Brust herausgeholten Seufzer, denn wie ein Wetterschlag schmetterte
diese Nachricht all seine Hoffnungen zu Boden. Was jetzt thun, was
machen, wohin gehn? -- und seine Familie, rathlos ohne einen Freund in
dem fremden Lande, mit seinem Gepäck im Freien und dem Zufall preis
gegeben.
»Apropos Fremder,« sagte da der Pensylvanier plötzlich von einem neuen
Gedanken ergriffen, »Ihr sagt, Ihr habt einen Brief von einem Freund von
Goodly -- vielleicht wäre da Auskunft darin über ihn zu finden, wo er
jetzt steckt -- setze nun den Fall wir machten den Brief einmal auf.«
»Der Gedanke ist vortrefflich«, rief Herr von Hopfgarten, »und ich wäre
ungemein gespannt zu sehn was Herr Henkel an ihn schreibt.«
»Ich darf doch keinen Brief von einem Fremden öffnen«, sagte der
Professor -- »überdieß konnte Henkel Nichts über seine Flucht wissen,
sonst hätte er mir den Brief nicht mitgegeben.«
»Nun, vielleicht wünscht ihn der Sheriff zu sehn,« sagte der
Pensylvanier, ruhig die eben gebrauchte Flasche wieder zurückstellend,
»wäre jedenfalls interessant auch den _Freund_ kennen zu lernen.« Der
Mann hatte die beiden Fremden, seit er sie mit jenem anerkannten Gauner
in Verbindung gebracht, ziemlich kalt und mistrauisch fortwährend
betrachtet, und ein Verdacht war jedenfalls in ihm aufgestiegen, ob
es mit deren Ehrlichkeit nicht am Ende ebenso schwach beschaffen
sein könne, wie mit der des Burschen nach dem sie frugen, und dessen
Abwesenheit besonders den Einen -- wie ihm keineswegs entgangen
-- augenscheinlich in Verlegenheit setzte. Herr von Hopfgarten übrigens,
der seine eigenen Beweggründe dabei hatte, drang jetzt selber in den
Professor das Schreiben, von dem ihm ja auch Henkel gesagt daß es nur
eine Empfehlung sei, zu erbrechen. Henkel selber konnte nicht wissen,
daß Mr. Goodly in der Zeit solche Streiche gemacht, und würde, wenn er
es später erführe, gewiß sehr damit einverstanden sein, daß sein
Brief geöffnet und von ihm selber der Verdacht entfernt worden, in
unehrenhafter Beziehung zu dem Entwichenen gestanden zu haben. Der
Professor sträubte sich aber noch lange dagegen, und nur erst als
sie das Papier gegen das Licht gehalten und dadurch gesehen, daß es
wirklich nur wenige Zeilen enthalte, und selbst in der Hoffnung für sich
vielleicht einen Fingerzeig zu weiterem Handeln zu finden, entschloß er
sich endlich dazu dem Wunsch des Pensylvaniers zu willfahren. Dieser
schien außerdem nicht übel Lust zu haben ihm den Sheriff auf den Hals
zu schicken, wodurch er am Ende noch in eine ganze Masse unangenehmer
Geschichten verwickelt werden konnte, und er hatte von Deutschland
her noch einen ganz besonderen Respekt vor jeder Berührung mit den
Gerichten, dachte auch nicht daran seinen ersten Schritt in Amerika
gleich mit einer ähnlichen Verlegenheit zu beginnen. So endlich öffnete
er das Siegel und überlas flüchtig die Zeilen, die er dann achselzuckend
an Hopfgarten, während diesem der Pensylvanier neugierig über die
Schulter schaute, gab. Der Brief lautete einfach.
»Lieber Goodly.«
»Ich sende Dir hier einen Freund, der Land zu kaufen wünscht
-- womöglich gleich eine eingerichtete Farm -- ich habe nicht den
geringsten Zweifel, daß Du ihm das besorgen wirst. Er hat Geld und ist
ein Professor. Es wäre mir _sehr_ angenehm, wenn er einen passenden
Platz im Norden fände --ich brauche Dir nicht mehr zu sagen.«
»Ich bin seit einigen Tagen wieder in Amerika -- habe sehr gute
Geschäfte gemacht und hoffe Dich _jedenfalls_ im Laufe des nächsten
Monats in New-Orleans zu sehn. Du _mußt_ kommen. Meine Adresse kennst
Du. -- O..... ist auch hier und immer noch der Alte. Es grüßt Dich
bestens
Dein
Soldegg _Henkel_.«
»_Soldegg_ Henkel?« sagte Herr von Hopfgarten, als er den Brief einmal
flüchtig, den Inhalt nur überfliegend, dann langsamer durchlesen hatte
-- »_Soldegg_, was für ein sonderbarer Vorname; hieß denn Henkel nicht
anders?«
»Ja ich weiß es wahrhaftig nicht,« sagte der Professor, »ich habe nie
darauf geachtet, und soviel ich weiß seinen Vornamen auch nie gehört
-- vielleicht ist dieser hier in Amerika gebräuchlich.«
»Soldegg?« sagte der Pensylvanier, an den diese Bemerkung halb als Frage
gerichtet war, indem er hinter seinen Schenktisch ging und sich den
Namen aufschrieb, »nicht daß ich wüßte; s' ist aber möglich, die
Methodisten und Baptisten geben ihren Kindern manchmal ganz artliche
Namen, von denen man nie weiß wo sie her sind, aber -- wie ich da eben
aus dem Brief sehe, habt Ihr die #intention# Euch hier zu settlen, und
eine Farm zu kaufen; ist das wahr?«
»Das war allerdings meine Absicht,« sagte der Professor kopfschüttelnd
im Zimmer auf und abgehend, während sich Hopfgarten mit dem Brief in
eine Ecke gesetzt hatte, und ihn wieder und wieder durchstudirte,
»damals hoffte ich aber keine weiteren Schwierigkeiten dabei zu finden,
sondern gleich Jemanden in diesem Herrn Goodly zu haben, der mir mit
Rath und That an die Hand gehen könnte. Ich wäre sonst wahrhaftig nicht
nur so auf gerathewohl mit Weib und Kindern, Dienstboten und Gepäck hier
heraufgekommen.«
»Well, wenn Du bei Allem solch Glück hast, als daß Du den Schuft von
Goodly nicht mehr hier findest und in dessen Klauen gefallen bist,«
meinte der Pensylvanier trocken, »dann kannst Du es noch zu 'was
bringen in den States. Aber Deine Familie hast Du wohl in Cincinnati?«
»In Cincinnati? -- _hier_ -- unten am Fluß, mit Kisten und Kasten.«
»#The devil!#« rief der Pensylvanier überrascht aus -- fügte aber dann,
indem er sich ohne weitere Schwierigkeit auf seinen Schenktisch setzte
und sein rechtes Knie zwischen die zusammengefalteten Hände nahm,
langsamer und wie überlegend hinzu, »hm -- da befindest Du Dich #anyhow#
in einem #fix#[26] -- seid heute Morgen mit dem Dampfer gelandet, heh?«
»Ja wohl, mit der Jane Wilmington.«
»Ahem, calculirte so; und wollt eine Farm wirklich _kaufen_?«
»Wenn ich etwas passendes fände.«
»Mit Vieh und Einrichtung?«
»Wäre mir allerdings das Liebste.«
»Und Gebäuden?«
»Versteht sich von selbst.«
»Und wie theuer äbaut?«
»Ja lieber Herr, das hinge allerdings von Umständen ab, und müßte sich
doch entschieden nach der Farm selber richten.«
»Well, vor allen Dingen können wir die Ladies nicht unten an der Landung
sitzen lassen,« meinte der Pensylvanier, »und es wird das Beste sein sie
hier heraufzumuven -- Unterkommen haben wir schon für sie; wir müssen
wenigstens sehn, daß wir 'was auffixen -- aber so recht bequem wird's
freilich nicht werden.«
»Ja ich weiß aber gar nicht,« sagte der Professor unschlüssig, indem
er sich an den noch immer den Brief studirenden Herrn von Hopfgarten
wandte, »ob ich unter solchen Umständen überhaupt hier bleibe, oder
nicht lieber gleich direkt nach Cincinnati gehe. Was meinen Sie dazu
lieber Hopfgarten -- lassen Sie doch den unglücklichen Brief, Sie lernen
ihn wohl auswendig?«
»Auswendig nein,« sagte der kleine Mann aufstehend, »obgleich er's am
Ende verdiente, denn ich fange an zwischen den Zeilen zu lesen und ich
versichere Sie, lieber Professor, mir wird angst und bange dabei zu
Muthe.«
»Aber wie so? -- was haben Sie?«
»Lassen Sie nur jetzt, davon nachher; jetzt müssen wir doch wohl an das
Ihnen näher Liegende denken.«
»Ja nach Cincinnati wieder fahren,« sagte der Pensylvanier
achselzuckend, »das ist so eine Sache. Natürlich könnt Ihr das thun,
denn Steamboote dorthin laufen fast alle Tage hier vorbei; heute sind
aber schon drei aufwärts gegangen, es ist also sehr die Frage, ob über
Tag noch eins kommt, und die Ladies dürfen doch die Nacht nicht gut
unten am River bleiben. Außerdem seid Ihr einmal hier, das Land ist hier
auch billiger wie um Cincinnati herum, und ich calculire, daß Ihr doch
am Ende besser thätet, Euch hier erst einmal ein paar Tage umzusehen;
nachher könnt Ihr ja #anyhow# doch noch immer thun was Ihr wollt.«
In dem Rath lag sehr viel Vernünftiges; das ewige Gepäck herumschleifen
bekam der Professor auch satt, und die Passage nach Cincinnati, so
gering die Strecke sein mochte, hätte für seine wie des Webers Familie,
»#a smart sprinkle# Geld« gekostet, wie sich der Pensylvanier ausdrückte,
da sich die »Steamboote« das Anlegen schon besonders zahlen lassen. Zu
dem kam dann noch das Hinaufschaffen der Fracht in ein Gasthaus, der
Aufenthalt dort, das Wiederwegschaffen -- die Masse Personen -- auch
von Hopfgarten rieth ihm jedenfalls erst die Umgegend hier einmal in
Augenschein zu nehmen; gefiel es ihm dann wirklich _nicht_, so hatte er
doch ein Stück vom Lande gesehen, die Preise und Verhältnisse etwas
kennen gelernt und -- Erfahrung gesammelt, ohne eben mehr wie ein paar
Tage, mit nicht größerem Kostenaufwand als doch nicht mehr zu umgehen
war, versäumt zu haben.
Der Pensylvanier ging jetzt vor allen Dingen mit ihnen an die Landung
hinunter, dort das Gepäck in Augenschein zu nehmen, um es nachher mit
seinem Geschirr heraufzuholen, und die Damen in sein Haus einzuführen.
Er war, nachdem er die Absicht der Fremden gehört, und nun doch auch
wohl gesehen hatte, daß sie mit jenem übel berüchtigten Goodly in
nicht dem geringsten Verhältniß standen, wieder sehr freundlich und
zuvorkommend, wenn auch immer auf seine sehr trockene ungenirte Weise
geworden. Gegen die Damen aber war er besonders artig, und bot sogar der
Frau Professorin, die er in Indiana mit den jungen Ladies willkommen
hieß, den Arm an und führte sie den Berg hinauf, und die Männer nahmen
Jeder ein Stück des leichteren Gepäcks und folgten. Des Pensylvaniers
Wagen wurde dann augenblicklich nach unten geschickt die übrigen Sachen,
bei denen des Webers Frau mit den Kindern so lange als Wache bleiben
mußte, ebenfalls hinauf und unter Dach und Fach zu bringen -- hatte aber
dreimal zu fahren, ehe er sämmtliche Kisten und Collis an Ort und Stelle
schaffen konnte.
Für diesen Tag war nun allerdings nicht viel mehr zu unternehmen, am
nächsten Morgen aber, sobald es den Herren gefiel, erbot sich der
Pensylvanier sehr bereitwillig mit ihnen in das Land zu reiten, wo er
ihnen sogar, nur neun Miles von Grahamstown und etwa vier oder fünf vom
Ohiostrom entfernt, eine kleine reizende Farm offeriren könne. Diese,
jetzt von einem seiner Söhne bewohnt, wäre ihm vielleicht feil, »wenn er
seine Auslagen bezahlt bekäme«, indem er selber keinen Gebrauch mehr
dafür hätte. Die Wirthschaft sagte ihm, seiner Aussage nach, mehr zu als
das Farmerleben, und Grahamstown würde und müßte sich in sehr kurzer
Zeit so heben, daß sich seine jetzt unscheinbare Inn zu einem Hotel
umgestalten könnte. Wenn besonders _der_ Plan verwirklicht würde, an
dem das #County# jetzt arbeitete -- den Platz mit der nach St. Louis
führenden und schon fast beendigten Eisenbahn zu verbinden, hoffe er
das Fabelhafteste für Grahamstown. Er gab dabei nicht undeutlich zu
verstehn, daß ein paar hundert Thaler für Bauplätze in der Stadt selber
ausgelegt, leicht in drei oder vier Jahren zu ebenso vielen Tausenden
werden könnten, und wie er für die Zukunft sogar an dem Bestehen
Cincinnatis zweifelte, das mit der weit vortrefflicheren Lage dieses
Platzes, _unterhalb_ den bei Louisville gelegenen Stromschnellen, kaum
werde auf die Länge der Zeit concurriren können. Er mochte es sich
dabei nicht versagen die Fremden, wahrscheinlich um sie noch mehr
zu überzeugen, auch in die Anlage des »beabsichtigten« Grahamstown
hinauszuführen, und Mainstreet hinuntergehend, was einige Schwierigkeiten
der weiter oben häufig queerüberliegenden Bäume wegen hatte, kamen
sie etwa 500 Schritt von dem oberen Rand des kleinen Platzes zu dem
ausgesteckten und hier und da selbst schon »geklearten« Marktplatz,
wo allerdings noch sämmtliches gefälltes Holz wie Kraut und Rüben
durcheinander lag, nichts destoweniger aber doch schon der Platz für die
Bank, für das Theater und für die Börse -- das Court oder Gerichtshaus
stand schon in Gestalt eines breiten überwachsenen Blockhauses an der
nämlichen Stelle, an der es sich später von massivem Sandstein oder
Granit erheben sollte -- ausgemessen, und an den noch stehenden Bäumen
durch kleine hölzerne Tafeln bezeichnet worden.
Der Professor hätte unter anderen Umständen gewiß über dieß großartige
Planmachen, in dem die Amerikaner überhaupt berühmt sind, gelächelt, und
sich damit amusirt, denn seinen eigenen Ansichten von Städtebauen nach,
soviel er auch Amerikanischer Triebkraft dabei zu Gute schrieb, konnte
und mußte wohl ein halbes Jahrhundert vergehn, ehe die Hälfte dessen
wahr geworden, über das der Pensylvanier sprach als ob es sich im
nächsten Frühjahr ereignen würde. Jetzt aber, mit in den Wirbel schon
halb und halb hineingezogen, der hier Alles drehte und mit sich fortriß,
schon ein halbes Glied des Ganzen, und doch noch eigentlich nicht
dazu gehörig, noch ganz fremd auf dem Boden, den er unterwegs schon
gewissermaßen als seine Heimath betrachtet, erfüllte ihn das Alles mit
einem unbehaglich drückenden Gefühl, so daß er manchmal ordentlich tief
aufathmen mußte, wie eine schwere Last von seiner Brust zu wälzen.
Der Amerikaner dagegen ritt auf seinem Steckenpferd, und die
#improvements# des Bodens und der Stadt, der Wachsthum der Einwohnerzahl,
die Erbauung von Kirchen, Schulen, Universitäten, Bibliotheken etc. etc.
riß ihn mit einer Phantasie und Einbildungskraft fort, die so innerste
Überzeugung schien, daß sich selbst der Professor, trotz seiner
niedergedrückten Stimmung, doch zuletzt nicht enthalten konnte wenigstens
einen kleinen Theil des in soliden Luftschlössern aufgebauten Bildes
für möglich zu halten, und sich in der That, noch ehe sie das Gasthaus
wieder erreichten, dabei erwischte wie er eine Zuckerfabrik -- den
Runkelrübenbau in Amerika einzuführen war eine Lieblings-Idee von ihm
-- an der #blue creek# errichtete, mit derselben Wasserkraft eine
Säge- und Mahlmühle trieb, und weiter unten eine Talgsiederei anlegte
von den Überbleibseln der Heerden, die er nach St. Louis und New-Orleans
schickte, den größtmöglichsten Nutzen zu ziehn.
Der Abend ging trotzdem sehr still vorüber -- das drückende Gefühl der
Heimathlosigkeit, das auf ihnen Allen lag, sie mochten ankämpfen dagegen
wie sie wollten, ließ sich nicht so rasch bewältigen, und wenn auch der
Pensylvanier Alles that ihnen die Eigenschaften des Landes, auf dem sie
sich jetzt befänden, herauszustreichen, und seine Frau, ein freundliches
Weibchen aus Louisville, ihre öden Zimmer so behaglich herrichtete
wie es unter den Umständen nur möglich war, sie blieben still und
einsylbig und selbst Marie, die munterste sonst von Allen, hätte sich am
allerliebsten in irgend eine versteckte Ecke gedrückt und recht herzlich
ausgeweint -- so weh, so eigenthümlich war ihnen zu Allen zu Muthe.
»Apropos,« rief da plötzlich Herr von Hopfgarten, als sie sich gerade
für die Nacht trennen wollten (der Pensylvanier hatte ihnen nur drei
Zimmer zur Verfügung stellen können -- eins für die Damen, eins für die
Weberfamilie und eins für die Herren) »was ich Sie noch fragen wollte
-- kennt eine von den Damen vielleicht den Vornamen unseres
gemeinschaftlichen Freundes Henkel?«
»Ja wohl,« rief Marie rasch -- »er heißt Joseph; warum?«
»Ganz recht -- jetzt fällt es mir auch ein, Joseph!« sagte Hopfgarten
schnell; »wie man doch so etwas vergessen kann, ich habe selber den
Namen mehr wie hundert Mal gehört.«
»Joseph -- ja wohl,« sagte auch jetzt der Professor, »da muß das
wirklich sein Amerikanischer Beinamen sein.«
»Sein _Amerikanischer_ Name?«
»Der Brief, von dem ich Euch sagte, ist mit _Soldegg_ Henkel
unterschrieben und es war auch mir so, als ob seine Frau wenigstens ihn
mit einem anderen Vornamen, nicht Soldegg, genannt hätte.«
»Soldegg -- Soldegg -- ich habe den Namen nie, auch selbst nicht in
Heilingen gehört,« sagte Anna -- »lieber Gott was mag Clara jetzt
machen; es ist mir immer ein recht trauriges, wehmüthiges Gefühl, daß
wir sie krank zurücklassen mußten.«
Herr von Hopfgarten war aufgestanden und ging, mit auf den Rücken
gelegten Händen unruhig im Zimmer auf und ab, aber er sagte kein Wort
weiter, und da die Frau Professorin etwas über Kopfweh klagte, und die
Kinder auch unruhig wurden, verabschiedeten sich die Männer bald, und
suchten ebenfalls ihr Lager.
* * * * *
Der andere Morgen brach an, und mit ihm ein wichtiger Tag für die neuen
Ansiedler, der vielleicht entscheidend für sie sein sollte, für ihr
ganzes Leben und Glück, denn eine neue Heimath sollte gesucht, ein Platz
gefunden werden, auf dem sie ihre neue Laufbahn nicht allein beginnen,
sondern für den sie auch die Mittel, die sie zu ihrem Fortkommen mit
herüber gebracht, auslegen wollten, daß ein Rückschritt nachher ohne
bedeutende Verluste nicht möglich gewesen wäre. Und entsprach etwa
Alles, was sie bis jetzt von dem Lande gesehen, ihren Erwartungen?
durfte der Professor hoffen in dieser Gegend gleich einen solchen Platz
zu finden, an dem er es vor sich und seiner Familie verantworten konnte
zu bleiben? Er wagte gar nicht sich die Frage vorzulegen, denn der erste
Eindruck von Grahamstown war ein gar zu beengender, ja enttäuschender
gewesen. Allerdings befanden sie sich in einem neuen Land, und da, wo
noch Ackerbau und Cultur in der Wiege lagen und eben deshalb auch dem,
der sie weckte und in's Leben rief, so wacker lohnte, durfte und konnte
man nicht erwarten ein Land zu finden wie man es daheim verlassen hatte;
es war eben eine halbe Wildniß, in der erst gerade _durch_ die geweckte
Cultur der Segen aufkeimen sollte, den sich die Auswanderer von Amerika
versprachen. Das Alles hatte man sich daheim auch wohl wie oft selber
gesagt, und war allem Anschein nach vollkommen darauf vorbereitet
gewesen; und doch jetzt da es wirklich so aussah wie man es -- innerlich
gewiß mit manchem Vorbehalt -- aber doch äußerlich nicht anders erwartet,
mit den wild umher gestreuten Stämmen, den niederen, jeder Bequemlichkeit
mangelnden Holzhäusern, den fremden Menschen, da fühlte sich die
Brust beklemmt und sorgenschwer, und der Blick suchte wohl gar einen
Augenblick halb unbewußt und scheu nach dem verlassenen Ufer zurück.
Aber lieber Gott, das lag weit, weit dahinten; mit der abgerissenen
Brücke hinter sich standen sie an dem fremden Strand, und wenn auch
keinen Trost doch wenigstens Beruhigung gab ihnen das Bewußtsein jetzt:
»Du _mußt_!« Ein Rückweg war nicht mehr möglich, wenn sie das selbst
gewollt hätten, und mit _dem_ Gefühl kehrte auch wirklich mehr Ruhe,
jedenfalls mehr Entschlossenheit, in ihr Herz zurück.
Viel gleichgültiger betrachtete der Weber das neue fremde Land, in dem
er durch seine Anstellung bei dem Professor schon gewissermaßen festen
und sicheren Fuß gefaßt, ehe er es nur betreten. Er war neugierig
allerdings, wie er es finden würde, und ob die Erzählungen, die er davon
zu Hause gehört und gelesen, jetzt sich als wahr erweisen sollten; aber
vor der Hand in seiner und der Seinigen Existenz gesichert, fürchtete er
eben Nichts, und konnte die Zeit mit dem, wie sie sich entwickeln würde,
ruhig und sorglos erwarten. Seine Ansprüche an das Leben waren auch
geringer; Vieles, was der in anderen Kreisen erzogenen Familie des
Professors Entbehrung schien, wenn sie sich auch nicht darüber aussprachen
oder gar beklagten, war ihm selbst schon eine Verbesserung seines bisher
gewöhnten Zustandes, und die Gewißheit nicht allein seine Familie auf
ein volles Jahr untergebracht und versorgt zu haben, sondern auch sogar
an baarem Geld mehr zu verdienen, als er bis jetzt in seinem ganzen
Leben im Stande gewesen war zu erübrigen, ließ ihn dem neuen Leben mit
freudiger Zuversicht entgegengehn.
Seine Frau theilte das Gefühl, wenn sie sich auch noch in der fremden
Welt gedrückt und unbehaglich fühlte; nur die alte Mutter, der ihre
gewohnte Ecke mit dem Spinnrad fehlte sich darin niederzuhocken, der
die Sonne an der verkehrten Stelle auf- und unterging, und die Bäume
nicht dahin den Schatten warfen wohin sie sollten, der die Vögel nicht
zwitscherten wie daheim und die Blumen -- ihre Astern -- nicht blühten,
und die schon zehnmal in Gedanken vor die fremde Thür getreten war die
Linde zu besuchen, unter der der Leberecht ruhte, dann immer nur um so
viel niedergeschlagener, so viel mürrischer zurückzukehren zu dem
selbst nicht gewohnten Sitz, stöhnte und klagte den ganzen Tag und saß,
die Hände müßig im Schooß gefaltet, und still und langsam dazu mit dem
zitternden Haupte nickend und schüttelnd, auf ihrem Stuhl. Sie fühlte
daß sie dem heimischen Boden, den Gräbern ihrer Lieben, der alten
Dorfkirche und dem stillen Plätzchen, das sie so lange, lange Jahre das
ihre genannt, entrissen, für ewig, und auf Nimmerwiedersehn entrissen
sei, und sie glaubte jetzt das Herz müsse ihr brechen.
Der Professor hatte sich übrigens, wogegen der Pensylvanier erst einige
Schwierigkeiten machte, dazu entschlossen den Weber auf ihrer heutigen
Excursion mitzunehmen, sein Urtheil über das Land dabei zugleich zu
hören und seine Meinung über den ganzen Kauf an Ort und Stelle zu haben.
Der Wirth schien nicht recht damit einverstanden; er hatte im Anfang
kein Pferd mehr für ihn da, dann dauerte es zu lang bis eins geholt
werden könnte; der Professor aber, der klug genug war in einer Sache
mistrauisch gegen sich selbst zu sein, die doch jetzt über alles
Theoretische hinausging und in das praktische Leben direkt eingriff,
vielleicht auch in der unbestimmten Furcht vor einem doch möglichen
Fehlschlagen, in dem er nachher die Schuld nicht ganz allein zu tragen
hätte, ließ keine Ausrede gelten und erklärte, dann lieber noch einen
Tag warten zu wollen bis die Pferde gefunden wären, ehe er eben _ohne_
den Weber, dem er vielleicht mehr zutraute als er verstand, die Farm in
Augenschein nähme. Als der Pensylvanier endlich sah daß der Fremde von
diesem Entschluß nicht abging, waren auch die Pferde nach kaum einer
Viertelstunde gesattelt und bereit, und die kleine Gesellschaft, von der
sich der Professor selber am unbehaglichsten »an Bord« des etwas hohen
Pferdes fühlte, setzte sich in einem scharfen Schritt in Marsch, dem
freien Lande zu.
Die hölzernen, mit Fenzen eingefaßten Gebäude ließen sie bald hinter
sich, und folgten der sogenannten #county#-Straße, die noch eine Strecke
weit durch den breit ausgehauenen Wald hinführte, wobei ihnen der
Pensylvanier mit dem größten Ernst immer noch die schon ausgelegten aber
noch nicht einmal »urbar gemachten« Straßen von Grahamstown zeigte.
Dort, in das dicke Gebüsch von Hickory und Eichen sollte einmal später
das Waisenhaus kommen -- da drüben an dem etwas feuchten Fleck wo die
Sycomore und Erlen standen war der Platz für den Gasometer ausgelegt
-- die Telegraphenstation mit der Post mußte unten am Fluß selber sein,
in dem Centralpunkt des Handels und Verkehrs, der sich natürlich in den
ersten zehn Jahren, und bis die Eisenbahnen von hier aus nach allen
Richtungen auszweigten, jedenfalls in der Nähe des Wassers halten müßte.
Er selber hatte sich aber auch zwei Bauplätze hier an der Grenze des
Weichbildes reservirt, einen an dem nächst zu erwartenden St. Louis, den
anderen, an dem Cincinnati-Bahnhof. Wo die Eisenbahn die einmal später
nach New-Orleans und Charlestown führte, auslaufen sollte, darüber
hatten sich die Bürger noch nicht geeinigt, und es war einer späteren
Versammlung vorbehalten worden darüber zu entscheiden.
Der Mann sprach dabei mit solcher Ruhe und Sicherheit, und schien selber
von dem rasenden Wachsthum der Stadt so fest überzeugt zu sein, daß sich
der Professor nicht allein mehr und mehr mit dem Gedanken vertraut
machte sich in der Nähe eines so bedeutenden Platzes, jetzt da das
Land noch billig zu haben sei, niederzulassen, sondern sogar schon
unbestimmte Wünsche in sich aufsteigen fühlte, selber ein paar Bauplätze
in den bestgelegensten Theilen der Stadt -- nur nicht zu nahe am Gasometer
-- zu erstehen. Ezra Ludkins hatte ihn dabei schon aufmerksam gemacht,
daß gegenwärtig die passendste Zeit dazu sein würde, da mit dem Winter
besonders ihre, nur für jetzt noch aus Holz bestehenden Bauten gewiß am
Stärksten in Angriff genommen werden würden, und der Preis der Lots
(Bauplätze) mit jedem neu errichteten Hause an Werth gewinnen und
steigen _müßte_.