er behauptete schon die billigste Summe angegeben zu haben. Dem Professor
aber zu beweisen wie er gern erbötig sei Alles in seinen Kräften
stehende zu thun ihn zufrieden zu stellen, erbot er sich ihm, wenn
sie sich über den Kauf einigten, noch ein solches Blockhaus an der
bezeichneten Stelle _unentgeldlich_ neu aufzurichten, wie ebenfalls ihn
so lange bis das hergestellt sei mit der eigenen Familie, während der
Weber gleich hinaufziehen sollte mit arbeiten zu helfen ohne weitere
Bezahlung dafür zu nehmen, zu verköstigen.
Das war ein Vorschlag zur Güte, und am zweiten Tag, nachdem die Frau
Professorin -- zum ersten Mal in ihrem Leben im Sattel -- auf dem
vollkommen gutmüthigen Pferd ihrer Wirthin, mit ihrem Mann und dem
Pensylvanier nochmals hinübergeritten war den Platz in Augenschein zu
nehmen, wurde der Handel zwischen Ezra Ludkins und Professor Lobenstein
abgeschlossen, und der Professor -- war Farmer in Indiana.
Von Hopfgarten konnte im Ganzen nicht viel dagegen einwenden, obgleich
es ihm -- er wußte eigentlich selber nicht recht weshalb -- doch ein
gewissermaßen unbehagliches Gefühl war, die Damen in _den_ Häusern, die
sie da oben gefunden, als Bewohnerinnen zurückzulassen. Die Wirklichkeit
war doch, so sehr er sich dagegen sträubte einzugestehn er wäre mit zu
poetischen Ansichten nach Amerika gekommen, hinter seinen Erwartungen
zurückgeblieben, und die blanke Thatsache der Blockhäuser mit dem
schauerlichen Speck und Syrup ließ sich eben nicht fortphantasiren. Er
selber hatte sich aber auch schon länger hier aufgehalten, als es im
Anfang seine Absicht gewesen, denn er wollte vor allen Dingen nach
Cincinnati, von da nach den Seen hinauf und den Niagarafall besuchen,
und dann zurück nach New-Orleans, wo er sein meistes Gepäck gelassen, um
von dieser Stadt eine weitere Tour nach dem Westen zu unternehmen. Jetzt
war hierzu, besonders die nordische Reise abzumachen, die günstigste
Jahreszeit, denn der sogenannte Indianische Sommer, der in Nordamerika
ziemlich den ganzen Herbst umfaßte und einen wolkenleeren blauen Himmel
über October und November, ja nicht selten bis über die Hälfte des
December spannte, lag mit seiner wundervollen Reine und Frische auf dem
Land. Konnte er in diesem seine nördliche Tour beendigen, so blieb ihm
der ganze Winter für die südliche Reise, und er war dann vielleicht im
Stande im nächsten Frühjahr -- der erste Eindruck mußte doch kein so
günstiger gewesen sein, daß er schon wieder an die Abreise dachte
-- nach Europa zurückzukehren.
Vorher aber hatte er noch etwas auf dem Herzen, dessen er sich erst vor
allen Dingen entledigen mußte, und zwar Befürchtungen, die in ihm -- er
wußte sich selber keinen bestimmten Grund dafür anzugeben -- gegen Henkels
Charakter aufgestiegen waren, und ihn mit Sorge für das Glück der jungen
Frau erfüllten. Aber er scheute sich diesen in Gegenwart der Damen, die
er vielleicht unnöthiger Weise ängstigte, Worte zu geben, hätte er nicht
gerade ihrer Hülfe bedurft, Gewißheit zu erhalten. Den letzten Abend
also, wie sie in Ludkins Inn beisammen saßen, brachte er zuerst das
Gespräch auf die beiden jungen Gatten, und die auffällige Veränderung in
dem ganzen Wesen der jungen, sonst so munteren und lebenslustigen Frau
während der letzten Tage an Bord, und erst als ein Wort das andere gab,
und Marie zuletzt gestand, daß der Abschied von der Freundin ihr einen
unendlich schmerzlichen, ja unheimlichen Eindruck hinterlassen, rückte
er selbst mit seiner Furcht heraus, und gab dadurch dem Verdacht, der in
Mariens wie Annas Herzen bis dahin fast unbewußt gelegen, gleichfalls
Worte.
Vermuthungen und Combinationen halfen ihnen aber Nichts, sie mußten
sich eben Gewißheit darüber verschaffen, und das war für jetzt nur
schriftlich möglich. Es ließ sich auch denken, daß sich Clara, wenn ihr
irgend etwas das Herz bedrücke, schriftlich eher gegen die Freundin
aussprechen würde, als mündlich, Marie sollte ihr also deshalb schreiben
-- Stoff und Grund hatte sie ja genug dafür, und rechtfertigte ihre
Antwort dann den Verdacht, dann wollte von Hopfgarten, wenn er wieder
nach New-Orleans hinunter kam -- ja _was_ er dann thun wollte, wußte er
eigentlich selber noch nicht, aber Clara sollte doch wenigstens nicht
ganz ohne Freund, von Allen vergessen, in der fremden Welt da stehn, und
war Hülfe und Beistand nöthig, dann fand sich auch vielleicht ein Mittel
ihn zu leisten.
Henkel hatte dem Professor Lobenstein seine Adresse gegeben, die sich
von Hopfgarten jetzt ebenfalls in sein Taschenbuch schrieb, und nicht
allein versprach auf seiner Rückreise aus dem Norden hier wieder
anzuhalten, sondern sogar seinen Koffer bei ihnen zurückließ, und nur
seine Reisetasche mitnahm, durch überflüssiges Gepäck bei möglichen
Abstechern bald dort bald dahin, nicht zu sehr behindert zu werden. Er
wollte dann auf dem Rückweg, bis wohin jedenfalls eine Antwort von
New-Orleans eingetroffen war, wieder Briefe mit hinunter nehmen, was
ihm zugleich eine doppelte Einführung gab, und versprach selber auf
das Ausführlichste zu berichten, wie er die Verhältnisse gefunden.
Am liebsten wäre er nun freilich von hier zu Lande nach Cincinnati
gegangen, das Innere mehr und besser in Augenschein nehmen zu können,
die von Ezra Ludkins im Geist angelegten Schienenwege bestanden aber
noch nicht; die Tour zu Pferde zu machen, dazu war er nicht Reiter
genug, fürchtete sich auch, aufrichtig gestanden, nicht etwa vor
Gefahren, die hätte er eher aufgesucht, nein vor dem Maisbrod und Speck
der Farmer, was ihm gar nicht gemundet hatte, und beschloß also mit dem
nächsten stromaufgehenden Dampfboot seine Reise rascher und bequemer
fortzusetzen.
Das kam aber schon am nächsten Morgen kurz nach Sonnenaufgang, und ehe
Hopfgarten selber im Stande gewesen war seine Toilette ordentlich zu
beenden und sich bei den Damen zu empfehlen. Versäumen durfte er es aber
auch nicht, und so, während der älteste Knabe des Pensylvaniers nach
unten gelaufen war das Boot, das sie schon eine Zeitlang hatten stromauf
dampfen hören, anzurufen und zum Beilegen zu bringen, stopfte er die
schon bereit gelegten Sachen schnell in die Reisetasche, ließ sich durch
Eduard, der ihn hinunter begleitete, noch seinen Eltern und Schwestern
auf das Freundlichste empfehlen und wenige Minuten später Grahamstown
mit all seinen Hoffnungen künftiger Größe hinter sich.
Als das Boot eben um die nächste Biegung, oberhalb der Stelle wo die
Stadt lag, einlenken wollte, sah er noch wie ihm Jemand mit einem weißen
Tuche vom Hügelkamm aus nachwinkte, aber er konnte schon nicht mehr
erkennen wer es war.
Capitel 9.
Das deutsche Wirthshaus zu New-Orleans.
Die »Haidschnucke« hatte indessen, wie schon vorher erwähnt, ihren
Passagieren gleich am ersten Tage angekündigt, daß sie sich nun, je eher
desto besser, ihr Unterkommen an Land selber suchen sollten, da das
Schiff nicht weiter verpflichtet sei für sie zu sorgen. Fast alle waren
auch, so rasch sie nur ihr Gepäck bekommen konnten, von Bord gegangen,
selber froh, dem Schiffsleben mit seiner groben monotonen Kost endlich
enthoben zu sein; nur einige der ärmeren Familien, und unter ihnen
wunderbarer Weise die Oldenburger, die unterwegs gerade am meisten und
lautesten über Kost und Behandlung raisonnirt, und sogar häufig davon
gesprochen hatten die Schiffsrheder, wenn sie nur erst in New-Orleans
wären, für nicht erfüllte Versprechungen zu verklagen, zeigten noch
nicht die mindeste Lust sich durch Hinüberschaffen ihrer Kisten an Land
von dem Fahrzeug zu trennen.
Sie waren, der Sprache natürlich nicht mächtig, von dem sie überall
umwogenden Menschen-Gewühl wie betäubt, den ganzen Tag in den Straßen
der ungeheueren Stadt förmlich umher getaumelt, und nur hie und da mit
anderen Deutschen, in gleichen Verhältnissen zusammengetroffen, die auch
Arbeit suchten und ebenso wie diese der Meinung schienen, daß man sie
ihnen auf der Straße anbieten würde. Hie und da fanden sie dabei irgend
ein deutsches Schild über einer Thür, das entweder einem Wirthshaus oder
Kleiderladen gehörte, und dort sprachen sie dann vor, wollten sich nach
den Verhältnissen des Landes erkundigen und wurden, wenn sie in dem
einen Nichts verzehrten, oder in dem andern Nichts kauften, wenn auch
nicht mit groben, doch sehr kurzen Worten abgefertigt. So verging der
Tag, und kleinlaut und niedergeschlagen kehrten sie Abends an Bord
zurück.
Capitain Siebelt dachte aber viel zu menschlich und vernünftig die
Leute, besonders da sie Familien hatten, wirklich gleich hinauszujagen;
auf die paar Mahlzeiten, die ihnen noch gegeben wurden, kam es nicht an,
der Koch war an dem Tag auch noch darauf eingerichtet, und Abendbrod und
Frühstück wurde ihnen gern und ohne weiteres Wort gegeben; aber der
nächste Morgen brachte ihnen keine besseren Aussichten. Vergebens
wandten sie sich an Alles was nur deutsch sprach und ihnen in den
Weg lief, Arbeit zu bekommen. »Vor drei Monaten, ja,« so wurde ihnen
fast überall die Antwort, »wie die Krankheit Alles hinaustrieb aus
New-Orleans, was eben nicht zu bleiben gezwungen war, da hätten sie
Arbeit bekommen können, Arbeit und Lohn, so hoch sie ihn nur fordern
sollten -- bis man sie selbst nach Pottersfield hinausgefahren -- aber
jetzt waren die Tausende mit anderen Schaaren aus dem Norden wieder
zurückgekehrt, und Arbeit war schon noch zu bekommen, aber eben nicht
mehr so leicht; man mußte Geduld haben.
Geduld -- ja das ist ein ganz gutes Wort, wenn die Gewißheit eines
Erfolgs dahinter sitzt, und der Mensch eben bis dahin, neben seiner
Geduld _Brod_ hat, davon zu zehren; wo das aber fehlt, und der fremde
Einwanderer sich zum ersten Mal in seinem Leben ganz allein auf sich
selber angewiesen sieht, und mit Schrecken fühlt daß er sich eben auf
sich selber, ohne andere Hülfe, gar nicht verlassen kann, da ist's dann
freilich eine misliche Sache um die Geduld, und das Menschenherz verzagt
da nur zu oft, und glaubt sich gleich vom ersten Ansprung ab verloren.
Der Capitain hätte die Leute aber selbst am nächsten Tag noch nicht
fortgetrieben, und ihnen, wenn auch nicht mehr besonders für sie gekocht
werden konnte, doch wenigstens Schiffszwieback und etwas kaltes Fleisch
geben lassen, wenn sie nicht gleich ein Unterkommen finden konnten; der
Steuermann aber, der sich gerade über diese Burschen die ganze Reise
hindurch am meisten geärgert, weil ihnen auch gar Nichts recht gemacht
werden konnte, und kein Essen gut genug war, selbst wenn sich niemand
Andres darüber beklagte, ließ sich am dritten Morgen auf keine weiteren
Unterhandlungen mit ihnen ein, befahl den Matrosen die Kisten und
Kasten, die schon an Deck standen, da das Zwischendeck abgebrochen
wurde, ohne weiteres auf die Levée zu schaffen, und erklärte dann den
bisherigen Passagieren daß sie von diesem Augenblick an nichts weiter
von der Haidschnucke zu erwarten hätten -- »er wolle ihnen nicht
zumuthen ihr faules Brod und stinkiges Fleisch, den ranzigen Speck und
den dünnen Thee noch länger zu kauen und hinterzuschlucken.«
Das war wenigstens deutlich, und die Frauen weinten und baten den
Capitain, als er von Land zurück kam, um Gottes Willen sie nicht
hier im Elend sitzen zu lassen, sondern lieber wieder mit zurück nach
Deutschland zu nehmen, wo sie arbeiten wollten Tag und Nacht, ihre
Passage abzuverdienen -- nur daß sie hier nicht in dem fremden Land auf
der Straße verderben und umkommen müßten.
Schiffscapitaine haben sonderbarer Weise sehr häufig eine höchst
ungünstige Idee von dem Inneren Amerikas, das sie nur in sehr seltenen
Fällen zu sehn bekommen, denn da ihnen häufig Matrosen desertiren, sind
sie so daran gewöhnt diesen das schrecklichste Schicksal und Hunger und
Elend zu prophezeihen, daß sie ihre eigenen Prophezeihungen zuletzt
wirklich selber glauben. Sie fühlen dabei nicht selten ordentlich eine
Art von Mitleid mit all den unglücklichen Schlachtopfern, die sie in
das fremde Land transportiren müssen, und die ihrem Elend da höchst
wahrscheinlich schnurstracks entgegenlaufen; sie aber wieder mit
zurückzunehmen, so weit lauten ihre Instruktionen nicht, und die Leute,
die vorher alles Mögliche gethan haben nur von Deutschland nach Amerika
hinüber zu kommen, müssen nun auch sehen wie sie hier drüben »fertig
werden.«
Es ist ein schmerzlich, wehmüthiges Gefühl, in Deutschland die langen Züge
armer Auswanderer zu sehn, die, das Herz wohl voll frischer Hoffnungen,
aber dabei nur zu oft mit Mangel und Noth kämpfend, die Heimath mit Frau
und Kindern verlassen, in die Fremde zu ziehn. Unpraktisch dabei bis zum
Äußersten, scheu und schüchtern vor Jedem, der einen besseren Rock trägt
wie sie, herumgestoßen und geprellt, so lange noch etwas aus ihnen
herauszupressen ist, in der dritten oder vierten Klasse der Eisenbahn,
wenn sie so viel Geld erschwingen können, oder zu Fuß mit den schweren
Packen auf den Rücken oder den Kindern auf dem Arm, _arbeiten_ sie sich
dem Hafenplatz zu, das Schiff zu erreichen; und wenn sie dann dort am
Strande sitzen und des Bootes harren, das sie hinüber führen soll zum
großen Schiff, möchte man weinen über die Unglücklichen, die die Gräber
ihrer Väter verlassen haben in Schmerz und Kummer, und die Scholle jetzt
meiden müssen, an der ihr Herz mit allen Fasern hängt.
Und doch ist _der_ Augenblick, so schrecklich das auch klingt,
beneidenswerth und glücklich im Vergleich mit dem, wo sie das neue
Vaterland betreten haben, und rathlos -- trostlos, verzweifelnd an
seinem Ufer stehn -- Fremde, Ausgestoßene an einer Küste, von der es
keinen Rückweg für sie giebt.
Als sie die Heimath verließen, und wenn das auch in Sorg' und Noth
geschah, ihr Herz war doch voll Hoffnung und schlug dem neuen Vaterland
in freudiger Zuversicht entgegen. »Wir wandern aus!« in dem Bewußtsein
lag ihnen reicher Trost für Alles was sie hier traf und niederdrückte.
Alle Beschwerden, die sie ertragen mußten, der Schmerz der Trennung
von ihren Lieben, von dem eigenen noch so kleinen Heerd, verschwand nur
in dem einen Wort: _Amerika_! und hinter ihnen lag aller Gram und Kummer,
wenn nicht vergessen oder leicht und herzlos abgeschüttelt, doch
gemildert von dem frohen Licht, das ihre eigene Phantasie, die
Zuversicht, mit der sie hoffend dem neuen Leben entgegen gingen,
darüber warf.
Viele malen sich dann noch das Land mit bunten Farben aus, Luftschlösser
steigen empor mit Zauberschnelle, die eigenen wie der Freunde Herzen
tröstend, betäubend -- Amerika, oh nur den Fuß erst dort an Land gesetzt
und Alles, Alles ist vorbei, was sie da noch mit Sorge, Ängsten füllen
könnte.
_Und dort?_ -- zerknirscht, gebrochen, mit _jeder_ Hoffnung geknickt,
da ihnen nicht beim ersten Landen gleich der Amerikaner froh die Arme
öffnet, von den Fremden unbeachtet, von ihren Landsleuten verlassen,
zurückgestoßen, stehen sie da, jedes Trostes baar, Enttäuschung, Reue,
Angst in den bleichen Zügen, und die wogende kalte Menschenmenge sehn
sie vorüber drängen, wie der Schiffbrüchige, der sich auf nackten
Felsen gerettet vor dem augenblicklichen Tod, die blitzenden Wellen
vorbeiströmen sieht, und nicht den Muth hat, mit starkem Arm und mit
entschlossenem Muthe sich dahineinzuwerfen und die Fluth zu theilen. Oh
es zerreißt Einem das Herz, die Unglücklichen so da stehn zu sehen, und
nicht helfen zu können _aller_ Noth.
Wenn sie aber unrecht hatten, im alten Vaterland sich blind und
leichtsinnig zu wilden überspannten Hoffnungen hinzugeben, so haben sie
das doppelt jetzt, wo gleich beim ersten Anlauf der erste Sprung nicht
etwa schon misglückt ist, nein wo sie noch gar nicht einmal zum Sprunge
angesetzt, und nun jenen schmalen Küstenstreifen, auf dem fast täglich
hunderte von Auswandern landen und in dem Menschenstrom spurlos,
unbeachtet verschwinden, für das Land selber halten.
Der Hafenplatz ist erst die Brandung der neuen Welt, die Bank an der
sich alle Wellen brechen, wild und toll aufschäumend dabei, einander
überstürzend, wieder hebend. Durch die hindurch muß erst der Auswanderer
den schwanken Kahn zum Ufer führen, und darf sich nicht durch das wilde
Tosen derselben betäuben, entnerven lassen; ruhig nur das Steuer in der
Hand, und fest den stürzenden Wellen auf den Kamm geschaut, der Gefahr
zu entgehn, den günstigen Moment zu benutzen, muß er stehn, nicht blos
vorn im Bug sitzen, die Hände im Schooß, und die Blicke verzweifelnd
in die Wolken gerichtet. Hat er den Muth gehabt sich von der Heimath
loszureißen, darf er sich jetzt auch nicht davor fürchten ein wenig
herüber und hinüber gestoßen zu werden. Das ist ein Übergang, und ein
Jahr später nur und er stößt selber mit.
Ein Bild trostloser Niedergeschlagenheit saßen die Oldenburger aber, so
gewaltsam hinausgestoßen in die Welt, auf ihren Kisten an der Levée, die
Männer mit den Händen in den Taschen, an die Hessen denkend, die sie
weiter oben in ähnlicher Lage gesehn, und gleich verzweifeltes Loos für
sich erwartend, die Frauen ihre Kinder im Arm, die Augen voll Thränen,
die Herzen voll Kummer und Sorge für die Zukunft.
»Hallo Ihr Leute, Ihr sitzt ja da als ob Euch die Petersilie verhagelt
wäre« sagte da plötzlich eine freundliche Stimme, in rein deutschem
Dialekt -- »ist Euch Jemand gestorben oder habt Ihr Euer Geld in den
Strom fallen lassen?«
»Gestorben ist Niemand, und unser Geld fällt schon nicht weg; dafür
sind wir sicher!« sagte der eine der Leute den Fremden finster und
mistrauisch betrachtend, denn was sie bis jetzt von ihren Landsleuten
gesehn, war gerade nicht geeignet sich sehr nach ihrer weiteren
Bekanntschaft zu sehnen. Nur die Frauen schauten rasch und halb voll
Hoffnung zu dem _Deutschen_ auf, der sie so freundlich angeredet, und
dabei so anständig in feiner weißer Wäsche und breiträndigem Strohhut,
mit einer großen goldnen Uhrkette über die feingestreifte Weste,
gekleidet ging.
»Oh Ihr wartet wohl auf einen Wagen, Euer Gepäck in die Stadt hinauf zu
bringen« sagte aber der Deutsche wieder -- »habt Ihr schon ein
Kosthaus?«
»Kosthaus« -- wiederholte der eine der verheiratheten Männer mit einem
kaum unterdrückten Seufzer und einem halbscheuen Blick nach Frau und
Kind -- »Kosthaus -- ich möchte wissen was uns ein Kosthaus helfen
sollte -- wenn wir nur erst einen Platz wüßten wo wir überhaupt Kost
bekämen, das Haus wollten wir ihnen gern schenken.«
»Oh, _so_ stehn die Sachen?« lachte der Deutsche wieder -- »Ihr habt
kein Geld? -- ja dann müßt Ihr freilich arbeiten.«
»Habt Ihr Arbeit?« riefen die Männer rasch und zugleich.
»Ich gerade nicht« lachte der Deutsche, »aber wenn Ihr _die_ haben
wolltet, die wäre leicht genug zu bekommen.«
»Aber wo?« rief der Erste von den Oldenburgern wieder, »wir haben uns
schon fast die Schuhsohlen abgelaufen durch die Stadt, und Niemand hat
uns haben wollen.«
»Haben wollen« sagte der fremde Deutsche kopfschüttelnd -- »Ihr seid
nicht an die rechte Schmiede gegangen, das ist die ganze Geschichte; da
möcht' ich die größte Wette eingehn, daß ich Euch alle miteinander in
drei Tagen unterbrächte. Was habt Ihr für ein Geschäft?«
»Geschäft? -- wir sind Bauern.«
»Bauern? -- hm, das ist allerdings schon schwieriger, aber für eine
Weile könntet Ihr auch schon einmal was anderes angreifen. Wenn der
Mensch Lust hat geht Alles.«
»Hier werden wir auch wohl noch gefragt werden ob wir Lust haben«
brummte der Erste wieder.
»Aber wo ist die Arbeit zu kriegen?« frug jetzt eine der Frauen, »lieber
Gott wir wollen ja gerne arbeiten, wenn wir nur für uns und die Kinder
Brod haben.«
»Brod?« lachte der Fremde, »um Brod allein wird man auch hier eine Hand
regen -- wenn nicht Fleisch und Gemüse und Kaffee wie das sonst Nöthige
dabei ist, soll's der Henker holen; für Brod allein würden wir hier
wenig Arbeiter bekommen. -- Aber hier auf der Straße könnt Ihr doch nicht
liegen bleiben« setzte er dann hinzu, indem er seine Uhr aus der Tasche
nahm und nach der Zeit sah; »es ist jetzt eben halb zwölf, wenn Ihr Euch
dazu haltet, könnt Ihr noch gerade zum Mittagsessen im Gasthaus sein.«
»Mittagsessen« seufzte aber eine der Frauen -- »die paar Groschen die
wir noch haben, dürfen wir nicht für Mittagessen hinauswerfen, wer weiß
ob nicht Einer von uns krank wird in dem fremden Land, und dann brauchen
wir sie nöthiger.«
»Ja krank -- jetzt wird Niemand hier mehr krank« lachte der Deutsche,
»jetzt haben wir hier die gesunde Zeit, da ist's in New-Orleans besser
wohnen wie in New-York. Aber Ihr braucht kein Geld um in ein Wirthshaus
zu gehn.«
»Na, umsonst werden sie uns auch nicht hier füttern.«
»Nein -- das würdet Ihr auch gar nicht verlangen« sagte ihr neuer
Freund ganz unbefangen, »aber Ihr geht ganz einfach in das erste beste
Gasthaus, stellt Eure Sachen dort ein, eßt und trinkt was Ihr braucht,
und zahlt so bald Ihr könnt. Glaubt Ihr denn nicht daß so etwas alle
Tage hier vorkommt?«
»Ja aber wo würden sie uns denn da so aufnehmen« frug der Mann
verwundert.
»Wo? ich sage Euch ja im ersten besten Gasthaus -- ich gehe mit Euch
die nächste Straße hinunter, und ich wette wir sind noch keine tausend
Schritt gegangen, so seid Ihr zu Haus und könnt Euere Beine unter einen
gedeckten Tisch strecken.«
»Du, das ist Einer von denen wo sie uns in Deutschland von erzählt
haben« flüsterte der eine dem anderen Bauer zu, »daß sie den Deutschen
auflauern und sie seelenverkaufen.«
»_Schaafskopf_ verkaufen hätte ich bald gesagt« brummte aber der Andere
eben so leise -- »ein gedeckter Tisch wird unseren Seelen wahrhaftig
keinen Schaden thun -- ich glaube nur nicht daß er's kann.«
»Aber wenn es nun doch Einer von denen ist, die einem armen Auswanderer
auch das Letzte abjagen was er mitgebracht hat?«
»Und was soll er _uns_ denn etwa abjagen, unser Geld? -- da wird er sich
schneiden, und unsere Sachen? -- die dürfen sie uns nicht nehmen, das
leidet die Regierung nicht.«
»Ja die Regierung wird sich was d'rum kümmern« meinte der Erste wieder.
»Na adieu Ihr Leute« sagte der Mann jetzt, indem er sich den Hut etwas
fester in die Stirn drückte, und sich abdrehte, als ob er gehen wollte,
»ich sehe es gefällt Euch hier auf der Levée, und hier in Amerika kann
Jeder thun was er will; hier sind wir Alle freie Leute.«
»Aber warten Sie doch nur noch einmal einen Augenblick« rief die eine
der Frauen ängstlich und besorgt -- »lieber Gott, wenn Sie uns Arbeit
verschaffen könnten, die wollen wir ja doch gar so gerne haben; sagen
Sie uns nur _wie_.«
»Ja Kinder aus dem Ärmel kann ich sie auch nicht schütteln« lachte
der Fremde, »aber ich habe eine Menge Bekannte hier, die viel Leute
brauchen, und am liebsten Deutsche anstellen, und wenn Ihr Euch eben,
wie ich das wohl glaube, keiner Arbeit scheut, so sollt Ihr da bald
untergebracht sein, und zwar nicht etwa wie in Deutschland mit sechzehn
oder achtzehn Thaler Lohn _jährlich_, und einer Kost die man hier kaum
seinen Schweinen vorwerfen würde, sondern mit drei Mal Fleisch täglich,
wie es überall Sitte ist, und mit Kaffee Morgens und Abends Thee.
»Und da sollen wir so lange in das Wirthshaus gehn?«
»Wenn Ihr lieber hier auf der Levée sitzen bleibt kann's mir auch recht
sein« lachte der Mann, »wenn Euch aber Euere Kinder hier krank werden,
könnt Ihr einem Doktor eben so viel bezahlen nach ihnen zu sehn, wie Ihr
in Deutschland das ganze Jahr verdient habt -- nachher ist Euer Geld gut
angelegt. Aber wie gesagt, Jeder thut hier was ihn freut. Ich will mich
aber doch für Euch nach Arbeit umsehn, und wenn Ihr hier bleiben wollt,
so komme ich morgen oder übermorgen wieder her, und sage Euch Antwort.«
»Darf denn einmal Einer von uns mit Ihnen gehn?« frug da der Erste
wieder, »daß wir nur erst einmal den Platz finden wo sie uns aufnehmen,
denn unsere Sachen möchten wir nicht in Versatz geben; man weiß nachher
nicht wie's wird.«
»Aber Euere Sachen müßt Ihr doch unter Dach und Fach bringen« lachte der
Mann, »seid Ihr närrische Burschen! die könnt Ihr doch nicht derweile
vor die Thür setzen, und wenn Ihr eine ganze Woche alle zusammen im
Wirthshaus läget, zahlte die nächste Woche Arbeitslohn Euere sämmtlichen
Schulden.«
»Und was bekommt man hier den Monat?«
»Das geht hier nicht Monatweis, das geht nach dem Tag; die Leute die an
der Levée und auf den Dampfbooten arbeiten, bekommen einen Dollar #pr.#
Tag.«
»Ja, aber da brauchen sie Niemanden mehr.«
»Seid Ihr überall an der Levée gewesen?« frug der Mann, »die Levée ist
wohl sieben englische Meilen lang.«
»Überall wohl nicht, aber doch an _vielen_ Plätzen.«