Aber das nicht allein -- gerade auf sie zu kam ein kleiner

scharfgebauter Dampfer, das untere Deck mit Rindern und Schaafen

gefüllt, die in Pensylvanien, zweitausend englische Meilen von hier

entfernt, in voriger Woche eingeschifft wurden und jetzt bestimmt sind

den New-Orleans Markt auf einen Tag mit frischem Fleisch zu versehn. Die

Passagiere der Haidschnucke hatten übrigens volle Muße dieß Boot zu

beobachten, das dicht an ihnen vorbeilief, eine kleine Strecke weiter

dem Lande zu hielt, sein Boot mit vier Matrosen und dem Steuermann darin

aussetzte, und dann plötzlich die Planken losschlug die am hinteren

Theil oder #steerage deck# das Vieh bis jetzt verhindert hatten über

Bord zu springen. Es dauerte auch gar nicht lange, so fingen sich die

Rinder, wahrscheinlich im Inneren gestört, an zu drängen, und kamen der

Öffnung oder dem Bord, der etwa noch immer zehn Fuß über der Oberfläche

des Stromes lag, näher und näher, bis ein Stier, der die Hörner gegen

einen Kameraden einsetzte von diesem zurück und dem Bootrand zugepreßt

wurde, über den er mit den Hinterbeinen glitt, sich mit den Vorderbeinen,

ängstlich brüllend, noch einen Augenblick hielt, und dann kopfüber in

den Strom hinunterstürzte. Wie er aber wieder nach oben kam, und sich

von dem Boot verhindert sah stromab zu gehn, hielt er rasch dem Lande

zu, wo dieses sich an einer schmalen Stelle zwischen zwei dort vor Anker

liegenden Schiffen zeigte, und das war gerade der Punkt wohin ihn die

Burschen haben wollten, und wo die Käufer schon eine kleine Umzäunung

hergestellt hatten, die an Land schwimmenden Thiere in Empfang zu nehmen.

Einer nach dem anderen wurde so, wenn sie nicht gutwillig gehn wollten,

von Bord hinuntergeworfen, und ihnen folgte, als auch der letzte in

Sicherheit war, in Masse die Schaafheerde, der man nur einfach den

Leithammel voran hineinwarf, als sich die ganze Heerde auch in größter

Eile und Hals über Kopf ihm nachstürzte.

Dieß außergewöhnliche Schauspiel hatte die Aufmerksamkeit der Passagiere

so in Anspruch genommen, daß sie im Anfang gar nicht bemerkten, wie ein

paar Fruchtboote indessen an das Schiff herangekommen waren und dieses

jetzt, mit ihrer delicaten Last umkreisten. Ziemlich vorn im Boot saß

eine sonngebräunte Gestalt mit breiträndigem Strohhut, nur mit Hemd

und Hose bekleidet und ein buntfarbiges Seidentuch locker um den Hals

geschlagen, in jeder Hand ein leichtes kurzes Ruder mit denen er das

zierlich schlanke Fahrzeug rasch und behende vorwärtstrieb, und durch

die geringste Bewegung herüber und hinüber lenkte. Von der Mitte des

Bootes ab aber, bis hinten zum Spiegel desselben lagen, in entzückender

Fülle die Schätze der Tropen, wie dieses sonnigen Landes aufgestapelt

und zum Genuß bereit, während in dem Spiegel des einen Boots ein

kleiner Capuziner-Affe, in dem des anderen ein buntfarbiger Papagei dem

reizenden Bild zur Staffage zu dienen schienen. Duftige Ananas mit den

grüngezackten Kronen, rothbäckige Granatäpfel, goldene Apfelsinen,

saftige Pfirsiche, Cocosnüsse in ihrer braunen Schaale, mehlige Bananen,

mit nordischen Äpfeln und Birnen und schwellenden Trauben, mit Granat- und

Orangenblüthen überworfen lagen in wilder Mischung bunt und wirr und

doch sinnig geordnet, durcheinander, und die Hände der armen, Salzkost

gewöhnten und gequälten Auswanderer, streckten sich nur soviel

sehnsüchtiger nach den gezeigten Schätzen aus, als fast den meisten die

Mittel fehlten, sich augenblicklich in Besitz derselben zu setzen.

Kleines Geld -- oh wer jetzt kleine Amerikanische oder Englische Münzen

hatte, sich einen Theil des Reichthums da unten zuzueignen -- nur ein

einziges Stück den lechzenden Gaumen zu letzen. Und wie sie durch

einander liefen und in den Taschen suchten, und borgen wollten, Einer

vom Anderen, und Keiner, wie ihnen das wohl auch oft in der alten

Heimath geschehn sein mochte, die landesübliche Münze zu zeigen hatte.

Hie und da tauchte aber doch ein Spanischer Dollar auf, Früchte _mußten_

gekauft werden, die erste Landung auch würdig zu feiern, und der Steward

wurde dann ebenfalls hinunter geschickt, für die Cajüte ein reiches und

willkommenes Desert zur Abendtafel einzukaufen. Die beiden Spanier in

den Fruchtbooten machten glänzende Geschäfte an den beiden deutschen

Schiffen.

Endlich kam auch das Sanitätsboot und das Schiff wurde, nach sehr

flüchtiger Untersuchung, als vollkommen gesund erklärt, wie den

Passagieren von Obrigkeitswegen gestattet, sobald sie wollten oder

könnten an Land zu gehn. Es war aber indessen auch beinah Abend

geworden, und der Capitain erklärte seinen Cajütspassagieren daß er

selber allerdings augenblicklich an Land müsse, und gern von ihnen

mitnehmen wolle wer zu gehen wünsche, daß er ihnen aber rathe die Nacht

noch an Bord zu bleiben, und dann morgen früh ihre Ausschiffung in Muße

und mit Ruhe vorzunehmen. Mit den Zwischendeckspassagieren wurden schon

weniger Umstände gemacht, und ihnen eben nur einfach angekündigt, daß es

für heute zu spät sei sie auszuschiffen, und sie morgen früh, wenn sie

es wünschten mit Tagesanbruch befördert werden sollten. Übrigens hätten

sie heute Abend noch einmal Abendbrod und morgen Frühstück zu erwarten

-- wonach zu richten.

Von den Cajütspassagieren hatten sich aber eben der Professor und die

Herren Benkendroff, Henkel, und der Doktor entschlossen mit an Land zu

fahren, als von dort aus ein Boot abstieß in dem ein Herr und eine Dame

saßen und auf die Haidschnucke zuhielten. Frau von Kaulitz, die schon

seit einer Stunde ungeduldig auf dem Quarterdeck auf- und abgegangen

war, und diesen Besuch in der That erwartet hatte, trat an die Reiling

und winkte mit dem Tuch, und das Zeichen wurde von der Dame im Boot, die

in großer Aufregung zu sein schien, beantwortet. Desto ruhiger blieb

aber die alte Dame, die schon an dem Nachmittag ihre Whistberechnung mit

ihren bisherigen Aiden gemacht und ihren Gewinn eingestrichen hatte,

während ihre Koffer gepackt und zum Abholen fertig standen.

»Wer mögen nur die Fremden sein die uns dort besuchen wollen?« rief die

lebhafte Marie, die sich nicht satt sehn konnte an ihrer neuen Umgebung

und Augen für Alles hatte, was um sie her vorging. »Sie kommen

wahrhaftig hierher, gerade auf das Schiff zu!«

»Das ist meine Tochter, mein Kind« sagte aber die alte Dame mit

unendlicher Ruhe, »die sich vor einem Jahre von einem jungen Engländer

Namens Bloomfield hat entführen und heirathen lassen, ohne mein Wissen

und gegen meinen Willen. Das junge Ehepaar flüchtete damals nach Amerika

und ich habe ihnen jetzt, da der Mann sonst brav und ordentlich zu sein

scheint und sehr vermögend ist, verziehen und bin gekommen sie zu

besuchen.«

Es waren dieß die ersten Worte die Frau von Kaulitz je über ihre

Familienverhältnisse, wie überhaupt den Zweck ihrer Reise geäußert

hatte, und Marie blickte lächelnd zu ihr auf, denn sie konnte natürlich

nicht anders glauben, als daß die alte Dame sich einen Scherz mit ihr

mache, obgleich das sonst nicht eben ihre Gewohnheit war. Sie sah aber

auch jetzt so ernst und trocken aus wie nur je, und hatte noch dazu ihre

Brille aus ihrem großen sammetgestickten Strickbeutel herausgeholt, die

sie aufsetzte und die Herankommenden aufmerksam und forschend damit

betrachtete. Es war eben noch hell genug die Gesichter unten zu

erkennen.

Das Boot lag jetzt langseit und die alte Dame ging zweimal auf dem

Quarterdeck auf und ab als der Capitain, der an die Fallreepstreppe

getreten war der Dame hereinzuhelfen, mit den beiden Fremden den

Starbordgangweg herauf kam und sie zur Quarterdeckstreppe führte. Die

junge Dame, ein reizendes kleines zartes Frauchen von vielleicht

zweiundzwanzig Jahren, aber jetzt mit vor innerer Aufregung bleichen und

erregten Zügen, eilte voran, dicht hinter ihr folgte ihr Gatte, eine

ebenfalls noch jugendliche, aber edle, männliche Gestalt. Frau von

Kaulitz war mitten auf dem Deck stehn geblieben sie zu erwarten.

»Mutter -- liebe -- liebe Mutter!« rief die junge Frau, flog auf die

alte Dame zu und barg, der Fremden die sie umstanden nicht achtend, ja

sie wohl nicht einmal bemerkend, schluchzend ihr Antlitz an ihrer Brust.

»Mein Kind -- mein liebes Kind!« sagte Frau von Kaulitz, mit einem

unverkennbaren Anflug von Rührung und hob sie zu sich auf, küßte sie und

streckte dann ihre Hand dem wenige Schritte hinter ihr stehen

gebliebenen Gatten entgegen.

»Liebe -- beste Mutter!« rief aber jetzt auch dieser, tief ergriffen

ihre Hand fassend und an seine Lippen ziehend -- »können Sie uns

verzeihn?«

»Bst Kinder -- keinen Auftritt hier« sagte aber Frau von Kaulitz, rasch

wieder gefaßt, »komm Pauline -- komm, richte Dich auf -- sieh nur die

fremden Leute hier um uns her. Ach bitte William haben Sie die Güte und

sehen Sie nach daß meine Koffer und Hutschachteln hinunter in das Boot

kommen.«

»Ich werde Ihnen das schon besorgen, gnädige Frau« sagte aber der

Capitain freundlich -- »ist das all Ihr Gepäck was hier oben an Deck

steht?«

»Das ist Alles -- halt Steward meine Whistmarken liegen noch unten auf

meinem Waschtisch, in dem kleinen grünen Etui.«

»Hier Jahn -- hier Jacob!« rief der Capitain ein paar seiner Leute an --

»hinunter mit den Sachen da in's Boot -- macht rasch, aber geht mir

vorsichtig damit um -- hier die drei Koffer und die drei, vier, fünf

Schachteln mit den zwei Reisesäcken.«

»Wartet Kinder, meine Marken kommen gleich« sagte Frau von Kaulitz, als

die junge Frau sie unter Thränen lächelnd noch einmal geküßt hatte und

dann mit sich fortziehen wollte -- »apropos William, spielen Sie Whist?«

»Nein liebe Mutter« -- sagte der junge Mann, verlegen lächelnd über die

etwas abgebrochene Frage.

»Kein Whist?« -- rief Frau von Kaulitz, fast erschreckt stehen bleibend

-- »wo bekommen wir denn heute Abend den dritten Mann her? -- Pauline

spielt.«

»Mein Compagnon spielt vortrefflich und wird heute Abend bei uns sein«

sagte ihr Schwiegersohn, jetzt wirklich verlegen.

»Ah, das ist schön!« rief Frau von Kaulitz, sichtlich beruhigt, »und nun

kommt Kinder -- #adieu, adieu#!« sagte sie dabei freundlich ihren

bisherigen Mitpassagieren, von denen sie sich in diesem Augenblick

wahrscheinlich auf immer trennte, zunickend -- »#adieu,#« und von dem

Capitain geführt, der sie, jetzt schon wieder in seinen entsetzlichen

Schwalbenschwanzfrack mit den engen Ärmeln hineingezwängt, sehr artig

bis an die Fallreepstreppe begleitete, verließ sie das Quarterdeck.

Der junge Mann folgte ihr, seine Frau am Arm, die Cajütspassagiere an

denen er vorüberging, freundlich grüßend, als sein Blick auf den, gerade

an Deck kommenden Henkel fiel. Fast unwillkürlich blieb er einen Moment

stehn und sah ihn starr an, wie es oft geschieht daß uns ein Gesicht

plötzlich auffällt, dem wir nicht gleich Namen und Stelle zu geben

wissen in unserem Gedächtniß. Auch Henkel begegnete, wie es schien

ebenso überrascht dem Blick; beide Männer verbeugten sich dann leicht

gegeneinander und der Engländer verließ, seine Frau am Arm das Schiff.

Das Boot stieß ab von Bord, und die beiden Seeleute die es führten

legten sich kräftig in ihre Ruder, waren aber noch keine vier Längen in

den Strom hinausgehalten, als Frau von Kaulitz ein ängstliches _»Halt«_

rief.

»Ach bitte William, ich habe meinen Regenschirm an Bord vergessen!«

Der junge Mann, der am Steuer saß, lenkte den Bug des Bootes rasch

wieder herum dem kaum verlassenen Schiffe zu, an dessen Railing der

Steuermann schon stand und mit einem vergnügten Gesicht -- er war an

derlei gewohnt -- hinunter rief:

»Etwas vergessen, Madame?«

»Meinen Regenschirm -- er steht unten in der Coye -- schwarze Seide mit

Elfenbeingriff« --

»Nun natürlich« lachte der Seemann leise vor sich hin, und rief dann

laut -- »Steward, den Regenschirm von Frau von Kaulitz« --

»Und mein rothsaffian Brillenfutteral muß auch noch unten liegen!« rief

die Dame hinauf.

»Steward -- rothsaffianen Brillenfutteral« repetirte der Steuermann --

»sonst noch etwas, Madame?«

»Nein -- nicht daß ich jetzt wüßte.« --

Die Sachen wurden durch einen Matrosen, der die Fallreepstreppe

niederlief, hinunter gereicht, und das Boot stieß zum zweitenmale ab.

»Liebe Mutter, jener Herr Soldegg, den ich auf dem Quarterdeck fand, ist

doch nicht mit Ihnen von Deutschland, sondern wahrscheinlich erst hier

an Bord gekommen?« frug der junge Mann die alte Dame, als sie wieder

eine kleine Strecke vom Schiff ab waren.

»Soldegg? -- ich weiß nicht« sagte Frau von Kaulitz, »ich kenne die

Zwischendeckspassagiere nicht, und habe den Namen nie gehört.«

»Er sah nicht aus wie ein Zwischendeckspassagier, und stand auch auf dem

Quarterdeck bei den Damen« sagte Bloomfield.

»Soldegg -- Soldegg? -- kenne ich nicht -- vom Land ist aber auch

Niemand herüber gekommen, den Steuerbeamten ausgenommen.«

»Dort drüben steht er, etwas rechts vom Besahnmast -- den meine ich, der

jetzt gerade den Hut aufsetzt.«

Die alte Dame, die ihre Brille noch aufbehalten hatte, drehte den Kopf

dorthin und sagte dann:

»Das ist ein Herr Namens Henkel, der sich eine junge hübsche Frau von

Deutschland geholt hat, aber nicht mit ihr durchgebrannt ist, wie

gewisse Leute.«

»Liebe -- liebe Mutter« bat Pauline, tief erröthend, und die Hand nach

ihr ausstreckend --

»Schon gut, schon gut« lächelte die alte Dame, die Hand ergreifend und

streichelnd --

»_Henkel?_« sagte Bloomfield, dem die eben gesehene Persönlichkeit

selbst in diesem Augenblick nicht aus dem Sinne wollte -- indem er still

vor sich hin mit dem Kopf schüttelte.

»Haben Sie die auffallend schöne junge Frau nicht bemerkt, die mit auf

dem Quarterdeck stand?« frug Frau von Kaulitz.

»Dieselbe die so außerordentlich bleich aussah?«

»Dieselbe -- das ist seine Frau -- aber nehmen Sie sich um Gottes Willen

in Acht. Sie fahren uns ja mitten auf das Schiff hinauf!«

Bloomfield lenkte den Bug des Bootes noch zur rechten Zeit zur Seite,

der Rudernde warf seinen Riemen rasch aus der Dolle, und das schlanke

Boot schoß, den Augen der ihm nachschauenden Passagiere der Haidschnucke

entzogen, zwischen die dort ankernden Schiffe hinein an Land, wo schon

ein leichter eleganter Wagen sie erwartend hielt.

Des Capitains Jölle war indessen ebenfalls auf das Wasser niedergelassen

und bemannt worden, und der Capitain noch einmal in seine Cajüte

gegangen seine Schiffspapiere, die in einer langen, festschließenden

Blechbüchse staken, mitzunehmen, wie Geld und abzugebende Briefe zu sich

zu stecken.

Schon vorher war ein Mauthbeamter an Bord gekommen, der aber die Koffer

der Passagiere, nach flüchtiger Öffnung, passiren ließ. Einwanderern

wird darin viel nachgesehn, und wo nicht durch zu große Massen oder zu

geschäftsmäßige Verpackung gegründeter Verdacht vorliegt daß sich Sachen

zum Verkauf darin vorfinden, läßt man sie keineswegs selten uneröffnet,

oder wenigstens nach ganz oberflächlichem Darüberhingesehn, passiren.

Clara ging, als Frau von Kaulitz das Schiff verlassen hatte, in ihre

Cajüte hinab, wohin ihr, wie des Capitains Boot auf das Wasser

niedergelassen wurde, Henkel folgte.

»Clara« sagte da ihr Gatte mit leiser unterdrückter Stimme, als er den

kleinen Raum betrat -- »ich gehe heut Abend an Land und kehre vielleicht

erst spät, vielleicht erst morgen Früh zurück. Du wirst wohl thun Alles

indeß zu ordnen daß wir das Schiff dann gleich verlassen können -- ich

werde indeß Quartier für uns besorgen.«

Clara hatte ihn ruhig angehört, aber ihr Körper zitterte während er

sprach und sie brauchte Minuten sich soweit zu sammeln daß sie ihm nur

erwidern konnte, dann aber sagte sie mit leiser, doch von innerer

Heftigkeit fast erstickter bebender Stimme, indem sie ihm fest und

entschlossen in das scheu abweichende Auge sah.

»Für uns? für _uns_? -- unsere Bahnen trennen sich hier -- mein Herr

-- ich kenne Sie nicht mehr und _wagen_ Sie es mich zu zwingen.«

»Du bist eine Thörin, Clara« -- sagte Henkel ungeduldig -- »was helfen

Dir die unnützen Reden -- wer soll Dir hier Beschuldigungen, die Du etwa

vorbringen könntest, glauben. Sei vernünftig« setzte er dann ruhig hinzu

-- »laß den wahnsinnigen Verdacht, den Du nun einmal kindischer Weise

gegen mich gefaßt zu haben scheinst, fahren, und füge Dich in das

Unvermeidliche. Du kennst die Amerikanischen Gesetze nicht.«

»Und _Du_ wagst es _mir_ mit dem Gesetz zu drohen?« rief aber jetzt

Clara, in furchtbarer Aufregung selbst den Ort vergessend an dem sie

sich befanden, und wie leicht sie von Anderen in dem belauscht oder

gehört werden konnten was sie sprachen -- »Du zitterst nicht, nur

vor dem Namen des Richters, dem Dein _Kopf_ verfallen wäre, wenn

Gerechtigkeit nicht eine Lüge hieß.«

»Du bist wahnsinnig!« zischte der Mann, in scheuer Furcht daß die

Worte draußen zu dem Ohr eines Dritten gedrungen wären, durch die

zusammengebissenen Zähne -- »ich will Dir Zeit geben Dich zu sammeln;«

und die Thüre öffnend, die er wieder hinter sich ins Schloß drückte,

verließ er rasch die Cajüte. Clara aber blieb wie sie der Gatte

verlassen, die Augen in grimmem Zorn fest auf die Thüre geheftet durch

die er verschwunden, stehn und wollte sich dann umdrehen ihren Sitz

wieder einzunehmen. Die Aufregung jedoch und Alles was das arme Herz

in den letzten Tagen bedrängt und jetzt in furchtbarer Gewalt wieder

über sie hereinbrach, war zu viel für sie gewesen, sie fühlte wie ihr

die Sinne schwanden -- sie wollte rufen, aber vermochte es nicht mehr

-- einen Moment hielt sie sich an der Coye neben der sie stand, aber vor

ihren Augen dunkelte es, die Cajüte drehte sich mit ihr und bleich und

lautlos brach sie ohnmächtig zusammen.

»Nun meine Herren, wer mich begleiten will« sagte der Capitain der

wieder in seinen unbequemsten »geh zu Ufer« Kleidern, mit der »Schraube«

auf dem Kopf an Deck stand und die Arme ausdehnte seinen Ellbogen nur

einigermaßen Luft zu gönnen -- »es ist Alles bereit.«

»Mit dem größten Vergnügen Herr Capitain« rief der Doktor, der, von

Herrn von Benkendroff und dem Professor gefolgt, voransprang, damit

wenigstens nicht auf ihn gewartet würde. Henkel, eine breite Geldtasche

umgehangen stieg langsam nach.

»Aber wo ist Ihre Frau?« rief ihm Hopfgarten nach, »die sollten Sie

doch jedenfalls mit an Land nehmen, und wenn es nur wäre einen kleinen

Spatziergang auf festem Grund und Boden zu machen -- die Landluft würde

ihr auch gewiß gut thun.«

Henkel gab eine ausweichende Antwort, und die Cajütspassagiere

verließen, von ihren Zwischendecks-Reisegefährten beneidet, das Schiff.

Die Nacht war indessen vollständig angebrochen, die Cajütslampe angesteckt

und der Thee für die wenigen zurückgebliebenen Cajütspassagiere, während

Herr Hopfgarten die Honneurs machte, servirt worden.

»Aber Clara fehlt wieder« sagte Marie, von ihrem Sitze aufstehend, und

an die Thür der Freundin tretend, an die sie mit dem Finger klopfte

-- »Clara, der Thee ist servirt, hast Du die Klingel nicht gehört?« --

Keine Antwort.

»Clara -- bist Du wieder krank?« frug das junge Mädchen lauter und

ängstlich -- Alles blieb todtenstill in dem kleinen dunklen Gemach, und

vorsichtig und leise die Thür öffnend stieß sie einen Angstschrei aus,

als sie die Freundin ausgestreckt und besinnungslos auf dem Boden ihrer

Cajüte liegen sah.

Der Schrei machte aber sämmtliche Passagiere von ihren Sitzen

aufspringen und zu ihr eilen, der Steuermann hakte rasch die in der

Cajüte hängende Lampe aus und folgte, und während Marie und Anna die

Ohnmächtige aufhoben, rief Hopfgarten:

»Es ist nur ein Glück daß der Doktor nicht an Bord ist« und sprang, so

schnell er konnte die Cajütstreppe hinauf in das Zwischendeck nieder,

dort den jungen Arzt zu ersuchen einen Augenblick in die Cajüte zu

kommen -- gleichzeitig rief er Hedwig, ihrer Herrin beizustehen.

Die Mädchen hatten indeß die junge Frau auf ihr Bett gelegt, und ihr das

Kleid geöffnet als Georg Donner, von Hopfgarten eingeführt und von

Hedwig gefolgt erschien und durch leichte Mittel die Kranke bald wieder

zu sich brachte. Schwerer aber wurde es ihm zu bestimmen was ihr

eigentlich fehle, denn ihr Blut ging ruhig, von Fieber war keine Spur,

und ihr Blick doch so stier und dann wieder unstät, wie ängstlich und

scheu nach Jemand forschend den sie zu suchen schien; das Antlitz dabei

so todtenbleich, das Auge eingefallen und trüb, daß er zuletzt fast

fürchtete diese Schwäche sei die Vorbotin einer größeren, schwereren

Krankheit, die noch unausgesprochen in ihr ruhe. Er bat sie deshalb sich

für jetzt nur ruhig in ihrem Bette, neben dem Hedwig die Nacht schlafen

sollte, zu verhalten, ihm selber aber zu erlauben sie noch einmal

nach Mitternacht zu besuchen etwaigen, dann vielleicht deutlicher

ausgesprochenen Symptomen rasch begegnen zu können. Die übrige

Gesellschaft ersuchte er die Kranke am Besten sich selber und der

Sorge Hedwigs zu überlassen, und zog sich wieder, nach einem herzlichen

Händedruck Hopfgartens, dem der junge Mann ungemein gefallen, in das

Zwischendeck zurück.

Capitel 3.

An Land.

Die Nacht war still vergangen, die Kranke aber erst mit anbrechender

Dämmerung in einen ruhigen wohlthätigen Schlaf gefallen, in dem sie der

junge Arzt unter keiner Bedingung gestört haben wollte. Dazu hätte es

aber freilich keinen unglückseligern Tag an Bord geben können, wie

gerade heute, wo das Schiff mit Tagesanbruch eben an Land gelegt werden

sollte, und die damit verbundenen Arbeiten das ganze Fahrzeug bis in

den Kiel hinab erschüttern machten. Jedenfalls mußte die Kranke je eher

desto besser, an das Ufer geschafft werden, dort die nöthige Ruhe und

Pflege zu erhalten, wo sich hoffen ließ daß sie sich auch bald erholen

würde, und Georg Donner beschloß deshalb selber mit Herrn Henkel zu

reden, sobald dieser zurück an Bord kommen würde.

Das geschah bald nach Sonnenaufgang und Henkel, der aber sehr ruhig über

den Fall und fest überzeugt schien, daß es als ein leichtes Unwohlsein

bald vorüber gehen würde, versicherte ihn er habe schon ihr Quartier und

Alles in Ordnung gebracht, und gab ihm dabei zu verstehn daß ein sehr

intimer Freund von ihm einer der ausgezeichnetsten Ärzte der Stadt sei,

der, sollte das Unwohlsein wirklich bedeutendere Folgen haben, mit den

klimatischen Verhältnissen hier bekannt, die Kranke bald wieder herstellen

würde. Übrigens dankte er ihm für die seiner Frau geleisteten Dienste

und schien einen Augenblick sogar unschlüssig ob er ihm ein Honorar

dafür anbieten dürfe oder nicht; Donner jedoch, der etwas Ähnliches

fürchten mochte, und zu stolz war seine Hülfe weiter aufzudrängen,

schnitt die Unterredung kurz ab, und rüstete sich jetzt selber so

rasch als möglich das Land betreten zu können.

Nach Amerika! Ein Volksbuch. Dritter Band · 第 3 / 17 段