siebenten Tag nach ihrer Abfahrt von New-Orleans die Mündung des
ebenfalls schiffbaren Wabasch, der von Michigan herunter kommend und
oben queer durch den Staat Indiana durchströmend weiter unten die Grenze
bildet zwischen diesem und dem Nachbarstaat Illinois, bis zum Ohio
nieder. Kentucky dehnte sich jetzt noch an ihrer Rechten aus, aber zu
ihrer Linken lag Indiana.
Herr von Hopfgarten hatte sich indessen entschlossen, ebenfalls mit in
Grahamstown an Land zu gehn; er kam noch früh genug nach Cincinnati, und
bekam hier zugleich Gelegenheit das innere Land wie die Verhältnisse des
Ankaufs, welche der Professor jetzt durchmachen mußte, näher kennen zu
lernen. Außerdem waren sie doch nun auch hier ein tüchtiges Stück in
Amerika hineingekommen, ja befanden sich in der That ziemlich im
Mittelpunkt der ganzen Vereinigten Staaten, die sich hier jedenfalls
eher mußten in ihrem urthümlichen Charakter erkennen lassen, als in den
großen, volkreichen Städten.
Nun sie übrigens ihr Ziel bald erreicht hatten, und die Passagiere,
selbst die Damen, durch die längere Dampfbootfahrt zuversichtlicher und
sicherer geworden waren, begann Marie, wenn sie bei Tische oder Abends
manchmal auf der hinteren Gallerie zusammen kamen, den Reisegefährten zu
necken, daß ihre Reise so ganz ruhig und ohne Zwischenfall abgelaufen
sei, und Herr von Hopfgarten nun wahrscheinlich wieder den ganzen Weg
werde zurück machen müssen, noch einmal von vorn anzufangen. Hopfgarten
war aber auch wirklich nicht so ganz mit dem bis jetzt erzielten
Resultat zufrieden, denn nicht allein war die Reise bis jetzt so glatt
und still vor sich gegangen, als ob sie auf einem Europäischen Dampfer
gefahren wären, sondern er hatte auch selbst unter seinen Mitpassagieren
noch nicht das geringste Außergewöhnliche entdeckt. Nirgends boxten sich
die Leute -- als einmal im Zwischendeck und das hatte er versäumt
-- nirgends sah er Pistolen oder Bowiemesser[18] gegen einander gezogen,
und wie oft hatte er doch in Deutschland gelesen, daß diese beiden
Waffen von Amerikanern bei den geringsten Streitigkeiten aufeinander
gezückt würden. Es war ein verzweifelt langweiliges Leben an Bord, und
wenn ihn nicht die bunt zusammengewürfelte Gesellschaft der Passagiere
selber amüsirt hätte, er würde nicht gewußt haben was mit sich
anzufangen.
Die Cajüte eines Mississippi-Dampfboots ist aber auch wirklich für
Jemanden, der Charakterstudien zu machen wünscht, der beste Platz der
sich nur denken läßt. Im Zwischendeck geben sich die Leute wie sie
sind, und sind wie sie sich geben, meist rohes Bootsvolk, das sich nicht
wohl in anständiger Gesellschaft fühlt, oder die ärmere Klasse der
Einwanderer, die still und anspruchslos alle Unbequemlichkeiten und
Entbehrungen dieses Platzes ertragen, weil sie eben wissen, daß sie
nicht für mehr bezahlen können.
In der Cajüte ist das anders; die Passagepreise auf den westlichen
Dampfbooten sind der ungeheueren Frequenz und des wohlfeileren
Brennmaterials, wie der billigen Lebensmittel wegen so niedrig gestellt,
daß Jeder, der nicht wirklich zur arbeitenden Klasse gehört, und sich
sein Brod im Schweiß seines Angesichts verdienen muß -- und selbst
von diesen Mancher -- in der Cajüte bei guter Kost und bequemem und
reinlichem Aufenthalt seine Reise macht. So finden wir neben dem reichen
Pflanzer aus dem Süden und dem Crösus aus den östlichen Städten, der in
die theuersten und feinsten Stoffe nach elegantem Schnitt gekleidet
Passage genommen hat seine Freunde im Norden zu besuchen, den rauhen
Backwoodsman oder Hinterwäldler gerad' aus dem Wald heraus, in seinem
blauwollenen oder ledernen Jagdhemd, der seine lange Büchse in die Ecke
der Cajüte zwischen die seidenen Regenschirme und Fischbeinspatzierstöcke
gelehnt hat, und seinen Tabackssaft zwischen den Zähnen durch über
Bord spritzt wie -- der beste Gentleman der Union; finden den langen
Yankee-Sclavenhändler mit grell buntgestreiftem Hemd und unvermeidlichen
Frack, den Hut nach hinten in den Kopf gedrückt; finden, dicht neben
dem salbungsvollen Gesicht und breiträndigen Hut, dem braunen Rock mit
Stehkragen und der weißen Cravatte des Reverend So und So, den Abschaum
der Menschheit -- den Spieler von Profession -- der mit falschen Karten
»sein Leben macht« und zu Mord und Straßenraub eher seine Zuflucht
nehmen würde wie zu ehrlicher Arbeit; finden den Vieh-und Mehlhändler,
und den »Stadt-Speculanten«, der seine Bauplätze irgend einer imaginären
Stadt an den Mann zu bringen sucht; den weichlichen Creolen aus Louisiana,
und den zähen, derbknochigen Yankee-Uhrenhändler; den Spanischen
Kaufmann aus New-Orleans, der nach Cincinnati geht seine Einkäufe in
Manufakturwaaren zu machen, und den Ohio-Schweinefleischhändler, der
seine gesalzenen Heerden in der Königin des Südens gegen Spanische
Dollar vertauschte; finden mit einem Wort den ganzen bunten Extrakt der
wunderlich gemischten Bevölkerung Amerikas, mit einer einzigen Ausnahme;
wir finden keine Neger oder von farbigen Blut Entsprossene, bis zum
Quadroon[19] hinunter, in der Cajüte eines Dampfers -- außer den Dienern
natürlich, Steward, Koch und Aufwärtern -- denn dem farbigen Blut ist der
Aufenthalt dort zwischen _Weißen_ verboten, und wenn sie über Millionen
zu gebieten hätte. Wie würde es einem Weißen einfallen sich mit dem
Abkömmling der verachteten Race an _einen_ Tisch zu setzen, oder gar
_eine_ Coye mit ihm zu theilen. -- Mit den Zwischendeckspassagieren ist
das eine andere Sache -- Vieh wird auch oft im Zwischendeck befördert,
und zwar mitten zwischen den übrigen Passagieren -- dasselbe Recht haben
die _Nigger_.
Kaum minder interessant -- das Wenige gerechnet was er davon zu sehn
bekam -- war für unseren Freund Hopfgarten die Damencajüte, in der er
gewiß vortreffliche und höchst angenehme Studien Amerikanischen
Familienlebens hätte machen können, wenn nicht die magischen Worte
#no admittance,#[20] die auf einer rothen Tafel mit goldenen Buchstaben
darüber standen, jedes Eindringen in das Mysterium dieser mit rothseidenen
Vorhängen verschlossenen Halle unmöglich, oder doch zu einem sehr gewagten
Unternehmen gemacht hätten. Manchmal war er allerdings im Stande einen
flüchtigen Blick in das sehr elegant ausgestattete und mit weichen
Teppichen belegte Gemach zu gewinnen, wenn ein oder die andere Dame,
vielleicht absichtlich, einmal den Vorhang hob herauszuschauen, oder
wenn die Kammerjungfer, ein allerliebstes Quadroon-Mädchen aus- und
einging, ihren nöthigen Beschäftigungen nach. Es ließen sich dann
wohl ein paar reizende Gestalten, nachlässig in einen Schaukelstuhl
hingegossen, erkennen, die sich, ein Buch oder Kind auf dem Schooß um
nur etwas in der Hand zu haben, behaglich herüber und hinüber wiegten;
viel mehr war aber nicht davon wegzubekommen, und er selbst zu schüchtern
sich irgendwo einzudrängen wohin er nicht gehörte, und wo er glauben
konnte vielleicht nicht gern gesehen zu sein.
Des Neuen bot der Strom überhaupt genug, nach jeder Seite hin, und die
Zeit verging ihnen, sie wußten selbst nicht wie.
Capitel 8.
Die Farm in Indiana.
Die Schiffsglocke läutete wieder, und der Platz wo sie jetzt landeten,
ein Holzboot in's Schlepptau zu nehmen, lag wie der Farmer sagte, der
das Holz an Bord brachte, gerade drei Miles (engl. Meilen) unter
Grahamstown; es war für die Passagiere die dort auszusteigen gedachten,
die höchste Zeit ihr Gepäck in Ordnung zu bringen.
Über das Wort #town# (Stadt) hatte der Professor indeß unterwegs seine
überseeischen Ansichten in etwas geändert, denn den Fluß entlang,
besonders am Ohio, waren ihm schon eine Menge kleiner Nester mit ein
paar zerstreuten hölzernen Wohnungen, aber immer unter diesem Titel,
vorgestellt worden, daß er eben auch nicht sehr erstaunte -- wenigstens
nicht _so_ überrascht war, wie er es sonst wohl gewesen wäre -- als sie
etwa eine halbe Stunde später in Grahamstown einen eben solchen kleinen
Fleck begrüßten, den er anderen Falls, beim bloßen Vorbeifahren, gewiß
nur für eine gut und bequem angelegte Farm gehalten haben würde. Lange
Zeit zu Betrachtungen blieb ihnen aber nicht; wieder hämmerte der
Steuermann gegen die Glocke, die Leute standen vorn am Bug mit den
zusammengerollten, zum Wurf bereiten Tauen, ein paar Neger am Ufer
-- aber hier freie Leute, keine Sclaven --sprangen bereitwillig, die
Köpfe vorsichtig geduckt daß sie nicht von dem schweren Tau getroffen
wurden -- herbei es aufzufangen, die Klingel des Ingenieurs, vom Lootsen
gezogen, ertönte und gab das Zeichen zum Halten, der Dampf strömte mit
einem scharfen jähen Schlag in's Freie, die Räder standen und wenige
Secunden später lag die Jane Wilmington fest an Land, ihre Passagiere
abzusetzen. Die Planken wurden zu gleicher Zeit ausgeschoben und während
die Deckhands und Feuerleute Alles faßten, hinübertrugen und _abwarfen_,
was ihnen gepäckartig in den Weg kam, hatten die letzten der Passagiere
kaum das Boot verlassen, als ihnen die langen Breter schon wieder unter
den Füßen fortgerissen wurden. #Go ahead!# tönte der Ruf des Capitains
vom Hurricane-Deck aus, und die große Schiffsglocke läutete zum Zeichen
daß Alle, die noch an Bord wären und nicht dahin gehörten, das Boot
verlassen sollten -- aber es war das eine bloße Formalität, denn das
Boot war faktisch schon wieder im Strom, gegen den es wenige Secunden
später an und -- weiter brauste.
Die Passagiere der Haidschnucke schienen die einzigen an Bord der Jane
Wilmington die Grahamstown zu ihrem Ziel gewählt; nur noch zwei
Amerikaner, die ihr ganzes Gepäck, einen winzigen Lederkoffer, in der
Hand trugen und damit ohne weiteres die Uferbank hinaufklommen, waren
mit ihnen ausgestiegen. Die ganze Landung ging dabei so rasch und fast
möchte man sagen gewaltsam von Statten, daß sie nicht einmal Zeit
behielten sich zu erkundigen ob dieß auch wirklich Grahamstown sei. Die
kleine Stadt lag übrigens auf einem hier zum Wasser niederlaufenden,
etwa zwei hundert Schritt hohen und vollkommen baumleeren Hügelhang;
eine sehr ausgefahrene Straße lief schräg an dem Hang hinauf zu den
ersten Häusern, und einzelne kleine Holzgebäude, ohne eigentlichen
sichtbaren Zweck und Nutzen, standen zerstreut unter dem höchsten Rand.
Oben konnte man auch, nachdem die beiden Amerikanischen Passagiere in
ihren schwarzen Fracks hinter den Häusern verschwunden waren, hie und
da einen Mann erkennen der, die Hände in den Hosentaschen, an einer
Fenzecke lehnte und hinunter sah, oder eine Frau mit ihrem großen, den
ganzen Kopf verhüllenden Bonnet, die ein paar Stücken Wäsche aufhing,
um die Fremden da unten mit ihrem Gepäck, einer ordentlichen Burg von
lauter Kisten, Kasten, deutschen Ackergeräthschaften, Koffern und
Hutschachteln, schien sich keine Seele zu bekümmern, auch kein Fuhrwerk
war zu sehn, mit dem sie hätten hoffen können ihr Passagiergut hinauf zu
befördern.
»Lieber Gott wie öde das hier aussieht« sagte Marie, die sich mit der
Mutter und den übrigen Geschwistern auf ihre Koffer gesetzt hatte,
während der Weber mit seiner Familie, und der Professor mit Eduard und
Herrn von Hopfgarten noch eifrig beschäftigt waren, das dicht an den
Wasserrand, und hie und da selbst in den nassen Sand und Schlamm
geworfene Gepäck ein paar Schritte weiter hinauf, wenigstens auf
trockenen Boden zu schaffen. --
»Und kein Mensch zu hören und zu sehn« sagte Anna kopfschüttelnd, »große
Freude scheinen die Einwohner eben nicht zu haben daß neue Ansiedler
kommen.«
Die Mutter sagte kein Wort, aber sie hielt ihr jüngstes Kind auf dem
Schooß, und schaute sich dabei still und mit einem unbeschreiblich
unheimlichen Gefühl die ganze ziemlich öde unversprechende Umgebung an.
Nichts macht auch wohl einen so traurigen, beengenden Eindruck auf den
Fremden, als das erste Betreten einer neuen »#clearing#«[21], eines neu
angefangenen Platzes in den weiten Wäldern Amerikas. Alles ist noch neu
und unfertig, überall liegt Baumaterial und Holz; gefällte Bäume,
abgehauene Wipfel, ausgerodete Wurzeln trifft das Auge wohin es fällt;
Straßen existiren auch nicht, nur zerfahrene Wege, bald hier bald da
hinaus ausweichend, natürlichen Hindernissen des Bodens zu entgehn;
Nichts hat noch einen Platz, Niemand selbst von den schon Angesiedelten
fühlt sich heimisch, und die zertretenen, zerstampften Plätze um die
Wohnungen selbst herum, mit nicht einem Baum stehn gelassen der Schatten
gäbe, oder Abwechslung in diese Wüste der Civilisation brächte. Wohl
hatten die Eingeborenen recht als sie, die ersten Ansiedlungen der
Weißen sehend behaupteten, der Indianer sei der einzige rechtmäßige und
von dem großen Geist für sein Vaterland bestimmte Eigenthümer, »denn er
_entstelle_ den Platz nicht, auf dem er sich niederlasse«, und nur den
Jahren ist es dann vorbehalten das auszugleichen; die Natur selber muß
wieder schaffen und wirken auf dem mishandelten Platz, bis es da
wohnlich, bis es heimisch wird.
Die Männer hatten indessen ihre Arbeit unten vollendet, als Hopfgarten,
sich mit dem seidenen Taschentuch den Schweiß von der Stirn trocknend,
zu den Damen trat.
»Das wird Appetit machen« sagte er lachend, »Wetter noch einmal, nach
einem so müßigen Leben, kommt einem die Arbeit ordentlich ungewohnt vor;
die Bootsleute hätten sich auch ein wenig mehr Zeit lassen dürfen -- ich
habe ordentlichen Hunger.«
»Ja, wenn wir hier nur überhaupt etwas bekommen können« meinte Marie
neckend -- »Sie und Papa werden jedenfalls erst einmal recognosciren
gehn müssen, um irgend ein Unterkommen zu entdecken, oder wir werden
genöthigt sein die Nacht hier zu campiren und von dem Zwieback zu leben,
den Mutter für die Kleinen mitgenommen hat.«
»So weit wird es hoffentlich nicht kommen« sagte der Professor, der
jetzt ebenfalls zu ihnen getreten war, »aber -- aber ich muß gestehn
-- _etwas_ Anders habe ich mir den Platz, nach Herrn Henkels Beschreibung
doch auch gedacht und, was mir das Auffallendste ist, die Leute scheinen
hier auf fremde Einwanderung gar nicht vorbereitet zu sein und -- brauchen
uns entweder nicht, oder -- oder glauben vielleicht daß wir gar nicht zu
ihnen wollen.«
»Das läßt sich bald erfahren« rief aber Hopfgarten -- »wir Beide
wollen, wie eben Fräulein Marie vorgeschlagen hat, einmal hinaufgehn
und den Herrn aufsuchen, an den Sie, lieber Professor, adressirt sind;
jedenfalls werden wir dort gleich erfahren woran wir sind, und was wir
hier in diesem #Embryo# Städtchen zu hoffen haben. Ich für mein Theil
trete den Weg mit sehr geringen Erwartungen an, und brauche kaum zu
fürchten selbst in denen getäuscht zu werden.«
»Gut« sagte der Professor »dann mag Eduard als Beschützer der Frauen
zurückbleiben, und dem Weber indessen helfen das kleinere Gepäck etwas
mehr zusammenstellen; hoffentlich hat die Stadt da oben auch ein
besseres Aussehn, als wir von hier unten erkennen können. Spätestens
sind wir in einer Stunde etwa zurück und bringen Bescheid.«
»Aber sollten wir die Damen nicht doch lieber mitnehmen, als sie allein
hier in der Sonne sitzen lassen?« wandte Hopfgarten ein.
»Wir bleiben lieber hier« sagte die Frau Professorin rasch -- »ich
möchte nicht gern den Platz betreten, ehe ich nicht weiß daß unsere
Kinder und das Gepäck ein sicheres Unterkommen finden.«
Der Professor hielt das auch für das Beste, denn ihre Familie war durch
die Weberleute natürlich sehr angewachsen, und die beiden Männer machten
sich jetzt auf den Weg vor allen Dingen den Mr. Goodly zu finden, an
den sie empfohlen waren, wie auch Grahamstown selber, das sich bis jetzt
noch sehr passiv verhielt, etwas näher in Augenschein zu nehmen. Sie
kletterten also vor allen Dingen den etwas steilen und unbequemen
Landungsplatz, den schmutzigen schräg anlaufenden Weg dabei vermeidend,
hinan und erreichten bald die ersten, schon von unten auf bemerkten
Häuser, wo sie das aber, was sie von der Landung aus für einen freien,
noch nicht bebauten Platz, als eine breit in den Wald hineingehauene
Straße erkannten, an der allerdings Fenzen entlang liefen und in
regelmäßigen Zwischenräumen kleine niedere theils Block-theils
#frame#[22] Häuser standen, in der aber auch nur erst die Bäume, die
hier ursprünglich den Wald gebildet, gefällt und die Klötze zu den
Gebäuden benutzt, die Wipfel zu Feuerholz verbrannt, die Wurzeln und
Stümpfe aber noch keineswegs entfernt waren, und der Straße, die ein
breites Schild als #Mainstreet# verkündete, etwas ungemein urthümliches
gaben.
Die Straße -- in der nur zwei Menschen sichtbar waren, der eine mit
einer Axt beschäftigt einen knorrigen Eichenast zu Feuerholz zu spalten,
der Andere auf einem umgeworfenen Stamm sitzend, auf dem er, mit einem
Zeitungsblatt in der Hand, eingeschlafen schien -- bot aber doch etwas,
dessen Entdeckung ihnen nicht geringe Freude machte -- ein Wirthshaus,
auf das sie jetzt rasch und entschieden lossteuerten, dort natürlich an
der Quelle alle nöthigen Erkundigungen einzuziehn.
Das Zeichen, das ihnen der Platz verkündete, bestand in einem roh
von Stangen aufgerichteten Gerüst, zwischen dem schwebend, an zwei
eisernen knarrenden Haken ein Gemälde mit der Unterschrift »#Inn#«
(Wirthshaus) hing. Das Bild allein wäre nun schon hinreichend gewesen die
Aufmerksamkeit der beiden Reisenden zu fesseln, und Hopfgarten konnte es
sich auch nicht versagen, ein paar Secunden davor stehn zu bleiben und
diesen, hier dem Wetter preisgegebenen Kunstschatz, zu bewundern. Es
stellte allem Vermuthen nach eine Meerjungfer dar, die höchst sinnreich
mit dem zur Kufe ausgebogenen sehr schuppigen Fischschwanz über die
jedenfalls gefrorene Oberfläche der See hinlief, und dabei eifrig
beschäftigt war mit einem siebenzinkigen riesenhaften Kamm, -- das Ding
sah aus wie das abgebrochene Wurfeisen einer Harpune -- die allerdings
sehr struppigen rothen Haare zu kämmen. Sie war dabei gewissenhaft
nackt, und außerordentlich kräftig gebaut, ob aber der Maler dadurch das
Diabolische ihres Charakters am Besten zu geben glaubte, oder ob es nur
Phantasie von ihm war, kurz er hatte der Gestalt, die ihre linke, etwas
verdrehte und den Daumen auswärts gehaltene Hand unter den Erfolg des
Kammes hielt, mit einer so scheußlichen Galgenphysionomie versehen, daß
sie als die Urmutter des ganzen Geschlechts gelten konnte, und wohl kaum
einem armen »Schiffer in seinem Kahne« der vielleicht den Ohio herunter
kam, gefährlich geworden wäre.
»Nun, wie gleicht ihr das Bild?« sagte da plötzlich, in dem sogenannten
Pensylvanisch deutschen, aber eigentlich Amerikanisch deutschen
Dialekt, da ihn sehr Viele annehmen die nie Pensylvanien gesehen, eine
vierschrötige Figur, die in einem blauen Frack von selbst gewebten Zeug
und eben solchen pfeffer- und salzfarbenen nur etwas zu kurzen Hosen,
die Hände in den Taschen derselben, und den Cylinderhut auf dem Kopf, in
der Thür stand, und die beiden Fremden theils, theils die andere Seite
seines Schildes die genau dieselbe Figur darstellte, wohlgefällig
betrachtet zu haben schien.
»Oh vortrefflich« sagte Herr von Hopfgarten rasch, und etwas erstaunt
über die deutsche Anrede -- »aber Sie sprechen deutsch?« --
»#Y-e-s#« sagte der Pensylvanier langsam und selbstbewußt.
»Aber Sie sind kein Deutscher?«
»No -- denke nicht.«
»Und woher wußten Sie daß _wir_ Deutsche sind?« frug der Professor, dem
es ein eigenthümliches Gefühl war trotz seiner, keineswegs auffälligen
oder außergewöhnlichen Kleidung gleich als Fremder, nicht zum Land
Gehöriger erkannt zu sein.
»Well, ich weiß nicht« sagte der Pensylvanier schmunzelnd, »aber Ihr
Deutsche seht immer so artlich aus, daß man Euch gleich wie die
schwarzen Schaafe unter den Weißen herausfinden kann. Aber wollt Ihr
nicht hereinkommen und ein Glas Cider trinken? es ist heiß heute.«
[Illustration: Capitel 8.]
Die beiden Fremden folgten gern der Einladung, weniger des in Aussicht
gehenden Äpfelweins als der gehofften Nachrichten wegen, und folgten dem
Mann, der sie in den unteren, eben nicht sehr gemüthlichen Raum seines
Schenk- und Gastzimmers führte, dort ohne weiteres hinter seinen
Schenktisch trat, ein paar Gläser vor sie hinsetzte und ihnen dann eine
gelblich trübe Flüssigkeit eingoß die er ihnen als »#first rate#«[23]
und honigsüß anprieß. Er lehnte sich dann mit den beiden Ellbogen auf
seinen Tisch und sah ihnen freundlich zu wie sie die Flüssigkeit, ein
sauersüßes etwas fade schmeckendes Gebräu, mit der bestmöglichsten Miene
verschluckten.
»Capitaler Cider das -- hat mein Junge selber gemalt, alle beiden
Seiten.«
»Was?« sagte Hopfgarten rasch, über sein halbgeleertes Glas
hinwegsehend.
»Das Bild draußen mein ich« sagte der Pensylvanier -- »die #Mermaid#
-- verfluchter Junge, hat es Alles von sich selber gelernt.«
»Oh das Schild draußen -- ja, ist wirklich vortrefflich gemacht« stimmte
ihm Hopfgarten bei, nur nicht in die Möglichkeit versetzt zu werden den
Cider ebenfalls loben zu müssen -- »verräth sehr viel Talent.«
»#Yes#« -- sagte der Pensylvanier schmunzelnd -- »und noch dazu ohne
Pinsel, blos mit einer Zahnbürste.«
Das Gemälde gewann durch diese Nachricht allerdings an artistischem
Werth, dem Professor, der sich sonst vielleicht sehr über das Gespräch
amüsirt hätte, gingen aber doch in diesem Augenblick zu viel andere
Dinge im Kopf herum, und er schnitt die Unterhaltung durch eine direkte
Frage nach dem Mann ab, an den er hierher adressirt worden, und für den
er freundschaftliche Briefe bei sich trug.
»Mister Goodly -- so? --« sagte aber der Pensylvanier, dessen Name Ezra
Ludkins war, seine beiden Gäste Einen nach dem Anderen rasch aufmerksamer
als vorher von oben bis unten betrachtend -- »und Ihr wünscht Mister
Goodly zu sprechen und habt Briefe für ihn?«
»Ja mein Herr« sagte der Professor, der sich aber noch immer nicht recht
an das Pensylvanische _Du_ gewöhnen konnte, »und Sie würden uns einen
großen Dienst erweisen, wenn Sie uns zu ihm führen wollten.«
»So? -- hm?« sagte der Wirth wieder, mit den Fingern der linken Hand
dabei den Yankeedoodle auf dem Tisch trommelnd -- »Mr. Goodly? Und Ihr
seid Freunde von Mr. Goodly? --«
»Wenigstens durch einen Freund an ihn empfohlen; und wo können wir ihn
wohl finden?«
»Darum hätte der Sheriff viel Geld gegeben wenn er das wüßte« sagte
Ezra.
»Der Sheriff? -- wie so -- ist er nicht mehr hier?« frug der Professor
rasch und erschreckt.
»Ich denke nicht« erwiederte der Pensylvanier, mit unzerstörbarer Ruhe
-- »könnten hier auch nicht #care# auf ihn tähken,[24] denn wir haben
noch keine #penitentiary#.«
»Kein Zuchthaus?« rief Herr von Hopfgarten -- »hat Herr Goodly irgend
etwas verbrochen?«
»Well ich weiß nicht ob Ihr das etwas verbrochen nennt, aber er hat
erstlich ein halb Dutzend Menschen mit falschem Spiel ruinirt, und dann
einer alten Frau, die hier allein in einem Hause wohnte und viel #Cash#
(baar Geld) haben sollte, blos den Hals abgeschnitten. Nachher hat er
sich #scarce# gemacht und bis jetzt haben sie ihn noch nicht wieder
ketschen[25] können.«
»Aber das ist ja gar nicht möglich!« rief der Professor, »das kann _der_
Goodly nicht sein -- Mr. Goodly hat hier eine Farm dicht bei Grahamstown
am #blue creek#, etwa eine halbe Meile von hier -- ausgedehnte Rinder- und
Schaafheerden, und zieht hauptsächlich Schweine für den Cincinnati-Markt.«
»Well« sagte der Pensylvanier mit dem Kopfe nickend, und ein Glas für
sich selber von dem Gesims herunter nehmend, das er sich mit #brandy#
-- er selber trank keinen Cider -- anfüllte, und auf einen Schluck
austrank -- »das trifft. Seine kleine #cabin# stand am #blue creek#, wie
der Platz heißt -- er hielt zwei Kühe, und das Weibsbild das er die
letzten drei Monate bei sich hatte, und die mit ihm durchgebrannt ist,
kaufte sich von Bill Owen ein zahmes Schaaf zur Unterhaltung.«
»Aber das sind keine Heerden --«
»Bah, wenn er's eine Heerde nennt -- Grahamstown ist auch noch keine
Stadt, wenn wir so wollen.«
»Und Mr. Goodly war wirklich --«
»Der nichtswürdigste Schurke, den je die Welt getragen,« unterbrach ihn
der Pensylvanier ruhig, »und ich will Euch wünschen, Leute, daß Ihr noch
bessere Empfehlungen mit nach Grahamstown gebracht habt wie an den.«