Vertheidiger finden, die aus Eigennutz oder Unwissenheit diesem Fluch
der Menschheit das Wort reden, und den faulen giftigen Kern mit der
hie und da glatten Rinde entschuldigen wollen, wer aber in ihrem Kreis
gelebt, die zitternden Geschöpfe unter dem Hammer des eisblütigen
Tabakskauenden Auktionators gesehn, und die Thränen gezählt hat, wer dem
Elend gefolgt ist, mit dem der Eigennutz hier unter dem frechen Schutz
_christlicher_ Gesetze _Menschen_ foltert, der wird sich nur mit Abscheu
von dem Elend wenden, dem er nicht steuern kann und darf -- ob's ihm
auch fast das Herz manchmal zerreißt.
Aber vorbei -- vom Dampfboot aus sehen wir Nichts von alle dem; nur die
freundlichen Dächer blitzen zu uns herüber aus dem Grün des Buschwerks,
und die geschäftigen regen Gruppen, klein und zierlich mit scharfen
Umrissen in der reinen Luft wie auf dem Spiegelbild einer #camera
obscura,# geben der Scene ihren heiteren lebendigen Charakter.
Das Boot schießt und schäumt jetzt dicht am Ufer hin, und seine
wildtanzenden Schlagwellen die hinter den Rädern drein tanzen, waschen
und schleudern an dem so schon genug unterwühlten Ufer auf, und hetzen
vergeblich hinter dem davonbrausenden Fahrzeug drein. Dort auf der Levée
spielt ein munterer Trupp Creol-Poneys; die kleinen lebhaften Thiere
halten, wie sie das riesige Fahrzeug herankommen sehn, wiehern und
schnauben ihm mit offenen Nüstern entgegen, und stampfen den weichen
Boden mit den unbeschlagenen Hufen, bis es ihnen fast gegenüber ist
-- Wetter noch einmal wie sie da die dicken langen Mähnen und die
Schweife emporwerfen, und klappernd und tollend geht's die Levée entlang
in wildem Lauf. -- Hier treiben sich kleine Negerkinder am Ufer auf und
ab; ein ganzer Schwarm ist's, und sie suchen Stücken schwimmenden Holzes
aus der Fluth zu fischen, die der Strom zu ihnen niederführt. Eine alte
Negerin sitzt dabei und paßt auf die unbändigsten, daß sie sich nicht zu
keck hinauswagen an den tückischen Uferrand, der oft nur noch oben den
dünnen Rasen über einen verrätherisch darunter kochenden Wirbel spannt.
Selbst ihre alte Haut wäre vor Strafe nicht sicher, wenn sie eines der
Kinder verunglücken ließe, denn sie sind fast so werthvoll wie die
glatthaarigen feurigen Poneys dort.
Wie die kleine Bande schreit und singt und tanzt und jauchzt, als das
Boot in Steinwurfs-Nähe an ihnen vorüber rauscht -- glückliche Kinderzeit,
in der die ganze Welt noch im rosigen Lichte liegt -- selbst dem Sclaven.
Vorüber wühlt sich das Boot seine Bahn -- ha was ist das? -- was liegt
da so gestreckt und glitternd in der Sonne mit seiner Schuppenhaut,
blinzelt mit den kleinen tückischen Augen halb scheu halb trotzig
herüber, und hebt den langen häßlichen Kopf empor? -- ein Alligator
ist's, ein tüchtiger Bursch, der seine fünfzehn Fuß wohl mißt, und sich
hier sonnen wollte auf dem weichen feuchten, warmen Rasen, bis ihn die
keuchende Maschine aufgestört. Das Boot will vorbei, aber er traut dem
Frieden nicht; müßige Gesellen an Bord haben ihm schon ein paar Mal im
Vorüberfahren die scharfen Kugeln auf den Pelz gebrannt und wenn es ihm
auch gerade nicht schadete, war's ihm doch auch nicht eben angenehm.
Jetzt regt er sich -- es ist Zeit, denn der eine Cajütenpassagier ist
richtig schon hineingesprungen in seine Coye seinen Reifel[11] zu holen
für das bequeme Ziel.
»Dort liegt er!« zwanzig Arme deuten hinüber und freuen sich auf den
Schuß, aber wie ein Stein rollt die schwerfällige Gestalt hinein in's
Wasser, und die ihm etwas zu spät nachgeschickte Kugel zischte in die
Fluth die über ihm zusammenschlägt.
Weiter -- weiter -- der Dampfer hält mehr in die Mitte des Flusses
hinaus, einer Sandbank zu entgehen die sich an dieser Stelle hin
gebildet hat, und dem tiefgehenden Boot gefährlich werden konnte. Ha was
schwimmt dort im Strom -- ein großer Vogel, der die Reise zu Floß nach
New-Orleans macht? -- es ist ein Aasgeier, der auf einem ertränkten und
häßlich angeschwollenen Rinde sitzt, an dem er sich über und über
gesättigt hat, und nun zu faul oder zu vollgefressen ist hier aus der
Mitte des Stromes das feste Land wieder zu erreichen; er wartet ruhig
bis sein ekles Fahrzeug näher zum Ufer kommt, oder treibt auch wohl noch
mit bis zum anderen Morgen, den guten Bissen nicht sogleich zu
verlieren.
Und da drüben? -- Pilot um Gottes Willen ist das nicht eine menschliche
Leiche die da schwimmt? -- Wo? -- dort? wohl möglich, das kommt oft vor
und treibt wohl von Vicksburg oder Natchez oder aus Arkansas und dem
Redriver nieder -- »Aber wollen Sie nicht das Boot hinüberschicken? --«
»Boot hinüber schicken wegen dem Cadaver? -- Bah, da hätten wir viel zu
thun; der ist gut aufgehoben.«
Weiter -- weiter -- was das für wunderliche Boote oder Fahrzeuge sind,
denn Boote kann man sie nicht nennen, die mit vier oder fünf schläfrigen
Gesellen an Bord, ohne Räder, ohne Segel langsam den Strom niedertreiben.
Unförmlichen Kasten gleich, viereckig, von sechzig bis achtzig Fuß lang,
und zwanzig Fuß breit, fünf oder sechs Fuß hoch mit einem rohen Gestell
von Bretern von denen queerübergebogene auch das Dach bilden, aufgerichtet.
Ein langes Ruder (von denen eines vorn und eines hinten angebracht ist,
denn es bleibt sich gleich wie sie treiben), dient dazu es wenigstens in
etwas zu steuern, und ein paar, oft auch zwei paar eben solche lange
Seitenruder #sweeps# genannt, die finnenähnlich an den Seiten sitzen
und nur aus einem kurzen Bret an einer Stange schräg genagelt bestehn,
dienen dazu manchmal das schwerfällige Fahrzeug einem drohenden
#snag#[12], einer Sandbank, oder einer unbequemen Gegenströmung aus dem
Weg zu schieben. Die Arbeit ist aber anstrengend, und wenn nicht ein
_muß_ da ist, rühren sich die faulen Burschen gewiß nicht.
Aber diese Archen -- und sie werden in der That oft so genannt -- so
unscheinbar und roh sie aussehn, führen nicht selten kostbare Ladungen
den Strom hinunter; Mehl und Fleisch, Whiskey, Äpfel, Mais, Butter,
Hühner, Schmalz, wildes Heu, Tabak, getrocknetes Obst, Faßdauben
und Reifen und lebendiges Vieh, Rinder, Schaafe, Schweine, Pferde,
Maulthiere. In den Städten des Südens dann angekommen, landen sie ihr
Boot, dessen vorderer Theil gleich zu einer Art Verkaufslokal, ziemlich
frei von Waaren gelassen ist, und verkaufen nicht allein ihre Ladungen
sondern auch das ganze Fahrzeug, dessen Planken auseinander geschlagen
und wieder benutzt werden. Die Verkäufer aber, die Monate lang dazu
gebraucht aus den verschiedenen Flüssen, Ohio und Missouri, Arkansas und
Redriver, ja selbst aus den nördlichsten Strömen des großen Reiches, aus
dem Illinois und Foxriver niederzuschwimmen, fahren an Bord der Dampfer
in wenigen Tagen jetzt wieder zurück in ihre Heimath, vielleicht ein
neues Boot bauen zu helfen und dieselbe Fahrt von vorne zu beginnen.
Wie sich so leise der blaue Rauch aus den flachen nieder geduckten
Booten stiehlt, und langsam und gerade in die Höhe wirbelt -- die Leute
kochen ihr Abendbrod, und wenn es Nacht wird fahren sie an das nächste
Land, werfen ein Tau um einen irgendwo eingestürzten oder selbst noch
stehenden Baum, und liegen daran, bis ihnen Tageslicht wieder die freie
Bahn zeigt, und sie nicht mehr der Gefahr ausgesetzt sind im Dunkel
irgendwo auf den Strand zu treiben oder von einem, wenig darnach
fragenden Dampfer überrannt zu werden.
Weiter -- weiter der Abend naht -- über den Strom streichen lange Züge
von Wildenten und Gänsen -- dort drüben an der kleinen Insel die mitten
im Fluß liegt -- der Mississippi zählt deren einige achtzig -- hat sich
ein großes Volk Pelikane auf der Sandbank zu Ruh gesetzt -- sie schauen
dem weit von ihnen ab vorbeibrausenden Dampfer ruhig nach, und nur
manchmal ärgerlich nach einem unfern von ihnen auf einem alten Stamm
sitzenden Loon oder Wassertruthahn hinüber, der ihnen mit seinem monoton
melancholischen Schrei zu viel Lärmen an dem stillen Abend macht. Dort
in den Wipfeln jener Cypressen geht ein Volk weißer und blauer Reiher zu
Ruh; schlanke langhalsige Burschen, die sich die höchsten Spitzen der
Bäume aussuchen, darauf zu schaukeln. -- Und die Nacht, wie sie so
still durch den Wald zieht, erst die Büsche und Dickichte füllt und die
Schluchten, dann weiter und weiter preßt und sich zuletzt erst, wenn der
Wald schon in tiefem Schweigen ruht, mit weißlichem Hauch auf den Strom
legt, der jetzt noch einmal so rasch zu laufen, noch einmal so laut zu
rauschen scheint.
Wie die Maschine da klappert, die Räder schlagen und schäumen, und der
Dampf so scharf und zischend aus den schlanken Röhren fährt. Und die
Fluth quirlt so dick und tückisch darunter hin, und hebt sich und
springt hinten nach, wie ein bissiger Köter, der schnappend nach dem
stolz vorbeitrabenden Roß hinüber fängt.
Die Arbeiter an den Plantagen ziehn zu Haus, muntere Lieder tönen von
dort herüber wo die kleinen Feuer sichtbar werden, die Leute haben einen
Arbeitstag hinter und eine freie Nacht vor sich, warum sollen sie nicht
fröhlich sein? -- bis die Negerglocke morgen früh um 4 Uhr tönt dürfen
sie ruhen.
Und vorwärts wühlt und klappert und schnaubt das Boot; die Gluth der
unter den Kesseln geschürten Feuer wirft einen rothen unheimlichen
Schein links und rechts hinaus auf die Fluth, und vor den Kesseln, mit
langen Schürstangen in der Hand, mit nacktem Oberleib, an dem der
Schweiß in Strömen niederträuft, die Gesichter und Arme geschwärzt,
und die Stirnen so heiß und glühend fast wie der Heerd an dem sie
arbeiten, stehen die Feuerleute des Boots, rühren die flammenden Scheite
durch- und ineinander, und werfen neue ein in die kleine Öffnung die zu
dem Zweck über den Thüren gelassen. Es sind Neger und Weiße -- meist
freie Schwarze, oft aber auch Sclaven und zwischen ihnen die Söhne aller
Stände, fast aller Welttheile, die mit der Schürstange und dem heißen
Schweiß sich ihr Brod verdienen müssen im Lande der Freiheit. Manche
Hand, die sich sonst nicht ohne glacirtes Leder der Luft preisgab hat
hier den eisernen Schürer geführt, und mit dem Eimer die schmutzige
Fluth heraufgezogen, einen frischen Labetrunk zu thun; manches
Muttersöhnchen, das zu Hause gehätschelt und gepflegt und verzogen
wurde, und den Zug meiden mußte und die kalte Nachtluft, hat hier
eingeholt, was es daheim versäumt, und ist mit triefender Stirne und von
der schweren Arbeit zitterndem Körper, hinausgesprungen auf den offenen
Gangweg, von dem kalten einigen Luftstrom der sich dem Boot entgegenwarf
die fieberheißen Glieder kühlen zu lassen und dann von Neuem in das
Gluthenmeer der Kessel einzutauchen. Grafen und Barone, Referendare
und Lieutenants haben neben und mit dem zäheren Neger hier schon oft
geheitzt, mit ihm aus einer Schüssel gegessen, in einem Raum geschlafen,
wie er behandelt und bezahlt und -- sind nicht schlechter dadurch
geworden; aber kräftiger und gesunder --wer von ihnen es eben aushielt
und nicht vielleicht in New-Orleans im Pottersfield[13] oder an irgend
einer Holzladung im Mississippi-Sumpf abgeladen und eingescharrt wurde.
»#Flatboot ahead -- look out to starbord!#« schreit der Mann der ganz
vorn oben auf das oberste Deck (#hurricane deck#) gestellt ist, dem
Lootsen, der in dem kleinen Glashaus oben aufsteht, Nachricht zu geben
wenn er irgend etwas im Strom sieht, das dem Boot gefährlich werden
könnte, oder das sie vermeiden müssen -- das Steuerrad dreht sich rasch,
den Bug des Dampfers nach Larbord hinüber zu werfen, und dicht an ihnen
vorbei, so dicht daß das Radhaus den einen auf Decke gelegten #sweep#
des unbehülflichen Fahrzeugs faßt und abreißt, und die dunkle
schwerfällige Masse wie ein Schatten an ihnen vorüber fliegt, schießt
das Boot vorbei. An Deck des Flatboots aber rennt die erschreckte und
für Fahrzeug und Leben nicht mit Unrecht besorgte Mannschaft wild und
kopflos durch einander, und schreit und flucht noch drohend nach, wie
die Gefahr schon lange für sie vorüber ist, und die nachschäumenden
Wellen den ungelenken Kasten nur noch tanzen und schaukeln machen.
Wie der Mond jetzt dort so still und freundlich über den niederen
dunklen Waldstreifen heraufsteigt, und sein mildes Licht über die
lauschigen Plätze am Ufer, über das matt glitzernde Wasser des Stromes
gießt; dicht am Land schnauben wir wieder hin, und können jetzt das
Rauschen der hohen stattlichen Bäume, das Quaken der Frösche hören, die
in den Sümpfen drin ihre Nacht feiern. Und dort? -- o wie so süß der
leise Flötenlaut des #mocking bird# klingt, der sich im niedern Busche
sein Nest gebaut hat, und jetzt die Kleinen in Schlaf singt, die auf den
Zweigen träumen -- die Amerikanische Nachtigall nennen ihn die Creolen,
und er verdient's. Wie sich das so heimlich fährt, so dicht am Ufer hin,
wenn man die Wellen an den Damm plätschern und das Lachen und Sprechen
von Menschen am nahen Lande hört, in Sprunges Nähe fast an ihnen
hingleitet und doch in einer ganz anderen, ganz verschiedenen Welt als
jene lebt. Wie es dem Luftschiffer zu Muthe sein mag, der in stiller
Nacht langsam und tief über dem großen Ameisenhaufen, den wir Menschen
eine Stadt nennen, hingleitet, nieder in die erleuchteten Fenster,
auf die rauchenden Schornsteine sieht, und dem Summen und Treiben der
lebendigen Welt unter sich, der er in diesem Augenblick nicht mehr
gehört, dann lauscht; so braust das Boot, eine kleine abgeschlossene
Welt in sich selber mit seiner staatlichen und bürgerlichen Einrichtung,
dem Ufer fremd an dem's vorüberschießt, dicht an dem dunklen Lande hin.
Am Ufer drüben grünt's und blüht's, die Blumen duften stärker in der
Nacht dort, im traulichen Familienkreis sammeln sich die Glieder
um den geselligen Tisch -- Hunde bellen -- Gänse schnattern und die
regelmäßigen Schläge der Axt, die Brennholz in die Küche liefert, tönen
noch, selbst durch die Nacht im Takt herüber -- Alles fremde Laute, und
nicht dieser Welt gehörig, in der die Schürstange die blitzenden Funken
zum schwarzen hohen Schlot hinaus gegen den dunklen Himmel jagt, und das
Rasseln und Klappern der Maschine, das dumpfe Brausen der Räder, den
Sang der Nachtigall vertreten muß.
Weiter -- weiter -- dort drüben leuchtet ein Feuer am Ufer, von einem
Neger geschürt, der hier den Mosquitos zum Trotz die Wache hat. Es ist
das ein Zeichen für die Dampfboote daß dort Holz zu verkaufen liegt, und
die Landung gut ist, und der Neger, wenn er auf solche Art ein Boot in
der Nacht zum Landen bringt, hat einen Viertel Dollar Prämie von seinem
Herrn -- dafür muß er sich aber den Schlaf selber abstehlen und zündet
manches Feuer vergebens an. Die Glocke läutet jetzt, die Heizer werfen
die Thüren auf, aus denen eine Gluth herausströmt Blei schmelzen zu
machen, und die ihnen oft auf viele Schritte Entfernung die Kleider am
Leib versengt, und Blasen in die Haut zieht. Der breite Bug dreht sich
dem Lande zu, von dessen Levée aus Hunde klaffen, und Stimmen, auf die
Frage von Deck aus, Preis und Art des Holzes herüberschreien. Vorn zu
Starbord, ein zusammengerolltes Tau in der Hand, steht ein Matrose zum
Wurf bereit, und sobald das Ende nur das Ufer erreichen kann, springen
Neger, von denen indessen eine Menge zusammengelaufen, hinzu es zu
fangen. Jetzt fliegt es aus, wird gefaßt, in Land gezogen dort in Hast
um einen Baum oder Stumpf geschlagen und »#hawl in!#« tönt der Ruf; die
#deckhands# an Bord fassen zu, und holen das Tau zurück an Bord so weit
es reicht, es dort zu festigen, Planken werden ausgestoßen und die
Bootsmannschaft mit einem Theil der Zwischendeckspassagiere, die ihre
Passage billiger bekommen wenn sie sich verpflichten mit Holz zu tragen,
strömen hinaus, schichten die einzelnen Scheite der lang aufgestapelten
»Korde« auf die Schultern, und eilen damit an Bord zurück.
Wie eigen doch das aussieht -- die hellen Feuer die auf der Levée jetzt
zu lichter Gluth geschürt werden, daß sie hoch aufflammen und den Platz
erleuchten, die neugierigen Gesichter der Neger mit den großen
blitzenden Augen und hellen prachtvollen Zähnen, in ihren weißen Jacken
und Röcken, Männer, Frauen und Kinder, die den Ort mit einem gewissen
Wohlbehagen umdrängen auch einmal weiße Leute arbeiten zu sehn -- eben
wie Neger; der Verkäufer des Holzes selbst, gewöhnlich der Oberaufseher
der Plantage, in lichtgestreifter Jacke und Hose, den breiträndigen Hut
auf und das Pferd, von einem der Sclaven geführt, gesattelt hinter sich,
mit den wildmalerischen Gestalten der Dampfbootleute, die sich neues
Material holen für ihr nächtiges Werk. Rechts davon der stille Frieden
des Landhauses mit seinen lauschigen Schatten, links das weißgemalte
Boot mit den vielen hellerleuchteten Thüren und Fenstern, den
buntgekleideten und gemischten Gestalten auf seiner Gallerie, und den
riesig dunklen Schornsteinen, wie es da innerlich kochend und brausend
aber festgebunden liegt, und nur mit den Rädern noch langsam, fast wie
ungeduldig, gegen die Strömung anarbeitet, einem gefesselten Stier nicht
unähnlich der mit den Füßen scharrt, und den Augenblick nicht erwarten
kann der ihm wieder den Gebrauch seiner mächtigen Glieder giebt.
Wieder tönt die Glocke! »Alle an Bord« schallt der, den Leuten
willkommene Ruf des Steuermanns -- was noch am Lande ist und dort nicht
hingehört eilt zurück, die Planken werden eingeholt »#let go!#« das Tau
am Ufer losgeworfen, der Bug vom Lande mit langen dazu besonders
gehaltenen Stangen abgestoßen, und schärfer schlagen die Räder ein
-- höher kräuselt die Fluth am Bug; der Koloß ist frei und arbeitet
wieder, seine Bahn verfolgend, in den Strom hinaus.
Capitel 6.
Leben an Bord des Dampfers.
Aber wir müssen uns auch zu dem Inneren des gewaltigen Bootes wenden,
denen tausende unserer Landsleute Leben und Eigenthum auf Tage und
Wochen anvertrauen, ihr weit im Lande d'rin gelegnes Ziel, sei es, in
welchem Staat es wolle, zu erreichen.[14]
In der Cajüte, einem sehr geschmackvoll eingerichteten geräumigen Salon,
der an beiden Seiten seine bequemen #staterooms# oder Einzelcajüten für
zwei Passagiere zusammen hatte, war die größte Zahl der Reisenden um die
lange Tafel versammelt, die in der Mitte stand, und bei den Mahlzeiten
zum Eßtisch, später in ihren einzelnen Theilen auseinander genommen,
meist zu Spieltischen verwandt wurde. Hie und da hatte sich auch schon
ein kleines Spiel arrangirt, und sich drei und drei zu einer Parthie
Whist oder Eucre, oder zwei zu einem Schach oder Domino zusammengefunden;
die Leute waren aber noch nicht recht bekannt mit einander geworden. Das
unbehagliche Gefühl, sich selber fremd an einem Ort zu wissen, den man
auf kurze Zeit zu seiner Heimath machen soll, hatte sich noch nicht
überwinden lassen, und Manche gingen auch, theils allein, theils in
Gesellschaft, in der Cajüte auf und ab, miteinander plaudernd und eben
Bekanntschaft knüpfend.
Hopfgarten allein hatte noch eine Zeitlang volle Beschäftigung seine
Coye, wie er sich das schon früher gedacht und ausgemalt, ordentlich
herzurichten. Ein #life preserver# (Lebenserhalter) ein großer Ring von
luftdichtem Zeug zum Aufblasen, hing vor allen Dingen über seinem Bett;
er war dabei so fest überzeugt daß sie auf dieser Fahrt irgend ein
-- _Unglück_ konnte er es eigentlich nicht nennen, -- aber irgend einen
Zufall haben würden, daß er dem Professor schon die bittersten Vorwürfe
gemacht hatte, sich nicht besser auf etwas derartiges vorgesehn, und
besonders für die Damen die nöthigen Vorkehrungen getroffen zu haben.
Außerdem hatte er aber, auch nach anderer Seite hin gerüstet zu sein,
einen zweischneidigen Dolch und ein paar Pistolen bei sich, von denen
der erste vorn unter seiner Weste, dem Auge verborgen, der Hand aber
erreichbar, ruhte. Aber das nicht allein; er führte auch eine kleine
Taschenapotheke mit, in der Heftpflaster, Charpie, Wundbalsam etc. etc.
einen sehr vorragenden Platz einnahmen; ebenso war er mit Lanzetten,
Verbänden, Bandagen etc. versehn, und besaß in der That Alles, einen
menschlichen Körper nach allen Arten von Hieb-, Stich- und Schußwunden,
Quetschungen, Brüchen etc. etc. wieder soviel nur irgend möglich auf die
Beine zu helfen.
Nachdem er dieß nun Alles, soweit sich das hier thun ließ, sorgsam
geordnet und zum augenblicklichen Gebrauch bereit gelegt, trat er durch
die allgemeine Cajüte auf das vorn liegende Boilerdeck hinaus, wo
Professor Lobenstein, die Hände auf dem Rücken, dem Gewirr von Sprachen
und Menschen ein klein wenig entzogen zu sein, still und allein spatzieren
ging, sich aber nicht besonders wohl darin zu fühlen schien. Unbehaglich
dabei war ihm schon die, allerdings sonst höchst wohlthätige Einrichtung
an Bord, die Herren und Damen, außer der Tischzeit in abgesonderte Räume
verwiesen und getrennt zu sehn. _Den_ Herren allerdings die Damen ihrer
Verwandtschaft an Bord haben, ist es gestattet unter Umständen die
Damencajüte zu betreten, aber die Menge _fremder_ Damen verleidete ihm
das bald, während es Herrn Hopfgarten den Besuch direkt abschnitt und
unmöglich machte. Er konnte sich nur bei dem Professor nach ihrem
Wohlbefinden erkundigen, und wie er darüber gute Auskunft erhalten,
gingen die beiden Männer, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt, eine
Weile nebeneinander auf und ab, als Hopfgarten, jedenfalls seinen bis
dahin verfolgten Ideeen Worte gebend, plötzlich sagte:
»Aber ich weiß doch nicht -- sein Betragen in der letzten Zeit hat mir
gar nicht gefallen.«
»Wessen Betragen?« frug der Professor erstaunt.
»Wessen Betragen? Henkels.«
»Aber wie kommen Sie denn jetzt auf Henkel?«
»Sprachen wir denn nicht von ihm?«
»Wir haben nicht daran gedacht; aber wie so -- wie verstehn Sie das?
sein Betragen in gesellschaftlicher Beziehung da weiß ich doch nicht; er
hat sich immer höchst anständig benommen.«
»Oh das dank' ihm der Teufel!« rief Hopfgarten rasch, »nein ich meine
sein Betragen gegen seine Frau.«
»Ich habe Nichts bemerkt was mir aufgefallen wäre« sagte der Professor
gutmüthig.
»Das ist sehr leicht möglich« meinte Hopfgarten, »auffällig war aber
jedenfalls, daß die beiden Leutchen die letzten Tage gar nicht mehr
zusammen an Deck erschienen sind, oder wenn es geschah, kein Wort mit
einander gewechselt haben. Was ich nicht gleich an Bord bemerkte oder
beachtete, ist mir nachher, bei ruhigerem Nachdenken erst wieder ein- und
aufgefallen und es muß etwas, kurz vor unserer Landung zwischen den beiden
Gatten vorgefallen sein, was sie uns übrigen Passagiere eben nicht
wollten merken lassen.«
»Wenn das wirklich der Fall war, so hatten sie da aber auch vollkommen
recht« lachte der Professor -- »es muß nicht Alles gleich an die
große Glocke geschlagen werden, was zwischen Eheleute tritt und sie
vielleicht auf kurze Stunden entzweit -- das Alles gleicht sich dann bald
wieder aus.«
»Ja das ist allerdings richtig« sagte Hopfgarten nachdenkend, »aber die
plötzliche Krankheit der Dame dann nachher, das furchtbar bleiche
Aussehn -- das stille Wesen, sie die noch kurz vorher die lebendigste
heiterste Frau unseres ganzen Schiffs gewesen war. Es kam uns nur das
Land und die Landung und all das Neue dazwischen, und es thut mir jetzt
wahrhaftig leid, nicht noch kurze Zeit in New-Orleans geblieben und der
Sache besser auf die Spur gekommen zu sein. -- Es war ein gar zu liebes
nettes Weibchen,« setzte er nach kurzer Pause, wie mit sich selber
redend, hinzu.
»Bah, junge Eheleute haben auch manchmal einen kleinen Tanz miteinander«
sagte der Professor kopfschüttelnd, »und wenn das zum ersten Mal kommt,
nimmt sich's die junge Frau gewöhnlich um so mehr zu Herzen, weil sie
vielleicht bis dahin geglaubt hat, daß so etwas in _ihrer_ Ehe gar nicht
vorfallen könne, und solche Enttäuschung ist immer schmerzlich. Das
giebt sich aber bald, und sind nur Gewitterwolken, die um so rascher
wieder dem schönsten blauen Himmel weichen müssen.«
»Hm -- ja -- ich will es hoffen -- wenn ich aber nur eine Idee hätte,
daß der Mann _die_ Frau schlecht behandelte oder unglücklich machte,
wahrhaftig, ich kehrte mit dem nächsten Dampfboot wieder nach
New-Orleans zurück und --«
»Und?« -- frug der Professor ihn lachend dabei anschauend -- »und was
wollten Sie dann nachher thun? wie und auf welche Art könnten Sie sich
in die Familienverhältnisse irgend eines Hauses mischen?« --
»Ich forderte ihn!« rief Hopfgarten entschlossen.