auf und einen weiten Shawl um ihre Schultern geschlagen; eben so Hedwig,
die eine Tasche in der Hand trug, und stark verweinte Augen hatte.
»Halt Maulbeere!« rief der Obersteuermann -- »wartet einen Augenblick,
ich glaube die Damen wollen an Land gehn, daß Ihr ihnen nicht mit Eurem
gefährlichen Karren da in den Weg kommt.«
»Werde ihnen Bahn machen« sagte jedoch Maulbeere, eben nicht gesonnen
Rücksichten auf Jemand zu nehmen, wer es auch sei; der Seemann trat ihm
aber in den Weg, und zwang ihn dadurch zum Stillhalten, während Clara
Henkel auf ihn zutrat und freundlich sagte --
»Dürfte ich Sie bitten mir zwei von Ihren Leuten mitzugeben und meine
beiden Koffer tragen zu lassen?«
»Sie wollen doch nicht zu Fuß in die Stadt gehn, Madame?« sagte der
Steuermann -- »ich glaubte erst, Sie wünschten nur einmal frische Luft
wieder zu schöpfen, aber da besorg ich Ihnen doch lieber einen Wagen.«
»Ich danke Ihnen« sagte die Frau mit leiser, doch entschlossener Stimme
-- »wir werden gehn -- aber ich möchte die Koffer mit mir nehmen.«
»Sie sehen noch so blaß und angegriffen aus« sagte der Seemann auf seine
derbe doch herzliche Weise -- »wenn Sie mir folgen, lassen Sie sich
einen Wagen holen.«
Clara schüttelte mit dem Kopf, und sich umsehend auf Deck sagte sie
endlich:
»Hat Herr Henkel sein ganzes Gepäck fortschaffen lassen?«
»Alles, bis auf das was in der Coye stand.«
»Ist nicht ein kleiner gelber lederner Koffer mit schwarzen Riemen
zurückgeblieben?«
»Nicht daß ich wüßte, aber ich kann fragen.«
»Nein Madame« mischte sich hier aber einer der Matrosen in das Gespräch
-- »ich habe selber die Sachen mit auf den Karren und den kleinen gelben
Lederkoffer mit hinausgetragen; der Koffer fiel mir noch auf weil er so
hübsch gearbeitet war und eben die schwarzen Tragriemen hatte.«
Clara seufzte tief auf, aber sie sah freudiger dabei aus -- es war als
wenn eine Last von ihrer Seele genommen wäre.
»Ich weiß selber nicht einmal wohin die Sachen geschafft sind« sagte der
Steuermann wieder, »und die Leute wissen auch nicht Bescheid.«
»Wir werden uns schon zurecht finden« sagte Frau Henkel -- »ich bitte
Sie recht sehr mir zwei Leute mitzugeben.«
»Von Herzen gern, wenn Sie es denn absolut wollen -- heh Jahn und
Görg -- loopt mal gau daal in de Cajüt, und sackt die beiden Koffers
op. -- Sind sie herausgestellt, Madame?«
»Sie stehen vor unserer Thür.«
»Also flink Jungens, und dann gaat Jü mit Madame in de Stadt. -- Kann
ich Ihnen sonst noch mit etwas dienen?«
»Ich danke Ihnen Steuermann« sagte die Frau freundlich, aber gar
wehmüthig lächelnd -- »ich brauche _Nichts_ weiter -- leben Sie wohl.
Vielleicht aber sehn wir uns recht bald wieder -- wann wird Ihr Schiff
fertig sein zur Rückfahrt?«
»Ja das hängt von der Fracht ab, Madame, aber ich denke doch _spätestens_
in vier Wochen.«
»Ich danke Ihnen leben Sie wohl!« Sie ging, von Hedwig jetzt unterstützt,
auf deren Schulter sie sich lehnte, langsam über die Planke an Land, und
die Matrosen folgten ihr, mit den beiden Koffern auf den Schultern.
Maulbeere hatte seinen Karren hingesetzt, und war ein stummer, doch sehr
aufmerksamer Zeuge der letzten Scene gewesen; jetzt aber, wieder unter
das Lederband duckend, sagte er sehr förmlich zu dem Seemann, der noch
auf der Planke stand und den Damen nachschaute.
»Erlauben mir _jetzt_ der Herr Steuermann daß ich _auch_ hinaus darf?«
»Oh mit Vergnügen Herr Maulbeere«, rief der Seemann, lachend auf die
Seite tretend -- »thut mir unendlich leid Sie aufgehalten zu haben.«
»Bitte mich dem Herrn Capitain gehorsamst zu empfehlen« sagte der
Passagier, ohne eine Miene zu verziehn, indem er an dem Steuermann
vorbeischob. --
Die Matrosen die in der Nähe standen lachten, der Scheerenschleifer
kümmerte sich aber nicht weiter um sie, fuhr in einen kurzen Trab die
etwas schräg nach dem Land liegende Planke nieder, an der anderen Seite
mit kräftigerem Anstoß hinauf, und verschwand bald darauf in dem am
Lande wogenden Gedräng von Menschen.
Capitel 5.
Der Mississippi.
Die _Jane Wilmington_ einer jener mächtigen Mississippi-Dampfer, von
denen hunderte die Wasser jenes riesigen Stromes befahren, lag zur
Abfahrt fertig an der Levée von New-Orleans, mitten zwischen einigen
dreißig anderen, ihr ganz ähnlichen Booten.
Keinen lebendigeren, geschäftigeren Platz giebt es auch wohl auf der
Welt, so weit Handel und Schiffahrt Länder und Menschen mit einander
verbinden, als die Dampfbootlandung von New-Orleans, besonders in dieser
Jahreszeit. Die Stadt ist neuverjüngt; das gelbe Fieber das alljährlich
im Spätsommer, bis Ende September, oft sogar bis in die ersten Tage des
Oktober, New-Orleans fast entvölkert, die wohlhabenderen Bewohner nach
dem gesünderen Norden hinaufscheucht, die Fremden decimirt, und der
ganzen Stadt das Ansehn eines großen Leichenhauses giebt, von dessen
tausenden von Leichen sich zuletzt selbst die Aasgeier in Ekel abwenden,
hatte schon lange seine letzten Opfer gefordert, und der bis dahin
gewaltsam zurückgehaltene Handel, der seine natürliche Strömung nach
dieser mächtigsten Hafenstadt des Südens hat, brach sich jetzt wie
gewaltsam wieder Bahn. Ganze Flotten von Dampfern, die scheu und
ängstlich in der schweren Zeit den Platz gemieden, und sich mit geringer
Fracht, und der ungeheueren Concurrenz wegen nur mit wenigen Passagieren
begnügend, zwischen den oberen Staaten herumfuhren, und wenn sie ja
Mannschaft nach der »Peststadt« bekommen konnten und es wagen wollten,
nur eben hinunter fuhren, an Bord nahmen was Geld hatte seine Passage
zu zahlen, und dann schnaubend und in Ballast wieder zurückeilten
nach Norden auf, führten jetzt die tausende zurück in ihre verlassene
Heimath, die der »Gelbe Jack« wie die Epidemie spottweise heißt, daraus
vertrieben, und brachten zugleich die Schätze des Nordens den verödeten
Waarenhäusern der Stadt.
Boot nach Boot kommt, die gelbe Fluth vor sich aufspritzend, den Strom
nieder -- noch ist es nicht elf Uhr Morgens, und das siebzehnte ist
schon gelandet; gewaltige Fahrzeuge mit von vier bis acht Kesseln
an Bord, viele mit einer Mannschaft von 50-60 Leuten, die breiten
#guards#[7] bis hoch hinauf selbst über das höchste Deck mit einer
ordentlichen Wand von Baumwollenballen umthürmt, andere, ihre oberen
Decks wenigstens frei, aber doch _bis_ zu den #guards# im Wasser gehend,
die gesalzenes Schweinefleisch in tausenden von Fässern von Cincinnati,
Mehl von Ohio und Pensylvanien, Whiskey von eben daher, Blei von
Missouri, Vieh von Kentucky, und feines Salz und Tabak aus Virginien
herunter bringen.
Die Levée selbst liegt schon fest gepreßt unter einer riesigen Last all
solcher Produkte, die der Norden hier hernieder schickt, baar Geld oder
die Erzeugnisse der Tropen dafür einzutauschen -- Baumwollenballen so
weit das Auge reicht; Fleisch und Mehlfässer und #whiskey barrels# mit
ihren rothen Böden und dem Cincinnati-Stempel; Kaffee- und Reissäcke zu
tausenden als neue Fracht für die eingetroffenen Boote; Blei in schweren
kurzen Barren; Syrop- und Zuckerfässer; Salzsäcke und dichtgeschnürte
Ballen kostbarer Felle vom Norden; ein stehendes Waarenmagazin unter
freiem Himmel von kaum berechenbarem Werth, Nachts unter dem Schutz von
vielleicht ein oder zwei schläfrigen Wachen, seine Masse behauptend,
während hunderte von Karren ununterbrochen daran arbeiten es abzutragen.
Und das Gewimmel von Menschen auf dem Platz, über den hie und da kleine
Austerbuden wie gesprenkelt stehn, die Hungrigen zu erquicken, während
die Häuser der ganzen Front ihre unteren Hallen verlockend öffnen den
Durstigen jene Unzahl Mischungen geistiger Getränke zu bieten, wegen
denen Amerika berühmt ist. Die Karrenführer selbst, meist Irländer und
Neger mit wenigen Deutschen, eine wilde thätige, rauflustige Bande,
die tausende von Bootsleuten der verschiedenen Dampfer, Feuermänner
und Matrosen, die schwere Fässer vor sich her die Levée hinaufrollen,
oder gewichtige Kaffee- und Reissäcke auf den Schultern niedertragen,
oder mit stumpfen Handhaken, Stiefelziehern nicht unähnlich, riesige
Baumwollenballen in Schwung bringen und herüber und hinüber werfen, als
wären es Körbe mit Federn gefüllt -- wie sie da schaffen und arbeiten,
und lachen und fluchen. Und zwischen den kräftigen sonngebräunten
Burschen mit aufgestreiften Ärmeln und offenen Hemdkragen, denen der
Schweiß in hellen dicken Tropfen auf den rothen Stirnen perlt, und deren
Sehnen wie Stricke an den markigen Armen herunter liegen, seht Ihr jene
kleinen schmächtigen Gestalten in seidene Fracks oder lichte Oberröcke
gekleidet, mit gewichsten Stiefeln und gegen die Sonne gespanntem
Regenschirm, kleine Bücher in der Hand, und den gespitzten Bleistift mit
den dünnen Lippen feuchtend? das sind die »#clerks#« oder Buchhalter
der Kaufleute aus der Stadt, oder die der verschiedenen dortliegenden
Dampfboote, Waaren überliefernd, oder übernehmend, und den Kopf voll
Zeichen und Zahlen.
[Illustration: Capitel 5.]
Passagiere drängen dabei herüber und hinüber, denen sich die Bewohner
der Stadt, in Geschäften oder Müssiggang, zu gesellen; der lebendige
Franzose dessen Stamm ziemlich den vierten Theil der ganzen Stadt
bevölkert, und sich selbst dem, im Besitz befindlichen Amerikaner
gegenüber das Recht seiner Muttersprache in den Gerichtshöfen neben dem
Englischen gesichert hat; der ruhige Spanier mit seinem breiträndigen
#sombrero#; der geschäftige Yankee, an der langen ungelenken Gestalt,
dem knochigen Gesicht und den grauen lebendigen Augen kenntlich;
zwischen ihnen der reiche Creole[8] mit seiner sonngebräunten Haut
und der thätige Deutsche, der schweigsame Engländer und der feurige
Italiener, durch ein Gewühl von Negern und Mulatten drängend, die mit
Fracht auf und ab die Levée steigen, oder hin und her geschäftig laufen,
und dabei lachen und singen, schreien und zanken.
Und da hindurch pressen die Züge der ankommenden Einwanderer, meist
Deutsche in ihren Nationaltrachten, wie sie daheim den Bauerhof
verlassen, auch viele Irländer in ärmlichen Kleidern, aber mit
entschlossenen, fröhlichen Gesichtern, die meist ihr Gepäck selber den
Dampfschiffen zuschultern, auf denen sie im Begriff sind die Fahrt in's
Innere anzutreten.
Die Deutschen besonders tragen schwere hölzerne Kisten, gewöhnlich zwei
und zwei zusammen; alte Truhen mit buntgemalten Kränzen von unmöglichen
Blumen, und frommen Sprüchen geziert, über die hin keck und rücksichtslos
der Name des Eigenthümers und das Wort _Amerika_, mit schwarzer Farbe
seinen Platz gesucht, während die Frauen, Kinder auf dem Arm und an der
Hand, in weitbauschigen Ärmeln und kurzen Röcken, die braunen Stirnen
der Sonne vertrauend preisgegeben, den Männern folgen. Jetzt stehn sie
und suchen den Namen des Bootes für das sie sich bestimmt, von »Läufern«
indeß überrannt, die sie dem oder jenem Dampfer werben wollen. Kleine
Seelenverkäufer in ihrer Art, diese Burschen, und eigentlich wilde
Schößlinge der Überseeischen Agenten, die auch ihre Procente haben #pro#
Kopf, für alle die sie als Passagiere sicher auf ein Dampfboot liefern.
Ob dann die Leute dorthin kommen wohin sie gerade wollen, und ob sie
dort glücklich sind oder zu Grunde gehn, was kümmerts die; nur so und
so viel Köpfe sicher an Bord, so und so viel #escalins#[9] dafür
eingestrichen, aus dem fremden Volk mag dann werden was da will.
Die Deutschen geben sich aber am wenigsten mit den Leuten ab; wieder und
wieder schon im alten Vaterland vor ihnen gewarnt, lassen sie sich
wenigstens nicht mehr soleicht auf der Straße von ihnen abfangen, fallen
ihnen aber sonst doch noch in die Hände. Haben sie jedoch erst einmal
den Namen eines bestimmten Bootes, dann halten sie sich auch hartnäckig
an dem fest, mögen die Bequemlichkeiten darauf sein wie sie wollen,
schaffen ihre Sachen selber an Bord, und richten sich dann wieder, das
alte Zwischendecks-Leben frisch im Gedächtniß, gar bald für die Tage die
sie auf dem Wasser noch zubringen müssen, häuslich ein.
Das Alles wogt und drängt über die Levée von New-Orleans, und auf dem
Strome herrscht gleiches reges Leben. Hier kommt ein schnaubender Dampfer,
die Thüren vor den Kesseln weit aufgerissen daß die Hitze da ausströmen
kann, und das Boot aussieht als ob es einen glühenden Rachen geöffnet
habe, pfeilschnell bergab, zieht einen weiten Bogen in der schäumenden
Fluth, und gleitet, von kundiger Hand geführt, genau in die Lücke ein
die jenes andere Boot gelassen, das eben noch in Sicht, langsam stromauf
dampft. Dort stößt ein anderes ab -- seine Planken sind eingezogen, die
die Verbindung mit dem Lande unterhielten, aber sein Deck schwärmt noch
von Fremden aller Farben, die Geschäfte oder Neugier an Bord getrieben.
Die Leute legen sich indessen unter dem gellenden Ho-y-oh! der Matrosen
in lange ausgeschobene Stangen, den Bug zurückzuschieben, die Maschine
beginnt zu arbeiten, und wie das breitmächtige Boot langsam nachzugeben
beginnt und, die #guards# der beiden Nachbar-Dampfer reibend, sich
rückwärts hinausdrängt aus der langen Reihe, springen an beiden Seiten
die Müßiggänger und nicht an Bord Gehörigen hinüber auf andere Boote,
nicht mit hinaus in den Strom genommen zu werden, denn der Capitain
hielte wahrlich keine Secunde an ihretwegen, und der erste Landungsplatz
wäre wahrscheinlich erst dreißig oder vierzig Miles[10] stromauf
gewesen, wo er das erste Holz einnehmen mußte. Jetzt hat sich das
schnaubende Boot frei gemacht und schießt mit vermehrter Kraft, über
sein Steuer fort, eine Strecke in den Strom hinein -- nun drängt sich
der scharfe Bug hinauf, nach vorne ein, die Räder schlagen, die Wasser
kräuseln, brechen sich unter der Gallion, und werden zu Schaum geschlagen
von den peitschenden Radplanken, und fort schießt das gewaltige Fahrzeug
von der ungeheueren Kraft getrieben, auf seiner Bahn. Die Schaar von
Menschen aber, die eben dem einen Boot entsprang, eilt jetzt flüchtigen
Laufs an Land das andere, eben gekommene Boot zu gewinnen; Kofferträger
und Verkäufer, Boardinghaus-Wirthe und Taschendiebe -- oft beide zu
einer Klasse gehörend -- Käufer und Zwischenhändler von jeder Farbe,
jedem Stand, und das Drängen und Treiben beginnt von vorne an.
Die _Jane Wilmington_, eben so überladen von Menschen wie alle übrigen
abgehenden Boote, hatte das Zwischendeck dabei von Deutschen und
Irischen Auswanderern mit ihren Kisten so vollgedrängt, daß an ein
Hindurchgehn schon gar nicht mehr zu denken war, und wer wirklich
hindurch oder hinein _mußte_, konnte sehen wie er eben über die Kisten
und Koffer hin eine Passage fand. Und nicht um eine Idee besser sah es
oben in der Cajüte aus, wo sich, als Lobensteins die schmale Treppe
zum Boilerdeck hinauf gestiegen waren, die Männer, ihre Cigarren im
Mund, die Hüte auf dem Kopf, Schulter an Schulter herumdrängten,
hier in kleinen Gruppen standen und plauderten, dort an der #bar# (dem
Schenkstand) ein Abschiedsglas mit irgend einem Bekannten leerten, oder
auch eben nur, die Hände in den Taschen, müßig, und sehr zum Ärger einer
Zahl von Kofferträgern umherschlenderten, die ihre Lasten auf Schulter
oder Kopf, mit einem ununterbrochenen »#please Sir -- beg your pardon
gentlemen#« aus einem Knäuel in den anderen preßten, durchzukommen.
Lobensteins konnten kaum die für sie bestimmten, sehr elegant
eingerichteten Cajüten erreichen, und der Professor hätte ohne Henkels
Hülfe durch das Gewühl von Menschen im Leben nicht sein Gepäck
zusammengefunden. Endlich war aber Alles glücklich an Bord, Eduard mit
den letzten Koffern angekommen, und Capitain Siebelt hatte schon lange
Abschied genommen und seinen bisherigen Passagieren eine glückliche
Weiterreise gewünscht, als sich auch Henkel dem Professor wie den Frauen
empfahl, seinen »eigenen Geschäften« wie er sagte, nachzugehn.
»Und grüßen Sie uns nur noch recht herzlich Ihre liebe Frau« bat ihn die
Frau Professorin, als er auf dem Gangweg, vor der Damencajüte die hinter
dem Radkasten liegt, sich verabschiedete, »und sie soll sich ja recht
schonen -- ich lasse sie herzlich darum bitten.«
»Und tausend Grüße und Küsse noch von uns« rief Anna -- »lieber Gott,
es wäre doch recht traurig wenn sie ihren Eintritt in das fremde Land
gleich mit einer Krankheit beginnen sollte.«
»Und Sie besuchen uns also mit Clara noch diesen Herbst!« frug Marie,
ihm scharf dabei in's Auge sehend -- »Sie haben es versprochen.«
»Gewiß« sagte Henkel, ihr lächelnd die Hand entgegenstreckend.
»Ein Wort ein Mann!« rief Marie, zögernd ihre Hand in die seine legend.
»Sie haben doch die Adresse die ich Ihnen gegeben Herr Professor?« frug
Henkel jetzt noch einmal -- »dort draußen läutet die dritte Glocke und
ich werde am Ende noch mit fortgeschleppt.«
»Und Claras Angst dann!« rief Anna.
»Es wäre allerdings fatal, aber noch kann ich abkommen.«
»Die Adresse habe ich, und denke daß ich ein Geschäft mit dem Herrn
mache, wenn mir das Land nur irgend convenirt,« sagte der Professor.
»Es ist ein Ehrenmann, Sie können sich auf sein Wort verlassen.«
»Desto besser -- also auf Wiedersehn!«
»Auf Wiedersehn!« rief Henkel und hatte wirklich nur noch eben Zeit die
#guards# des nächsten Bootes zu erreichen, ja mußte schon zu dem Zweck
hinauf auf den Radkasten laufen und von dort hinüber springen, als die
wackere Jane das Freie suchte, und wenige Minuten später lustig den
vorangelaufenen Steamern nachdampfte.
Eine solche Menge von Menschen, alle nicht zum Boot gehörig, hatte sich
dabei empfohlen, daß die wirklichen Passagiere mit Erstaunen, aber auch
großer Befriedigung sahen, wie sie Raum genug behielten, und keineswegs
gedrängt waren, und nur mit der ersten Stunde überstanden, die sie
allerdings gebrauchten ihr verschiedenes Gepäck einiger Maßen in Ordnung
zu bringen, konnten sie sich ganz dem Genuß der reizenden Gegend hingeben,
an der das wackere Boot sie rasch hinaufführte.
Es giebt wohl kaum ein wunderlieblicheres Bild, so im Vorbeifliegen
gesehn, als die Ufer des Mississippi überhalb New-Orleans. Mit Plantagen
dicht besäet, deren reizende Pflanzerwohnungen aus einem Dickicht von
Blüthenbüschen und fruchtschweren Orangenbäumen lauschig und still
hervorschauen, schmiegen sich die kleinen, colonienähnlich gebauten
Negerwohnungen dicht an diese an, und geben der ganzen Gegend einen so
wohnlichen, geselligen Charakter, daß das Auge mit Entzücken auf ihnen
weilt. Berge fehlen freilich im Hintergrund, den nur ein einziger
dunkler Streifen Wald bildet -- der Mississippi-Sumpf -- aber die
üppigen Felder, die sorgsam eingefenzt, so weit das Auge reicht dem
Blick begegnen, die geschäftigen Schaaren weiß gekleideter Neger in den
Feldern, theils beschäftigt Zuckerrohr zu schneiden, oder Baumwolle zu
pflücken, die munteren Heerden auf den Weiden dazwischen, das rege Leben
auf dem breiten bequemen Fahrweg, der zwischen der sich am ganzen Strom
hinauferstreckenden Levée und den Fenzen der Plantagen hinläuft; die
kleinen freundlichen Städtchen dabei am Ufer, die Kirchen mit ihren
schlanken Thürmen, die gewaltigen Waarenhäuser, und dahinter die hohen
dunklen Schornsteine der Zuckerfabriken, die aus dem dichten Laub der
Fruchtbäume herüberschaun; das Alles fesselt das Auge des Fremden rasch
genug, und hält ihn ordentlich an Deck gebannt, keinen Moment, keinen
Punkt dieses freundlich sonnigen Bildes zu versäumen. Alles ist hier
neu, alles eigenthümlich, und fehlen dem Fremden auch die Palmen, die
seine Phantasie wohl meist dem Süden der vereinigten Staaten (oft selbst
dem Norden) giebt, so bietet ihm doch auch die Vegetation schon des
Neuen und Südlichen viel, ihn dafür wenigstens in etwas zu entschädigen.
Stattliche Pecanbäume am Ufer, mit ihren schlanken Stämmen und schattigem
Laub, und weiter drinnen im Land die riesigen hochwüchsigen Cypressen
mit ihrer rothen Rinde und dem prachtvoll wehenden grauen Moos, die
fruchtbedeckten Orangendickichte, die freundlichen Blumen geschmückten
Gärten, mit ihren Tulpenbäumen, Rosenranken, und Granatbüschen, das
Alles zeugt für die heiße Sonne dieser Breite, wäre nicht schon das
wehende Zuckerrohr am Ufer und die eigenthümliche Baumwollenpflanze
selbst Beweis genug auch ohne das.
So lichtbeschienen liegt das weite, wunderschöne Land dort ausgebreitet
-- ein Paradies, wenn man's so flüchtig sieht und auf bequemem raschem
Boot daran vorübergleitet -- aber es ist das nur die äußere Rinde des
Ganzen, die blitzt und glänzt und in die Augen scheint, nicht alles ächt
und Gold. Wie lieblich liegen jene acht oder neun Reihen gleichmäßig
gebauter reinlicher Häuser mitten in diesem »Paradies« -- dort wo wir
gerade vorüber fahren sind große weitästige Feigenbäume vor die Thüren
gepflanzt, kleine sauber gehaltene Gärtchen schließen sich daran, und
vor den Thüren spielen Kinder -- kleine schwarze, braune und gelbe
lachende Gestalten mit frohem Jubel herüber und hinüber, von alten
Leuten dabei beaufsichtigt die, zu alt zum Arbeiten, von ihren Herren
jetzt das Gnadenbrod bekommen, und ihre übrige Lebenszeit, die ihnen
Gott noch giebt, in Ruhe und Frieden verleben dürfen. --
Ruhe und Frieden! -- dem alten Manne da, der das Kind auf dem Schooße
hält und hätschelt und es küßt -- Ihr könnt vom Boot aus die Thränen
nicht sehn, die ihm die dunklen, tiefgefurchten Wangen hinunter rollen
-- ist vor drei Tagen seine Enkelin, ein bildhübsches Mädchen von
achtzehn Jahren, nach Kentucky hinauf verkauft, und ein anderer Enkel
von ihm, ein junger Bursch von zwölf Jahren, wurde blutig gepeitscht,
weil er die Ruthen nicht selber, wie es der Aufseher befahl, von den
Weiden schneiden wollte, mit denen die eigene Mutter geschlagen werden
sollte. Der Knabe liegt jetzt da drinnen -- in demselben freundlichen
Haus vor dem der alte Feigenbaum steht -- auf seinem harten Lager, mit
blutigen, geschwollenen Gliedern und ächzt und stöhnt, und der Alte hat
das kleine Kind auf dem Schooß, und küßt es und herzt es, und sieht im
Geist schon die Peitsche gehalten, hört die scharfen entsetzlichen
Streiche, die auf die zarte Haut des Lieblings niederfallen werden.
»Seht die reizenden Wohnungen an« haben viele Reisende geschrieben
-- »wie behaglich und warm sind eben diese _Sclaven_ hier gebettet, und
möchten sie mit den unglücklichen Armen unseres eigenen Vaterlandes
tauschen, die mit fröstelnden Gliedern, in erbärmlichen zugichen Hütten
ihre trockene Brodrinde oder faule Kartoffeln kauen, und sich das Haar
raufen wenn ihnen die Kinder die Ärmchen entgegenstrecken und _umsonst_
nach Nahrung schreien?« -- Ich weiß es nicht; aber _ein_ Elend wird
nicht durch das andere gehoben, und tausende und tausende von ihnen
würden lieber die letzte Brodrinde mit dem Kind theilen und mit ihm
hungern, als daß sie es aus ihren Armen gerissen sähen, einem anderen,
nicht geringeren Elend entgegengeschleudert zu werden. Die Weißen, die
den lockeren sittlichen Verhältnissen jener Staaten nach, und in dem
ungestörten unantastbaren Recht des _Herrn_ schon alle Familienbande
ihrer Sclaven außerdem mit Füßen treten, zerreißen diese auch nach
Gutdünken durch Verkauf der einzelnen Glieder -- der kleine Kreis der
Sclaven, der nach schwerer Arbeit um das Feuer seiner Hütte sitzt, kann
er selbst dieses Glück in Ruh genießen, wo er nicht sicher ist, ob nicht
des Herren Wille schon morgen, schon heute Nacht, das liebste Kind aus
ihrer Mitte nimmt -- das vom Bord des Dampfers noch einmal die Hände
nach ihnen hinüberstreckt, und todt -- verloren ist für sie auf immer?