An Bord herrschte indessen ein reges, geschäftiges Leben. Schon mit

Tagesanbruch hatten die Seeleute den Anker gelichtet und zu gleicher

Zeit mit dem Boot ein Tau nach dem nächst liegenden Schiff gebracht,

wohin sie sich jetzt mit dem vorderen Gangspill bugsirten, und um acht

Uhr etwa lag die Haidschnucke mit ausgeschobenen und wohl befestigten

Planken, ihre Fracht und Passagiergüter bequem ausladen zu können, dicht

an der Levée -- ein Platz den ich dem Leser später näher beschreiben

werde -- und der Vorstadt von New-Orleans, dem zum großen Theil von

Deutschen bewohnten Lafayette gerade gegenüber. Etwa zwanzig Schritt

unterhalb, an derselben Stelle lief zu gleicher Zeit das Hamburger

Schiff an, das mit ihnen zugleich, und von einem Dampfer geschleppt, aus

dem Golf von Mexico heraufgekommen war. Welche Mühe hatten sich die

Passagiere dabei vorher gegeben dieß Schiff zu betreten; wie hatten

sie den Steuermann und Capitain gequält, und als es ihnen die nicht

erlaubten, geflucht und geschimpft. Jetzt hätten sie es ungemein

bequem haben können, ihre halben Reisegefährten zu besuchen -- jetzt,

wunderbarer Weise, dachte aber Niemand von ihnen mehr daran, auch nur

mit einem Schritt hinüber und an Bord zu gehn, und Jeder drängte und

trieb nur, hinauszukommen an Land, Amerika erst einmal unter den Füßen

zu fühlen, und sich dem wohlthuenden Bewußtsein hingeben zu können

endlich -- endlich, nach allen ausgestandenen und erlittenen Drangsalen

und Beschwerden das heiß ersehnte Ziel _erreicht_ zu haben.

Ein Theil der Männer hatte sich übrigens schon mit Tagesanbruch, und

zwar mit dem Boot welches das Tau an Bord des anderen Schiffes brachte,

an's Ufer setzen lassen die dortigen Verhältnisse von einzelnen, gewiß

anzutreffenden Landsleuten zu erfahren, und sich gleich zu erkundigen ob

nicht irgendwo in der Nähe Arbeit zu bekommen wäre. Sie mußten doch erst

einmal ein Unterkommen für die Familie und ihr Gepäck haben, wonach sie

sich dann weiter und bequemer umschauen konnten. Unter ihnen waren die

Oldenburger, (die besonders drängten und trieben, damit ihnen »die von

dem Hamburger Schiff« nicht zuvorkämen) Steinert, Löwenhaupt, Rechheimer,

Wald und Eltrich, der ebenfalls ein Quartier für seine kleine Familie

zu suchen hatte, da er beabsichtigte New-Orleans zu seinem nächsten

Wohnsitz und Aufenthalt zu wählen, und noch einige der Handwerker und

Bauern an Bord. Sie wollten die Zeit benutzen, bis ihre Sachen gelandet

werden konnten.

Es war noch die frühste Morgenstunde, nichts destoweniger schwärmte die

Levée[5] schon -- da in dem warmen Klima fast alle Geschäfte Morgens

beendet werden, von thätigen Leuten, die sich Alle in größter Eile

durcheinander drängten, und die Neugekommenen kaum eines Blickes

würdigten. Schwergepackte zweirädrige und eigenthümlich gebaute Karren,

mit _einem_ kräftigen Pferd bespannt, zogen in fast ununterbrochener

Reihe den verschiedenen Schiffen zu oder in die Stadt hinein, und

abgeladene trabten, mit dem Führer vorn darauf stehend, rasch wieder

zurück, neue Fracht zu holen. Kleine einspännige Milchkarren, mit

einer Masse blechener Kannen bepackt, rasselten über das Pflaster;

wunderhübsche Mulatten, und Quadroonmädchen, schlank und voll gewachsen,

mit elastischem Gang, ein buntfarbiges Tuch kokett um das dunkle Haar

geschlagen, boten Blumen und Früchte aus; Männer und Knaben, mit Körben

und kleine Glaskasten umgeschnallt in denen eine Masse verschiedener

Kleinigkeiten zum Verkauf auslagen, standen an den Ecken oder wanderten

an den Schiffen entlang, ihre Waaren mit ungemeiner Zungenfertigkeit und

meist in einer schauerlichen Mischung von Englisch-Französisch und

jüdischem Deutsch feil bietend.

Dann die Kaufläden, die wunderlichen großen Schilder mit den riesigen

Buchstaben, die Heerden von Vieh, die sich, hier in der Vorstadt, mitten

durch die Menschenschaaren drängten, oder gedrängt wurden, ihrem

Bestimmungsort, dem Schlachtplatz zu, die Masse von Negern und Mulatten,

Mestizen, Quadroonen, mit allen nur erdenklichen Schattirungen von

Weiß und Gelb zu Schwarz und Braun, die eleganten Cabriolets neben den

schmutzigen Marktwägen die Früchte und Gemüse aus dem Inneren zur Stadt

bringen; es war ein Gewirr von Sachen daß die Einwanderer, von denen

sich nur Eltrich getrennt hatte seine eigenen Geschäfte desto rascher

besorgen zu können, nicht Augen genug zu sehen, nicht Ohren genug zu hören

hatten, und im Anfang wirklich wie von einem wilden, hirnverdrehenden

Traum befangen an der Levée hinauf, der eigentlichen Stadt zugingen, und

herüber und hinüber gestoßen, denn sie schienen _allen_ Menschen heute

im Weg, endlich unfern von da stehen blieben wo eine Anzahl Männer und

Frauen, neben aufschichteten Kisten und Koffern auf der Levée saßen und

das Wogen und Drängen der Weltstadt still und die Hände in den Schooß

gelegt, an sich vorüber strömen ließen.

»Das sind Deutsche!« rief Steinert, mit der Hand nach ihnen hinüber

deutend -- »die können uns auch vielleicht Auskunft geben wohin wir

uns am Besten wenden, mitten in die Stadt zu kommen; wir wollen sie

jedenfalls fragen.«

»Und wo wir hier Arbeit kriegen« sagte da ein Oldenburger, »Donnerwetter,

seit wir hier auf dem Damm herum laufen ist mir ganz wunderlich zu Muthe

geworden; ich glaubte erst wir würden den Fuß nicht an Land setzen

können, ohne daß die Amerikaner auf uns zukämen, und uns frügen was wir

den Tag oder Monat für Lohn haben wollten, und jetzt bekümmert sich

keine Menschen-Seele um uns, und die Leute thun gerade so, als ob wir

gar nicht in der Welt wären.«

»Guten Tag Landsleute« sagte Steinert als sie sich den Leuten näherten,

und die Männer und Frauen drehten rasch den Kopf nach ihm um, und

erwiederten den Gruß.

»Auch erst angekommen?« frug der eine Oldenburger den ihm nächst

sitzenden, einen alten Mann mit braunledernen kurzen Hosen, baumwollenen

langen Strümpfen, eine blaue Jacke mit bleiernen Knöpfen darauf, weiß

und blaugesprenkelte Weste und eine Pelzmütze auf.

»#Jes#« sagte der Mann, »seit gestern Morgen.«

»Und spricht schon Englisch?« lachte Steinert.

»#Jes# a Bisle« sagte der Mann wieder, aber mit einem wehmüthigen Zug um

den Mund, als ob es ihm leid thue.

»Und weshalb sitzt Ihr hier und verpaßt die schöne Zeit?« rief Steinert,

»oder wartet Ihr auf ein Dampfboot, den Fluß hinauf zu gehen?«

»Wir sitzen hier, weil uns der Capitain nicht länger an Bord behalten

und nicht wieder mitnehmen wollte« sagte der Mann finster.

»Wieder mitnehmen? -- nach Deutschland?«

»#Jes.#«

»Aber um Gottes Willen weshalb?«

»Weil wir nicht gern gleich die erste Woche verhungern möchten in

Amerika« sagte der Mann und die Frau die neben ihm saß preßte ihr Kind

fester an sich und wandte den Kopf ab, daß die Fremden die Thränen nicht

sehen sollten, die ihr in den Augen standen.

»Ist es so schlecht hier?« frug der andere Oldenburger rasch.

»Schlecht? -- das weiß ich nicht« sagte der Mann -- »aber wir sind

unserer sechse gestern den ganzen Tag von Morgen bis Abend herumgelaufen

Arbeit zu suchen und Brod zu finden, und Niemand hat uns haben wollen,

und Geld haben wir auch nicht mehr uns Provisionen zu kaufen. Gestern

hatten wir noch Schiffszwieback den wir vom Bord mitgenommen -- heute

werden wir von den halbfaulen Apfelsinen und Äpfeln leben können, die

die Obstweiber fortwerfen.«

»Aber sollen denn Eure Sachen hier im Freien liegen bleiben?« frug sie

Steinert kopfschüttelnd; »es wird doch wohl gewiß Plätze geben wo Ihr

die unterbringen könntet.«

»Ja es gibt so Häuser, die sie hier Bordinghäuser nennen« sagte ein

Anderer -- »aber die verlangen gleich Geld, oder die Sachen in Versatz,

weil wir mit Frauen und Kindern ankamen, und sie die überdieß nicht gern

einnehmen wollen. Das ist nun Amerika -- _jetzt sind wir da!_« und der

Mann stützte seinen Kopf in beide Hände, holte tief Athem, und sah still

und starr vor sich nieder eine ganze Weile lang.

»Seid Ihr auch eben erst angekommen?« frug der Erste wieder.

»Ja« sagte der eine Oldenburger, aber sehr kleinlaut -- »heute Morgen

-- vor einer halben Stunde etwa.«

»Und habt Ihr auch Frauen mit?« frug die eine Frau mit leiser Stimme,

aber es lag ein solcher Schmerz darin, daß es selbst Steinert unbehaglich

zu Muthe wurde, und er rasch sagte:

»Ihr müßt nicht verzagen Leute; Wetter noch einmal, die gebratenen Tauben

fliegen Einem nicht in's Maul, und Ihr sitzt hier gerade so, als ob Ihr

darauf wartetet. Ihr seid gesund und kräftig, und allen Solchen fehlt es

in Amerika nicht, das ist eine allbekannte Sache.«

[Illustration: Capitel 3.]

»Wenn man aber nun Nichts zu essen, und auch Niemanden hat der Einem was

giebt?« sagte einer der Anderen wieder. »Ihr habt klug reden -- vielleicht

die Taschen noch voll Geld und keine Weiber und Kinder, aber lauft erst

einmal in der ganzen Stadt in der Hitze herum von Haus zu Haus, und

fragt nach Arbeit, und werdet überall fortgeschickt, und wißt dann daß

Eure Kinder am Fluß sitzen und nach Brod schreien. -- Ich bleibe jetzt

hier ruhig hocken,« setzte er dann mit finsterem Trotz hinzu, »und will

eben einmal sehn ob uns die Amerikaner hier auf der Straße verhungern

lassen oder nicht.«

»Und seid Ihr allein mit dem Schiff gekommen?« frug ihn Wald, der

indessen heimlich in die Taschen gegriffen und einen halben Dollar

herausgenommen hatte.

»Nein, wir sind ihrer noch mehr« sagte der Erste -- »die Anderen sind

wieder ausgegangen heut Morgen und suchen Arbeit oder Brod -- wenn wir

nur Milch für die Kinder hätten.«

»Da hab' ich gerade vorhin einen halben Dollar auf der Straße gefunden«

sagte Wald, das Geldstück der Frau hinhaltend -- »Euch thuts hier

wahrscheinlich mehr Noth, denn ich habe keine Familie -- nehmts!«

Die Frau zögerte, -- die Hand zuckte ihr nach dem Silber, aber unschlüssig

sah sie dabei nach dem Mann hinüber, ob sie es nehmen dürfe; da warf ihr

Wald das Geld in den Schooß und ging rasch die Straße hinunter, in deren

dichten Getümmel er im nächsten Augenblick schon verschwunden war.

»Du -- hast _Du_ gesehn daß der Jude den halben Dollar gefunden hat?«

frug der eine Oldenburger den andern leise, als sie die Straße wieder

hinaufgingen.

»Ne« sagte der.

»Ich auch nicht -- paß man ein Bischen auf, vielleicht finden wir auch

was« meinte der Erste wieder und betrachtete von da an die Levée mit

höchst mistrauischen Blicken.

Auf Steinert hatte diese Begegnung aber einen höchst unangenehmen

Eindruck gemacht, und Amerika ungemein viel in seinen Augen verloren. Da

waren Leute -- gesund, kräftig und stark, die _Arbeit_ suchten und keine

finden konnten, und sich vor dem Hungertode fürchteten -- zu Hause aber

hatten ihm die Auswanderungs-Agenten ganz andere Geschichten erzählt,

und in Büchern konnte er sich auch nicht erinnern, schon etwas Ähnliches

gelesen zu haben.

»Verfluchte Geschichte das,« murmelte er dabei vor sich hin »ich weiß

nicht was soll es bedeuten, daß ich so traurig bin« -- »ganz verfluchte

Geschichte das. -- Aber die Leute haben keine Empfehlungsbriefe, _das_

ist die Sache, und keine Lebensart -- wissen sich nicht zu benehmen,

nicht in die Schwächen und Fehler ihrer Mitmenschen zu schicken oder

diese zu benutzen -- vertrauen zu wenig auf ihre eigene Kraft -- bitte

um Entschuldigung« unterbrach er sich in dem Augenblick selbst, als er

von einem riesigen Irländer, der sich aber nicht weiter um ihn kümmerte,

fast über den Haufen geworfen wurde -- »hm, der Weg war doch breit genug«

brummte er dann hinter ihn her und setzte, immer noch kopfschüttelnd

aber doch jetzt etwas vorsichtiger, seinen Weg in das Innere der Stadt

fort.

Wald hatte sich indeß in das dickste Gedräng geworfen, wo er plötzlich

voll und breit gegen einen hölzernen, mit kleinen Glasscheiben versehenen

Kasten anlief, über dem er zu seinem nicht geringen Erstaunen ein

bekanntes Gesicht entdeckte.

»Rosengarten -- Gottes Wunder wo kommst _Du_ her?« rief er überrascht

aus, während er den Kasten mit beiden Händen festhielt und dem Träger

desselben, der ihn an ein paar breiten ledernen Riemen über die Schultern

gehängt trug, in das Gesicht schaute.

»Wald! als ich gesund will bleiben -- #tri 'scaleng a piece trois bits#

drei Real 's Stück, bester Qualität #werry fine bong!#« rief der junge

Bursche in einem Athem den Freund begrüßend und in allen möglichen

Sprachen seine Waaren zugleich ausbietend, keine unnöthige Zeit zu

versäumen -- »#wer you come from? tri 'scaleng -- only tri bits#

Schentelman, #werry fine bong!#«

»Hallo« -- lachte aber Wald in das Gewirr von Ausrufen hinein, die nicht

allein von dem neu gefundenen Freund, sondern von allen Seiten und allen

Arten von Ausrufern und Ausruferinnen in seine Ohren schwirrten und ihn

taub zu machen drohten »mit mir mußt Du schon noch deutsch reden, sonst

verstehe ich keine Sylbe.«

»Just #from# Schermany gekommen?« rief aber der kleine Jude ihn erstaunt

ansehend »und was mache se in Bamberg? stehen die vier Thirmle noch?

#tri scaleng a piece -- only tri bits, trois scaleng werry bong! who

will puy?#«

Wald sah wohl daß mit dem Burschen hier auf offener Straße, wo er

jeden Menschen in Verdacht hatte seine Waaren kaufen zu wollen, Nichts

anzufangen sei, so also, ohne weiter ein Wort an ihn zu verlieren, kroch

er ihm unter dem Kasten weg, faßte ihn hinten am Rockschoß, und zog ihn,

während dieser noch unverdrossen ausschrie, rückwärts aus dem dichtesten

Gewirr hinaus einer verhältnißmäßig stilleren Straße zu, die gerade dort

wo sie sich befanden auf die Levée ausmündete. Diese Straße mit ihm

hinaufgehend kamen sie bald zu einem Haus an dem auf weißem Schild mit

grünen Buchstaben »Deutsches Kosthaus« geschrieben stand, und da Beide

noch nüchtern waren, verständigten sie sich leicht dort hinein zu gehn

und während der Mahlzeit eine Viertelstunde mit einander zu plaudern.

Rosengarten war um so eher damit einverstanden, als er dabei auch nicht

so viel Zeit unnöthig zu versäumen brauchte, denn essen mußte er doch.

»Aber um Gottes Willen was hast Du nur heute Morgen gerade so viel zu

thun?« frug ihn Wald -- »so früh wird Dir doch Niemand etwas abkaufen.«

»So früh?« rief aber der kleine Bursche -- »so früh, und so viel zu

thun? -- kein Mensch kann das wissen, und Geld muß der Mensch hier

machen, wenn er leben will; jede Viertelstunde also die man versäumt,

macht man kein Geld, und die ist verloren, kommt nicht wieder.«

Er kauderwelschte dabei das wenige was er sprach so furchtbar in dem

nichtswürdigsten Englisch und Französisch, mit sogar einigen spanischen

Brocken, wie eben so schlechtem Deutsch durcheinander, daß sich Wald

wirklich die größte Mühe geben mußte, nur zu verstehen was er im Ganzen

sagen wolle, denn die einzelnen Sätze hatte er schon lange aufgegeben.

Der Bericht aber, den der kleine Bursche von sich selber und seinen

Erfolgen gab, war ungefähr kurz der folgende. Vor kaum einem Jahr von

Bamberg ausgewandert hatte er, hier angekommen, zuerst Monate lang

vergebens gesucht bei irgend einem Landsmann und Glaubensgenossen in

ein Geschäft aufgenommen zu werden. Was in einem solchen zu thun war,

besorgten die Leute Alles selbst, und als er das letzte Geld, wenige

Gulden die er noch mitgebracht, verzehrt, wußte er in Verzweiflung

wirklich nicht was er beginnen sollte. Ein Landsmann, den er endlich

um Unterstützung anzugehn gezwungen war, gab ihm kein Geld, sondern

_borgte_ ihm ein Dutzend baumwollene Hosenträger, mit denen er ihm ganz

ernsthaft rieth ein Geschäft _selber_ zu beginnen, und er folgte dem

Rath. Die Hosenträger bezahlte er nicht, sondern borgte bei einem

Anderen einige Kämme, Zahnbürsten, Band und Stecknadeln, etc. Auch diese

trugen gute Früchte, und in drei Monaten konnte er sich einen Glaskasten

mit solch werthvollen Gegenständen anschaffen, daß er sich jetzt zu

einem drei Real[6] pro Stück Krämer emporgeschwungen hatte, und goldene

Ringe und Tuchnadeln, Messer, Dolche, kleine Pistolen, Uhrketten,

Ohrringe und überhaupt Byjouterieen in den Straßen der Stadt, als

wandernder Tabulettkrämer feil bot. Amerika war übrigens das Land »Geld

zu machen« _seiner_ Aussage nach, und die Leute die drinnen _hungerten_,

deren eigene Schuld sei es, und sie verdienten es eben nicht besser.

Die Mahlzeit hatte indessen begonnen und Wald fand sich hier ebenfalls

in einer fremden ungewohnten Welt, der das bisher ertragene Schiffsleben

nur einen noch höheren Reiz verlieh. Der lange Tisch, an dem eine Masse

Menschen saßen und, ohne mit einander ein flüchtiges Wort zu wechseln,

ihr Essen mehr einschlangen als verzehrten, so rasch als möglich wieder

fertig zu werden, die Quantität der Speisen selber, und frisches Brod,

frisches Fleisch, gekochte Eier, und Milch und Zucker im Kaffee, lauter

Luxusartikel die man auf dem Schiff im Anfang schmerzlich vermißt, und

später fast vergißt, daß sie überhaupt existiren, bis sie mit einem

Male sämmtlich wieder in Armes Bereich auftauchen, hatten einen viel zu

großen Reiz für ihn, nicht selbst seine Amerikanische Zukunft für den

Augenblick in den Hintergrund zu drängen, und als Rosengarten -- dem der

Boden unter den Füßen an zu brennen fing, bis er wieder hinauskam auf

den Schauplatz seiner Thaten -- ihm die Adresse des eignen Kosthauses

gegeben hatte, wo sie sich heute Abend wieder finden wollten, und dann

fortgeeilt war sein Ausschreien auf's Neue zu beginnen, blieb er noch

eine ganze Weile an dem Tisch sitzen und gab sich dem behaglichen Gefühl

hin, wieder einmal nach langer Entbehrung, von einem ordentlichen Stuhl

aus seine Beine unter einen Tisch strecken zu können, auf dem es der

Mühe werth war einen Teller stehn zu haben, und nicht mehr, wie bisher,

mit einem Blechnapf voll Erbsen und einem Stück salzigen Fleisch auf den

Knieen so lange zu balanciren bis das Bischen Essen nur des Hungers,

nicht des Wohlgeschmacks wegen hinuntergewürgt war.

Von den übrigen Passagieren hatten sich übrigens die wenigsten schon dem

Genuß einer ordentlichen Mahlzeit hingeben können, denn jetzt auf ihre

eigenen Kräfte angewiesen einen Beginn in dem neuen Land zu finden,

mußten sie vor allen Dingen einen Platz suchen, von dem sie ausspringen

konnten, eine Stelle ihren Hebel aufzulegen für ihre künftigen Hoffnungen.

Das aber war ein schwieriges und wichtiges Geschäft, da von dem einen

Schritt vielleicht ihr ganzes künftiges Glück oder Unglück abhing, und

die Folgen, wie sie den Anfang nahmen, segensreich oder verderblich

werden mußten.

Professor Lobenstein besonders mit seiner zahlreichen Familie und den,

an Entbehrungen noch nicht gewohnten Frauen, wie mit einer enormen Masse

Gepäck (die ihn doch jetzt etwas besorgt machte, da er sie von dem

Schiff nehmen sollte ohne genau zu wissen wohin) war gezwungen einen

Entschluß zu fassen, ob er in New-Orleans eine Zeitlang bleiben, oder

mit einem der Flußdampfer, von denen an jedem Tag drei oder vier, oft

noch mehr, stromauf gingen, einem anderen, etwas mehr nördlich gelegenen

Klima zueilen wolle.

Henkel, dessen Meinung er darüber ganz besonders schon unterwegs

eingeholt, und der außerdem seine eigenen Gründe hatte den Professor

mit seiner Familie so rasch als möglich von New-Orleans zu entfernen,

rieth ihm unbedingt zu dem letzteren Weg. Louisiana war nicht allein

ein Sclavenstaat, sondern ein fast nur Zucker und Baumwolle zum Export

producirendes Land, in dem sich ein neuer Ansiedler, wenn er nicht mit

bedeutenden Mitteln und mit einer Anzahl Negern auftrat, den Boden

in Angriff zu nehmen, kaum über Wasser halten konnte. Der Norden bot

ihm dafür sicherere Hülfsquellen und ein besseres, dem Europäer mehr

zusagendes Klima, wo sie ihre eigenen Kräfte verwerthen konnten, und mit

einem weit geringeren Capital im Stande waren zu beginnen. Er hatte

ihm dazu Wisconsin, oder wenn er nicht so weit nördlich gehen wollte,

Illinois, selbst Kentucky oder Missouri vorgeschlagen, denn trieben die

beiden letzten Staaten auch Sclaverei, so waren doch schon so viele

nordische Einwanderer, besonders Deutsche in ihnen angesiedelt, die ihre

eigene Arbeit verrichteten, daß die eigene Arbeit auch eben mit der

Sclavenarbeit concurriren konnte, während der Ansiedler zugleich in

einem nicht zu kalten Klima, alle Vortheile eines äußerst fruchtbaren

Bodens, und außerdem verhältnißmäßig gesunden Landes genoß. Selbst

Arkansas, obgleich schon etwas nah an Louisiana gelegen, war da zu

empfehlen, noch dazu da dieß junge Land einmal eine große Zukunft

hätte; wolle er aber ganz sicher gehn und hätte er ein paar tausend

Thaler an einen Anfang zu wenden, so riethe er ihm die mehr östlichen

Staaten, Indiana oder Ohio zu wählen, wo er gewissermaßen schon in eine

civilisirtere Nachbarschaft komme, und nicht mitten im Wald zu beginnen

brauche; Boote für den Ohiostrom gingen überdieß an jedem Tag ab und er

habe die Erleichterung sein Gepäck, was je eher desto besser geschehe,

gleich von Bord der Haidschnucke fort an Bord des Dampfboots schaffen

zu können, das ihn in die nächste Nähe, vielleicht vor die Thür seiner

nächsten Heimath trüge.

Es ist immer eine schwierige Sache sich zu der Wahl eines Platzes zu

entschließen, besonders wenn man das Land noch nicht kennt und Familie

hat. Alle Beschreibungen und Schilderungen die wir da hören und lesen,

schwimmen uns in wüsten, undeutlichen Bildern vor der Seele herum, und

dem Trieb, das eine zu greifen und zu halten, mischt sich die Furcht

-- die oft nur zu gegründete -- das Alles nicht so zu finden, nicht

etwa wie es erzählt wird, sondern wie wir es uns denken, und dann

einen Schritt gethan zu haben, der eben gethan _ist_, und nicht mehr

zurückgenommen werden kann. Der Auswanderer weiß dabei, daß von diesem

Entschluß sein ganzes künftiges Leben, Glück oder Unglück abhängt; sind

dann die Würfel wirklich in seine Hand gegeben, so zittert er vor dem

Wurf zurück, denn nicht allein seine Kraft und Ausdauer, sein Fleiß und

guter Wille sind es mehr, die hier allein den Ausschlag geben, nein der

Zufall hat viel dabei zu entscheiden ob er das rechte trifft, und nicht

vielleicht später einsehn muß Geld und Zeit an ein _Experiment_, an eine

viel zu theuer erkaufte Erfahrung weggeworfen zu haben, wie gezwungen zu

sein noch einmal, und wie viel schwerer _dann_, von vorne zu beginnen.

Das Schlimmste dabei ist, daß er sich in Amerika selber wenig auf den

Rath fremder Leute verlassen darf, denn überall ist er der Gefahr

ausgesetzt solchen in die Hände zu fallen, die eigener Nutzen treibt ihm

diesen oder jenen Landstrich ganz besonders zu empfehlen. Die Leute

brauchen nicht gerade selber irgend einen gewissen Platz verkaufen zu

wollen, aber sie haben meist Alle irgendwo in den Staaten oder Städten

der Staate Land, oder einen Bauplatz, das nur dadurch im Preis steigen

und für sie selber einen Gewinn abwerfen kann, wenn sich eben andere

Ansiedler in dessen Nähe niederlassen, das Land bebauen und die Produkte

durch eine größere Cultur im Werthe steigen machen. Ihr Rath braucht

deshalb nicht schlecht zu sein, aber die Frage bleibt immer ob der

Einwanderer nicht doch noch einen besseren Platz hätte finden können

für seine Niederlassung -- wenn ihm eben nur Zeit gegeben wäre sich

den selber zu suchen.

Henkel hatte nun allerdings keine solchen Beweggründe, die ihn trieben

dem Professor eine Strecke Landes zu empfehlen, wenn er auch in

ruhigerer Zeit wohl vielleicht nicht versäumt haben würde die

Unerfahrenheit des Fremden zu benutzen. Für jetzt lag ihm nur Alles

daran ihn und seine Familie, an die sich sein Weib näher angeschlossen

hatte als ihm lieb war, so rasch als möglich von ihr zu entfernen;

_wohin_ er dabei den Professor mit den Seinen schickte war ihm ziemlich

gleichgültig nur fort mußte er von New-Orleans.

Der Professor hatte sich aber in seinem ganzen Leben noch nicht so

rath- und thatlos gefühlt als in dem Augenblick, wo er am vorigen

Abend und gleich nach seiner Landung, in Henkels und seiner übrigen

Reisegefährten Begleitung, festen Grund und Boden betrat, und nun für

sich selber _handeln_ sollte. So viel hatte er allerdings bis dahin über

Amerika gelesen und studirt, daß er mit größter Leichtigkeit selber

hätte eine sehr ausführliche Abhandlung darüber schreiben können, wie

sich eben der Auswanderer, gleich nach seinem ersten an Land treten zu

benehmen, und welche Schritte er zu thun habe, am raschesten zu einem

günstigen Ziel zu kommen; nun er aber selber da stand und das auch an

sich selber ausführen sollte was er anderen mit fester Überzeugung

gerathen haben würde, da wirbelte ihm der Kopf von alle dem Neuen,

Fremden das ihn umgab, und er fühlte eine Befangenheit, die er früher

nimmermehr für möglich gehalten hätte, und sich jetzt am allerwenigsten

selber eingestehen mochte. Die Häusermassen schienen ihn zu erdrücken,

die fremde Sprache, deren er Herr zu sein geglaubt, und deren Wortgewirr

ihm jetzt die Ohren mit einem Chaos von unbegriffenen Tönen füllte,

machte ihn schwindeln, der Angstschweiß trat ihm auf die Stirn, und er

mußte mehrmals stehen bleiben um Athem zu schöpfen und sich zu besinnen

was er eigentlich wolle, was ihn hierher geführt.

Nach Amerika! Ein Volksbuch. Dritter Band · 第 4 / 17 段