Gefangenen, seine Hände und Taschen zu untersuchen, während sein
früherer Dolmetscher den Übrigen die gerufenen Worte übersetzte. Alles
drängte jetzt gegen den Gefangenen an, vor allen Dingen das #corpus
delicti# zu finden, und den Verbrecher dadurch zu überführen; dieser
aber hatte sich indessen, von den ihn Umdrängenden jedoch noch immer
festgehalten, wieder aufgerichtet, und fing nun auch seinerseits an eine
eigene Meinung über die Sache zu bekommen.
»Was, im Namen von Hölle und Verdammniß habt Ihr mit mir?« schrie er mit
lauter trotziger Stimme, »seid Ihr toll oder betrunken, daß Ihr einen
Menschen, den die verrückte Bestie von einem Halbaffen da aus dem
Schlafe geschrieen, überfallt und festhaltet, als ob er irgend etwas
verbrochen hätte? Was wollt Ihr von mir, was soll ich -- weshalb preßt
Ihr mir die Arme zusammen, als ob sie von Eisen wären -- wer zum Teufel
hat ein Recht mich so zu behandeln?«
»Nur ruhig, #honey#!« rief ihm aber Einer der Irländer, der jetzt seinen
Rausch so ziemlich ausgeschlafen hatte, freundlich zu, »nimm's nur
kaltblütig mein Herzchen, und wenn Du's nicht kaltblütig nehmen kannst,
nimm's doch so.«
»Was wollt Ihr? -- weshalb haltet Ihr mich? weil der verrückte Schuft da
im Schlafe brüllt? -- Da, such, was willst Du von mir, Canaille, _ich_
habe Nichts.«
»Mein Geld! mein Geld!« schrie aber der Israelit, mit zitternden Händen
an dem Mann, freilich vergebens, herumfühlend -- »er hat mein Geld
gestohlen.«
Die nächsten Minuten war es kaum möglich ein weiteres Wort zu verstehn;
Alles schrie, tobte, lachte und fluchte durcheinander, und der Ingenieur
verließ seine Maschine, die Mannschaft vorn ihre Posten, und was noch
wach an Bord war, drängte nach dem Zwischendeck zurück, zu sehn und zu
hören was es da gebe. Veitel Kochmer war aber in der Zeit auch nicht
müßig gewesen, und das Geld nicht an dem vermeintlichen Dieb findend,
suchte er dort, von wo dieser aufgesprungen, und fand da den Sack auf
der Erde liegen, mit einem kleinen scharfen und geöffneten Federmesser
dicht daneben; rasch an seinen Kaftan fühlend entdeckte er dort zugleich
einen breiten Schnitt, der diesen mit der Tasche vollständig offen gelegt,
und sogar noch in den leinenen Sack hineingeschnitten hatte, so daß die
Thatsache selber Allen, die ihn beim Suchen unterstützten, klar genug
wurde. Der Mann mit dem blauen Überhemd leugnete aber Schnitt und Messer
ab, wie überhaupt irgend etwas von dem Juden oder seinem Geld zu wissen;
er habe dagesessen und fest geschlafen, und sei durch das Brüllen seines
Nachbars aufgeschreckt worden, ja im Anfang der Meinung gewesen die
Kessel wären geplatzt, und nur im Instinkt der Selbsterhaltung
aufgesprungen.
»Ja wohl #honey#«, lachte der Irländer dabei, während Veitel sein Geld
wieder barg und erstaunt von einem zum anderen der Männer sah, ohne ein
Wort von dem was sie sprachen zu verstehn, »das glaub' ich Dir schon,
daß Du die Geschichte im Instinkt hast, denn es mag nicht das erste Mal
sein, daß Du in Gedanken oder im Instinkt in anderer Leute Taschen
kommst -- wie war also die Sache, Langbart da, woher weißt Du, daß
dieser #gentleman# hier Dein Geld im Instinkt forttragen wollte?«
Andere, die deutsch sprachen, übersetzten dem Polen die Frage, und
dieser erzählte jetzt wie er im Schlaf seinen rechten Arm auf dem
Geldsack habe liegen gehabt, einmal aber, halb munter geworden, sei es
ihm vorgekommen, als ob Jemand langsam daran ziehe. Nicht recht sicher,
sei er ruhig sitzen geblieben, bis auf einmal das Geld ihm unter dem
Arm fortgeglitten und der Bursche da, als er rasch und erschreckt
emporfuhr, in dem Augenblick auch auf und fortgesprungen wäre.
Der Dieb leugnete natürlich Alles, und schrie über Gewalt und Unrecht,
das einem Bürger der Vereinigten Staaten auf die schlaftrunkene Anklage
eines fremden Juden angethan würde. Das fremde unnütze Gesindel sei
überdieß nur da, und komme von Europa herüber sie, die Amerikaner,
auszusaugen, ihren Arbeitslohn herunter zu drücken und den Eingeborenen
#(natives)# das Brod vor dem Munde wegzuschnappen.
»Hör' einmal mein Junge!« fiel ihm da Einer der langen Kentuckier in die
in Zorn ausgesprudelte Rede -- »es will mir beinah vorkommen, als ob Dir
die Fremden noch verdammt wenig Arbeitslohn heruntergedrückt hätten.
Außerdem wissen wir noch gar nicht einmal ob Du ein Amerikaner bist oder
nicht.«
»Ich bin im »alten Staat«[16] geboren!« rief der Gefangene trotzig.
»Kein Compliment für den alten Staat« sagte der Kentuckier ruhig, »doch
das bleibt sich jetzt gleich. Wir sind hier verdammt, eine Woche mitsammen
auszuhalten »in Freud und Leid« wie die Friedensrichter bei den
Trauungen sagen, und müssen uns also auch die Luft frei und die Taschen
zu halten vor derartigem Gesindel das daran herumschneiden will.«
»Aber was wollt Ihr da von _mir_?«
»Wirst es gleich hören mein Herz.«
»Werft den Lump über Bord und laßt ihn an Land schwimmen« schrie der
Irländer dazwischen.
»Frieden da!« rief aber der Kentuckier, »wir dürfen einen Mann nicht
strafen, ohne ihn gehört zu haben; wählt einmal einen Richter unter
Euch, Kameraden, und zwölf Geschworene; zu schwören brauchen sie weiter
nicht, da wir keinen wirklichen Richter haben, und dann wollen wir der
Sache gleich auf den Grund kommen.«
»Hurrah für den Kentuckier!« schrieen eine Masse Stimmen, froh jetzt
irgend etwas zu haben die lange Nacht durchzubringen, »wählt eine Jury
-- wählt einen Richter!«
»Wir wollen den Steuermann zum Richter nehmen!« rief eine feine Stimme
durch den Lärm -- der Steuermann war mit den übrigen Neugierigen
ebenfalls herbeigekommen, zu sehn was es gäbe.
»Was schiert uns der Steuermann!« schrie aber ein langer Bootsmann aus
dem Staat Mississippi dazwischen -- »wir sind hier Passagiere und was
wir untereinander haben, machen wir auch untereinander aus.«
»Ja wohl, ja wohl!« riefen Andere -- »der Kentuckier soll Richter sein;
Hurrah für den Kentuckier!«
Unter Lärmen, Lachen und Schreien, während der ertappte Dieb jetzt
freigelassen war, sich aber so von Wachen umstellt sah, daß an ein
Entrinnen nicht zu denken war, wurde jetzt auch eine Jury aus den
Passagieren gewählt, wozu man jedoch nur Amerikaner nahm, und den
Angeklagten dann frug ob er mit der Wahl zufrieden sei. Dieser aber, dem
doch nicht wohl dabei wurde als die Leute Ernst machten, protestirte
gegen ein solches Verfahren, verschwor sich noch einmal hoch und theuer
daß er von der ganzen Geschichte Nichts wisse, neben dem Juden ruhig
geschlafen habe, das Messer gar nicht kenne und ein ehrlicher Mann
sei, und verlangte den Capitain zu sehen, der ihn vor einer solchen
Behandlung wie sie ihm hier widerfahre schützen müßte, oder er verklage
ihn selber in der ersten Stadt an der sie anlegten, wegen Mishandlung
seiner Passagiere.
Das half ihm übrigens Alles Nichts, die Leute im Zwischendeck hatten
Langeweile, brauchten etwas, das ihnen die Nacht hindurch die Zeit
vertriebe, und die Bootsleute selber, Capitain und Steuermann, hüteten
sich schon da einzugreifen, wo sie doch recht gut wußten daß ihnen die
Macht fehlte, noch dazu da es hätte zu Gunsten eines Burschen geschehen
müssen, gegen den doch ziemlich gegründeter Verdacht wenigstens
beabsichtigten Diebstahls vorlag.
Dem Angeklagten nun hätte es frei gestanden gegen sechs aus der Jury,
Amerikanischen Gesetzen nach, Protest einzulegen, wofür dann andere
gewählt worden wären; da er aber gegen die ganze Jury protestirte, und
ihr das Recht abstritt über ihn zu urtheilen, wurde sie ganz beibehalten,
und das Verhör begann. Veitel Kochmer, der sich jetzt übrigens gern von
der ganzen Geschichte zurückgezogen hätte, bekam einen Dolmetscher, und
mußte besonders #in figura# wieder zeigen wie sie Beide gesessen hatten,
während man noch alle übrigen Zeugen vernahm, die vorher die
beabsichtigte Flucht des Angeklagten mit angesehn.
Als die vernommen worden, wurde der Angeklagte aufgefordert Zeugen für
sich selber zu stellen, und ein anderes Individuum, das sich aber weit
besser ruhig verhalten hätte, trat jetzt freiwillig auf, und erklärte
den Angeklagten schon seit einer Reihe von Jahren als einen braven, in
seiner Heimath geachteten, und sonst in jeder Beziehung ehrenwerthen
Mann zu kennen. _Dem_ Burschen stand das Wort »Gauner« aber mit so
deutlichen Zügen auf der Stirn geschrieben, daß die ganze Jury laut
lachte als er von Ehrlichkeit und Achtung sprach, und der Angeklagte
selber schien nicht sehr mit der Fürsprache zufrieden zu sein. Es
war ein langer hagerer Gesell, der neue Zeuge, mit einer hellgrünen
Flanelljacke an, die sehr kurz in den Ärmeln, seine Gelenke und dünnen
Armen weiter zeigte als gerade schön sein mochte; auf dem einen Auge
schielte er dabei, und da das andere nicht eine Secunde auf ein und
demselben Menschen haftete, konnte sich keiner an Bord rühmen dem Blick
des Burschen auch nur ein einziges Mal begegnet zu sein. Einen alten
zerknitterten Fitz, den er bis dahin auf dem struppigen Haar gehabt,
drückte er, so lang er mit der Jury sprach, in den Händen herum.
Der Staatsanwalt, zu dem sich ebenfalls ein junger, ganz ordentlich
gekleideter Mann an Bord für diesen einzeln Fall gemeldet hatte, trat
jetzt auf und versicherte der Jury, unter dem schallenden Gelächter
sämmtlicher übrigen Passagiere, nur nicht der beiden Freunde, daß dieser
Zeuge die Sache des Angeklagten eher verschlimmert als verbessert habe,
hob dann noch einmal in sehr glücklich gewählten, meist humoristischen
Wendungen das ganze Entsetzliche dieses Falles an einem Ort hervor, wo
Alle so zusammengedrängt waren daß sie schon ohnedieß Einer die Hände in
den Taschen des Anderen haben mußten nur stehen zu können, und eröffnete
schließlich den geehrten Geschworenen, daß ihnen kaum etwas anderes
übrig bleiben würde als den Mann zu -- hängen, wie seinen Freund Landes
zu verweisen.
Ein lautes Hurrah! antwortete diesem Vorschlag, der von Allen natürlich
als ein Scherz aufgenommen wurde, nur nicht von dem Angeklagten selber,
der vielleicht schon früher Zeuge gewesen war, wessen eine Bande müssiger
Bootsleute, in Übermuth und Langerweile fähig sei. Die Jury zog sich
jetzt auf die Außenguards zurück dort miteinander den Fall zu berathen,
kehrte aber nach sehr kurzer Zeit wieder, und erklärte kein Urtheil
abgeben zu wollen, bis man nicht weitere Beweise gegen den Mann habe,
der zu diesem Zweck zu visitiren sei, ob er nicht irgend etwas
Verdächtiges bei sich trage was seine jetzige böse Absicht noch mehr
bekräftigen könne.
Dagegen sträubte sich aber der Angeklagte auf das Entschiedenste, machte
sogar Miene sich ernsthaft zur Wehr zu stellen und schrie, als ihn
ein paar von den baumstarken Flatbootmen unterliefen und hielten, aus
Leibeskräften um Hülfe und Feuer und Mord. Das Alles half ihm aber nicht
allein Nichts, sondern machte die Leute nur noch mistrauischer gegen
ihn, die jetzt ohne weiteres, während ihn Einige festhielten, seine
Taschen umdrehten und ihn aufforderten sein Gepäck auszuliefern das er
an Bord habe.
Wider Erwarten entdeckte man bei ihm ein mit Geld sehr wohlgespicktes
Taschenbuch, in dem sich einige zwanzig ganz neue Banknoten der
»#White water canal banking company#« mit einigen einzelnen
Mississippi-Dollar-Noten und einige kleine Münzen vorfanden. Hiervon
erregten aber die neuen Noten Verdacht, von denen eine im Kreis
herumging, bis sie zu den Händen des Staats-Anwalts, jedenfalls eines
jungen Handlungscommis der irgend eine Anstellung im Norden suchte, kam.
Dieser erklärte sie nach kurzer Besichtigung für #counterfeit money#
(falsches Geld), und erbot sich sehr freundlich und bereitwillig selber
zu hängen, wenn er nicht die Wahrheit gesagt habe und das Geld genau
kenne. Mit diesem Ausspruch allein begnügten sich aber die Passagiere
nicht, und eine Deputation wurde hinauf in die Cajüte geschickt, zu
sehen ob noch Einer von den Buchhaltern wach wäre, dessen Urtheil über
die Banknoten zu hören.
Der zweite Buchhalter war kurz vorher vom Steuermann geweckt worden,
da das Boot wieder anlegen mußte Holz einzunehmen. Noch halb im Schlaf
wollte der freilich die Passagiere erst unwirsch wieder abweisen, ließ
sich aber doch endlich bewegen, einen in Neu-York herausgegebenen
#counterfeit detector#, in dem allmonatlich sämmtliche falsche Banknoten
veröffentlicht werden, nachzusehn, und erklärte die Banknote dann
ebenfalls nach kurzer Untersuchung für falsch. Das war genug und die
Sache im Zwischendeck, die bis jetzt mehr in Scherz und Übermuth
getrieben worden, drohte einen ernsteren Charakter zu bekommen.
Der Kentuckier nahm vor allen Dingen das als falsch erkannte Geld in
Beschlag, zerriß es in Stücken und steckte es unter dem wüthenden Heulen
und Schreien des Angeklagten in den Ofen, wo es bald hell aufloderte,
das übrige Geld wurde ihm jedoch zurück gegeben, und die Jury ging dann
noch einmal auf die #guards# hinaus, das Endurtheil zu fällen, als die
Glocke draußen -- das Zeichen zum Landen und Holztragen -- ertönte.
»#Wood pile, wood pile boys!#«[17] schrie der Mate oder Steuermann, froh
eine Gelegenheit zu haben den Skandal zu unterbrechen, in das Deck
hinein -- »hinaus mit Euch wer nicht bezahlt hat, Eure Albernheiten
könnt Ihr nachher abmachen -- #Wood pile!#«
Das Boot landete, die Planken wurden ausgeschoben, und die
Zwischendeckspassagiere, die sich eben zum Holztragen verpflichtet
hatten, konnten sich dessen nicht weigern; der Delinquent sollte
indessen unter der Aufsicht von drei oder vieren, die nicht mit zu
tragen brauchten, zurückgelassen werden; das aber duldete der Mate
nicht, der erklärte daß er den Mann nothwendig zum Holztragen brauche;
wenn sie was von ihm wollten, könnten sie das ebensogut nachher
abmachen, hier in Nacht und Nebel und einem wildfremden Staat würde er
ihnen nicht fortlaufen. Die Anderen trauten ihm jedoch nicht, und zwei
von den Kentuckiern erboten sich draußen an seiner Seite zu bleiben,
und jeden etwaigen Versuch zur Flucht unmöglich zu machen.
Der Bursche, der aber jedenfalls ein böses Gewissen hatte, und
vielleicht nicht mit Unrecht fürchtete auch noch andere Sachen an den
Tag gebracht zu sehn, schien das Resultat der Jury nicht abwarten zu
wollen, denn als er, einmal im Freien, seine zweite oder dritte Ladung
aufgenommen, wußte er seine Gelegenheit zu benutzen, warf dem Einen von
seinen beiden Wachen den ganzen Stoß Holz auf den Leib, sprang über ihn
fort, und war im nächsten Augenblick über die Fenz hin, in einem
Baumwollenfeld verschwunden, das Boot wie seine bezahlte Passage im
Stich lassend.
Capitel 7.
Die Ufer des Mississippi und Ohio.
Der Dampfer verfolgte indessen rasch seine Bahn, und erreichte am
nächsten Nachmittag die Grenze der Plantagen; die Grenze nämlich
insofern, als diese kein geschlossenes Ganzes, Fenz an Fenz mehr
bildeten, und den Urwald erst in schmaleren, dann immer breiter
werdenden Streifen zum Ufer des Stromes heranließen, bis zuletzt Wald,
dichter finsterer mächtiger Wald an beiden Seiten lag, und nur hie und
da eine größere Lichtung den Ort verrieth, wo die Axt des Menschen
thätig gewesen war sich in das Herz der Wildniß einzuwühlen, und den
überreichen Boden sich zinsbar zu machen.
Der Strom gewann hier einen ganz anderen Charakter; noch war das graue
wehende Moos an den Bäumen sichtbar, aber es hing nicht mehr in solch
gewaltigen prachtvollen Massen von den höchsten Wipfeln bis zur Erde
nieder, die Riesen des Waldes in einen weiten Schleier hüllend. Dichte
Schilfbrüche füllten dabei den Unterwald bis zum äußersten Rand
des eingebrochenen Ufers, von dem ab zahlreiche unterwaschene und
niedergeschwemmte Stämme die Verheerung nur zu deutlich verriethen, die
hier von den ungestüm reißenden, und noch täglich weiter in das feste
Land hineinfressenden Wassern angerichtet worden.
Wieder kamen dann weite, Plantagen bedeckte Flächen, wie die ganze
Strecke von Point-Coupée, bis fast zum Atchafalaya -- einem Abstrom des
Mississippi der sich auf eigene Faust in den Golf von Mexiko ergießt
-- hinauf; aber das Zuckerrohr wurde hier schon seltner, Mais nahm
dessen Stelle ein, und nur die Baumwollenfelder dauerten noch fort.
Weiter und weiter arbeitete das Boot -- die Lichtungen wurden schmäler
und seltener, auch die Gebäude unansehnlicher, die an den Ufern standen,
bis sie zuletzt zu niedere fensterlose, in Sumpf und Rohr gebaute
Blockhütten zusammenschrumpften, mit mächtigen Reihen Klafterholz an
der Seite, den auf-und abgehenden Dampfern das so nöthige Material zu
liefern, und kaum einen halben Acker urbar gemachten Landes dabei, für
die Bewohner der Hütte etwas Mais und einige Kürbisse und Melonen zu
ziehn.
Mitten aus dem Wald heraus leuchteten den Reisenden dann wieder
plötzlich die hellen und oft ganz stattlichen Gebäude eines bald
größeren bald kleineren Ortes entgegen, und nirgends läßt sich der
Unternehmungsgeist der Amerikaner gerade besser erkennen, als an den
Ufern der westlichen Ströme, wo sich der Mensch ordentlich in die Öde mit
seinen Bedürfnissen hineinbohrt, weiter und weiter um sich greift, und
aus dem Wald heraus, von Wölfen Nachts umheult und von der rauschenden
Wildniß dicht begrenzt, seine Städte mit ihrem Handel und Verkehr,
Dampfmaschinen und Banken heraufzaubert. Im Anfang sind diese denn auch
natürlich nur auf den Strom selber angewiesen, dessen Schiffahrt sie
entstehen ließ; nach und nach aber siedeln sich Nachbarn an, Plantagen
und Farmen entstehn, Mühlen und Fabriken werden gebaut, Wege angelegt,
und das Holz verschwindet unter den unausgesetzten Schlägen der
gefräßigen Axt.
So passirten sie Natchez und Vicksburg, beide Städte mit prachtvollen
massiven Gebäuden, scheinbar an der Grenze der Civilisation gegründet,
und ließen die Mündung des gewaltigen Redriver an ihrer Linken,
der seine rothen Fluthen, ein fast ebenso mächtiger Strom als der
Mississippi selber, in diesen wälzt, ohne dessen Ufer auch nur eines
Schrittes Breite auszudehnen. Ebenso hat der »Vater der Wasser« den
stattlichen Arkansas, den White River, den breiten Ohio, mit einer
Unzahl kleinerer Flüsse aufgenommen, ohne die Breite seines Bettes, von
der Mündung des fast noch bedeutenderen Missouri auch nur im mindesten
zu ändern. Aber tiefer und reißender wird er, je weiter er sich wühlt,
und je größere Kräfte er in sich aufnimmt; weiter hinein in den Grund
reißt er sich seine furchtbare Bahn, und die größten Kriegsschiffe
würden ihn tausende von Meilen befahren können, dämmte seine Mündung
nicht die, den meisten großen Flüssen gefährliche Queerbank, die gerade
über sein Fahrwasser wegliegt, und tiefgehenden Schiffen den Eingang
hartnäckig weigert.
Weiter, weiter schäumen wir stromauf; dort drüben zu unserer Linken
mündet der Arkansas seine Wasser, eine kurze Strecke weiter oben ein Arm
des White River, und der kleine Ort, in die Spitze, die beide Ströme
miteinander bilden, hineingebaut, heißt Montgomery.
Unser Lootse weiß aber von dem Ort da drüben, und von dem Mann der hier
das erste Haus gegründet, viel zu erzählen. Er selber ist früher lange
Jahre auf dem Arkansas gefahren und oft an der Spitze die Montgomerys
Point hieß und noch heißt gelandet; der aber, der hier den ersten
Axtschlag gethan, war Einer jener wilden Charaktere wie sie der Westen
leider noch in Masse liefert -- Männer die nur das eine Ziel im Auge
tragen -- _Geld_ -- deren Herz und Seele, wenn sie Beides wirklich
haben, nur dem einen Trieb sich weiht und eigen giebt, und die selbst
Raub und Mord zu Brücken brauchen, das zu erreichen. Wenn nur die Hälfte
von dem wahr ist, was er dem an das Lootsenhaus gelehnten Passagier
halblaut, und mit einem scheuen Blick dort hinüber in's Ohr flüstert,
daß es dem Mann eine Eishaut über den ganzen Leib jagt, so hat das Land
da drüben Ursache fruchtbar zu sein, denn es ist mit Menschenblut
gedüngt.
Wald dehnt sich jetzt zu rechts und links -- weiter endloser Wald mit
furchtbaren Sümpfen die nur, das Ufer des Stromes verlassend, der Jäger
betritt, den Bär in seinem Schlupfwinkel aufzusuchen, oder die hier
ziemlich zahlreichen Hirsche zu jagen. Selbst Büffel haben sich, noch
etwas weiter zurück vom Mississippi, in diesen furchtbaren Dickichten
gehalten, und es ist das der einzige Platz in den, in die Union
aufgenommenen Staaten, wo sie noch zu finden sind.
Auch die Vegetation nimmt hier wieder einen etwas anderen Charakter an;
das graue Moos ist ganz verschwunden, selbst die Cypressen kommen schon
vereinzelter vor als weiter unten, und der mächtige #cotton# oder
Baumwollenholzbaum, nach einer weißen Flocke in der sein Saamen sitzt,
so genannt, hat den Ehrenplatz am Ufer, und füllt das flache sumpfige
Land mit seinen wahrhaft riesigen Stämmen. Aber während der rastlos
schaffende und vernichtende Mississippi an dem einem Ufer den Boden
unterwäscht und wühlt, und oft ganze Acker Land, mit hunderten von
Stämmen in sein Bett herniederreißt, wirft er am andern wieder weite
Sandbänke aus, deckt sie und düngt sie mit dem fruchtbaren Schlamm, den
ihm der Missouri aus den weiten Steppen des Westens hernieder führt, und
läßt sich vom Wind dann, in den leichten fasrigen Flocken, den Saamen
des Baumwollenbaumes niederstreuen auf den jungen Grund. Jedes Jahr legt
er sich der Art einen kleinen Streifen um den neugegründeten Besitz, und
während das erst besäete Stück schon die jungen Cottonbäume bis zehn und
fünfzehn Fuß Höhe trägt, die sich mit den saftgrünen jungen Kronen dicht
und fest an den alten Urwald selber anschmiegen, werden sie kleiner und
kleiner je weiter sie dem Ufer selbst sich nähern, bis sie in kleinen,
kaum sichtbaren Schößlingen, noch von dem Schaum des Stromes bespühlt,
nur eben erst die schwachen grünen Keime zeigen, und damit eine
förmliche grüne Stufenleiter bilden, bis zum Wasser nieder.
Auch die Alligatoren sind jetzt verschwunden und zeigen nicht mehr die
dunklen zackigen Rücken und Stirnen, verbranntem Holze gleichend, über
der trüben Fluth; statt dessen sonnen sich weichschalige Schildkröten in
Masse auf dem gelben Sand und den in den Strom geschwemmten Stämmen,
strecken die langen Köpfe neugierig und scheu herauf, wie sie das
heranschnaubende Boot hören, und lassen sich dann schwerfällig nieder
gleiten in die Fluth, dem fremden unheimlichen Feinde zu entgehn.
Auch die weißstämmige Sycamora, mit ihrem schweren rothen Holz das nicht
im Wasser schwimmt, drängt sich bis zum Ufer vor, gar seltsam gegen die
dunklen Stämme der übrigen Waldung abstechend, während bis zu ihren
ersten Ästen hinauf, in dreißig und vierzig Fuß Höhe, eine feste grüne
Wand emporsteigt, das Mississippi-Rohr (#cane#) das seine Bambusähnlichen
Wurzeln bis in den neben ihnen hinwaschenden Strom hinunter hängt, und
eine fast ununterbrochene Mauer bildet gegen das offene Flußbett zu.