derartigen Scheußlichkeit fähig wäre,« sagte aber Steinert, also
aufgefordert, die Zeitung jetzt etwas näher zu dem occupirten Licht
herüberziehend, »da steht von Hannover aus, über dem Steckbrief von zwei
Menschen -- es ist nur gut daß sämmtliche Steckbriefe gerade so
eingerichtet sind, daß sie immer gleich auf eine ganze Gemeinde passen
-- ein Bericht, den ich Ihnen einmal vorlesen werde. -- Von einem Greise
will ich singen, der neunzig Jahr die Welt gesehn, -- also passen sie
auf.«
»Waldenhayn den 29. August. Am Dienstag Abend den 18. August ds. J.
verließen der unfern des Dorfes an einer etwas vom Wege abseits
gelegenen alten Försterswohnung, zur Zeit nicht mehr ansässige und schon
gekündigt seiende, auch schon seit längeren Jahren in keinem guten Ruf,
und die letzten sechs Monate sogar unter polizeilicher Aufsicht stehende
--hah -- erlauben Sie erst einmal meine Herren daß ich absetze, um
Athem zu holen -- der Canzleistyl kann einem Schnellläufer die Lunge
zuschnüren -- polizeilicher Aufsicht stehende Carl Heinrich Steffen, von
den Dorfbewohnern seines schwarzen Haares und Bartes wegen gewöhnlich
»der schwarze Steffen« genannt, und unter diesem Namen auch in dortiger
Gegend überall bekannt, mit seiner Frau der Johanna, Julie, Gertrude
Steffen, geborene Melzer, heimlicher Weise seine mit ihr in rechtmäßiger
Ehe erzeugten drei Kinder wie ein unehelich erzeugtes Mädchen, indem sie
dieselben Abends unter dem Vorwand auf das Amt citirt zu sein verließen,
und allem Vermuthen nach ihren Weg nach Amerika oder sonst in das
Ausland genommen haben, und bis jetzt aber noch nicht ermittelt werden
konnten. Die Kinder wurden von den nächsten, etwa eine Viertelstunde
von dem entlegenen Haus wohnenden Nachbarn, erst am fünften Tag halb
verhungert gefunden, da sich dieselben durch eine vorgeschobene Lüge der
unnatürlichen Eltern, die ihnen erzählt hatten, daß ein toller Hund die
Gegend draußen unsicher mache, nicht getraut hatten -- der Satz nimmt
wieder kein Ende -- nicht getraut hatten den äußeren Weg zu betreten.
Die Kinder sind in den Altern von 9, 5, 3 und 1-1/2 Jahr alt -- es ist
scheußlich, wahrhaftig und kaum zu glauben -- 1-1/2 Jahr und einstweilen
von der Gemeinde von Waldenhayn theils, theils von dem dortigen
Geistlichen versorgt und vor augenblicklichem Mangel geschützt worden.
Donnerwetter der junge hübsche Bursche der Georg Donner, das war ja der
Sohn von dem Pastor in Waldenhayn.«
»Na und nun weiter?« frug der alte Soldat mit dem rothen Schnurrbart,
»kreuz Element sie werden die schurkischen Eltern doch wohl erwischt
haben.«
»Ja erwischen,« sagte Steinert, unwillig mit dem Fuße stampfend, »da
hier drunter steht der Steckbrief von den Beiden, mit einer freundlichen
Bitte an alle Polizei- und Justizbehörden die beiden unnatürlichen
Eltern im »Betretungsfalle«, ja, hat sich was -- im Betretungsfalle nach
dem Amt Ohnleben zurück- und abzuliefern.«
»Das ist ja furchtbar, wenn man sich das so bedenkt,« sagte der kleine
ängstliche Mann neben Herrn Steinert, indem er die eigene Brille abnahm
und auswischte und dann halb schüchtern die Hand nach der Zeitung
ausstreckte, die Steinert neben sich hingelegt hatte, sie aber rasch und
wie erschreckt wieder zurückzog, als dieser, ohne seiner Bemerkung einer
Antwort zu würdigen, noch einmal danach griff.
»Ich begreife nur nicht daß sie ihn nicht wieder erwischt haben,« sagte
Herr Schultze.
»Er wird sich wohl _heimlich_ fortgemacht haben,« meinte Mehlmeier und
sah sich erstaunt um, als die Übrigen lachten.
»Und solche Scheusale kommen dann alle nach Amerika,« rief der Mann
mit dem rothen Schnurrbart, »und nachher soll man's den Amerikanern
verdenken, wenn sie von uns Fremden Nichts wollen.«
Die Unterhaltung wurde hier plötzlich durch den etwas ungestümen
Eintritt eines anderen Reisegefährten und zwar des Dichters Theobald
unterbrochen, der übrigens in einem sehr außergewöhnlichen Zustand, mit
zerrissenem Rock, blutigem Gesicht und außerdem noch in furchtbarer
Aufregung die Thüre hinter sich zu, sich selber in einen Stuhl warf,
und ein Glas Punsch von dem aus dem Schenkzimmer ab- und zugehenden
Barkeeper forderte.
»Hallo Herr Theobald?« sagte Mehlmeier, der der Thür am nächsten saß
und die jedenfalls mishandelte und bös zugerichtete Gestalt des kleinen
schmächtigen Mannes etwas erstaunt betrachtete -- »wie sehn Sie denn
aus? was haben Sie denn angefangen und wo sind Sie gewesen?«
»Ha Rache -- Rache!« knirschte aber nur der Poet als einzige Antwort
durch die Zähne -- »Rache will ich haben und wenn ich mir Blitze vom
Himmel dafür borgen sollte.«
»Würden Sie schwerlich eine Leihanstalt dazu finden,« sagte der Mann
mit dem rothen Schnurrbart, ȟbrigens sehen Sie gerade so aus, als ob
Sie einem Irischen Draymann unter die Fäuste gerathen wären, was neu
eingewanderten Deutschen manchmal passirt. Sie können wahrscheinlich
noch nicht boxen.«
»Boxen?« wiederholte Theobald aber entrüstet, »boxen Sie einmal, wenn
eine halbe Straße über Sie herfällt und Sie mishandelt -- boxen -- ha
wenn mir die Canaillen freien Raum mit dem Schuft gegeben hätten, er
_lebte_ jetzt nicht mehr --«
Und _Sie_ säßen dann in der Calabouse und könnten Betrachtungen über die
innere Polizei Louisianas anstellen,« sagte der Rothbart trocken.
»Aber so erzählen Sie doch nur,« rief Steinert; er hatte die Zeitung
bei dem trostlosen Anblick ihres Reisegefährten zur Seite geworfen,
die sich jetzt der Mann mit der grünen Brille rasch herüber nahm, die
augenblicklich freie Zeit zu benutzen -- »was ist geschehn, was ist
vorgefallen? Donnerwetter Mann, Sie haben famoses Glück. Sie kamen
hierher Schicksale zu erleben und darüber schreiben zu können, und sind
da gleich in eine Goldquelle hineingefallen, die Ihnen reichhaltigen und
kostbaren Stoff zu Ihren Versen liefern kann.«
»Ich danke Ihnen für die Goldquelle,« rief Theobald, »die man mit der
eigenen Haut bezahlen muß; aber Stoff hab' ich allerdings gefunden
_Bände_ zu schreiben, und bei Gott, ich werde ihn benutzen.«
»Aber ich bitte Sie um Gottes Willen« --
»Gut, so hören Sie; ich gehe oben in der Stadt über einen großen freien
Platz, auf dem ein höchst ungeschicktes steinernes Gebäude, ein großes
Dach eigentlich nur von viereckigen steinernen Pfeilern getragen steht.«
»Oh das ist ein Markthaus,« sagte der Rothbart.
»Schön,« fuhr Theobald fort, »also in diesem Markthaus, wo aber nicht
viel zu verkaufen war« --
»Da müssen Sie Morgens hinkommen.«
»Bitte, unterbrechen Sie mich nicht alle Augenblicke -- also in diesem
Markthaus reizten meine Aufmerksamkeit einzelne, hell erleuchtete
Stände, auf denen große Messing- und Kupfer-Maschinen mit Hähnen unten
daran zum Ausschenken standen, wie auch die kleinen, reinlich gedeckten
Tische mit deliciösem Backwerk und Kaffee- und Theegeschirr bedeckt
waren. Allerliebste junge Mädchen« --
»Na erzählen Sie uns nicht die alte Geschichte,« unterbrach ihn der
Rothbart da wieder, »um das zu sehn, brauchen Sie nur um die nächste
Ecke zu gehn; da stehn auch welche.«
»Aber _wir_ kennen es noch nicht, verehrter Herr,« sagte Schultze,
»bitte fahren Sie fort lieber Theobald, und lassen Sie sich nicht irre
machen von -- von dem Herrn da.«
»Allerliebste junge Mädchen standen daneben und credenzten den
Spatziergängern, die an ihren Tischen stehen blieben, Kaffee, Thee oder
Chokolade, und ich war auch zu einem der Tische gegangen, an dem ein
reizendes Kind mit etwas dunkler Haut aber wundervollen Augen und langen
kastanienbraunen Locken --
Die freie kühne Stirn von ihnen überwallt
Und in dem Blick, mit zauberischer Gewalt,
Den ganzen weiten Himmel offen,
Auf mich hernieder sah. -- Betroffen,
Ja zitternd fast von Lust und Liebeswahn
Betrete ich des holden Mädchens Nähe
Und frage -- stammle halb verzückt
Von solcher nie geahnten Schöne
Oh Holde sprich -- «
»Ich bin verrückt,« fiel hier der Rothbart trocken ein, den Reim
completirend; während sich aber Theobald stolz und indignirt von ihm
abwandte, erklärten sich die übrigen Gäste sämmtlich über den ewigen
Störenfried entrüstet, und Steinert besonders, der aufstand und in einer
wohlgesetzten Rede den Mann zu vernichten suchte, wandte sich dann
wieder an den Dichter und sagte --
»Lassen Sie sich nicht irre machen Herr Theobald -- Sie wissen
wohl -- ein dicker fetter Mops ging einst im Mondenschein spatzieren
-- erzählen Sie nur weiter; fahren Sie fort in Ihrer treulich begonnenen
Improvisation -- Sie haben aufmerksame, theilnehmende Zuhörer -- da ist
auch Ihr Punsch, der wird Ihnen gut thun.«
Theobald trank einen tüchtigen Schluck, aber den poetischen Anlauf, den
er genommen, fand er nicht wieder, und erzählte nun den Reisegefährten
mit prosaischen aber dadurch auch kürzeren Worten, wie er über den Markt
gegangen, bei einem wunderhübschen, etwas dunkelhäutigen Mädchen stehen
geblieben und in Gedanken eine Tasse dünnen Kaffees nach der anderen,
jedesmal für 6-1/4 #cent# die Tasse, getrunken habe, als eine arme,
abgerissene alte Frau, vor Fieberfrost schüttelnd, herangekommen sei,
und sich dicht neben den Kaffeestand an einen Pfeiler gekauert habe. Das
junge Mädchen erkundigte sich theilnehmend bei ihr was ihr fehle und
schenkte ihr dann eine Tasse heißen Kaffee ein, die die kranke Alte
mit zitternden Händen nahm und austrank, und mit innigem Dank wieder
zurückreichen wollte, als ein Mann, derselbe der ihm dieß Gasthaus
recommandirt habe, als er ihn am ersten Tag zufällig auf der Straße
traf, über den Weg wegsprang, der Frau die Tasse aus der Hand riß und
auf die Steine warf, daß sie in tausend Scherben zersplitterte, und dann
auf das holde, vor Angst jetzt zitternde Kind lossprang, sie zweimal
mit aller Kraft auf die furchtgebleichten Wangen schlug, und sie in
_deutscher_ Sprache mit den nichtswürdigsten Worten ausschalt und
schimpfte, weil sie den Kaffee, der ihrem Herrn gehöre, verschenke, und
die Tassen, aus denen kein Gentleman dann wieder werde trinken wollen,
solch schmutzigem alten Drachen zum Gebrauch in die Hände gebe.
»Das war zu viel« rief Theobald, in der Erinnerung an die erlebte
Schandthat noch einmal von seinem Stuhle aufspringend; »ein deutsches
Mädchen, denn dafür mußte ich die Unglückliche jetzt halten, vor meinen
Augen also mishandelt zu sehn, konnte ich nicht ertragen, und mit zwei
Sätzen auf den Elenden zuspringend, faßte ich ihn bei der Brust,
schleuderte ihn zurück und schwur ihm, daß ich ihn zu Boden schlagen
würde, wenn er noch eine Hand gegen das Kind aufhebe, das ich von diesem
Augenblick an unter _meinen_ Schutz gekommen.« »Was?« schrie da der
Bube, zu feige mir selber männlich entgegen zu treten -- »was? -- wollen
_Sie_ sich hier einmischen wenn ich meine _Sclavin_ züchtige, -- Sie
Abolitionist Sie?« -- Und wie er das Wort sprach, und dann noch einer
Zahl vorübergehender Menschen etwas in Englischer Sprache zurief, das
ich nicht verstehen konnte, schrieen die plötzlich »Ein Abolitionist
-- ein Abolitionist« und noch eine Masse anderes Zeug und fielen über
mich her, rissen mir den Rock in Stücken, schlugen mich über den Kopf,
und hätten mich, glaub' ich, erwürgt, wenn nicht glücklicher Weise ein
paar Policeydiener zu meiner Rettung herbeigekommen wären, die mich in
Schutz nahmen und der Rotte aus den Händen rissen.«
»Scheußlich -- nichtswürdig -- niederträchtig!« schrieen die Deutschen
in gerechter Entrüstung, nur der Mann mit dem rothen Schnurrbart drehte
diesen langsam in die Höhe und sagte:
»Sie können sich gratuliren daß Sie dießmal so weggekommen sind; wer
unter den Wölfen ist muß mit ihnen heulen, und wer in einem Sclavenstaat
leben will und nicht das Maul halten kann, dem wäre wohler er hätte das
Land nie gesehen!«
»So, meinen Sie?« rief aber Theobald, noch von der vorigen malitiösen
Bemerkung entrüstet -- »ich werde ihnen aber hier beweisen was ich zu
thun im Stande bin -- sie haben mich gereizt und sie sollen meine Rache
fühlen.«
»Gefährlich ist's den Leu zu wecken« sagte Steinert.
»Und was können Sie thun?« frug der Rothbart achselzuckend.
»Was ich thun kann?« rief Theobald, den Rest seines Punsches auf einen
Zug leerend -- »ich habe eine Waffe die sie zu Boden schmettern, und den
Zorn der Völker auf sie niederrufen, nein noch schlimmer, die sie der
eigenen Schaam und Verachtung preis geben soll.«
»Und wenn's eine Kanone wäre mit lauter Spitzkugeln geladen« sagte der
Mann kopfschüttelnd, »und wenn sie mit Dampf gefeuert würde, können Sie
Nichts gegen diese Masse und gegen Gewalt ausrichten.«
»Es ist mehr wie das!« rief aber Theobald mit freudigem Selbstbewußtsein
-- »es ist meine _Feder_!«
»Bah« sagte der Rothbart, trank sein Glas aus, stand auf und verließ das
Zimmer.
»Wer ist denn der unverschämte Gesell?« frug Steinert, als jener die
Thür hinter sich zugemacht hatte und draußen mit dem Barkeeper
abrechnete -- »wo kommt er her und was treibt er?«
»Wenn Sie mir erlauben verehrter Herr« sagte der kleine Mann mit der
grünen Brille, indem er diese abnahm und sich entschuldigend gegen Herrn
Steinert verbeugte, »so ist dieser Herr, so unscheinbar er da saß und
aussah, Einer der reichsten Leute in der Stadt, der vier Häuser in
Canalstreet und einen halben #square# in #Tchapitoulas street# besitzt.«
»Den Teufel auch« rief Steinert.
»Meine beiden Ohren stehen Ihnen zu Diensten wenn ich nicht die Wahrheit
rede,« bekräftigte aber der Höfliche seine Worte, »der Herr mit dem
langen rothen Schnurrbart weiß kaum wie reich er ist, besucht aber
regelmäßig sämmtliche deutsche Wirthshäuser in denen Auswanderer
einkehren, unterhält sich mit ihnen und hat, wenn sie ihm gefallen,
schon Manchens Glück gemacht.«
»Ja zum Donnerwetter Herr, warum haben Sie denn das nicht gleich
gesagt?« fuhr ihn Steinert an, während sich der kleine Mann mit einem
schüchternen Achselzucken etwas weiter von ihm fort und wieder hinter
seine grüne Brille zurückzog, Theobald aber, durch die schlechte
Behandlung und den starken Punsch erregt, schwor daß der Mann, und wenn
er ein Millionair wäre, kein Herz im Busen und keine Ader für Poesie
habe, und verließ nach dieser anatomischen Behauptung rasch das Zimmer
sein eignes Lager zu suchen, oder sich wenigstens der beschmutzten und
zerrißnen Kleider zu entledigen.
Die übrigen Gäste blieben noch eine Zeitlang, theils politisirend,
theils über die hiesigen Verhältnisse plaudernd, zusammen, bis endlich
Einer nach dem Anderen sein Glas austrank, entweder zu Bett zu gehn,
oder die eigene Wohnung aufzusuchen. Nur ein einzelner Mann, der den
ganzen Abend still und lautlos in der dunkelsten Ecke des Zimmers
gesessen und seinen Grog für sich allein getrunken hatte, ohne mit Einem
der Übrigen zu verkehren, blieb noch zurück und bestellte, als der
großäugige Barkeeper vor ihm stehen blieb, als ob er ihm ebenfalls
andeuten wolle daß es Zeit sei zu Bett zu gehn, noch ein letztes Glas
als Abendtrunk.
Als der Bursche hinaus in das Schenkzimmer ging, wo er sein heißes
Wasser stehen hatte, ihm das zu bereiten, trat der Fremde (es war ein
alter Bekannter von uns, und der Mann der sich an Bord der Haidschnucke
Meier genannt hatte) langsam zu dem Tisch an dem die Zeitungen lagen,
griff sich die Weserzeitung heraus, suchte ein paar Secunden darin, und
riß dann den Theil des Blattes, auf dem der vorgelesene Steckbrief
stand, ab.
»Hallo Sir -- das sind neue Zeitungen« schrie ihn aber der Barkeeper
an, der in diesem Augenblick mit dem bestellten dampfenden Grog
wieder zurück in's Zimmer kam -- »wer hat Euch erlaubt da ein Stück
herauszureißen?«
»So?« sagte der Mann vollkommen ruhig; indem er das Stück zusammendrehte
und über dem Licht entzündete, sich seine Pfeife anzubrennen -- »ich
glaubte es wären alte.«
»Na ja, und nun verbrennen Sie's noch --«
»Was kostet denn so eine Nummer --«
»Was kostet so eine Nummer? -- die sind hier gar nicht wieder zu
bekommen.«
»Das thut mir sehr leid« sagte der Mann achselzuckend, nahm das Glas,
während der Fidibus ihm in der Hand bis auf den Stumpf verbrannte, trank
es auf einen Zug aus, und verließ dann ebenfalls das Zimmer.
FUSSNOTEN -- FOOTNOTES
1. Die Amerikanische Flagge ist weiß und roth gestreift mit einem blauen
Viereck in der oberen Ecke am Fahnenstock, das weiße Sterne führt. Im
Beginn der Union war deren Zahl 13, nach Anzahl der Staaten, aber mit
jedem neu hinzukommenden Staat wurde auch ein Stern hinzugefügt.
2. »Von wo kommt ihr her?«
3. Der Mississippi heißt in der bilderreichen Sprache der Indianer der
»Vater der Wasser.«
4. Es giebt Dampfboote auf dem Mississippi, die solcher Art 4000
Amerikanische Ballen Baumwolle tragen.
5. Die Levée von New-Orleans ist von New-Orleans selber nicht zu
trennen, denn sie macht den Hauptbestandtheil der Stadt aus und ist ihr
einziger Schutz gegen den oft 12-15 Fuß höher steigenden Strom. Das
ganze Ufer des Mississippi ist nämlich so niedrig, und war den
jährlichen Überschwemmungen des gewaltigen Stromes so ausgesetzt, daß
die Ansiedler, das werthvolle Land urbar zu erhalten, einen hohen Damm
am ganzen Ufer des Stromes hin errichten mußten. Die Franzosen, unter
deren Regierung dieser Damm besonders angelegt wurde, gaben ihm den
Namen Levée, den die Amerikaner später adoptirten, und die Levée von
New-Orleans, die jetzt an der ganzen Stadt über acht Engl. Meilen weit
herunter läuft ist, mit einer durchschnittlichen Breite von 100 Fuß
und 15 Fuß über niedriger Wasser-Höhe angelegt, ein eben so langer
Landungs- und Stapelplatz der ungeheuren Waarenmassen, die dort täglich
aus dem Inneren und für das Innere bestimmt, gelandet und geschifft
werden, und läuft nach der Stadt zu in einem sanften Abhang nieder,
während nach dem Strom hin, wo dieser selber eine nicht unbedeutende
Strecke neuen Alluviallandes angespühlt hat, hie und da schon hölzerne
Werfte errichtet werden mußten, die Waaren trocken und leicht landen zu
können.
6. Etwa ein halber Thaler.
7. Die Amerikanischen Dampfboote erhalten durch diese breiten #guards#
etwas sehr Eigenthümliches, da sie von dem eigentlichen, oft -- etwa
sehr schmalen Rumpf des Bootes ab, eine Art Vorbau rings um dieses
selber bilden, wodurch es nicht selten _über_ dem Wasser fast die
doppelte Breite seines _unter_ Wasser befindlichen Rumpfes bekommt. Von
dem äußersten Rand der #guard# ab laufen dabei die unteren Stützen des
Zwischen-Decks, in dem sich auch _über_ dem Wasser, die Maschine mit den
Kesseln befindet, und auf diesen ruht die Cajüte -- der große oft
prachtvoll eingerichtete Salon, mit den Schlafplätzen der Passagiere und
oberen Officiere des Bootes.
8. Es ist ein ziemlich allgemeines Vorurtheil in Deutschland, daß man
unter dem Wort Kreole sich einen von Indianischen Blut Entsprossenen
denkt. Creole bedeutet in Amerika und Westindien, wo das Wort besonders
gebräuchlich ist und (wahrscheinlich von #criar,# erschaffen,
herstammend) einen im Lande selber aber von rein Europäischen Eltern
Geborenen. Die Halbabkömmlinge der Indianer, Mischlinge von Europäern
(oder Creolen) und Indianern heißen Mestizen.
9. #Escalin# wird der spanische Real genannt, der in Nord-Amerika noch
andere Namen hat; so heißt er, besonders in den Südlichen Staaten
#bit#, in New-York #Shilling#. Es ist Spanisches Geld von 12-1/2 #cent#
oder ein Achtel Dollar Werth. Das wirklich Amerikanische Geld nach
Decimaleintheilung kennt nur als kleinere Silbermünze #dimes# (10
#cent#) und #half dimes# (5 #cent#).
10. Englische Meilen, etwas über vier auf die deutsche.
11. #Rifle# heißt im Allgemeinen die Amerikanische lange Büchse,
obgleich #rifled# eigentlich nur »gezogen, mit Zügen versehn« bedeutet.
12. Im Flußbett festsitzende Stämme.
13. Pottersfield wird in New-Orleans der Begräbnißplatz genannt, auf den
die Armen kommen, die kein Grab in den gemauerten Behaltern bezahlen
können.
14. Die Beschreibung des Bootes selber mag mir der Leser erlassen, ich
habe derartige Fahrzeuge schon flüchtig in meinen Streif- und Jagdzügen,
ganz ausführlich aber in den Mississippibildern 2ter Band in der
Erzählung »Sieben Tage auf einem Amerikanischen Dampfboot« geschildert,
und muß ihn darauf verweisen.
15. Die einzelnen Schaufeln am Rad.
16. Virginien.
17. Holztragen, Holztragen meine Burschen.
18. Das #Bowieknife# (sprich Buih), nach seinem Erfinder so genannt, ist
ein schweres Messer etwa 12 Zoll lang und drei am Heft breit, mit einer
Stärke im unteren Rücken von reichlich ein Viertel, oft ein Drittel
Zoll, was ihm zum Hieb eine furchtbare und gefährliche Wucht giebt. Die
Spitze ist gebogen und nach hinten etwas ausgeschnitten, aber an beiden
Seiten haarscharf, und dieß Messer, selbst in der Hand eines ganz
schwachen Menschen, eine entsetzliche Waffe.
19. Die von der reinen Afrikanischen Race Abstammenden heißen Neger;
Abkömmlinge von Weißen und Negern -- Mulatten, und von Weißen und
Mulatten -- Quadroonen -- Alle, in den Vereinigten Staaten unter dem
allgemeinen Begriff _Farbige_ oder dem Spottnamen Nigger begriffen. Die
Kinder von Weißen und Quadroonen --da sich die Quadroonen selber oft
kaum von Weißen in Farbe und Haar unterscheiden lassen, sind, selber
wenn die Quadroonin Sclavin wäre, _frei_.
20. Kein Zutritt.
21. Die ersten Anfänge einer Farm, das eben erst urbar gemachte Land.
22. #frame# Häuser heißen in Amerika die von einem hölzernen Gestell
gebauten und auswendig mit Bretern übernagelten Gebäude.
23. erster Klasse.
24. #to take care# Sorge für etwas tragen.
25. #to catch# fangen.
26. #to be in a fix#, sich in schwieriger Lage befinden.
27. #gum# von Gumbaum nennt man in den ersten Ansiedlungen abgesägte
Stöcke hohler Gumbäume, die von den »Settlern« theils zum Aufbewahren
von Salz und anderen Sachen, wie auch als Stühle benutzt werden.
28. Hügelrücken.
29. Die kleinen Güterkarren.
30. Eine eigene Mischung von Genevre, Wasser, Zucker und bitteren
Tropfen.
31. Dank Euch.
32. Zwei Bit -- der Bit eine Amerikanische, im Süden der Vereinigten
Staaten sogenannte Geldmünze von 12-1/2 Cent, etwa 5 Silbergroschen an
Werth.
33. #Dinner# Mittagessen #bell# die Glocke in dem schauerlich verderbten
Dialekt der Amerik. Deutschen »zum Mittagsessen geläutet.«
TRANSCRIBER'S NOTE ---- ZUR KENNTNISNAHME
Contemporary spellings have generally been retained even when
inconsistent. A small number of obvious typographical errors have been
corrected and some names regularised; missing punctuation has been
silently added.
Zeitgenössische Schreibungen wurden generell beibehalten, auch wenn
gelegentlich mehrere Variaten auftauchen. Einige wenige orthografische
Fehler wurden korrigiert und Namen vereinheitlicht; fehlende
Zeichensetzung wurde ergänzt.
The following additional changes have been made:
Die folgenden zusätzlichen Änderungen wurden vorgenommen:
die er nicht glaubte unbenutzt die er nicht glaubte unbenutzt
vorübergehn zu lassen seine vorübergehn _lassen zu können, ohne_
Kenntnisse zu zeigen seine Kenntnisse zu zeigen
Weinkampf _Weinkrampf_
Marie, die (...) Zeuge der Marie, die (...) Zeuge der
Scene gewesen waren Scene gewesen _war_
breitrundigen _breiträndigen_
unter keine Bedingung unter _keiner_ Bedingung
auf weißen Schild auf _weißem_ Schild
hintergewürgt _hinuntergewürgt_
Regenschirm unter dem linken Regenschirm unter _den_ linken
Arm gedrückt Arm gedrückt
als hätte er sogar wollen als hätte er _sagen_ wollen
das das endlich erreichte Land das endlich erreichte Land
andere (...) gesalzenes andere (...) _die_ gesalzenes
Schweinefleisch (...) bringen Schweinefleisch (...) bringen
Rücken _Röcken_
verleitete _verleidete_
wunderbaren aber doch wunderbaren aber doch
durchdringenden Weiche durchdringenden _Weise_
redete ihn aber jetzt redete ihn aber jetzt
der Pensylvanier der Pensylvanier _an_
warm entgegendufte warm _entgegenduftete_
Augenbraunen _Augenbrauen_
Rocktragen _Rockkragen_
End of Project Gutenberg's Nach Amerika! Dritter Band, by Friedrich Gerstäcker