Richtungen, mehr ihrer Neugierde, als irgend einem bestimmten Geschäft
nachgehend, und der Professor zitterte wirklich schon vor dem Augenblick,
wo er sich selber überlassen bleiben würde, wenn er sich gleich noch
immer nicht gestehen wollte, daß es doch ein ganz anders Ding um die
Praxis als die Theorie sei. Ein Stein fiel ihm da vom Herzen, als sich
ihm Henkel, wenn er irgend ein bestimmtes Ziel vor Augen habe, zum
Führer in der ihm wohlbekannten Stadt anbot, und er hing sich ordentlich
krampfhaft an dessen Arm, als ob er fürchte daß er ihm wieder
entschlüpfen könne.
Henkel ersah bald seinen Vortheil; der Professor war ihm unter den
Händen wie weiches Wachs geworden, und verlangte schon gar keinen Rath
mehr, sondern nur eine bestimmte Richtung von Jemand angegeben zu
bekommen, der er, scheinbar freiwillig, folgen könne. Der junge Mann
erzählte ihm jetzt von seinem früheren Aufenthalt in Indiana, welch
gesundes, vortreffliches Land dort liege, wie er selber da viele Freunde
habe und diesen Staat, so er sich dazu entschließen könnte Ackerbau zu
treiben, jedenfalls zu seinem bleibenden Wohnsitz wählen würde, und
wußte die Vortheile desselben, die glückliche Lage, die ausgezeichneten
Communicationsmittel, die Produktionsfähigkeit, die reizende Scenerie,
die fleißigen stillen Menschen dort mit solch lebendigen Farben zu
schildern, daß es dem Professor nach und nach wie eine Last von der
Seele rollte, und er freier, fröhlicher zu athmen begann. Eine Stunde
später hatte er denn auch richtig -- wenn auch noch keine Farm gekauft,
denn ein gewisser glücklicher Instinkt ließ ihn davon zurückschrecken
baar Geld aus den Händen zu geben, ehe er mit eigenen Augen sähe was er
dafür bekäme, aber doch einen Empfehlungsbrief an einen bedeutenden
Kaufmann in Grahamstown am Ohiofluß, Staat Indiana, in der Tasche, und
sogar höchst unnöthiger Weise schon seine Passage für sich und die
Seinen an Bord des Dampfers Jane Wilmington bezahlt, der am nächsten
Morgen um zwölf Uhr nach Cincinnati bestimmt, die Levée von New-Orleans
verlassen sollte, und ihn in Grahamstown absetzen konnte.
Seine Aussichten hatten sich dadurch nicht um ein Jota geändert oder
gebessert, er wußte so wenig von seinem künftigen Schicksal als vorher,
und der Ort Grahamstown klang ihm so fremd und unbekannt, wie es jedes
andere kleine Städtchen des ungeheueren Reiches gethan haben würde; aber
von dem Augenblick an wo er ein festes Ziel bekommen hatte, dem er von
jetzt an zustreben durfte, von dem Moment wo ihm, ob durch fremden Einfluß
oder eigenen Entschluß, ein bestimmter Punkt gegeben worden, den er für
jetzt nur zu erreichen, und dann auf dem Begonnenen weiter zu bauen
hatte, fühlte er plötzlich eine Zuversicht und Sicherheit in seinem
ganzen Wesen, wie er sie seit langen Jahren selbst nicht gekannt. Er
war nicht mehr fremd in Amerika -- er gehörte nach Grahamstown im Staat
Indiana an dem Ohiofluß, er konnte mit dem Finger auf der Karte genau
die Stelle bezeichnen wohin er wollte, und der Schritt mit dem er gegen
zehn Uhr Abends an Bord zurückkehrte, schwankte nicht mehr und zögerte
unschlüssig, wie wenige Stunden vorher, als er das Land zuerst betreten
hatte, sondern war leicht und elastisch geworden, wie in früheren,
glücklicheren Tagen.
Eine einzige Schwierigkeit blieb jetzt noch zu überwinden, und zwar das
Gepäck sämmtlich vor der bestimmten Abfahrt des Dampfbootes aus dem
unteren Raum herauf und an Land zu bringen, wo es auf Karren dann leicht
nach der fast drei englische Meilen weiter oben liegenden Dampfbootlandung
geschafft werden konnte. Der Steuermann aber, an den er sich deshalb
noch gleich an dem Abend wandte, glaubte ihm das versprechen zu können,
da es ziemlich oben auf, und zwar alles zusammen unter die Vorderluke
gestaut war, und wenn die Leute mit Tagesanbruch daran begannen, und der
Professor eben keine weiteren Schwierigkeiten mit den Mauthbeamten
hatte, so ließ sich das schon bis zu der bestimmten Zeit in's Werk
richten.
Henkel war, wie schon vorerwähnt, erst am frühen Morgen an Bord
zurückgekehrt, wo er jetzt freilich mit Ungeduld den Aufbruch der
übrigen Passagiere erwartete. Er fürchtete nicht mit Unrecht daß Clara
sich ernstlich weigern würde nach dem Vorgefallenen mit ihm zugleich
das Schiff zu verlassen, mehr als das aber noch, daß sie sich irgend
Jemanden, und von allen vorzüglich der Frau des Professors anvertrauen,
und eine Sache zur Sprache bringen könne, die jetzt -- was auch immer
später geschehen mochte -- jedenfalls noch Geheimniß bleiben mußte. Daß
etwas derartiges noch _nicht_ geschehen sei, konnte er leicht aus dem
freundlichen, unbefangenen Wesen der übrigen Frauen entnehmen; es zu
verhindern daß es jetzt noch, im letzten Augenblick, geschehen könne,
mußte seine Hauptsorge sein. Ebenso hatte er aber auch die Waaren, die
unter einem falschen Namen verschifft worden, in Sicherheit zu bringen,
war das geschehen konnte er jeder etwaigen Anklage lachen; er selber war
zu bekannt auf dem Terrain, auf dem er sich jetzt befand, etwas für
seine persönliche Sicherheit fürchten zu dürfen.
Das Anholen des Schiffes an die Landung nahm allerdings eine ziemliche
Zeit in Anspruch, und die übrigen Passagiere wenigstens ein großer
Theil von ihnen, drängte ebenfalls seine Sachen aus dem unteren Raum zu
bekommen, das Schiff zu verlassen; Professor Lobenstein hatte aber das
Versprechen des Steuermanns, und die Leute, denen er ein tüchtiges
Trinkgeld zusagte wenn sie sich beeilten, arbeiteten »#with a will#« wie
sie an Bord sagen, und Kiste nach Kiste, Koffer nach Koffer entstieg
dem dunklen Raum, und wurde an Deck gehoben, rasch geöffnet, von dem
Mauthbeamten flüchtig angesehn, wieder zugeschlagen und über die
ausgeschobenen Planken an Land geschafft. Die Effekten waren für eine
Farm in's Innere, für eine große Familie und eigenen Gebrauch bestimmt;
neue Sachen ebenfalls nicht dabei, lagen wenigstens nicht oben auf, und
die Steuerbeamten hatten mit der _Fracht_ schon genug zu thun, sich eben
mit _Passagiergut_ viel abzugeben.
Um elf Uhr war sämmtliches Gepäck des Professors, dem sich von Hopfgarten
angeschlossen und ihm erklärt hatte die Reise nach Indiana in seiner und
seiner Familie Gesellschaft machen zu wollen, gelandet und revidirt,
und zum großen Theil auch schon auf den dort gebräuchlichen #drays#
(zweirädrigen Karren mit einem Pferd) abgegangen, an Bord der Jane
Wilmington geschafft zu werden. Henkel drängte aber jetzt den Professor,
seine Familie hinauf zu führen sich dort an Bord einzurichten, und
zugleich mehr Sicherheit zu haben daß der Dampfer wirklich nicht eher
abführe, bis sämmtliches Gepäck auf ihm eingeladen sei; Eduard konnte
indeß bei dem kleinen Rest der Sachen zurückbleiben, und mit der letzten
Ladung nachfolgen.
Die Damen hatten ihre Sachen schon voraus geschickt, und hielten es
ebenfalls für nöthig daß sie sich dort ihre Coyen vor Abfahrt des
Bootes ein wenig einrichteten. Allerdings bedauerten sie, so nahe an
New-Orleans nur eben _vorbei zu gehen_, ohne mehr von der Stadt zu sehn
als die dem Wasser zunächst gelegenen Häuser, der Professor tröstete sie
aber damit daß sie, wenn ordentlich eingerichtet, leicht einmal eine
Vergnügungstour hierher machen konnten, wo sie täglich, an ihrem Hause
vorbei, drei-, viermal Schiffsgelegenheit haben würden. Dann waren sie
auch im Stande das Leben in New-Orleans mehr zu genießen als jetzt, wo
sie die Sorge um ihre nächste Zukunft, ihre nächste Heimath doch nicht
ruhig ließe, und außerdem der Aufenthalt in einem Hotel, zu dem dann
erst ihre sämmtlichen Sachen geschafft werden mußten, ein böses Geld
gekostet hätte.
Henkel hatte indeß einen viersitzigen Wagen besorgt der, von einem
Mulattenknaben gefahren, dicht unter der Levée herankam und den
ausgeschobenen Planken gegenüber hielt.
»Aber wir müssen erst von Clara Abschied nehmen« sagte Marie, als der
Vater sie rief und aufforderte sich zu eilen, damit der Wagen nicht so
lange zu warten brauche -- »lieber Gott es ist so traurig genug daß wir
sie jetzt krank zurücklassen, und ihr nicht beizustehen suchen in dem
fremden Land.«
»Ich sagte ihr gern Adieu« versicherte die Frau Professorin, »wenn ich
nicht fürchtete sie vielleicht gerade in ihrem jetzigen Zustand noch
mehr aufzuregen.«
»Sie würden mich unendlich verbinden« erwiederte Henkel mit einem
bittenden Blick auf die alte Dame, »wenn Sie Alles vermieden Clara zu
beunruhigen; sie ist so nervös, daß das Geringste sie in Thränen
ausbrechen macht.«
»Aber ich begreife nicht was ihr um Gottes Willen so plötzlich kann
zugestoßen sein« sagte Anna -- »Clara war, so lange ich sie kenne, stets
so gesund und wohl, und heiter und vergnügt, und jetzt auf einmal ist
sie in einem Zustand von Schmerz und Aufregung, den ich mir nicht zu
erklären weiß.«
»Laß nur mein Kind« sagte die Frau Professorin freundlich, »das wird,
und hoffentlich bald, vorübergehn. Gern hätt' ich sie freilich selber
noch einmal gesehen, Herr Henkel hat aber ganz recht, wir vermeiden am
Besten jede Aufregung, und ich bitte Sie nur Ihre liebe Frau noch recht
herzlich von uns zu grüßen, und ihr alles Gute und Liebe zu wünschen was
sie sich nur selber wünschen kann.«
»Die Jahreszeit ist noch früh und der Herbst bringt gewöhnlich das
schönste Wetter in Nordamerika, oft bis tief in December hinein« sagte
Henkel rasch und freudig, »hat sich dann Clara erholt, und erlauben es
nur irgend meine Geschäfte, wie ich nicht den mindesten Zweifel habe,
dann besuchen wir Sie, vielleicht eher als Sie glauben, auf Ihrer Farm.
Ich kenne die Gegend wohin Sie ziehen, und werde Sie dort schon finden.«
»Oh das wäre herrlich, das wäre wunderhübsch« rief Anna -- »Clara wird
gewiß recht bald besser werden.«
»Aber ohne ihr Adieu zu sagen gehe ich nicht vom Schiff« rief Marie
jetzt entschlossen -- »ich will sie nicht stören -- wenn sie schläft,
sie nur leise küssen -- nur ihre Hand wenigstens -- sie braucht auch gar
nicht zu wissen daß wir fortgehn, aber sehn muß ich sie noch einmal; ich
habe eine Angst, der ich nicht Worte zu geben vermag, und weiß gewiß,
ich würde nicht froh werden, hätte ich sie so ohne Abschied
zurückgelassen.«
»Du bist ein Kind« sagte die Mutter freundlich, »so geh, wenn es Dir
Herr Henkel erlaubt, und grüße und küsse sie von uns; aber bleib nicht
lange« setzte sie rasch hinzu, »denn der Vater winkt dort schon wieder
vom Land, und wir wollen indessen hinuntergehn, und uns in den Wagen
setzen.«
Henkel biß sich die Unterlippe; der letzte Moment noch konnte vielleicht
Alles verderben, aber er durfte dem jungen Mädchen auch die Erlaubniß
nicht weigern, und sie deshalb nur noch bittend, Alles zu vermeiden was
die Kranke auch nur im Geringsten erregen konnte, stieg er ihr voran, in
die Cajüte hinunter.
Clara war erwacht -- sie lag, völlig angezogen in ihrer Coye, mit Hedwig,
an ihrer Seite knieend, als Henkel dieselbe leise öffnete, hinein sah
und dem jungen Mädchen dann den Vortritt ließ.
»Clara -- meine liebe, liebe Clara wie geht es Dir?« rief Marie auf sie
zueilend, und den Arm um ihren Nacken legend -- »Du siehst besser aus
heute Morgen, und gewiß wirst Du Dich jetzt recht bald und schnell
erholen, wenn Du nur erst einmal festes Land betrittst. Die alte
häßliche Seefahrt hat so lang gedauert.«
»Du gehst an Land?« frug Clara rasch und wie erschreckt, die Freundin
mit ihrem Arm leise von sich drückend, ihren reisefertigen Anzug zu
betrachten -- »Du gehst fort von hier --und -- und Deine Mutter auch?«
»Nein, Clara noch nicht mein Herz -- wir bleiben noch kurze Zeit
zusammen« erwiederte Marie, aber sie mußte sich zwingen daß sie die
Thränen zurückdrängte, die ihr in's Auge pressen wollten.
»Wo ist Deine Mutter?« frug Clara, noch immer nicht beruhigt -- »bitte
sie zu mir zu kommen ich -- ich möchte sie sehen.«
»Du darfst Dich jetzt nicht aufregen mein Herz« antwortete das junge
Mädchen ausweichend -- »nachher, wenn Du wieder wohl und auf bist -- ich
soll Dich jetzt von ihr grüßen und küssen.«
»Weshalb kommt sie nicht selber? -- sie ist fort!« rief die Kranke und
suchte sich selbst emporzurichten.
»Quäle Dich nicht mit solchen Gedanken, Clara -- was hast Du nur?«
»Fräulein Marie sollen nach oben kommen -- der Wagen wartet« rief in dem
Augenblick der Steward in die Cajüte hinunter.
»Der Wagen? -- was für ein Wagen?« rief Clara, rasch aufmerksam
geworden, indem sie versuchte ihre Coye zu verlassen. Marie verhinderte
sie daran.
»Bleibe liegen mein süßes Herz« bat sie in Todesangst, »bleibe liegen
-- ich muß jetzt fort; bald -- bald komme ich wieder -- Gott schütze
Dich« und ihre Lippen auf die heiße Wange der Freundin pressend, richtete
sie sich rasch empor und floh aus der Cajüte.
»Marie!« schrie Clara, die Arme nach ihr ausstreckend --»ich muß --«
»Mich _mäßigen_« sagte Henkel ernst und finster, der in diesem
Augenblick in der noch offenen Thür erschien und mit einem warnenden
Blick diese wieder schloß.
»Teufel!« stöhnte die Unglückliche und sank, ihr Antlitz in den Händen
bergend, erschöpft, gebrochen, auf ihr Lager zurück.
Capitel 4.
Abschied der Passagiere.
Unten am Wagenschlag an der Levée, während Professors noch auf die
zurückgebliebene Marie warteten, stand Fräulein von Seebald, Abschied
von den bisherigen Reisegefährten zu nehmen, und ihnen das Geleit zu
geben, so weit als möglich.
»Und was ist _Ihr_ Ziel hier, mein liebes Fräulein?« frug die Frau
Professorin, als ihr die junge Dame wieder und wieder, mit Thränen im
Auge, die Hand geschüttelt hatte, »werden Sie in New-Orleans bleiben,
oder gehen Sie ebenfalls in das Innere?«
»Mein Ziel liegt weit von hier« sagte Fräulein von Seebald mit dem ihr
eigenen Anflug von Schwärmerei, »weit im fernen Westen, in dem jungen
Staate Arkansas, wo noch die wilden rothen Krieger und Jäger das Land
durchstreifen, und die Büffel und Bären fällen.«
»Nach Arkansas? -- und ganz allein?« rief Anna erschreckt, »aber was um
Gottes Willen zieht Sie dorthin?«
»Familienbande -- die Bande des Herzens« lächelte aber Amalie, »eine
liebe Schwester lebt mir dort, an einen tapferen Polen, einen Grafen,
der sein Vaterland nach jenen unglücklichen Kämpfen verlassen mußte,
verheirathet.«
»Und wie kommen Sie dorthin?« frug die Frau Professorin.
»Morgen, wie ich aus den Zeitungen ersehen habe, die mir der Capitain
freundlich mitgebracht hat, geht ein Dampfboot den Arkansasstrom hinauf,
und ihre Heimath ist nur wenig englische Meilen von dessen Ufern
entfernt.«
»Das nenne ich Geschwisterliebe« sagte die Frau Professorin freundlich
mit dem Kopf nickend, und die Hand der jungen Dame herzlich pressend
-- »einen so weiten Weg allein zu gehn.«
»Nennen Sie es Eigennutz -- Selbstsucht liebe mütterliche Freundin«
rief aber Fräulein von Seebald lächelnd aus -- »das prosaische Leben
Deutschlands ekelte mich an, und ich konnte der Sehnsucht nicht länger
widerstehn das freie herrliche Land selber aufzusuchen, in der die
Schwester ihren Herd gebaut.«
»Und es geht ihr gut dort?«
»Gewiß, Graf Olnitzki hat dort eine eigene Farm, und zahlreiche Heerden
-- aber sie hat lange nicht geschrieben, und ich werde sie jetzt
überraschen.«
»Sie weiß gar nicht daß Sie kommen?«
»Nicht ein Wort.«
»Das wird ein Jubel sein« sagte die gute Frau -- »lieber Gott, wenn man
sich nach so langen Jahren wieder sieht -- wie lebhaft kann ich mir die
Freude denken.«
In diesem Augenblick kam ein kleiner Trupp ihrer Reisegefährten aus dem
Zwischendeck, über die ausgelegte Planke an Land -- sie hatten Neger bei
sich die ihr Gepäck trugen.
Voran ging Eltrich, seine kleine Frau am rechten, sein Kind auf dem
linken Arm, und ihnen folgte ein stämmiger Schwarzer mit einem großen
Holz- und einem kleineren Lederkoffer mit zwei Hutschachteln und einem
Reisesack dem Violinetui und ihren Betten auf einem zweirädrigen
Handkarren -- eine kleine Tasche trug noch Adele am Arm. Als sie an dem
Wagen vorbeigingen grüßten sie freundlich die Damen, und wandten sich
dann der nächsten Querstraße zu, die hinauf in die Stadt führte.
»Welch ein liebes freundliches Gesicht die junge Frau hat« sagte Anna,
die den Gruß herzlich erwiedert hatte und ihnen nachschaute »ein so
zartes Wesen und hat die ganze Reise im Zwischendeck ausdauern müssen
-- ich habe sie oft bewundert; und sie war immer froh und heiter.«
»Ich wäre gestorben«; seufzte Fräulein von Seebald.
»Da kommen noch mehr Zwischendecks-Passagiere«!« rief Anna, nach der
Planke zeigend, wo in diesem Augenblick Herr Mehlmeier die Hände in
den Taschen, und einen rothseidenen Regenschirm unter den linken Arm
gedrückt, von einem Mulatten begleitet, der einen nicht eben schweren
Koffer auf der Schulter trug, leise ein Lied vor sich hinpfeifend die
Planke hinunterstieg, und dicht an dem Wagen vorüberging. --
»Wünsche Ihnen eine recht glückliche Reise meine Damen« murmelte er
dabei mit seiner feinen Stimme, während er keine Miene verzog und sie
eher mit einem Gesicht anschaute als hätte er sagen wollen, »Na _Ihr_
könntet auch zu Fuße gehn.«
»Ist das ein grober Mensch« lächelte die Frau Professorin hinter ihm her
-- »sind nun so lange auf _einem_ Schiff gewesen, und soweit mitsammen
über das Wasser gekommen, und er grüßt nicht einmal, hat uns auch nie an
Bord gegrüßt, und uns nur immer steif und hölzern angesehn.«
»Mir war es fast als ob er Ihnen glückliche Reise wünschte« sagte
Fräulein von Seebald -- »aber ich konnte es nicht deutlich verstehen.«
»Nein gewiß nicht« lachte Anna, »er verzog ja keine Miene dabei -- aber
da kommt auch der Dichter -- wenn das sein ganzes Gepäck ist, wird er
nicht viel Umstände damit haben.«
Es war allerdings Theobald, dem ein junger Mulattenbursch mit einem sehr
schmächtigen gelben Lederkoffer unter dem linken Arm, und einem kurzen
Reisesack auf dem ein Pegasus gestickt war in der rechten Hand, voran
lief. Theobald selber trug ein pappenes, etwas mitgenommenes Hutfutteral
in der rechten Hand und einen schwarzseidenen Regenschirm mit einem
Fischbein-Stöckchen hineingebunden, unter dem linken Arm, faßte aber,
als er die Damen an der Levée halten sah, seinen gelben Lastträger
hinten in den Bund, daß er ihm nicht in dem Gewirr von Menschen abhanden
kam, und bedeutete ihn mit nach dem Wagen hinüber zu gehn, und dort zu
warten. Er sprach kein Wort englisch und die ganze Unterhaltung mußte
durch Zeichen geführt werden.
»Meine Damen, ich habe die Ehre -- ich möchte fast sagen den _Schmerz_
-- mich Ihnen gehorsamst zu empfehlen« sagte er, hier angekommen mit
einer besonders bedeutungsvollen Verbeugung gegen Fräulein von Seebald,
und einen Ausdruck in den Zügen, der mehr sagen sollte als die kalten
Worte.
»Und wohin trägt Sie Ihr Flug?« frug Amalie mit einem leichten,
vielleicht kaum bewußten Erröthen.
»Wohin?« rief Theobald stehen bleibend und in der Begeisterung des
Augenblicks die Hand mit dem Hutfutteral emporhebend, »in den Strudel
der sich hier vor uns öffnet, in die Charybdis dieses weiten Reichs
spring ich hinein, ein kühner Schwimmer. Ob mich die Wasser tragen
werden? -- ich weiß es nicht -- ob ich darin untergehe? -- « die Hand mit
dem Hutfutteral kam wieder herunter -- »wer mag den dunklen Schleier der
Zukunft lüften -- nur ein Gott.«
Er stak fest -- die Frauen waren in Verlegenheit was sie ihm darauf
erwiedern, ob sie ihn trösten oder bewundern sollten, und Theobald
selber hatte den Faden verloren, als der kleine Mulatte beide Theile aus
der Verlegenheit riß. Da dieser nämlich nicht den mindesten Grund sah
weshalb er hier stehn bleiben und seine schöne Zeit versäumen solle,
während er, wenn er rasch zurückkam, leicht noch eine Passagierfracht
von demselben Schiffe aus befördern konnte, so setzte er plötzlich, ohne
weiter auf den Eigenthümer des Koffers und Reisesacks Rücksicht zu
nehmen, seinen Weg queer über die Fahrstraße fort.
»Sie da! -- Sohn Afrikas -- hallo!« rief Theobald, in der Sorge um
sein Eigenthum plötzlich wieder auf die Erde herabkommend -- »hallo
da -- warten Sie bis ich mit komme!«
»Sie werden schon eine Laufbahn finden, die Ihrer würdig ist« sagte mit
leisem tröstenden Ton Fräulein von Seebald -- der Koffer drohte aber in
dem Gewirr von Menschen zu verschwinden.
»Sie werden entschuldigen meine Damen!« rief Theobald, die Schnur des
Hutfutterals in die Finger der linken Hand pressend, die rechte zum
Hutabnehmen frei zu bekommen -- »ich hoffe jedenfalls noch das Vergnügen
zu haben Sie wieder zu sehn« und sich den Hut fest in die Stirne
drückend folgte er raschen Schrittes seinem viel zu eiligen Mulatten.
Anna lachte, Fräulein von Seebald aber sagte sinnend.
»Wie wir nun Alle hier, die wir bis jetzt nur einer Bahn gefolgt, am
Scheidewege stehn und hinausziehen nach Nord und West und Süd und Ost.
_Wo_ werden wir uns wiedersehn, und wird das überhaupt wohl je
geschehn?«
»Gewiß -- und mit Gottes Hülfe froh und glücklich« sagte die Frau
Professorin herzlich -- »aber da kommt Marie, Kind, Kind, Du hast Dich,
und wahrscheinlich auch Clara furchtbar aufgeregt!«
»Nein, meine liebe Mutter« betheuerte Marie, sich die großen hellen
Thränen aus den Augen trocknend; »ich bin ihr davon gelaufen, ehe sie
nur ein Wort sagen konnte.«
»Und nun fort!« rief der Professor, der sich bis jetzt von der Levée ab
den Arm fast ausgeschwenkt hatte, die gar zu lang an Bord zögernde
Tochter zurück zu winken »Kinder wir haben noch furchtbar viel zu thun.
Eduard Du besorgst Alles ordentlich und notirst Dir besonders die
Nummern der Karren, denen Du die Fracht überlieferst, und giebst ihnen
jedesmal den Zettel mit der darauf verzeichneten Anzahl mit; ich denke
zwei Karren werden den Rest bequem mit fortbringen, und dann kommst Du
augenblicklich nach -- #Jane Wilmington#, hier mit der Adresse der
Straße an deren Fuß sie liegt. Ah Fräulein von Seebald. Sie
entschuldigen.«
»Recht, recht glückliche Reise.«
»Danke -- danke herzlich -- Capitain ich sehe Sie noch ehe das Boot
abgeht?«
»Ich bin gleich oben, habe nur noch etwas mit dem Steuermann zu reden
-- auf Wiedersehn. Ich komme dann gleich mit Herrn Henkel nach.«
»So Kutscher -- wir haben doch Nichts vergessen?«
»Nein Alles in Ordnung.«
»Also #go ahead#! -- vorwärts und mit Gott!«
»Adieu -- adieu!«
Der Wagen bog in die Stadt ein, da an der Levée das Gedräng der Karren
und Fußgänger zu groß war, und fuhr in scharfem Trabe den nächsten
Weg nach der Dampfbootlandung, während Eduard jetzt rasch das noch
zurückgebliebene Gepäck beförderte, mit dem letzten Karren den Eltern
nachzufolgen.
Der junge Eltrich, der an dem Morgen mit Hülfe eines mitten in der Stadt
aufgegriffenen Deutschen ein kleines Logis (Stube und Kammer wenigstens)
gefunden hatte, war rasch zurückgeeilt seine Frau und sein Kind aus dem
entsetzlichen Zwischendeck zu befreien. Mit ihrem Gepäck hatten sie, da
Alles oben vor ihrer Coye stand, gar keine Umstände, Lastträger gab es
zu hunderten an allen Theilen der Levée mit Hand- und Pferdekarren, und
so stand ihnen denn Nichts weiter im Weg das Schiff, wo seine arme Frau
besonders eine schwere Zeit verlebt, so rasch als möglich zu verlassen.
Der Neger kannte übrigens die Straße und das Haus wohin sie wollten, und
als er die Sachen auf seinen Handkarren geladen, nahm Eltrich sein
junges Weib an, sein Kind auf den Arm, und zog, das Herz voll Jubel und
froher Hoffnung mit ihnen in eine neue Welt, in ein neues Leben ein.