Als ob ein einzelner Baum umgeschlagen wäre und da hinein hie und da

eine kleine, kaum bemerkbare Lücke gerissen hätte, so sehen die kleinen

Lichtungen aus, in die sich ein Holzhauer gedrängt und sein Lager da

mitten im furchtbarsten Sumpf, von Wasser und Schlamm rings umgeben,

aufgeschlagen hat mit Frau und Kind. Gegen das Gesetz der Vereinigten

Staaten, das dem Einzelnen verbietet Holz auf Grund und Eigenthum der

Union zu schlagen, macht er ein anderes Recht der Squatter, das

#preemption right# für sich geltend, das dem armen Ansiedler erlaubt

Land, ohne es gleich zu bezahlen, so lange zu occupiren und zu bebauen

und dann darauf das Vorkaufsrecht zum Congreßpreis (1-1/4 #Dollar pr.

acre#) zu behalten, bis es vermessen und zum Verkauf dann ausgeboten

wird. Dem Staat gegenüber erklären diese Leute, wenn sie je darum

gefragt werden sollten, daß sie die Bäume hier fällen um das Land urbar

zu machen, und es für sich selber, zu ihrem bleibenden Wohnsitz zu

wählen, in Wirklichkeit aber bleiben sie nur bis sie sich eine gewisse

Summe baaren Geldes durch den Holzverkauf an die Dampfboote verdient

haben, und ziehen dann weiter westlich in gesündere Gegenden, sich dort

erst anzukaufen -- wenn sie nicht früher schon durch den Verlust von

Frau oder Kindern oder durch eigene Krankheit in den bösen Miasmen der

Sümpfe verscheucht und gezwungen werden die Hügel aufzusuchen, das

eigene Leben zu retten. Von kaltem Fieber geschüttelt, von Mosquitos

zerstochen, an Stellen die von giftigen Schlangen wimmeln, vor denen sie

die Kinder kaum genug hüten können, verleben die armen Frauen besonders

dort eine traurige Existenz. Ja diese wird oft selbst durch den Strom

bedroht, der in seinen furchtbaren Überschwemmungen das ganze Land

überfluthet, das geschlagene und mühsam aufgeschichtete Holz und nicht

selten die niederen Blockhütten selber faßt, und weit hinabschwemmt dem

Meere zu, so daß diese Holzhauer, besonders an den niedrigst gelegenen

Stellen, stets gezwungen sind ein Boot oder Canoe an ihrem Haus zu

haben, in der Zeit der Gefahr wenigstens ihr Leben vor der Gewalt der

Wasser schützen zu können, und stromab den Hügeln zuzuflüchten.

S'ist eine traurige Existenz die tausende von Menschen auf solche Art

führen, und bezeichnend dabei, daß fast nur Amerikaner selber, die

abgehärteten und die Wildniß gewohnten Kinder der Pioniere und ersten

Vorkämpfer der Civilisation, sie freiwillig wählen. Selten oder nie

findet man in diesen Hütten und Sümpfen Deutsche, oder andere fremde

Einwanderer, die fast alle geringeren Verdienst und gesünderen Boden

vorziehn, auch wohl dieß Klima mit seinen Entbehrungen nicht so ertragen

könnten als der Amerikaner.

Weiter wühlt sich das Boot, an Hütte und Wildniß vorbei und was ist das

dort drüben, das so weiß und breit da aus dem Wasser ragt? -- Ein

versunkenes Dampfboot, das in Nacht und Nebel gegen ein #snag# rannte

und sank -- »aber die meisten Passagiere wurden gerettet« -- und da

drüben, das mit den schwarzen Rippen? -- das ist ein anderes Boot das

mitten auf dem Strom in Brand gerieth und unglücklicher Weise, ehe es

das feste Ufer erreichen konnte, auf eine Sandbank lief. Der Steuermann

weiß eine furchtbare Geschichte davon zu erzählen, denn er war an Bord,

und man hat nie erfahren wie viel Unglückliche ihr Leben dabei

einbüßten.

Und weiter da drüben? -- lieber Freund das sind auch die Überreste eines

Wracks; es ist hier gerade eine etwas gefährliche Stelle, aber überhalb

der Mündung des Ohio ist's noch viel ärger, denn dort haben die

Bootsleute einem Theil des Stromes den Namen, »Dampfers Kirchhof«

gegeben, und manches Menschenleben hat der schon gekostet.

Es ist wahr, auf keinem Strom der Welt ist mit Dampfbooten schon

soviel Unglück geschehn, wie gerade auf dem Mississippi mit seinen

Nebenflüssen; auf keinem wird dabei trotzdem leichtsinniger gefahren,

auf keinem werden, neben den prachtvollsten, besteingerichtetsten

Fahrzeugen, schlechtere, untüchtigere Kasten benutzt Waaren und Menschen

zu transportiren wie gerade hier, denn der Amerikaner _will_ und _muß_

Geld verdienen, und so lange ein Dampfboot nur eben noch auf dem Wasser

schwimmt, so lange die wieder und wieder geflickten Kessel nur noch

möglicher Weise halten, wird ihm seine Ladung anvertraut, und drängen

sich die Passagiere selber an Bord, nur keine Zeit zu versäumen, und

vielleicht einen halben Tag länger warten zu müssen mit einem besseren,

neuen Boot dieselbe Fahrt zu machen. Aber wir müssen auch gerecht sein;

auf keinem Strom der Welt fahren und kreuzen sich eine solche Masse von

Dampfern jeder Größe, jeder Gattung wie hier, von dem stattlichen Boot

an das mit acht Kesseln an Deck und jeder ordentlichen Bequemlichkeit

ausgestattet, von drei bis vier tausend Ballen Baumwolle im Stande ist

zu tragen, bis zu dem kleinen Diminutiv-Boot nieder, das kaum zwölf

Zoll im Wasser gehend die zahlreichen kleinen Nebenflüsse befährt und

explorirt, mitten in Wald und Wildniß hineindampft allen Gefahren zum

Trotz, und nicht selten den Bären und Panther überrascht die zum Trinken

herabkamen, und scheu und entsetzt jetzt vor dem fremden Ungethüm zurück

fliehen in Dickicht und Gestrüpp. Die Nebenflüsse mitgerechnet, von

denen ab die einzelnen Dampfer den Mississippi immer wieder berühren,

beträgt die Zahl derselben jetzt weit über sieben hundert, und im

Verhältniß ist die Zahl der Unglücksfälle dann noch immer nicht gar so

entsetzlich, wie es von solchen, die nur die dunklen Seiten jenes Landes

aufzudecken suchen, oft geschildert und beschrieen, nicht beschrieben

wird.

An Bord war indessen, seit der Flucht des Diebes, der sich doch nicht

hatte der Gefahr aussetzen wollen einen Urtheilsspruch der übermüthigen

Reisegefährten abzuwarten, und lieber seine schon gezahlte Passage

(Gepäck hatte er gar nicht) im Stich ließ, Alles ruhig und friedlich

abgegangen, und Veitel Kochmer besonders hatte seine Zeit gut benutzt,

auch oben in der Cajüte mit der Holzharmonika und der Kehle des Kindes

Geld zu verdienen.

Professor Lobenstein redete ihn da, als alten Reisegefährten an, frug

ob noch andere Passagiere von der _Haidschnucke_ an Bord seien, und

erfuhr von ihm, daß sich auch die Weberfamilie auf der Jane Wilmington

eingeschifft habe nach Cincinnati zu gehn, dort unter den vielen

Deutschen leichter Arbeit zu finden. Nun war es aber dem Professor,

jemehr sie sich dem Orte näherten wo er selber ein neues ungewohntes

Leben beginnen und Arbeiten unternehmen sollte, die sich doch in der

Praxis ganz anders herausstellten als in Büchern, schon mehrfach im Kopf

herum gegangen, wo er Jemand passenden gleich herbekam ihm wenigstens

in der ersten Zeit zur Hand zu gehn. Auch seine Frau, seine Töchter

brauchten eine Hülfe, denn waschen, scheuern, das Vieh besorgen etc.

waren ebenfalls Dinge an die er noch nie so sehr gedacht hatte wie

gerade jetzt, und die er den Seinigen kaum zumuthen konnte, vom ersten

Augenblick gleich an zu übernehmen. Von Hopfgarten, mit dem er darüber

Rücksprache nahm war sogar entschieden dagegen, daß den an etwas

derartiges gar nicht gewohnten Frauen je dergleichen Beschäftigungen

obliegen dürften, und betrachtete es als eine Sache die sich von selbst

verstände, daß er Leute engagiren müsse, die eben die gröberen Arbeiten

für ihn verrichteten. Da aber solche, wie sie vielfach gehört, in

Amerika nicht immer gleich und leicht zu bekommen wären, könnte er auf

der Gotteswelt nichts Besseres thun, als gerade die ganze Weberfamilie,

die er als ordentliche, rechtschaffene, fleißige Leute kennen gelernt

hatte, wenn sie irgend zu bekommen wären, in Dienst zu nehmen.

Der Professor fühlte daß er recht hatte; freilich gehörte das, als

schwere Ziffer, zu den »nicht gerechneten Ausgaben«, die er sich bis

dahin immer noch eingeredet sie umgehen zu können; so viel Hände mehr

verdienten aber auch mehr im Feld -- auch der deutsche Landmann hielt

ja seine Knechte und Mägde und befand sich wohl dabei -- warum nicht er.

Zu solchem Entschluß, zu dem die Weberfamilie auch noch ihre Zustimmung

zu geben hatte, war dann aber auch keine Zeit mehr zu verlieren, und um

es besser mit ihnen besprechen zu können, ging er gleich am nächsten

Morgen zu ihnen hinunter in's Zwischendeck. Hier machte er den beiden

Leuten gerade zu den Vorschlag, gegen einen entsprechenden Gehalt über

den sie sich einigen wollten, auf ein Jahr bei ihm in Dienst zu treten,

wo sie ein kleines Haus für sich bekommen, und ihre Familie, von der der

älteste Knabe schon wacker mit zugreifen konnte, bei sich behalten

sollten.

Auch für den Weber war übrigens dieser Vorschlag gut und annehmbar, denn

er genoß dadurch jedenfalls den sehr großen Vortheil nicht allein in der

ersten Zeit das wenige was er an baarem Geld sein nannte, zu sparen,

sondern sogar noch etwas dazu zu verdienen und nebenbei, das Wichtigste

von Allem, das Land in dem er sich später selber niederlassen wollte,

aus eigner Erfahrung kennen zu lernen. Auch für die Kinder hatte er

dabei ein Unterkommen, wie für die alte Mutter, die sich auf der Seereise

merkwürdig gekräftigt und gestärkt, jetzt aber in dem neuen ungewohnten

Leben und Treiben an Bord, still und ängstlich in ihrer Ecke saß, aber

doch nicht mehr jammerte und wehklagte, sondern mehr betäubt von all dem

Neuen das sie umgab, ruhig abwartete was ihr und den ihrigen die nächste

Zukunft bringen würde.

Nun war es dem Mann freilich ein ungewohntes und auch fast drückendes

Gefühl hier in Amerika, wo er seine Lage gegen Deutschland hatte

verbessern wollen, in _Dienst_ zu treten, während er im alten Vaterland,

wenn auch arm und kümmerlich, doch selbstständig, und von Niemandem

abhängend, gelebt hatte; aber er sah auch wohl daß er hier in eine ganz

fremde ihm vollkommen neue Welt gerathen sei, in der er vor allen Dingen

lernen und Erfahrung sammeln mußte, und mit der Schüchternheit sich

gleich von vorn herein ein selbstständiges Handeln zuzutrauen, die

unseren armen Klassen nur zu sehr eigen ist, mochte er die Hand nicht

zurückweisen, die sich ganz unerwartet ausstreckte ihn zu unterstützen.

Auch die Frau, die vor Nichts solche Angst gehabt als gerade vor dem

ersten Beginn, griff mit Freuden nach diesem Anerbieten -- arbeiten,

lieber Gott das wollte sie ja gern von früh bis spät, hatte auch noch

nichts Anderes gekannt seit sie kaum alt genug geworden die jüngeren

Geschwister umherzutragen, und selber wieder ein eignes Haus? ja lieber

Himmel, das ging nicht im Handumdrehen, und das was ihnen jetzt und zwar

von einer Familie geboten wurde, die sie schon auf dem Schiff hatten

achten und lieben lernen, durften sie nicht zurückweisen, wenn sie sich

nicht später die bittersten Vorwürfe hätten machen wollen.

Der Lohn freilich, den ihnen der Professor bei weiterer Unterhandlung

bieten konnte war gegen das, was sie früher von den Arbeitslöhnen in

Amerika gehört, nicht hoch, und betrug für beide Eheleute nur zwölf

Dollar monatlich an baarem Gelde, aber sie bekamen auch dabei für sich

und ihre Familie die Kost, und hatten in sicherem Verdienst, nach

Abschluß des Jahres zu dem was sie schon ohnedieß besaßen und jetzt

nicht anzugreifen brauchten, noch eine hübsche runde Summe von 144

Dollar übrig, mit der sich schon etwas anfangen ließ. So schlugen sie

denn nach kurzem Besinnen ein, ließen ihre überaus sehr schwankenden

Aussichten in Cincinnati fahren, und beschlossen in Grahamstown mit an

Land zu gehn -- die Passagezahlung blieb sich überdieß nach beiden Orten

gleich.

»Du bist doch auch dümmer wie's eigentlich erlaubt ist«, wandte sich

übrigens, wie der Professor nur kaum den Rücken gedreht hatte und wieder

nach oben gegangen war, ein anderer deutscher Bauer, der ebenfalls erst

vor einigen Wochen mit Frau und Kindern von Deutschland gekommen, nach

Cincinnati hinauf wollte, an den Weber -- »läßt Dich da von dem Breimaul

beschwatzen, Dich für sechs Thaler den _Monat_ zu schinden und zu

plagen, wo Du so viel die _Woche_ kriegen könntest, und bedankst Dich

auch nachher noch bei ihm daß er so gut ist und Dich umsonst arbeiten

läßt. Herr Jeses, _mir_ sollte so Einer so etwas bieten, den wollte ich

heimschicken.«

Der Mann war aus Kurhessen und sah dürftig aus, hatte auch in der That

schon fast alles Mitgebrachte aufgezehrt, und eben noch die Passage für

sich und die Seinen auf dem Dampfboot erschwingen können, aber er wußte

was ihm die Agenten in Deutschland für Lohn versprochen, und war nicht

gesonnen, wie er meinte, für einen Dreier weniger zu arbeiten.

»Aber warum hast Du mir das nicht früher gesagt, wie ich noch mit dem

Herrn sprach« meinte der Weber, durch den so bestimmt ausgesprochenen

Vorwurf doch etwas kleinlaut geworden.

»Was gehts mich an« brummte der Hesse -- »Jeder muß am Besten selber

wissen was er zu thun hat.«

»Aber Du weißt auch nicht gewiß, was Du im Ohio zu erwarten hast« sagte

der Weber kopfschüttelnd.

»Nun _sechs Dollar_ laufen mir da nicht weg« lachte der Andere, »und

überdieß hab' ich's schwarz auf weiß, und zwar von Leuten zu Hause, die

die Sache verstehn. Soviel weiß ich aber, ehe ich für sechs Dollar den

Monat arbeite, hungre ich lieber, denn _mit_ sechs Dollar könnte ich

auch eben nicht mehr thun als mich satt essen, und so spar' ich doch

meine Knochen. Übrigens hast Du ja gar keinen festen Contrakt gemacht,

und kannst deshalb noch immer thun was Dir am Besten scheint.«

Dem Weber war es ein unbehagliches Gefühl, sich von Jemanden, der schon

beinah so viel Wochen im Land war wie er Tage, so direkt tadeln zu

lassen, aber er konnte es auch jetzt nicht mehr ändern, denn er hatte

sein Wort gegeben, was er wenigstens für ebenso bindend hielt wie einen

Contrakt. Dann aber stieß ihn auch seine Frau heimlich an, und flüsterte

ihm zu sich nicht irre machen zu lassen von dem Menschen. Sie seien

nicht herüber nach Amerika gekommen in einem Jahr reich zu werden -- das

möchte manchmal glücken, aber auch nicht immer -- sondern sich und

ihren Kindern nach und nach, aber dann auch gewiß, eine feste Stätte zu

erbauen, daß sie glücklich und unabhängig leben könnten, und mit jedem

Jahre weiter vorwärts kämen, nicht zurück wie in Deutschland. Damit aber

hätten sie jetzt den Anfang gemacht, und wenn es der Andere da drüben,

mit dem zerrissenen Rocke und der bleichen kranken Frau, besser wisse

und verstehe, so solle er nur hingehn und es versuchen, sie selber

wollten lieber »den Sperling in der Hand, wie die Taube auf dem Dache.«

Fünf Tage und Nächte fuhren sie so stromauf, immer in vierundzwanzig

Stunden etwa 200 englische Meilen, den Windungen des Stromes nach,

zurücklegend, und erreichten endlich die Mündung des Ohio, der, von

Osten kommend, seine klaren Wasser mit starker Strömung, deutlich

unterscheidbar bis über die Mitte hinaus in die schmutzig gelbe Fluth

des Mississippi drängt, und sich erst eine lange Strecke weiter unten

mit diesem ganz vermischt. Die Staaten Missouri an der linken, Kentucky

an der rechten und Illinois gegenüber, laufen hier in ihren Grenzspitzen

zusammen, während der Ohio selber, durch seinen Strom von Ost nach West,

die freien und Sclavenstaaten von einander trennt.

Aber die Ufer selber bekommen hier einen ganz anderen Charakter; schon

Kentucky zur rechten zeigte hohes Land, das mit seinen nordischen

Kiefern dem Auge unendlich wohl that, und wenn auch die Spitze von

Illinois, auf der ein kleines dem Mississippi zehnmal abgetrotztes, und

zehnmal wieder von ihm überschwemmtes und vernichtetes Städtchen liegt,

noch flach und öde ausläuft in den Strom, hebt sich doch auch bald an

dieser Seite das Land, und mit dem durchsichtig klaren Wasser, das vorn

den Bug beschäumt, mit selbst kaum halb so starker Strömung gegen sich

als im Mississippi, braust das Boot lebendiger voran, und das Auge hängt

mit Wohlgefallen an den freundlichen Ufer-Bergen.

Der Ohiostrom ist schon von vielen Amerikanern mit unserem deutschen

Rhein verglichen worden, und nicht ganz mit Unrecht; der breite klare

Strom, die meist wellenförmigen, oft schroffen, nicht zu hohen Hügel,

die sein Ufer bilden, und mit dem herrlichsten Grün bekleidet sind,

haben allerdings viel Ähnliches mit unserem deutschen Strom; auch viele

trefflich angelegte Farmen und kleine blühende Städte, die überall den

Unternehmungsgeist der thätigen Amerikaner bekunden, geben dem Bild

etwas Liebes und Freundliches, im Gegensatz zu dem, von Sumpf und wildem

Urwald begrenzten und trüb und reißend dahin strömenden Mississippi.

Aber die Burgen fehlen ihm, und nicht allein als Schmuck in der

Scenerie, nein auch mit ihnen die alten historischen Erinnerungen, die

Sagen und Legenden, die jedem Fels am Vater Rhein, dem Hügelhang, der

Waldesschlucht, jeder Thurmspitze und Mauer ihren eigenen, wunderbaren

Reiz verleihn. Der Schmuck der Berge, selbst wenn sie in all den

wundervollen herbstlichen Tinten prangen, die gerade jener Zone eigen,

kann diesen Reiz und Zauber nicht ersetzen -- sie bleiben todt und kalt,

so schön sie sind, und der Reisende, besonders der Deutsche, wird sie

anschaun und sich freun darüber, aber nie sein Herz mit solchen Banden

zu ihnen hingezogen fühlen wie zu dem eigenen heimischen Rhein, selbst

wenn das eigene Vaterhaus weit, weit von diesem stand.

Rasch fliegt indeß das wackre Boot die klare breite Bahn entlang, und

andere Ufer grüßen den Fremden wieder, der mit neugierigem Blick hinüber

schaut auf das fremde Land. Cypressen wie Baumwollenholzbäume sind lange

in dem mehr südlichen Klima zurückgeblieben und nur die weißstämmige

Sycamore begrenzt noch, von Eichen und Kiefern überragt, mit Erlen und

Weiden die Ufer des Stromes, und neigt sich oft weit hinaus über die

murmelnde, spiegelhelle Fluth.

An diesem Abend, dem ersten im Ohiostrom wollte Veitel Kochmer, der

sich indessen wacker auf alle die Amerikanischen Melodieen eingeübt

hatte, wieder eine Vorstellung geben. Der gute Gewinnst lockte ihn, und

er schien nicht gesonnen eine solche Gelegenheit eben unbenutzt vorüber

zu lassen; der Knabe aber, der sich die Tage über zu sehr angestrengt

und blaß und leidend aussah, klagte über Schmerzen im Hals und weigerte

sich zu singen. Veitel glaubte indeß auch ohne ihn das Publikum

befriedigen zu können, und ließ die Leute durch Einen der Englisch

redenden Deutschen wieder einladen ihm zuzuhören. Ob diese aber der

Holzharmonika schon überdrüßig waren, die den meisten mit ihren weichen

sanften Tönen auch außerdem nicht viel Befriedigendes bot, oder ob sie

kein Geld mehr an eine Sache wenden wollten, die sie am Ende ebenso gut

umsonst zu hören bekamen, da der Pole, wenn er nur für sich selber etwas

spielte, das eben an Bord nicht geheim thun konnte, kurz sie erklärten

ihm, ohne Flöte mache ihnen die Sache keinen Spaß. Wenn der Knabe nicht

wohl sei, möge er das Spielen lieber lassen, oder spielen wenn er Lust

hätte, aber sie zahlten ihm Nichts dafür.

»Siehst Du Philippche!« flüsterte da Veitel dem jungen Burschen zu, der

in einer Ecke kauerte, und bog sich dabei über ihn und stieß ihn in die

Seite -- »siehst Du mein Söhnche -- Nichts zahlen wollen se -- _werst_ Du

nu singen?«

»Aber ich _kann_ nicht Vater.«

»Wie heißt, _kann_ nicht, werd ich Dir gleich beweisen, ob Du kannst

oder nich; kenn ich doch Deine Mucken, mai Philippche und werd ich Dir

kommen mit en Stock -- werst Du wohl kennen.«

»Mir brennt der Hals, als wenn ich glühende Kohlen darin hätte.«

»Ich werd' se Dir löschen,« sagte aber der Alte boshaft, »Gott der

Gerechte, glaubt das Jingelche, ich soll's fittern vor's reine

Vergnigen. Werst Du singen, frag ich Dich jetzt zum letzten Mal, oder

werste nicht?«

Der Knabe also getrieben, und in scheuer Furcht vor dem finstern Mann,

der ihm wohl schon oft bewiesen haben mochte, daß er im Stande sei seine

Drohungen auszuführen, stand langsam auf, wischte sich furchtsam die

hellen Thränen aus den Augen und trat zu der Kiste, an der der Alte sein

Instrument schon aufgestellt und geordnet hatte.

»Hallo Freund, was fehlt dem jungen Burschen?« frug da ein alter

Pensylvanier in seinem wunderlichen Pensylvanisch-Deutsch den Polen,

der dem Knaben jetzt mürrisch zuwinkte sich bereit zu halten. Der

Pensylvanier saß unfern von ihnen auf einem Koffer, die Ellbogen

auf die Knie gestützt, und schaute mit den scharf geschnittenen aber

grundehrlichen Zügen und den kleinen blauen lebendigen Augen bald den

Knaben, bald dessen Vater an.

»Was ihm fehlt? -- ene Tracht Prügel werd ihm fehlen,« knurrte aber

Veitel mürrisch -- »faul ist er und will nich singen.«

»Ich bin nicht faul, Vater,« sagte aber der arme junge Bursche, dem das

Blut bei der Anklage in Stirn und Schläfe stieg, »ich bin nicht faul,

sondern krank, und Du wirst mich so lange zum Singen zwingen, bis ich

unter der Erde liege, wie --«

Er schwieg und wandte sich ab, der Alte hatte aber in rücksichtslos

ausbrechender Wuth eine Flasche ergriffen, die neben ihm stand, und

wollte damit einen Schlag nach dem Kinde führen, holte wenigstens dazu

aus, als der Pensylvanier auf und dazwischen sprang, dem Juden die

Flasche entriß, und ihn selber fünf oder sechs Schritt zurückschleuderte,

daß er taumelte und sich an den nächsten Coyen halten mußte, nicht zu

fallen.

»Nichtswürdiger Hallunke!« rief der alte Mann dabei, während ihm edle

Entrüstung das Blut in die Wangen jagte, »schämst Du Dich nicht der paar

Dollars wegen, Dein eigenes krankes Kind zu quälen und zu mishandeln?

untersteh Dich und leg Hand an ihn, so lange wir hier an Bord zusammen

sind, und sieh was wir dann mit Dir selber machen.«

»Es ist _mein_ Junge, und ich kann mit ihm machen was ich will,« rief

der Alte halb scheu, halb trotzig vor dem unvermutheten Angriff, dem er

nicht zu begegnen wagte -- »wer hat mer was in mei eigene Familie zu

reden?«

»Ich will Dir was sagen, Kamerad,« redete ihn aber jetzt der Pensylvanier

an, der mit ein paar flüchtigen Worten den ihm nächst Stehenden und

neugierig Herandrängenden die Ursache des Streites erzählt hatte, »wenn

Du gescheut bist, dann beträgst Du Dich wenigstens so lange vernünftig,

wie wir hier zusammen an Bord sind; was Du nachher thust, mußt Du mit

Deinem eigenen Gewissen abmachen. Soviel sag ich Dir aber, wenn Du

Deinen Jungen schlecht behandelst und er _läuft Dir hier fort_ -- so

darfst Du Dich nicht darüber beklagen, und käme er zu _mir_ -- und ich

wohne im nächsten Haus am Indian Hill bei Cincinnati und heiße Brower

-- und suchte da Schutz, so wärst Du der letzte, der ihn wieder bekäm.

Hast Du mich verstanden?«

»Was hab ich mit Euch zu schaffen?« sagte Veitel, aber er packte sein

Instrument verdrießlich wieder ein, da er wohl sah daß jetzt keine Zeit

sei zu spielen und einzusammeln. Der Knabe, den Zorn des alten Mannes

fürchtend, drückte sich indessen wieder zurück in seine Ecke, ihn

wenigstens nicht durch seinen Anblick mehr als nöthig auf sich aufmerksam

zu machen, blieb jedoch für jetzt mit jedem Zwang verschont.

Die wackere Jane Wilmington verfolgte indessen rasch, und ohne sich

irgendwo aufzuhalten, ihre Bahn. Hie und da wurde wohl manchmal am Tag

ein Tuch, oder Nachts ein Feuerbrand am Ufer geschwenkt, das bekannte

Zeichen daß Passagiere an Bord wollten, und das Boot setzte dann die

Jölle aus, oder lief, wenn es der Platz erlaubte, selber dicht an das

Land hinan, die Fremden aufzunehmen. Manchmal aber auch, wenn der Capitain

mit seinem Fernrohr dem äußeren Aussehn nach vermuthete, daß er nur

Zwischendecks-Passagiere zu erwarten habe, schwieg auch wohl die Glocke

und das Boot brauste, herzlich von den am Land Harrenden verwünscht,

vorbei ohne anzuhalten.

Aber das Ufer an beiden Seiten verrieth auch jetzt weit größere Cultur,

als sie, seit sie den unteren Mississippi verlassen, an diesem Strom

gesehen. Überall wo ein unbedeutender Fluß oder auch nur ein Bach in den

Ohio mündete, lagen kleine Städtchen, die mit ihren neuen, hell gemalten

hölzernen Häusern, manchmal noch von dem Wald aus dem sie entsprungen

umschlossen, oft aber auch von gut bebauten Farmen dicht umgeben, gar

eigenthümlich gegen den dunklen Hintergrund abstachen. Fabrikgebäude

standen am Ufer, Kohlengruben sandten ihre Schätze auf improvisirten

kleinen Eisenbahnen bis dicht an den Rand des Stromes hin, die Kohlen

von überbauten Werften gleich in die darunter gelandeten Boote zu

werfen; Heerden weideten auf gelichteten Grasplätzen, Getraide und

Heuschober standen aufgespeichert, den Reichthum des Bodens bekundend.

Massen von kleinen und größeren Dampfern lagen dabei theils an den

besiedelten Plätzen oder kamen den Strom herab, tief mit den kräftigen

Produkten des Nordens geladen. Die aufgehenden Dampfer brauchten zugleich

ihre Zeit nicht mehr damit zu versäumen an Land zu fahren, ihren

Holzbedarf einzunehmen, denn die Holzverkäufer hatten die Klaftern schon

in offenen breiten Booten aufgespeichert und fertig liegen. Nur ein Tau

wurde ihnen zugeworfen, das befestigten sie an Bord, und während das

Dampfboot mit ihnen stromauf lief, wurde das Holz auf seine #guards#

geworfen, der Eigenthümer ging in die Cajüte, sich sein Geld geben zu

lassen und steuerte dann sein etwas schwerfälliges Fahrzeug wieder mit

der Strömung zurück, dem eigenen Landungsplatze zu.

Nach Amerika! Ein Volksbuch. Dritter Band · 第 11 / 17 段