die Steckbriefe -- der
Korbmacher Carl Christoph Hinterleben von Ehlstein -- der war's nicht,
aber halt wahrhaftig« -- rief er plötzlich, mit der linken Hand dabei
auf den Tisch schlagend -- »hier haben wir ihn« --
»Der unten signalisirte Lohgerber, Carl Eduard Berger, zwanzig Jahr
alt, hat sich seiner Militairpflicht heimlicher Weise durch die Flucht
entzogen, und werden sämmtliche Justiz-und Polizeibehörden ersucht -- ja
wohl -- versteht sich von selbst -- alle Justiz- und Polizeibehörden
ersucht den besagten Carl Eduard Berger zu arretiren und hierher
abzuliefern!«
»Dem fuhr es damals übrigens verdammt dicht am Leder vorbei; wenn sie
ihn erwischt hätten wär es ihm schlecht gegangen. Wetter noch einmal es
muß doch ein ganz wundervolles Gefühl sein, wenn man irgendwo was
ausgefressen hat, mit den Rothkragen auf der Ferse am Ende glücklich
Salzwasser erreicht, und nun draußen frank und frei, mit _einem_ Schlage
jeder Furcht vor Verfolgung enthoben, »durch die Wellen streicht,
Fridolin«.«
»Nun sogar gefährlich sind die Leute doch auch nicht immer,« lächelte
Herr Schultze freundlich vor sich hin, »wissen Sie die Gesellschaft,
die uns die Herrn mit den egalen Mützen selber noch im Hafen an Bord
brachten?« --
»Oh Doris, wärst Du nur verschwiegen,« citirte Steinert seinen
Lieblingsschriftsteller; »was hilft es solche Sachen an die große Glocke
zu schlagen.«
»Nein, das seh ich aber gar nicht ein,« sagte Herr Schultze, »wenn die
Regierungen indiscret genug sind ehrlichen Menschen zuzumuthen mit
solchem Gesindel eine solche Reise zusammenzumachen, weiß ich auch nicht
warum _wir_ so discret sein sollen nicht darüber zu sprechen, oder
vielmehr darüber zu schimpfen.«
»Aha,« sagte ein anderer Deutscher, der ebenfalls mit ihnen an einem Tisch
saß und bis jetzt den Gesprächen der Einwanderer aufmerksam zugehört
hatte, indem er immer die Sprecher mit seinen kleinen lebendigen Augen
fest und stechend ansah; der Mann trug einen großen rothen Schnurrbart,
hatte sonst aber, außer einer rothen Nase und etwas bramarbasirend
zusammengezogenen Stirnfalten, viel Gutmüthiges im Gesicht -- »aha,«
sagte dieser jetzt, »wieder eine Sendung von Correktionsfleisch
mitgekommen? -- könnte es der Regierung der Vereinigten Staaten
wahrhaftig nicht verdenken, wenn sie Gleiches mit Gleichem vergälte und
auch einmal eine Sendung _ihres_ Auswurfs mit guten Pässen versehn nach
Deutschland hinüberschickte. Drüben schimpft das Gesindel auf unser
Land, und thut dabei alles Mögliche was in seinen Kräften steht die
Bevölkerung hier zu vergiften -- hilft ihnen aber doch Nichts, den
Neidpilzen, die sich über unsere freie Verfassung ärgern, und denen es
ein Dorn im Fleische ist daß wir hier in einer _Republik_ glücklich
leben; es ist als ob sie den Ocean mit ein paar Eimern Schmutz trüben
wollten.«
»Sie sehn die Sache zu schwarz an, verehrter Herr,« nahm Steinert das
Gespräch auf, »den Leutchen daheim liegt weniger daran hier in Amerika
eine wesentliche Veränderung hervorzubringen, als nur die einzelnen
Individuen los zu werden. Ihr Vergleich mit dem Meer ist aber
vortrefflich. Amerika nimmt diese Körper in sich auf, verarbeitet sie,
theilt ihnen seine Reine mit und läutert sich selber -- halb zog sie
ihn, halb ging er mit, und ward nicht mehr gesehn.«
»Papperlapapp!« rief aber der Mann mit dem großen Schnurrbart, dem an
Steinert's Beistand in seiner Ansicht gar Nichts gelegen schien, »das
klingt auswendig vernünftig, und ist inwendig baarer Unsinn -- läutert
sich -- ja wohl läutert es sich, nimmt aber »diese Körper«, wie Sie das
Gesindel nennen, nicht in sich auf, sondern hängt sie an Galgen oder
Baum, was gerade am bequemsten und nächsten ist.«
»Hängen,« sagte Steinert, der sich durch die Bemerkung beleidigt fühlte,
unwillig mit dem Kopfe schüttelnd -- »Nürnberger -- hat sich was -- für
_einen_ Schurken liefert Deutschland auch dafür dem rohen Lande hier
_tausend_ ehrliche Hände und _geistreiche Köpfe_ dazwischen, die Schwung
hier in die Geschäfte bringen, die den Amerikanern zeigen müssen, wo
Barthel eigentlich den Most holt.«
»Die haben _Sie_ wohl mit herüber gebracht?« sagte der Rothbart wieder
mit einem boshaften Blick auf den Weinreisenden; dieser aber hielt es
unter seiner Würde sich mit dem »ungebildeten Menschen« in weiteres
Gespräch einzulassen und nahm, ohne etwas auf die Frage zu erwiedern,
und indessen Herr Schultze aus einem anderen Blatte jetzt einige
politische Neuigkeiten vorlas, seine Zeitung wieder vor.
»Beim Obertribunal kam kürzlich folgender interessanter Proceß in
Kassationsinstanz« -- las Schultze -- »zur Entscheidung -- Kläger war
das Handlungshaus J. M. Oppenheimer in Rodach am Main -- Verklagter der
Justiz Commissar Ohnewetter in --«
»Scheußlich -- niederträchtig!« unterbrach Steinert da plötzlich,
ohne sich weiter um die Vorlesung zu kümmern, den erstaunt zu ihm
aufsehenden Schultze, »nein das ist nichtswürdig.«
»Was ist denn, was giebts?« frugen die Andern dazwischen, neugierig
durch die Ausrufungen gemacht.
»Nein abominabel!« rief aber Steinert noch einmal, »ha das Schrecklichste
der Schrecken, das ist der Mensch in seinem Wahn.«
»Na, wer ist nun wieder todt, Herr Steinert?« frug Mehlmeier aus seiner
Ecke vor, in der er sich ganz gemüthlich mit einem Glas Eierpunsch
niedergelassen hatte -- »war er lange krank?«
»Nein hören Sie nur,« rief aber Steinert in gerechter Entrüstung dem
Mann, dem er vorher die Zeitung weggenommen hatte, jetzt auch das Licht
vor der Nase wegziehend und vor sich hin rückend, »man sollte wirklich
kaum glauben, daß etwas derartiges möglich wäre.«
»Aber zum Teufel so schießen Sie doch einmal los!« rief Herr Schultze,
der endlich ungeduldig wurde, und über seine Brille, die er beim Lesen
aufsetzen mußte, mit seitwärts gehaltenem Kopfe nach dem Besitzer der
Weserzeitung hinüber sah, »was ist denn vorgefallen.«