-- das endlich erreichte Land ihrer Sehnsucht, für das sie gedarbt und
gespart daheim, und die hellblitzende Sonne schien ihnen freundlich
zuzuwinken im neuen Vaterland -- der wolkenleere reine Himmel ein frohes
Omen zu sein, all ihrer Hoffnungen und Träume. Freilich ringen und kämpfen
mußten sie auch hier; eine Bahn galt es erst sich hier zu brechen,
vielleicht wieder mit Sorgen und Entbehrungen, wie vordem, aber dafür
bot ihnen auch das ungeheure Reich einen freien ungehinderten Spielraum
für ihre Thätigkeit, und Eltrich fühlte die Kraft in sich, fühlte daß er
im Stande war alle Hindernisse zu besiegen und sich den Weg zu bahnen,
zu einer selbstständigen sorgenfreien Existenz. Seine Ansprüche an das
Leben waren dabei mäßig; auf seinem Instrument aber war er Meister, und
die aufblühende Kunst in Amerika mußte dem Künstler endlich ein Feld
bieten zu wirken und den Lohn dafür zu erndten. War das aber auch nicht,
nun so scheute er sich hier keiner Arbeit, die in dem freien Lande ihn
nicht schändete und ihm nicht, einmal begonnen, die Bahn verschloß zu
einer edleren Thätigkeit, wie blinde Vorurtheile das im alten Vaterland
gethan. Jung und kräftig brauchte er nicht zu fürchten Hunger zu leiden,
und wo so viele Tausende ihr Glück -- eine Heimath fanden, durfte auch
er der Zukunft mit froher Zuversicht entgegensehn.
»Was für ein reges wunderliches Leben das hier ist, meine Adele« sagte
er, den Arm der Gattin pressend, der in dem seinen hing, und lächelnd zu
ihr niederschauend -- »sieh nur allein die wunderlichen Farben, an der
Tausende, die hier herüber und hinüber eilen -- nicht zwei haben gleiche
Schattirungen und es ist fast, als ob der ganze Erdball seine Bewohner
hierher geschickt hätte, die eine Stadt zu füllen.«
»Aber was für häßliche Gesichter diese Neger haben« lächelte die Frau,
in komischer Angst über die Schulter zurück nach dem Schwarzen sehend,
der ihnen die Sachen nachführte, »besonders jener Bursche da hinter uns;
was für böse Augen und entsetzliche Lippen. Und so höhnisch und tückisch
sehn sie dabei aus.«
»Was können sie für den Ausdruck ihrer Race« lachte Eltrich, »aber es
sollen vortreffliche Arbeiter sein, und meist guten Humors -- sehr oft
guten Herzens. Was kümmert uns ihre Farbe und der Schnitt ihres Profils;
wer weiß überdieß, ob wir ihnen nicht eben so häßlich erscheinen, wie
sie uns.«
»Oh die herrlichen Früchte!« rief da Adele, als sie vor einem Stand
vorbeikamen, der mit Ananas, Orangen, Bananen und Cocosnüssen bedeckt
war -- »oh der gottvolle Duft! ach das thut wohl _solche_ Luft zu athmen
nach so langer Zeit -- und Blumen da drüben -- oh sieh die lieben
herrlichen Blumen an, Paul; nicht wahr, so wie wir uns nur ein klein
wenig eingerichtet haben, gehen wir mit dem Kind hinaus in's Freie und
pflücken uns viele viele Blumen -- ich freue mich selber wie ein Kind
darauf.«
»Gewiß mein Herz gewiß -- aber die Blumen hier in Amerika sollen keinen
Duft haben wie die unsrigen, wie man den Vögeln auch hier nachsagt daß
sie nicht singen könnten.«
»Verleumdung Paul -- böse Verleumdung!« rief die kleine fröhliche Frau,
die vor dem Blumenstand stehn geblieben war und sich zu den vollen,
zierlich gebundenen Bouquets die ein reizendes Quadroonmädchen feil bot,
niedergebogen hatte -- »hier überzeuge Dich selbst was für einen zarten
herzigen Duft das kleine weiße Blümchen hat -- und Luz muß auch riechen
-- nicht wahr Herz das riecht anders, wie da unten in dem bösen
dunstigen Schiff, wo mein armer kleiner Bursche so lange gesteckt hat,
und sich nicht herumtummeln konnte auf grünem Rasen.«
Das Mädchen bot ihnen Sträuße zum Verkauf an, doch Adele schüttelte
erröthend den Kopf, drängte von dem Korbe fort, und bat den Gatten mit
leiser Stimme kein Geld an solche Sachen zu wenden, wo sie es vielleicht
zum Leben nöthig in der ersten Zeit gebrauchten.
»Es sind die ersten Blumen die uns geboten werden« sagte aber lächelnd
der junge Mann, »laß sie uns nicht zurückweisen. Sie mögen uns ein gutes
Zeichen sein. Was kosten die Blumen Kind?« frug er dann auf Englisch das
junge Quadroonmädchen das sie feil bot.
»Nichts« sagte dieses aber, jetzt selber tief erröthend in reinem
Deutsch -- »die junge Frau und das Kind mögen sie nehmen!«
»Du sprichst deutsch?« rief Eltrich im höchsten Erstaunen aus, »und bist
doch nicht über dem Wasser drüben geboren.«
»Nein« sagte die Sclavin ernst den Kopf schüttelnd -- »aber mein Master
ist ein Deutscher, und in seinem Hause wird deutsch gesprochen, da habe
ich es schon als Kind gelernt.«
»Wie heißt Dein Master?«
»Messerschmidt.«
»Aber dürfen wir da die Blumen nehmen?«
»Ich darf sie geben« sagte das junge Mädchen, und das Blut drohte ihr in
dem Augenblick die Schläfe zu zersprengen, »denn ich habe heute Morgen
schon mehr, weit mehr für meine Blumen gelößt als mein Master von mir
verlangt -- ich bitte Sie recht herzlich darum sie zu behalten.«
»Recht herzlichen Dank dann für Dein freundliches Geschenk, Du liebes
Kind« sagte Adele, ihr die Hand hinüber reichend, die sie nur schüchtern
nahm -- »es mag uns Glück bringen in dem neuen Land.«
»Sie sind noch nicht lange hier?«
»Erst seit heute.«
»Du lieber Gott!« sagte das junge Mädchen die Hände faltend.
»Aber liebes Kind wir müssen fort« unterbrach hier Eltrich das Gespräch,
indem er zurück und dann um sich her schaute, den Neger zu sehn, der
ihre Koffer fuhr -- »der Bursche ist wahrhaftig wohl schon voran gegangen
und ich weiß jetzt nicht einmal ob ich den Weg wieder so rasch finden
kann.«
»Er wird doch ehrlich sein« rief Adele mit jähem Schreck -- »guter Gott,
sein Gesicht sah nicht darnach aus. Hast Du einen Neger jetzt ganz
kürzlich hier vorbei gehn sehn, mein Kind, der einen Wagen zog auf dem
zwei Koffer mit anderem Gepäck standen?«
»Es gehn so viele vorbei, man achtet nicht darauf« sagte das Mädchen
-- »fast war mir's aber, als ob gleich hier unten Einer vor kurzer Zeit
in die Quergasse eingebogen wäre. Das schadet aber Nichts« setzte sie
rasch und beruhigend hinzu -- »die Leute haben meist alle ihre Nummer,
und wenn Sie die gemerkt haben kann er mit den Sachen hingehn wohin er
will, die Policey schafft sie Ihnen gleich wieder.«
»Die Nummer?« -- sagte Eltrich, etwas bestürzt vor sich hinsehend »ja
-- ich glaube er hatte eine Nummer, aber welche, wahrhaftig und wenn ich
sterben sollte, ich wüßte es nicht.«
»Barmherziger Himmel wenn alle unsere Sachen --« rief Adele in Todesangst
-- »es wäre furchtbar -- was fingen wir nur an?«
»Thorheit, liebes Herz« suchte aber der Mann ihr die Sorge von der Stirn
zu lachen -- »er weiß das Haus und ist vorangegangen wo er auf uns
warten wird. -- Ah, hier ist der Zettel, -- straße Nr. 43.«
»Der Weg führt hier gerade hinauf« sagte die junge Sclavin, »und oben am
fünften Square von hier -- der fünften Querstraße die Sie treffen,
biegen Sie links ein, Sie können nicht fehlen.«
»So adieu mein Kind, und nochmals schönen Dank für Dein Geschenk!«
Auch die Frau nickte ihr noch freundlich zu, aber die Sorge für Alles
was sie jetzt auf der Welt noch das ihre nannten, nahm für den Augenblick
ihre Sinne und Gedanken zu sehr in Anspruch, an etwas Anderem mehr als
momentan zu haften. Die Läden an denen sie vorbeigingen, die wunderlichen
Charaktere und Menschen, denen sie begegneten, die ausgestellten Waaren,
die eigenthümliche Bauart der Häuser, mit all dem Neuen und Interessanten
um sie her, das eine fremde Welt ihr bot, lockte sie nicht mehr oder
vermochte ihr Auge zu fesseln, das nur einen Punkt zu suchen schien in
der weiten fremden Stadt -- das häßliche Gesicht des Negers. So eilten
sie, Eltrich selber weit ängstlicher als er der Frau gestehen mochte,
ihre eigene Sorge nicht noch, vielleicht nutzlos, zu mehren, die Straßen
entlang, so rasch sie eben mit dem Kind vorwärts kommen konnten, immer
noch in der Hoffnung den doch wohl nur vorangegangenen Schwarzen zu
überholen.
»Ha dort geht er!« rief Eltrich plötzlich -- »Gott sei Dank wir haben
uns geirrt!« und der Seufzer den er dabei ausstieß bewieß wie sehr er
selber das Schlimmste gefürchtet.
»Nein, das ist er nicht!« rief aber Adele, deren schärferes Auge leicht
den Unterschied in Neger wie Gepäck entdeckt hatte -- »das sind nicht
unsere Koffer.« --
Es war nur zu wahr -- ein fremdes Gesicht blickte sie an als sie daran
vorüber eilten und ihm forschend in's Auge sahen, fremdes Gepäck lag auf
dem kleinen Karren, und fast im Lauf flohen sie jetzt die Straße hinauf,
bogen um die bezeichnete Ecke und standen wenige Minuten später vor der
Nummer des Hauses -- wo _kein_ Karren sie erwartete.
»Er ist noch nicht da« stöhnte Eltrich -- »wir sind zu rasch gelaufen
und haben ihn übersehn.«
Adele zitterte am ganzen Körper -- sie _wußte_ das war nicht geschehn,
sagte aber kein Wort.
»Oder er ist vielleicht in eine andere Straße eingebogen wo er ungestörter
fahren konnte -- die vielen Wagen hier. --«
»Er kann noch nicht dagewesen sein« sagte Adele endlich leise, so leise
als ob sie fürchte der unwahrscheinlichen Vermuthung auch nur Raum zu
geben.
»Er hätte gewartet!« -- sagte aber auch Eltrich jetzt mit einem tiefen,
angstvollen Seufzer -- sein Blick flog die Straße auf und nieder --
umsonst, der Neger ließ sich nirgends sehn, und die Gewißheit drang sich
ihm immer furchtbarer auf daß er Alles -- Alles -- nein es war ja nicht
möglich -- Gott konnte nicht wollen daß sie _so_ von allem entblößt was
sie noch das ihre bis dahin genannt, in der fremden Stadt in der fremden
_Welt_ ein Leben beginnen sollten -- es war nicht möglich; aber auch
schon diese Ungewißheit, eine Höllenqual.
Er bat jetzt sein Weib mit dem Kind einen Augenblick an der Thüre stehn
zu bleiben, während er hinein in das Haus lief dort in ihr Zimmer zu
sehn -- der Neger konnte die Straße heraufkommen während er im Inneren
war. Er kehrte nach wenigen Minuten zurück. --
»Er ist _nicht_ oben?«
Traurig, verzweifelnd schüttelte er mit dem Kopf.
Nur noch eine Hoffnung blieb ihm jetzt -- er wollte noch kurze Zeit
warten -- noch war es möglich daß der Bursche, in eine andere Straße
vielleicht eingebogen, sich da aufgehalten und verspätet hatte -- er
_konnte_ noch kommen, kam er aber _nicht_, dann wollte er rasch auf die
Policey und dort die Anzeige des Geschehenen machen. Lieber Gott es war
das eine schwache, trostlose Hoffnung -- ohne Nummer oder Namen des
Negers konnte er der Policey selbst keinen Halt geben an irgend etwas;
große Augen und aufgeworfene Lippen hatten alle die Tausende von Negern
die sich in New-Orleans herumtrieben und er wußte ja selber nicht, ob
er sogar zu dem Mann würde schwören können, wenn er ihn jemals wieder
angetroffen. Adele aber mußte erst mit dem Kind in ihrem Zimmer
untergebracht werden, daß er selber freie Hand behielt; er führte sie
hinauf. Es war ein kleines Gemach, das auf den engen Hof hinaus sah; die
Thür stand offen, denn zu stehlen war Nichts darin, und das Meublement
bestand in einem Tisch, drei Rohrstühlen und zwei leeren Bettstellen.
»Habe nur ein klein wenig Geduld Adele, ich bin bald wieder zurück
-- und -- quäle und ängstige Dich nicht zu sehr -- noch ist Hoffnung da;
ein trauriger Anfang macht oft ein fröhliches Ende, liebes Herz.«
Er küßte sie auf die Stirn, nahm das Kind auf und herzte es ab, und
verließ dann rasch das Zimmer; Adele aber legte die Blumen vor sich auf
den Tisch, barg, darüber gebeugt, ihr Antlitz in den Händen, und weinte
still und trostlos.
* * * * *
Auf der Haidschnucke waren indessen die drei, bei dem Leuchtschiff in
der Weser an Bord gekommenen Passagiere in die Cajüte zum Capitain
gerufen worden, dort entlassen zu werden. Sie traten, die Mützen in der
Hand herein, und blieben an der Thür mit dem Untersteuermann neben sich
stehn, den Capitain zu erwarten, der in sein eignes Zimmer gegangen war,
und nach einer Weile mit einigen Papieren und ein paar kleinen Packeten
in der Hand, zurück kam.
»Na Ihr seid fertig an Land zu gehn?« rief er, nach einem flüchtigen
Blick auf die Leute -- »Stürmann, sin here Sahken ruut schafft.«
»All's klaar Captein --« antwortete der Seemann.
»Gut, dann könnt Ihr jetzt gehn wohin Ihr wollt. Hier Pelz, da hast Du
Deinen Zettel -- hier Du Deinen Alper, und da Du den Deinen Mooswerder.«
»Ne ich bin Mooswerder, Capitain --« sagte der zweite.
»Schon gut, Ihr könnt sie Euch an Land dann aussuchen -- es steht drinn
daß Ihr Euch in Deutschland gut aufgeführt hättet -- Ihr werdet das
schriftlich brauchen, denn auf Euer Gesicht glaubt's Euch doch hier
Niemand.«
»Muß das ein _Jeder_ hier haben?« frug der älteste der drei, das Papier
etwas mistrauisch betrachtend.
»Ich soll _Dir_ wohl auch noch eine Erklärung geben,« fuhr ihn der
Capitain barsch an -- »da hier« setzte er dann ruhiger hinzu, »sind
auch für jeden noch fünf Dollar Amerikanisches Geld, daß Ihr die ersten
Wochen was zu leben habt; für 3 Dollar die Woche könnt Ihr hier in den
billigsten Gasthäusern Kost und Logis bekommen, und habt Zeit Euch nach
_Arbeit_ umzusehn; verstanden? Daß Ihr Euch gut zu betragen habt, brauch
ich Euch nicht erst noch zu sagen, wohlmeinend warnen möcht ich Euch
aber doch keine dummen Streiche zu machen, denn sie verstehn hier keinen
Spaß; aber Ihr werdet selber am Besten wissen was Euerer Haut gut ist.«
»Denke so, Capitain« sagte der Alte, die Hand nach dem Geld ausstreckend
-- »sind doch alt genug dazu.«
»Schön -- weiter hab' ich mit Euch Nichts zu thun -- Eure Kisten stehn
oben an Deck, in einer halben Stunde müßt Ihr an Land sein.«
»Vielleicht wäre es gut, Herr Capitain« sagte da der Alte mit einem
eigenthümlich versteckten Lächeln, »wenn Sie sich von den hiesigen
Behörden eine Quittung über _richtige Ablieferung_ geben ließen.«
»Geht zum Teufel!« rief aber Capitain Siebelt ärgerlich, »oder ich lasse
Euch die Quittung noch vorher auf den Rücken schreiben.«
»Nun Nichts für ungut« lachte der Alte, »war nur so eine Meinung von
mir; übrigens sind wir hier _freie Bürger_« setzte er mit einer Art
verstecktem Trotz hinzu.
»Ja, sobald Ihr an Land seid« sagte der Capitain -- »nicht bei mir an
Bord.«
»Danke für den Wink« lachte der Alte, »und glückliche Rückfahrt.
-- _Grüße_ brauchen wir Ihnen doch wohl nicht aufzutragen?«
Die Andern lachten, der Capitain aber winkte dem Steuermann ungeduldig
die Burschen hinauszuschaffen, die übrigens gar nicht daran dachten den
Mann noch böse zu machen, und rasch dem Befehl gehorchten.
An Deck oben standen ihre Kisten schon bereit, die Jeder von ihnen
-- sie waren leicht genug -- schulterte, und damit, ohne sich weiter
um irgend einen der anderen Passagiere zu kümmern, das Schiff verließ.
»Capitain!« sagte Henkel, der in demselben Augenblick die Cajüte betrat,
als die drei Männer sie verlassen hatten, »dürfte ich Sie bitten mein
Gepäck nach oben schaffen zu lassen, ich möchte es, noch ehe wir an Bord
der Jane Wilmington fahren, gern befördern.«
»Aber was eilen Sie?« frug der Capitain, der eben seinen Hut und Stock
genommen hatte, seinen Passagier zu begleiten, »Ihre Fracht wird auch
noch nicht oben sein, und für Ihre Frau Gemahlin ist es doch am Ende
besser daß sie noch ein paar Tage ruhig in ihrer Coye bleibt, bis sie
sich vollständig erholt hat. Der Arzt kann sie ja auch hier besuchen.«
»Meine Ballen kommen eben herauf« sagte Henkel aber, »und ich habe schon
Jemanden dabei, der mit ihnen auf das Steueramt geht und dort Alles
berichtigt, und meine Frau wird sich jedenfalls besser an Land erholen.
Unsere Wohnung ist nicht weit von hier.« --
»Gut, wie Sie wollen, ist Alles herausgesetzt?«
»Ja, hier von der Cajüte -- ein Drayman steht schon oben und wartet, das
Gepäck in Empfang zu nehmen.«
»Und weiter ist Nichts?«
»Noch zwei Koffer die in der Coye stehn, mit Kleidern und Wäsche meiner
Frau.«
»Dürfen die Leute hinein?«
»Ich werde sie selber heraussetzen.«
»Gut« sagte der Capitain, »dann will ich nach oben gehn und den Steward
mit einem von den Matrosen hinunter schicken; aber machen Sie rasch, wir
haben nicht viel Zeit zu verlieren und ich muß selber um halb zwölf in
Canalstraße sein.«
Er verließ die Cajüte und wenige Minuten später folgte ihm Henkel, aber
er sah bleich und erregt aus -- seine Lippen zitterten und er strich
sich mit der Hand ein paar Mal heftig die Stirn. Selbst dem Capitain,
sonst gerade kein scharfer Beobachter, fiel das Aussehn seines
Passagiers auf, und er rief überrascht:
»Hallo Sir, Sie sehn ja aus als wenn Ihnen ein Gespenst begegnet wäre
-- was ist Ihnen?«
»Mir? -- o Nichts« erwiederte Henkel, sich gewaltsam sammelnd -- »nur
unwohl wurde mir plötzlich unten -- ich weiß nicht wovon; der Kopf
schwindelte mir und es wurde mir so schwarz vor den Augen; aber es ist
vorbei jetzt« setzte er ruhiger hinzu, »ich habe auch schon früher etwas
Ähnliches gehabt -- ein leichtes Unwohlsein, das eben so rasch entsteht
wie verschwindet.«
»Hier zu Lande muß man vorsichtig mit solchen Dingen sein« meinte
Capitain Siebelt kopfschüttelnd -- »Sie sahen wie eine Leiche aus, als
Sie an Deck kamen.«
»Wirklich?« lachte Henkel, aber das Lachen klang hohl und unheimlich »ah
da kommen die Sachen« unterbrach er sich rasch, als der Steward mit
einem der Matrosen, jeder einen Koffer tragend, an Deck erschien -- »dort
dem Mann Leute, überliefert das Gepäck; Nr. 477 er weiß wohin es kommt.«
»Ist Alles herausgesetzt unten?«
»Ja; -- nein -- zwei Koffer stehn noch in der Cajüte, aber meine Frau
wird selber darüber bestimmen, wann die fortgeschafft werden sollen.
Doch bald hätte ich ja vergessen -- hier Steward, ist etwas für Ihre
Bemühungen.« --
»Oh ich bitte, Herr Henkel -- war gar nicht nöthig; nun ich danke auch
recht viel tausendmal.«
»Und hier Steuermann, haben Sie die Güte das von mir den Leuten an Bord
zu geben.«
»Danke herzlich, Herr Henkel, in deren Namen -- werden sich einen guten
Tag damit machen können -- aber das hätte ja Zeit gehabt, Sie kommen
doch wieder an Bord.«
»Ich? -- ja -- allerdings -- aber ich könnte es vergessen.«
»Sind Sie fertig?« frug der Capitain, der indessen langsam vorangegangen
war und schon unten auf der Levée stand, herüber.
»Ich komme Capitain -- also Steuermann, ich verlasse mich auf Sie, daß
der Mann da rasch befördert wird -- die Karrennummer ist 477.«
»Er soll in zehn Minuten die Sachen an Bord haben« sagte der Seemann,
»so wahr ich Köhler heiße.«
Der Steuermann stand oben an der Reiling, mitten auf den ausgeschobenen
Planken, und sah den fortfahrenden Männern nach, als er vom Schiff aus
angeredet wurde.
»Herr Obersteuermann, wenn ich bitten darf?«
»Ja wohl, was giebts? -- ah Herr Maulbeere -- nun auch zum Abmarsch
fertig? das ist ja schnell gegangen.«
»Freut mich, wenn meine Bereitwilligkeit Ihr angenehmes Schiff zu
verlassen, Ihren Beifall hat -- wäre gern noch länger geblieben, aber
Sie wissen wohl, Geschäfte müssen immer den Vergnügungen vorgehn.«
»Ja wohl Herr Maulbeere und was für Geschäfte haben Sie? wenn ich fragen
darf?«
»Scheerenschleifen mit Ihrer Erlaubniß Herr Obersteuermann; die Scheeren
in hiesiger Stadt sollen sich, neueren Nachrichten zufolge, in einem
höchst traurigen und vernachlässigten Zustand befinden, es ist demnach
die höchste Zeit, daß ich an Land komme.«
»Ich hoffe nicht« lachte der Seemann trocken, »daß Ihnen in diesem
löblichen Vorsatz irgend Jemand an Bord etwas in den Weg gelegt hätte.«
»Müßte es lügen« sagte Maulbeere ruhig, »der Herr Untersteuermann hat
mich schon dreimal ersucht, zu machen daß ich fort käme.«
»Nun so eilig ist's nicht« lachte der Steuermann, »Mittag können Sie
immer noch bei uns machen. Die Familien dürfen sogar noch über Nacht
bleiben; wir wollen die Leute nicht Hals über Kopf auf die Straße
setzen.«
»Höchst christliche Grundsätze und wirklich verführerisch genug«
versetzte Maulbeere »Jemanden, der nicht in gar zu großer Eile wäre, zu
veranlassen seinen Magen noch einmal mit Bremer Erbsenbrüh zu ärgern.«
»Nun es zwingt Sie Niemand« meinte der Steuermann kurz.
»Danke Ihnen« sagte Maulbeere.
»Und was wünschen Sie von mir?«
»Daß Sie die Gnade hätten« sagte Maulbeere mit ironischer Devotion, »mir
meine Werkstätte zu Tag fördern zu lassen.«
»Ihre Werkstätte?«
»Den Schleifsteinkarren, der im unteren Gefache Ihres Schiffes liegt,
wenn Ihnen das deutlicher ist.«
»Ach den überwachsenen Schiebbock?« sagte der Seemann, »der gehört
Ihnen?«
»Ich bin der glückliche Eigenthümer, und es ist Alles was mich noch an
Bord fesselt.«
»Nun da kann geholfen werden« rief der Steuermann, von der Planke
herunter und zur offenen Luke tretend, »Du Jahn, smiet mal dat Tüg da
rup, vor de Scheerenslieper; de ole scheepe Kaar met en Raad dervör!«
»Dat Donnerslagse Ding; ick hebb mi all min Schen dran verstoten«
fluchte eine Stimme von unten herauf.
»Nu? kommt se vorn Tag?«
»Ja, gliek -- hahl op! --«
»Staat by hier -- oh -- aho-y-oh!«
Der Karren, ein ungeschlachtes Ding, mit einem Kasten dabei, in den
wahrscheinlich die Steine gepackt waren, denn die Leute die ihn
heraufwanden fluchten über das Gewicht, kam bald darauf zu Tage, und
Maulbeere nahm ihn in Empfang, untersuchte ihn erst auf das Sorgsamste,
und begann dann, ihn zum augenblicklichen Gebrauch in der Stadt,
vollständig in Ordnung zu bringen.
Als er noch damit beschäftigt war kam Meier mit seiner Frau aus dem
unteren Deck herauf; Beide schienen ebenfalls gerüstet das Schiff zu
verlassen, aber die Frau sah todtenbleich und abgemagert aus, und war so
schwach daß sie sich kaum auf den Füßen halten konnte. Maulbeere kauerte
neben seinem Kasten, und sah die Beiden vorüber gehn, unterbrach aber
seine Arbeit nicht dabei, und hämmerte und schraubte ruhig fort.
Das Gepäck der Beiden war schon heute morgen früh an Land und durch
Meier selber nach einem billigen Boardinghause in -- Street geschafft
worden; die Frau trug nur ein kleines in ein rothbuntes seidenes Tuch
eingeknüpftes Bündel, und wankte hinter dem Mann her, der den Hut etwas
auf einer Seite, die Hände in den Hosentaschen und einen ziemlich derben
Stock unter den linken Arm gedrückt, ohne weiter Notiz von irgend Jemand
an Bord zu nehmen, im Begriff war das Schiff zu verlassen. Nur als er
vor Maulbeere vorüber ging blieb er stehn, sah zu ihm nieder und sagte:
»Auch fertig?«
»Bald« erwiederte der Scheerenschleifer, eben im Begriff eine etwas
schwergehende Schraube einzuziehn, was seinem Gesicht eine fast
dunkelrothe Färbung gab.
»Ist hübsch in Amerika.« --
»Sehr!« sagte der Scheerenschleifer.
»Schon Aussichten?«
»Siebzehn!«
»Guten Morgen.« --
»Morgen!« lautete die trockene Antwort, und der Mann ging, dicht von der
Frau gefolgt, ohne sie aber zu führen oder zu stützen auf dem schwanken
Bret, über die Planke an Land. Der Scheerenschleifer aber, in seiner
Stellung mit dem eingestemmten Schraubenzieher bleibend, und nur mit den
Augen dem wunderlichen Paare folgend, sah ihnen eine Weile nach, bis
sie über die Levée verschwunden waren, und wollte dann eben wieder in
seiner Arbeit fortfahren, als der Untersteuermann zu ihm trat, und
hinter dem fortgegangenen Passagier herdeutend sagte:
»Ein hübsches Pärchen, wie? -- scheint sich recht wohl zusammen zu
fühlen.« --
»Scheint so« sagte Maulbeere, wieder an der Schraube beginnend.
»Ihr wißt nicht wo sie her sind?«
»Ja.«
»Und was der Bursche drüben gewesen ist?« frug der Seemann neugierig. --
»Ja wohl« sagte Maulbeere.
»Umsonst ist der nicht weggegangen von zu Haus.«
»Das weiß Gott« meinte der Scheerenschleifer -- »er hat für zwei
Personen theuere Passage zahlen müssen?«
»Also Ihr wißt was Näheres über ihn?«
»Näheres? -- ich kann Ihnen den Fleck zeigen wo er die letzten sieben
Wochen geschlafen hat, Herr Untersteuermann.«
»Bah, ich meine von drüben.«
»Oh von drüben meinen Sie.«
»Was war er denn drüben?«
»Glücklicher deutscher Staatsbürger.«
»Ich meine was er sonst getrieben hat.«
»Ich werde nachher den Herrn Obersteuermann um die Schiffsliste
ersuchen, und Ihnen dann mit größtem Vergnügen das Nähere mittheilen.«
»Gehn Sie zum Teufel!« sagte der Untersteuermann ärgerlich.
»Danke Ihnen«, sagte Maulbeere, vollkommen ruhig an seiner Arbeit
fortfahrend.
Maulbeere, der mit unerschütterter Gemüthsruhe, den Matrosen dabei
fortwährend im Weg, seine Arbeit beendet, das Rad eingeschlagen und vier
oder fünf Schiebladen in seinem Gestell mit allerhand Dingen aus einem
kleinen Kistchen gefüllt hatte, stand jetzt auf, setzte seinen Hut auf,
nahm den breiten ledernen Tragriemen über die Schultern des unverwüstlichen
grünen Rockes -- (dessen Glanz dort oben auch dadurch seine Erklärung
fand) und war im Begriff das Schiff zu verlassen indem er seinen
Scheerenschleiferkarren vor sich her, über den Gangweg hin, der Planke
zuschob.
»Nun Herr Maulbeere glückliche Reise!« sagte der Obersteuermann, der ihn
kopfschüttelnd die letzten Minuten beobachtet hatte -- »aber was soll
mit dem Kistchen hier geschehn?« -- Der weiße kleine Kasten war an Deck
zurückgeblieben.
»Den vermach ich dem Schiff!« sagte Maulbeere, den Karren etwas mehr
nach der linken Seite werfend, das Gleichgewicht herauszubekommen.
»Und Ihr anderes Gepäck?«
»Gegenwärtig.«
»Was? -- keine Kleider mehr? -- wo ist denn Ihre Wäsche?« lachte der
Seemann.
»In der Wäsche Herr Obersteuermann« sagte Maulbeere, und war eben im
Begriff mit einem plötzlichen Ruck über eine im Wege, und queer über den
Gangweg liegende Handspeiche hin zu fahren, als Frau Henkel mit Hedwig
die Cajütstreppe heraufkam und auf den Obersteuermann zuging.