nicht einmal der Frau, noch weniger aber sich selber einen Gefallen thun
-- sich _mit_ dem Mann _für_ dessen Frau schlagen, hahahaha, das wäre
wahrhaftig nicht so übel. Übrigens« setzte er hinzu, als Hopfgarten mit
fest verschränkten Armen finster und schweigend neben ihm auf- und
abging »haben Sie sich da nur selber irgend etwas in den Kopf gesetzt,
was wahrscheinlich nichts weiter ist als eine Geburt Ihrer Phantasie.
Meine Töchter sind doch auch viel mit ihr zusammengewesen, und haben
Nichts gemerkt.«
»Sie haben wahrscheinlich noch gar nicht mit ihnen darüber gesprochen?«
»Nein, allerdings nicht.«
»Nun sehn Sie -- die Sache geht mir furchtbar im Kopf herum, aber es
läßt sich in diesem Augenblick freilich Nichts dagegen thun, und in
einigen Wochen denke ich so wieder unten in New-Orleans zu sein.«
»So rasch?«
»Vielleicht etwas später, das kommt eben auf Verhältnis an; jedenfalls
werde ich einige Zeit das nördliche Land durchkreuzen und den
Mississippi nach verschiedenen Richtungen befahren.«
»Ihrem alten Projekte nach?« lächelte der Professor.
»Zum Theil« lachte Hopfgarten, »aber doch auch in der Absicht das Land
kennen zu lernen und dessen Charakter; ich bin deshalb besonders nach
Amerika gekommen, und habe mir eben nur ein paar tausend Dollar zu
der Reise ausgesetzt -- sind die verthan, so gehe ich wieder nach
Deutschland zurück.«
»Weshalb ist Herr von Benkendroff eigentlich nach Amerika gegangen?«
frug der Professor.
»Gegründete Ursache zu haben über Amerika schimpfen zu können« lachte
Hopfgarten -- »ich bin fest überzeugt er hat keinen andern Grund. Ich
freue mich schon darauf ihn nach einigen Wochen wieder zu sprechen.«
»Sie werden ihn dann aber schwerlich finden, denn er durchreist doch
gewiß ebenfalls das Land.«
»Kommt aber auch sicher wieder nach New-Orleans zurück, und hat mir
für dort schon seine Adresse gegeben. Doch es wird kühl, wir wollen
hineingehen; Sie spielen ja Schach, da können wir uns die Zeit mit
einer Parthie vertreiben.«
In dem großen hellerleuchteten Saal herrschte eine angenehme Temperatur;
an den verschiedenen Tischen saßen jetzt mannichfaltige Gruppen spielend
oder plaudernd, mit einer Flasche Wein oder gemischten spirituösen
Getränken zwischen sich; es wurde gelacht und erzählt und das Ganze, mit
den dazwischen herumgehenden Aufwärtern die neuen Vorrath von Getränken
herbeitrugen, oder gebrauchte Gläser fortschafften, gab der Cajüte fast
das Ansehn eines großen geräumigen und sehr eleganten Cafés in irgend
einer bedeutenden Stadt -- nur daß es über einen Krater gebaut stand,
unter dem die Maschine hämmerte, die Räder wirbelten, die Kessel
siedeten, und oft schon gerade ein solches sorgloses Stillleben mit
_einem_ furchtbaren Schlag in Tod und Vernichtung geschleudert haben.
_Ein_ dumpfer Knall -- ein Prasseln und Brechen, ein gellender Schrei,
und die zerstückten Leichname der fröhlichen lebenslustigen Menschen,
die vergoldeten und mit Bildern behangenen, hellerleuchteten Wände
flogen zerrissen, zerfleischt, zerstückt hinaus, und der gierige
tanzende Strom spielte mit den entsetzlichen Resten.
Aber was thuts? -- wir können deshalb nicht langsamer fahren, weil das
und jenes Boot einmal seinen Kessel sprengte, und eine Anzahl Passagiere
zu früh in die Ewigkeit sandte -- auf dieser Fahrt wird es nicht gleich
platzen lautet der gewöhnliche Trost der Reisenden, und kaum eine Stunde
an Bord, vergessen sie die Gefahr, ja reizen sie wohl sogar noch selbst
in dem oft still gedachten, oft laut geäußerten Wunsch, das oder jenes
Boot was eben in Sicht vorausläuft, zu überholen. Niemand will auf einem
langsamen Dampfer fahren, an die Möglichkeit einer Zerstörung wird kaum
noch mehr gedacht, und das Völkchen lacht und plaudert und trinkt und
schläft so sicher und ruhig _über_ dem Vulkan, wie -- die buntere,
wild gemischtere Schaar, die _hinter_ der Maschine, im sogenannten
Zwischendeck ihr _Lager_ im eigentlichen Sinn des Wortes aufgeschlagen.
Was für ein Unterschied zwischen den beiden Plätzen, die nur durch eine
Reihe Planken und dünner Balken voneinander getrennt liegen. -- Oben
Luxus und Bequemlichkeit, Alles vergoldet und tapezirt, mit Teppichen
belegt und blank polirt, Licht und Glanz den ganzen Raum durchströmend,
und elegant und reinlich gekleidete Leute im behaglichen Bewußtsein
ungestörter Ruhe das Alles genießend -- unten, nur rohe und unbehobelte
Breter zu Verschlägen angeschlagen -- Kisten und Koffer überall im Weg,
der ja freie Boden von Tabakssaft schlüpfrig gemacht; eine Masse Volk,
zusammengewürfelt aus allen Schichten der Gesellschaft, selbst bis zur
letzten nieder, und in der letzten gar nicht selten am häufigsten
vertreten, durch einander drängend und fluchend und schreiend -- Niemand
mit einem gewissen Platz, die Wenigen ausgenommen, die zuerst gekommen
waren, und einen der Verschläge für sich besetzen konnten. Hier ein
Trupp Bootsleute, schon halb betrunken, die vollen Flaschen noch zwischen
sich auf einer Auswandererkiste, gleichviel wem sie gehört, die Nacht
durchzuschwelgen und zu toben, weil sie doch keinen Platz haben sich
hinzulegen; dort ein paar andere bei einem schmutzigen laufenden
Talglicht -- Privateigenthum -- über einen Kasten und ein altes Spiel
kaum erkennbarer Karten gebückt. Dort weinende und schreiende Kinder,
die von ihren Müttern mit eben so gellender Stimme in Schlaf gesungen
werden sollen, und dort drüben ein Bursche, der trotz allem Lärm und
Toben, mitten in dem Gewirr ruhig an einem Pfeiler lehnt, und zum
Besten seiner Bootsmannschaft, mit der er auf einem Flatboot den Strom
herabgekommen, wie aller Anderen die es hören und nicht hören wollen,
eine alte wahnsinnige Violine mishandelt.
Ein fast glühender Ofen, in solcher Temperatur gehalten die verschiedenen
Töpfe und Geschirre mit Wasser zum Kochen zu bringen, in denen sich
die verschiedenen Familien nach der Reihe ihr Abendbrod selber kochen
müssen, wird besonders von den Frauen mit rothheißen Gesichtern
umlagert, und verbreitet drückende Schwüle und einen fatalen Fettgeruch
durch den ganzen, schon ohnedieß vollgedrängten und dunstigen Raum.
Eine trübe mattbrennende Laterne wirft zu gleicher Zeit ein unsicheres
zuckendes Licht über das Drängen und Treiben unter sich, und das Rasseln
und Klappern und Schleifen und Schütteln der dicht daneben befindlichen
Maschine donnert den Chor zu dem ganzen Lärm.
Ha was war das? -- die hellen reinen glockenähnlichen Töne die da
plötzlich das dumpfe Murmeln und laute Schreien, sogar die gellenden
Kinderstimmen und scharfen Discorde der Violine überwältigen, und
plötzlich aus all dem Wirrwarr herauszittern, sind sie nicht wie Öl in
die stürmische See gegossen, dem sich die bäumenden Wellen selber, im
Aufruhr der tobenden Elemente schmiegen? Selbst zum Ingenieur, der vorn
an den Kesseln steht und eben den Stock gehoben hat die Dampfstärke zu
proben, sind sie gedrungen, und er bleibt in der Stellung und biegt den
Kopf zurück, dem ungewohnten, fremden Ton zu lauschen -- das Toben und
Kreischen vorher hatte er gar nicht mehr gehört. Und in dem Zwischendeck
selbst -- welch wunderbare Veränderung brachte der leise schwimmende
Laut. Die Violine schweigt mitten in einer Parodie auf Alles was nur
Harmonie und Takt genannt werden konnte, der Spieler vergißt seine
Karten zu mischen, die Frauen den siedenden Topf vom Feuer zu nehmen,
die schwatzenden, lachenden, singenden, brüllenden Gruppen öffnen sich
und drängen, und suchen dem einen Orte zuzukommen. Selbst die Trinker
stoßen nur noch ein wildes »Juch!« aus, und horchen der neuen
wunderlichen Musik, die jetzt in weichen aber wunderbar harmonischen
Tönen gerade aus dem Mittelpunkt des Zwischendecks herüber tönt, und von
Niemand Anderem herrührte als unserem alten Bekannten, dem Polnischen
Juden Veitel Kochmer.
Mit weiter keinem Gepäck als einem kleinen, mit altem Seehundsfell
überzogenen Kistchen, das neben der Holzharmonika alle seine wie des
Knaben irdische Habseligkeiten enthielt, hatte sich Veitel Kochmer, der
aus Gott weiß welchem Grunde mehr Vertrauen zum Norden gefaßt zu haben
schien Geld zu verdienen, oder sich vielleicht auch noch in der warmen
Jahreszeit fürchtete ein so heißes Klima für seinen gefütterten Kaftan
zu wählen, als New-Orleans um diese Zeit noch war, auf dem ersten besten
Dampfer eingeschifft der stromauf ging, und hielt die Zeit jetzt für
vollkommen passend, den Grund zu dem in Amerika zu erwerbenden Vermögen
zu legen.
Auf einer gerade dort stehenden breitdeckeligen Kiste, die sich
vortrefflich zum Resonanzboden eignete, breitete er bei dem Schein eines
dazu geborgten Stückchen Lichts, seine Hölzer aus; die Umstehenden,
neugierig was der wunderliche Fremde beginnen würde, gaben ihm gern
Raum, und Veitel ließ jetzt die ersten Töne erschallen, die mit ihrer
wunderbaren aber doch durchdringenden Weise, bis in die entfernteren
Räume drangen, nur erst einmal die Aufmerksamkeit der Passagiere auf
sich zu lenken. Das gelang ihm auch vollkommen, und von allen Seiten
ergingen jetzt Aufforderungen an ihn zu spielen, und sein Instrument
hören zu lassen. Veitel Kochmer war aber nicht der Mann der etwas
umsonst gethan hätte, wo Aussicht auf Gewinn sich zeigte; so also einen
Landsmann, den er sich schon unter den Passagieren aufgefunden und der
vollkommen gut englisch sprach, in der Geschwindigkeit eine große
Geschichte aufbindend, erzählte er ihm, daß er, der Musikus, ein armer
eingewanderter Pole sei, der den politischen Verfolgungen in Europa
entflohn, im Canal Schiffbruch gelitten und fast Alles verloren habe was
er sein nannte, und nun gezwungen wäre sein Brod in dem neuen Vaterland,
dem Lande der Freiheit, mit Musikmachen zu verdienen. Der Deutsche mußte
das den Amerikanern übersetzen und hinzufügen, der arme Mann habe nur
sein Instrument gestimmt und in Ordnung gebracht, und wolle damit, wenn
es der Capitain erlaube, in die Cajüte hinauf gehn, um sich dort bei den
Cajütspassagieren ein paar Dollar einsammeln zu können.
»Verdamm die Cajütspassagiere!« rief aber da Einer der Bootsleute
dazwischen, der, die Taschen voll Geld von verkaufter Ladung, sich
in seinem Stolz gekränkt fühlte, weniger gelten zu sollen als die
»#Swells#« -- »wir haben hier ebenso viel Geld wie die da oben, wenn
nicht noch mehr, ob wir gleich im Zwischendeck fahren; sind eben so gut
#gentlemen# wie die »#fine folks#« in der Cajüte, und wenn Musik eben
für Geld zu haben ist, können wir's gerade so gut bezahlen.«
»Ja wohl, ja wohl!« schrieen Andere dazwischen, froh irgend etwas zu
haben, ein paar Stunden der langweiligen Nacht zu vertreiben »spiel auf
Pole, spiel auf, und was _die_ Dir da oben geben, geben wir Dir auch.«
Veitel Kochmer verlangte gar nicht mehr; die Cajüte lief ihm überdieß
nicht weg, und er war gern bereit dem allgemeinen Verlangen zu
willfahren. Der Knabe trat jetzt ebenfalls an seinen Platz, und die
Zwischendeckspassagiere jauchzten und jubelten, als sie die merkwürdig
reinen Flötentöne des Kindes hörten, wollten es auch im Anfang gar nicht
glauben daß er es mit der Stimme allein mache, und drängten sich dicht
um ihn her, und sahen ihm starr in's Gesicht, ob er nicht doch noch eine
heimliche Flöte irgendwo versteckt habe. Die Sammlung fiel dabei viel
reichhaltiger aus, als der Alte je gedacht haben mochte; Viertel Dollar
regnete es von allen Seiten und Veitel füllte seine ganze Tasche
mit Silber. Nach der Sammlung mußte er aber wieder spielen, und die
Bootsleute besonders, die den Ton hier anzugeben schienen, verlangten
jetzt auch ihnen bekannte Lieder, wie Lord #Howes hornpipe#, Washingtons
Marsch, Napoleons Retirade, #the star spangled banner# und besonders den
#Yankee doodle#. Die Melodieen kannte aber der Alte nicht, und ein
langer Yankee setzte sich vor ihn hin auf eine Kiste, spitzte den Mund
und begann ihm die einzelnen Melodieen vorzupfeifen.
Die Unruhigsten der Schaar fingen aber schon an sich über das viele
Musiciren, das ihnen überhaupt nicht laut genug war, und dessen fremden
Melodieen sie, wie sie sich ausdrückten, »nicht verstanden«, zu ärgern
und langweilen, und wie der Yankee die ihnen bekannten Weisen zu pfeifen
begann, stimmten sie, jeder nach seiner eigenen Tonart, mit ein. Nicht
einmal den Beginn eines ganz anderen Liedes respektirten sie dabei, und
nach kaum einer Viertelstunde wogte ein Gewirr von Mistönen durch den
Raum, daß der alte Polnische Jude sein Instrument in Verzweiflung
einpackte und wegstellte.
Ein neuer Lärm, der am anderen Ende des Decks stattfand, lenkte aber
auch die Aufmerksamkeit der Leute wieder nach anderer Richtung. Zwei
Irländer waren sich über ihr Kartenspiel in die Haare gerathen, der Eine
sollte betrogen haben und suchte jetzt seine Unschuld dem Andern mit der
Faust zu beweisen; das aber war ein Spiel was dieser auch verstand, und
die beiden stämmigen Burschen flogen in voller Wuth gegeneinander an,
bald mit ordentlichem Boxen, wobei sie einander die Augen schwarz
schlugen, bald wieder in einander gehakt mit Armen und Beinen, daß ihre
Köpfe gegen Pfeiler und Kistenecken anschlugen, den Kampf zu entscheiden.
Die Weiber kreischten, die Kinder schrieen dazu und die Männer jauchzten
und jubelten, brüllten Hurrah und klatschten in die Hände.
Der Eine von ihnen bekam die Sache aber, da sich Niemand weiter hinein
mischte, doch endlich satt, und schrie »genug!« wonach ihn sein Gegner
für vollständig überzeugt hielt, und wurde von seinen Freunden halb
besinnungslos fortgeschleppt; der Andere aber erging sich in seiner
Freude in allerlei ungewöhnlichen Capriolen, schlug sich mit den flachen
Händen auf die Lenden, krähte wie ein Hahn, sprang dann in tollem
Übermuth im Deck herum, und bot Jedem der »#gentlemen#« fünf Dollar,
der sich mit ihm prügeln wollte. Es dauerte lange ehe der, von Whiskey
halbtolle Mensch konnte beruhigt und zu Ruhe gebracht werden. Der Abend
war aber indessen auch weit vorgerückt, das Holztragen vorüber, und die
Passagiere mußten daran denken Plätze zu suchen, wo sie sich für die
Nacht nur einiger Maßen unterbringen konnten.
Viele hatten sich das weit leichter gedacht als es sich auswieß; die
unverhältnißmäßig wenigen Coyen, da ein Dampfbootcapitain an
Zwischendeckspassagieren aufnimmt was er eben bekommen kann, waren
sämmtlich besetzt und in Beschlag genommen, die einzelnen Kisten zu kurz
sich darauf auszustrecken, und der Boden selber so von Tabakssaft der
kauenden Amerikaner verunreinigt, daß selbst ein solches Lager zur
Unmöglichkeit wurde. Manche krümmten und rollten sich doch noch auf
Kisten und Koffern, oft in den verdrehtesten Stellungen zusammen, Andere
kauerten sich in eine Ecke, und suchten auf diese Art der Nacht eine
Stunde Schlaf abzupressen. Wer so glücklich war irgend eine Art Rücklehne
zu finden, setzte sich auf was er eben kam, und ein Theil versuchte
sogar mit Auf- und Abgehen in dem vollgedrängten Deck die Nacht
hinzubringen, mußte das aber bald aufgeben, und drückte sich nun in dem
Maschinenraum auf dort aufgespeicherte Zuckerfässer, oder selbst auf die
#guards# hinaus, trotz der feuchten Nachtluft, wo der Zimmermann des
Bootes eine Hobelbank stehen hatte, und die beiden Plätze, darunter
und oben drauf, den vollen Werth einer Coye bekamen. Es war ein
entsetzliches Gewirr von Gliedmaßen, das hierdurch, über- und ineinander
lag.
Ein paar deutsche Familien, und unter ihnen die mit der Haidschnucke
erst nach New-Orleans gekommenen Webersleute, hatten sich, so gut das
gehen wollte, in die eine Ecke ihre Kasten zusammengerückt, wenigstens
für die Frauen und Kinder einen in etwas geschützten Ort zu bekommen,
und unfern von ihnen kauerte auf seinem kleinen Kistchen, den Knaben zu
seinen Füßen, an einer Stelle, von der sie erst eine größere Kiste
weggeschoben, Veitel Kochmer. Das an dem Abend eingenommene Geld hatte
Veitel aber in einen leinenen Beutel gesteckt, und in eine Seitentasche
seines Kaftans geschoben, die neben ihm ihrer Schwere wegen, mit auf
dem Kistchen stand. Nicht vermeiden ließ es sich dabei, daß mehre der
anderen Passagiere dicht um ihn herum ihren Platz nahmen, wie es der
Raum gerade gestattete, und kaum ein wild gemischteres Bild ließ
sich auf der Welt denken, als dieß Deck mit seinen bunt und toll
zusammengewürfelten, halb liegenden, halb kauernden, über und durch
einander gestreckten Gestalten, über welche das matte Licht der Laterne
nur seinen ungewissen zitternden Schein warf, und hie und da dichte
Schatten ließ, aus denen in der und jener Ecke ein paar Beine oder Arme,
oder ein unnatürlich zurück gebeugter Kopf hervorschauten.
Es war indessen, im so schrofferen Gegensatz zu dem früheren Toben,
still und ruhig hier geworden; nur hie und da tönte das regelmäßige
Schnarchen eines der Glücklichen vor, die eine Coye erbeutet hatten
und auf dem Rücken, wenn auch auf harten Planken, doch ausgestreckt
liegen konnten, und Brust und Lunge frei behielten. Auch ein leise
gemurmelter, aber darum nicht minder herzlich gemeinter Fluch theilte
da und dort die Lippen Einer der ineinander gekrümmten Gestalten, wenn
sich der Gegenmann oder Antipode im Schlafe streckte und ihm vielleicht
mit den rauhen Füßen über Gesicht oder Brust fuhr. Die Maschine allein
klapperte und schleifte dabei regelmäßig fort und der Ingenieur,
der mit der Öllampe daran herumging, die einzelnen Gelenke derselben
anzufeuchten, schien das einzige lebendige, bewußte Wesen in dem ganzen
unteren Raum.
Philipp, der Knabe des Polen, war nach der Anstrengung des Abends fest
eingeschlafen und lag, halb zurück an den Vater gelehnt, mit weit nach
hinten gebeugtem Kopf und offenem Mund, die bleichen schönen, aber jetzt
verzerrten Züge von der Laterne matt beleuchtet, da, und der Alte saß,
den Kopf auf seinen schmutzigen Kaftan vorn stützend, in unruhigem
Schlummer, in dem er auf- und niedernickte und das schwere, von seinem
Hut voll beschattete Haupt bald auf die, bald auf jene Seite sinken
ließ.
Zu seiner Rechten kauerte eine, in ein blaues kurzes Oberhemd, wie es
die Bootsleute trugen, gekleidete Gestalt, deren Gesicht von einem
breiträndigen Hut ebenfalls ganz bedeckt wurde. Halb über sich herüber,
wenigstens die linke Schulter und einen Theil der Brust bedeckend, hatte
der Mann einen alten hellen, aus einer wollenen Decke zugeschnittenen
Rock, gleichsam als Schutz gegen die frischere Nachtluft gezogen,
obgleich es in dem untern Deck noch warm genug war, das entbehren zu
können, und auch er schien zu schlafen, und im Schlaf eben mehr und
mehr, wie um ein bequemeres Lager zu bekommen, sich an seinen Nachbar
anzulehnen. Der Pole, dem das unbequem wurde, sträubte sich im Anfang
dagegen, aber in solchem Fall hören alle Rücksichten auf, und der
schläfrige Gesell, drei, vier Mal angestoßen, knickte doch immer, so
wie er wieder in Schlaf kam, nach seinem etwas höher sitzenden Nachbar
hinüber, der ihn zuletzt mußte gewähren lassen, oder auch selber endlich
darüber einschlief.
Aber der Bursche schlief _nicht_, denn unter dem breiten Rand des Hut's
heraus blitzten von Zeit zu Zeit ein paar kleine stechende Augen scheu
und forschend hervor, überflogen wie suchend den weiten Raum, und
hafteten dann wieder mistrauisch und prüfend an der ruhigen Gestalt des
Polen. Nach und nach, aber so langsam und allmählich, daß es kaum zu
erkennen war, brachte er dabei den rechten Arm mehr und mehr unter
seinen übergeschobenen Rock, und die kaum sichtbare aber geschäftige
Thätigkeit seines Ellbogens verrieth, daß er ihn nicht nur zum Ausruhen
dort hingehoben habe.
Veitel Kochmer nickte und schwankte indessen im Schlaf herüber und
hinüber, als er auf einmal, den Kopf auf die Brust gesenkt, den rechten
Arm an seiner Seite herunter hängend, daß der Ellbogen jedoch leicht auf
dem Beutel mit Geld auflag, oder ihn wenigstens berührte -- still und
regungslos sitzen blieb. Seinem Nachbar, der jedenfalls ein bedeutendes
Interesse dabei hatte ihn in Schlaf zu halten, mochte das verdächtig
vorkommen, denn auch er rührte von diesem Augenblick kein Glied mehr,
und athmete schwer und regelmäßig, ja schloß selbst unbewußt die Augen
unter dem tiefen Schatten des Hutes, als ob das hätte sein Athmen
bekräftigen können. So mochten die Beiden wohl etwa zehn Minuten
gesessen haben, und kein Laut sonst als die schon vorerwähnten hatte die
Stille bis dahin unterbrochen, da fing Veitel wieder an mit dem Kopf zu
nicken, schwankte erst etwas rechts, dann etwas nach links hinüber,
lehnte den Kopf zurück an das Mittelbret der hinter ihm befindlichen
Coye, und fing an leise zu schnarchen. Aber der Bursche an seiner Seite
traute dem Frieden noch immer nicht, und den eignen Kopf langsam
emporhebend, wie in tiefem Schlaf unbewußt nach einer bequemeren
Stellung suchend, blinzte sein Auge scheu nach dem bleichen bärtigen
Angesicht des Nachbars auf. Das aber lag regungs- und ausdruckslos an
der Bretwand an, und mit dem Drängen der Zeit, denn jeden Augenblick
konnte irgend ein Lärm die Schläfer wecken, begann der bis dahin ruhig
gebliebene Arm seine Thätigkeit wieder.
Wie die Maschine so still und ruhig mit ihren gewaltigen Armen und
Hebeln hämmerte -- wie das #flywheel# schlug und schwirrte, und
das Rauschen der mächtigen Räder, mit den rasch und regelmäßig
einschlagenden #bucketplanks#[15] zum Takt dazwischen die Wellen
peitschte, und sie schäumend hinter dem Boot hinauswarf. Wie so ruhig
der Strom da draußen lag, daß man das Murmeln selbst der kleinen Wogen
hören konnte, und die schlummernden Gestalten hier im Deck, von dem
schon halb verlöschten Lichte der Laterne kaum noch beleuchtet, so
ruhig und friedlich schliefen, als lägen sie daheim in ihren weichen
Betten, und nicht über Kistendeckel und Fässer, Körbe und Schachteln
hin, mit eingezwängten Gliedern. --
»Diebe! Mörder! Diebe!« ein gellender, kreischender Aufschrei
schmetterte durch das Zwischendeck die Schläfer wach, und jagte sie,
fertig angezogen wie sie ringsum lagen, so rasch empor, als ob sie von
einem Zauberstab berührt, aus dem Boden heraufgesprungen wären.
»Hallo! wer ist todt? -- wo brennts? -- aufgeblasen -- bei _Gott_!«
schrieen verschiedene Stimmen, von denen einzelne schon befürchteten,
daß dem Boot irgend ein Unglück zugestoßen sei, wild und erschreckt
durcheinander.
»Diebe -- Mörder! Diebe -- Diebe!« dröhnte aber Veitel Kochmers Stimme
in gutem Polnischen Deutsch unverdrossen und gellend dazwischen, und die
noch halb Schlaftrunkenen sahen wie der Mann mit dem wunderlich spitzen
Bart und dem langen seidenen Rock, den sie schon vorher unten mit einer
Frau, und oben mit einem Affen verglichen hatten, einen Andern, der sein
Möglichstes versuchte von ihm wegzukommen, beim Rockschoß gefaßt hielt
und die Hülfe der Übrigen anrief. Allein war er aber nicht im Stande den
Mann länger im Griff zu behalten, und ehe die Übrigen sich besinnen und
zuspringen konnten, riß der seinen Rockschoß aus dem krampfhaften
Griff des Polen, und wollte mit einem Satz hinaus auf die offenen und
vollkommen dunklen #guards# des Bootes springen, als sein Fuß in einem
der anderen Schläfer, die hier queerüber der Passage lagen, hängen
blieb, und er der Länge nach, mit einem lauten Aufschrei niederschlug.
Im nächsten Moment hatten sich auch ein paar stämmige Kentuckier, die
unfern von dort ebenfalls gelegen und jetzt aufgesprungen waren, über
ihn geworfen und hielten ihn fest, und während er mit Armen und Beinen
um sich schlug und austrat, schrie Veitel in einem fort, und ohne irgend
eine der von allen Seiten an ihn gerichteten Fragen zu beantworten,
»mein Geld -- mein Geld -- Gott der Gerechte mein Geld!«
»Aber zum Donnerwetter was ist los? -- was brüllt der Bursche hier?
-- was hat der da verbrochen?« schrieen die Amerikaner durcheinander,
die wohl eine undeutliche Ahnung haben mochten was geschehen sei, die
Sache aber auch genauer erfahren wollten, und von dem Schreien des
deutsch Redenden keine Sylbe verstanden.